Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Amy”

Platon und das Ungeziefer (Rewind)

Bekanntlich stammt vom schlauen Herrn Hegel der Satz: „Wahrheit ist das, was der Fall ist und zwar unabhängig von dem, was behauptet wird.“ Und der nicht weniger schlauer Ludwig Wittgenstein ergänzte 150 Jahre später: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Damit war die, sagen wir mal: schöngeistige Philosophie in ihre Sackgasse gerutscht, aus der sie nie mehr herausfand.

Warum erwähne ich das? Nun, ich halte es für Unfug. Ich bin zwar nicht mit Markus Gabriel einer Meinung, dass die Welt allein schon aus rein sophistischen Erwägungen heraus nicht existieren könne(1), aber habe die Erkenntnis gewonnen, dass in der Welt vieles wahr ist und existiert, das eben nicht der Fall, sondern nur ein Un-Fall der Gedanken ist. Die Menschen glauben plötzlich an Dinge und sie beginnen deshalb zu existieren (Die Dinge, nicht die Menschen).

Zu kompliziert? Der Beispiele gibt es viele. Nehmen wir mal die sogenannte Lactose-Intoleranz: Die gibt es nicht wirklich; die hat sich ein findiger Lebensmittelproduzent ausgedacht, um seinem Käse ein Etikett zu verpassen, mit dem er ihn teurer verkaufen kann. Als ich jünger war, hatte jemand vielleicht nach zuviel Essen Blähungen oder Durchfall; heute muss es immer eine Intoleranz oder eine Allergie sein. Oder denken wir an die „Blow ups“ auf den Autobahnen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es sie vor dem heißen Sommer 2013 gab; heuer tauchten sie trotz des eher gemäßigten Wetters schon wieder auf und sind lebensbedrohlich. Und was soll eigentlich der Unfug mit dem „windchill“, der „gefühlten Temperatur“, die sich um ein, zwei Grad von der tatsächlichen unterscheiden soll? Das sind alles Dinge, die irgendwann mal jemand erfunden hat und die erst seit diesem Moment in unserer Welt existieren.

Im folgenden Freitagsaufreger vom 31. Mai 2013 habe ich mich näher mit diesem philosophischen Problem beschäftigt und eine genial einfache Lösung vorgeschlagen. Leider hat niemand auf mich gehört und in diesem Jahr gibt es so viele Zecken wie schon lange nicht mehr…

 *

Platon und das Ungeziefer

Das 21. Jahrhundert hat einige Dinge hervorgebracht, die es in meiner Jugend nicht gab. Niemand konnte sich damals vorstellen, ihm würde einmal eine durchgedrehte Konsumindustrie künstliche Sachen wie Smartphones, Fahrradhelme, „tunnels“ für die Ohren oder Daniela Katzenberger als überlebensnotwendig vorgaukeln.

Doch ich will nicht von aus Geldgier erzeugten Gelüsten nach unnötigen Objekten reden, denn das würde den Rahmen eines Freitagsaufregers sprengen, sondern von einem unscheinbaren Tierchen, das es früher offenbar ebenfalls nicht gab. Zumindest kann ich mich nicht erinnern:

Ich rede von der Zecke, einer – dies für den Biologen in der Familie – Parasitiforma der Acari mit dem Gattungsnamen Ixodida. Das klingt nicht nur nach billiger SF: Ich habe meine Kindheit durch Gebüsche und Sträucher kriechend, auf Bäume kletternd und durch Wiesen rollend verbracht, musste hinter meinem wanderbegeisterten Vater hertrottend Wälder und Moore durchqueren und Berge erklimmen und fand anschließend nie solch ein Insekt in meinen Hautfalten – man hatte vielleicht mal davon gehört, dass es so etwas gab, aber im Großen und Ganzen war die Zecke ein Fabelwesen wie das Einhorn.

Plötzlich, vor ungefähr zehn Jahren, änderte sich alles: Den Frühlingsbeginn markierte nicht mehr die Kirschblüte oder der Osterplärrer, sondern Warnartikel über nie gehörte Krankheiten wie Borreliose oder FSME in den Zeitungen, aufwändige Karten über sich immer weiter ausbreitende Risikogebiete und eine Vielzahl widersprüchlicher Anleitungen, wie man die Blutsauger entfernt, ohne sie zu köpfen. Dann ging es Schlag auf Schlag. Mit einem Mal kamen die Söhne mit Zecken vom Spielplatz und die Schwiegermutter aus ihrem Garten, Autan wurde noch giftiger und stinkender, die Apotheker verkauften Zeckenzangen und es wurde empfohlen, nicht mit kurzen Hosen zu wandern und keinen Urlaub mehr östlich von München zu machen.

Und jetzt bringt Amy (meine Katze, man erinnert sich) von ihren Ausflügen in die Natur in schöner Regelmäßigkeit dieses possierliche Ungeziefer mit ins Haus. Meist hängt die eklige Ixodida wie ein Vampir an ihrer Kehle, genau an der Stelle, wo sie am liebsten gekrault wird. Frau Klammerle bekommt in ebenso schöner Regelmäßigkeit hysterische Anfälle, bis ich Held die nur mäßig begeisterte Katze von ihrem Quälgeist mit Hilfe einer Zange befreit habe und das Insekt zerquetscht und als blutige Masse in der Toilette entsorgt wurde. Gegen Flöhe und Würmer kann ich Amy impfen, gegen Zecken hilft nichts…

Deshalb:

Können wir nicht wieder wie im letzten Jahrhundert die Zecken einfach Zecken sein und aus dem kollektiven Gedächnis verschwinden lassen? Wie die Katzenberger existieren Zecken laut Platon nur, solange die Idee der Zecke (oder die Idee der Katzenberger) existiert. Die Zecke ist die Manifestierung der Idee der Zecke. Vergessen wir diesen εἶδος, endet auch die Existenz dieses Ungeziefers und ich kann weiterhin ohne Fahrradhelm durch die Gegend radeln und ruhig und ausgeglichen durchs Fernsehprogramm zappen…

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen - und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist - hänge ich ein in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen sinnfreies Foto von einem leicht entspannten Hund ohne Zecken an, das ich im Urlaub gemacht habe.

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen – und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist – hänge ich ein in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen sinnfreies Foto von einem tiefenentspannten Hund mutmaßlich ohne Zecken an, dem alle philosophischen Gedanken an der Schwanzspitze vorbeigehen.

———————–

[1] Markus GabrielWarum es die Welt nicht gibt. (ullstein 2013). Deutschlands jüngster Philosophieprofessor und Mitbegründer des „Neuen Realismus“ führt in diesem Buch aus, dass die Welt nicht existieren kann, weil das „Begriffsfeld“ Welt impliziert, dass es buchstäblich „alles“ in sich birgt – also auch „Die Welt“ selbst. Das aber gehe nicht. Die Welt könne nicht sich selbst in sich tragen, das sei wie der Versuch, zwei gleichgroße Koffer ineinander zu packen. Folglich könne es keine Welt geben.

Man sieht: Man muss Gabriels Buch nicht gelesen haben. Es ist höherer, nicht einmal sonderlich unterhaltsamer Unfug, an dem sich vielleicht noch Zenon von Elea erfreut hätte. Schon lange habe ich niemanden mehr gelesen, der so frech und stolz des Kaisers Neue Kleider spazieren führt wie Markus Gabriel.

Meine eigene Dummheit (Rewind) oder: Wie schnell doch so ein Jahr vergeht…

Da mir heute endlich die Handwerker mit einer neuen Tür ins Haus gefallen sind (kaum drei Monate darauf gewartet…) und gerade mit viel Lärm und metallisch beißendem Gestank das alte Aluminiummonstrum aus seinem Rahmen fräsen, fehlt mir heute die Muse (Muße?) und Ruhe, einen neuen Artikel zu schreiben. Deshalb gibt es heute Aufgewärmtes, einen „Freitagsaufreger“ vom 07. Juni des letzten Jahres, in dem ich erläuterte, wie es dazu kam, dass ich eine neue Haustüre benötigte, weil ich die alte in einem Akt von unfreiwilligem Vandalismus irreparabel beschädigte und meine Katze endlich einen eigenen Eingang braucht. Im Moment stellt sie sich noch jammernd und kratzend vor eine Tür, wenn sie rein und raus will und das soll anders werden.

Amy (die Katze) trägt inzwischen einen in den Nacken implantierten Chip, der einen Code aussendet, der sie für PETA und die NSA überall auffindbar macht und mit dessen Funkwellen sich die Katzenklappe automatisch für sie öffnet.  Wie das Ganze funktioniert, habe ich nicht vollkommen verstanden; es ist eine moderne Form des all inclusive-Armbändchens. Es soll nämlich nur Amy (und die diversen Mitbringsel, die sie dabei hat) ins Haus an ihr Futter und ihren bequemen Schlafplatz lassen und nicht irgendeine andere Katze, von denen in der Gegend einige herumspazieren. Auch Marder und Waschbären sollen draußenbleiben.

Jetzt muss Amy nur noch kapieren, dass sie durch die schmale Klappe ins Haus kann. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Tagen meine Freizeit vor der Öffnung gekauert verbringen und mit der heißgeliebten Katzen-Bifiwurst wedeln, um sie zu locken. Denn ich will demnächst mit Frau Klammerle in den wohlverdienten Urlaub fahren und dann soll Amy allein ein- und ausgehen können und mutig das Haus bewachen.

Amy7

Wird diese Katze clever genug sein, die Sache mit der Klappe zu verstehen?

Wir werden sehen und ich werde demnächst hier darüber berichten. Meine alte Tür wird übrigens in mein privates DOOR-ART-Museum im Keller kommen, in dem ich schon diverse Schranktüren, eine alte gußeiserne Ofentür, eine kaputte Küchen-, und eine überflüssige Wohnzimmertür exponiere. Es ist zwar etwas eng, aber diverse alte Stühle und anderer Sperrmüll sorgen dort für Gemütlichkeit.

Aber nun zum Freitagsaufreger:

*

Meine eigene Dummheit.

Sie ist manchmal grenzenlos. Ich will nicht viele Beweise anführen, um diese These zu verifizieren, denn ich möchte heute für diesen Artikel nicht die Proust-Medaille für ausschweifendes Erzählen erhalten. Fremdschämen und Schadenfreude sind nur als Fast-Food bekömmlich. Außerdem ist mir das alles wirklich peinlich und ich will niemanden mit sattsam Bekanntem belästigen – denn jeder kennt die Dummheit aus eigener Anschauung.

Ich folge hier einem Themenvorschlag von Frau Klammerle, ich solle doch mal über meine geistigen Unzulänglichkeiten schreiben.

Nehmen wir daher nur einmal die letzten Tage. Vorgestern entschloss ich mich unter konsequenter Umgehung des Gehirns spontan, alle Regeln des örtlichen GUV zu missachten und schnell mal mit der Standbohrmaschine ein Loch in einen Metallstreifen zu bohren, ohne diesen im Maschinenschraubstock vorher gesichert zu haben – tausendmal gemacht: Nie ist etwas passiert. Selbstverständlich wurde mir das Metall diesmal aus der Hand gerissen, rotierte mit 1650 rpm wie ein Hubschrauberrotor um den Bohrer. Seither kann ich nur noch mit den Fingern der rechten Hand tippen, da von den linken ein paar entscheidende Teile weggesäbelt wurden (Ich verzichte auf eine Illustration).

Gestern Vormittag nun ging ich frohgemut aus dem Haus – Pflaster kaufen und in die Arbeit fahren – und zog die Tür hinter mir zu. Sie ahnen es schon: Ich hatte mich selbst ausgesperrt. Der Sohn war in der mündlichen Prüfung, die Frau in der Arbeit, ein Handy besitze ich aus Prinzip nicht und ein dringender Termin wartete ungeduldig. Deshalb bin ich bei mir selbst eingebrochen. Ich versuchte es zumindest. Die Zahl der Einbruchsdiebstähle ist in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen, 140.000 Brüche im Jahr, aber wann ist schon ein Einbrecher in der Nähe, wenn man mal einen braucht?

Nach einer schweißtreibenden Weile (ja, der Sommer ist zurückgekehrt) gelang es mir, das Blech am alten Briefkastenschlitz mit Hilfe eines Besenstiels ein stückweit wegzubiegen, damit ich durch dessen Öffnung nach innen langen konnte. Was erzähle ich noch: Der Schlitz war zu klein, die Finger steckten fest – natürlich (ja, natürlich) die der linken Hand, deren Wunden wieder aufplatzten und in die Wohnung bluteten. Inzwischen standen auch schon zwei besorgte Nachbarn parat und hatten gute Ratschläge; in meiner Wohngegend macht man nie etwas unbeaufsichtigt. Deshalb wird hier auch wahrscheinlich auch so selten eingebrochen.

Dann öffnete die Nachbarin von Nebenan ihre  Tür, beunruhigt wegen des Lärms bei mir. Als ich ihr meine Lage schilderte, fragte sie erstaunt, warum ich nicht meinen Hausschlüssel benutzen wolle, den ihr Frau Klammerle für solche Fälle zum Aufbewahren überreicht habe.

Genug!

Unsere alte, hässliche Alu-Türe, die Winters innen eine Eisschicht bildet und sich im Sommer so verzieht, dass man sie mit einem Ruck aufstemmen muss, schließt nach meinem dilettantischen Heist-Movie noch immer hervorragend, aber sie ist leicht lädiert und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, sie demnächst durch eine neue Tür zu ersetzen; am Besten gleich eine mit Katzenklappe, damit Amy ihr halblebendiges Spielzeug mit in die Wohnung nehmen kann.

Dabei ist mir aber die Idee zu einer neuen Kunstrichtung gekommen:

DOOR-ART!

Man braucht außer dem Medium (der Tür) nur noch einen stabilen Besenstiel, eine vom Nachbarn entliehene Kombizange und eine angstfreie, schmerzresistente Künstlerseele und kann interessante Kunstwerke mit einer Botschaft gestalten (paint it bloody red, Türen, die trennen, ein- und ausgrenzen, Knockin‘ on Klammers door, die Grenzen überwinden, das Nord-Süd-Gefälle, der Mann als Irrtum der Natur, doorway to heaven usw., usf. Mir schwirrt der Kopf vor Ideen!) – und das Ganze an der eigenen Haustüre. DOOR-ART! Die Kunst kehrt heim.

doorart

Der Freitagsaufreger (IV): Die Genderwissenschaften und die Rasenmäher

Die Genderwissenschaften und die Rasenmäher

Keine Angst, ich will nicht erneut den geplünderten Acker nach ein paar vergessenen, halbverfaulten Feldfrüchten durchgraben, aus dem Harald Martenstein mindestens einmal in der Woche die Kartoffeln für seine Kolumnen holt. Das heißt, eigentlich wollte ich es schon und mich über die Gleichmacherei durch den Gender-Nonsense und die sprachlichen Auswüchse der politcal correctness erregen – das wäre ein Thema für den Freitagsaufreger!
Nachdem ich mich mit Herrn Martensteins Artikel über die Genderwissenschaften aus der vorletzten ZEIT warmgelesen hatte, trat ich gestern abend mit diesem Ziel und mit Schreibblock und spitzem Stift bewaffnet hinaus auf meine Terrasse, um im Schatten meines Kirschbaumes ein paar natürlich exquisite Gedanken zum Thema festzuhalten, die ich dann in stupendem und humorvollem Stil auf diesem Blog „veröffentlichen“ wollte.

Doch dazu kam es nicht. Nach Wochen des Dauerregens warf endlich eine echte Sommersonne ihre warmen Strahlen in das mein gemütliches Gartenrechteck. Der Sohn der Familie, die rechts hinter der hohen Tujahecke wohnte, hatte endlich die Vergeblichkeit seines Tuns eingesehen und aufgehört, bei geöffnetem Fenster seiner neuen, nach einem Nebelhorn klingenden Klarinette „Etüden“ genannte Geräusche zu entlocken und nur das abgehobene Pfeifen der Schwalben klang noch sehnsuchtsvoll an mein Ohr. Ich entschied mich – von Natur eher kein Peripatetiker – für die Gartenliege als inspirierenden Ort, an dem ich die hoffentlich reichlich fließenden Gedanken zu Papier bringen wollte. Zufällig war die Katze unterwegs und hatte ihre Liege freigegeben – das musste ausgenutzt werden. Ich warf noch einen prüfenden Blick auf den Rasen. Seine Höhe war beachtlich, aber ich entschied, dass er noch ein wenig länger auf den modischen Kurzhaarschnitt warten konnte, zumal die Gänseblümchen zwischen den Grashalmen in voller Blüte standen.

Mein Nachbar dachte vollkommen anders: Kaum lag ich und griff Virginia Woolfes Frage auf, warum Shakespeares Schwester mit ihren nach Frühstücksaufstrichen klingenden Dramen „Hamlätta“ und „Nothella“ keinen Erfolg hatte, da ertönte das laute Knattern seines Elektrorasenmähers an meinem Ohr. An Inspiration und Konzentration war nicht mehr zu denken, ich legte daher mein Notizbuch weg und schloss die Augen, versuchte mich an das Brummen des Motors zu gewöhnen, was nicht einfach war, da er immer wieder aussetzte und von Neuem gestartet werden musste. Meine Gedanken vermischten sich und ich stellte mir die Frage, warum so viele Haushalts- und Gartengeräte einen männlichen Artikel haben. Das ist aber icht fair den Frauen gegenüber – zumindest die Küchenmaschinen sollten doch einen femininen Artikel erhalten! Das wär ein Zeichen von Emanzipation. Warum gibt es keine Herdin, keine Handrührstäbin oder eine Toastin? Darüber sollte ich mal schreiben – auch über die das Geräusch einer wütenden Hornisse erzeugende Rasentrimmerin, mit der mein Nachbar nun das Gras an den Kanten nachfeilte.

Die Rasenflächen in der Reihenhaussiedlung sind nicht groß, deshalb war dieser Nachbar schnell fertig. Aber er hatte den Startschuss gegeben. Der Mensch ist ein Herdentier: Der erste Mäher ist der Leitbulle und die andern trotten hinterher. Denn kaum war die erste Rasenmäherin verstummt, begann es beim Nachbarn auf der anderen Seite. Er nennt allerdings ein Benzingerät sein eigen, das erst nach vielen vergeblichen Versuchen in die Gänge kam: Starter umlegen, Kupplung fassen und mit Schwung am knarzenden Seilzug zerren, der Motor rattert kurz, heult auf, stirbt ab. Der Bowdenzug rasselt zurück in seine Aufwicklung. Nach etwa zwanzig Versuchen legte die Motorin dann überraschenderweise doch los, lautstark knatternd und feucht stotternd, von einer stinkenden Dieselwolke umgeben, die über meinen Garten zog und den Sommerabend eintrübte.

Meine Gedanken hinter den fest zugekiffenen Augen waren inzwischen wieder bei der Dichtung angelangt: Es kann doch nicht sein, dass die wichtigsten Werke der Weltliteratur von Männern geschrieben wurden und Männertitel haben. Da muss man etwas tun, wenn ja bereits alle Universitätslehrer „Professorin“ heißen und ich bei Facebook als „Freundin“ tituliert werde. Also, Frau Dostojewskaja schuf „Die Idiotin“, Hermine Melville – „Molly Dick“, Johanna von Goethe: „Die Fäustin“… Darüber sollte ich mal schreiben, wenn mich der apokalyptische Lärm um herum nicht daran hindern würde.

Das Allgemeine Deutsche Kleingartenrasenmähervereinsmitglied ist kein Teamplayer, er ist Solist aus Leidenschaft. Einer nach dem anderen aus meiner näheren und weiteren Nachbarschaft legte sich jetzt mächtig ins Zeug, startete mit seiner Rasenkürzung aber erst, wenn der andere fertig war. Man nahm Rücksicht aufeinander, denn jeder wollte seine zehn Minuten Exklusivität. Und so setzte sich das langsam immer leiser und ferner klingende Brummen fort und überzog den ersten schönen Abend seit Wochen mit einer Smogwolke aus Lärm und Abgasen. Der letzte Aufrechte konnte seinen Rasenschnitt erst beim Dunkelwerden mit einer Helmlampe auf dem Kopf beginnen. Das war die Zeit, in der ich aus unruhigen Träumen über die Frage, ob das Wort „Landsmännin“ politisch korrekt ist, erwachte und keinen faszinierenden Artikel über die Genderwissenschaft geschrieben hatte.

Da ging ich ins Haus und stellte ich meinen Wecker auf 06:00 Uhr. Denn morgen bin ich der, der als Erster mäht!

Der Freitagsaufreger (II): Platon und das Ungeziefer

Platon und das Ungeziefer

Das 21. Jahrhundert hat einige Dinge hervorgebracht, die es in meiner Jugend nicht gab. Niemand konnte sich damals vorstellen, ihm würde einmal eine durchgedrehte Konsumindustrie künstliche Sachen wie Smartphones, Fahrradhelme, „tunnels“ für die Ohren oder Daniela Katzenberger als überlebensnotwendig vorgaukeln.
Doch ich will nicht von aus Geldgier erzeugten Gelüsten nach unnötigen Objekten reden, denn das würde den Rahmen eines Freitagabend-Aufregers sprengen, sondern von einem unscheinbaren Tierchen, das es früher offenbar ebenfalls nicht gab. Zumindest kann ich mich nicht erinnern:
Ich rede von der Zecke, einer – dies für den Biologen in der Familie – Parasitiforma der Acari mit dem Gattungsnamen Ixodida. Das klingt nicht nur nach billiger SF: Ich habe meine Kindheit durch Gebüsche und Sträucher kriechend, auf Bäume kletternd und durch Wiesen rollend verbracht, musste hinter meinem wanderbegeisterten Vater hertrottend Wälder und Moore durchqueren und Berge erklimmen und fand anschließend nie solch ein Insekt in meinen Hautfalten – man hatte vielleicht mal davon gehört, dass es so etwas gab, aber im Großen und Ganzen war die Zecke ein Fabelwesen wie das Einhorn.
Plötzlich, vor ungefähr zehn Jahren, änderte sich alles: Den Frühlingsbeginn markierte nicht mehr die Kirschblüte oder der Osterplärrer, sondern Warnartikel über nie gehörte Krankheiten wie Borreliose oder FSME in den Zeitungen, aufwändige Karten über sich immer weiter ausbreitende Risikogebiete und eine Vielzahl widersprüchlicher Anleitungen, wie man die Blutsauger entfernt, ohne sie zu köpfen.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Mit einem Mal kamen die Söhne mit Zecken vom Spielplatz und die Schwiegermutter aus ihrem Garten, Autan wurde noch giftiger und stinkender, die Apotheker verkauften Zeckenzangen und es wurde empfohlen, nicht mit kurzen Hosen zu wandern und keinen Urlaub mehr östlich von München zu machen.
Und jetzt bringt Amy (meine Katze, man erinnert sich) von ihren Ausflügen in die Natur in schöner Regelmäßigkeit dieses possierliche Ungeziefer mit ins Haus. Meist hängt die Ixodida wie ein Vampir an ihrer Kehle, genau an der Stelle, wo sie am liebsten gekrault wird. Frau Klammerle bekommt in ebenso schöner Regelmäßigkeit hysterische Anfälle, bis ich Held die nur mäßig begeisterte Katze von ihrem Quälgeist mit Hilfe einer Zange befreit habe und das Insekt zerquetscht und blutig entsorgt wurde. Gegen Flöhe und Würmer kann ich Amy impfen, gegen Zecken hilft nichts…

Deshalb:

Können wir nicht wieder wie im letzten Jahrhundert die Zecken einfach Zecken sein und aus dem kollektiven Gedächnis verschwinden lassen? Wie die Katzenberger existieren Zecken laut Platon nur, solange die Idee der Zecke (oder die Idee der Katzenberger) existiert. Die Zecke ist die Manifestierung der Idee der Zecke. Vergessen wir diesen εἶδος, endet auch die Existenz dieses Ungeziefers und ich kann weiterhin ohne Fahrradhelm durch die Gegend radeln und ruhig durchs Fernsehprogramm zappen…

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen - und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist - hänge ich ein in diesem Zusammenhang zugegebenermaßen sinnfreies Foto von einem leicht entspannten Hund ohne Zecken an, das ich im Urlaub gemacht habe.

Kein Bild einer Zecke, das war mir zu eklig. Stattdessen – und weil Herrn Heun in diesem Blog zu oft von Katzen die Rede ist – hänge ich ein  Foto von einem tiefenentspannten Hund ohne Zecken an, das ich im Urlaub gemacht habe.

Das Katzenrätsel

Ich darf vorstellen:

Amy1Dieser extrem schwer zu fotografierende schwarz-weiße Fellball ist meine Katze ‚Amy‘. Wie bei vielen Beziehungen meines Lebens habe nicht ich mich für Amy entschieden, sondern sie sich für mich – irgendwann im Winter vor zwei Jahren stand sie vor meiner Terrassentür und ist seitdem geblieben (Ihrem Vorbesitzer, dem sie auch ihren Namen verdankt, hat das nicht sehr gefallen).

Ich will ein andermal auf die komplizierten Lebensgemeinschaften von Autoren und ihren Katzen eingehen – tatsächlich haben überdurchschnittlich viele Schriftsteller diese eigenwilligen Samtpfoten in Untermiete. Mich interessiert gerade ein anderes Phänomen, dem ich einfach nicht auf die Schliche komme.

Amy hat einen beachtlichen Freiheitsdrang. Wenn Sie nicht bei mir ruht (zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag – am liebsten auf meinem Bürostuhl oder im Bett von Frau Klammerle), dann streunert sie durch die Gärten und Ställe der Nachbarn und schleppt allerlei kleine tote Dinge an.

Heute nacht nun erwischte sie ein überraschendes und heftiges Gewitter. In der Folge kratzte eine nasse und frierende Katze an meiner Balkontür im ersten Stock. Obwohl Amy nachts immer diesen Weg in die Wohnung sucht, weiß ich bis heute nicht, wie es ihr gelingt, auf diesen Balkon zu klettern. Ich habe sie noch nie dabei beobachet.

Ich erbarmte mich also und rubbelte die Katze mit dem Handtuch, auf dem sie auf dem Foto im Bett meiner Frau liegt, trocken. Dabei fiel es mir wieder auf: Katzen riechen nicht. Wenn ich da an nasse Hunde denke oder auch an große, trockene und sabbernde Bernhardiner, an Hausgetier, Geflügel, Kühe, Schweine gar, deren Geruch noch nach Jahren in den Ställen hängt, an Kaninchen, Mäuse und sogar Fische im Aquarium – alle riechen, viele stinken. Der Zoo – besonders auch die Groß- und Wildkatzen – alles müffelt streng. Wir leben in einer Welt der Gerüche, in der der Duft einer Madeleine einen Roman von 5000 Seiten auslösen kann. Und der Mensch selbst? Morgens vor dem Aufstehen? Beweisführung beendet.

Warum also eine gewöhnliche Hauskatze nicht? Sie selbst ist vollkommen ohne Geruch (Was man leider vom Katzenklo nicht sagen kann). Oh, Amy liebt Düfte, an Pflanzen und Blumen schnuppern ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Im Winter bringt sie an besonderen Tagen mit ihrem Fell etwas Kälte und Schneegeruch ins Haus, jetzt, im Sommer dünstet sie manchmal etwas Sonne aus – das ist aber auch schon alles.

Gibt es da draußen einen Biologen, der mir das erklären kann? Mein Sohn Simon, ein angehender Mikro-Biologe, hat auf meine Fragen nur mitleidig mit den Achseln gezuckt und etwas von „Anpassung“ und „Evolution“ gemurmelt, zwei Wörter, die immer passen.

Aber vielleicht muss es Fragen geben, auf die es keine Antwort gibt. Amy jedenfalls – so habe ich den Eindruck – lächelt manchmal wissend im Schlaf.

Ach, ja: Amy hört auch gern Musik: http://bandcamp.com/haraldkrodel

Beitragsnavigation