Aber ein Traum …

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Archiv für das Schlagwort “Am Wegesrand”

Am Wegesrand (XX)

Na, toll. Über Nacht ist der Winter in mein Dorf zurückgekehrt.

Ich empfinde das als einen direkten Angriff auf mich selbst. Warum bin ich eigentlich nicht auf Madeira geblieben? Mein Herz blutet, während ich Tee aufsetze und den Ofen anheize.

Auf der anderen Seite: Heute zahlte sich mal wieder meine Faulheit aus, die mich bisher erfolgreich daran hinderte, die Reifen am Auto zu wechseln. Ich war wahrscheinlich der einzige, der heute Morgen mit Winterreifen herumfuhr. Und die kleine Fotografenseele in mir freut sich über die gelungenen und paradoxen Bilder, die ich bei Sonnenaufgang in meinem Garten machte, bis mich der Frost wieder ins Haus trieb.

Die Kirschernte fällt in diesem Jahr wahrscheinlich aus.

April is a cruel time …

Am Wegesrand: Ein Spaziergang in den Februar

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Die Altwasser-Gehölze an den vom Tauwetter schlammigen und überschwemmten Schmutterwiesen sind noch kahl und kraftlos. Die Farben der Natur sind von dem eisigen Januar ausgewaschen, erschöpft, fahl. An schattigen Orten klammert sich hartnäckig vereister Firnis am Boden fest.

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Das Eis des versteckten Weiher inmitten der sich seit Jahrzehnten selbst überlassenen Schonung hat die Farbe von geronnener Milch. Darüber kämpft eine bleiche Sonne halbherzig mit den Wolkenschleiern. Ab und an färbt sich der Himmel hellblau und eine Ahnung von Frühjahr senkt sich wie ein feiner Geruch durch die Luft herab und liegt wie Tau auf der würzigen Erde.

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Glaube mir, dieser Winter, vielleicht gewinnt er noch die eine oder andere Schlacht, aber den Krieg gegen den Frühling, den hat er längst verloren.

Am Wegesrand (XIX)

Dies wird wohl eine neue Rubrik in meinem Blog:
Nikolaus sucht die Originalschauplätze von Romanen der Weltliteratur auf und irrt dort verloren umher..
Heute Teil 1:
Ingolstadt
Gestern nachmittag wurde ich von Frau Klammerle auf ihre unnachahmlich Weise, die eiserne Beharrlichkeit und Liebenswürdigkeit so miteinander vereint, dass ich zu der Auffassung gelange, es wäre meine eigene geniale Idee, von der Arbeit meinem Schreibtisch weggerissen. Normalerweise darf sie mich nur stören, wenn das Haus brennt, Zombies im Garten wüten oder das Abendessen fertig ist. Doch sie wollte mich unbedingt nach Ingolstadt entführen, wo sich gerade Sohn Nr. 1 auf Geschäftsreise aufhält und sich ein wenig einsam fühlt. Ich konnte Frau Klammerle nach den Erfahrungen bei IKEA am Wochenende (siehe hier: Andere Welten: IKEA) zumindest dazu überreden, nicht beim Ingolstadt Village Designer Outlet Halt zu machen, sondern gleich den historischen Mittelpunkt der alten Festungsstadt aufzusuchen.
Ich gebe es zu: Dort war ich erst ein einziges Mal vor zehn Jahren auf der Durchreise und ich wollte eigentlich nie wieder hin. Mein Vorurteil hat sich bestätigt: Es ist dort alles sehr aufgeräumt, übersichtlich, eisig kalt, merkwürdig provinziell, stur und … was soll ich sagen, halt oberbayerisch. Es passt sehr gut zum Bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer, dass er dort geboren ist.
Merkwürdig fand ich, dass ich in dieser nicht allzu großen Altstadt so viele griechische Lokale auf einem Haufen gesehen habe und tatsächlich in zwei Traditionscafés nicht bedient wurde und nach längerem vergeblichen Warten gehen musste. Ingolstadt scheint noch eine Servicewüste zu sein. Gegessen haben wir dann bei einem flinken und geschäftstüchtigen Italiener, dort gab es auch anständigen Espresso.

Welcher berühmte englische Roman denn nun zu großen Teilen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Ingolstadt und wohl nicht von ungefähr im Eismeer des Nordpols spielt? Ratet doch mal. Als Hinweis gibt es hier einen Smartphone-Schnappschuss meiner Frau, der, von einem in der Donauniederung gut beobachtbaren, „Supermond“ beleuchtet – genau die Stimmung einfängt, die in dem Roman vorherrscht, den manche als den ersten Science-Fiction-Roman bezeichnen.

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Das Ingolstätter Schloss

Übrigens ist Ingolstadt auch Handlungsort des einzigen Romanes von Marielouise Fleißer, die hier 60 Jahre lebte: Pioniere in Ingolstadt. Auch die Illuminatus!-Reihe von Shea und Wilson – wen wundert es jetzt noch – spielt in weiten Teilen in einem allerdings imaginierten Ingolstadt.

Und nun war ich unbemerkt ebenfalls hier, auch wenn nie ein Roman von mir hier spielen wird.

Am Wegesrand (XVIII) – Kurz in Tübingen

Frau Klammerle und ich waren über das Wochenende im tiefsten Schwaben, um unserem Sohn Nr. 1, der im provinziellen und leicht muffigen Tübingen seinen Master in Mikrobiologie machte und allhier seine erste Stelle antrat, ein Carepaket zu überbringen, da ihn seine erste Woche im echten Arbeitsleben doch recht mitgenommen hat. Das pfahlbürgerliche Städtchen zeigte sich dabei zumindest vom Wetter her betrachtet von seiner besten Seite.

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Frau Klammerle hat ein Händchen für Postkartenmotive, die sie begeistert mit ihrem Smartphone einfängt und über WhatsApp mit aller Welt teilt. Seit jedoch ein hartnäckiger Fettfleck auf der Linse ihrer Kamera klebt, geraten sie ihr immer etwas kitschig und sehen ein wenig nach Standbildern aus dem Film Bilitis aus. Im Hintergrund, hinter Stocherkahn und Neckararm, ist übrigens der kleine Turm zu erkennen, in dem Hölderlin bis zu seinem Tod 35 Jahre lange Jahre in geistiger Umnachtung  hauste.

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Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
    Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
        Auch da mein Neckar nicht mit seinen
            Lieblichen Wiesen und Uferweiden.
(aus: Hölderlin, Neckar)

Im Übrigen gelingt es mir nur selten, Frau Klammerle davon zu überzeugen, ihre Landschaftsaufnahmen im Querformat zu machen, sie knipst in aller Regel hochkant.

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Da die Nächte schon empfindlich kalt sind und die japanischen Touristen längst in ihren Hotels, die Erstis sich noch nicht aus ihren WG’s trauen und die älteren Semester sich in den wenigen Altstadtkneipen frierend aneinander kuscheln und übereinander stapeln, ist Tübingen nach Sonnenuntergang geradezu gespenstisch leer. Viel Fachwerk gibt es dann ganz unverstellt von Menschentrauben zu bestaunen – ganz putzig, wenn man das mag – und man hat ständig das Gefühl, Ludwig Uhland und Wilhelm Hauff treten gleich Arm in Arm aus der nächsten Weinstube.

Wer nicht auf Studenten-Fastfood, Maultäschle oder Linsen mit Spätzle steht, der tut sich in der kulinarisch etwas zurück gebliebenen Region übrigens recht schwer, besonders, wenn er wie ich Vegetarier ist. Auch die Unterkünfte haben den etwas schimmlig-eichenrustikale Flair der Achtziger Jahre, in denen sie entstanden und seitdem nicht mehr renoviert wurden.

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Im Übrigen entsteht doch trotz schöner Buchhandlungen der Eindruck, dass Trollinger und „Schwäbischer Whisky“ nicht gerade zur Rechtschreibsicherheit der Tübinger Händler beitragen.

Ich glaube, ich werde in der nächsten Zeit noch häufiger nach Tübingen fahren …

Am Wegesrand (XVII): Mosel abwärts

Mein Argument war schwach, aber es kam von Herzen:

„Aber … Italien!“

Doch Frau Klammerle blieb hart:

„In diesem Jahr machen wir Urlaub in Deutschland.“

Punkt. Und zwar nördlich der Donau; in jenen von der römischen Kultur unberührten und barbarischen Landschaften jenseits des Limes, die ich nur betrete, wenn ich dazu gezwungen werde. Nicht nur geografisch liegen mir die Alpenländer und Rom viel näher – auch klimatisch, kulinarisch, literarisch, landschaftlich und – nicht zuletzt – seelisch.

Dort hinauf will ich eigentlich nicht, in die kalten, düsteren Wälder des Nordens, in die schwindsüchtigen Mittelgebirgslandschaften, von denen ich mich schon als Kind weigerte, ihre Namen auswendig zu lernen und in einer Landkarte des Erdkundelehrers einzuzeichnen. Ich möchte nicht zu den armen Verwandten jenseits des alten Eisernen Vorhangs – mein Soli reicht. Nichts zieht mich an die Ufer des mare hibernicum, wo nur die Tageslänge den Winter vom verregneten Sommer unterscheidet, wo mein Humor und meine Aussprache des Deutschen fassungsloses Unverständnis unter den Eingeborenen auslösen. Dort bin ich fremd, ein Alien, ein zwar prosperierter, aber doch heimatverlorener, wurzelloser Migrant. Nein, ich kann nichts mit dem rheinischen Frohsinn, mit der Berliner Schnauze und der Hamburger Arroganz anfangen, nichts mit der sächsischen Mundart und nichts mit Wattwandern und Reformation. Ich will nicht an Orte, die Bielefeld, Brunsbüttel, Husedom oder Puttbus heißen – doch genau in letzterem werden wir im Herbst Urlaub machen: Zuerst fahren wir nach Wittenberg, dann erkunden wir eine Woche die Ostseeinsel Rügen, auf dem Rückweg verbringen wir jeweils ein paar Tage am Müritzsee und in Berlin. Das ist alles schon von Frau Klammerle gebucht und organisiert.

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Wir hatten keine Reifenpanne. Nein, wir trugen keine Helme und auch keine gepolsterten Radlerhosen. Ein wenig Selbstachtung habe ich mir auch im Alter bewahrt.

Da Frau Klammerle meine Abneigungen sattsam kennt, läutete sie unseren „deutschen Sommer“ an Pfingsten mit einer homöopathischen Dosis ein: Wir radelten in sechs Tagen die Mosel hinab bis Koblenz, in Etappen von 40 – 50 km täglich. Das sind bei den gut ausgebauten, ebenen Radwegen links und rechts der fruchtbaren Mosel nur appetitanregende Halbtagesetappen, die noch genug Zeit lassen, die Ortschaften am Wegesrand zu erkunden und Burgruinen zu erklimmen. Trotz meiner Unkenrufe in den Wochen vorher war das Wetter zwar kühl, aber amorph und fahrradtourentauglich. Nur einmal benötigten wir kurz  unsere Regenkleidung. Bequem wie wir sind, ließen wir uns unser Gepäck von Hotel zu Hotel transportieren und stapelten es nicht auf die Gepäckträger. Wir begannen die gemütliche Fahrt in Trier, einem Ort, der sich zumindest ein wenig von seiner alten römischen Kultur bewahrt hat, auch wenn er noch immer jenen fernen Tagen nachzutrauern scheint, als er eine Weltstadt war. Das alles erinnert sehr an Augsburg und deshalb fühlte ich mich dort noch recht heimisch.

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Erstaunlich. Die Porta Nigra gibt es wirklich. Bislang kannte ich sie nur als Abbildung auf meinem alten Lateinbuch.

Das änderte sich ein kleines Stück hinter Trier. Die Mosel mäandert sich dort auf fast zweihundert Kilometern durch sanfte, terrassierte und mit Wein bewachsene Hügelchen aus schwarzem Schiefer, schlägt Haken wie ein flüchtender Hase und erreicht dabei Kulturgüter und pittoreske (ha!), mittelalterliche Fachwerks-Ortschaften, in denen sich in jedem zweiten Gebäude der Ausschank eines Weinguts oder eine Besenwirtschaft befinden. Das ist zwar der Fahrtüchigkeit des Radlers nicht sehr zuträglich, aber wirklich nett und überaus sehenswert. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass das ganze Gebiet ein Freizeitpark für Senioren, eine Art Disney-World für weinselige Rentner ist. Obwohl ich auch schon über Fünfzig bin, senkte ich in manchen Ortschaften, in die ich mein Fahrrad lenkte, den Altersdurchschnitt. In den Moselstädtchen herrscht übrigens noch Ruhe und Ordung. Spätestens ab neun Uhr abends sind die Rollläden heruntergelassen, die Bürgersteige hochgeklappt, die Lokale geschlossen und die Rentnerschar liegt besoffen in ihren Pensionsbetten.

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Wer ist eigentlich der Kerl mit der riesigen Axt im Hintergrund dieser Kreuzigungsszene, die ich im Wald oberhalb von Zell entdeckt habe? Und was hat er mit ihr vor? Will er Jesus fällen?

 Anders als im Allgäu oder gar auf den Höhenzügen der Schwäbischen Alp haben die Wirte an der Mosel schon mal etwas von Vegetarieren gehört und bieten auf ihren Speisekarten Fleischloses, wenngleich Ungesundes: eingelegten Winzerkäs, Gemüse-Flammenkuchen und erstaunlicherweise auch immer Kässpatzen, die doch in Rheinland-Pfalz so exotisch wie in Bayern Saure Eier in Grüner Sauce sein müssten. Ich verzichtete auf einen Geschmackstest.

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… gesehen auf der  Toilette in einem Café in Enkirch.

Wir kamen an unzähligen Campingplätzen vorbei, in der Hauptsache von Niederländern bevölkert, deren Sprache an diesem Fluss häufiger zu hören ist als der Dialekt der Einheimischen. Manche der stolzen Wohnwagenbesitzer hatten sogar ihre eigenen Gartenzäune und -zwerge mitgebracht, mit denen sie ihr gemietetes Fleckchen Erde am Flussufer begrenzten. Man sieht, an der Mosel war durchaus auch Exotisches und Beunruhigendes zu entdecken.

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Das deutsche Eck in Koblenz. Auf dem Bild finden gerade die Mosel, der Rhein und Frau Klammerle zusammen. Und ein Tip für alle, denen nach ihrer Tour Riesling ‚feinherb‘ zum Hals raushängt: In der Nähe ist ein schöner Biergarten.

Insgesamt betrachtet war die Radtour als Eingewöhnung in unseren deutschen Sommer gelungen. Aber nächstes Jahr, Frau Klammerle, da fahren wir wieder in den Süden, das musst du mir versprechen. Nichts gegen Riesling, Fachwerk und trübes Wetter, aber ich bin ein Rotwein-, ein Renaissance-, ein Sommermensch.

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