Aber ein Traum …

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Nutzlose Menschen – Roman (Teil ELF)

Sapher, der nachdenklich der eingehenden Erzählung Klammers gefolgt war und ab und an einen Blick hinaus zu Andernaj, dessen geschäftige Bewegungen im gelblichen Halbdunkel des Biergartens gespenstisch wirkten, geworfen hatte, schreckte mit offenem Mund in die Höhe.

»Zwanzig vor zehn, Herr Dr.!«, erwiderte er schnell. Das ursprüngliche Verhältnis der beiden – das eines Vorgesetzten zu seinem Untergebenen – war für Momente verdeckt gewesen, funktionierte aber tadellos weiter.

»Schon?«, fragte Klammer erstaunt und gab der Bedienung, die geschäftig zwischen Garten und Küche hin- und her hetzte, einen Wink. »Da sitzen wir und schwatzen und ich vergesse ganz, dass ich heute noch eine Verabredung habe. Warum haben Sie mich nicht unterbrochen, damit wir über unser kleines Zerwürfnis von heute Vormittag bereden können? Nun, es ist nicht so tragisch, eine halbe Stunde kann ich mich sicher verspäten. Der liebe Sontheimer ist selbst ein eifriger Verfechter des akademischen Viertelstündchens. Er gehört zu den Leuten, denen es aus ihrem neurotischen Charakter heraus nicht möglich ist, pünktlich zu sein.« Sapher hätte beinahe gefragt, wer Sontheimer sei, auf dessen Namen er ja in den Unterlagen Klammers gestoßen war, aber er hatte sich unter Kontrolle. Stattdessen sagte er:

»Aber nein, das ist ja nicht weiter schlimm. Was Sie mir über Andernaj erzählt haben, war doch sehr interessant. Ich glaube, es gibt viele Menschen, die wie er unfähig sind, mit ihrem Leben zurecht zu kommen. Irre ich mich, oder gehören sehr viele Künstler dazu?« Diese letzte Spitze war ein Schuss ins Blaue; Benjamin wusste nicht, ob er Klammer damit treffen konnte. Sapher traf einer von Klammers irritierenden Blicken. Er sah ihn mit einem halben, ironischen Lächeln lange an, bevor er antwortete:

»Es ist schwer, vielleicht sogar unmöglich, mit seinem Leben fertig zu werden, wenn ausgerechnet das, was man wirklich machen will, Hunger bedeutet, es zudem vom familiären Umfeld nicht ernst genommen oder gar abgelehnt wird. Ich kenne niemanden, der einsamer mit sich ist, als ein erfolgloser Künstler in einer bürgerlichen Beziehung, der sich für jeden Augenblick, den er an seine Kunst verschwendet, entschuldigen muss und noch dazu aus Verantwortungsgefühl für den Lebensunterhalt seiner Familie arbeitet. Es ist bitter, die Bestätigung für sein Werk nur bei sich selbst finden zu können, denn ein Kunstwerk ist ja erst vollendet, wenn es ein Erwiderung aus einem Publikum gefunden hat. Mit Alfons hat das aber nur wenig zu tun. Er hat sein Los selbst verschuldet, ist, um mit Sartre zu sprechen, das Opfer seiner eigenen Urwahl. Er war immer ein Dilettant – in jeder Beziehung – oft auch im positiven Sinn des Wortes. Nie hat er etwas außer sich selbst wichtig genommen. Er fordert seit je von jedem bedingungslose Liebe und Treue, ohne selbst fähig zu sein, sie anderen zu geben. Er hat immer nur empfangen und genommen. Er hält sich wahrscheinlich noch heute für den Mittelpunkt der Welt, für einen herausragenden Einzel-, um nicht zu sagen: Übermenschen, der alles darf und den wir Randfiguren bewundern und unterstützen müssen. Und dass er zu saufen begonnen hat und deshalb alles verlor, dafür habe ich keine Entschuldigung. Das war schlicht erbärmlich, eine unverzeihliche Schwäche von ihm. Er hat sein Leben selbst verpfuscht. Bei ihm zumindest trägt nicht die mangelnde Anerkennung der Umwelt die Schuld«, erläuterte Klammer mit Verve. Die Bedienung räusperte sich. Sie wartete seit geraumer Zeit mit ihrer Geldbörse in der Hand neben dem Tisch auf seine Aufmerksamkeit. Sapher hatte kurz den Eindruck, diese Rede hätte nicht ihm, sondern dem Mädchen gegolten. Zumindest war sich Klammer, dem ja nie etwas entging, der Zuhörerin bewusst gewesen.

»Zusammen?«, wagte sie sich einzumischen. Klammer sah erstaunt auf und spielte wohl kurz mit dem Gedanken, sie wie einen lästigen Bittsteller im Amt mit einer Handbewegung zu verscheuchen, aber dann nickte er und bezahlte die ordentliche Rechnung, vergaß auch nicht, ein gutes Trinkgeld zu geben. Sapher sah während dem wegen Klammers großem Geldschein etwas komplizierten Herausgeben abgelenkt im Raum umher. Dabei bemerkte er, wie Andernaj herein gewankt kam und in Klammers Rücken auf der Toilette verschwand. Ihm kam eine verwegene Idee.

»Einen Augenblick«, entschuldigte er sich bei dem Dr., stand auf und schlug ebenfalls den Weg zur Toilette ein. Er war in der Regel kein Freund spontaner Entschlüsse und er wunderte sich, welcher verborgene Antrieb ihn dazu brachte, seinen ihm geradezu tollkühn erscheinenden Gedanken auszuführen und zu versuchen, mit Andernaj allein zu reden. Er hoffte inständig, dass jener nicht zu betrunken und noch ansprechbar war. Klammers Bericht über den Dichter war zwar interessant gewesen, hatte aber leider nur wenig über den Vorgesetzten selbst ausgesagt. Da musste noch mehr zu holen sein, denn die beiden kannten sich ja schon eine Ewigkeit. Deutlich war Sapher eigentlich nur geworden, dass der Dr. sehr viele Menschen – zumal aus der Kunstszene der Stadt – kannte und vorgab, einiges von Literatur zu verstehen, aber das hatte er im Grunde schon vorher gewusst. Er wollte unbedingt in Erfahrung bringen, von welcher Art Klammers Beziehung zu Andernaj war und was jener über ihn erzählen konnte. Wenn Sapher tatsächlich Klammers Posten erobern wollte, wie er sich an diesem Nachmittag endgültig entschlossen hatte, dann musste er möglichst viel über seinen glatten Vorgesetzten in Erfahrung bringen. Bis jetzt hatte er nur die höhnische Liste Klammers, die er erstaunlich sorglos in seinem Schreibtisch verbarg. Ob er allerdings mit ihr allein sein Ziel erreichen konnte, war ihm zu unsicher. Er wusste noch nicht, wie er sie in Verbreitung bringen konnte, ohne sich selbst als Anschwärzer in Misskredit zu setzen. Zudem wurde ihm plötzlich bewusst, dass die Liste Klammers maschinengeschrieben war und sich in ihr nirgends ein Hinweis fand, ob sie von Klammer selbst war. Die Texte entsprachen zwar seinem Stil, aber wenn er ableugnete, sie geschrieben zu haben, gab es nichts, was Sapher dagegen einbringen konnte. Recht überlegt war, diese Liste war überhaupt nichts wert, solange er keinen handschriftlichen Entwurf von ihr in die Hände bekam. Er brauchte noch mehr dunkle Flecken auf Klammers Weste und Sapher war sicher, dass der versoffene Dichter ein besonders unappetitlicher war.

Sapher öffnete die Toilettentür und war angenehm überrascht. Die sanitäre Anlage stach erfreulich von dem stickigen, schmutzigen Wirtsraum ab und war kühl, sauber, gut gelüftet und – wenn man das von einem Ort wie diesem behaupten darf – wohnlich. Im Hintergrund sang leise Tom Waits. Vor einem der Pissoirs war Andernaj beschäftigt und zeigte Sapher schnaufend seinen breiten Rücken. Er brummte den Text des Liedes fehlerfrei mit. Ein glücklicher Zufall wollte, dass die beiden im Moment allein waren. Sapher räusperte sich. »Herr Andernaj?«, fragte er vorsichtig.

»Moment, Moment, drei Liter Bier brauch’n Ihre Zeit«, erwiderte Andernaj, ohne sich umzusehen. »Du bist mit Nikki da, stimmt’s oder hab‘ ich recht?« Sapher fragte sich, ob der Mann Augen im Rücken hatte.

»Mit Nikolaus Klammer, ja«, bestätigte er. Andernaj lachte.

»Klammer heißt er, genau – hab‘ ich ganz vergessen, ’n passender Name!« Er schüttelte den Unterleib, dann drehte er sich, die Hose schließend, zu Sapher um. Er wirkte in dieser Umgebung nüchterner als draußen. »Tu dir keinen Zwang an; oder kannste nich‘ pinkeln, wenn dir einer zuguckt?«

»Ich wollte eigentlich nur mit Ihnen reden …«, zögerte Sapher.

»Hier, auf’m Klo? Na, is‘ vielleicht der schönste Ort im Brandwirt. Was gibt’s ’n?« Alfons trat zum Waschbecken, machte die Hände nass und wusch sich dann heruntergebeugt das Gesicht.

»Woher kennen Sie Klammer? Und was ist er für ein Mensch?«, fragte Sapher, der durch den Plauderton von Andernaj etwas mutiger wurde. Der sah auf, seine Augen wurden zu schmalen, abschätzenden Schlitzen. Wasser tropfte von seinem roten, aufgeschwemmten Gesicht, es hatte seine Freundlichkeit von eben verloren. Er streckte Sapher seine Hand entgegen, rieb mit dem Daumen an Zeige- und Mittelfinger.

»Auskunft nur gegen Bares«, murmelte er. »So funktioniert der Kapitalismus.«

»Ist Ihre Auskunft denn etwas wert?« Andernaj nickte langsam. Er ignorierte die bereitgestellten Papierhandtücher, schüttelte seine nassen Hände und rieb sie an seiner fleckigen, hellen Stoffhose trocken, die einen Schlag hatte und wirkte, als habe er sie aus einer Mülltonne gefischt. In seinem Gesicht arbeitete es. Er suchte nach klugen Worten.

»Wert? War die Frage metaphysisch? Alles Wissen hat doch nur Wert, wenn es dir nutzt. In der Schule und in meinem Studium ham’se mich mit Sachen vollgestopft, die ohne Nutzen waren. Ich kann sogar noch mittelhochdeutsch und keine Sau schert sich drum: Zwelf schâcher zeines türsen hûs in einem walde quâmen: der fraz er einlif sunder wer, die schiere ein ende nâmen. sît begunde er râmen daz se alle würden gar verzert, dô werte sich der zwelfte, und wolte alsam ein helt gebâren. Gut, nicht? Aber Germanistik macht arm«, antwortete er vergnügt und erinnerte in diesem Augenblick verblüffend an Klammer. Sapher war das sinnlose Gerede leid und machte ihm ein Ende, indem er aus seiner Tasche einen kleinen Geldschein fischte, den er dem sofort verstummenden Andernaj reichte. Schließlich konnte jeden Moment jemand – vielleicht sogar sein Vorgesetzter – die Toilette betreten.

»Schnell, was wissen Sie über Dr. Klammer? Schreibt er? Hat er eine Freundin – oder einen Freund? Ist er in etwas Ungesetzliches verwickelt?«

Andernaj sah verächtlich auf den grünen Schein und steckte ihn in die Hose. Dann rückte er näher an Sapher heran und stieß ihm seinen Atem ins Gesicht. Sapher hielt schaudernd die Luft an und atmete dann vorsichtig durch den Mund. Offensichtlich war Andernaj noch immer nicht in den Besitz seiner Zahnbürste gelangt. Der verkommene Dichter betrachtete ihn scharf und plötzlich schlug die Stimmung um. Sapher spürte, wie sich etwas Bedrohliches zwischen ihnen aufbaute, eine Aggression. Er fragte sich erschrocken, was er falsch gemacht hatte. Jetzt hätte er nichts dagegen gehabt, wenn er nicht allein mit dem Alkoholiker in der Toilette gestanden wäre. Er öffnete den Mund, um etwas Beruhigendes zu sagen. In diesem Moment schossen Andernajs Hände schnell nach oben und packten ihn fest und brutal am Krawattenknoten. Das ging so schnell, dass an eine Gegenwehr nicht zu denken war. Sapher schrie einmal erstickt auf und wollte zurückweichen, doch der große, schwammige Mann hielt ihn mit hartem, bestimmtem Griff.

»Bist wohl ’n ganz Schlauer, was?«, zischte Andernaj und schob sein Gesicht ganz nah an Saphers. »Nich‘ wahr, du denkst, ich bin ’n alter, blödgesoffener Penner, gibste ihm zwanzig Mark, dann schwatzt er schon. Ja? Is‘ wahr, hm?«

»Nein, ich …«, Sapher schluckte und suchte heiser nach Worten,  machte hilflose, abwehrende Gesten.

»Ja, ja, hab dich schon kapiert. Hab keine Ahnung, was dir Nikki über mich erzählt hat, wahrscheinlich den alten mitleidigen Mist: Familie verloren und so. Aber meine Freunde verpfeif‘ ich nich‘. Ich nich‘! Vielleicht bin ich’n Säufer, gut möglich, ja, kann sein. Aber ich bin doch kein Arschloch. Wenn du denkst, ich würd‘ dir abgeschlecktem Fischmaul für’n bisschen Bares den Judas machen und dir hier im Klo einen blasen, dann haste dich ins Knie gefickt!«, sagte er wütend und stieß Sapher kräftig zurück. Er stolperte nach hinten und krachte mit dem Rücken lautstark gegen eine Klotür. Andernaj nickte zufrieden. »Trotzdem geb‘ ich dir ’n guten Tip: Glaub Nikki nix. Das is ’ne wohlgemeinte Warnung von mir. Nikki hat keine Ahnung, wo die Wirklichkeit aufhört und seine Welt beginnt. Er hat da wirklich ’n Problem, da oben im Kopf. Ich weiß nich‘, warum, aber er sagt dir höchst selten die Wahrheit, wenn überhaupt. Je wahrscheinlicher seine Worte klingen, umso sicherer sin‘ se gelogen. Und er hat Geld, das macht ’n gefährlich. Damit kanner alle kaufen … Mich auch«, sagte er und hob einen Zeigefinger, ging wieder einen Schritt auf Sapher zu und tätschelte ihn an der Backe. Sapher ließ diese unwillkommene Liebkosung über sich ergehen, er war zu keiner Reaktion fähig. Er starrte Andernaj atemlos an.

»Lass dich nich‘ in seine Geschichten reinziehn, Bübchen. Dafür biste nich‘ gemacht, kann nur böse ausgehn. Seine Spiele sind echt abgefahren und übel. Okay? Gut. Dann is‘ jetz‘ die Audienz beendet.« Damit machte der Säufer grinsend Anstalten, die Toilette zu verlassen. Sapher richtete sich trotzig den Kragen.

»Ich denke schon, dass ich Sie verstanden habe. Aber haben Sie mir denn die Wahrheit gesagt?«, fragte er. Andernaj sah kurz und spöttisch zurück.

»Wahrheit? Ich halt’s damit meinem alten Freund Pilatus. Der hatte das gleiche Problem: Was is‘ schon Wahrheit?« Er trat lachend hinaus.

Sapher lehnte lange an der Tür, gegen die ihn Andernaj gestoßen hatte. Er war von dem kläglichen Ergebnis und den fatalen Folgen seines Versuchs, den heruntergekommenen Dichter auszufragen, erschlagen. Es kostete ihn einige Anstrengung, auch nur einen Arm zu heben und sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Ihm war speiübel. Als er endlich die Toilette verließ, war Andernaj in dem inzwischen besser gefüllten Wirtsraum nirgends mehr zu sehen. Klammer stand an der Theke, hatte eine Hand lässig in die Hosentasche gesteckt und sprach mit einem ungewöhnlich dicken, kleinen Mann, dessen Gesicht feucht glänzte und der nervös an einer Zigarette zog. Ab und an nippte der Dr. an einer Tasse Espresso. Sapher trat heran und Klammer sah kurz zu ihm.

»Da sind Sie ja wieder«, bemerkte er gleichgültig. »Ich dachte schon, Sie hätten mich hier wegen eines hübschen Mädchens sitzengelassen. Wollen Sie auch einen Kaffee? Hier ist er nicht schlecht, wirklich nicht. Seit zwei Wochen versuche ich schon vergeblich, einen brauchbaren Espresso zu kriegen, aber bei Helmut ist er durchaus trinkbar. Ob das am Kaffeepulver oder an der Maschine liegt, was meinen Sie? Wissen Sie, Sapher, wichtig ist eine stabile Crema auf der Oberfläche; die darf auch ein Löffel Zucker nicht zerstören, sie soll aber auch nicht an den Lippen kleben bleiben. Und dann kommt es auf die Mischung an. Ich persönlich ziehe die afrikanischen den südamerikanischen Sorten vor, die haben mehr Charakter. Vergessen Sie den ganzen Unfug mit den Robusta- und Arabica-Sorten, das ist nur Geschäftemacherei. Das Koffein spielt bei frisch aufgebrühtem Espresso keine Rolle. Ich habe zu Hause einen wunderbaren äthiopischen Kaffee aus dem Sidamo-Distrikt. Der liegt etwa zweitausend Meter hoch … wenn ich einmal Zeit habe, muss ich Ihnen unbedingt davon einen Mokka auf die türkische Art machen, da werden Ihnen die Augen übergehen!«

»Ich … muss mich entschuldigen. Mir ist nicht ganz gut«, erwiderte Sapher zögernd.

»Aber das Essen war doch ganz ausgezeichnet. Wenn Helmut das hört, kriegen sie Hausverbot. Er ist auf seine Kreationen so stolz wie ein Friseur. Wollen Sie vielleicht für die Verdauung einen Grappa?« Klammer hatte tatsächlich einen besorgten Ton in der Stimme, der auf Sapher echt klang. Der Wirt hinter der Theke trat servil näher. Sapher winkte ab.

»Nein, nein, ich glaube, es ist die Hitze. Alkohol würde das nur noch schlimmer machen. Jetzt geht es schon wieder«, leugnete er, obwohl ihm die Gorgonzola-Gnocci noch schwer im Magen lagen. Er schluckte krampfhaft und überwand damit die Übelkeit ein wenig.

»Wie Sie meinen …« Klammer legte kurz den Kopf zur Seite, dann nickte er und trank seine Tasse leer. »Wirklich nicht schlecht, dein Kaffee, Helmut, ein hervorragender Espresso. Also gut, wir gehen. Bis später, Manfred.« Das war an den Dicken gerichtet, der zweifelnd sein massives Haupt schüttelte und dabei rasselnd atmete.

»Ich weiß noch nicht, ob ich es noch schaffe«, sagte er. Seine Stimme war erstaunlich tief. Klammer zuckte mit den Schultern und schlenderte hinter Sapher her, der es jetzt eilig hatte, das Lokal zu verlassen. Es war nun vollständig dunkel geworden, allerdings stand noch immer eine lastende Hitze auf den Straßen. Sapher sah zweifelnd in die Höhe. Ein paar Sterne funkelten über den Häusern. Mit einem abkühlenden Gewitter war offensichtlich nicht zu rechnen.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil ZEHN)

»Andernaj schrieb damals zwar nur selten Gedichte und auch mehr nebenzu, aber er hat wirkliche Lyrik gemacht; nicht diesen Käse, den er gerade von sich gegeben hat. Damals waren seine Werke auch noch keine erotischen Obsessionen. Sein erster Band mit Gedichten, den er, ich glaube, zweiundsiebzig oder dreiundsiebzig, in einer Auflage von fünfzig Stück bei seinen intimen Freunden in Umlauf brachte, war vielversprechend, zwei oder drei der Gedichte zählen meiner Meinung zum Besten, was die zeitgenössische Literatur an Junger Lyrik erzeugt hat. Der Band hatte einen seltsamen Titel: Die Hände des Pilatus. Ich habe ihn noch und leihe ihn Ihnen vielleicht einmal. Damals war Alfons auf der Höhe. Er studierte Germanistik und lebte von Bafög und with a little help of his friends, war zudem freier Mitarbeiter bei der Zeitung, die seine geschliffenen Kunstkritiken häufig brachte und auch ordentlich bezahlte. Dann wurde alles anders.« Klammer seufzte und nahm einen Schluck Wein. »Wußten Sie, Sapher, dass die Abbruchquote bei Germanistik achtzig Prozent beträgt? Nun, Alfons gehörte dieses eine Mal zur Mehrheit, denn er war faul. Einer seiner dominanten Charakterzüge ist eine lähmende Faulheit, sie war damals seine Sucht und sie ist es neben dem tröstenden Alkohol noch heute. Sie brauchen nicht zu glauben, dass das Gedicht gerade neu war, er kann heute sein Phlegma und den Alkoholdunst nicht einmal mehr dazu überwinden, so etwas billiges zu schreiben. Das Gedicht ist sicher fünf Jahre alt, aber die Leute sind eben vergesslich und so kann er seinen alten Senf immer wieder als neuen verkaufen. Er ging also von der Uni ab und verschwand ohne seinen Willen für zwei Jahre beim Militär. Er war in Norddeutschland stationiert und hat dort sicher gelitten … allerdings nicht allzu sehr, da er sich sehr schnell neuen Begebenheiten unterordnen kann. Als er mit dem festen Ziel, als Poet zu leben, zurückkam, war seine große Zeit vorbei. Das Twentythree war unter mysteriösen Umständen abgebrannt, seine Bekannten mühten sich um eine bürgerliche Karriere und sein bester Freund war durch den Genuß von unreinem LSD in einer geschlossenen Anstalt gelandet. Zudem waren die Einstellungen von Alfons plötzlich veraltet; die neue Jugendkultur hatte mit Sartre, Hermann Hesse und der psychedelischen Ich-Findung der Hippies nichts am Hut, die meisten hatte das Discofieber gepackt, die Anti-Atomkraftbewegung war im Entstehen. Das Schlimmste für ihn jedoch war, dass er damals in kurzem Abstand seine liebevollen Eltern verlor. Sie hatten ihn all die Jahre nicht nur finanziell unterstützt und ihm eine Unterkunft, ein Heim gewährt, sondern auch an ihn geglaubt. In der Zeit danach versumpfte Alfons zum ersten Mal. Er wohnte nun bei Bekannten, so lange sie ihn eben ertrugen, oder bei Frauen, die er Abends in Lokalen kennenlernte; dies kam aber seltener vor, als er uns weismachen will. Er war damals noch, seines Flairs als Marquis de la Bohême, hinter dem er sich versteckt hatte, beraubt, ein schüchterner, ja, scheuer Mensch. Viele Nächte gab es, in denen er kein Asyl fand, dann wanderte er schnorrend von Kneipe zu Kneipe und schlief schon mal auf einer Parkbank. Sein Leben ähnelte in vielem seinem heutigen, aber damals trank er nur mäßig und er besaß vor allem noch seine dichterische Kraft. Man kann sich fragen, warum er nicht versucht hat, eine Arbeit und Wohnung zu finden, aber er betrachtete seine Dichtung als seine Arbeit und war im übrigen viel zu faul, eine Initiative zu ergreifen, die ihn aus seinem Sumpf befreit hätte. Er hoffte immer auf die Hilfe der anderen, die er so oft enttäuschte, bis sie ihm keine mehr anboten. Der Pfahlbürger ist der Auffassung, dass ein Künstler leiden müsse, wenn er Großes schaffen wolle. Ich persönlich erachte diese Regel als eine jener schwachsinnigen und entlarvenden Plattheiten der Bourgeoisie, mit der sie versucht, ihre Künstler zu einer Art von Über-Ich zu stilisieren. Was dem Bürger fehlt und wonach er sich sehnt, ist Größe und gleichzeitig verdammt er sie, weil er sie als sein Gegenbild nicht ertragen will. Wer uns umwirft, der ist stark; wer uns erhebt, der ist göttlich; wer uns ahnen macht, der ist tief. Das sagte ich nur, damit ich in dieser Geschichte auch einmal Nietzsche zitiert habe.«

»Was hat das denn mit diesem Andernaj zu tun?«, warf Sapher verwundert ein.

»Sie haben recht – nichts. Ich muss mich für meine Abschweifungen entschuldigen. Nun ja, vielleicht war Alfons tatsächlich nie besser als gerade in dem Jahr, in dem er Hunger litt. Einmal hat er auch sein Phlegma überwunden und ist in eine andere Stadt gegangen: Er reiste für einen Sommer nach Berlin, um in dieser legendären Stadt endlich berühmt zu werden und kam noch abgerissener zurück, als er losgefahren war. Die sich überschlagende Hektik jener unüberschaubaren, gnadenlosen, damals noch unter Klaustrophobie leidenden Stadt, ihr pestkranker Atem und seine Verlassenheit in diesem Tumult, in dem man nie allein, aber immer einsam ist, haben ihn tief beeindruckt, aber er war doch froh, als er wieder heimkehren konnte, hierher, wo sich die Dinge um so viel langsamer und beschaulicher abwickeln. In Berlin schrieb er allerdings eine Ode auf die Mauer, sie ist der Höhepunkt seines Schaffens; damals war er im Vollbesitz seiner dichterischen Kräfte:

Vögel erheben sich, der Himmel ist ihr Gefängnis,
wohin sie sich auch flatternd wenden,
sie stoßen auf Mauern aus Luft.
Sie beneiden die Menschen, denn sie leiden keine Flügel,
denn sie haben die Erde, sie sind frei …

, fing sie an. Diese lange, jedoch außerordentlich konzentrierte Dichtung in etwas freien Alexandrinern gelangte sogar durch die Unterstützung von ein paar freundschaftlichen Förderern von Alfons in einen Gedichtband des Fischerverlags und wurde anlässlich einer Rezension dieser Anthologie in der ZEIT mit ein paar Worten lobend erwähnt. Damit begann leider auch schon sein Abstieg als Künstler und das merkwürdigerweise gerade zu dem Zeitpunkt, an dem er eine bescheidene Anerkennung fand und sein Name ins Gespräch der Intellektuellen kam. Achtundsiebzig heiratete Alfons und lebte anschließend beinahe zehn Jahre in der Obhut dessen, was man ein bürgerliches Zuhause nennt. Er hat auch einen bald volljährigen Sohn, der natürlich bei seiner Mutter lebt und den er seit seiner Scheidung vor acht Jahren nicht mehr gesehen hat. Seine Frau hat ihren dichtenden Mann in den ersten Jahren vergöttert und auch noch, als das Kind da war, für den Lebensunterhalt gesorgt. Sie ist Altenpflegerin. Eine Person wie der heruntergekommene, auf seine Art faszinierende und dabei unterhaltende Alfons kam wohl ihrer sozialen Ader entgegen. Sie lernte ihn bei einer Lesung kennen, die er in der Volkshochschule hielt. Bis das Kind kam, war Alfons der beste Ehemann, den man sich denken kann. Es schien, als hätte seine Frau es tatsächlich geschafft, ihn von seiner Faulheit zu heilen. Er ging nur selten aus, traf sich wieder häufiger mit seinen Freunden, schrieb an einem langen Roman und – allein schon erstaunlich genug – er arbeitete im Sommer als Kellner in einem Café. Es war übrigens das erste Mal, dass er das tat und er bezeichnete es später als eine ungewöhnlich lehrsame Erfahrung, weil er sich dadurch endgültig bewusst werden konnte, dass er für konventionelle Arbeit nicht geschaffen war. Über den Roman wollen wir hier besser schweigen. Es sollte Lyrikern grundsätzlich verboten werden, sich als Romanciers zu versuchen. Dies gilt auch umgekehrt. Er hat das Buch nie fertiggestellt, das Manuskript aber trägt er noch heute mit sich herum und zeigt es gern als Beweis seines Genies. Als seine Frau schwanger wurde und beide noch mehr als vorher auf seine seine Arbeit angewiesen waren, endete sein Fleiß so plötzlich, wie er begonnen hatte und sein Phlegma kehrte wie ein alter, lang vermisster Freund zu ihm zurück. Ich nehme an, er hat den Druck der Verantwortung nicht ertragen. Er wurde sich mit einem Mal der Konsequenzen seiner Ehe bewusst, den Pflichten und Erwartungen, die sein Umfeld an ihn richtete. Weil er wahrscheinlich dem allen nicht standhalten konnte oder wollte, flüchtete Alfons zuerst in kleine, schmutzige Seitensprünge, dann immer häufiger in den Alkohol. Seine Person und auch seine Gedichte wurden zunehmend schlampiger und unanständiger. Die alten Freunde zogen sich, der nutzlosen Vorwürfe, die sie ihm machten, leid, wieder von ihm zurück und er bemerkte es nicht, weil er täglich begeistert neue, oberflächliche Bekanntschaften schloss, die die Haltbarkeit einer geöffneten Flasche Milch hatten.

Um es kurz zu machen: Seine Frau war der letzte Mensch, der zu ihm hielt. Sie versuchte über mehrere Jahre hinweg Verständnis für ihn und seine Träumereien aufzubringen – auch für seine nun fast pathologische Untreue. Sie hielt sich damit aufrecht, indem sie an eine vorübergehende Phase glauben wollte. Die tränenreichen Versöhnungen und seine beschwörenden Versprechungen, sich zu bessern, sind ungezählt. Aber der bequeme Weg zur Hölle ist nun einmal mit guten Vorsätzen gepflastert, nur wenige Sprichworte sind so wahr wie dieses. Selbst ein Engel wie Alfons Frau kam eines Tages an den Punkt, an dem sie erkannte, dass sie auf diese Weise nicht weiterleben konnte, wenn sie sich einen Rest Selbstachtung bewahren wollte. Die Scheidung ging dann recht schnell und der Herr Dichter saß wieder auf der Straße. Obwohl er viel über seinen Verlust lamentierte, war er wahrscheinlich doch erleichtert, denn er konnte nun sein Leben wieder so unverbindlich weiterführen wie vor seiner Ehe. Ich weiß nicht, ob er noch einmal versucht hat, seine Familie wiederzusehen, aber ich bezweifle es. Er hakte das ganze Kapitel seiner bürgerlichen Ehe ab und kehrte eilig und zufrieden zu seinen alten, schlechten Gewohnheiten zurück. Damals hatte er noch zu viele enge Frauenbekanntschaften, bei denen er sich einnisten und als Held fühlen konnte, um zu erkennen, wie nah er am Abgrund tanzte. Zuerst hatte Alfons erneut Erfolg als Modedichter. Ein kleiner Augsburger Verlag, der auf Untergrundliteratur spezialisiert ist, veröffentlichte einen dünnen Band mit seinen schlüpfrigen Versen im Stile Bukowskis und er verkaufte sich so gut, dass dem Herrn Dichter trotz der Alimente nie das nötige Geld für ein Bier fehlte. Er war auf Atelierfesten, Lesungen und Vernissagen eine gern gesehene Bereicherung und wurde eine Institution im Kulturbetrieb, eines jener öffentlichen Gesichter, denen man überall begegnet und die jeden kennen. Dass man ihn hinter seinem Rücken belächelte und über ihn zu spotten begann, bemerkte Alfons nicht. Er sonnte sich in seiner wiedergewonnenen Stellung, die er als die einzige für ihn passende empfand. Er bemerkte nicht, dass er längst nicht mehr Fürst, sondern Hofnarr war. Um ihn herum bildete sich schnell eine Gruppe von gescheiterten Existenzen und Speichelleckern, Epigonen und Möchtegernkünstlern wie zum Beispiel der etwas paranoide Wichtigtuer Horst Favelka, aber auch immer häufiger heruntergekommene Schmarotzer und Alkohol- oder Drogensüchtige, die die Freigebigkeit von Alfons zu schätzen wussten. Er war wieder voller guter Vorsätze auf dem sicheren Weg in die Hölle und verwahrloste dabei immer mehr, sein Bierkonsum stieg gewaltig an. Ohne sich dessen bewusst zu werden, war er schließlich am Ende seines Weges angelangt. Keine der Frauen, die ihm noch die Stange gehalten hatten, wollte mehr etwas von dem stinkenden, unappetitlichen Säufer, der er geworden war, wissen und als er pleite war, verlor er schnell seinen Anhang, der sich nach anderen Mentoren umsah.

Ein spätes Dokument seiner literarischen Fähigkeiten ist ein langer Brief an eine Frau, mit der er einen Monat zusammengelebt hat und in dem er ausführt, er würde ihr verzeihen, dass sie ihn vor die Tür gesetzt und zu lieben aufgehört habe, wenn sie ihm nur seine abgelutschte Zahnbürste zurück gäbe, da er sich keine neue leisten könne und im Laufe der Jahre ein sentimentales Verhältnis zu ihr – der Zahnbürste! – entwickelt habe. Der klägliche Rest seiner Zähne und seine Freunde, die unter seinem augenblicklichen Atem litten, wären ihr für diese Großzügigkeit mit ihm zusammen dankbar. Jene Eloge auf die Zahnhygiene war das letzte Aufflackern seiner dichterischen Kraft. Elvira hat den Brief der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, sondern ihn ihrem jetzigen Freund, dem Herausgeber eines der lokalen Szeneblätter, zum Abdruck überlassen. Er hat den Brief zwar nicht gedruckt, aber Kopien von ihm in seinem großen Bekanntenkreis herumgereicht. Aus diesem Grund ist mir dieses viel belachte, späte Zeugnis einer aussterbenden Kunst – nämlich der, Briefe zu schreiben – bekannt geworden. Schriftsteller haben früher einmal ganze Romane dem Brief gewidmet, aber die Hektik unserer Zeit kennt nur mehr das hirn- und sinnlose Geschwätz am Handy, das niemandem die Chance gibt, über die Dinge nachzudenken, die er sagt. In der folgenden Zeit versoff Alfons den Rest seines Verstandes und das war auch der letzte Vorhang für das allzu bürgerliche Trauerspiel vom großen Dichterfürsten Andernaj. Und heute? Was soll ich sagen: Sehen Sie ihn sich doch an. Er ist der jammernde und erbärmliche Rest eines bemerkenswerten Menschen und Poeten, der, ich kann es selbst kaum glauben, einmal Zeilen geschrieben hat wie diese:

Da wir geboren wurden in den Stunden des Leidens,
quält Schmerz, was dunkel wir berühren,
steht Trauer in den Augen, die wir lieben,
und sterben nachts die Träume dieser Zeit.
Nebel tränen uns zur Ruh.

Wie spät ist es?«

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