Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Ärger”

Die Chance verpasst – Postkarte DREI


Mein lieber unbekannter Leser, liebe unbekannte Leserin!

Tja, das war’s. Seit heute kosten die E-Book-Ausgaben meiner Bücher wieder ihren alten Preis von 2,49 €. Ich wollte es nur sagen, damit später niemand enttäuscht ist. Aber eigentlich ist es vollkommen egal. Sehe ich mir die Zugriffszahlen auf meinen Blog an, spielt es überhaupt keine Rolle, was ich hier schreibe oder ankündige oder so von mir gebe. Würde ich meine Texte auf die Unterseite meines Autos (ziemlich rostig, 12 Jahre alt, 300.000 km, noch 1 Jahr TÜV. Hat jemand Interesse?) heften, würde ich mehr Leser erreichen. Ich gebe es offen zu: Meine Lustlosigkeit, diesen frustrierend erfolglosen Blog weiterzuführen, tendiert gerade gegen 0. Vielleicht ändert sich das wieder, aber irgendwie bezweifle ich es. Wenn du dich nur einmal melden würdest, liebe unbekannte Leserin, dann wäre es für mich anders. Aber du schweigst und allzu oft muss ich daran zweifeln, ob es dich überhaupt gibt.

Ich habe übrigens in meiner kleinen Sommeraktion doch einige Bücher verkaufen können – in der Hauptsache an Leute, die mir auf Instagram folgen. Dieses vielgeschmähte Selbstdarstellerportal, die sich selbst, ihr Essen oder ihre Kaffeetasse fotografieren, ist wie der laute Club neben dem Friedhof, auf dem dieser Blog und meine Twitter- und Facebook-Accounts beerdigt liegen. Auf der einen Seite braucht man als Selfpublisher offenbar soziale Medien, aber – um beim Bild zu bleiben – Instagram ist bisher der einzige Club, in den mich der Türsteher reingelassen hat und ich an der Bar ein paar (zugegebenermaßen) oberflächliche Gespräche führen kann. Das ist für mich, der ich als Autor besser ins 19. Jahrhundert gepasst hätte und gegen das Verdikt anschreibe, dass „der Roman tot“ sei, ausgesprochen paradox und verwirrend.

Noch bin ich im Urlaub. Wie du siehst, weilen Frau Klammerle und ich gerade im Spreewald, sind aber erstaunlicherweise nicht vollkommen vom Internet abgeschlossen. Das liegt am WLAN in unserer Ferienwohnung, denn einen Handyempfang gibt es hier draußen am A… der Welt nirgendwo. Allerdings auch kein Corona; was diese Gegend als Urlaubsziel gerade recht anziehend macht, obwohl es hier für einen Vegetarier die Hölle ist (Es sei denn, er ernährt sich nur von eingelegten Gurken). Du hast es schon richtig vermutet: Wir gehen hier Frau Klammerles Lieblingsfreizeitvergnügen nach, mich zu bewegen: Wir wandern, machen ausgedehnte Radtouren (Muskelkater in den Beinen), paddeln kreuz und quer durch die Spreearme (und schleppen unser Leihboot über versperrte Schleusen – Muskelkater in den Armen), besuchen die Burger Spreewald-Therme, spielen abends Mensch-ärgere-dich-nicht (Ich verliere grundsätzlich! Muskelkater im Gehirn) und trinken abgrundtief grauenvolles „Gurkenradler“, das neben schlechtem Bier tatsächlich gezuckertes Gurkenwasser enthält. Wir haben einen Ausflug nach Berlin gemacht und standen wegen den Aluhut-Idioten und Nazis, die am Wochenende den Bundestag stürmen und die Diktatur der Vollpfosten ausrufen wollten, lange im Stau. Oh, wie ich diese Arschlöcher hasse! Ich könnte kotzen, wenn ich nur an sie denke und bevor ich einem von diesem Gesocks und der AfD die Hand reiche, würde ich sie mir lieber abhacken! (Wie gesagt, es hat Vorteile, dass niemand diesen Blog liest. Ich kann schreiben, was ich will) Ruhig Blut! Ende dieser Woche brechen wir dann hier unsere Zelte ab und machen noch ein Wanderwochenende im Fichtelgebirge, das günstig auf halber Heimatroute liegt.

Dann erwartet mich wieder mein Brotjob, für den obiges Foto eine gute gute Metapher ist. Ich bin irgendwie der Falsche am falschen Ort und niemand holt mich hier raus! Die Aufnahme entstand freilich nicht im Spreewald, sondern im August 2019, jener unbeschwerteren Zeit, als wir unseren Sommerurlaub am Iseosee in der Lombardei verbrachten. Ich denke mit einer Mischung aus Trauer und Sehnsucht daran. Trauer, wenn ich bedenke, was der Gegend während der Pandemie an Leid geschah und Sehnsucht, weil ich mich so sehr danach sehne, wieder nach Italien fahren zu können. Dort gehöre ich hin: In die Hitze eines toskanischen Nachmittags, in den Schatten unter einem silberblättrigen Olivenbaums, während ein leichter Wind vom Meer heraufweht und den Geruch von Salz, Thymian und Wacholder mitbringt. Vor mir auf dem Tisch, an dem ich an meiner Schreibmaschine an meinem Roman „Aber ein Traum“ (Wird Ende dieses Monats veröffentlicht!) tippe, stehen ein Glas herber, tanninreicher Rotwein, Weißbrot und ein paar Brocken gereifter Pecorino aus Pienza. Frau Klammerle sonnt sich hinten am Pool unseres Feriendomizils. Kein Muskelkater: Es ist viel zu warm, um zu radeln oder zu denken. Vielleicht bleiben wir auch für immer.

Ach, ja …

Zum letzten Mal Grüße aus dem Urlaub,

Dein Nikolaus

Der Geilwuchs

Aus aktuellem Anlass:

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das viel zu warme Januarwetter und die damit verbundenen heftigen Regenfälle in den letzten Tagen haben nicht nur Schneeglöckchen und Krokusse ausgebrütet und dafür gesorgt, dass zum Leidwesen der Allergiker die Haselsträucher in voller Blüte stehen, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber regelmäßig und dann unvermeidbar innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel zu geben scheint. Die gemeine Ackerwinde (Convolvulus arvensis vulgaris) ist harmlos dagegen.

An allen möglichen und unmöglichen Orten schießen wegen der Bundestagswahlen diese unheimlichen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass eigentlich kein Platz mehr für neue bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie eine kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Die Kandiaten, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem in die Rathäuser setzen wollen, benutzen immergleiche Textbausteine:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, 130 auf Autobahnen, Umweltschutz, Klima, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“, „frei“, „gerecht“ und „ökologisch“ sind die Beliebtesten.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Klimahysterie, 130 auf Autobahnen, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

Die CSU geht hauptsächlich mit Einwortsätzen  und der „Sicherheit“ hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat mit der Augsburger CSU-Bürgermeisterkanditatin ihren Gipfel erreicht, die sich tatsächlich entblödet, mit dem Schlagwort „CSUsammen“ für sich zu werben.

Und da kommt mir doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standard-Wahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Das ist Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei!“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unsere Dorfnazis – vulgo AfD’ler – vor den Wahlterminen verteilen. Leider erwische ich sie nie bei ihren heimlichen, sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn sie nicht aufhören, mir ihren stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in den der AfD…

Nur gut, dass diese Seuche am Montag nach der Wahl so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Bis zur nächstenmal …

PS.: Dies war übrigens einer meiner Blogartikel, der es nicht geschafft hat, in mein köstliches und überall im Handel erhältliches Büchlein  „Noch einmal davon gekommen“ aufgenommen zu werden, in dem ich meine besten Glossen, Kurzgeschichten und Texte gesammelt habe und auf das ich hier noch einmal hinweisen möchte:

Noch einmal davon gekommen
Glossen, 228 Seiten, reich illustriert
Taschenbuch und E-Book
ISBN 978-3745043006

Der Mangold-Affäre zweiter Teil

Hatte ich doch – der eine erinnert sich vielleicht noch an gestern, der anderen nutze eifrig diesen Link – zu tief in die grünen Augen einer studentischen Gemüsehändleraushilfskraft geblickt und mich mal wieder von einer gespielten Unschuld um den Finger wickeln lassen. Ich erwarb bei der stud. Ghahk im Stadtmarkt ein paar maßlos überteuerte Pflänzchen und ein freundliches Lächeln obendrauf, trug beides zufrieden nach Hause. Aus diesem Grund wuchs in unserem überseekoffergroßen Hochbeet (das habe ich selbst gebaut) statt Mangold eine mir vorher völlig unbekannte Gemüsepflanze, die der Kenner als Poc Choi zu schätzen weiß.

Nun bin ich kein Kenner und eigentlich auch kein Freund der fernöstlichen Küche, zumindest der Variante, die mir hierzulande im Chinarestaurant vorgesetzt wird. Mir schmeckte der nahe Verwandte des Chinakohls, der sich am besten bei feuchtwarmem Klima im Gewächshaus entwickelt, einfach nicht. Ich fand kein Rezept,  das seinen faden, metallischen Geschmack verbarg. (Sogar einer großzügigen Beigabe von Sambal Oelek konnte er sich widersetzen). Auch Frau Klammerle brachte dem gerade in den letzten zwei Tropenwochen wie Wahlplakate im Hochbeet (eigenhändig von mir entworfen und errichtet) wuchernden Kraut erhebliches Misstrauen entgegen. Jedes Mal, wenn das Gepräch auf den Poc Choi kam, sah sie mich mit einem merkwürdig resignierten Blick von der Seite an, in dem ich deutlich das Wort: „Männer!“ mit einem dicken Ausrufezeichen dahinter lesen stand.

Wenig später nun, während ich ermattet darüber nachdachte, ob ich nicht den kühlen Keller aufräumen und mein Arbeitszimmer in ihm einrichten sollte, was auch den Vorteil hätte, dass die Eisvorräte und die kalten Getränke griffbereit, nahm meine geliebte Ehefrau sich ein Herz. Mangold2Der stehenden Hitze, die wie eine staubige Glocke über dem Garten lag, und der bissigen Bremsen tapfer trotzend, säuberte sie das Hochbeet (habe ich eigentlich schon erwähnt, wer es erbaute …?) von der Poc Choi-Plage. Er bekam von ihr eine neue Wohnstätte gleich nebenan im Kompostbehälter zugewiesen. Die dort ansässigen großen Weinbergschnecken, alle von mir im Garten gepflückt und dort ausgewildert (*), freuten sich über diese exotische Änderung ihres Speiseplans und essen jetzt Chinesisch.

Unter den großen Blättern des Poc Choi fristeten auch einige andere Gemüsepflanzen ein beschattetes, leicht kümmerliches und unbeachtetes Dasein, das nun plötzlich wieder ans Tageslicht geriet. Unter anderem fand sich ein vergessener Radiccio, einige Kohlraben (demnächst wieder auf dem Speiseplan) und der rote Mangold, den Frau Klammerle nachgekauft hatte. Der sah jedoch reichlich seltsam aus.

Dazu müssen wir zurück in die Vergangenheit, in den verregneten, endlosen Juni, als mein Versagen beim Gemüsepflanzenkauf ruchbar wurde. Frau Klammerle schüttelte den  Kopf:

„Dich kann man schicken! Dazu rennt man doch nicht nach Augsburg auf den Stadtmarkt! In Gessertshausen ist der Mühlenladen! Da kauft man das Gemüse – regional und bio.“ Kleiner Seufzer.

„Aber die haben doch gerade keinen Mangold …“

„Die im Stadtmarkt offensichtlich auch nicht.“ Mittelgroßer Seufzer.

„Aber wie sollte ich wissen …“

„Schnickschnack! Das nehme ich jetzt in die Hand!“ Großer Seufzer.

Und dann fuhr Frau Klammerle zum nächsten Dehner, dem großen Rentner-Aldi für den Gartenbedarf; kam tatsächlich nach geraumer Zeit zufrieden mit sechs Pflänzchen in einer Schale zurück: es war dreimal weißer Mangold und dreimal roter. Stolz setzte sie die zarten Gemüsetriebe ins Hochbeet (… also ich habe das wirklich selbst gemacht, mit meinen eigenen Händen und einem Akkubohrer).

Hier erreicht die Spannung wieder einen Höhepunkt, aber bei den Temperaturen rate ich, schnell weiter zu lesen, weil sonst ein Hitzeschlag wegen der Erregung droht. Der geneigte Leser ahnt es bereits: Bei mir wuchs wieder kein Mangold, zumindest der rote nicht:

Mangold1

Haben Sie’s erkannt? Im Herbst gibt es in Abwandlung des Heun’schen Rezeptes bei uns Rote-Beete-Carpaccio …

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* Nein, Herr Heun. Wir essen auch keine Schnecken.

Der Mangold-Affäre erster Teil

Herrn Klammerles Unlust, sich zu bewegen (siehe hier) ist nicht die einzige Baustelle seiner rührend um ihn besorgten Frau. Sie hält es auch für dringend notwendig, ihn gesünder zu ernähren. Das sollte bei bei einem Vegetarier nicht allzu schwierig sein, aber ich bin nun einmal ein erklärter Feind von Sellerie, Brokkoli, roten Rüben, nichtssagendem Zuccini oder Sauerkraut und neige eher fettem Käse, Pizza und Nudelgerichten zu. Und so lautet der Beschluss, dass ich mehr Gemüse essen muss, wenn ich nach meiner Fastenkur wieder fit werden soll.

Imvorletzten Sommer (ja, Kinder, solch eine Jahreszeit hat es früher mal gegeben) hatte Frau Klammer einige Erfolge mit im Hochbeet selbstgezüchtetem Rotem Mangold (Beta vulgaris – für den Biologen in der Familie, Ihr wisst schon – der, der jetzt wieder unter unserem Dach wohnt). Diesen versteckte sie dezent in der Lasagne oder vermengte ihn mit Gnocci und Sahne, bis er nicht weiter ins Gewicht fiel . Die Stängel – die kann man essen, wenn man sie blanchiert – fanden dann noch in einer Quiche Verwendung. Darum sollten auch im Jahr wieder ein paar Mangold-Pflänzchen in unser luftiges Gemüsehochbeet, Platz war ja vorhanden, nachdem die Kohlraben verzehrt (Dank an HD, dem auch diese Satzkonstruktion ohne Hilfszeitwort gewidmet).

Beim Bummel über den Stadtmarkt erwarb ich also ein paar zarte, aber robust überteuerte Pflänzchen, die die studentische Gemüsehändleraushilfskraft (im weiteren stud. Ghahk genannt, das klingt schön klingonisch) mit charmantem Lächeln und den Worten anpries: „Das müsste eigentlich unser weißer Mangold sein.“

Was denn sonst?, dachte ich, immer bereit, einer hübschen, wenngleich etwas hilflosen stud. Ghahk Glauben zu schenken und da sie zudem die einzige war, die mir auf dem ganzen Markt Mangold verkaufen wollte, erwarb ich die letzten Pflänzchen in der Auslage bei der stud. Ghahk. Ich hätte misstrauisch sein sollen, als sie beim Umwickeln des Mangolds mit Zeitungspapier merklich unsicher wirkte und immer wieder nach ihrem Chef Ausschau hielt, der sich aber – wahrscheinlich aus gutem Grund – nicht sehen und seine ein wenig überforderte stud. Ghahk, die er sicher nicht aufgrund ihrer botanischen Fähigkeiten einstellte, allein werkeln ließ.

Ich kam gut mit unseren teuren neuen Pflänzchen ins Dorf zurück, gab ihnen eine neue Heimat oben im Hochbeet und unter Frau Klammerles Pflege und Düngergaben wuchs der Mangold schnell an. Dann kam der Große Regen und mit ihm die gemeine spanische Nacktschnecke (Arion vulgaris, Herr Biologe!). Doch unter großen Opfern (der Pflücksalat und die Brotzeitgurke) und mit großzügigem Einsatz von scharfen Gegenständen, einem Salzstreuer und Schneckenkorn gelang es uns, zumindest den teuer erworbenen Mangold zu retten, der sich auch dankbar weiterentwickelte, Blätter bildete und an Höhe gewann.

falscher MangoldWie groß war aber mein Erstaunen, als sich an jedem der Gemüsepflanzen ein Blütentrieb bildete. Da ich Panaroma von Tom Robbins gelesen habe, weiß ich zwar, dass Mangold blühen kann, aber ein prüfender Blick in Wikipedia zeigte mir: Dies geschieht erst im zweiten Lebensjahr der Pflanze und mein Mangold war eindeutig aus dieser Saison. So schloss ich messerscharf: Das ist gar kein Mangold, den mir die liebreizende stud. Ghahk da verkauft hat!

Aber was ist es dann?

(An dieser Stelle sollte der Leser der atemlosen Spannung wegen kurz innehalten, sich vielleicht einen beruhigenden Kräutertee aufgießen oder den Hund Gassi führen …)

Ich habe es herausgefunden – niemand muss in bangem Zweifel und brennender Ungeduld seine Bettruhe opfern oder mir Beistands-Emails schicken (obwohl – den einen oder anderen Kommentar hätte ich schon gerne):

Bei meinem „Mangold“ handelt es sich um – Trommelwirbel – Pok Choi (Brassica rapa chinensis, Biologe, bla, bla), auch Senfkohl genannt, ein Verwandter des Chinakohls. Poc Choi ist eine Gemüsepflanze, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte, denn Thailand oder die Volksrepublik gehören nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen. Bei feuchtem, warmem Wetter bildet die rasch wachsende Pflanze schnell Blüten aus. Und jetzt kommt’s.

Poc Choi wird in der Küche gerne als Spinat- oder Mangoldersatz verwendet. Er ist, was die Schwarzwurzel (auch ein Gemüse, das ich hasse) für den Spargel ist: Er sieht ähnlich aus, schmeckt aber nicht so gut. Was ihn von dem Spargel für Geizige unterscheidet – Poc Choi ist viel teurer als das Original.

Aber heute Abend gibt es erst einmal ein thailändisches Gemüse-Curry mit Poc Choi; am nächsten Freitag werde ich meiner freundlichen stud. Ghahk mal einen Besuch abstatten, vielleicht schaffe ich es diesmal, richtigen Mangold von ihr zu bekommen.

Wenn nicht – auch egal.

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