Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Samstag, 26.09.20 – Herbstgejammer und ein Thermenbesuch

Samstag, 26.09.2020

Liebe unbekannte Leserin,

eigentlich müsste dies heute wieder ein übelgelaunter und dunkelgrau depressiver Brief werden. Doch über meine Misserfolge als Autor und meine Sorgen im Privaten will ich schweigen. Ich möchte nicht zu denen gehören, die sich anderen zumuten, obwohl sie sich selbst kaum ertragen können. Ich habe schon einmal darüber geschrieben, kann ich mich erinnern:

Pünktlich wie die nasskalten Herbststürme, die Lebkuchen und die Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­nenrezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht, ist ab Ende September in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder auch wie ich meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch einen guten Monat hin ist, erinnert man sich plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachts-Weinerlichkeit und der Feiertags-Betroffenheit abgelöst. Dann folgt wie ein Naturgesetz die Winterdepression.

Es ist, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Frankfurter Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.(1)

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Mona­ten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät an­fangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Instagram-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det eh niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht

Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.

Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

Nachtrag: Was immer gegen die Herbstdepression hilft, ist eine Finnische Sauna; da schwitzt der Autor alles aus, was ihn belastet. Frau Klammerle und ich verbrachten den gestrigen Freitag in Bad Wörishofen in der Therme des Kursorts, wo wir ein paar Sauna- und Massagegutscheine aufbrauchten, die sich seit unseren letzten Geburtstagen angesammelt hatten. Es war unser erster Besuch in einer Wellness-Oase seit dem Pandemiebeginn. Es war schon eine recht merkwürdige Stimmung, die dort herrschte und im Hinterkopf nagte beständig die Coronafurcht. Aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit genossen wir einen gelungenen Tag. Wahrscheinlich ist eine 90°C heiße Sauna der vor einer Ansteckung sicherste Ort der Welt (Mein Arbeitsplatz ist es nicht, wie ich in dieser Woche erfahren musste). Die Abstandsregelungen wurden streng beachtet und man konnte die Therme nur mit Voranmeldung betreten. Dadurch war es für einen Freitag ungewohnt leer und das kalte Regenwetter passte perfekt.

Wir werden so etwas wieder häufiger machen.

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(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Samstag, 19.09.20 – Feuer im Herzen und ein Traum

Samstag, 19.09.2020

Liebe unbekannte Leserin,

hast du auch ein paar Lieblingswörter, deren Klang dir wie ein gelungener Löffel bei „The Taste“ auf der Zunge zergeht? Natürlich muss auch die Bedeutung mit dem Klang harmonieren. Sie ist der Duft, der die Leckerei spielerisch umschmeichelt – um bei meinem mehr als schrägen Beispiel aus der Küche zu bleiben. Bei mir sind das zum Beispiel die Wörter „Socke“, „Weichbild“ oder „Aequinoctium“. Letzteres – nämlich die herbstliche Tagundnachtgleiche – bedroht uns ja in diesen Tagen und macht mich Sommersonnenanbeter bange. Mir kann es nie hell und warm genug sein und nun ist es längst wieder dunkel, wenn ich morgens zur Arbeit aufbreche und bald wird es auch finster sein, wenn ich abgekämpft von ihr heimkehre. Das hinterlässt einen bittersüßen Geschmack nach Federweißem, Zwiebelkuchen, Steinpilzen und Kürbissuppe auf meinen Lippen, leider ist er vermischt mit feuchter Verwesung, Abschied und Tod. Dieses Jahr ist für mich im Privaten und für uns alle auch im Öffentlichen bislang ein furchtbares und niederschmetterndes gewesen und nun setzt es vehement zum Endspurt an. Keine Ahnung, was es noch für uns alle vorbereitet hat. Der Blick in die Nachrichten lässt mich erschaudern und das Schlimmste ahnen. (1)

Die hitzigen Spätsommertage in der letzten Woche jedoch habe ich durchaus als ein Geschenk empfunden und wirklich genossen. Aber sollte man ein Geschenk nicht eigentlich behalten dürfen? (2) Zumindest wäre es schon einmal schön, wenn man einen dieser letzten Sommerabendmomente, wie wir einen gestern auf unserer Gartenterrasse erleben durften, ein wenig in die Länge ziehen könnte oder wie einen alten Speicherpunkt in einem Computerspiel wieder starten dürfte. Obwohl es nach Untergang der Sonne rasch empfindlich kühl und klamm wurde, als vom sternenklaren Nachthimmel die Feuchtigkeit herabfiel, gelang es Frau Klammerle und mir, mit Hilfe unseres kleinen, aber tapfer brennenden und wärmenden Azteken-Ofens und eines fruchtschweren Muskatellerweins noch einmal den Sommer heraufzubeschwören und wenn es auch nur für zwei Stunden war.

Dies war übrigens wieder eine der Wochen, die ich auf diesem Blog fast allein mit mir selbst verbrachte und allein durch die großen Hallen meiner Literatur wandelte. Das ist zwar durchaus eine angenehme Gesellschaft, aber eigentlich wollte ich doch etwas anderes. Entschuldige bitte meine harten Worte: Aber hier Selbstgespräche zu führen, das hat schon etwas von Selbstbefriedigung. Würden sich nicht ab und an die fleißigen Bots der chinesischen Suchmaschine baidu.com meiner erbarmen und überaus neugierig auf meinem Blog herumschnüffeln (Ja, ich finde auch, dass Xi Jinping wie Winnie der Puuh aussieht!), dann hätte ich in der letzten Woche überhaupt keine Zugriffe auf meiner Site gehabt. Angeblich folgen lt. Statistik 150 Personen diesem Blog. Ich habe deshalb etwas aufgeräumt und mich von den Dateileichen befreit. Jetzt sind dann noch  15 „Follower“ übriggeblieben. Für diese fünfzehn und für dich, liebe unbekannte Leserin, schreibe ich das hier.

Auf der anderen Seite steht mir Einsamkeit gut an und ich genieße die viel zu seltenen Phasen, in denen ich allein mit mir bin. Deshalb bin ich ein begeisterter Bergwanderer. Da lodert wirklich ein Feuer in meinem Herzen. Gäbe es jemanden, der mir diese Leidenschaft bezahlen würde, dann würde ich frohen Mutes und glücklich jeden Morgen aus dem Tal hinauf in die Freiheit der Berggipfel steigen. Leider bot 2020 mir kaum Möglichkeiten, dieser Passion nachzugehen, denn mir ist in diesem Jahr immer unwohl, wenn ich mit Mundschutz my home and castle verlasse und unter Menschen gehe. Österreich und Südtirol mied ich aufgrund der Pandemie. Und dann machten mir die Allgäuer, deren Berge eigentlich mein Hauptziel sind, sehr deutlich, dass ich bei ihnen unerwünscht bin. Seit sie ihre Gastronomie und Hotels wieder geöffnet hatte, jammerten und klagten sie über den stotternd wieder einsetzenden Tourismus und verglichen ihre Gäste mit Heuschreckenschwärmen. Ich gewann den Eindruck, dass sie zwar mein Geld, aber nicht meine Anwesenheit wollen. Dann eben nicht … Am Freitag nun gelang es Frau Klammerle und mir, uns für einen Tag freizumachen und wir nahmen unseren ganzen Mut zusammen und fuhren am frühen, nebligen Morgen von Augsburg aus – nicht ins Allgäu, aber strikt nach Süden auf der B17 und der B23 in die uns nächsten Ausläufer des Ammergebirges. Wie bestellt, lichtete sich der dichte und kompakte Nebel, der als grauer Bettbezug über dem Lechtal hing, am Ortseingang von Oberammergau und wir begannen einen wunderbar sonnigen und tatsächlich recht einsamen Bergwandertag, der uns über die Kofelspitze in einer weiten Runde um den Herrgottsschnitzer- und Passionsspielort herumführte. Der Kofel selbst, der so dominant und wie unbezwingbar über Oberammergau in den Himmel ragt, ist übrigens ein nur 1342 m hoher Scheinriese, der in ca. eineinhalb Stunden ohne Schwierigkeiten ersteigbar ist, wenn man man mal von einer harmlosen Klettereinlage direkt unterhalb des Gipfels absieht, bei der erfahrene Wanderer nicht einmal die linke Hand aus der Hosentasche nehmen). Doch die karge Felsspitze mit ihrem überdimensionierten Gipfelkreuz bietet in der klaren Septemberluft einen lohnenden und weiten Rundumblick. Diese erste richtige Bergtour in diesem Jahr war für uns ein wenig wie ein Nachhausekommen nach langer Zeit. Wir zehren noch immer von den Eindrücken des Tages, den wir traditionell in der Ettaler Schaukäserei mit dem besten Käsekuchen der Welt (ungelogen!) beschlossen. Das Feuer brennt!

Und jetzt wirst du dich fragen, liebe unbekannte Leserin, wo denn nach all diesen Worten eigentlich die Literatur geblieben ist? Sie tröpfelt gerade, anstatt zu fließen. Der Strom meiner Imagination ist in diesem heißen Sommer ein wenig ausgetrocknet. Doch demnächst kommen die Herbststürme und dann wird er wieder mehr Wasser tragen, versprochen. Ich werde übrigens in der nächsten Woche meine Arbeiten an meinem neuen Roman „Aber ein Traum“ abschließen und für meine fleißigen Lektorinnen Korrekturexemplare machen lassen. Dann wird mein Kind in die Welt entlassen. Hoffentlich wird es dort ein wenig besser bestehen können, als seine zwölf Brüder vor ihm. Hier noch ein Textschnipsel aus dem Buch. (3)

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(1) Und hier muss ich voller Schrecken ergänzen, dass diese momentane Jahreszeit, in der die Natur langsam ihre Kraft und Fülle verliert, exakt den Zeitpunkt wiederspiegelt, in dem ich mich nach Jahren gerechnet befinde: Im Herbst meines Lebens. Auch wenn ich mich nicht so fühle: Statistisch betrachtet hat längst mein letztes Daseinsdrittel begonnen, wahrscheinlich eher schon das letzte Viertel. (Wenn ich nicht schon morgen von einem Auto überrollt werde).

(2) Kürzlich wollte mir eines der vielen, aufgrund der Pandemie verzweifelten Hotels in Südtirol mit einer Werbemail Appetit auf einen Herbsturlaub mit einem Zitat machen, das angeblich von Henri de Toulouse-Lautrec stammt:

Der Herbst ist der Frühling des Winters!

Klingt erst einmal gut. Ist aber höherer Blödsinn. Tatsächlich hat dieser Nonsene-Satz gerade Konjunktur und man kann ihn häufig – den verschiedensten Leuten untergeschoben – im Internet finden. Das macht ihn nicht weniger unsinnig. Ich bin im 2. Frühling meines Lebens? Quatsch! Wenn der Herbst der Frühling des Winters ist, ist dann der Frühling der Herbst des Winters? Oder der Sommer der Frühling des Herbstes? Oder vielleicht gar der Herbst der Herbst des Herbstes? Auf jeden Fall ist es kein Wunder, dass Frau Klammerle, ich und meine Katze gerade unter gewaltiger Frühjahrs-Herbstmüdigkeit leiden …

(3) So etwas lieben besonders die Instragramer, die viel zu faul sind, sich auf einen längeren Text einzulassen. Literatur muss dort auf eine kleine Seite Toilettenpapier passen und wird auf ähnliche Weise konsumiert – abreißen, benutzen, wegspülen. #textschnipsel

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