Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Tschingelbells, Tschingelbells … weihnachtliche Ohren- und andere Leiden

You gave it away …

Musik wird oft nicht schön gefunden,
weil sie stets mit Geräusch verbunden.

So. Damit habe ich auch einmal den Herrn Busch (Wilhelm, nicht George W.) zi­tiert. Das wäre auch abgehakt.

Tatsächlich jedoch erfreut mich Musik, sie ist ein wich­tiger, um nicht zu sagen, ein dominanter Teil meines alltäglichen Lebens, ich kann kaum ohne sie. Mein erster Gang am Morgen führt mich nicht ins Badezimmer oder zum geräuschvol­len Kaffeevollautomaten von Frau Klammerle, sondern noch vor dem Füttern meiner sich jeden Tag kurz vor dem Hungertod befindlichen Katze zum Radio. Auf dem Weg zur Arbeit dann und wieder zurück (immerhin eineinhalb Stunden an jedem Werktag) höre ich meine CD’s oder – ich gehe mit der Zeit –  bringe meinen neuen Bluetooth-Lautsprecher mithilfe des Smartphones zum Erklingen. Wenn ich schreibe oder lese, läuft immer im Hintergrund meine Musik (1) und ein Sonntag­morgen ohne Butterbreze, J. S. Bach oder Albert King ist kein gelun­gener für mich. Freilich goutiere ich nicht jede Art von Gesang – oder das, was manche dafür halten. Vieles ist für mich der oben zitierte an mei­nen Nerven zerrende Lärm, dazu gehören zum Beispiel moderner R&B, Hip-Hop, Gangsta-Rap, Volksgetümel, Schlager, Popgeträller, Death Metal und dazu eigentlich alles, was einen deutschen Text hat. Meine Welt sind der erdige Blues, der harte Rock, der schmelzende Soul der 60’er und 70’er, eleganter Jazz, Barock und die frühe, klassi­sche Musik mit ihren klaren, eindeutigen Strukturen. Dort fühle ich mich zuhause, in diese Kuscheldecke aus Klang wickle ich mich wohlig ein und lasse mich von ihr durch den Tag bringen und beim Schreiben begleiten.

Ich bin auch nicht unbedingt ein Feind von Weih­nachtsliedern, das will hier ich einmal deutlich sagen und auf meine weiche, sentimentale Seite hinweisen, die auf diesen Seiten viel zu kurz kommt. Wenn Slade „Merry Xmas“ gröhlen, AC/DC sich eine „Mistress for Christmas“ wünschen, Ian Anderson „Hey! Santa! Pass us that bottle, will you!“ ruft, dann singe ich voller Inbrunst mit. Wenn John Lennon „War is over“ anstimmt oder Mahi­lia Jackson mit ihrer göttlichen Stimme „Stille Nacht“ interpretiert, dann erwärmt sich sogar mein durch und durch kaltes, atheistisches Herz und ich werde ganz still und melancholisch.

Es gibt jedoch einen Popsong, den viele – aus was für Gründen auch immer, die sich mir nicht erschließen -, für ein Weih­nachtslied halten und der so furchtbar schlecht ist, dass er mir körperliches Unbehagen erzeugt, anhaltende Übelkeit und pochende Kopfschmerzen, pfeifende Ohren und einen eklen, langanhaltenden Geschmack auf der Zunge, den ich mit keiner Zahnbürste wegrubbeln, höchstens mit einem doppelten Glas Whiskey hinunterschlucken kann. Er ist noch grusliger als die grausamen Häns­chen-Klein-Melodien von Modern Talking oder das völkische Ge­winsel von Xavier Naidoo; schlimmer noch als alle Hei­no- oder Boygroup-Untaten zusammen. Meine Finger weigern sich gerade, den Titel dieses Verbrechens einzu­tippen, um zu verhindern, dass in einer Schublade mei­nes Gedächtnisses seine „Melodie“ einem Springteufel­chen gleich heraushüpft und mich quält. Obwohl man mir wahrlich kei­ne Homophobie unterstellen kann, werde ich dann für endlose 04:38 Minuten zum Schwulenhasser und suche, obwohl ich Pazifist bin,  in meiner Umgebung nach schweren Gegenständen, mit denen ich mir oder meiner Umgebung Schäden zufügen kann –  in erster Linie dem Lautsprecher, aus dem das vermeintliche Weihnachts-„Lied“ erklingt. Der eine oder andere wird es schon ahnen: Ich rede von „Last Christmas“ von Wham!, der größten musikalischen Katastrophe seit der Erfindung der „Melodica“!

Seit Jahren entspinnt sich in der schönen Vorweih­nachtszeit ein Kampf zwischen mir und George Michael. Wird es ihm gelingen, mir seinen Katzenjammer erneut um die Ohren zu blasen oder werde ich diesen Song  vier Wochen lang vermeiden können? Denn es vergeht kein Tag in der Adventszeit, an dem er nicht schleimig und schmalzig aus dem Radio, einem Glühmarkt- oder einem Kaufhauslautsprecher tropft. Auf vielen Top-Ten-Listen der beliebtesten Weihnachtslieder steht er tatsächlich ganz oben! So viel zu der Hoffnung von Immanuel Kant, der Mensch fände doch noch einen Ausweg aus seiner selbstgewählten Dummheit. Was muss in jemandem vorgehen, der dieses Lied mag, das wahrscheinlich ganz allein daran schuld ist, dass jedes Jahr vor dem Hl. Abend der Schnee weg­taut und sich Menschen von Brücken stürzen? Ich will es mir gar nicht vorstellen.

In den letzten drei, vier Jahren ist es mir gelungen, dem „letzten Weihnachten“ aus dem Weg zu gehen, die­ser Heimsuchung, gegen die die apokalyptischen Reiter ein heiterer Ausritt auf einem Pony sind. Diese Weihnachten je­doch sind Wham! die Sieger. Sie haben mich fertigge­macht. Dreimal haben sie bereits gnadenlos und un­barmherzig zugeschlagen, überraschend aus einer De­ckung heraus, ohne dass ich ihnen entfliehen oder meine Ohren abdecken konnte.

Es begann am Donnerstag, am Nikolausabend: Aus altruistischen Motiven heraus half ich meinem Vornamen verpflichtet auf dem Günzburger Altstadt-Weihnachtsmarkt jungen Menschen beim Crêpes- und Glühweinverkauf, als George Michael plötz­lich aus dem Lautsprecher neben dem Stand heraus sein Herz verschenkte. Eilends stellte ich mit Kennerblick fest, dass der Belag für die Crêpes knapp zu werden drohte und hetzte in einen nahegelegenen Supermarkt. Als letzter an der Kassenschlange – Sie wissen ja, ich bin immer der letzte – wurde ich mit sechs gro­ßen Nutellagläsern in den Armen zwischen Einkaufswü­tigen und meinem Nuss- und Mandelkern verteilenden Namensvetter eingezwängt und so zur völligen Bewe­gungslosigkeit verurteilt. Und im Kaufhausradio erklang 04:38 Minuten lang: „Last Christmas“! Die tür­kische Mutter, die vor mir zehn Schoko-Nikoläuse auf das Förderband legte, sang selig mit.

Auf dem langen Heimweg zurück nach Diedorf gelang es mir in der Nacht endlich, mithilfe meines Twitter-Freundes Eric Burdon die Ohrmuscheln zu reinigen und ich hoffte, dass es jetzt auch gut war. Aber George Michael hatte wohl Blut ge­leckt, denn am Wochenende schlug er wieder zu, vollkommen über­raschend und so hinterhältig, dass ich überlege, ob ich ihn über seinen Tod hinaus nicht mit einer Zivilklage überziehen und Schmer­zensgeld verlangen kann. Und das kam so:

Frau Klammerle hat in ihrem unnachahmlichen Sinn für Humor ausgerechnet den letzten Freitag dazu aus­erwählt, für mich einen Termin beim Zahnarzt zu ver­einbaren. Um 09:41 Uhr lag ich wehrlos auf seinem Stuhl. Er hielt mir etliche metallene Gegenstände in den Mund und kratzte hartnäckig und mit zunehmender Begeisterung an irgendwelchen Belä­gen. Und wer  begleitete aus dem Praxisradio heraus be­geistert meine Tortur 04:38 Minuten lang mit seiner un­vergleichlichen Stimme, die schmerzhafter und spitzer in meinen Zähnen bohrte, als das mein Zahnarzt je ver­mag? Begleitet von der Helferin, die begeistert mits­ang und den Absaugschlauch im Takt in meinen Gau­men stieß? Na, wer in der Klasse kann mir das sagen?

You gave it away …

Wann ist endlich diese endlose Vorweihnachtszeit vorbei? (2)

Eine schöne Adventswoche mit der Musik Eures Geschmacks wünscht Euch allen

 

 

 

 

Nikolaus Klammer

 

_____
(1) Im Augenblick singt sich gerade James Brown die Seele aus dem Leib: I’m A Sex Machine…

(2) Diese und viele weitere Geschichten findet ihr hier:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

 

 

Isabella, die Krippenkatze (Teil EINS)

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer
und die Fortsetzung von

Karl-Heinz, der Weihnachtshund.

(Diesmal ohne die Mitwirkung von Hans-Dieter Heun,
der Katzen verabscheut,
dem Obengenannter Homme de lettres
allerdings zum Plaisir der geneigten Leser
sintemalen die Anregung
zu seinem neuen köstlichen Werk
verdankt.)
Ich wünsche so viel Vergnügen beim Lesen, wie ich beim Schreiben hatte.

weihnachtsband

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, las Egon M. Friederbusch sich selbst laut den Satz vor, den er eben in dem Textverarbeitungsprogramm seines Laptops getippt hatte. Er bekam von den Wörtern einen schlechten, fauligen Geschmack im Mund – ganz, als hätte er eine vergessene alte Fleischfaser zwischen den Zähnen, die er mit Zahnseide nicht entfernen konnte. Stirnrunzelnd hob er seinen rechten Zeigefinger. Er schwebte drohend über der Backspace-Taste der Tastatur – dem Fallbeil eines Scharfrichters gleich.

„Ach“, dachte er mit viel Mitleid mit sich selbst, „ich bin mir doch selbst der ärgste Kritiker. Einer von diesen Hobbydichterlingen, der kein ernsthafter Autor ist, kennt die Qualen des Schreibens und den Kampf mit dem ersten Satz nicht. Aber ist der einmal geschrieben, kommt der Rest ganz von selbst.“

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, war jedoch nicht dieser erste Satz, der wie eine Bombe einschlug. Da musste Friederbusch noch mehr Spreng- und Klebstoff anhäufen, damit der Leser hängen blieb und mit in die Luft flog. Der Schriftsteller seufzte und sein Finger fiel herab wie ein Habicht, der im Gras tief unter sich eine Maus erblickt hat. Kurz darauf war der Monitor des Computers wieder eine weiße, jungfräuliche Fläche und wirkte auf ihn wie der frisch gefallene Schnee auf dem Rasenrechteck hinter seinem Haus. Nichts verriet mehr von diesem ersten, missglückten Versuch, der nun im digitalen Orkus von Friederbuschs verunglückten Romananfängen bei vielen Leidensgenossen lag und sich bitter über einen solch herzlosen Schöpfer beklagte.

Für heute hatte sich Friederbusch, den seine wenigen Freunde liebevoll Friedi nannten, fest vorgenommen, endlich den vierten Teil seiner Romanserie um den heldenhaften Zauberlehrling Edwin Egard zu beginnen. Es war ein bitterkalter, nebliger Sonntagnachmittag Mitte Dezember; der dritte Advent. Bei diesem Wetter jagte man nicht einmal einen Hund vor die Tür, geschweige denn einen erfolgreichen Schriftsteller. Nachdem er also ausgiebig zu Mittag gegessen, ein kleines Verdauungsschläfchen und aufgrund der gestern verputzten Lebkuchenmengen einen bemerkenswerten Stuhlgang genossen hatte, waren ihm einfach die Ausreden ausgegangen, mit denen er sich normalerweise vor seiner Arbeit drückte. Also bereitete er erst einmal sein unordentliches Schreibzimmer vor. Er startete den Computer, legte drei gespitzte Bleistifte und einen Notizblock neben der Tastatur auf die blanke Schreibtischplatte, wählte bei Spotify die Musik, die ihn in die richtige Stimmung brachte – John Williams‘ Harry PotterSoundtrack, von dem er schon lange glaubte, dass er an die Machwerke dieser unverschämten Britin, die Friederbusch so schamlos plagiierte, verschwendet war – und kochte sich anschließend noch vorausschauend einen kräftigen Kamillentee, in dem gehobelter Ingwer schwamm, der nun in einer von ihm selbst getöpferten Tasse auf einem Stövchen thronend in Griffweite köchelte und seinen strengen Duft nach schlecht gelüftetem Krankenzimmer und nassen Windeln verbreitete.

„Oh, nein, der beste Freund des Autors sind durchaus nicht LSD, Absinth, kubanischer Rum oder ein Highball, sondern wärmende und der Verdauung förderliche Kräutertees“, dachte Friederbusch, „besonders wenn mir später an diesem Abend noch ein Schäferstündchen mit meinem geliebten Mariele droht.“

Bei diesem Stelldichein würde Marie-Theres Kienbauer – sein etwas ungeordnetes Verhältnis und seine Verlegerin in Personalunion – ein weiteres Mal völlig talentfrei, aber nicht weniger enthusiastisch demonstrieren, dass aufgrund ihrer abgründigen Kochkünste die Liebe zu ihr eben nicht durch den Magen führte. Im Moment hatte sie die Weihnachtsbäckerei für sich entdeckt und quälte ihren Friedi mit halbverbrannten, unförmigen Plätzchen, die zwar alle unterschiedliche, wohlklingende Namen und leckere Zutaten hatten, aber jedes wie ein zertretender alter Hundehaufen auf einer Oblate aussah und auch entsprechend schmeckte. Dazu war das Kienbauersche Gebäck so hart wie die Kiesel im Fluss Fiesel, der durch das altehrwürdige Brombach – erneut der Schauplatz unserer gar erstaunlichen Geschichte – floss. Friederbusch konnte die Plätzchen nur unzerkaut mit viel Glühpunsch herunterwürgen, wenn er das Amalgan in seiner Zähnen behalten wollte. Anschließend lagen diese granitenen Steinklumpen noch gefühlte achtundvierzig Stunden unverdaut in der Magensäure. Ihnen konnte nicht einmal das hochkochende Sodbrennen etwas anhaben. Friederbusch verbrauchte gerade jede Woche eine Großpackung Bullrich-Salz. Aber was tut man nicht alles für die Liebe?

Über diesen Vorbereitungen und düsteren Gedanken war es draußen langsam dunkel geworden und Friederbusch musste Licht machen, zündete zusätzlich noch ein paar Kerzen an, um sich in die geeignete Stimmung für seinen Zauberlehrling zu bringen. Dabei fröstelte es ihn plötzlich. Erschrocken sah er an sich herunter. Das hatte er doch glattauer vergessen! Er holte eilig seine schäbige und löchrige Schreibjacke und zog sie sich über. In ihrer filzigen, rostfarbenen Wolle heimelig wie in den Armen seiner Mutter geborgen, hatte er die besten seiner Geschichten geschrieben. Das fadenscheinige, mottenzerfressene Kleidungsstück war ihm ein Talisman, den er nicht missen wollte.

Dann setzte er sich ächzend auf seinen bequemen Bürostuhl. Zuerst verschränkte er seine Finger, streckte sie von sich und ließ sie knacken. Jetzt gab es nichts mehr, was Egon M. Friederbusch von einer leidenschaftlichen Begegnung mit seiner Muse und einem Kuss von ihr abhalten konnte. Selbstverständlich meinte er in diesem Moment Kalliope, die weise, herzerquickende und hervorragendste von allen Musen -, und nicht sein Mariele, die voluminöse, rosenhäuptige und treulose, die nach einer kurzen Affaire mit dem Besitzer einer Dönerbude reumütig zu der Liaison mit ihrem Friedi zurückgekehrt war, obwohl dieser ihre Abwesenheit eigentlich kaum bemerkt und noch weniger vermisst hatte. Doch obwohl er die Olympische Muse sehnsuchtsvoll erwartete, wollte sie sich nicht einstellen. (Kalliope war verhindert, denn ihr Lieblingsautor Nikolaus Xaver Maria Klammer verwöhnte sie gerade an diesem Tag mit einem kleinen privaten Souper. Im Moment ließ sie ein heißes, duftendes Schaumbad für sie beide ein.)

Dafür klingelte es plötzlich an Friederbuschs Haustüre Sturm. Erzürnt schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Es gab nur drei verzeihbare Gründe für eine Störung, wenn er sich zum Schreiben zurückzog – ein Dachbrand, Zombies im Keller oder einen Scheck von seinem Verleger. Schier endloses Geläute gehörte nicht dazu, auch wenn es zu Friederbuschs Erstaunen nicht nach dem normalen Klingelton, sondern nach Jingle Bells klang – mit einem Kinder-Xylophon nicht ganz taktsicher gespielt. Sogar eine sonore Gesangsstimme ertönte dazu:

„Dschungel-Bäh, Dschungel-Bäh,
Handtuch, Handtuch, hey!“

Eiswürfel schmolzen langsam von Friederbuschs Nacken herab. Er kannte den Sänger, auch wenn er verzweifelt den Kopf schüttelte und es nicht wahrhaben wollte. Und richtig: Als er zögernd von seinem Schreibzimmer zur Haustür ging, konnte er bereits im Flur die Ausdünstungen der Besucher riechen. Es stank atemberaubend nach Stall, Dung, Kuhfladen, nassem Hund, das Ganze exquisit vermischt mit Glühwein, Tannennadelschaumbad und Christstollenduft. Der Autor öffnete die Tür und die Ahnung, die ihm eben noch kalt den Rücken hinunter gelaufen war, bestätigte sich.

Auf dem Fußabtreter vor seinem Haus standen Singing Sam, der graue, singende Christmas-Donkey-Kuschelesel, der seinen rechten Vorderhuf auf Friederbuschs Klingel presste, und neben ihm

Karl-Heinz, der Weihnachtshund,

der sofort seinen mächtigen schwarzen Labrador-Körper in Bewegung setzte und sich grußlos an Friederbusch vorbei in dessen Wohnung quetschte, als wäre sie sein Zuhause – was sie ja tatsächlich für eine Weile auch gewesen war. Sein Ziel war das Wohnzimmer, in dem er mit feuchten, schmutzstarren Pfoten auf dem Teppich verharrte. Sam beendete seinen Vortrag auf dem hohen C und schob sich ebenfalls an dem zur Salzsäule erstarrten Schriftsteller vorbei, den er problemlos zur Seite und so fest gegen die Wand drückte, dass diesem der Atem stockte.

„Was …?“, ächzte Friederbusch.

„Hey, Friedi“, sagte Sam kryptisch wie immer, „ist voll stabil die Location hier, Homie. Gib mir eine Fünf auf den Huf, Alter. Yiaah!“

Dann war auch der Esel in der Wohnung. Er bog in die große, offene Küche ab, die der einzige Raum war, der für ein Grautier mit seinen Ausmaßen ausreichend proportioniert war. Friederbusch blieb nichts anderes mehr zu tun, als den Kopf hinaus in die Kälte und die Dunkelheit zu strecken, um zu kontrollieren, ob seine neugierigen Nachbarn in ihren Fenstern standen und starrten – was sie selbst­verständlich auch taten und sich kopfschüttelnd in ihrer Meinung über die Herren Künstler im Allge­meinen und den Herrn Friederbusch im Speziellen bestätigt fühlten. Dann schloss er eilig die Haustür hinter den beiden unerwarteten Eindringlingen, die er tatsächlich schon ein paar Jahre nicht mehr gese­hen hatte – seit der unerfreulichen Affäre um Her­bert, das Osterkarlnickel, nicht mehr. Er wusste zwar, dass Karl-Heinz inzwischen bei Jan Philipp Rabenhorn, dem gestrengen Lektor des Kienbauer-Verlags, lebte – wo sich Sam das ganze Jahr über her­umtrieb, hatte er keine Ahnung und wollte es eigent­lich auch nicht wissen –, aber es gelang ihm inzwi­schen recht gut, sich in seinem alltäglichen Leben einzureden, dass Weihnachtshunde und singende Esel eine jener Wahnvorstellung waren, die für die Psychose von Fantasy-Autoren typisch sind. Nur auf diese Weise konnte er einigermaßen normal in sei­nem Leben funktionieren und seinen Alltag bewälti­gen, ohne nackt und schreiend durch die Gassen von Bromberg  zu laufen.

Karl-Heinz streckte schnüffelnd den Kopf durch die Wohnzimmertür.

„Wo, beim alten Pinkelbaum, hast du deine Bibel, Friedi?“, fragte er leise knurrend und ihm war anzu­merken, dass er sich um eine ruhige Stimme bemüh­te. „Du besitzt doch eine, oder?“

„Aber selbstredend. Wo, meinst du, klaue ich sonst meine Geschichten? Manchmal brauche ich die Ein­gebung des Herrn … also, das Alte Testament und Shakespeare. Wozu brauchst du denn meine alte Kommunions-Bibel?“

 Der Hund bellte kurz und streng und fletschte sein noch immer beeindruckendes Gebiss. „Hole sie einfach.“

„Augenblick. Ich habe sie oben in meinem Schreib­zimmer“, antwortete der Autor und stolperte die Treppe hinauf.

„Und bring was zum Trinken mit, Bro! Ich meine damit was Richtiges, nicht diese Kamillentee-Pisse“, rief ihm Sam hinterher, der sich vergeblich damit ab­mühte, die Kühlschranktür mit seinen Vorderhufen zu öffnen und einige dampfende – wie nennt man das eigentlich – Eselsäpfel (?) auf die schwarzen Schie­ferfliesen der modernen Küche klatschen ließ. „Disst voll, deine Einrichtung, Alter. Das ist Diskri­minierung, sollteste mal eselsgerecht ausbauen.“

Friederbuschs alte Bibel stand zwischen dem Recht­schreib-Duden und dem Großen Büchmann (geflü­gelte Worte von Aristoteles bis Zappa; 40. Auflage. Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1995). Ins Erdge­schoss zurückgekehrt, musste er erst den Staub vom Goldschnitt blasen, bevor er das dicke, zerlesene Buch öffnete.

„Auf geht’s. Lukas, 2, 11. ff., lies vor“, forderte der Hund aufgeregt. Sogar Sam hielt jetzt den Mund. Der Autor blätterte.

„Ähh … hier, ja, das ist die Weihnachtsgeschichte: Euch wurde heute in der Stadt Davids ein Retter geboren, der ist Messias und Herr. Und dies soll euch zum Zeichen sein. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln eingehüllt und neben einer wunderschönen, kuschligen Katze in ei­ner Krippe liegend.‘

Friederbusch zögerte. Ihm war das betretene Schweigen seiner Besucher unheimlich. Seine Augen wanderten zwischen den beiden hin und her. „Soll ich noch weiterlesen?“

Karl-Heinz winkte niedergeschlagen mit der Pfote ab.

„Nein, nein, das reicht schon“, erwiderte er mit deutlicher Resignation in der Stimme, „das gibt mir bereits den Rest.“ Er spürte plötzlich wieder sein Al­ter von sechshundertvierunddreißig Jahren in den müden, morschen Hundeknochen. Sam hätte wahr­scheinlich gesagt, er wäre voll zu alt für den Scheiß. Doch im Moment war auch er schockiert:

„Alter, das reicht so was von … Das ist ja krasser als ich vermutete, voll der stabile Fake, ey. Ich check’s nicht.“ Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. Er und der Weihnachtshund tauschten einen langen Blick. Friederbusch klappte das Buch zu.

„Kann mir mal einer sagen, wo das Problem liegt? Und warum ihr damit zu mir gekommen seid?“

„Sag mir erst noch: Was ist das für eine Katze, die Lukas da erwähnt?“

„Na, das weiß doch wohl jedes Kind. Lebst du hin­ter dem Mond, Hund? Deshalb gibt es ja überall in der Weihnachtszeit Katzenzungen, Schokoladenkat­zen-Hohlfiguren und Marzipankatzenpfoten zu kau­fen: Das ist Isabella, die Krippenkatze. Du kennst doch das Lied: Süßer die Katzen nie maunzen, als in der Weihnachtszeit.

Karl-Heinz blieb die Spucke weg. Sein verzweifeltes Jaulen war rau und jämmerlich.

„Bro …“, murmelte Sam entsetzt, „da läuft was so was von schief, ey.“

[Zum 2. Teil]

Dienstag, 10.12.19 – Facebook, Werbung, Isabella und der Weihnachtshund

Dienstag, 10.12.19

Facebook, Werbung, Isabella und der Weihnachtshund

Ich verbringe im Moment aufgrund meines harnäckigen Hexenschusses, der mich zu relativer Bewegungslosigkeit ins Haus verdammt, viel Zeit am PC und kann an einigen Projekten arbeiten, die im Lauf des Jahres liegengeblieben sind. Sollten meine Texte und Blogeinträge im Moment etwas rührselig, klagend oder gar weinerlich wirken, so entschuldige ich mich an dieser Stelle. Das  bin nicht ich, sondern aus mir spricht das Leid. Das liegt ausschließlich an meinen Rückenschmerzen, die sich weiterhin bei jeder Drehung meines Körpers melden. Erstaunlich, wie schnell ich mich an sie gewöhnt habe und sie inzwischen fast für selbstverständlich nehme. Aber insgesamt gesehen, geht es aufwärts, langsam zwar, nur graduell, aber inzwischen spürbar. Der Schmerz kam abrupt, von einem Augenblick auf den anderen, aber er hat es sich bequem in meiner Hüfte eingerichtet und verlässt diesen warmen Ort nur zögernd und unwillig. Aber die Hoffnung ist da, dass ich zumindest bis Weihnachten wieder einigermaßen hergestellt bin. In der Zwischenzeit jammere ich weiter, schreibe, fresse zuviel Loible und warte.

*

Gestern habe ich den Abschlussteil des bellend-tristischen Meisterwerks „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ hier im Blog veröffentlicht und er bleibt nun für die nächsten drei, vier Wochen an dieser Stelle online lesbar, bis ich ihn wieder privat stellen werde.

Ich weiß nicht, was mich ritt, aber ich wollte dem satirischen Weihnachtsmärchen, das ich wirklich mag, einen breiteren Auftritt gönnen und habe es auf  Facebook beworben, wo ich ja eine Künstlerseite betreibe, die noch niemals einer der wenigen Besucher meines Blogs aufgerufen hat oder gar ein „Gefällt mir“ dort zurückließ. Dieser „Spaß“ hat mich verschmerzbare zehn Euro gekostet und der Erfolg war – wie ich eigentlich nicht anders erwartet hatte -, äußerst durchwachsen. In der letzten Woche bekamen etwa 3000 Facebooker in Bayern zwischen 30 und 65+ auf ihrer Seite meine Werbung angezeigt, die die meisten von ihnen selbstverständlich sofort weiterscrollten, ohne einen weiteren Blick zu verschwenden. Unten auf der Statistikabbildung, die einem FB zur Verfügung stellt, kann man, nach Männlein und Weiblein aufgeschlüsselt, sehen, wieviele der von mir Umworbenen das Angebot doch angenommen haben, tatsächlich auf die Anzeige klickten, ihre Facebook-Höhle verließen und dann, zu ihrem fassungslosen Erstaunen von der blendenden Schönheit und Helle meines Blog geblendet, hier landeten. Es waren immerhin ungefähr 2 % von allen, die meine Werbung bekamen, übrigens in der überwältigenden Mehrheit von 87,5 % Frauen, die meisten zwischen 50 und 60 Jahre alt und damit aus meiner Altersstufe. Das bestätigt mich in meiner Meinung, dass Literatur heutzutage nur noch von Frauen und in der Hauptsache von der Babyboomer-Generation konsumiert wird. Die müsste ich also umschmeicheln, wenn ich mit meinen Texten mehr Erfolg haben will(1). Die Männer hingegen verdummen und wählen die AfD … vielleicht sollte ich mal eine Geschichte über einen Fußballhund schreiben, der einen SUV fährt. Von diesen 60 mutigen Frauen (Danke!) haben mir dann fünf übermittelt, dass ihnen mein Karl-Heinz gefallen hätte – es sind übrigens ausschließlich Damen gewesen, die Hunde lieben.

Ich habe zeitgleich auch auf meinem nigelnagelneuen Instagram-Account für den Hund geworben – aber dort findet man offenbar zwar viele „Gefällt mir“-Klicker, doch keine Leser, die sich trauen, die schöne, neue Instagram-Welt zu verlassen und auf meinen Blog zu gehen. Diese Welt der sozialen Netzwerke, auch die hier auf WordPress, bleibt mir weiterhin verschlossen und ich weiß auch nach beinahe 8 Jahren „Aber ein Traum“ nicht, wie ich Menschen finden kann, die sich für meine Literatur interessieren.

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Da es einige gibt, die es ablehnen, meine Texte hier im Blog in kleine Dosen zerhackstückt zu lesen (das kann ich durchaus verstehen), stelle ich hier bis zum „Drei-Königs-Tag“ als Zip-Datei gratis die E-Book-Varianten (azw und epub) des „Weihnachtshundes“ ein, die man sich durch einen Klick auf das Cover unten herunterladen und dann auf dem Lesegerät des Vertrauens genießen oder die 60 spannenden, abenteuerlichen, phantastischen und humorvollen Seiten meiner Weihnachtsmärchen-Satire meinetwegen ausdrucken kann. Ich bin gespannt, ob jemand dieses Angebot annimmt.

Zur kostenlosen E-Book-Ausgabe von
Karl-Heinz, der Weihnachtshund

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Schließlich schreit der gute Weihnachtshund nach einer Fortsetzung. Es sind ja auch noch 2 Wochen bis Weihnachten. Deshalb werde ich in den nächsten Adventstagen auch das atemberaubende Märchen von Isabella, der Krippenkatze folgen lassen, in denen alle liebgewonnenen Hauptfiguren von Karl-Heinz auftauchen und in ein neues, unvorstellbares Abenteuer verwickelt werden. Es kommt sogar ein Drache vor! Diesmal stammt der Text ausschließlich von mir und da ich es wie Bukowski halte, nämlich „Hunde mehr mag als Menschen und Katzen mehr als Hunde“, dreht sich diesmal alles um die geschmeidigen Zimmertiger, die die Welt und im Speziellen die biblische Weihnachtsgeschichte ändern wollen.

Möge auch diese Geschichte mit dem gleichen Ernst gelesen werden, mit dem sie geschrieben wurde.


(1) Allerdings liegt tonnenschwer ein Gewicht auf meinen Büchern: Das Genre „Fantasy“, das die meisten Leserinnen gar nicht oder nur mit Vorsicht berühren wollen. Dabei sind von meinen zehn veröffentlichten Büchern momentan nur zwei diesem Genre zuzuordnen.

Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil VIER (Schluss)

[← ZUM ERSTEN TEIL]

Vier Helden mit zwölf Füßen traten in den dich­ten, bei­ßenden Nebel, der wie ein Leichentuch auf der Winter­wunderwelt des Karlnalrumpel­stilzchens lastete und wurden von ihm ver­schluckt. Ne­beneinander, nur durch eine Hundeleine miteinan­der ver­bunden, gingen stumm und ent­schlossen: Ömer Özgür, eine Geheimwaffe in der Tasche, von der außer ihm noch nie­mand etwas wusste, stolzer Besitzer der Imbissbude Traum vom Bosporus, er hielt seinen Dönerspieß wie ei­nen Speer nach vorn in die verwaschene Düsternis ge­streckt, in der man keine zwei Schritte weit sehen konnte, dane­ben trottete besorgt Karl-Heinz, der große, alte Weih­nachtshund, der letzte seiner Art, der noch Zähne zum Zubei­ßen fletschen und schwere Walnüssen aus sei­nem Sack schleudern konnte und an sei­ner Seite ging der treue Singin‘ Sam, der Esel, dessen Zunge wie eine Peitsche zu­schlug und dessen Gesang die Reihen des Fein­des zum Erzit­tern bringen konnte. Das Grautier, dass trotz sei­ner Vorliebe für Weihnachts­punsch leider keine rotleuchtende Nase besaß wie sein Vetter Ru­dolph, das Rentier, eine Schnauze, die die Szenerie hätte erhellen können, summte leise die Melodie von „Auf in den Kampf, Torero“ vor sich hin. Die drei mutigen Re­cken folgten wie die drei Weisen aus dem Morgenland ihrem Stern: Jan Philipp Rabenhorn, dem letzten Ritter des ed­len Ge­schlechts der Ceratias-Corvus, der die Faust so fest um den Griff seines orange schimmernden, in El Ixir ge­tauchten Schwertes ge­klammert hielt, dass seine Knöchel weiß hervortra­ten. Ihn leitete sein Instinkt sicher durch den dichten Nebel.

Noch nie hatten die uralten Hallen unter Bromberg solch mu­tige, zu allem entschlossene Helden gesehen und noch nie war auch so viel auf dem Spiel gestanden. Nachdem das Quartett eine gefühlte Ewigkeit unterwegs war und zumindest in Ömer ein erster Zweifel auftauchte, ob sie auf dem richtigen Weg und nicht von dem selben abge­kommen wären, erklangen direkt vor­aus dumpf klatschen­de Geräusche und es waren ein paar farbi­ge Lichter in dem stumpfen Weiß auszumachen, das sich end­lich et­was lichtete und eine ungesunde, giftig-grüne Färbung an­nahm. Mit heftigem Schwefelgestank wehte eine üble Bri­se die letzten Reste der Nebelschwaden hinfort und die vier Hel­den waren an ihrem Ziel angelangt: Dem Nest des großen Karl­nickels.

Die Halle erinnerte hier an einen noch tätigen Höllen­vulkan, an dessen Rand sie nun standen und hinunter starrten. In sei­ner Mitte, zu der das nach Kohl, altem, fet­ten Hack und faulen Eiern dünstende Gelände flach abfiel, brodelte eine gewaltige Grube, in der ein hellloderndes Feuer brannte. Davor kauerte wie ein Schattenriss eine dunkle, gigantische Gestalt mit zwei langen, spitzen Oh­ren, die bis zur Decke reichten, von der kaum zählbar viele dicke Wurzelstränge teilweise bis zum Bo­den herabhin­gen. Die meisten von ihnen sahen aus, als hätte eine Biberarmee sie angefressen. Die Grube ihres Gegners – denn niemand anderes als der Karlnickelkönig saß dort am Feu­er und briet sich etwas Undefinierbares in einer monströsen Bratpfanne, während er ih­nen seinen schwar­zen behaarten Rü­cken zuwandte – diese Grube musste di­rekt unterhalb des gro­ßen Pinkelbaums liegen, der den Weihnachtsmarktplatz von Bromberg zierte und in den letzten Jahren schon recht ange­schlagen und vertrocknet gewirkt hatte; weshalb der Stadtrat, der um seine Bedeu­tung wusste, die Weih­nachtsbeleuchtung das ganze Jahr über hängen ließ.

Rabenhorn wollte schon entschlossen auf den übermäch­tigen Gegner losstürmen, als ihn Ömer in die Rippen stieß und zur Seite deutete, wo völlig unbewacht einige Gefängniskäfige am Kraterrand standen, von denen nur einer belegt war: MARIE-THERES! Rabenhorn fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatten sei­ne Chefin gefunden und sie lebte noch, winkte aufgeregt zu ih­nen herüber. Selt­sam, der Lektor hatte das Gefühl, der Kohlge­stank ginge von ihr aus, ein Gefühl, das sich mit jedem Schritt, mit dem er sich ihrem Gefängnis näherte, verstärkte.

‚Schichtkohl, die Kienbauer riecht nach Schichtkohl. Wahr­scheinlich hat sie wieder mal diese Scheußlichkeit ge­kocht und der Karlnickelkönig hat sie deshalb noch nicht gefressen, weil sie so stinkt‘, erkannte er plötzlich erfreut. Ihre Vorliebe für diese unbeschreiblich grauenvolle Speise hatte sie gerettet. Auch Karl-Heinz verzog angewidert die Schnauze und sogar Singin‘ Sam, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, bemerkte zur Seite:
„Boah, eh, Babo! Die alte Chick müfft vielleicht. Ist das krass!“

Nur Ömer weitete verzückt seine Nasenflügel, schnup­perte den Duft, der von der Gefangenen ausging und ihm ging das Herz auf. Hier roch es wie hinter seiner Döner­bude und ein hef­tiges Heimweh befiel ihn. Sein dunkel schmachtender Blick kreuzte den blauäugigen von Marie-Theres und wenn jemals zwei Seelen durch ein Augen­blinzeln zu einer verschmolzen, dann waren es die des Türken und der Verlegerin. Mit einem laut klirrenden Schwerthieb durchtrennte Rabenhorn die Kette mit dem Vorhän­geschloss, die das Gefängnis versperrte und an ihm vorbei stürz­te zu seiner Verblüffung eine ziemlich de­rangierte, aber vollkom­men unversehrte Marie-Theres und landete aufschluchzend in den starken Armen von Ömer.

‚Da wird der arme Friederbusch in der nächsten Zeit ein paar traurige Bücher abliefern‘, dachte Rabenhorn, ‚aber ein Dichter sollte ja leiden, wenn er Großes vollbringen will.‘

Seine Nackenhaare standen plötzlich zu Berge, denn er hörte ein mächtiges Grunzen hinter sich und ein Ge­räusch, als wür­de sich ein Berg erheben. Der Lärm, den er mit seinem Gewal­thieb gemacht, hatte die Aufmerksam­keit des Karlnickelkönigs erweckt, der sich nun unten am Feuer zu seiner ganzen Größe aufrichtete und donnernd mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Oben auf dem Weihnachtsmarkt um den großen Pinkel­baum wurde durch dieses mittlere Erdbeben viel Glühwein ver­schüttet und die Brat­würste glitten aus ihren Brötchen. Überall rieselte Erde wie dün­ne Wasserfälle herab in die Höhle. Noch so eine Erschütterung und die Decke würde einstür­zen, mitsamt den Feiernden oben und allen Buden und Würstchen- und Punschständen, erkannte Rabenhorn. Das schwarze Ungeheuer ließ einen schrillen Pfiff ertö­nen. Fast gleichzeitig tauchten am Kraterrand unzählige kleine Karlnickel auf, gefährliche, scharf­zahnige und zähe Bies­ter, die sich unvermittelt mit einem Auf­schrei auf die Helden und die gerettete „Jungfer“ stürzten.

„Das wird jetzt übelst derbe, Bro“, murmelte der Esel und er sollte recht behalten:

Es wurde jetzt oberübelst, uzverdammt derbe. Was nun folgte, ging in die Annalen der Stadt Bromberg als „Die Große Schlacht in den Weihnachtshöhlen“ ein. Jeder hat sie mehr oder weniger begeistert in der Schule als Pflicht­lektüre lesen müssen und sie und die Heldentaten der Tapferen brauchen daher an dieser Stel­le nicht erneut er­zählt werden. Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Schlacht nie einen Sänger gefunden hätte, der von ihr in seinem Heldenepos berichtete, wenn nicht Ömer Özgür, der Im­bissbudenbesitzer, den Tag gerettet hätte. Er zog eine kleine Pfei­fe hervor und blies in der höchsten Not in sie, gerade, als die Re­cken von den Massen der Karlnickel aus­sichtslos umflutet und eingekreist waren, ihr König sich schon mit stampfendem Schritt, die Bratpfanne wie eine Keule schleu­dernd, genähert hat­te. Seltsam – nichts war zu hören… und doch!

„In diesen Grenzen mit des Herrschers Ton Mord rufen und des Krieges Hunde entfesseln …,“ zitierte Ömer mal wieder sei­nen Lieblingsautor, erneut aus Julius Cäsar, wie Rabenhorn wohlwollend registrierte. „Dass diese Schand­tat auf der Erde stinke von Menschenaas, das um Bestat­tung ächzt!“

Und die Hundepfeife wirkte! Von überall kamen sie, von allen Seiten. Sie stürmten den Hang hinab, die Hunde und Esel des Krieges, die nur auf ihr Signal gewartet hat­ten: Karl-Georg, der gewaltige Dobermann, Karl-Gustl, der Berner Sennenhund, Car­los-Santana, der schwarze Pudel, Karl-Maria, der kurzbei­nige Dackel und all die an­deren Weihnachtshunde mit ihren ro­ten Mützen und den Säcken voller Hundetrockennahrung und unter ihnen Jumpin‘ Jack, Hoppin‘ Hermann, Cryin‘ Clause und Hummin‘ Henry, die Brüder von Singin‘ Sam. Ihr Kriegs­gesang erschütterte erneut die Halle und wie Haie stürzten sich die Weihnachtstiere in die Fluten der bösar­tigen Karlnickelar­mee, brachten sie zum Wanken, gar zum Zurückweichen! Es war eine entsetzliche Schlacht, der das Heldenquartett stau­nend und in letzter Sekunde glücklich gerettet wie einem ab­surden Theater­stück bei­wohnte.

Da zupfte Karl-Heinz den Rabenhorn mit der Schnauze am Är­mel.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, fragte er.

„Du kannst sprechen?“ Rabenhorn nickte. „Karlnickel­klar, du kannst es. Warum eigentlich auch nicht?“ Er sah hinüber zu dem Karlnickelkönig, der nun ziemlich verlas­sen vor seiner Feu­ergrube stand und mit wilden Flüchen vergeblich seine Un­tertanen zum Widerstand aufrief, der längst gebrochen war. Heillose Flucht war das Gebot der Stunde.

„Dann komm“, sagte der Held von Bromberg zu seinem treu­en Hundegefährten, hob das funkelnde, zu unser aller Glück nicht singende, sondern ungewöhnlich schweigsa­me Schwert und trat dem Monster entgegen, „retten wir Weihnachten.“ Tiefe Zuver­sicht erfüllte das heldenhafte Herz des Lektors und mit seinem ersten Hieb durchtrenn­te er bereits den Fuß des Ungeheuers. Die abgeschlagene Gliedmaße flog durch die Luft und als sie auf dem Boden landete, verwandelte sie sich in pa­nisch umherirrende, ge­geneinander rempelnde und stolpernde kleine Karlnickel.

„Das ist für Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Sies­ta Or­tega y Cuerno del Cuervo“, rief er und mit jedem Namen seines Vorfahren, den Rabenhorn rief, trieb er sein mit El Ixir behan­deltes Schwert erneut in den Bauch des Monsters. Aus dessen Wunden sprudelten kein Blutfontä­nen, sondern unzählige Karl­nickel. Der König wankte, die Bratpfanne entglitt seinen plötz­lich wieselflink davon flit­zenden Fingern, die wie der Rest seines Körpers aus sei­nen fliehenden Untertanen geformt gewe­sen wa­ren. Dann fiel er zu Boden. Rabenhorn hob ein letztes Mal sein Schwert, den gewaltigen Kopf vom Körper zu tren­nen.

„Halt ein!“, rief da plötzlich eine bekannte Stimme. Karl-Heinz, der sich in ein Organ des Karlnickelkönigs verbis­sen hatte, das in einem Märchen nicht erwähnt werden darf, und Rabenhorn wir­belten erschrocken herum. Hinter ihnen standen Karl-Nickel, der Karlnickellaus-Rumpel­stilz und der ebenfalls längst verstorbene Hubert Emanuel Kienbauer. Beide wirkten sehr lebendig. Raben­horst fühlte sich wie am Ende von Star­Wars VI.

„Halt ein, sonst wird an Ostern die Welt untergehen!“, schluchzten die beiden. „Denn wer soll den Kindern ihre Eier verstecken – etwa ein Osterhund?“
Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal er­zählt werden soll …

ENDE DES ERSTEN BUCHS
Fortsetzung folgt in
Karl-Heinz und Herbert, das Osterkarlnickel

Rabenhorn klappte sein Prüfexemplar von Karl-Heinz, der Weihnachtshund zu, legte es vorsichtig auf seinen Schreib­tisch und sah zum Panorama­fenster aus dem 8. Stockwerk hinaus. Inzwischen däm­merte es und in den Häusern un­ten in der Stadt erstrahl­ten die ersten Weihnachtsbäume. Endlich schneite es di­cke Flocken.

Obwohl der Lektor sich inzwischen mit Frieder­buschs neuestem Werk arrangiert hatte und er ein­sah, dass ein er­folgreiches Buch fortgesetzt gehörte, war er mit dem Schluss nicht ganz glücklich. Dieses Ende war besser als das originale, in dem der Autor alle Protagonisten hinge­schlachtet hatte – wahr­scheinlich waren dies die Nachwir­kungen der Tren­nung von Marie-Theres Kienbauer, die mit einem Dönerbudenbesitzer durchgebrannt war. Nein, so war das entschieden bes­ser; schließlich hatte er per­sönlich, der große Jan Phi­lipp Rabenhorn, das letzte Kapitel des Weihnachts­hundes nach Jahren der Schreib­blockade selbst verfasst. Aber irgend etwas fehlte.

Er starrte in das wirbelnde Schneegestöber vor sei­ner Fensterscheibe und sann nach. Gut, der Ge­schichte fehlte entschieden eine kluge Katze, aber die konnte er ja in eine der geplanten Fortsetzungen hin­ein schreiben. Es war et­was anderes; ein bohrendes Gefühl verblieb in ihm, dass er etwas vergessen hat­te. Sein Blick fiel auf seinen großen, zotteligen Hund, der friedlich auf dem Sisalteppich schnarchte und nun wie auf Kommando seinen Kopf hob und Ra­benhorn mit seinem geheimnisvollen, tiefen Au­gen fixierte. Da verstand er:

„Du hast recht, Karl-Heinz“, sagte er zu dem zu­stimmend nickenden Tier, „jetzt weiß ich, was ich vergaß.“

Er wand sich zu den Lesern seiner Geschichte, die ihn und den Hund aufmerksam betrachteten. Er winkte ihnen zu, winkte DIR zu. Ja, dir, meinem Le­ser, der mir bis hier­her – erstaunlich genug bei dem Blödsinn, den ich ver­zapfte -, gefolgt ist:

„Gesegnete und Glückliche Weihnachten!“

ENDE

 

 

Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil DREI

[← ZUM ERSTEN TEIL]

Der Lektor erwachte, rieb sich genüsslich die Au­gen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und grinste. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Kö­ter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu ei­nem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Ma­rie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Wei­ßeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf ei­nem Dra­chenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreuli­chen Tren­nung vor vier Jahren weiter­hin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbe­queme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch ei­gentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittle­ren Jah­re verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemer­kenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeis­tigte Dichternymphe verguckt hatte, deren Namen ihm sein Un­terbewusstes inzwi­schen zum eigenen Schutz vor­enthielt. Wahrschein­lich hockte Helga im Moment ver­huscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in ir­gendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weih­nachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

„Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!”, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er ei­nen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tas­se seines Lieblingskaffees vor seinem privaten In­ternetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heu­te wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumin­dest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üb­lichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fer­nen Be­kannten, neben Preisokkasionen – was für ein entsetzliches Wort! – und Angeboten für blaue Pillen und Krankenver­sicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Lö­chern gekro­chen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern ver­krampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigent­lich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstvers­tändnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die un­verlangten Manuskripte ausdru­cken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Pa­pier damit besu­deln müssen!

War das seine Qual, musste er wirklich über diese trü­ben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Hei­ligabend, da es wieder mal zu kalt war, um über­haupt ir­gendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer war­men Decke?

Was war das?

Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedi­sche Kleinstadt terrorisierte! Erbarmen? Nein, danke!

Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie? Was wird diesem Autor noch ein­fallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

Ein Traum, der aber eigentlich gar kein Traum ist, son­dern eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der von der Wirk­lichkeit träumt? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Nikolaus Klammer? Nein, danke!

Eine Hundegeschichte? Nein, danke! Die Welt war mit dem unsäglichen Weihnachtshund von Daniel Glattauer – zusam­men mit Richard David Precht der Herrscher über die lite­rarischen Vorhölle – gestraft genug! Wie war denn Frieder­busch ausgerechnet darauf verfallen?

Aber das war alles zu erwarten gewesen. Raben­horns Zei­gefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles ver­schwand im Orkus des Junk-Ord­ners. Damit war seine Ar­beit für heute getan; für heute und den Rest der Weih­nachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freige­nommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren. Ra­benhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Ar­beitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und ei­nen alten, me­tallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie ab­zuschaben. Solch händische Tätigkeit war we­nigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freile­gen der Struktur. Dieses wohl­tuende Entfernen des Altan­gebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altan­gebrachten, das sich nur modern nennt! Hatte er tatsäch­lich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigent­lich nur ein Abbrenner und Anstreicher wer­den wollte?

„Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!“, dachte er eu­phorisch. „Arbeitet im Schweiße eures Ange­sichts, Leu­te, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geis­te! Vornehm ist das Handwerk, sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geist­werk!“ Und da er das dachte, lächelte er und ver­brannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unter­schied zwischen der Literatur und dem wahren Le­ben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer wei­ter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachts­lieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im In­dex nachschlagen oder ein paar Seiten zurück­blättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Na­men verges­sen hat. Ra­benhorn rieb sich über die brennen­de rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

„Kaltes Wasser“, fiel ihm ein, „eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.“ Ah, das war kein voll­ständiger Satz: „Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.“ Jetzt hat­te er eine „muss man“-Wieder­holung, das war sehr schlechter Stil: „Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.“

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden ei­nes russischen Bauernhauses seine Brandwunden über­lebte. Doch es war nur ein schla­fender, müffelnder Hund, über den er beinahe stol­perte.

Was heißt nur? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber sei­ne Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er ei­gentlich noch im Bade­zimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, hieß Karl-Heinz. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit vol­ler Wucht, und er be­kam weiche Knie. Rabenhorn trat ei­nen Schritt zu­rück, setzte sich schwer auf den hölzernen, woh­lig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Ge­dächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küs­tenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Recht­schreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Frieder­busch ge­radezu vor sich sehen, dann folgten der Fieber­anfall und die oben zwischen den Neon­röhren schweben­de, halbnack­te Witwe seines ehe­maligen, geliebten Verle­gers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Ge­sicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Raben­horns fiel ihm wie­der ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Her­bert Emanuel Kienbauer in seiner Ster­bestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kien­bauer in höchster Ge­fahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch nieder­streckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch hel­fen, auch wenn Ra­benhorn eigentlich nicht an sie glaub­te. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstre­bende zum Auf­zug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheim­liches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Bade­zimmer? Fehlte nur noch, dass ein singender Esel in seinem Kleiderschrank Felis Navi­dad! sang! Der Lek­tor sackte auf der Toilette in sich zu­sammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervor quetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Ge­fühl, schlecht ge­träumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herum­fummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüs­sel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öff­nete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauz­bart, ein “Einwohner mit Migrationshintergrund”, wie Raben­horn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Back­werk in der an­deren Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor ge­sehen zu haben. Das war wahrschein­lich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonne­ment des Readers Di­gest – entsetzliches Heft, Unterg­angsliteratur des Abend­landes – andrehen wollte. Oder einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte.

„Ja, bitte, was wollen Sie?”, fragte er unhöflich. Sein Ge­genüber hob überrascht die Augenbrauen.

„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?“, fragte der Fremde. „Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Scheitan per­sönlich ge­kämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen ge­gen den Karlnickel­könig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?”

Der Türke erkannte und nickte. „Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließ­lich hast du mir deinen Schlüssel ge­geben.” Dieses Argu­ment zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüssel­bund mit dem kleinen Plas­tik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzent­schlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

„Ich habe schnell Brötchen geholt”, bemerkte er und hob seine Tüte. „Kämpfer brauchen ein gutes Früh­stück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwert­hand stark.”

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

„Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Höl­le. Wir beide und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Kanal­öffnungen – die ent­setzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle wa­ren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.”

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor er­zählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träu­me verfrachtet hat­te. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

„Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Geg­nern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Ver­schnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.“

„Wie haben Sie sie denn gefunden?“ Der Albtraum setz­te sich anscheinend fort.

„Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Brom­berg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ‘Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?’ oder ‘Ach, der Herr Professor Ra­benhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.’ Also kein Problem, deine Wohnung zu fin­den, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich.“

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Be­weis sei­ner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überra­schend, tat seiner verletzlichen Künstler­seele jedoch gut.

„Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Die Frau mit dem Stern. Du weißt schon. Und was ist mit Frieder­busch?” Und, nach einem Zögern:

„Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vor­fahr?“

Ömer lachte verschmitzt. „Wenn wir gefrühstückt ha­ben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Ka­nal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieber­rausch ver­gessen hast.”

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. „Sprich, was ist mit Marie-Theres?“

Ömer zuckte zusammen. „Der Böse, der Karlnickel­könig, Fürst von Hölle, nahm sie mit, hinab ins Inne­re der Erde, wo die Feuer brennen, an die Wurzeln des großen Pinkel­baums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut er­nährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!“

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweif­lung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake fol­gen müsste, er würde Marie-Theres retten.

„Los Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Und mit einer Kaltschnäuzig­keit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

„Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehr­bare Weib aus den Fängen des Untiers!“ Der Dönerbu­denbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord ru­fen und des Krieges Hund‘ entfesseln!“ Und mit die­sem thea­tralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Sze­ne) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelege­nen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Ka­näle sei­ner Heimatstadt eine feuchtklammer-rut­schigheunsche An­gelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in die­sem Weihnachtsmärchen Unaus­sprechlichem stanken und zap­pen-zappeldunkel wa­ren, aber das genaue Ge­genteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den spe­ckigen, wie aus Lebkuchen geform­ten Wänden und es lag ein ap­petitlicher Geruch nach Weihnachtsstol­len und allerlei anderem würzigen Back­werk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinnesein­drücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düs­teren Abwäs­ser, in denen zwischen Herabgespültem aus zehn­tausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühwein­rote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engels­haarrochen und Weihnachtskugelfische tummel­ten. Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologi­schen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder ande­re lektoriert – aber er hatte sich ja vorge­nommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotz­dem sah er sich stau­nend um. Die Un­terwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklo­se Weihnachtswunderwelt, ein unterir­disches Rothen­burg ob der Tauber.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war da­heim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnacht­lichen Kanä­len, Ort sei­ner Aufzucht und der ersten Trottversuche, war ihm vertraut, er er­schnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefie­len. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter sei­ner Weih­nachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meis­ter, der alte Karlnalrumpel­stilz auf die Mission ge­schickt, den Ururururure­nkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der gehörnten Ra­ben, die­sen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkel­baum vor dem Karlnickelkönig zu be­wahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den al­ten aufre­genden Tagen, als er noch für die Besche­rung der Stra­ßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf des­sen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errich­tet war. Sich Raben­horn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewe­sen, da dieser ja Hunde fürchtete, also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäß­igen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort gedul­dig ausgeharrt, bis dieser auf dem vor Liebe blinden Weg zu Marie-Theres Kienbauer buch­stäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die senti­mentalen Bücher des Schriftstel­lers über den tierlie­ben Zauberlehrling Edwin Edgard gele­sen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hin­terlauf nachziehen und hatte gewonnen: Friederb­usch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schicht­kohl und seiner Marie-Theres naschte, dik­tierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Ge­schichte vom “Weihnachtshund” und dieser schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungs­faden wieder ver­gaß, glücks­elig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen beschert hatte; ohne dass ihm be­wusst wurde, wem er die Einflüsterun­gen wirklich ver­dankte. Er wunderte sich nur jeden Mor­gen über sein nas­ses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der nai­ve Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbau­er-Verlag und nahm seinen Hund tatsäch­lich mit zu Ra­benhorn, gemeinsam Überzeugungsar­beit zu leisten. Wo­mit Karl-Heinz allerdings nicht ge­rechnet hatte, war der zwei­felhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fie­berwahn vom Schreib­tisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Ra­benhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stopp­te Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich er­gehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bis­her an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, ge­gen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestri­gen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hat­ten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fän­gen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüt­telte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfä­den zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen! Er lauschte in die sich ver­zweigenden Gänge und ver­nahm tatsäch­lich aus dem Rechten einen fernen, jam­mernde I-Ah-Ge­sang, der ihm sehr vertraut war:

„Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!”

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerr­te – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Öz­gür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu fol­gen – und schnüffelte durch die farben­frohe, von Kerzen­leuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnal­lenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Hän­den gepackt und sich selbst mit­ten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abge­spreizten Fingern aus dem Schnee.
„Da war wohl jemand schneller als wir. Hinfort, du schnö­der Gallert.” bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt übelkeiterregendem Inhalt zur Seite. Raben­horn sah anerkennend zu dem Türken. ‘King Lear‘, dachte er, ’1. Akt, 7. Szene. Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.’ In diesem Moment wurden seine Ge­danken von einem schmelzenden Gesang unterbro­chen, der ganz in der Nähe erklang:

„Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.”

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, er sprang nach vorn, und die Nüsse in seinem Sack schaukel­ten mächtig. Rabenhorn, noch immer mit dem Weih­nachtshund durch die Leine verbunden, flog hinter­her. Ömer folgte den bei­den langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den bei­den trat er aus dem en­gen Gang in eine hohe und gro­ße Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbe­sitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es ent­zog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Scheehü­geln waberte. Ömer kannte diese von mäch­tigen Fackeln erleuchtete Höhle, erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnal­rumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Hor­den gekämpft und ge­rade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Ma­rie-Theres und den alten Meister dabei im Stich lassend! Ir­gendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dö­nerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro La­mentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ururururur-Ahn des Lek­tors, mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel gelehnt, der jäm­merlich weinte und i-ahte. Er blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Kör­per und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herabbeugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte sei­nen Nachfahren zu sich heran.

„Nun bist du doch wieder gekommen”, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzu­richten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. „Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Die Vorfah­ren aßen die Trauben, aber den Nachkommen werden die Zähne stumpf. Ich sehe er­freut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre…” Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläs­chen bilde­ten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

„Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Wal­des auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewalti­ger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwi­schen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebil­det hat, in der wir uns jetzt befin­den, erprobte ich in mei­nem Wahn meine alchemisti­schen und chymischen Er­kenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufäl­lig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wanders­mann fra­ßen. Später dann, als über uns die Stadt Brom­berg ent­stand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schut­ze der Men­schen allhier meine Weih­nachtshunde und manchmal auch einen Christmas­donkey…” Das Grautier hinter dem Karlnalrumpels­tilz zitterte und seufzte auf.

„Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me”, er tätschelte be­ruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag, „im A… von Tina, heh­ehe. Egal.” Er wand sich wieder an Ra­benhorn, der ihm atemlos lauschte.

„Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karl­nickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Brom­berg – blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel ver­mehrten sich, sammelten sich, ver­knoteten sich, umwim­melten, ver­bissen und verban­den sich und wurden zum großen Karl­nickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Raben­horn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wur­zeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlni­ckelkönig die letz­ten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Him­mel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Men­schen und das Land. Und das am heiligen Abend! Das geht doch nicht.”

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nach­fahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brann­te sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vor­fahren mitrufen hören.

„Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschla­gen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zer­schlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!” Der Kopf des Meis­ters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

„Aber…”, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karl­nalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

„Aber ist ein Wort, das ein Rabenhorn nicht kennen soll­te. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Mons­terkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!”

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlos­sen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Sin­gin’ Sam sang:

Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magi­sche Schwert. Es lag nur wenige Schritte ent­fernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wan­ge.

Biz gitmek“, sagte der Türke, „lass uns gehen…” Raben­horn nickte. Der Würfel war gefallen.

„Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum und Bromberg … und die ganze Welt!”

 

[Hier findet sich das Ende der gar schröcklichen Geschichte …]

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