Aber ein Traum …

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Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Nutzlose Menschen – Der Jahrmarkt geht weiter …

Das Korrekturexemplar meines neuen Buchs „Nutzlose Menschen“ ist in der letzten Woche, die ich im Urlaub in Holland (1) verbrachte, angekommen und es sieht schon mal sehr gut aus.

Dieser Roman ist der Dreh- und Mittelpunkt meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe, mit dem ich über Jahre hinweg kaum verschlüsselt die Kultur meiner Heimatstadt Augsburg begleitet habe. Er spielt in der Mitte der 1990er Jahre und gibt am deutlichsten preis, welches unerreichbare Vorbild ich hatte, als ich den Zyklus entwarf:

Selbstverständlich war es die Comédie humaine von Honoré de Balzac. Die Literatur ist ein Monotheismus. Sie kennt Genies, Könige und Kaiser, aber nur einen Gott. Das ist Balzac. Vor ihm habe ich mich in den „Nutzlosen Menschen“ verneigt, darauf weisen nicht nur die den Titeln von Balzac-Romanen übernommenen Kapitelüberschriften hin. Der französische Romancier wird von der Hauptfigur Nikolaus Klammer häufig zitiert und in zwei Kapiteln darf der Leser auch eine Erzählung im Stil von Balzac lesen.

Obwohl die „Nutzlosen Menschen“ mit etwa fünfhundert Buchseiten der längste Text des Zyklus ist, spielt er nur an einem einzigen Sommerabend und schildert die Erlebnisse einer Gruppe von Leuten, die in die Fänge eines überlegenen Mannes geraten, der sich wie ein Regisseur in ihr Leben mischt und sie als die Akteure eines von ihm geschriebenen Drehbuchs handeln lässt. Denn er weiß:

Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden, und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden, aber sie tun und sagen es immer und immer wieder. Diese Menschen mögen zwar nutzlos erscheinen. Aber mit Geschick und Einfühlungsvermögen kann ich sie zu allem bringen: Zur Größe, aber auch zum verabscheuungswürdigsten Verbrechen.

Dieser Mann ist der spöttische, unendlich belesene Beamte Nikolaus Klammer. Er war mir Namenspate für mein Autoren- und mein Internetpseudonym, obwohl unsere einzigen Gemeinsamkeiten die Vorliebe für Balzac und ein gesunder Zynismus sind. Wenn man das eine oder andere Werk des Zyklus bereits gelesen hat, dann ist man Klammer schon ein paar Mal begegnet, z. B. in „Die Wahrheit über Jürgen“ oder in „Ein kleines Licht“. „Nutzlose Menschen“ zeigt ihn jedoch als Hauptperson. Jede meiner Figuren hat das Recht, einmal im Mittelpunkt zu stehen, so wie jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt.

Es ist seltsam mit diesem Buch. Es tut mir weh, es ist ein Schmerzenskind. „Nutzlose Menschen“ gehört zu den besten belletristischen Texten, die ich bisher geschrieben habe und ich weiß, dass der Roman mit den meisten zeitgenössischen Erzählwerken und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zumindest mithalten kann – meiner bescheidenen Meinung nach manchmal sogar besser ist – aber  er hat nie Leser oder Öffentlichkeit gefunden, weil ich als Schriftsteller gescheitert bin und in der Masse derer schwimme, die es nie geschafft haben.

„Nutzlose Menschen“ ist ein Symbol für das, was hätte sein können und das, was ist. Auch von diesem Scheitern erzählt der Roman.

Wenn jemand nicht die Katze im Sack kaufen möchte und hier auf dem Blog ein wenig reinlesen möchte:

Nikolaus Klammer – Nutzlose Menschen
Roman aus dem Zyklus
„Jahrmarkt in der Stadt“

Obwohl ich seit Monaten keine Bücher (auch keine E-Books) mehr verkauft habe, werden ich und meine Lektoren die „Nutzlosen Menschen“ bis Mitte Juli nach Fehlern durchforstet haben und ich werde – trotzig und hartnäckig wie ich bin! – den Roman dennoch in meinem kleinen Selbstverlag veröffentlichen. Auch wenn es wirklich niemanden interessiert, so wächst doch die Nikolaus-Klammer-Abteilung in meinem Bücherregal.

Grüße in den hier im Süden wolkigen, aber bei euch hoffentlich sonnigen Sonntag.

Nikolaus

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(1) Was ich gemacht habe? Nun, in der Hauptsache bin ich mit Frau Klammerle Rad gefahren und habe die Natur bewundert. Die Maasduinen in der Provinz Limburg haben ein übersichtliches, vorbildliches und engmaschiges Radwegenetz, von dem wir hier nur träumen können. Zudem ist es dort so flach, dass ich mir, der ich nur ein normales und noch lange kein E-Bike (so alt fühle ich mich einfach noch nicht) besitze, nicht wie ein Paria vorkam und mit den Rentner-Radl-Kolonnen mithalten konnte.

 

Reflektion – Eine Kurzgeschichte

Karl sieht in den Spiegel. Er sucht sich.

Es fällt ihm schwer, durch die Hülle aus Selbstbewunderung und Eitelkeit hindurchzudringen. Selbst wenn es ihm gelingt, dann doch nur für Augenblicke. Allzu schnell zwinkert er, zieht die Wangen ein. Eine Maske fällt herab.

Doch auch in den Sekunden der Wahrheit blickt er in die Augen eines Unbekannten, sieht fremde Züge. Er fremdet sich an. Nichts, so glaubt Karl, ist ihm unähnlicher als dieses Spiegelbild. Wo findet er sich in dieser Gestalt wieder? Alles ist so anders, als er es für gewöhnlich fühlt. Gut, die Kleidung ist bekannt, der Ausschnitt des Zimmers im Hintergrund, aber er selbst? Wo ist er selbst? Wo ist Karl? Im Spiegel entdeckt er nur eine Hülle, eine Form, etwas Zerfließendes, Amorphes. Es ist etwas, das er nicht greifen, in der Hand halten, schmecken oder riechen kann. Nichts sagt ihm: „He, das bin ich!“

„Bin ich das?“, will Karl rufen. „Ich …“

Er versucht, der Bedeutung seiner Worte nachzuspüren. Dann lächelt er, kneift ein Auge zu. Er hat sich wieder. Karl wendet sich ab. Nein, er versucht es, aber es will ihm nicht gelingen.

Ein plötzlicher Schmerz packt ihn an der Schulter, oben rechts, als würde ihm jemand einen flachen Schlag mit einem Brett verpassen. Der Schreck lässt ihn starr werden. Sein Atem beschleunigt sich. Karls Blick kehrt zurück zum Spiegelbild.

Etwas hat sich verändert, nicht viel: Nur ein Blickwinkel. Vielleicht ist die Couch, die er hinter sich entdecken kann, verrutscht. Er meint sie auch auf eine geheimnisvolle Weise verzerrt, transparenter.

Da sieht Karl: Seine eigene Reflektion im Spiegel ist ebenfalls eine andere. Er steht noch immer vor einem Fremden, das ist es nicht. Es liegt an den Augen, sie sind verschoben, falsch. Sie schielen nicht, haben nicht einmal einen Silberblick, soweit er feststellen kann, trotzdem: Sie sind anders.

Wieder will er sich abwenden, diesmal in wilder Panik. Es misslingt ihm erneut. Der Schmerz an der Schulter wird dumpfer. Es ist nun ein seltsamer Schmerz, einem Unwohlsein ähnlich, wie eine Unregelmäßigkeit, ein Zuspätkommen.

Vorsichtig versucht Karl, die Hand zu heben, sie nur ein wenig nach vorn zu schieben. Seine Rechte rutscht zitternd höher, aber nicht nach vorn. Ihm scheint, sie tauche in zähflüssigen Sirup. Dann wird seine Bewegung plötzlich gebremst, endet. Die gespreizten Finger pressen sich gegen festes Glas.

Erkenntnisse flackern wie Schimären durch Karls Gedanken. Er weiß, aber er versteht nicht. Er kennt alle Tatsachen, aber sie passen nicht zusammen. Es ist eine fremde Sprache, ein unbekannter Code.

Das ist der Grund der Änderung: Was Karl sieht, ist Spiegelbild. Nein, was er sieht, ist richtig. Das heißt, er sieht sich. Er sieht, wie er wirklich ist, direkt, aus dem Spiegelbild heraus sieht er sich.

Er will schreien, doch sein Gegenüber lächelt. Und Karl grinst hilflos aus dem Spiegel zurück.

Vision – Eine Kurzgeschichte

Behäbig. Karl schließt die Haustür auf. Es knirscht. Das Schloss wehrt sich. Vorahnung. Etwas Ähnliches. Es streift ihn kalt. Widerwillig. Er öffnet die Tür.

Es fällt schwer. Langsam. Die Unterseite der Tür scharrt über einen dicken Teppich. Drinnen. Dort wartet Finsternis, saugende Schwärze. Verwaschene Gefahr.

Er steht im Gang. Die Tür schließt sich. Samtweich. Für Augenblicke. Er steht. Er lauscht. In die Dunkelheit. Ein Geheimnis vielleicht? Die Wohnung; er weiß: Sie ist leer. Kein Geräusch. Nicht der Schlag seines Herzens, nicht einmal sein Atmen. Nichts.

Dennoch spürt er etwas. Es ist anders, er möchte es sagen: Es ist falsch.

Er sucht mit der Linken. Da ist ein Schalter. Die Lampe soll seine Furcht besiegen. Hell und warm.

Treibe die Furcht aus diesem Raum in den nächsten. Lampe.

Er betätigt den Schalter. Keine Wärme. Kein Licht. Die Nacht fällt von der Decke. Matte Schwärze. Sie geifert.

Die Glühbirne! Freilich, sagt er sich. Alles geht kaputt. Immer, will er sich einreden. Es gelingt ihm nicht.

Er weiß. Dort, im Aschewirbel der Wohnung wartet etwas. Kein Licht. Alles ist verdunkelt. Herrscht wieder Krieg? Zwei Schritte, er ist im Wohnzimmer. Schlägt die Tür hinter sich zu. Lehnt sich gegen sie. Schutz.

Er will laut schreien. Das hilft oft.

Ein Seufzen. Er selbst hört es kaum. Es wispert. Drängend. Das ist alles, was ihm vom Schrei blieb.

Licht? Auch hier: Ein Schalter. Seine Berührung ist Trost. Nun muss es sich entscheiden. Ungestüm. Er schaltet. Ein. War alles Einbildung?

Der Schalter ist ein Potemkinsches Dorf. Nichts geschieht.

Er hat das gewusst.

Es ist vorbei.

Da. Ein helles, rotes Leuchten. Es strahlt von außen durch das Fenster. Eine Gestalt zeichnet sich ab. Scharf, wie ausgeschnitten. Sie badet in dem roten Licht. Und lacht.

Lacht sie? Oder nein. Sie redet zornig. Es klingt nur so in seinen Ohren. Aber ein Mantel umfließt die Gestalt. Er scheint einen eigenen Willen zu haben. Wie ein lebendes Tier.

In diesem Augenblick fühlt er sich empor gehoben, hinauf. Er will noch immer schreien. Alles kreist jetzt. Schneller. Er stürzt. Hinauf? Hinab? Er weiß es nicht.

Doch am Ende des runden Schlundes, dem Malstrom seiner Einbildung:

Da steht sie. Da steht die Gestalt.

Er hat das gewusst. Und jetzt versteht er auch ein Wort, das diese Gestalt flüstert:

„Verräter.“

vision

Dann steht er wieder im Wohnzimmer. Das war ein Fehler. Dieser Kerl. Gefährlich, aber: Dumm. Jetzt entkommt er ihm doch. Er wendet sich um. Läuft los. Kracht gegen die geschlossene Tür. Er selbst. Narr! Er selbst hat sie geschlossen. Reißt sie auf, durch den Korridor, Haustür, zwei Stufen, ins Freie. Nach rechts führt die Flucht. Links, er erinnert sich, links ist eine Sackgasse. Hier im Freien ist es heller. Der Schatten der Bäume zeichnet ein scharfes Muster auf das Kopfsteinpflaster. Auch hier. Rotes Leuchten am Himmel. Er sieht kurz nach oben.  Lichtstreifen kreuzen geronnene Wolken, weben ein Flammennetz. Eine Sirene schreit. Es fallen kreischende Tropfen durch das Netz, erhellen pulsierend den Himmel. Deutlich sieht er den Stadtturm. Er wirkt wie gemeißelt im Schein des Brands.

Es ist Krieg.

In diesem Augenblick hört er ein Atmen hinter sich. Er spürt es. Es ist ein Hauch in seinem Nacken. Halb wendet er sich. Sein Haus. Es brennt. Aus dem Keller hört er Hilferufe. Eine Gestalt steht vor dem Haus. Ein Mantel wird vom Feuersturm emporgehoben. Greift nach ihm.

Er beginnt zu rennen. Aber seine Fettleibigkeit behindert ihn. Sofort gerät er außer Atem. Vor ihm taucht eine Mauer auf. Er hat sich geirrt. Nicht links, rechts. Die Sackgasse ist rechts.

Es ist vorbei.

Aber Karl erwacht.

„Was für ein Traum“, denkt er. Seine Hand tastet zur Nachttischlampe. Er schaltet. Keine Wärme. Kein Licht.

„Verräter“, flüstert eine Stimme.

Sonntag, 21.04.19 – Ostergrüße

Sonntag, 20.04.19

Ich unterbreche kurz mein „Blogfasten“ und sende aus meinem wohlverdienten (1) Urlaub allen meinen Lesern und auch denen, die es erst noch werden wollen (auch wenn sie es vielleicht nicht wissen), herzliche Ostergrüße. Ich hoffe, ihr verbringt diese Tage wie ich bei traumhaftem Wetter in Gemeinschaft mit euren liebsten Menschen, findet die dicksten Schokoladeneier und findet die Gelegenheit, mit einem Buch (am besten einem von mir) in der Hand zu euch selbst zu finden. Mögen all unsere Begegnungen und glücklichen Momente bleibende Eindrücke hinterlassen.

Und ich wünsche euch einen Partner, der so wundervolle Kuchen backen kann wie Frau Klammerle (2). Und jetzt weg vom Bildschirm und hinaus ins Freie mit euch! Bis bald …

Euer Nikolaus

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(1) „Wohlverdient?“ Ich weiß, ich bin der einzige, der das so sieht; aber das allein zählt doch, oder? Nach einer Wanderwoche in Südtirol befinde ich mich in der nächsten Woche übrigens nicht direkt im Zentrum der Welt, aber doch genau am geografischen Mittelpunkt Bayerns – was für viel das gleiche ist.

(2) Wir feiern in zwei Tagen – am „Tag des Buches“, wann auch sonst? – bereits unseren 32. Hochzeitstag. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich euch schon einmal erzählt habe:

Es gab einmal eine Zeit in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts – die Älteren unter meinen Lesern erinnern sich vielleicht noch – da war der 23. April weder der Tag des Buches noch der Tag des Bieres. Damals waren Tage einfach nur Tage und political correctness ein Wort, das in keinem Lexikon auftauchte. Die Mauer stand auf felsenfestem Grund zwischen den beiden deutschen Staaten. Helmut Kohl würde noch weitere 11 Jahre Kanzler bleiben. Der junge Mann, der nicht Soldat werden wollte, musste den „Kriegsdienst“ verweigern und vor einem aus alten Nazis bestehenden Ausschuss begründen, warum er nicht auf böse Russen schießen wollte, die gerade seine Familie vergewaltigen. Die Musik und die Frisuren waren grausam – eine ferne Zeit, wie auf einem fremden Planeten – endlos weit von Heute entfernt.

Damals – ich spreche von 1987 – fiel der 23. April auf einen Donnerstag. Es gab es in Augsburg ein am Freitag erscheinendes Käseblatt, das sich „Neue Presse“ nannte. Wenn auf der letzten Seite zwischen Kleinanzeigen und Vereinsnachrichten noch Platz war, lungerte ein Fotoreporter dieser „Zeitung“ vor dem Standesamt in der Maxstraße herum, um vom sog. Brautpaar der Woche ein Foto vor dem Hintergrund des Herkulesbrunnens (daran kommt niemand vorbei, der in Augsburg heiratet) zu schießen und es zu interviewen. Er erwischte ausgerechnet Frau Klammerle, die zu diesem Zeitpunkt noch ganz anders hieß und mich, die wir just an jenem Donnerstag den Bund fürs Leben eingehen wollten. Ich war erkältet, trug einen schlecht sitzenden, grau-melierten Anzug (meinen ersten), eine hässliche Fliege unter einem ausgefransten Gewächs, das ich für einen Vollbart hielt – und, wenn ich die schwarzweißen Fotos, die er von uns machte, genauer betrachte, wahrscheinlich irgendein ein totes, haariges Tier auf dem Kopf. Die nachmalige Frau Klammerle wirkte dagegen wie aus einem Modeheft der Achtziger ausgeschnitten: Man beachte die Dauerwelle in ihren blonden Haaren und die kleinkarierte Jacke mit hochgekrempelten Ärmeln und Schulterpolstern. Manchmal denke ich, Mode wurde nur erfunden, damit man sich später zu Tode schämt.

Hochzeit

„Als sich die Kinderkrankenschwester (23) und der EDV-Profi Nikolaus Klamme (sic!) (24) beim Wochenendtreff der Pfarrjugend von St. Josef tief in die Augen blickten, da war’s um die beiden geschehen. Jetzt, nach fünf Jahren, wurde im Augsburger Standesamt die Sache perfekt gemacht. Nachdem nun der frischgebackene Ehemann seine Traumfrau gefunden hat, habe er nur noch einen Wunsch: Einen Verleger, der sein literarisches Talent erkennt und seine Erzählungen auch druckt … fau/Foto: Müller (Originaltext)“

Ich erlaube mir mal ein, zwei sentimentale, vielleicht abgeschmackte Bemerkungen über den Gang der Dinge. Wie man dem Text zum Bild entnehmen kann, war der damalige „Nikolaus Klamme“ – nicht einmal meinen Namen haben die von der „Neuen Presse“ richtig geschrieben – von seiner Weltbedeutung als Autor überzeugt und wartete jeden Tag darauf, dass ein Verleger an seiner Tür klingeln und ihm einen lukrativen Vertrag unter die Nase halten würde. Tatsächlich hatte ich erst das erste Kapitel von Meister Siebenhardts Geheimnis (das ich eben erst beendet habe), einige kürzere Geschichten und den Roman Die Wahrheit über Jürgen begonnen. Das hinderte mich nicht, unverdrossen an meine Zukunft als gefeierter Schriftsteller zu glauben. Wie hier allgemein bekannt, kam es anders. Ich bin niemals einem Verleger begegnet.

Zwei mir fremde Menschen sehen leicht gequält aus diesem Bild heraus auf eine ungewisse Zukunft. Es fällt mir schwer, in ihrem noch so unglaublich jungen Blick die Frau und den Mann zu erkennen, die wir heute sind. Wenn wir uns heute Abend in dem Lokal, in dem wir unsere Seifenhochzeit (wieder etwas gelernt) feiern wollen, zufällig begegnen würden – das „frischgebackene“ Paar von 1987 und wir, wie wir heute sind – würden wir uns mögen? Hätten wir uns etwas zu sagen, würden wir uns verstehen? Viele Jahresringe sind um unser Selbst von damals gewachsen, so viel ist geschehen. Doch die zwei vom Foto sind noch in uns, aber ganz tief verborgen. Wenn noch einmal 32 Jahre vergangen sind, am 23. April 2051 – dann sind wir fast Neunzig – was werden wir über die Menschen sagen, die wir heute sind?

Der Brautstrauß war übrigens sehr schön und hat mich, wie ich mich erinnere, ein Vermögen gekostet. Meine Frau hat ihn getrocknet und viele Jahre aufbewahrt, bis sie den von Milben befallenen Staubfänger endlich im Sondermüll entsorgte.

Da fällt mir ein: Ich muss noch Blumen für Frau Klammerle besorgen …

 

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