In den Bücherkellern des Vatikans (13)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 12. Teil …

»Das war ein elektroakustisches Abhörgerät aus den alten Beständen des KGB«, stellte er fest. »Taganow, der selbst in den Siebzigern als Agent in Westdeutschland tätig war, hat einen direkten Draht zum Bolshoi Dom, dem ›Großen Haus‹ am Litejny-Prospekt. Die ›Wanze‹ ist eine KS3 aus chinesischer Produktion und sehr empfindlich. Aber jetzt sollten wir uns unbelauscht unterhalten können. Wir müssen das Gerät allerdings später wieder unter den Stuhl kleben, damit der Direktor keinen Verdacht schöpft.«

Staunend lauschte ich den pedantischen Erläuterungen des jungen Mannes. Durfte ich ihn nicht als weiteren Feind, sondern etwa als einen Freund betrachten? Er war noch nicht sehr lange Taganows Sekretär – vielleicht ein oder zwei Monate. Vorher hatte diesen Posten ein kleiner, dicker Weißrusse bekleidet, der von einem Tag zum anderen gekündigt hatte und verschwunden war. Im Nachhinein frage ich mich, ob hier auch die Helfer des Direktors ihre Hände im Spiel gehabt hatten.
Mit Wyschnin selbst hatte ich bislang noch kein einziges Wort gewechselt. An seinem ersten Arbeitstag stellte er sich kurz der versammelten Belegschaft des Kollontai im gemeinsamen Fernsehzimmer vor. Anschließend sah ich ihn nur noch von der Ferne. Immer folgte er seinem Direktor wie ein Schoßhündchen auf dem Fuß, um nur keinen von dessen Befehlen zu verpassen. Er war inzwischen so etwas wie ein unvermeidlicher zweiter Schatten von Taganow geworden. Sehr jung und sehr blass war er, dünn wie Birke. Dazu trug er ein einfältiges, nichtssagendes Gesicht ohne Kinn zur Schau. Seine Augen blieben unter versoffenen Schlupflidern verborgen. Nein, er hatte keinerlei Eindruck bei mir hinterlassen. Aber wahrscheinlich war das ja seine Methode, so unauffällig zu wirken. Aus diesem Grund beschäftigte sich niemand länger als einen Augenblick mit ihm und vergaß ihn sofort, wenn er sich abwendete. Gute Agenten zeichnet genau diese Eigenschaft aus, von der ich ebenfalls reichlich besitze. Das Bemerkenswerteste an ihnen ist, dass sie nicht bemerkenswert sind.

»Du meinst, Taganow hat gerade eben dieses Abhör-Dings hier unter meinem Stuhl versteckt?« Nun, das würde erklären, weshalb er sich die Mühe gemacht hat, mich aufzusuchen und mir die Kündigung nicht einfach über die Heimpost zustellen ließ. ›Убить двух зайцев.‹ – ›Zwei Hasen auf einmal erlegen‹, darin war er schon immer gut gewesen. Wyschnin nickte aufgeregt.

»Und nun hockt der Genosse Direktor bestimmt schon in seinem Geheimversteck unterhalb seines Büros und versucht, uns zu belauschen. Doch außer dem Rauschen der Dusche wird er nichts zu hören bekommen«, sagte er zufrieden. »Allerdings werden wir uns beeilen müssen, bevor er misstrauisch wird und mir auf die Schliche kommt. Schließlich reicht das warme Wasser höchstens für fünf Minuten. Dann wird es merkwürdig, wenn du weiter duschst.«

»Also gut, mein Junge. Dann gib mir mal die Zusammenfassung. Wer bist du wirklich und was willst du hier im Kollontai?«

»Mein Name ist tatsächlich Stepan Wyschnin. Ich hatte nicht die Zeit, mir eine Tarnexistenz aufzubauen. Aber ich bin zum ersten Mal im Einsatz und ein unbeschriebenes Blatt für die ›Hyänen‹. Ich studiere Slawistik an der SPbU und wurde erst im letzten Sommer rekrutiert.«

Ich hatte wieder einmal viele, viele Fragen. Aber ich schwieg und bemühte mich um einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck. Zudem ahnte ich bereits, wohin uns dieser Zug brachte. Als ich keine Antwort gab, sah sich Wyschnin um. In Ermangelung eines Schreibgerätes tauchte er seinen kleinen Finger in mein Glas auf dem Küchentisch. Anschließend malte er akkurat ein mir wohlbekanntes Symbol in den Staub der Tischplatte. Da die Sonne schräg in den Raum fiel und die Feuchtigkeit zum Glänzen brachte, konnte ich es ohne Probleme erkennen und musste nicht meinen Platz auf dem Bett verlassen. Es war unser Erkennungszeichen.


»Du bist ein Page«, stellte ich fest. Wyschnin warf sich in Positur.

»Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern: Es ist eine Lüge«, zitierte er die erste der ›Fünf Wahrheiten‹, die der Katechismus seiner Gemeinschaft waren.

»Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel«, ergänzte ich abwinkend. »Schon recht. Ich habe das nicht vergessen. Und du studierst, mein Junge? Ich dachte, die ›Buchhandlung‹ rekrutiert ausschließlich Schriftsteller?«

Der junge Mann lächelte zum ersten Mal. »Gibt es einen Russen, der kein Schriftsteller ist?«, fragte er etwas hochnäsig. »Die ›Buchhandlung‹ rekrutiert nur Menschen, denen es auch gelingt, sie zu betreten. Dazu muss man literaturaffin …«

»… und nicht ganz Teil dieser Welt sein. Ich weiß. Aber warum dieses plötzliche Interesse an mir? Ich habe seit gut fünfunddreißig Jahren nichts mehr von der ›Buchhandlung‹ gehört und dachte, ich könnte die paar Jährchen, die mir noch bis zu meinem 100. Geburtstag übrig bleiben, in Ruhe hier im Altersheim verbringen. Aber dann tauchst du hier auf und mit dir die ganze alte Geschichte, dich ich längst vergessen hatte. Weißt du, ›маленький брат‹ – ›kleiner Bruder‹, ein alter Freund von mir hat mir vorhergesagt, dass ich einhundert Jahre alt würde. Ich glaube ihm das, denn er trug schließlich die Seele eines Schamanen in sich, der die Zukunft vorhersehen konnte. Er sagte einmal …« Ich zögerte. Wyschnin sah mich stirnrunzelnd an und roch dabei vielsagend an seinem Finger, den er in den Polenschnaps getaucht hatte.

Hat er am Vormittag schon gesoffen? Diese Alten und ihre endlosen Geschichten. Ich konnte ihm diese Gedanken vom Gesicht ablesen. »Nein, nein!«, wehrte ich mich. »Ich bin zu alt für dieses Pagen-Spiel. Reicht es nicht, wenn ich auf euren Wunsch hin meine Erinnerungen an Antenora aufschreibe? Das wühlt mich mehr auf, als es gut für mein Herz ist. Also, was wollt ihr denn noch von mir?«

Wyschnin spitzte die Lippen und zögerte die Antwort heraus. Ich hatte durchaus Sinn für sein zutiefst russisches Gespür für Melodramatik, aber dieser Gesichtsausdruck, der mich an einen zertretenen Frosch erinnerte, machte vieles kaputt. Trotzdem erschütterte mich seine Antwort zutiefst:

»Das Mädchen ist geboren. Die Zeit der Wanderschaft wird enden«, sagte er schlicht.

Ich starrte Stepan Wyschnin an. Es dauerte eine Weile, bis seine Worte von meinem Ohr in meinen Kopf hinein wanderten. Mein eingerosteter Verstand machte sich nur schwerfällig an die Arbeit. Das hatte gesessen! Es war fast zu viel für mein altes, schwaches Herz, das damals in Sibirien eine akute Myokarditis überstehen musste, und ebenso vernarbt war wie meine wunde Seele. Als ich endlich begriff, was der Junge gesagt hatte, setzte mein Herzschlag einmal aus und kam dann nur stolpernd wieder in Gang. Ich schnappte nach Luft und das Verlangen nach einem ›Wässerchen‹ ließ mich erschaudern.

»Dann ist es so weit?«, fragte ich krächzend, nachdem ich den Schock ein wenig verdaut hatte. Das Sprechen fiel mir schwer, denn mein Mund war wie ausgetrocknet. »Wastija hat eine Enkelin?«

»Eine Urenkelin, um genau zu sein. Sie wurde Anfang des Jahres geboren und heißt Isabella.«

»Ein schöner Name. Wissen die Hyänen schon davon?«

»Noch nicht – vermuten wir zumindest. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Sie muss auf jeden Fall beschützt werden. Die russische Abteilung der Hyänen hat an diesem Wochenende eine Versammlung in Odessa. Deshalb fliegt Direktor Taganow mit seinem Jet vorgeblich zu einem geriatrischen Kongress am Schwarzen Meer. Mich würde nicht wundern, wenn es dort um Isabella geht. Für uns ist seine Spritztour jedenfalls eine Gelegenheit, die nicht so schnell wieder kommt.«

»Deshalb bist du hier. Ihr braucht den ›Schlüssel‹!«

[Zum 14. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (12)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 11. Teil …

Meine Sinne verraten mir, dass du noch hier bist, mein Leser. Mir war gerade, als würdest du mir weiterhin über die Schulter sehen und begierig mitlesen. Ja, ich spüre sogar, wie du mich immer wieder mit dem Finger antippst, wenn ich kurz zögere, weil ich nach einem passenden Wort oder einer gelungenen Formulierung suche und dabei gedankenverloren einen Schluck vom Tee zu mir nehme.

»стоп – Stopp!«, rufst du zornig, »was ist denn das für eine Taschenspielerei? Alter Mann, du sitzt mitten in der Nacht im Büro des teuflischen Direktors. Du wurdest von seinen Handlangern eingeschlossen und musst befürchten, dass sie jeden Moment zurückkehren und dich entdecken. Wo also kommt nun plötzlich die Tasse Tee her, an der du nippst? Was hast du mir verschwiegen? Ich schätze diese Autoren-Taschenspielereien nicht!« Und da hast du recht. Da bin ich an deiner Seite, mein Freund. Wer von uns Autoren hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da getan. Lass mich dir deshalb ganz nüchtern und wahrhaft von meiner neuen Situation berichten:

Ist dir eigentlich nicht aufgefallen, dass meine Handschrift seit Beginn dieses Kapitels wieder ruhig und gleichmäßig dahinfließt? Ich verwende zum Schreiben nicht mehr meinen Bleistiftstummel, sondern den sehr hübschen, goldenen Federhalter von Pan Tagenow, den er nur dazu benutzt, um seine schwungvolle Unterschrift unter seine Dekrete zu setzen. Ich finde, er macht sich sehr gut in meiner Hand. Die schwarze Tinte veredelt meinen Text. Falls ich mich hier irgendwie herauswinden kann, dann werde wohl ich den Füller, der bestimmt schon über 50 Jahre alt ist, behalten müssen. Ich verspreche, ich werde ihn für einen besseren Zweck verwenden, als Kündigungen, Mahnungen und Todesbefehle zu unterschreiben. Nämlich meine Geschichte weiterzuerzählen – bis zu ihrem Ende. Das edle Schreibutensil liegt gerade so gut in meiner Hand. Er gleitet nur so – gleitet über das Papier wie der Schlittschuh von Anatoli Wassiljewitsch Firsow von der Сборная über das Eis. Es ist ein Vergnügen, ihn zu benützen.

Ich weiß, ich sollte auf den Punkt kommen. Aber das Alter hat eben einen geschwätzigen Narren aus mir gemacht. Ehrlich gesagt, fühle ich mich gerade trotz meiner misslichen Lage sehr wohl. Damit mir das Schreiben leichter fällt und du später meine Schrift besser entziffern kannst, habe ich die Schreibtischlampe am Tisch eingeschaltet. Die schönste Entdeckung in dem Kellerraum, in dem ich mich jetzt befinde, war es jedoch, dass im Kännchen des Samowars, der auf dem Sideboard an der Wand steht, noch genug bitterer Teesud schwappt und sich auch genügend Wasser im Aufwärmbehältnis darunter befindet. Es ist ein silberfarbener, schlichter und moderner Teebereiter, den ich nicht erst umständlich mit einem Spiritusbrenner befeuern muss. Er bringt das Wasser schnell mit einer elektrischen Heizspirale zum Kochen. Während ich vorhin das Sideboard leider vergebens nach einem wärmenden ›Wässerchen‹ durchsuchte – der niedrige Schrank enthielt nur Akten, die mich nicht interessierten –, blubberte der Samowar heimelig und sein aufsteigender Dampf erwärmte rasch das kleine Kännchen, das auf ihm steht. Ein Geruch nach Geräuchertem und Jasminblüten stieg mit dem Dampfaus dem Teekännchen auf. Wenn er schon den ›Schuss‹ vergaß, so hatte der Direktor zumindest an schöne, hauchdünne Porzellantassen und ein Schälchen mit Kandis gedacht, die griffbereit neben dem Samowar stehen. Ich habe mir großzügig von dem tiefschwarzen, an seiner Oberfläche ölig glänzenden Aufguss eingeschenkt, der wohl schon seit Tagen in seinem kleinen Kännchen köchelte und ihn mit nur wenig Wasser und viel Zucker verdünnt. Das muss mir ein Frühstück ersetzen. Oh, mein Freund, welch ein Genuss waren die ersten Schlucke! Mein Getränk schmeckt beinahe wie der Tschifir, jener hoch dosierte Schwarztee aus Irkutsk, von dem ein Tässchen so anregend ist wie ein Liter Kaffee auf einmal. Er hatte mir und meinen Mitgefangenen so manchen Abend im Gulag versüßt, weil er wie ein psychoaktives Narkotikum wirkt.

Auch wenn ich solch eine Wirkung heute noch nicht verspürt, so fühle ich mich jetzt wieder fit genug, meine Geschichte fortzusetzen. Glaube mir: Die beste Philosophie ist ein starker, heißer Tee. Du siehst also, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Nun lass mich weiter berichten. Ich habe dir freilich etwas verschwiegen, nämlich ein Gespräch mit Wyschnin am Nachmittag, bevor ich zu meinem kleinen Abenteuer wegen meines gepanschten Wässerchens aufbrach. Aber dies geschah nicht, um dich zu täuschen oder zu verwirren. Das musst du mir glauben. Ich hatte meine Gründe. Ich wollte den Sekretär des Direktors schützen, weil ich ja befürchten muss, dass meine Aufzeichnungen in die falschen Hände geraten könnten. Aber nachdem er ermordet wurde – wahrscheinlich von Taganow persönlich -, habe ich keinen Grund mehr, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Also lass mich an dieser Stelle eine Lücke füllen, die ich im zweiten Kapitel hinterließ:

Nach dem ›Freundschaftsbesuch‹ des Direktors und seines Sekretärs heute Vormittag, in dem die beiden mir mitteilten, dass man mir zum Quartalsende meine kleine Wohnung im ›Kollontai‹ kündigen werde, saß ich noch eine ganze Weile vor den Kopf geschlagen auf meinem Bett und starrte in die düstere Zukunft, die mich erwartete. Ich war so in meine trüben Gedanken versunken, dass es mir nicht einmal in den Sinn kam, meine flatternden Nerven mit dem einzigen Heilmittel zu beruhigen, das mir – sogar in Griffweite! – zur Verfügung stand. Ich spreche selbstverständlich von der Flasche Wodka, die ich zusammen mit meinen Aufzeichnungen hinter meinem Rücken versteckt hatte, als ich so überraschenden Besuch bekam. Ich zerbrach mir den Kopf über der Frage, was Taganow plante. Hatte er mich doch erkannt? Welchen Zweck verfolgte er, aus dem er mich nun so plötzlich aus seiner Nähe entfernen wollte? Nachdem wir so viele Jahre ruhig nebeneinander hergelebt und uns gegenseitig ausspioniert hatten? Warum griff er mich nun an, was hatte sich verändert? Lag es daran, dass die ›Reisende Buchhandlung‹ wieder in Piter aufgetaucht war?

Oh, ich könnte auf diese Weise noch eine Ewigkeit weitermachen, denn ich hatte viele Fragen. Doch ich weiß, wie sehr du nach Antworten verlangst, mein Freund. Deshalb machte ich Schluss mit meinen Grübeleien. Ich zuckte mit den Schultern und wollte mich gerade wieder an die Fortsetzung meines Textes über meine Erlebnisse in Antenora an den Küchentisch setzen. Da hob ich verwundert meinen Kopf, weil sich nach einem leisen Klopfen meine Wohnungstür erneut öffnete und Stepan Wyschnin eilig und dabei aufmerksam über die Schulter spähend bei mir eintrat. Ich fluchte und warf mich zurück in mein unordentliches Bett, verdeckte erneut mit meinem Rücken die verräterische Wodkaflasche und die Blätter mit meiner Geschichte. Ich muss auf Wyschnin so faul wie Ilja Iljitsch Oblomow gewirkt haben.

»Hat der Auftritt eben nicht schon gereicht? Warum werde ich so gequält?«, fragte ich schlecht gelaunt. »Ich werde noch Eintritt verlangen müssen.«

Wyschnin kam auf Zehenspitzen näher und bedeutete mir dabei mit dem Zeigefinger auf dem dünnen Mund, zu schweigen. Er trat an den Tisch, auf dem noch immer mein Zahnputzglas mit einem halben Schluck Wodka darin stand. Er beugte sich zu meiner Verwunderung herab und blickte unter die Tischplatte. Offenbar fand er dort nicht, was er suchte, denn er wandte sich kopfschüttelnd zu meinem Stuhl, auf dem eben der Direktor gesessen hatte. Eine plötzliche Ahnung ließ mich stumm bleiben und ich hinderte ihn nicht an seiner Untersuchung. Wyschnin wurde tatsächlich fündig. Triumphierend hob er einen kleinen, rechteckigen Knopf in der Größe einer Zehnrubel-Münze in die Höhe, der an einer Stirnseite eine kurze Antenne aufwies. Dann nahm er aus seiner Hosentasche eine Münzschatulle, in die er die Wanze behutsam legte. Anschließend ging er ins Badezimmer, wo er das Kästchen auf den Wannenrand stellte. Er stellte die Dusche an und kam dann zurück, schloss dabei die Tür hinter sich. Er räusperte sich.

[Zum 13. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (11)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 10. Teil …

»Ich weiß nicht, warum es so ist. Aber Elena scheint immer wenige Probleme mit diesen Erscheinungen und Zuständen zu haben, wenn wir die Dimensionen wechseln«, bemerkte Marini nachdenklich. »Ich glaube, sie nimmt sie kaum wahr … vielleicht kann man sich daran gewöhnen. Auch wenn mir persönlich dieses Kunststück noch nicht gelungen ist. Ich fühle mich jedesmal wie durch einen Tritacarne gedreht. Mir ist danach für mindestens eine Stunde hundeelend.« Er runzelte die Stirn. »Vielleicht verkraftet ihr merkwürdiger Androiden-Metabolismus diese Reisen durch den Möbius-Tubus einfach besser. Da kenne ich mich nicht aus.«

Klammer schüttelte nur den schmerzenden Kopf. Tausend Teufel stachen zweitausendmal mit sechstausend Dreizack-Spitzen direkt in das Schmerzzentrum seines Gehirns.

›Androiden-Metabolismus!‹, ›Möbius-Tubus!‹ Er fühlte sich verhöhnt und hatte keine Ahnung, wovon der kleine Italiener da eigentlich gesprochen hatte. Er wusste nicht einmal, was genau diese Worte bedeuteten. Und ihm war es im Augenblick auch vollkommen egal. Wenn nur endlich dieser merkwürdige, traumwandlerische Zustand vorbeigewesen wäre, in dem er wie einer endlosen Schleife in immer wieder erscheinenden Déjà-vus gefangen war! War die ›Fuchsgasse‹ ein teuflisches Hamsterrad, dem er nicht entweichen konnte, in dem er sich in alle Ewigkeit im Kreis bewegen musste, ohne von der Stelle zu kommen? Ein Traum vielleicht? Wenn es einer war, dann mochte es ihm mit ein wenig Konzentration vielleicht gelingen, aufzuwachen. Er wünschte sich zurück in sein Haus nach Augsburg, am besten in sein eigenes Bett. Klammer sehnte sich nach dem unbelasteten Leben, das er bis vorgestern selbstzufrieden und unwissend geführt hatte. Solche Abenteuer mochten in einem Buch interessant und spannend zu lesen sein, aber selbst erleben wollte er sie nicht. Wenn nur endlich diese schier unendliche Parade von pinken Motorrollern vorbei war!

Als hätte ihn endlich eine höhere Macht erhört, fuhr bei diesem Gedanken die letzte Vespa an ihm vorbei. Zugleich endete auch das enervierende Vesperläuten. Es wurde mit einmal auch wesentlich heller und wärmer in der schmalen und wieder vollkommen leeren Vicolo. Es war, als wäre plötzlich der Himmel aufgerissen. Unglaublich: Klammer stellte fest, dass die drei nur wenige Meter von der Kreuzung beim Hotel entfernt standen.

»Sie sind unterwegs«, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. »Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.«

»Rayon?«, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. »Was soll das sein? Ein Ort?«

Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte entschlossen Richtung Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Vermutung: Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war ihm erneut seine Tochter geraubt worden. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur für den Laden geworben hatte, befand sich nurmehr ein rostiger, bodenlanger Gittervorhang, der den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte.

Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und gleich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen. Schlusscoda! Alles hatte darauf hingedeutet, als wären jetzt alle Schwierigkeiten überwunden, alle Bösewichter geschlagen und das rätselhafte Abenteuer würde sein glückliches ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt, fast wieder am Anfang seiner Suche. Er stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen und Geheimnissen. Seine Geschichte hatte gerade erst begonnen. Es war erst das erste Kapitel seines Romans geschrieben. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Hotels Raphael.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger saß nicht mehr auf seinem bequemen Sessel auf der Dachterrasse des Hotels. Auch in seinem Zimmer befand er sich nicht und hatte weder dort noch an der Rezeption eine Nachricht hinterlassen. Niemand im Raphael hatte sein Weggehen bemerkt oder eine Ahnung, wohin er aufgebrochen war. Der fette Karl-Heinz Welkenbaum war mitsamt dem wertvollen Geltsamer-Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

Ziemlich ratlos standen die drei nach ihrer vergeblichen Suche in der großen Eingangshalle. Wo sollten sie nun anknüpfen? Marini hob die Hände:

»Madonna! E adesso? – Und jetzt?«

Ein Lächeln erschien auf Verenas bislang emotionslosen Gesicht. »Es scheint, wir haben den Faden im Labyrinth verloren. Aber ich weiß einen Ort, an dem wir ihn wiederfinden können. Es ist nicht weit. Wir besuchen den Papst.«

Kapitel DREI
Die Rückkehr nach Antenora

Aus den Aufzeichnungen eines Vergessenen
(Fortsetzung)

Mein товарищ, mein братья, mein Leser! Du hast mich durch diese grauenvolle Nacht gebracht. Inzwischen müsste es schon dämmern, aber davon ist hier an meinem neuen, fensterlosen Aufenthaltsort nichts zu bemerken. Bist du noch immer hier bei mir in den Büroräumen des Direktors, der sich heutzutage Pan Taganow nennt? Hältst du mir auch wirklich noch die Treue? Vielleicht hast du ja schon meinen Bericht unzufrieden zur Seite gelegt oder ihn längst wütend in die Ecke deines Zimmers geschleudert, weil es einfach zu viel Unsinn war, den ich dir zumutete. Wahrscheinlich beschäftigst du dich wieder mit deinen zukünftigen, persönlichen Angelegenheiten, die ich nicht kenne und auch nicht begreifen würde. Aber das Wichtigste kommt noch! Trete doch näher an mich heran, mein Freund, ich habe noch so viel zu erzählen.

Ich weiß, meine Handschrift war zuletzt eine Zumutung. Sie war kaum leserlich, schlampig und gehetzt. Sie jagte, ohne auf die Liniierung zu achten, übers Papier. Dazu muss dir der Inhalt meiner Aufzeichnungen zunehmend absonderlicher erschienen sein. Wie ein Lügenmärchen für Erwachsene mögen sie in deinen Ohren geklungen haben. Doch bedenke, in welche äußere Situation du mich am Ende des letzten Kapitels begleitet hast. Ich musste im Dunklen sitzen und mich eilen, dir von den Geschehnissen zu berichten. Schließlich lief ich Gefahr, jeden Moment entdeckt zu werden. Du weißt, das wäre mein sicherer Tod gewesen. Renat und Petr, die hier im Heim als Küchenaushilfen angestellt sind, aber offensichtlich auch ganz andere, schmutzigere Aufgaben für den Direktor erledigen, würden sicherlich kein Mitleid mit einem alten Mann wie mir haben, wenn sie mich entdeckten. Dann wäre es mir sicherlich wie dem armen Stepan Wyschnin ergangen, dessen einzige Verbrechen seine Neugierde und seine Hilfsbereitschaft waren.

Stepan war wohl ein guter Mensch, aber ich habe das zu spät erkannt. Vielleicht hältst du mich für gefühlskalt, weil ich so leicht über den gewaltsamen Tod des jungen Mannes hinweg geschrieben habe. Doch ich bin betroffen. Aber bedenke: Der Tod und das sinnlose Sterben waren mir mein ganzes Leben lang ein treuer Begleiter. Ich habe so viele Menschen verloren, die ich liebte. Nenne mich abgestumpft, aber Stepan muss sich in der Reihe derjenigen, die ich betrauere, weit hinten anstellen. Freilich ist es tragisch, wenn jemand viel zu früh von uns gehen muss. Aber ich habe ihn zu kurz gekannt, um mehr als Betroffenheit zu fühlen. Trauer wie Schmerz, aber auch Liebe und Glück sind nicht beliebig aufeinander stapelbar. Irgendwann ist der Gipfel erreicht und dann zerbrichst du entweder – oder du machst einfach weiter. Ich habe mich schon vor vielen Jahren während der Belagerung von Leningrad für das zweite entschieden.

[Zum 12. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (10)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 9. Teil …

»Certo! Das waren sie. Aber seit wann ist unser kleiner Geheimbund eine Diktatur, in der du der Tyrann bist? Ich finde, es wäre doch besser, wenn ich mit euch mitkomme. Mercedes und Isa sind ein eingeschworenes Team. Sie kommen gut ohne mich zurecht. Aber euch kann ich helfen«, erläuterte Marini gelassen seine Befehlsverweigerung, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hob in opernhafter Verzweiflung die Hände vor sich, als würde er an einem Apfelbaum schütteln.

»Überlege doch mal, Elena: Drei Zeugen sind zum einen wesentlich überzeugender als zwei – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte. Und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und nach den anderen suchen. Wie findest du das? Außerdem sind deine Ortskenntnisse über Rom schon ein wenig veraltet, non?«

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen. Mit dem anderen musterte sie den kleinen Mann aufmerksam und schätzte ihn ab. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er diese Haltung oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen. Aber obwohl es ihm ganz vorne auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau wurde kurz vollkommen leer, dann nickte sie.

»Ja, ich gebe es zu«, gab sie sich geschlagen. »Seit dem nasskalten Sommer 1816 hat sich hier in der Ewigen Stadt einiges verändert. Und nicht nur zum Guten.«

1816? Klammer biss sich auf die Lippen. Wie alt ist diese Frau eigentlich? Kennt sie etwa das Geheimnis der Unsterblichkeit? Und geht es in Wahrheit etwa darum? Ist sie eine Art ›Ewiger Jude‹?

»Aber irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?«, fuhr Verena nun wieder gelassen fort. Sie lächelte dabei wissend, doch Marini zuckte nur mit den Schultern.

»Gehen wir endlich?«, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: »Es wird auch mit deiner Führung schwierig genug werden, aus diesem Labyrinth herauszufinden.«

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang. Die Gasse war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Diese lauten Motorroller schwärmten plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Sie glichen einem aufgeregten Hornissenschwarm. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche läutete gerade zur Vesper. Sie verbarg sich hinter einer hohen Mauer, deren Putz schimmelfleckig war und an vielen Stellen abplatze.

Klammer drehte sich zur Seite und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei. Auf ihr saß eine junge Römerin, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien dem Autor etwas zuzurufen, während sie ihn überholte. Aber Klammer konnte ihre Worte wegen des infernalischen Lärms aus dem qualmenden Auspuff ihrer Maschine nicht verstehen. Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem unvermittelt so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und auch Apokalyptisches. Er war längst darüber hinaus, eine solche Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien ihm alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine am Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war, weil er nicht ihre Verschlüsselung verstand. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war.

Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, beängstigend enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte er währenddessen Jahre und nicht nur Augenblicke erlebt. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging. Der ehemalige Priester hielt die Hände in die Hosentaschen gesteckt und pfiff schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der ›Kleinen Nachtmusik‹. Marini holte auf.

»Ich habe Ihr Buch über die Geheimgesellschaften gelesen«, behauptete Klammer frech, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

»Davvero?«, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte. Rief sie den beiden etwas zu? Bei dem Lärm war das schwer zu sagen.

Kommen hier denn immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen?

Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer heran. Er fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken und das Knattern der Zweitakter zu übertönen, schrie er dem Autor nun direkt ins Ohr.

»Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Du bist das noch nicht gewöhnt. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten … wie soll ich sagen? … ›transitiert‹. Es ist, als würden ihre Räumlichkeiten in ihrer näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt und die klaffende Lücke mit …, ja, mit ihrer Realität ausfüllt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein«, erläuterte er.

Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

»Was ist mit euch, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?« Verena, die schon ein gutes Stück vor den Männern war, drehte sich nach ihnen herum. »Darf ich euch daran erinnern, dass wir es eilig haben? Welki ist in höchster Gefahr!« Ihre Stimme übertönte ohne Schwierigkeiten den Lärm von den vorbeifahrenden Vespas und dem ekstatischen Glockengeläut, das Klammer wie einen Zahnschmerz in seinem ganzen mitvibrierenden Schädel fühlte.

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Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 8. Teil …

Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände. »Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig abändern. Ich werde zurück ins Hotel gehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Die Sicherheit der Einzigen hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann mit dem Russen am vereinbarten sicheren Platz.«

»Aber wie werdet ihr uns folgen können?«, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Plan bei ihm fand. Verena hatte eine deutliche Prise Ungeduld in ihrer Stimme, als sie ihm nach kurzem Zögern antwortete:

»Wir sind gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet. Hast du das vergessen? Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und ich fliege euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren und dann mit einem Mietauto kommen.«

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie gehorsam hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war Anführerin, Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen, verschworenen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf – selbst wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.

Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine schriftstellerische Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Als er gestern Morgen mit ihr telefoniert hatte, hatte sie ihm glaubhaft die ›dumme Pute‹ und naive Dichterin vorgespielt. Sie hatte in dem kurzen Gespräch alle seine heimlichen Vorurteile bestätigt, die er gegen Frauen hegte, die Poesie schrieben. Er war auf seinen männlichen Machismus hereingefallen, von dem er gerne behauptete, er würde überhaupt nicht existieren. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und Klammer den Tag rettete, da hatte sie auf ihn wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau in der Mitte ihrer Dreißiger, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus den hellblauen, durchsichtigen Augen wirkte abgeklärt und weltweise. Sie schien Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren bleiche Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte. Vielleicht trug sie wirklich den Geist jener tapferen Dschungelforscherin in sich, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot sein musste. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die ›Rosmarinkatze‹ vielleicht die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

»Also gut, dann machen wir das so«, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

»Und was ist mit mir, Verena?« Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen ›Elena‹ zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

»Du gehst natürlich mit mir zu Welki mit, Nikolaus!«, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Probeweise versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest. Er war eisern wie eine Handschelle.

»Warum kann Papa nicht mit uns kommen?«, warf Isa erstaunt ein.

»Weil ich ihn zum Einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich meinem Dickerchen ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.«

»Die ist schon vor zweihundert Jahren geschlossen worden«, bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

»So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme«, fuhr sie in sich hineinlächelnd fort. »Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich ebenfalls seine Arbeit als ›Page‹ aufnimmt.«

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er seine eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass er sich nicht wehrte. Es hätte ihm eingedenk der Stärke von Welkenbaums Freunden eh nichts genützt. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück.

»Ich werde auf deinen Herrn Papa aufpassen, keine Sorge. Ihr seht euch bald wieder.Dem großen Autor Nikolaus M. Klammer wird nichts geschehen«, sagte sie mit unüberhörbarem Spott in der Stimme. Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

Das Intermezzo im Buchladen hatte höchstens zehn Minuten gedauert, da war sich Klammer sicher. Aber die schmale Vicolo vor der Ladentür lag inzwischen still in der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten war es spürbar kälter geworden. Zwischen den sich nahe gegenüberstehenden Häusern, die weiter oben einander entgegenbeugten, wehte ein unangenehm kühler Wind. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an Klammers Ohren. Er sah sich nach dem Avvocato Ienalli um, doch der lehnte nicht mehr an der Häuserfront und leckte seine Wunden und sein angeschlagenes Ego. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als der Autor gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Augenblicke – viel zu kurz für seinen Geschmack! – in der Buchhandlung zusammen mit seiner Tochter und den anderen gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen und die Kühle eines Abends im April manifestierte sich fast schon als Nebel über dem brüchigen und vielfach ausgebesserten Asphalt. Er hörte das Geräusch einer sich schließenden Tür hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war den beiden gegen ihre ausdrückliche Anweisung nach draußen gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er den Eingang gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam von Verenas Gefolgsleuten – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

»Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?«, fragte Verena scharf.

[Zum 10. Teil …]

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