Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.4)

[Zum 1. Teil]

Das Intermezzo im Buchladen hatte höchstens zehn Minuten gedauert, da war sich Klammer sicher. Aber die schmale Vicolo vor der Ladentür lag still in der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten der sich nahe gegenüberstehenden, wie sich schützend einander zuneigenden Häuser war es spürbar kälter geworden. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an Klammers Ohren. Er sah sich nach dem Avvocato Ienalli um, doch der lehnte nicht mehr an der Häuserfront und leckte seine Wunden und sein angeschlagenes Ego. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als der Autor gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Augenblicke – viel zu kurz für seinen Geschmack! – in der Buchhandlung zusammen mit seiner Tochter und den anderen gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen und die Kühle eines Abends im April manifestierte sich fast schon als Nebel über dem brüchigen und vielfach ausgebesserten Asphalt. Er hörte das Geräusch einer sich schließenden Tür hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war den beiden gegen ihre ausdrückliche Anweisung nach draußen gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er den Eingang gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam von Verenas Gefolgsleuten – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

„Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?“, fragte Verena scharf.

Certo! Das waren sie. Aber seit wann ist unser kleiner Geheimbund eine Diktatur, in der du der Tyrann bist? Ich finde, es wäre doch besser, wenn ich mit euch mitkomme. Mercedes und Isa kommen gut ohne mich zurecht, aber euch kann ich helfen“, führte Marini gelassen aus, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hob in opernhafter Verzweiflung die Hände vor sich, als würde er an einem Apfelbaum schütteln. „Überlege doch mal, Elena: Drei Zeugen sind erst einmal wesentlich überzeugender als zwei – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte. Und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und das andere Exemplar stehlen. Wie findest du das? Außerdem sind deine Ortskenntnisse über Rom schon ein wenig veraltet, nicht?“

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen, während sie den kleinen Mann aufmerksam musterte. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er sie oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen, aber obwohl es ihm auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau war vollkommen leer, dann nickte sie.

„Ja, ich gebe es zu. Seit dem Sommer 1816 hat sich hier einiges verändert. Und nicht nur zum Guten.“ 1816? Klammer biss sich auf die Lippen. Wie alt war diese Frau?

„Aber irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?“, fuhr sie fort. Sie lächelte dabei wissend, doch Marini zuckte nur mit den Schultern.

„Gehen wir endlich?“, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: „Es wird schwierig genug werden.“

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang. Die Gasse war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Die Motorroller schwärmten plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, einem aufgeregten Hornissenschwarm gleichend durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche hinter ihrer hohen, schimmelfleckigen Mauer läutete gerade zur Vesper.

Klammer drehte sich zur Seite, und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei, auf der eine junge Römerin saß, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien etwas zu ihm zu sagen, während sie ihn überholte, aber Klammer konnte sie wegen des infernalischen Lärms ihrer Maschine nicht verstehen. Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und er war längst darüber hinaus, eine solche Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien ihm alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine im Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war, weil er nicht ihre Sprache verstand. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war. Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, beängstigend enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte er währenddessen Jahre und nicht nur Augenblicke erlebt. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging, die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte und schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der Kleinen Nachtmusik pfiff. Der Italiener holte auf.

„Ich habe Ihr Buch gelesen“, behauptete Klammer, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

Davvero?“, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte. Rief sie den beiden etwas zu? Bei dem Lärm war das schwer zu sagen.

Kommen hier denn immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen? Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer heran und fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken und das Knattern der Zweitakter zu übertönen, schrie er dem Autor ins Ohr.

„Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Du bist das noch nicht gewöhnt. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten … wie soll ich sagen? … transitiert. Es ist, als würden ihre Räumlichkeiten in der näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt und die Lücke ausfüllt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein“, erläuterte er. Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.3)

[Zum 1. Teil]

Porca miseria! Wie konnte denn das geschehen?“, warf Marini zornig und überrascht ein. Nach dem Fluch, der ihm unbedacht herausgerutscht war, wechselte er sofort in ein akzentfreies Hochdeutsch. „Was machen wir denn nun? Wir brauchen das Buch!“

Klammer hob schuldbewusst die Handflächen nach oben. Er fühlte sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt. Er wandte sich an Verena, die ihm vielleicht als Anwältin helfen konnte:

„Es schien mir das einzig Richtige zu sein. Ich wurde seit Innsbruck von diesem Avvocato verfolgt und ich wusste, dass er nicht nur hinter Isa, sondern auch hinter dem Geltsamer-Buch her war. Mal abgesehen von dem Zaubertrick, den es durchführen kann, habe ich nicht die geringste Ahnung, was das Buch so wertvoll macht. Doch ich habe die einzige Gelegenheit genutzt, die sich mir bot, es in Sicherheit zu bringen, als ich mich heute Vormittag im Hotel Raphael nach euch beiden erkundigte. Ihr wart ja leider unterwegs … also, was sollte ich tun? Ich hatte auch nicht viel Zeit, nachzudenken.“

„Das war ja sicher ein guter Einfall, aber …“, setzte Isa an.

„… aber jetzt ist der Verleger in Lebensgefahr und das Buch könnte den Hyänen in die Hände fallen“, brachte Mercedes den Satz zuende. Weiter hinvollkommen in mit ihr telefoninio versunken, hatte sie bisher nicht den Eindruck gemacht, als würde sie zuhören. Aber nun hatte sie das Offensichtliche in dem düsteren und rauchigen Tonfall einer Sybille ausgesprochen.

„Das wäre eine Katastrophe, die wir unbedingt verhindern müssen. Welki sitzt im Moment auf der Dachterrasse unseres Hotels und ist von vielen Menschen umgeben“, sagte Verena nach einer kleinen Pause, in der alle betroffen vor sich hinstarrten. „Ich hielt es für das Beste, ihn dort sitzen zu lassen, denn ich dachte, er wäre dort sicher. Aber nachdem nun klar ist, dass uns die Hyänen auch hier in Rom aufgespürt haben, war das wohl nur Wunschdenken. Wir wissen es ja: Um Isabellachen in die Hände zu kriegen, würden sie über Leichen gehen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie das tun.“ Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände. „Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig abändern. Ich werde zurück ins Hotel gehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Die Sicherheit der Einzigen hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann mit dem Russen am vereinbarten sicheren Platz.“

„Aber wie werdet ihr uns folgen können?“, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Entschluss bei ihm fand.

„Wir sind gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet. Hast du das vergessen? Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und ich fliege euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren und dann mit einem Mietauto kommen.“

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war Anführerin, Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen, verschworenen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf; auch wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.  Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Sie hatte in dem kurzen Gespräch alle seine Vorurteile bestätigt, die er gegen Frauen hegte, die Poesie schrieben. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und den Tag rettete, hatte sie auf Klammer wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau Mitte Dreißig, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus hellblauen, durchsichtigen Augen wirkten abgeklärt, weltweise und sie schienen Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren bleiche Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte, der Geist jener taperen Dschungelforscherin, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot war. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die „Rosmarinkatze“ die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

„Also gut, dann machen wir das so“, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

„Und was ist mit mir, Verena?“ Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen „Elena“ zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

„Du gehst mit mir zu Welki mit, Nikolaus!“, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Probeweise versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest, eisern wie eine Handschelle.

„Warum kann Papa nicht mit uns kommen?“, warf Isa erstaunt ein.

„Weil ich ihn zum Einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich meinem Dickerchen ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.“

„Die ist schon vor zweihundert Jahren geschlossen worden“, bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

„So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme“, fuhr sie in sich hineinlächelnd fort. „Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich seine Arbeit als Page aufnimmt.“

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er seine eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass er sich nicht wehrte, was ihm eingedenk der Stärke von Welkenbaums Freunden eh nichts genützt hätte. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück.

„Ich werde auf ihn aufpassen, keine Sorge. Deinem Vater wird nichts geschehen. Ihr seht euch bald wieder.“ Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

[Zum 4. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.2)

[Zum 1. Teil]

Auch Nikolaus Klammer fiel. Sein unglücklicher Sturz war jedoch wesentlich kürzer als der seines Verlegers und das Ergebnis noch schmerzhafter. Klammer stolperte in die kühle, abgedunkle Buchhandlung hinein und hatte kurz den Eindruck, Rom würde sich hinter ihm wie ein Fernsehbild schließen, das jemand mit einer Fernbedienung ausschaltet. Dann machte er auch schon Bekanntschaft mit dem Holzboden und schlug sich dabei heftig das Knie an.

„Aua“, jammerte er und drei erstaunte Augenpaare starrten den zu Boden gegangenen und nach Mitleid ausschauhaltenden Autor von dem Verkaufstresen aus an, an dem er erst vorgestern seinen überaus seltenen Balzac-Roman und den Geltsamer erworben hatte. Es waren zwei Frauen und ein Mann, die dort standen und sich offenbar angeregt unterhalten hatten, als Klammer ihr Gespräch durch seinen ungeschickten Auftritt unterbrach. Sie erstummten wie ertappt. Der Mann, der zwischen den Frauen stand, war ein mittelgroßer Italiener, dessen schwarze Haare wie bei einer japanischen Comic-Figur steil zu Berge standen. Er trug eine dicke Hornbrille, die seine ohnehin nicht kleinen Augen so vergrößerte, dass sein Gesichtsausdruck wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen aussah. Wahrscheinlich – nein, sicher – war das Gaetano Marini, der angebliche Herausgeber von Elena Kuipers Dschungeltagebuch. Anhand des grobgerasterten Zeitungsfotos, das Klammer von ihm kannte, hätte er ihn nicht identifizieren können. Zumal er heute zivile, legere Kleidung und keine Soutane mit römischem Kollar trug. Hatte nicht gestern Engold bei ihrem Telefongespräch erwähnt, Marini sei aus der Kirche ausgetreten und hätte geheiratet? Dann war wohl die attraktive Frau neben ihm seine Gattin Mercedes. Klammer kannte sie von seinem Bucheinkauf. Sie schien ihm noch immer an demselben Spearmint wie vor zwei Tagen zu kauen und war die einzige, die über seine Ungeschicklichkeit kicherte. Als Klammer die andere Frau erkannte, stiegen ihm die Tränen in die Augen. Das lag nicht nur an den Schmerzen in dem Knie, auf das er gefallen war. Seine Suche hatte ein Ende:

Er kniete vor seine Tochter Isa!

Da war sie endlich; schließlich hatte er sie doch gefunden. Er konnte sein Glück kaum fassen. Seine Isa! Gesund und fröhlich stand sie zwischen den Bücherreihen und strahlte ihn an. Aber sie hatte sich verändert, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Isa trug ihr von der Sonne ausgeblichenes Haar nicht mehr so lang wie früher, sondern kurz, fast militärisch streng geschnitten; was ihr aber nicht schlecht stand, sondern eine gewisse Abgeklärtheit und Autorität verlieh. Die Haut an Gesicht und Armen war durch ihren Aufenthalt in Südamerika dunkel eingefärbt und sie hatte das eine oder andere Pfund abgenommen. Isa war in dem halben Jahr, in dem Klammer sie nicht mehr gesehen hatte, sehr erwachsen geworden. Er musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie nun wirklich nicht mehr sein „kleines Mädchen“ war. Nur mit ihren grauen, gelbgesprenkelten Augen sah sie noch immer so erstaunt und neugierig in die Welt, wie sie das schon in den ersten Minuten nach ihrer Geburt getan hatte, als die Hebamme den stillen Säugling vorsichtig in Klammers Arme legte. Diesen gleichzeitig weisen und wissbegierigen Kinderblick hatte sie sich bis zum heutigen Tag bewahrt.

Verena Salva – oder Elena oder wie immer sie auch heißen mochte –, vor der Klammer das Antiquariat auf diese ungeschickte Weise betreten hatte, mit der er im wahrsten Sinn des Wortes mit der Tür ins Haus gefallen war, beugte sich zu ihm herab und half ihm zurück in die Senkrechte.  Dabei fiel Klammer auf, wie stark die Freundin von Welkenbaum war. Sie stellte den untersetzten Autor praktisch nur mit einer einzigen flüssigen Handbewegung auf die Füße, die sie überhaupt nicht anzustrengen schien. Doch dann gab es für Klammer nur noch die Freude des Wiedersehens. Er humpelte eilig auf Isa zu, fiel ihr in die Arme und umarmte sie so fest, als würde er sie nie mehr loslassen wollen. Die Tränen flossen reichlich über seine Wangen. Er wusste nicht, ob es die Rührung oder der stechende Schmerz in seinem Knie war, der ihren nicht enden wollenden Fluss verursachte – wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Doch der Autor hielt seine Tochter nicht nur so lange und fest umklammert, weil er sie endlich in Sicherheit und geborgen in seinen Armen wusste, sondern auch aus einem anderen, eigennützigeren Grund. Er bekam dadurch die Gelegenheit, sich nach den Ereignissen ein wenig zu fassen und zu beruhigen. Allzu viel war in kürzester Zeit auf ihn eingestürzt, hatte seine Welt auf den Kopf gestellt und ihn fast um den Verstand gebracht, hatte ihn verwirrt und verängstigt. Sicherheiten waren erschüttert worden, er war von unheimlichen Verfolgern gejagt worden und das Leben seiner Familie und sein eigenes wurden bedroht. Klammer war erschöpft, übermüdet, ausgehungert und nun schmerzte auch noch sein Knie nach dem unglücklichen Sturz eben. Er musste schon eine jämmerliche Figur abgeben!

Die Umarmung seiner Tochter gab ihm seine Kraft zurück und langsam ging es ihm wieder besser. Auch der Schmerz im Knie ließ nach. Wenn seine Erlebnisse der letzten Tage ein Roman gewesen wären, den er selbst geschrieben hatte, dann wäre nun eine gute Gelegenheit gewesen, das Wort ENDE unter seine Geschichte zu setzen. Doch solch einen Kniff konnte man sich nur als Schriftsteller leisten, denn in der Wirklichkeit endete eine Geschichte für den Hauptdarsteller – ihn selbst, Nikolaus M. Klammer – niemals, auch wenn sich die Wirklichkeit, die er gerade erlebte, nicht gerade real anfühlte, sondern eher aus einem Albtraum zu stammen schien. Er hob den Blick von Isas Schulter, in deren Halsbeuge er bislang seinen Kopf vergraben gehalten hatte. Er fand den geduldigen, aber auch etwas peinlich berührten Augenaufschlag von Marini; während dessen Frau Mercedes kaugummikauend neben ihm stand und sich offensichtlich langweilte, denn sie hielt ein Smartphone in der Hand und wischte abgelenkt und flink mit dem Daumen über das Display. Ein Räuspern in seinem Rücken brachte Klammer endlich dazu, zögernd seine Tochter loszulassen und einen Schritt zurückzutreten. Isa lächelte verlegen. Unter ihrer Urlaubsbräune war sie errötet und sie nickte ihrem Vater liebevoll zu.

„Deine Entführer …“, stammelte Klammer mit einem dicken Kloß im Hals, „… haben sie dir nichts getan? Ich hatte solche Sorgen.“

„Mich hat niemand entführt. Haben sie das behauptet? Nein, nein, das war eine Lüge. Es war zwar ziemlich knapp, als sie mich in dem Lokal in Brasília aufgespürt haben, aber ich konnte ihnen entwischen.“ Klammer seufzte erleichtert. Wie er schon vermutet hatte, hatte überhaupt keine Entführung stattgefunden. Die Verbrecherorganisation der Hyänen, die offenbar nicht nur in dem Berlinroman seines Großvaters Sebastian Kerr, sondern nun auch in seinem eigenen Leben eine Rolle spielte, hatten ihm ihr Verbrechen nur vorgegaukelt, um an das Geltsamer-Buch zu kommen. Warum sie dann diese Scharade nicht aufrecht erhalten hatten, konnte er sich nicht erklären und übrigens auch nicht, wie es Isa geschafft hatte, innerhalb von eineinhalb Tagen von der Hauptstadt Brasiliens – was hatte sie eigentlich dort verloren? Sie hätte eigentlich in Lima sein müssen! – nach Rom in die Vicolo della Volpe zu gelangen. Ein Flug allein dauerte schon mindestens fünfzehn Stunden. Vielleicht geht es den Hyänen ja wie mir und es passiert ihnen alles viel zu schnell, dachte er. Ich habe sie einfach mit meiner Abreise überrascht. Sie mussten ihren Plan mit der fingierten Entführung aufgeben und mir den mörderischen Avvocato auf den Hals hetzen.

„Es ist ja alles gut gegangen, Papa“, unterbrach Isa seine Gedanken. „Aber sag, wie geht es Mama?“

„Gut, nehme ich an. Ich habe ihr irgendeinen Bären aufgebunden, weshalb ich unbedingt nach Rom fahren musste. Ich glaube, das war auch in deinem Interesse, sie erst einmal aus der Sache herauszuhalten, oder?“

„Ja, das hätte alles noch viel komplizierter gemacht. Mama ist zuhause am Sichersten und am besten aufgehoben. Aber du musst doch hundert Fragen haben.“

„Nur hundert? Ich habe tausend Fragen! Ich weiß überhaupt nicht, mit welcher ich anfangen soll. Vielleicht erklärst du mir …“

„Das wird leider noch etwas warten müssen“, wurde Klammer von Verena unterbrochen. Sie war es gewesen, die sich eben geräuspert hatte. Nun stellte sie sich zwischen Vater und Tochter. Die große, blonde Frau drehte ihren Kopf hin und her und musterte die beiden nachdenklich. „Isa, wie ich erfahren habe, hat dein Vater unser Buch nicht mehr. Er hat es ausgerechnet meinem Welki gegeben und scheint auch schon eifrig darin gelesen zu haben.“

[Zum 3. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Eine phantastische Trilogie“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit einen rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinab in eine schier grundlose Tiefe. Sein Zeitgefühl hatte er dabei längst verloren. Aber inzwischen musste er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht haben, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein gelangt war. Er hatte sich längst an seinen Sturz gewöhnt und er erschien ihm nicht mehr absonderlich. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er unmöglich überleben konnte, und die Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts wie ein Stachel im Hintergrund seiner Gedanken steckte, genoss er doch den Augenblick und das beglückende Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren, der ihn sanft umschloss und ihn wie eine warme Decke in den Abgrund begleitete.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern schwächer und für Beschwerden anfälliger werdenden Körper immer unwohler; er hatte sich von ihm entfremdet; seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in dem fetten Leib wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und den er eigentlich verabscheute. Unaufhörlich bereitete ihm sein Körper Probleme: Ihn zwickte etwas, drückte, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Hüften und an Krämpfen in den Schenkeln, stumpfer Taubheit in Fingern und Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin, die er sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben ließ und auch brav schluckte, obwohl er ihre Wirkungen nicht zu spüren glaubte. Er war sich freilich bewusst, dass die abendliche Flasche Rotwein und der „Betthupferl“-Whisky wahrscheinlich einen Großteil seiner Unbillen erst verursachten und die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stumpfes Kopfweh – oft grausamer waren als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Doch daran etwas zu ändern, hatte er längst nicht mehr in der Hand. Das war ein Teufelskreis, dem er nicht mehr entrinnen konnte. Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90, dachte er, so alt werde ich bestimmt nicht. Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und seine Seele und der verflixte Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz miteinander versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderem Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Nikolaus Klammer oder von Daniel Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige und weinerliche Lektüren, bei denen man Erleichterung empfand, wenn man sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte und wieviel Zeit ihm das Schicksal noch gewährte. Doch augenblicklich stürzte er in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und er war glücklich. Er konnte sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er am Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben führte, gestolpert oder von jemandem von hinten gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, jetzt schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er eben dauerte. Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon. Das war auch ein Spruch seines Vaters; der war ein wandelnder Büchmann gewesen.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen, nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er es einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, jenem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war. Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht stieg er ja auch empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Das würde sich, fiel ihm auf, genau so anfühlen. Vielleicht war der gemauerte Schlund ja kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg oder was auch immer war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegenflog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln. Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett, kam ihm beruhigend in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder mit ihnen gar einen neuen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen! Auf der Stelle! Er öffnete die Augen.

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und und aus den Augenwinkeln seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd, was ihm aus irgendeinem vergessenen Grund als ein wichtiges Indiz erschien. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Aber wenn er diese auseinanderzwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen nicht wieder in den Traum, sondern in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie eine Vision ein Gesicht vor sich, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau; überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum konzentrierte sich von Neuem und zählte langsam bis drei. Dann versuchte er ein weiteres Mal, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog er seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell und einfach. Er starrte an die graue Betondecke eines Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren III – Ein phantastischer Roman (Teil 1)

UND DIES WAR GESCHEHEN

Karl-Heinz Welkenbaum schüttelte den Kopf. Durch die drei Fettwülste seines Doppelkinns wurde daraus ein sanftes Wiegen. Er spürte, wie ihm die Körpersäfte aus allen Poren drangen und als Sturzbach den Rücken hinunter rannen. Sicherlich bildeten sie schon eine breite, dunkle Linie auf seinem leichten, hellen Jackett. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie es diese Römer fertigbrachten, so ameisenemsig in ihrer staubtrockenen, rostig-braunen und hoffnungslos überfüllten Stadt zu leben, in der es schon im Frühsommer unerträglich heiß war. Da lobte er sich doch sein heimatliches Bayernland, wo von einem weiß-blauen Osterhimmel eines sanfte, gütige Sonne herablachte und der Löwenzahn auf den saftigen Kuhweiden blühte.

Welkenbaum nahm den Strohhut vom Kopf, benutzte ihn als Fächer und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, während er dem Portier des Hotels Raphael bedeutete, die gläserne Eingangstür offen zu halten. Er konnte bereits die herrliche Kühle spüren, die ihm aus dem klimatisierten Foyer der Nobelherberge entgegen wehte und dabei seine beige Leinenhose bauschte. Jetzt noch ein kühles Getränk – die an der Dachbar ausgeschenkte Maisplörre verdiente zwar kaum den Namen „Bier“, war aber, wenn eiskalt, durchaus trinkbar -, dann war er nach dem schier endlos langen, vormittäglichen Einkaufsbummel, der, wenn es einen gerechten Gott gab, sicherlich seiner Zeit im Fegefeuer angerechnet wurde, wieder mit sich und der Welt versöhnt. Gut, dass in der Vorsaison auch die Filialen der großen Läden ab 13:30 Uhr eine lange Mittagspause einlegten, weil Verena sonst bis in die Nacht hinein geshoppt hätte. Der Münchener Verleger stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und hätte es keine fünf Minuten länger in den stickigen und von Menschenmassen überschwemmten Gassen und Geschäften ausgehalten.

Er sah zu seiner neuen Freundin zurück. Wo blieb sie denn? Sie verhandelte noch immer gestenreich mit dem Taxifahrer, der fast unter einem Berg von Taschen und Kartons verschwand, die er vom Rücksitz und dem Kofferraum seines weißen Fiat geholt hatte und nun quer über den breiten Bürgersteig vor dem Hotel auf den Eingang zu jonglierte. Währenddessen stolzierte die seit ihrem gestrigen Friseurbesuch wasserstoffblonde Verena auf hohen Designerpumps neben ihm her und trug ein winziges Pratesi-Handtäschchen und eine kleine Papiertüte aus einer Parfümerie in den Händen, die sie im geschmeidigen Takt ihrer Bewegungen schlenkerte. Passanten drehten sich nach der jungen Frau im kurzen, roten Sommerkleid um und pfiffen ihr hinterher. Eine Vespa, auf der zwei typische römische Ragazzi hockten, fuhr langsam über den Platz vor dem Hotel. Beide machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse von ihr.

Was für eine Frau!, dachte Welkenbaum voller Besitzerstolz. Er fühlte sich durch die Szene an einen alten Hollywood-Film erinnert und genoss für einen Moment das Banale und Klischeehafte der Situation:

Da war Verena Salva, seine im Verhältnis zu seinen eigenen Lebensjahren blutjunge und sehr attraktive Geliebte. Sie hatte das halbe Viertel leer gekauft. Ihre Anschaffungen trug ihr ein sichtlich überforderter, wie ein ermüdeter Atlas unter dem Gewicht der Pakete schwankender Chauffeur, den sie wie ihren persönlichen Diener behandelte, in die todschicke Fünf-Sterne-Unterkunft, in der das Paar in der Präsidentensuite hoch über den Dächern der Ewigen Stadt logierte. Und da war er selbst, der dicke, unansehnliche, aber reiche und geschmackssichere Verleger, der ihr Vater hätte sein können und mit ihr gerade einen zweiten – oder dritten – Frühling erlebte. Er hatte überall brav seine Platin-Kreditkarte gezückt und hielt ihr nun gemeinsam mit dem Portier die Türen auf, damit Verena die Beute ihres Raubzuges in Sicherheit bringen konnte. Fehlte nur noch, dass im Aufzug Tea for two gespielt wurde und nicht den eisernen Gesetzen einer Endlosschleife gehorchend zum dritten Mal an diesem Tag das Thema von „Der Pate“ -, das dem Verleger, wenn er es sich recht überlegte, allerdings auch ganz passend erschien, da er sich schmeichelte, durchaus Ähnlichkeiten mit dem aufgequollenen Marlon Brando der späten Jahre aufzuweisen: Beiger Leinenanzug, Strohhut, schütteres Haar, schleppende, nuschelnde Aussprache, wulstige Lippen, Überbiss und ein sarkastischer Blick.

Doch wie das mit Klischees so war, sie hielten der Wirklichkeit selten stand. Das war zwar alles so, aber doch auch ein wenig anders; viel weniger glamourös. In der Bayerischen Heimat wurde gerade eine Kalt- und Schlechtwetterfront aus nordwestlicher Richtung erwartet, der Ausläufer eines atlantischen Sturmtiefs, das sich mit viel Regen und Frostgefahr bis in die tiefen Lagen näherte. Die Löwenzahnwiesen, von denen Welkenbaum träumte, waren längst überall, auch in der Nähe seiner Villa in Bad Griesbach, Opfer der Unkrautvernichtungsmittel und bittergelben Raps-Monokulturen gewichen, deren aggressive Leuchtfarbe bei ihm Kopfschmerzen verursachte. Denn der Verleger besaß keine Platin-Kreditkarte – nicht einmal eine goldene -, und war nicht so reich, um seine Freundin mit italienischer Designermode auszustaffieren und sich einfach so ein verlängertes Osterwochenende in einer von Roms Nobelhotels leisten zu können. Er verdankte das durchschnittlich große Zimmer im 2. Stock, dessen Fenster in den Innenhof auf die Parkplätze zeigte,der freundlichen Einladung eines Freundes, seines Verleger-Kollegen und Bruders im Geiste Ugo Tozzini, der die edizione tempo moderno herausgab und mit dem er schon seit vielen Jahren eng kooperierte. Auch hatte Verena den Großteil ihres Einkaufs von ihrem eigenen Geld bezahlt, dessen munter sprudelnde Quelle Welkenbaum unbekannt war, denn sie arbeitete nicht. Dies war eines ihrer Geheimnisse, auf deren Wahrung sie sehr viel Wert legte. Verena war auch bei Weitem nicht so jung, wie sie aussah; doch ihr wirkliches Alter verriet sie nicht. Was nun endlich Marlon Brando anging: Diese Ähnlichkeit hatte nur einmal eine Topless-Tänzerin in der Augsburger Apollo-Bar entdeckt, in der er sich einmal mit Nikolaus Klammer getroffen hatte. Diese Übereinstimmung war der Frau aus Osteuropa aber erst aufgefallen, nachdem der Verleger ein paar Flaschen Champagner spendiert hatte, um seinen schreckensstarr und stocksteif am Tisch sitzenden Autor aufzumuntern, der sich so wohlfühlte wie ein Goldfisch in einem Piranha-Becken.

Aber wie er nun unnachahmlich seine Worte dehnte, als er den Concierge an der Rezeption in seinem holprigen Italienisch um die Zimmercard bat, das hatte doch etwas von Cosa Nostra und dem Paten, fand Welkenbaum.

Posso … avere la chiave della … uh, 239, per favore?“, fragte er, während Verena zusammen mit dem keuchenden Taxifahrer neben ihn trat. Hoffentlich bekam der arme Mann keine Herzattacke.

Ma come, Signore.

Der Mann am Empfang, ein braungebrannter und ölig schwarzhaariger Macho aus dem Bilderbuch, achtete jedoch kaum auf den dicken Verleger. Sein Blick lag sehnsüchtig auf dem großzügigen Ausschnitt von Verenas Kleid und verweilte dort. Eine kleine Pause entstand. Welkenbaum kniff die Augen zusammen und entzifferte das Namenschild, das der Hotelangestellte auf seiner weinroten Weste trug.

„Andrea. Was habe ich dir denn bloß getan, dass du mich so respektlos behandelst?“, murmelte er stirnrunzelnd auf deutsch und hob sich seine zu einer Klaue geformte Rechte an die Unterlippe. Er weckte den Mann aus seiner Starre.

Scusami?

Welkenbaum wiederholte seinen Wunsch auf Englisch, das er noch schlechter als Italienisch sprach. Aber diesmal wurde ihm gehorcht. Andrea sah endlich widerstrebend auf und griff hinter sich in die Ablage.

Che cosa hai detto? Camera 239?“ Er reichte die Karte über den Tisch.

„Welki!“, rief Verena und schnappte sich sofort die Schlüsselkarte aus der Hand ihres Freundes. „Ich muss sofort und auf der Stelle duschen. Regle du das mit dem Tassista, bitte.“

Der Verleger verbeugte sich, während der Taxifahrer erleichtert die Pakete zu Boden fallen ließ.

„Ist recht, mein Engel. Ich werde noch ein wenig an die Bar gehen und komme dann später nach.“

„Trinke nicht zu viel. Du weißt, du sollst an deinen Blutdruck denken. Und bleibe nicht allzu lange weg. Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass wir uns heute Abend mit Roman Geitania und seiner netten Gattin Mercedes treffen wollen und vorher möchte ich mir noch unbedingt den Vatikan ansehen.“

Verena winkte einem der Pagen, der die Rolle des Trägers übernahm und mit ihr in Richtung der Aufzüge ging. Welkenbaum bezahlte ohne Murren die unverschämt hohe Rechnung des Chauffeurs. Er wusste, dass alle Taxifahrer Roms Gauner waren und hatte keine Lust auf langwierige, aber erfolglose Verhandlungen. Er wollte ebenfalls zu den Aufzügen, als ihn der Concierge noch einmal aufhielt.

One moment please, Mr Welkenbaum, i have something for you.

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[Zum 2. Teil]

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