Aber ein Traum …

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In the Summertime

SUMMERTIME

In diesem Jahr kamen die Mücken spät, erst Mitte Juli. Wie die Wespen sind sie auffallend klein, aber aggressiv. Zielsicher finden sie die eine Stelle, die ich nicht mit Autan besprühte oder stechen gleich durch die Kleidung hindurch. Auch ihr Gift scheint gemeiner zu sein; die betroffene Hautpartie juckt ewig. Allerdings sind durch die häufigen Gewitter die Gelegenheiten eher selten, den Abend mit wohligem Ennui auf der Terrasse zu verträumen. Darum hält sich das Mückenproblem in Grenzen.(1) Man muss nur die Türen und Fenster geschlossen halten, damit sie einem nicht die Nachtruhe rauben. Aber das fällt bei den Abendtemperaturen leicht, die sich zielgerichtet dem Nachtfrost nähern. Ich habe schon überlegt, ob ich einheizen soll. Dafür schießen im dampfigen Morgennebel der seltenen wärmeren Tagen die Schwammerl aus dem Boden. Auch wenn ich nur selten Essbare finde. Aber Fliegenpilze sind auch viel hübscher anzusehen als Steinpilze.

Die Terrasse – mal wieder in nachmittäglichem Gewitterregen …

Die Idee zum folgenden Text hatte mein Freund Peter S., der meinte, ich solle doch mal über die sommerlichen Mückenabende  schreiben. Er sagte, er sei eben erst Rentner geworden und er habe deshalb wenig Zeit. Aber meine Bücher und meine Texte würde er auf jeden Fall noch lesen, spätestens im nächsten Jahr, mit seinem neu erworbenen Tablet auf seiner Terrasse. Nur wenig später wurde bei ihm ein besonders bösartiger Krebs diagnostiziert. Er starb wenig vor Weihnachten. Diesmal ist es ein trauriger Rückblick für mich.

*

Heute habe ich keinen Grund, mich aufzuregen. Es war eine schöne Woche: Die Arbeit ging leicht von der Hand und ich musste mich dabei auch nicht überanstrengen. Das Wetter ist sommerlich, aber die Temperaturen in angenehmen Alt-Herren-Bereichen. Kurz, um es mit George Gershwin zu sagen (Alle dürfen jetzt mitsingen. Ich bevorzuge allerdings die Fassung von Janis Joplin):

Summertime,
And the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘
And the cotton is high

Your daddy’s rich
And your mamma’s good lookin‘
So hush little baby
Don’t you cry …

Also, es gibt keinen Grund zum Schreien. Allerdings sind da jene Mistviecher, die abends über meine Gartenterrasse herfallen und die Ruhe des Autors nach dem Sturm empfindlich stören, der gemeinsam mit Frau Klammerle bei Kerzenlicht an einem Glas Pfälzer Rosé nippt (Cuveé Tabernus – sehr empfehlenswert! Den gibt es inzwischen auch als 5-Liter-Karton; das hält eine Weile vor), dabei den geschmacklos altrosafarbenen Phlox beim Blühen bewundert und wertvolle Aphorismen für die Nachwelt (und seinen Blog) erdichtet.

Diese Plagegeister sind zum einen Teufels Beitrag zur Schöpfung –  jene weiblichen Mückenvampire, die sich durch das feuchte Klima der letzten Monate explosionsartig vermehrten, in überaus durstigen Wolken das Mondlicht verdunkeln und sich auf uns herabsenken und juckenden Blutzoll fordern, die anderen sind seltsame, fett brummende und ungelenke Juli- oder Augustkäfer von Daumennagelgröße, deren Hobby es scheint, mit voller Wucht gegen mein Panoramafenster zu knallen und dann wie besoffen weiterzutaumeln. Gibt es die überhaupt – Augustkäfer? Vielleicht sind es auch amerikanische Spionagedrohnen, die ein paar meiner weltbewegenden Gedanken abfangen wollen. (Seit kurzem folgt den Artikeln auf meinem Blog ein amerikanisches Modemagazin. Ob das irgendwie zusammenhängt?)

Als würden die neugierigen Blicke der Nachbarn schräg gegenüber nicht schon reichen. Immerhin steht jetzt die Goldrute so hoch, dass sie zum Spannen in den ersten Stock gehen müssen …

Gegen die Mücken hilft nur die Chemiekeule. Vergesst die Hausmittelchen wie Citronelladuftkerzen, mit Nelken gespickte Orangen und stinkende Weihrauchpflanzen – es sei denn, Ihr wollt es im Sommer einen Hauch weihnachtlicher – und verschwendet euer Geld nicht für Ultraschallpfeifen, Elektrofallen und ähnlichen, wie Frau Klammerle das ausdrücken würde, Schnickschnack. Schutz bietet allein DEET. Allerdings riecht man und frau danach klebrig nach Büffel, was der leichten Sommerliebe und den Trieben abträglich, aber immerhin: Die großen Schnaken (auf gut Günzburg-Schwäbisch formuliert: Uz Schnookn hans han!) stechen nicht. Trotzdem umschwirren sie weiterhin wütend sirrend meine Ohren und stoßen mit den Julikäfern zusammen, verbrennen sich gemeinsam die Flügel an der Kerze und landen zischend und nach Hühnchen riechend im heißen Wachs. Die Chemie gelangt zwangsläufig an die Lippen und das Gift in den Wein, der sich in eine ungenießbare Azeton-Lauge verwandelt.

Aber, wie gesagt: Die Fische springen, und Jerry Cotton(2) ist high.

Himmlische Ruhe herrscht auf einer sommerlichen Terrasse.

Wäre da nicht der Nachbar hinter der drei Meter hohen Thujahecke, der jetzt sofort, dringend, auf der Stelle, es muss einfach sein, geht nicht anders, den Rasen mäht und die laut vibrierende Heizungsanlage von den alten Leuten gegenüber, die sich in regelmäßigen Abständen einschaltet und unnötigerweise einen Boiler aufheizt. Und die Jugendlichen, die ihre aufgebohrten Maschinen hinten am Spielplatz testen und der IC nach Ulm und die dicken Lastwägen, die den Müller-Joghurt vom Nachbarort (der ja laut Werbung im Allgäu liegt) aus in alle Herren Länder transportieren. Und die Altherrenmannschaft vom TSV Diedorf spielt in schwarz-gelben Wespentrikots hinten auf dem nahen Sportplatz laut umjubelt gegen den FC Bieselbach(3). Der Nachbar zur Linken ist inzwischen in seinem Strandkorb – man gönnt sich ja sonst nichts – sanft entschlummert und sendet seine balzenden Schnarchgeräusche herüber. Jetzt schleimen auch endlich die Nacktschnecken auf ihrem Abendspaziergang zum Pflücksalat quer über den Terrassenboden. Sie machen wenigstens keinen Lärm dabei.

Beruhig dich, kleines Mädchen, es gibt kein‘ Grund zum Schrei’n.

Was für eine Sommernacht.

Heute hatte ich wirklich keine Veranlassung, mich aufzuregen …

Falls jemand von euch diese oder ähnliche Erlebnisse aus meinem aufregenden Leben auch an Orten lesen möchte, bis zu denen das Internet nicht hinreicht, also irgendwo im Amazonas-Dschungel, an einem gottverlassenen thailändischen Strand oder einfach in Niederbayern, dann kann ich mein Buch „Noch einmal davon gekommen“ empfehlen, das voll dieser Geschichten ist und sich als ideale Urlaubs- und Ferienlektüre anbietet.


(1)  Den letzten Sommerurlaub verbrachten wir im Chianti. Dort wütet die kleine Tigermücke, die ein paar eklige Krankheiten überträgt und dazu nicht nur nacht-, sondern auch tagaktiv ist und einen schon beim Frühstück quält. Selbst DEET hilft gegen diese Miniaturmonster kaum und ihre Stiche jucken furchtbar. Da kommt noch was auf uns zu mit der Klimaerwärmung. Dagegen ist unsere einheimische, schwäbisch-Diedorferische Mücke ein harmloses Insektchen.

(2) Kennt den edlen und tapferen G-Man vom FBI eigentlich noch einer? Ab den 60ern erlebte er in unzähligen Heftchenromanen wilde Verbrecherjagden in N.Y., half seinem minderbegabten Kollegen Phil Decker aus der Patsche, kriegte in jeder Folge das Mädel ab und wirbelte lässig auf den Absätzen herum, während er seine Browning aus dem Schulterhalfter riss, um dem bösen Kerl ein drittes Nasenloch zu stanzen. Abends fand er dann noch die Zeit, bei einem Highball als Ich-Erzähler seine Erlebnisse aufzuschreiben. Es gibt auch ein paar unsägliche Sechziger-Jahre- Verfilmungen mit dem an Mädels nicht allzu interessierten George Nader; in denen groteskerweise München so tut, als läge es an der amerikanischen Ostküste.

Ein Jerry-Cotton-Heftchen reichte genau einen öden Schulvormittag lang und konnte gut versteckt unter einem aufgeklappten Schulbuch unter der Bank gelesen werden, ohne dass der Lehrer misstrauisch wurde.

(3) Die Ortschaft gibt es wirklich; sie liegt im idyllischen Zusamtal zwischen Horgau und Zusmarshausen und hat als einzige Sehenswürdigkeit einen spätgotischen Holzaltar. Die letzte aufregende Zeit erlebten die Bieselbacher im Mai 1648. Da fand dort die letzte große Feldschlacht des Dreißigjährigen Kriegs statt, die auf deutschem Boden ausgetragen wurde. Ach, ja, beim Bieselbacher Fischer hole ich mir immer meine frischen Lachsforellen, wenn ich grillen will. Im Moment ist Bieselbach mit dem Auto leider nicht zu erreichen, weil die Ortsstraße renoviert wird.

Der Freitagsaufreger (XVI) – Das Lied des Weckers Teil 1

1. Morgengrauen

Einmal in jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

„Was?“ wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus X. Klammer überrascht ausrufen:

„Mein Lieblingsschriftsteller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht. Wie krank ist denn diese Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich gestehe es dir im Vertrauen, sozusagen von Angesicht zu Angesicht, denn sehr viele lesen diesen Blog ja nicht: So ist das. Von der Feder zu leben ist so ertragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste. Zudem gehen die meisten Verleger und Publizisten (und Internetaktivisten) davon aus, dass der Autor überhaupt aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarforderungen herschenken darf.

„Was?“ werden alle anderen ausrufen, die von meinem frühen Aufstehen an jedem Mittwoch lesen:

„Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert mir wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich einmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Da lese ich nicht mehr weiter, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt, sage ich, ihr habt ja recht! Eigentlich kann ich froh sein, dass mich in meinem Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich herumstehe und klug daher rede; da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr braven Bauern, Arbeiter und Angestelle, Beamte und Köche, die ihr von der Woche Last jeden Freitag wohlverdiente (und kostenfreie) Entspannung beim Freitagsaufreger sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch wochenends klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen, habt meinen Respekt. Ich klage aufs Neue auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine ehrlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung geprägt worden, morgens vor der Frühmesse wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Erbarmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Mantel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken ihrer Lieblingskneipen, nicht an die stumpfe Morgendämmerung, nicht an die Regentropfen aus grauen Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern ihrer Linie.

Zählen wir doch einmal. Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolkenfinger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikalische Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich einer: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Toll, da hat einer aber nachgedacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abendlieder, Serenaden und Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien der Komponisten sind, die sie spät am Abend zu Noten machten. Zweitens: Meine Argumentation ist so gut, dass ich sie mir von der Wahrheit nicht kaputt machen lasse.

Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen!

Ich möchte richtig verstanden werden; ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor der verdienten Mittagsruhe arbeiten, aber nicht, wenn ich mich zu früh in den Tag kämpfen muss. Dann kann nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden. Gut, dass das bei meiner Arbeit niemand von mir verlangt. Mittwoch herrscht Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich vom Stuhl. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, an diesem Tag nicht mehr zu bloggen.

Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich einmal in der Woche nicht blogge, nicht an meinem Roman schreibe und auch in der Arbeit nur Mist mache. Meine Sorge ist eine andere: Es ist das pünktliche Aufwachen. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie. Die wunderbare Frau Klammerle, die als pflichteifrige Krankenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischendienst und anschließend mal wieder vergnügt ein paar Nächte arbeitet, bringt natürlich absolut kein Verständnis für mein oben geschildertes Problem auf. Es geht ihr auch schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tiefschlafen und steht als solche auch im Guinnessbuch der Rekorde.

Wecker1

Daher brauchen wir beide dringend jeder einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit privaten, täglich wechselnden Weckzeiten.

Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Mittwochs, sondern jeden dummen Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzenlosen Güte noch schenken will. Aber ich sehe schon, ich habe heute bereits zu viel geschrieben.

Deshalb mache ich besser nächste Woche mit der Geschichte vom großen Weckerkampf weiter.

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