Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “A8”

Donnerstag, 02.05.19 – Das große Zittern

Donnerstag, 02.05.19

Beinahe 55 Lebensjahre bin ich ohne ausgekommen und es ging mir gut dabei. Ich habe mich bewusst geweigert, mir solch ein Teufelsgerät zuzulegen. Zwei PC’s, ein Laptop, zwei E-Book-Reader, eine Spielekonsole und ein Tablet sollten eigentlich genügen, meine Online- und Computerbedürfnisse vollständig zu befriedigen. Zumal ich ja nur ein, zwei Freunde und keine soziale Kontakte pflege und als extrem schüchterner Mensch mit leicht autistischer Ausprägung mir lieber einen Finger abschneide, als ein Telefongespräch zu führen; ich benutze nicht einmal unseren Festanschluss und verstecke mich im Keller, wenn es klingelt. Zudem hat ja die gut vernetzte Frau Klammerle schon ewig ein Smartphone, auf dem sie fleißig surft, whatsappt, telefoniert, Quizduell spielt und shoppt.

Da ich mich und meine Affinität zu gewissen Süchten kenne(1), sah ich absolut nicht ein, wozu ich ebenfalls ein Handy benötigen würde. Doch Frau Klammerle bohrte: Ich müsse unbedingt erreichbar sein. Schließlich würde ich viermal in der Woche zur Arbeit fahren(2). Da müsse ich doch Bescheid geben können, falls ich im Stau stünde oder das Auto irgendwo in der Pampa zwischen Zusmarshausen(3) und Bieselbach(4) seinen Geist aufgebe. Das Argument zog und ich kaufte mir endlich bei Aldi ein billiges Smartphone. Freilich hat sich herausgestellt, dass ich grundsätzlich kein Netz habe, wenn mal wieder mein Auto zickt und nicht von der Stelle kommt. Oder Frau Klammerle hat ihr Gerät stummgeschaltet oder reagiert nicht auf den Messenger, weil sie gerade in ihrem Fitnessstudio ist. Tja, den eigentlichen Sinn erfüllt das Smartphone also eher nicht. Aber wie ich befürchtet hatte, war ich sofort abhängig davon und gehörte innerhalb kürzester Zeit zu den Smombies, die bei jeder Gelegenheit und auch sonst auf das Handy starren, weil sie glauben, etwas zu versäumen, wenn der Bildschirm nicht flackert. Tatsächlich findet das Leben anderswo statt; aber ich bin eben willensschwach.

Nun war gestern meine Schwester(5) zu Besuch (1. Mai, Garten, du weißt schon … und wenn nicht, dann lies den Gedankensplitter von gestern). Sie trank nachmittags den frisch importierten Prosecco aus Italien und später dann das Bier aus dem Altmühltal, das ich mitgebracht habe. Es wurde ein netter, langer Abend. Doch als sie und ihr Mann uns verlassen hatten, war mein Smartphone nicht mehr auffindbar, auf dem ich nur mal schnell vor dem Zubettgehen die Zugriffe auf meinen Blog kontrollieren wollte(6). Frau Klammerle gab selbstverständlich  wie immer sofort mir und meiner Schlamperei die Schuld und wir suchten gemeinsam das Gerät eine Stunde lang vergeblich – zuerst an den möglichen Stellen, schließlich auch im Kühlschrank, im Keller und in der Toilette(4). Du wirst es dir schon gedacht haben, wir fanden es nicht, denn meine leicht beschwipste Schwester hatte es beim Aufbruch in ihre abgründige Handtasche gesteckt, mit deren Inhalt sie problemlos zwei Monate im Urwald überleben könnte. Erst zuhause angekommen, bemerkte sie, dass sie nun im Besitz von zwei Smartphones war – die sich übrigens kaum ähnlich sehen.

Und nun sitze ich da und muss mich mit dem schrecklichen Gedanken anfreunden, in den nächsten Tagen ohne Smartphone auszukommen. Ich bemerke, wie ich dabei immer zittriger und unruhiger werde und mich kaum mehr auf den Text konzentrieren kann, den ich gerade schreibe. Ich bin auf Entzug und heute Nachmittag muss ich zum ersten Mal seit einem Jahr ohne Handybegleitung ganz alleine nach Günzburg fahren. Mich gruselt und friert. Ich habe Angst.

Vielleicht war dies ja mein letzter Gedankensplitter – leb wohl, lieber Leser.

____________________

(1) … und es erschreckend finde, wie jedermann und -frau bei jeder Gelegenheit auf diese kleinen rechteckigen Bildschirme starrt und hektisch mit dem Finger auf ihnen herumwischt oder es sich wie ein Butterbrot vor den Mund hält und so lautstark mit jemandem zu reden, dass ich noch hundert Meter entfernt jedes Wort  eines Gesprächs mitbekomme, das mich überhaupt nicht interessiert.

(2) Da ja niemand meine Texte liest oder gar für sie bezahlt, nirgendwo ein Reemtsma mit einer monatlichen Zuwendung auf mich wartet, kein Verleger meine Genialität entdeckt hat und mich der Feuilleton schnöde ignoriert, gehe ich auch einem Brotberuf nach, um meine Familie zu ernähren. Dieser Beruf führt mich viermal in der Woche in das türmereiche, ehemals österreichische und reichlich langweilige Günzburg. Von meinem Heimatdorf Diedorf aus ist das eine halbe Weltreise, die mich im „Wilden Westen“ Augsburgs zuerst über kleine Seitenwege bis Horgau, dann über die B10 bis Zusmarshausen, anschließend über die A8 bis zum Ziel führt – insgesamt sind das hin und zurück über 90 Kilometer. Mein klappriges, aber treues Gefährt ist ein Fiat Bravo, Kat. 4; er ist 10 Jahre alt und hat inzwischen über 300.000 km auf dem Tacho. Außer dem Motor war schon fast jedes Teil einmal kaputt. Jemand an der Kiste interessiert? Rost und einen Haufen Dellen gibt es gratis dazu.

(3) Ein vergessener Ort der Europäischen Geschichte: Hier fand die letzte große Schlacht des dreißigjährigen Krieges statt. Noch heute braut die in Zusmarshausen ansässige Brauerei aus diesem Grund ihr „Schwedenpils“. Was mal wieder beweist, wie pragmatisch die bayerischen Schwaben denken. Um eine alte Plakatwerbung der Brauerei zu zitieren, auf der eine glückliche Familie über eine Wiese wandert: „Wir gehen dorthin, wo Papi sein Schwarzbräu bekommt.“

(4) Der Ort heißt tatsächlich so. Bieselbachs einzige Sehenswürdigkeit ist ein durchaus beeindruckender spätgotischer Flügelaltar in einer kleinen, unscheinbaren Kapelle. Es gibt dort keine Wirtschaft, aber einen Fischer, der seine eigenen Forellen und Saiblinge aus dem Bieselbacher Fischweiher verkauft.

(5) Sie ist gut neun Jahre älter als ich. Über meine Schwester zu schreiben ist wie der Versuch, den Atlantik in kleine Flaschen abzufüllen. Und sie weiß tausend peinliche Geschichten über mich zu erzählen, die ich selbst schon längst vergessen habe.

(6) 28 Besucher. Das war ein absoluter Spitzenwert, den ich bloß alle paar Monate mal erreiche. Normalerweise sind es fünf bis sechs, die sich auf meinen Blog verlaufen.

(7) Nein, so weit ist es zum Glück mit mir noch nicht. Ich bin zwar schusselig – das war ich schon immer -, aber noch nicht dement.

Beitragsnavigation