Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 4)

Aber ein Traum, Fortsetzungsroman, Geschichte, Literatur, Philosophie, Roman

Wir haben in deiner Jugend oft Wanderungen in den Bergen unternommen, Jonas. Du kennst das Gefühl, wenn man plötzlich auf schmalem Pfad und rutschigem Untergrund glaubt, weder einen Schritt vorwärts noch einen rückwärts machen zu können, ohne abzustürzen. Man blockiert sich mental selbst und ist in dieser Situation vollkommen hilflos, wenn einen niemand bei der Hand nimmt und über diese nicht einmal besonders gefährliche Stelle führt. So ging es mir beim stillen Übersetzen der weiteren Textzeilen: Ich wusste exakt, was ich da für ein Werk vor mir hatte, aber mein Verstand weigerte sich, es zu glauben. Ein Nichtgeisteswissenschaftler mag das einfach mit einem Schulterzucken abtun, aber für mich war das der größte Moment in meinem Leben.

Da gab es keinen Zweifel. Ich war auf eine Abschrift der Téchnē des Sophisten Gorgias von Leontinoi gestoßen, den Platon in seinem bekannten Streitgespräch mit Sokrates zur überheblichen Witzfigur machte. Die Téchnē ist jedenfalls ein seit der Spätantike verschollenes Werk über die Redekunst, das Gorgias offenbar mit diesen einleitenden Worten begann.

Verstehst du die Bedeutung? Wenn schon die erste der hier eingelagerten Schriftrollen, zudem eine von mir vollkommen zufällig ausgewählte, eines der großen verlorenen Bücher des klassischen Altertums barg – welche Dinge mochten dann in den anderen Amphoren auf eine Wiedergeburt warten? Selbst wenn in allen anderen Gefäßen nur Staub und Papierbrösel zu finden waren: Allein durch diese Entdeckung würde unser Bild von den Essenern von Qumran und damit auch von Jesus Christus revolutioniert werden. Konnte es bei dieser frappierenden Übereinstimmung mit dem Gleichnis von Sämann möglich sein, dass der Nazarener die Bücher des Gorgias gelesen und dessen Redekunst in seinen eigenen Predigten und Gleichnissen verwendet hatte? Mein Gott, man muss sich das mal vorstellen …“

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Georg Habakuk seufzte und schwieg. Er starrte von seiner eigenen Erinnerung aufgewühlt aus der Scheibe der Beifahrertür, einen Punkt an einem nur für ihn selbst sichtbaren Horizont fixierend. Sein Sohn, der sein Auto in der Zwischenzeit auf einem kleinen, leeren Rastplatz neben der Schnellstraße geparkt hatte, wartete geduldig. Er nahm an, dass sein Vater so vollkommen in seine Geschichte eingetaucht war, dass er nicht die schmuddeligen Abfalltonnen und das Toilettenhäuschen sah, sondern sich gerade mit Günec in der Kaverne und bei den wertvollen Papyrusrollen wähnte, den wertvollsten Fund seiner Karriere in den Händen.

Jonas wollte ihn dabei nicht stören, hatte auch Angst, dass der alte Mann in seiner Verwirrung das Thema wechseln würde, wenn er ihn jetzt ansprach und eine Fortsetzung forderte. Jonas selbst konnte die Begeisterung seines Vaters, die diesen im Moment überwältigte und der Worte beraubte, kaum nachvollziehen. Was bedeuteten ihm auch die Schriften eines Sophisten, der vor zweieinhalbtausend Jahren gelebt hatte? Gorgias? War es so wichtig, ob ein Evangelist bei ihm abgeschrieben hatte? Viel interessanter war doch die Frage, was das alles mit ihm selbst und mit dem Geheimnis seiner Geburt zu tun hatte. Er hoffte, Georg Habakuk würde sich endlich fangen und auf die Dinge zu sprechen kommen, die wirklich wichtig waren. Warum hatte ihm nur Binderseil nicht mehr erzählt und sich stattdessen in die Bewusstlosigkeit gesoffen! Er schien doch die ganze Geschichte zu kennen. Bei seinem Vater war es reine Glückssache, ob er seine Erzählung zu Ende brachte oder sie einfach vergaß.

Endlich befreite sich der alte Mann aus seiner Starre, rutschte sein Blick hinunter auf seine leeren Hände, die er überrascht musterte. Dann fuhr er endlich in seiner Erzählung fort und zwar genau an der Stelle, an der er sie unterbrochen hatte.

„Egal. Es ist alles verloren gegangen und schon so lange her. Vielleicht war es ja nur ein Traum. Weißt du Jonas, manchmal erwache ich in der Nacht und diese Erinnerung an Qumran, die Höhle, die Pergamente und all das, was danach noch geschah, fühlt sich falsch an, wie das Zerrbild, das ein schlechter Schlaf kurz vor dem Erwachen geboren hat. Wenn du nicht wärst und Günec nicht alles bestätigt hätte, hätte ich das Ganze längst abgetan und dem Albtraum einer Nacht zugerechnet.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich im Dunkel der Amphorenhöhle stand, mit dem zitternden Licht meiner Stirnlampe grell den Papyrus in meiner Hand ausleuchtete und fieberhaft übersetzte, was Georgias in der Einleitung zu seinem Handbuch der Rhetorik geschrieben hatte. Irgendwann lenkte mich ein Stöhnen von Günec ab, der starke Schmerzen in seinem verletzten Bein hatte. Ich schämte mich für meine Gedankenlosigkeit und Selbstsucht und widerstand der Versuchung, eine weitere Amphore zu öffnen. Ich schob die wertvolle Schriftrolle zurück in ihr Tongefäß, das sie über Jahrtausende vor Hitze, Dreck und Zerfall bewahrt haben musste, legte es behutsam auf die Erde vor der antiken Bibliothek und holte endlich den Rucksack, in dem die Erste-Hilfe-Ausrüstung verstaut war.

Nachdem ich mit ihrer Hilfe meinen Freund verarztet hatte, teilte ich unsere spärlichen Wasservorräte auf zwei Feldflaschen auf und packte meinen eigenen Rucksack mit dem Allernötigsten. Günec, bei dem die Schmerzmittel langsam wirkten, beobachtete mich nachdenklich bei meinen Vorbereitungen:

„Was willst du unternehmen?“, fragte er. Ich konnte seiner Stimme anhören, dass er langsam in seinen typisch muslimischen Fatalismus steuerte. Ich glaube jedoch nicht an „Kismet“ und war entschlossen, mich nicht einem Schicksal zu beugen, das uns in diese gefährliche Situation geführt hatte. Ich deutete auf die senkrechte Felsspalte im hinteren Bereich der Höhle, von der mit Wüstensand vermischt ein wenig Frischluft zu uns hereinwehte und durch die auch etwas Dämmerlicht in das Dunkel fiel. Wenn mir meine Augen, vor denen noch immer die griechischen Buchstaben meiner Lektüre tanzten, keinen Streich spielten, war dort ein Ausgang. Ich rieb mir den wehen Rücken.

„Ich werde uns Hilfe holen, was sonst? Ich denke, dort hinten geht es ins Freie. Wenn ich mal raus aus den Höhlen bin, werde ich schnell zurück ins Lager finden. Das wird nicht lange dauern. Und beim Abendessen können wir dann allen von unserer unglaublichen Entdeckung erzählen. Sie werden diese Kaverne nach uns benennen: Die Nasawi-Habakuk-Höhle!“

Günec lachte bei dem Gedanken, aber ich merkte ihm an, dass ich ihn nicht ganz überzeugt hatte. Er hatte Angst.

„Beeile dich bitte. Es ist nicht gerade meine Vorstellung von einem gelungenen Nachmittag, hier im Dunkel der Habakuk-Nasawi-Höhle zu hocken, mein Freund“, erwiderte er und versuchte trotz seiner Verzweiflung auf meinen leichten Ton einzugehen.

„Zumindest geht dir nicht der Lesestoff aus“, sagte ich und näherte mich der schmalen Felsspalte. Ich hörte Günecs Gelächter noch lange als Echo in meinem Rücken.

Ich hatte richtig vermutet: Durch den Spalt drangen ein wenig Licht und wüstenheiße, aber frische Luft in meine Höhle; der Durchgang war jedoch so schmal, dass ich mich nur gewalttätig durchzwängen konnte. Ich quetschte zuerst den Rucksack, die Stirnlampe und meine Jacke durch die Öffnung, die in ihrer Tiefe vielleicht einen halben Meter ausmachte. Obwohl ich damals ziemlich hager war, blieb ich trotzdem auf halbem Weg zwischen den zwei Höhlen stecken. Panisch ruderte ich mit den Armen und Beinen und suchte einen Punkt, an dem ich mich abstützen und weiterstemmen konnte. Der Fels drückte auf meine Lungen und fast wäre ich erstickt.

Mit meinen letzten Reserven gelang es mir aber, mich langsam zentimeterweise durch die Engstelle zu schieben. Wenn ich später mit den Helfern wieder auf diesem Weg zurückkäme, würden wir schweres Werkzeug brauchen, um die Öffnung zu vergrößern, damit eine Bahre hindurchpasste.

Ich riss mir die Kleidung bei meiner Anstrengung an der Leiste auf und die Haut blutig, aber endlich gelang es mir, auf die andere Seite zu kommen. Die Verletzung war nicht weiter schlimm, doch ich habe dort noch heute eine Narbe. Das ist einer der Beweise, dass ich meine ganze Geschichte nicht nur geträumt habe. Ich war vom Schweiß vollkommen durchnässt, was mir sicher dabei half, den engen Spalt zu überwinden und brauchte eine Weile gegen eine Kante gelehnt, bis ich wieder zu Atem kam und Günec ein letztes Mal Mut zurufen konnte. Was ich ihm verschwieg: Diese neue Kaverne war eine Enttäuschung. Sie war vollkommen leer und barg keine weiteren Fundstücke. Sie hatte zwar einen Ausgang zur Oberfläche, aber dieser war eine fast kreisrunde Öffnung in der Decke der Höhle. Durch sie fiel schräg das Abendlicht zu mir hinab, jedoch war sie für mich unerreichbar. Die Wände waren viel zu bröcklig, als dass ich an ihnen hätte emporsteigen können. Ich musste mir einen anderen Weg suchen. Auf keinen Fall wollte ich mich wieder zurück zu Günec quetschen. Ich sah mich aufmerksam um und entdeckte tatsächlich einen Gang, der vielversprechend war und leicht nach oben führte. Er war zwar recht breit, aber nur etwa hüfthoch und zwang mich, ihm auf allen Vieren zu folgen, den Rucksack vor mir herschiebend. Nach etwa zehn Metern verzweigte er sich. Ich wählte die linke Seite, die mir leichter begehbar schien. Bald endete dieser Weg vor einer massiven Felswand. Ich kehrte rückwärts robbend um, wählte die andere Gasse. Bald kam ich an die nächste Kreuzung und dann an noch eine. Ich war in einem Labyrinth aus Gängen gefangen. Meine Odyssee im Bauch des Berges begann.

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 3)

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„Aber was hat das mit deiner Geschichte zu tun?“, wagte Jonas seinen Vater auf die Gefahr hin, dass dieser völlig den Faden verlor, zu unterbrechen. Wenn er nicht wollte, dass sein alter Herr ihm nun stundenlang die philologischen Feinheiten der Qumrantexte auseinandersetzte, musste er ihn bremsen. Habakuk wirkte für einen Moment verwirrt, machte den Eindruck, als wisse er nicht, wo er war.

„Es war kurz vor Ende der Kampagne, als ich zusammen mit meinem palästinensischen Grabungshelfer und späteren Freund Günec verloren ging. Diese Höhlen in der Wüste, in denen die Essener oder wer auch immer vor zweitausend Jahren ihre Texte lagerten, sind labyrinthisch und weitläufig. Sie durchlöchern den Berghang wie einen Schweizer Käse. Da konnte es schon mal passieren, dass man bei einer Erkundung in die Irre ging. Aber irgendwann fand jeder wieder heraus. Auch ich gelangte nach einigen Umwegen wieder ins Freie, musste aber beim Verlassen der Höhle feststellen, dass ich an einen Ort gelangt war, der mir so fremd war wie ein anderer Planet. Der Höhlengang war wie ein Tor zu einer anderen Welt. Ich kann mir vorstellen, wie fantastisch das für dich klingen mag. Das Ganze klingt auch nach Science Fiction – aber es ist mir und Günec wirklich passiert. Er hat darüber sogar einen Bericht geschrieben, den leider niemand lesen wollte. Ich habe das Manuskript zu Hause im Bücherschrank. Ich gebe es dir, wenn wir später heimfahren. Vielleicht hilft uns Günec, er hat mich erst kürzlich besucht.“

Jonas wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er konnte sich gut an Günec Nasawi erinnern, jenen stämmigen Freund seines Vaters mit dem mächtigen Bart, den er als Kind so sehr bewundert hatte, wenn dieser zuverlässig bei einer seiner häufigen Vortragsreisen zu Besuch kam und eine Zeitlang im Junggesellenhaushalt der beiden wohnte. Das waren immer ganz besondere Höhepunkte in seiner Kindheit und Jugend gewesen, Feiertage für ihn und auch für Georg Habakuk. Nasawi brachte jedesmal ein besonderes Spielzeug oder ein Buch für sein Patenkind mit und widmete Jonas viel Zeit und Aufmerksamkeit. Welch ein Unterschied hatte zwischen dem zu tausend Scherzen aufgelegten Palästinenser und dem trockenen, nüchternen Vater bestanden!

Nasawi hatte sich aus kleinen und widrigen Verhältnissen vom für ein lächerliches Taschengeld arbeitenden Grabungshelfer zum studierten Akademiker hochgearbeitet. Er erreichte in Achtzigern eine ordentliche Professur an der Fakultät für Altertumskunde an der altehrwürdigen Amerikanischen Universität in Beirut. Vor über zehn Jahren zerriss ihn dann direkt vor dem Eingang der Uni eine Autobombe. Er war das einzige Opfer und es bekannte sich nie eine der zahllosen libanesischen Extremistengruppen zu dem Anschlag.

Konnte es sein, dass sich Jonas Vater auch in diesem klaren Moment nicht mehr an jenen entsetzlichen Verlust erinnern konnte? Oder wollte er es einfach nicht wahrhaben, dass er seinen einzigen echten Freund bei einem sinnlosen Terroranschlag verloren hatte, weil dieser früh dran war und ausgerechnet in dem Augenblick sein Fahrrad an einen Laternenmast kettete, als das mit einer Zeitbombe verminte Auto direkt daneben in die Luft flog?

Und was das Manuskript anging, das Nasawi angeblich Georg Habakuk hinterlassen hatte: Jonas hatte die Bibliothek seines Vaters längst aufgelöst und die Hälfte der Bücher der Universität gestiftet, den nicht an den Mann bringbaren Rest weggeworfen. Wahrscheinlich war der Text des palästinensischen Professors bei dieser zweiten Hälfte gewesen. Es war aber auch möglich, dass er noch in einer Kiste in der fast ausgeräumten Eigentumswohnung seines Vaters ruhte, jener Immobilie, die der Sohn trotz seiner Vollmachten ohne finanziellen und juristischen Aufwand nicht so einfach verkaufen durfte. Da Jonas jeden Papierkram und bürokratischen Ärger scheute, stand die große Wohnung seit Jahren leer. Er nahm sich vor, dort bei nächster Gelegenheit nach dem Manuskript von Nasawi zu suchen. Vielleicht fand er die Zeit morgen nach der Wahlveranstaltung, für die er seinen Urlaub kurz unterbrechen musste.

Jonas konzentrierte sich wieder auf die Erzählung seines Vaters, der gerade umständlich beschrieb, wie er sich beim Erkunden eines vielversprechenden Ganges gemeinsam mit Günec im Höhlenlabyrinth oberhalb von Qumran verirrt hatte und dabei fast verschüttet wurde.

„Der Sandstein der Wände ist dort äußerst bröcklig und von der trockenen Hitze mürbe“, erzählte er gerade. „Es genügt manchmal nur eine flüchtige Berührung oder ein fester Tritt auf den Untergrund, dass das Ganze ins Rutschen kommt und wahre Gerölllawinen von der Decke stürzen. Trotz der modernen Ausrüstung ist es ein Eiertanz, auf der Suche nach kleinen Tonscherben und Papyrusfetzen durch diese manchmal nur schulterhohen Gänge zu kriechen. Man fragt sich unwillkürlich, wie sich jene Juden vor zweitausend Jahren gefühlt haben und sich zurechtfanden, als sie ihre Familien und ihre wertvollen Bibel- und Gesetzesrollen hier vor Römern und wilden Wüstenstämmen verbargen und nur mit einem flackernden Talglicht ausgerüstet wie halbblinde Maulwürfe durch stickige Kavernen und Klaustrophobie erzeugende Gänge krochen.

Jedenfalls waren Günec und ich bereits auf dem Rückweg. Eine zurückgelassene, leere Coladose des amerikanischen Grabungsteams hatte uns wie Hänsel und Gretels Brotkrumen die richtige Abzweigung gezeigt. Da tat sich plötzlich unter uns der Boden auf und wir stürzten hilflos gemeinsam mit einer Stein- und Sandlawine in eine bislang verborgene Kaverne unter uns – nur etwa zwei, drei Meter tief, aber der fast senkrechte Sturz fühlte sich viel länger an. Mir war, als wäre ich ewig unterwegs, bis ich endlich auf den Boden fiel. Im Nachhinein denke ich, dass dies der Moment des Übergangs war. Die zwar niedrige, aber recht geräumige Höhle, in der wir uns wiederfanden, war zwar an dieser Stelle knietief mit feinem Wüstensand bedeckt, den jahrhundertelang der Wind aus einer schmalen Öffnung weiter hinten ins Innere geweht hatte, aber wir schlugen trotzdem recht hart auf und Günec verletzte sich dabei am linken Fuß. Ich muss mir dabei ein wenig den Rücken gestaucht haben, denn er schmerzte danach noch tagelang.

Nachdem wir uns etwas beruhigt hatten und wieder zu Atem gekommen waren, untersuchte ich im Schein unserer Stirnlampen den Knöchel meines Freundes, der mir zwar nicht gebrochen schien, aber ordentlich geprellt. Er schwoll bereits so bedrohlich an, dass ich ihm eilig den Schuh von Fuß zog. Ohne meine Stütze konnte Günec sich kaum aufrichten. Er würde auch nicht mehr weiter gehen können.

„Das wird schon wieder“, machte ich dem wegen der Schmerzen laut Jammernden Mut und war in diesem Moment wirklich nicht allzu besorgt. Die Sache hätte auch schlimmer ausgehen können. Wir waren ja nicht mehr weit von der Grabungsstätte entfernt und konnten vielleicht sogar um Hilfe rufen. Wahrscheinlich war es mir auch möglich, durch den Einsturz wieder nach oben zu klettern.

Ich warf den Kopf in den Nacken und leuchtete hinauf. Zu meiner Verblüffung war knapp über mir nicht die erwartete Öffnung zu sehen, die der Einsturz der Decke verursacht haben musste, sondern massiver Felsen. Ich griff nach oben und betastete den Stein, weil ich es zuerst für eine optische Täuschung hielt. Aber nein, es war kein Zweifel möglich: Wir waren zwar von oben hinabgestürzt, aber an einem ganz anderen Ort gelandet, zwar ebenfalls in einer dunklen Kaverne des Qumran-Hügels, soweit ich das beurteilen konnte, aber erstaunlicherweise nicht unterhalb der Stelle, an der wir durch den Boden gefallen waren. Waren wir in dem Chaos mit der Sanddüne tiefer in die Höhle hinabgerutscht, auch wenn ich mich nicht daran erinnern konnte? Das würde zumindest erklären, warum mir der Fall so lang vorgekommen war.

Ich schob dieses Rätsel erst einmal zur Seite und beschloss, mich um das Nächstliegende zu kümmern. Ich suchte mit dem Licht meiner Lampe nach dem Rucksack mit den Wasservorräten, den mein Helfer getragen hatte und der hier irgendwo liegen musste. In ihm war auch eine Erste-Hilfe-Ausrüstung verstaut, mit der ich Günec Bein verbinden und seine Schmerzen behandeln konnte. Dabei glitt der scharfe, kugelrunde Lichtkreis der Stirnlampe über einen gewaltigen Hügel aus Amphoren, Tongefäßen und Urnen, die aufeinandergestapelt offenbar vollkommen unbeschädigt an der Höhlenwand lehnten. Ich erstarrte. Auch Günec verstummte und leuchtete fasziniert hinüber.

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„Das ist unglaublich“, sagten wir gleichzeitig. Wir wussten sofort, was wir da gefunden hatten. Es traf uns wie ein elektrischer Schlag. Dies war ein weiteres Lager für Pergamente und Papyrusrollen, das die Essener – oder wer auch immer sich hier vor über zweitausend Jahren verborgen hatte – in dieser Höhle eingerichtet hatten. Es schien bereits auf den ersten, flüchtigen Blick größer als alle anderen, bereits entdeckten, zusammen! Wenn in diesen Tonkrügen tatsächlich weitere gut erhaltene Texte aus der Zeit vor Christi Geburt lagerten, dann hatten wir durch Zufall einen Jahrhundertfund gemacht. Das musste die größte antike Bibliothek sein, die je entdeckt worden war. Wir fühlten uns, als hätten wir die Schriften von Alexandria entdeckt.

Ich näherte mich vor Ehrfurcht und Aufregung zitternd dem halb im Wüstensand begrabenen Lager, beugte mich herab und nahm vorsichtig eine der oberen Amphoren in die Hand. Ich zerbrach mühelos das im Verlauf der Jahrtausende in dünnes Glas verwandelte Wachsiegel und kippte das tönerne Behältnis leicht. Eine dicke Papyrusrolle glitt aus ihr heraus in den Sand.

Ich gestehe, dass ich in diesem Moment mehr einem fiebernden Schatzräuber als einem ordentlichen Altertumsforscher glich. Aber in dieser extremen Situation warf ich meine Ausbildung und die wissenschaftliche Sorgfalt über Bord, die mich eigentlich gezwungen hätten, meine Finger von dem Fund zu lassen, bis ein Grabungsteam alles kartografiert und Zentimeter für Zentimeter untersucht, katalogisiert und mit kleinen Haarpinseln vorsichtig vom Dreck der Jahrhunderte befreit hatte. Und auf keinen Fall durfte ich jetzt diesen Papyrus nehmen und ihn einfach so entrollen, um neugierig seinen Inhalt zu studieren. Das durfte ausschließlich in einem Labor unter strengsten Auflagen und Vorsichtsmaßnahmen geschehen, damit nichts Unwiederbringliches verloren ging und mir das wertvolle Papier wie Staub zwischen den Händen zerbröselte. Ich hörte, wie hinter mir Günec missbilligend und scharf die Luft einzog und erschrocken das muslimische Glaubensbekenntnis murmelte. Aber die Textrolle sah so frisch aus, als wäre sie erst gestern geschrieben und in das tönerne Behältnis geschoben worden. Im unruhigen Licht meiner Stirnlampe entzifferte ich die ersten Worte, die zu meiner Überraschung in klassischem Griechisch geschrieben waren:

Das Sein ist etwas Unsichtbares, dem es nicht gelingt zu scheinen, das Scheinen etwas Schwaches, dem es nicht gelingt zu sein.“

Mir war dieser Satz schon ein wenig anders formuliert in den „Fragmenten der Vorsokratiker“ von Diels und Kranz begegnet. Wie es auf diesem Papyrus anschließend weiterging, war mir allerdings vollkommen neu. Es erschütterte mein Weltbild:

So ist das Wort des Redners wie ein Getreide, das der Sämann auf den Acker streut. Einiges fällt auf Stein, vieles auf die festgetretene Erde und nur wenige Samenkörner auf den fruchtbaren Boden.“

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 2)

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„Herr Habakuk, eine Frage noch: Ihre Mutter, die hieß doch Hilde mit Vornamen?“

Jonas nickte. Worauf wollte die Pflegerin hinaus?

„Hildegard Habakuk, geborene Ammer. Warum fragen Sie?“

„Als Ihr Vater heute Nacht um Hilfe rief, hat man mir erzählt, da hat er immer wieder Ihren Namen genannt und dann nach einer Frau gerufen, die er ‚Edaine’ nannte. Er erwähnte auch irgendwelche Zwillinge. Wissen Sie, wer das ist?“

Später im Auto, als Georg Habakuk auf dem Beifahrersitz fröhlich plappernd zum tausendsten Mal eine launige Geschichte aus seiner Jugend zum Besten gab, als sei sie ihm erst gestern passiert, musterte Jonas seinen Vater immer wieder aufmerksam von der Seite. Wie hatte der alte Mann, der langsam seinen Verstand verlor, hilferingend den ungewöhnlichen Namen einer Frau rufen können, der Jonas selbst erst gestern zum ersten Mal begegnet war? War das noch durch einen Zufall erklärbar?

Jonas wandte sich halb zu seinem Vater.

„Edaine“, fragte er, „Papa, woher kennst du Edaine?“

Georg Habakuk verstummte sofort mitten in seiner weitschweifigen und wirren Erzählung. Jonas sah kurz zu ihm hinüber. Der alte Mann hielt den Kopf gesenkt, wirkte wie erstarrt. Seine Lider flackerten unruhig. Dabei schien er an dem Namen, den sein Sohn genannt hatte, wie an einem zähen Stück Fleisch herumzukauen.

„Papa?“

Habakuk hatte sich entschieden. Er richtete sich plötzlich in seinem Sitz auf.

„Wie kommst du jetzt auf Edaine? Wer hat dir von ihr erzählt? Das war ein Geheimnis zwischen mir und …“

Er machte eine Pause, überlegte, ob er mehr verraten durfte.

„Ein Geheimnis?“, ermunterte ihn Jonas. „Ich bin dein Sohn.“

„Eben. Das ist das Problem. Du bist mein Sohn …“

Habakuk klopfte mit einer Hand einen nervösen Takt auf seine Oberschenkel. Wieder warf Jonas einen schnellen Blick vom Autoverkehr weg nach rechts. Sein Vater hob in diesem Moment den Kopf und sah ihm fest in die Augen. Der Schleier der Demenz war verschwunden. Habakuk wirkte in diesem Moment vollkommen klar und musterte Jonas besorgt und nachdenklich.

„Alban hat es mir erst gestern noch einmal gesagt“, fuhr er zögernd fort. „Oder war das letzte Woche? Weißt du, Jonas, manchmal bringe ich die Tage ein wenig durcheinander. Das bringt das Alter so mit sich. Es ist auch egal. Auf jeden Fall hat Alban mich ganz überraschend in der Klinik besucht. Woher wusste er eigentlich, dass ich mich hier in den Bergen auskuriere?“

„Alban?“

Er konnte es nicht glauben! Jonas musste seinen Vater unterbrechen, nachhaken.

„Du redest jetzt aber nicht von Alban Waldescher? Den gibt es wirklich?“

Konnte es sich bei dem Besucher um die gleiche Person handeln, von der ihm Linus erzählt hatte? Jenen geheimnisvollen Demiurgen, für den der inzwischen querschnittsgelähmte Bildhauer angeblich in einer Bühnenwelt gegen dessen Zwillingsbruder gekämpft hatte? Was für eine groteske Geschichte war das gewesen! Aber Jonas fiel sofort das Foto wieder ein, das ihm Linus später gezeigt hatte und das angeblich seinen Vater, eine gewisse Lina Brunswick und ihn selbst als Kleinkind abbildete. Ihm war bis dahin nicht bekannt gewesen, dass sein Vater und Binderseil sich überhaupt kannten. Und was dieser Alban Waldescher, dem offenbar alle außer ihm selbst schon einmal begegnet waren, mit der ganzen Sache und mit seinem Leben zu tun hatte: Das wusste der Himmel. Jonas war jedoch entschlossen, mehr herauszufinden. Er war es leid, wie ein Blinder mit einem Stock in dieser undurchsichtigen Geschichte herumzustochern, wie ein machtloser Bauer über ein Schachbrett gezogen zu werden, dessen Spieler und Gegner er nicht kannte.

„Wer ist Lina Brunswick?“, startete er einen weiteren Versuch.

Sein Vater neben ihm stöhnte auf. Er flüsterte etwas in einer Sprache, die Jonas nicht verstand. Wahrscheinlich war es Hebräisch oder Aramäisch, Sprachen, die sein Vater fließend beherrschte – oder zumindest gesprochen hatte, bevor die Krankheit mit grausamer Gründlichkeit begann, sein Gehirn zu zerfressen. Hoffentlich hatte Jonas ihn nicht überfordert und der klare Moment war schon wieder vorbei.

„Lina ist deine Mutter“, sagte Georg Habakuk schließlich erstaunlich gelassen. Jonas verlor kurz die Kontrolle über das Lenkrad und kam über die Mittellinie. Ein entgegenkommendes Fahrzeug hupte. Hektisch kehrte er gerade noch rechtzeitig zurück auf die eigene Spur.

„Was erzählst du da?“, rief er und verkrampfte die Hände am Leder des Lenkers. „Mama, ich meine … Hilde …“

„Nein, wir hatten keine Kinder.“

Der alte Mann überlegte, während Jonas immer wieder fassungslos zu ihm herübersah. Plötzlich berührte er Jonas vorsichtig mit der Hand an der Wange. Es war eine seltene, zärtliche Geste, völlig untypisch für den nüchternen Wissenschaftler, der Jonas zwar allein aufgezogen, aber immer einen gewissen reservierten Abstand zu seinem Sohn gehalten hatte.

„Hilde war schon sehr krank damals. Sie konnte keine Kinder mehr kriegen. Wir haben dich sozusagen adoptiert. Ich wusste: Einmal würde ich dir die ganze Geschichte erzählen müssen. Das ist dann wohl heute, oder? Gut, dass wir den ganzen Tag Zeit haben, denn sie ist nicht kurz. Und ich entschuldige mich schon jetzt, wie lange ich gezögert habe; vielleicht zu lange. Ich hatte immer Angst davor. Aber noch ist ja nicht Sommerwende. Höre mir einfach zu, ja? Das macht es mir leichter. Vorwürfe kannst du mir danach machen.“

Er schwieg, wartete auf eine Bestätigung seines Sohnes. Der nickte kurz.

Georg Habakuks Geschichte (Anfang)

„Die Krankheit, die meine Hilde schließlich umbrachte, war von Anfang an ein ernstzunehmender, tückischer Gegner. Er ließ sich viel Zeit und brach zuerst hier und dort einen kleineren Streit vom Zaun, als wolle er seine Kräfte auf Nebenschauplätzen testen, die von der Hauptstoßrichtung seines Angriffs ablenkten und lange die wahren Ziele verbargen. Hilde hatte zuerst ziehende Nervenschmerzen in den Gliedern, bekam dann einen nässenden Ausschlag in den Hautfalten, den der hilflose Hausarzt als eine Neurodermitis diagnostizierte. Er verschrieb Salben und Bäder  und riet in einer Zeit, in der bereits ein tennisballgroßer Tumor an Hildes Gebärmutter fraß, dringend zu einer Kur in einem Reizklima. Da kam es uns durchaus gelegen, dass ich ein wenig Geld angespart hatte. Wir entschieden uns zu einer Reise ans Tote Meer und schlugen damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn ich wollte mich einer Grabungskampagne in Qumran anschließen. Ich hatte genug Universitätsluft geschnuppert und wollte mal wieder vor Ort sein. Wir brachen im Frühjahr 1969 nach Israel auf. Da hatte Hilde noch 3 Monate zu leben.“

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„Das kann doch nicht stimmen“, warf Jonas ein, „ich wurde doch schon zwei Jahre vorher geboren.“

Doch sein Vater reagierte nicht. Er fuhr ungerührt mit seiner Geschichte fort. Aber dass sich bei ihm Daten und Zahlen verwirrten, war ja nichts Neues.

„Ich quartierte Hilde in einer Kurklinik ein und tatsächlich schien es ihr sofort besser zu gehen: Sie lebte in der trockenen Wüstenhitze auf und auch ihre Haut wurde gesünder. Weißt du, direkt am tiefliegenden Toten Meer kann man keinen Sonnenbrand bekommen. Das liegt am hohen Salzgehalt der Luft, die wie eine Hautschutzcreme wirkt. Ich bedauere heute, nicht mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben, denn es war das letzte Mal in ihrem Leben, dass es ihr so gut ging.

Ich verbrachte fast meine gesamte Zeit bei den Fundstätten; besuchte sie nur an den Wochenenden und das auch nicht an jedem. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anführen, wie sensationell uns unsere Funde damals erschienen. Und ich hatte ja keine Ahnung, wie krank Hilde wirklich war. Mit jedem bröckligen Pergament, das wir in den Höhlen dieser mutmaßlichen Essener-Siedlung aus dem Staub fischten, wurden wir in unserer Auffassung bestärkt, wir würden die Geschichte der Bibel neu schreiben und hätten die Quellen von Jesu‘ Gedankenwelt gefunden. Heute wissen wir, wie sehr wir uns irrten: Das Gegenteil war der Fall. Die Texte von Qumran untermauern geradezu den Ewigkeitsanspruch der Bibeltexte. Die Essener waren eine gnostische, dualistische Sekte und hatten mit Christus überhaupt nichts zu tun. Sie sind es, gegen die er sich mit seinem Gebot der Feindesliebe wendet. Weißt du, im Alten Testament steht nirgendwo, man solle seine Gegner hassen, diese Einstellung findet sich nur bei den Essenern, die in der Gemeinderolle, die damals entdeckt wurde …“

„Aber was hat das mit deiner Geschichte zu tun?“, wagte Jonas seinen Vater auf die Gefahr hinzu unterbrechen, dass dieser völlig den Faden verlor. Wenn er nicht wollte, dass sein alter Herr ihm nun stundenlang die philologischen Feinheiten der Qumrantexte auseinandersetzte, musste er ihn bremsen.

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 1)

Aber ein Traum, Literatur, Philosophie, Roman

FÜNF

Jonas trat erleichtert aus Binderseils Residenz in die Gasse. Er war nach einem schrecklichen Albtraum sehr früh aufgewacht, hatte sich oberflächlich in der Küche gewaschen, leise angekleidet, das Schlafsofa gerichtet und war aus der Wohnung geschlichen, ohne das Paar zu wecken. Auf einem Zettel hinterließ er ein paar erklärende Zeilen, um seinen heimlichen Aufbruch zu erklären.

In der Nacht hatte es geregnet, doch inzwischen spannte sich erneut ein geradezu schmerzhaft blauer Himmel wie ein straffgezogenes Leintuch über der Stadt. Der Asphalt glänzte noch dunkel. An den wenigen Stellen, an denen ihn bereits die noch niedrig stehende Sonne erreichte, dampfte er. Es wartete ein weiterer warmer Sommertag, ein Urlaubstag. Jonas wollte nicht über das Gehörte und Erlebte nachdenken. Was er jetzt brauchte, war ein starker Kaffee. Obwohl er müde und erschöpft war, wollte er auf keinen Fall schlafen, bevor er sich nicht bei einem Arzt Mittel besorgt hatte, die für Traumlosigkeit sorgen würden. Das hätte er übrigens gleich tun sollen. Es war ein Fehler gewesen, den Phantasten Binderseil aufzusuchen, der ihn mit seiner unglaublichen Geschichte so erschreckt hatte, dass er sich jetzt an der frischen Luft des jungen Morgens nur wundern konnte, wie er auf sie hatte hereinfallen können. Und was die seltsame Fotografie anging, die ihm Linus als angeblichen Beweis gezeigt hatte: Da konnte er ja immer noch seinen Vater in einem von dessen ansprechbaren Momenten fragen, wie sie entstanden war.

Andere Lande, Welten wie Bierschaum. So ein Blödsinn! Er träumte schlecht, das war alles. Hier konnte ihm kein Schamane, sondern nur ein Psychiater helfen. Oder eine Frau.

‚Frauen denken anders‘, stellte er für sich fest, ’sie bleiben auch dann noch auf dem Teppich, wenn wir Männer schon längst abgehoben sind. Sieht man ja auch bei Binderseils Frau, dieser Edaine. Er stilisiert sie zu einer Tolkien’schen Elbin hoch und sie bringt ihn ins Bett, damit er seinen Vollrausch ausschlafen kann. Wie hat das Kathi einmal formuliert: ‚Du willst den Roman schreiben, der die Welt bedeutet? Jetzt? Was ist mit dem Müll, du großer Dichter, und was essen wir heute Abend?’

Jonas lachte in der Erinnerung vor sich hin. Auch nachdem er sich von Katharina getrennt hatte und mit einem Mal vor dem Problem gestanden war, was er mit seiner freien Zeit anfangen sollte: Der Roman wurde und wurde nicht fertig. Er ruhte unbearbeitet seit Jahren in Frieden auf der Festplatte seines Computers und diente ab und an als Steinbruch für Reden-Entwürfe. War er ehrlich zu sich, musste er es zugeben. Dieser Roman würde nie fertig werden, auch in hundert Jahren nicht; selbst wenn er wie Linus einen endlosen Nachmittag geschenkt bekam. Kathi hatte das alles lange vor ihm gewusst.

Jonas sah abgelenkt auf seine Armbanduhr. Er hatte es plötzlich eilig. Wenn er pünktlich um zehn Uhr im St. Bernhard sein wollte, musste er sich sputen. Es war das Altersheim, in dem sein Vater Georg Habakuk seit einigen Jahren wohnte. Nicht, dass es seinen alten Herren gestört hätte, wenn ihn Jonas etwas früher oder später abholte – oder auch überhaupt nicht. Dem Alten war längst jede Form von Zeitgefühl verloren gegangen. Nein, es war Jonas selbst, der aus der gleichen dubiosen Quelle seines Unterbewusstseins heraus immer pünktlich war, aus der es ihm unmöglich schien, bei Rot über die Ampel zu gehen oder zu viel Wechselgeld einfach zu behalten. Pünktlichkeit gehörte zu seiner Art von Rechtsempfinden. Es gab nur wenige Dinge, die er im Alltag schwerer tolerieren konnte, als das Zuspätkommen zu einer Verabredung. Als er am Mittag des Vortages sein Auto in einem Parkhaus nahe der Altstadt abgestellt hatte, hatte Jonas nicht damit gerechnet, dass er die ganze Nacht bei Linus und Edaine verbringen würde. Deshalb trug er nun kaum genug Geld mit sich, seinen Wagen auszulösen. Nur gut, dass sein Badezeug und etwas Kleidung zum Wechseln vorbereitet im Kofferraum lagen. Deshalb musste er nicht erst nach Hause in den Vorort fahren, sondern konnte gleich zum Altersheim fahren, wo ihn sein Vater auch schon mit einer gepackten Tasche im Foyer erwartete.

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Wie immer hatte sich Georg Habakuk nicht selbst vorbereitet. Der Rentner war schon lange nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Dies hatte die hübsche Altenpflegerin für ihn getan, die ihn an jedem Dienstag für den Ausflug mit seinem Sohn anzog und seine Badetasche packte. Nun saß sie neben ihm und sprach freundlich mit seinem Vater, damit er nicht einfach aufstand und sich an seinen üblichen stundenlangen Marsch den Gang hinauf und hinunter machte und unsichtbaren Zuhörern Geschichten erzählte. Die Pflegerin sprach mit dem alten Mann wie mit einem Kind.; laut, obwohl er nicht schwerhörig war und mit übertriebener Launigkeit.

‚Nein’, dachte Jonas, ‚sie redet mit ihm nicht einmal wie mit einem Kleinkind, sondern wie mit einem Haustier, das nicht auf den Inhalt, sondern auf den Klang der Wörter reagiert.’ Nicht zum ersten Mal ging ihm dabei durch den Kopf, er selbst wolle lieber tot, als hilflos dieser Art von Freundlichkeit ausgesetzt sein. Seinem Vater schien es jedoch zu gefallen. Er lächelte entspannt, während er die Pflegerin knapp unterhalb des kurzen Klinikrocks am Knie tätschelte. Ob er sich über die Worte freute oder über die günstige Gelegenheit, eine junge, attraktive Frau zu liebkosen, vermochte Jonas nicht zu entscheiden. Jedenfalls war sein Vater bester Laune und erkannte den Sohn sofort, was in der letzten Zeit nicht mehr selbstverständlich war. Manchmal hielt er ihn für einen Pfleger oder für seinen vor Jahren verstorbenen Freund Günec.

Wie bei Demenzkranken üblich, war der Verfall schleichend gekommen und hatte sein Endstadium längst noch nicht erreicht: Obwohl Georg Habakuk immer noch relativ klare Momente hatte, lebte er inzwischen in einem Nebel, der ihm die nächste Umgebung verbarg. Er verhinderte einfachste Dinge wie die selbständige Körperpflege oder die Nahrungsaufnahme, erlaubte dem alten Mann jedoch einen klaren Ausblick auf die fernen Gebirgszüge seiner Vergangenheit, die ihm wie unter Föneinfluss näher rückten. Er konnte sein, dass er fehlerlos lange Abschnitte aus den apokryphen Evangelien oder den Vorsokratikern zitieren konnte, aber nicht mehr wusste, hinter welcher Tür sich die Toilette verbarg.

Vor drei Jahren hatte sich Jonas schließlich entschieden, für seinen Vater, der sein letzter lebender Verwandter war, das Betreuungsrecht zu übernehmen. Er überredete den von einer reichen Rente Zehrenden, freiwillig in ein Pflegeheim umzuziehen. Sein schlechtes Gewissen hielt sich dabei in Grenzen. Zum einen war der Vater hier gut versorgt, zum anderen fiel ihm der Wechsel leicht. Georg Habakuk war bald darauf nicht mehr von der Meinung abzubringen, dass es sich bei seinem Alterswohnsitz um eine Kurklinik in den Bergen handle, die er nach einem kurzen Erholungsaufenthalt wieder würde verlassen können. Dazu trugen auch die regelmäßigen Besuche seines Sohnes bei, der ihn an jedem Dienstag mit dem Auto abholte und in ein Kurbad im Nachbarort fuhr. Dort konnte der alte Herr in warmem Wasser plantschen und seine geliebten Saunagänge machen.

„Ach, Jonas, das ist nett von dir, dass du vorbeischaust. Aber es wäre nicht nötig gewesen, ich komme doch am Freitag wieder heim“, stellte der Alte daher auch fest, während er sich fast so leichtfüßig wie ein junger Mann aus dem tiefen Sessel erhob und seine Badetasche schulterte. Jonas hatte den Eindruck, je mehr sein Vater sich selbst verlor, um so gesünder wurde er wie zum Ausgleich dabei. Sein straffer Körper war zwar der eines Greises, aber er war kräftig und trainiert. Irgendwann, eher früher als später, würde der Geist seines Vaters völlig verfallen und er würde eine vor Gesundheit strotzende Hülle blicklos in einem Stuhl sitzend vorfinden. Jonas fürchtete sich vor diesem Tag.

„Ich bringe ihn dann gegen vier Uhr wieder zurück“, wandte er sich an die Pflegerin.

„Wie immer, Herr Habakuk“, erwiderte sie und hatte den Kleinkindertonfall noch nicht ganz aus ihrer Stimme entfernt, legte nun aber noch etwas anderes, Verschwörerisches hinein.

„Passen Sie gut auf ihn auf; er braucht Ruhe. Wir hatten heute eine schlimme Nacht, nicht wahr, Herr Habakuk?“

Jonas war verwirrt, weil er für einen Moment nicht wusste, ob sie Habakuk Junior oder Senior angesprochen hatte.

„Ja. Er hatte heute Nacht schreckliche Angst. Er hat versucht, sich in seinem Zimmer zu verbarrikadieren“, erläuterte die Pflegerin mit nun ernstem Tonfall, als stünde Jonas’ Vater nicht zum Aufbruch bereit neben ihr, „dazu hatte er sein Bett und seinen Nachttisch vor die Tür geschoben. Als seine Schreie den Nachtdienst alarmierten und sie in sein Zimmer kamen – die Tür geht ja nach außen auf – verkroch er sich unter den Vorhängen und konnte sich lange nicht beruhigen. Er kam erst zur Ruhe, nachdem die Nachtschwester ihm ein leichtes Schlafmittel verabreichte.“

Jonas sah zu seinem Vater, der lächelnd neben der blonden Pflegerin stand. Er benahm sich, als würde Nebensächliches über einen völlig Fremden geredet.

„Ist das schon einmal passiert?“, fragte Jonas.

„Nein. Deshalb wäre es gut, wenn Sie nach vier Uhr noch mit unserer neuen Stationsärztin reden könnten. Frau Dr. Wächter ist dann in ihrem Konsultationszimmer. Wissen Sie, es kommt schon vor, dass unsere Insassen Dinge und Menschen sehen, die nicht da sind und sich dann auch manchmal fürchten. Sie wachen in der Nacht auf und können ihren Traum nicht von der Wirklichkeit unterscheiden. Erst in der vorigen Woche habe ich mit Frau Paulsen und ihren zwei Schwägerinnen Kaffee getrunken und wir vier haben uns gut unterhalten.“

Sie machte eine Pause und zwinkerte Jonas zu.

„Die Schwägerinnen von Frau Paulsen sind seit zwanzig Jahren tot.“

Die Altenpflegerin lachte und wirkte dabei so sympathisch, dass Jonas nahe daran war, sie zu fragen, ob sie nicht einmal mit ihm Kaffee trinken wollte. Aber sie wandte sich wieder zu seinem Vater, fiel zurück in die Rolle der professionellen Kindergartentante, die Jonas so hasste.

„Aber das ist nicht so schlimm und heute morgen geht es uns ja wieder gut. Nicht wahr, Herr Habakuk?“

Die Frage schrie sie fast, obwohl der alte Herr nicht schwerhörig war. Sie legte dabei vertraulich eine Hand auf seine Schulter. Der Demenzkranke musterte sie überrascht und versuchte offensichtlich vergeblich, sich an sie zu erinnern. Jonas nahm seinem Vater die Tasche ab.

„Also, um vier Uhr. Ich bin pünktlich. Kommst du?“, fragte er seinen alten Herrn.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil ZWANZIG)

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»Nimm bitte diese Staffelei«, sagte der Maler pikiert. Noch immer machte er auf Sapher einen beleidigten Eindruck. Er packte persönlich sein unhandliches Bild und kam, es über seinem Haupt balancierend, zurück; diesmal wählte er einen Weg an den Terrassentüren vorbei. Wortlose ging er an Sapher vorbei und trat aus dem Raum. Dabei bückte er sich. Der Rahmen passte gerade noch durch so unter dem hohen Türsturz durch. Die Vorstellung, der Schöpfer universaler, dimensionsübergreifender Brüste müsste bei der Größe seiner Kunstwerke auf solch banale Dinge wie die Höhe einer Tür zu achten, erheiterte Sapher. Er hatte sich inzwischen an den Anblick der Bilder in dem Atelierraum gewöhnt und suchte sich schmunzelnd einen begehbaren Pfad durch das Brustwarzten-Labyrinth auf dem Boden. Als er das Gestell, auf das Sontheimer gezeigt hatte, zusammenklappen wollte, um es besser zu transportieren, fiel ihm auf, dass er allein war und jetzt die beste Gelegenheit hatte, Evas Zettel kurz zu überlesen. Viel konnte ja nicht auf ihm stehen. Er holte das Papier aus der Tasche und entfaltete es. Es waren drei Zeilen, die sie geschrieben hatte. Sie waren nicht ganz einfach zu entziffern, was nicht verwunderlich war, wenn er in Betracht zog, wie sie entstanden waren.

»Ich bin in Klammers Wohnung auf 14 a, gleich gegenüber von hier. Ich muss dringend mit dir allein sprechen. Komm deshalb so schnell du kannst nach!«, stand dort und Sapher las die Botschaft dreimal, bis er sie begriff. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Dann hörte er laut Sontheimers Stimme, der ihn fragte, wo zum Teufel er denn mit der Staffelei bleibe. Schließlich könne er nicht ewig mit dem schweren Bild in der Hand herumstehen. Sapher steckte den Zettel zurück und packte entschlossen das sperrige Holzgestell. Auf auf die Wohnzimmer-Empore zurückgekehrt bemerkte Sapher, dass sich die Runde um eine Person erweitert hatte: Im Hintergrund, nahe bei Klammer, stand mit verschränkten Armen ein ihm unbekannter, dunkelhaariger und südländisch wirkender Mann, der ihn mit aufdringlichem, scharfem Blick musterte, als würde er ihn kennen, käme aber im Moment nicht darauf, wer er war. Sapher jedoch war sich sicher; er war diesem Mann noch nie zuvor begegnet. Der Neuankömmling war jung – nicht älter als zwanzig – hatte ein hübsches, weiches Gesicht und eine knabenhaft schlanke Figur. Er war auch für Männer eine äußerst attraktive Erscheinung. Kurz regte sich in Sapher der Verdacht, dieser Mann könnte vielleicht ein Grieche sein und auf den Namen Katasakinthokiakis hören. Doch dann half er eilig dem verzweifelt nach ihm rufenden Sontheimer, das Bild günstig ins Licht auf die Staffelei zu stellen und trat weit zurück, während die anderen sich um das Gemälde sammelten, um es zu kennerisch zu begutachten.

Diese Kunstbetrachtung gab Benjamin Gelegenheit, seine Situation zu überdenken. Sein Aufenthalt in der Wohnung des Malers missfiel ihm immer mehr. Er fühlte sich unter diesen Menschen, die ihm alle ihre vielleicht nur von ihnen eingebildete Überlegenheit fühlen ließen, unwohl. Dies hier war einfach nicht seine Welt; er fühlte sich wie ein Lamm unter Wölfen. Er hätte sich gerne mit Klammer allein über dessen Fehleinschätzung unterhalten, um ihm darzulegen, dass er, Benjamin, versagt hatte und durch eine einzige neugierige, dabei ausnehmend dumme Frage bei dem Maler Ablehnung und Unwillen erregt hatte, der Plan des Dr.’s, ihn bei Sontheimer und seinen Freunden einzuführen, deshalb gescheitert war. Es gab keinen Grund für ihn, länger hier zu verharren. Die Peinlichkeiten konnten nur noch schlimmer werden. Was er jetzt brauchte, war eine gute Ausrede, mit der er sich elegant von dieser Gesellschaft lösen konnte. Freilich hatte er auch im Sinn, Evas Aufforderung Folge zu leisten und mit ihr zu sprechen. Er brannte darauf, zu erfahren, was sie von ihm wollte. Klammer unterhielt in dieser Anlage eine Wohnung? Das war ja eine interessante Neuigkeit und würde ihm vielleicht die Möglichkeit geben, ein wenig an dessen lackierter Oberfläche zu kratzen und ins Innere des unnahbaren Mannes zu blicken. Er sah zu seinem Vorgesetzten, der ihm den Rücken zeigte und erstaunlicherweise vertraulich einen Arm um den jungen Ausländer gelegt hatte. Er verstand jetzt, weshalb sich Klammer hier in der Anlage so gut auskannte. Dass er hier eine Wohnung hatte und Eva einen Schlüssel zu ihr besaß, da sie ja in ihr auf ihn wartete, waren endlich einmal handfeste Informationen über den aalglatten Dr. Ob er mit der Rothschädl ein Verhältnis hatte – oder vielleicht mit diesem hübschen Jüngling? Diese Gedanken machte Sapher neidisch. Manche Menschen haben alles Glück, dachte er. Er empfand dabei seine eigene, eingeengte Situation als erstickend und beklemmend. Er wollte auch wie Klammer sein – ein überlegener, selbstsicherer Mann mit Intelligenz, Geld, bedeutenden Freunden und einer attraktiven Geliebten. Er wollte sich so selbstverständlich elegant kleiden, diese Umgangsformen und dieses Wissen besitzen und vor allem wollte er Eva Rothschädl an seiner Seite haben. Jede Faser seines Körpers sehnte sich danach, sie zu berühren und mit ihr zu schlafen. Die bislang nicht vollkommen eingestandene Heftigkeit seines erotischen Verlangens nach dieser Frau ließ ihn erschaudern und bewirkte eine körperliche Reaktion, die ihm wegen seiner weiten Stoffhose und der dadurch bedingten guten Sichtbarkeit peinlich war. Glücklicherweise waren alle mit dem Bild und nicht mit ihm beschäftigt. Selbstverständlich drehte sich Klammer genau in diesem Moment zu ihm und musterte ihn nachdenklich.

»Was hältst du davon, Benjamin?«, fragte er und versteckte ein Lächeln, indem er einen Schluck aus seinem Glas trank. Selbstverständlich hatte er Saphers Erektion bemerkt. »Deine Meinung wäre die interessanteste, weil uns allen unbekannte. Ich würde doch nur einen Monolog über Kandinski halten und Manfred über die Regeln der darstellenden Geometrie dozieren.« Alle Blicke gingen zu Sapher, dessen Erregung sofort verkümmerte und der sich wie ein in die Enge gedrängtes Tier fühlte. Er runzelte die Stirn und witterte eine Gelegenheit. Sein Herz schlug schneller. Wenn er jetzt unfreundlich über das Gemälde sprach, dann würde ihn Sontheimer – wenn er dessen Charakter richtig einschätzte – mit Sicherheit aus der Wohnung werfen. Er befeuchtete die Lippen und hatte Lampenfieber:

»Das sieht so aus, als hätten dieses Bild ein Zeichenprogramm und der Zufallsgenerator eines PCs entworfen. Wie nennt man das – Apfelmännchengrafiken? Fraktale? Ich kann überhaupt nichts daran finden, ich kriege vom längeren Hinsehen Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Wenn der Maler uns so etwas ernsthaft als die Quintessenz seiner verschrobenen Weltanschauung verkaufen will, dann muss er uns für schwachsinnig halten. Das ist kein Meisterwerk, das ist Schrott«, sagte er mit fester Stimme und wunderte sich, woher er den Mut und die Worte nahm. Sie sprudelten einfach aus einem Inneren empor – anscheinend machten sich nun doch Klammers Einfluss und die häufigen Gespräche in der Mittagspause bemerkbar. Sapher besah sich zufrieden die Reaktionen der anderen und gratulierte sich zu seinen groben Worten. Sie waren wie eine Bombe eingeschlagen. Klammer verschluckte sich, doch sein Husten ging schnell in ein atemloses Lachen über, in das Manfred gurgelnd einstimmte. Der südländich wirkende Junge verzog keine Miene, er wirkte zuerst, als habe er überhaupt nicht verstanden, wovon die Rede war. Dann bemerkte er jedoch trocken:

»Du bist sicher auch kein Freund von zeitgenössischer Lyrik.« Sontheimer schließlich sah wie eine Wachskopie seiner selbst aus, schien – zu keiner Regung fähig – für den Moment sogar das Atmen vergessen zu haben. Abgang, bevor er mich verprügelt, dachte Sapher zufrieden und sah auf seine Uhr.

»Es wird Zeit für mich, endlich heimzugehen«, sagte er ruhig, »es ist doch spät geworden. Meine Frau erwartet mich eigentlich um Mitternacht. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht. Herr Sontheimer, ich danke für die Gastfreundschaft.« Er nickte in die Runde. Als er sich abwenden wollte, fiel ihm noch etwas ein. Er wandte sich an Klammer, der mit einem Schlag ernst wurde und ihn lauernd beobachtete.

»Du brauchst dir keine Mühe machen, Nikki«, sagte er und legte boshaften Nachdruck auf die verbotene Anrede, »ich fahre mit einem Taxi heim.« Dann ging er die Wendeltreppe hinunter und bei jedem Schritt rechnete er mit einem Wort von Klammer, mit dem dieser versuchen würde, ihn zurückzuhalten, damit er seine Pläne doch noch ausführen konnte. Sontheimer sagte etwas, das wie russisch und sehr unfreundlich klang. Obwohl Sapher kein Wort verstand, konnte er sich die Bedeutung der Bemerkung allein durch den Tonfall ausrechnen. Der dicke Bruder lachte immer lauter werdend weiter, steigerte sich dabei in einen Erstickungsanfall, dem der junge Mann routiniert entgegenwirkte, in dem er ihm fest auf den Rücken klopfte. Es klang hohl. Aber Klammer blieb merkwürdig still. Er ließ sich den Abgang von Sapher widerspruchslos gefallen.

Unten in der Halle angelangt sah dieser noch einmal hinauf und da stand Klammer erneut gegen das Geländer gestützt. Sein Gesichtsausdruck war leer und nicht zu deuten, wirkte aber insgesamt nicht unzufrieden. Er nickte Saper erstaunlicherweise anerkennend zu. Der hatte es nun sehr eilig, die Wohnung zu verlassen. Draußen im dunklen Hausgang atmete er auf: Ihm war, als wäre eine Zentnerlast von seinen Schultern genommen. Das war es, dachte er und fühlte Endgültigkeit. Doch der Montag und eine erneute Konfrontation mit seinem Vorgesetzten würden kommen – es wurde immer wieder Montag – und damit die Frage, wie er sich nach diesem Abend weiter verhalten sollte, wie ihre Beziehung weitergehen würde. Für den Moment wollte er sich darüber allerdings keine Gedanken machen, denn er hatte nur ein einziges Interesse: Er wollte erfahren, was Eva in Klammers Wohnung von ihm wollte. Die Vorstellung, mit ihr allein ein verschwörerisches, vielleicht sogar intimes Gespräch zu führen, machte ihn fiebrig und schwindlig zugleich. Seine Frau Gitta, die ihm eben noch als Vorwand gedient hatte, war wie die Merkwürdigkeit, dass er sie telefonisch nicht hatte erreichen können,  von einer Sekunde zur nächsten vollkommen vergessen.

Da Sapher keinen Lichtschalter finden konnte, tastete er sich vorsichtig zur Treppe und ging sie im Dunklen hinunter. Sein angeschlagenes Bein schmerzte kaum mehr. Er war auf die Überraschungen, die ihm diese Nacht noch zu bieten hatte, gespannt. Und die folgende ließ nicht lange auf sich warten: Unter ihm im Erdgeschoss klickte etwas trocken und fast gleichzeitig wurde es hell im Treppenhaus. Jemand war herein getreten und hatte Licht gemacht, kam ihm nun mit festen Schritten von unten entgegen. Auf einem Absatz im ersten Stock begegneten sie einander und Benjamin stockte der Atem. Der ältere, etwas untersetzte Mann, der einen dunklen, gerippten Abendanzug trug und dessen herausragendes Merkmal seine fleischigen, immer feuchten Lippen waren, beachtete den Erschrockenen jedoch kaum, murmelte einen abgelenkten Gruß und ging weiter. Sapher stand auf dem Absatz, bis der Mann ganz nach oben gestiegen war,  dort klingelt und nach einer kurzen Wartezeit in Sontheimers Wohnung gelassen wurde. Erst als das Licht erlosch und Sapher erneut in ein aschefarbenes Halbdunkel hüllte, bewegte  er sich. Er fasste sich mit zitternden Händen an die Stirn und ihn fror trotz der aufgestauten Hitze in dem Treppenhaus. Die Sache spitzte sich zu. Er hatte im Gegensatz zu dem älteren Mann sehr wohl erkannt, wem er da begegnet war.

Es war Dr. Werner Hesz.

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[Hier endet das 5. Kapitel des Romans. Ich werde über die Osterzeit eine kleine Pause – und Urlaub – machen und dann mit dem 6., das ich bisher noch nie veröffentlicht habe, weiter machen. Das 5. Kapitel wurde von mir in die hier gratis downloadbare E-Book-Leseprobe (etwa 200 Seiten) eingebunden.]