Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Weiter vorne auf Juels bequemem und mit Kissen ausgepolsterten Kutschbock wurde dagegen laut diskutiert. Hier saßen Adelf, Juel und Tonino, der die Zügel in einer Hand hielt, während er die andere an die Stirn gelegt hatte, um seine Augen zu beschatten. Man stritt sich. Sogar der sonst so schweigsame Diener hatte diesmal ein Wort mitzureden.

»Doofe Sonne, dummer Weg«, murmelte er. »…Dieser Weg führt nicht in den Tag, er führt direkt in die Hölle. Psah!« Er fuhr sich mit der flachen Hand über die schweißnasse Rosentätowierung auf seiner Stirn. Dann verschränkte er die Arme und starrte düster vor sich hin. Juel warf ihm einen überraschten Blick zu. So viele Worte hatte er schon lange nicht mehr von seinem Diener gehört. War Tonino verängstigt, besorgt oder vielleicht auch nur beleidigt? Er konnte es nur vermuten, denn der Mann aus dem Süden war so verschlossen und schweigsam wie ein Vorgängersarkophag. Zwar führte er jeden von Juels Wünschen und Befehlen aus, kaum hatte er sie ausgesprochen, aber offenbar missbilligte er alles, was sein Herr von ihm forderte und ganz entschieden passte ihm die Richtung nicht, in die diese Reise ging.

Adelf musterte den mürrischen Diener von der Seite und schien ihm zuzustimmen. »Nach den Monaten im feuchten und kalten Verlies kann mir die Wüste zwar gar nicht heiß und trocken genug sein und diese von den alten Göttern verfluchte Stadt auf dem kürzesten Weg zu verlassen, erscheint mir geboten«, er zögerte und blinzelte in die Sonne, an deren Helligkeit er sich nach seiner langen fensterlosen Gefangenschaft noch immer nicht gewöhnt hatte, »aber erkläre mir doch, mein Freund, warum wir uns auf unserer Flucht ausgerechnet gen Sonnenaufgang wenden und nicht versuchen, die freien Marschen zu erreichen, wo wir in Sicherheit wären. Glaubst du, die Häscher des Bişra werden uns nicht auf diesem Weg folgen, …«

»… der uns alle in den Tod führt«, wagte Tonino erneut einzuwerfen. Juel überlegte, ob es an der Zeit war, diesen kritischen Diener loszuwerden. Man musste kein Hellseher sein, um vorhersagen zu können, dass Tonino ihm in Zukunft noch Probleme bereiten würde. Er lächelte bissig und zügelte ein wenig den Trab seiner kräftigen Maultiere, damit Sirtis nicht den Anschluss verlor.

»Im Gegenteil«, antwortete er Adelf und ignorierte für dieses Mal die defätistische Anmerkung seines Dieners. »Ich glaube, der Namenlose wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um unser habhaft zu werden. Dafür wird schon das Schreiben sorgen, das ich im Thronsaal auf den Wunsch von Alis hinterlassen habe. Deshalb würde es völlig egal sein, in welche Himmelsrichtung wir flüchten. Man würde uns längst eingeholt haben, längst bevor wir an die Grenzen des Reichs gelangen. Es mag auf den ersten Blick tollkühn erscheinen, ausgerechnet in die Richtung der Ebenen des Ewigen Krieges zu fliehen, aber sie sind beträchtlich näher als alle anderen Ziele und tatsächlich unsere beste Möglichkeit, dem Zugriff der Häscher des Namenlosen zu entkommen. Es sollte uns gelingen, den Rand der Zone in vier oder fünf Tagen zu erreichen, wenn wir die Nächte ausnutzen und in den Nachmittagsstunden, wenn die Hitze über dem Sand am unerträglichsten ist, in den Schatten der Felsen ruhen. Sirtis hat genug Vorräte für uns alle besorgt. Dann müssen wir nur noch eine Transferstation finden und sie mit Hilfe von Selins Passagierkarte aktivieren.«

»Und du bist dir sicher, dass die technischen Anlagen und der Codechip noch funktionieren?«

»Da bin ich sehr zuversichtlich. Diese Techné aus der Zeit der Drei Reiche ist im Gegensatz zu der Vorgängertechné für die Ewigkeit gemacht. Ich würde mal sagen, dass gut neunzig von hundert Anlagen und natürlich auch der Codechip noch funktionieren. Das haben wir doch schon erfahren. Denke nur an die Wunder von Nigra Batur. Und die Maschinen­wesen da vorne in den Ebenen bekriegen sich nun schon seit über dreitausend Jahren, ohne zu ermüden. Ich würde gerne mal einen Golem auseinandernehmen und das Geheimnis dieser schier unerschöpflichen und eisigen Energiequelle erfahren, die diese Geräte antreibt. Ich wäre der reichste Mensch der Überlebenden Lande.« Juel, der Alis Märchen von Lakmi-âs-Sekr nicht gehört hatte, fragte sich kurz, wie diese Karte ausgerechnet in den Falkenthron gelangt war. Er seufzte. »Glaube mir, wir fahren dem Namenlosen einfach in einem URS davon und warten im hoffentlich schönen Paradis einfach gemütlich ab, bis sich die Wogen geglättet haben und Karukora seinen unvermeidlichen Krieg mit der Lamargue verloren hat. Soll „Der Unterwerfer“ doch versuchen, uns zu verfolgen. Die Golem-Armeen werden ihn wie Mühlräder das Getreide zermahlen!«

»Deine Worte in Oberones Ohren, … Juel.« Adelf schüttelte lächelnd den Kopf. »Juel. An diesen Namen werde ich mich nicht so schnell gewöhnen. Doch wahrscheinlich hast du mal wieder recht und Paradis kann auch für uns eine Zuflucht werden. Ich glaube zwar nicht, dass es der verzauberte Ort ohne Leid, Kummer und Hunger ist, von dem uns die alten Sagen berichten, aber ich gebe es gerne zu: Ich bin schon sehr gespannt, was uns dort erwarten wird. Paradis mus wie eine vollkommen vom Festland abgeschnittene Insel in einem stürmischen Meer sein und vielleicht haben ihre Bewohner mehr Wissen über die Zeiten hinweg retten können, als wir. Und ich glaube, das ist ein weiterer Grund, der dazu geführt hat, dass du Sirtis und Selin dorthin begleiten willst, oder? Neben deinem guten Herzen natürlich. Du bist in den zehn Jahren, seit usich unsere Wege getrennt haben, nicht viel weiter gekommen, oder? Du suchst noch immer?«

»Ja, aber inzwischen weiß ich, wonach – auch wenn ic noch keine Ahnung habe, wo ich es finden kann. Ich hoffe natürlich, die Antwort auf meine Frage in Paradis zu finden. Wenn sie dort nicht wartet, dann wohl nirgendwo auf dieser Welt. Dann werde ich anderswo suchen müssen.« Juels Blick glitt nachdenklich nach oben und er starrte ein paar Sekunden in den wolkenlosen, bleichen Himmel, als könne er dort oben, wo ein einsamer Raubvogel im Aufwind über den Wüstensand seine Kreise drehte, die Antwort finden. Adelf, der diese Suche für ein Hirngespinst hielt, rüttelte ihn an der Schulter und weckte ihn aus seiner Selbstversunkenheit.

»Im Himmel wirst du keinen Weg finden, sondern nur den unseren verlieren. Aber sage mir, was in der Botschaft stand, die du im Thronsaal hinterlassen hast. Er war von Alis, sagtest du, dem Großvater unseres jugendlichen Helden? Ich kann mich erinnern, wie ich dem Alten einmal auf dem Bazaar zuhörte. Er saß dort mitten in der Menge auf einem fadenscheinigen Teppich, eine von der Wüstensonne und den Lebensjahren ausgemergelte Seele – er war fast noch klappriger als ich in meinem momentanen Zustand. Aber seine Stimme trug. Sie hatte die Kraft, die Zuhörer zu fesseln. Er erzählte und ließ uns in Welten eintreten und vor unserem inneren Auge spielten sich Geschehnisse und Taten ab, als wären wir gemeinsam mit seinen Helden unterwegs. Es war nur ein belangloses Märchen, doch als er endete, war uns, als würden wir aus einem wunderbaren Mohntraum erwachen, in den wir sofort wieder zurückkehren wollten. Meinst du, er hat die Schlacht im Palast überlebt?«

Juel riss sich eher widerwillig von dem Anblick des Wüstenhimmels los und lenkte seinen Wagen, der etwas von der Straße abgekommen war und nun über Felsbrocken rumpelte, zurück in die inzwischen kaum mehr sichtbaren Fahrrillen, die der spärliche Verkehr nach Matorka in den Boden gegraben hatte. »Ich fürchte, nicht. Wenn alles nach Alis‘ Plänen verlaufen wäre, dann wäre er doch wohl an unserem vorher ausgemachten Treffpunkt aufgetaucht. Er muss noch im Speisesaal gewesen sein, als dort nach dem Tod von Raul der Kampf zwischen den Lamargern und der Treuwacht entbrannte und in ein schreckliches Massaker mündete. Soviel habe ich heute Morgen von den Flüchtlingen aus dem Palast erfahren.«

[Wird nächsten Sonntag fortgesetzt …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

4. Kapitel
Der Sonne entgegen

Auch wenn es jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden hatte: Selbst diese längste alle Nächte hatte ein Ende, auch wenn ihre Schwärze ewig zu währen schien. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen östlichen Firmament über der Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte und hob sich dann während ihrer Wanderung gemächlich über den Ufern des Südmeers empor. So, wie sie es treu und zuverlässig an jedem Tag machte, den die Allerbarmende ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte, bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehrte und allen Tagen ein brennendes Ende bereitete, würde die Sonne ihre unbarmherzige Glut weiterhin auf Karukora herabsenden.

Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und selbst dem elfenbeinernen Palast nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur 25 Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel gewechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Süden von Nearoma, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber jemals zu betreten wagten und kaum einer von ihnen wieder lebend verlassen hatte. Die Sonnenstrahlen erhellten auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken, die Gärten und Hinterhöfe der ziegelroten Häuser, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem im Armenviertel Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler teilten. Auch Karukoras Bürger hatten sich wie die Hunde in ihre Behausungen zurückgezogen, hinein in ihre Häuser und Wohnungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann hatte seinen Laden geöffent, die Bazaare waren wie leergefegt und die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab. Kein Wagen rumpelte über das Pflaster, kein Kahn fuhr den Syris hinab. Die Stadt hielt den Atem an.

Die Maratschleusen hinter der Stadt waren mit schweren Ketten gesichert und verhinderten den Schiffsverkehr auf dem Strom. Auch die die fünf großen Karawanentore in der Stadtmauer waren auf Befehl des Namenlosen am Morgen nicht geöffnet worden. Selbst die Wächter der Miliz vernachlässigten ihre Befehle und hielten sich lieber in ihren Kasernen und Türmen versteckt, als die Wehrmauern zu bewachen. Aus diesem Grund gab es trotz der Schließung der Hauptwege viele unbewachte kleine Ausgänge, die aus Karukora hinaus in die umliegenen Wüsten führten. An diesen Stellen war die Stadt wie ein lecker Eimer, aus dessen vielen kleinen Löchern ungehindert das Wasser herausfloss. Hier fand der suchende Blick der hitzigen Sonne endlich Menschen, getriebene, gejagte und verzweifelte Gruppen und Familien, die sich ihrer Wut mit Schweißperlen auf der Stirn aussetzten und nur mit dem Nötigsten ausgerüstet, das sie in der Eile hatten zusammenraffen können, auf staubigen, schmalen Wegen mit allerlei Fuhrwerken und auf Tieren oder eilig zu Fuß aus der Stadt flohen. Sie alle fürchteten Verfolgung, Krieg, Elend und Hunger. Schließlich waren im Palast in der nicht enden wollenden gestrigen Nacht der Herrscher der Lamargue und seine gesamte Gefolgschaft ermordet worden. Dieses Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer durch die Gäste, die Ómers katastrophalen Gastmahl entkommen waren, verbreitet. Niemand der nun im Feuerglast der Sonne Flüchtenden wollte noch in Karukora sein, wenn Rauls Söhne oder seine Witwe Genugtuung einforderten und mit ihren Heeren die Stadt angriffen und belagerten. Die meisten von ihnen wandten sich nach Westen oder Süden, hin zu den vermeintlich sicheren großen Oasenseen und der Küste. Doch es gab auch zwei Wägen, die sich unberirrt der aufgehenden Sonne entgegen bewegten, auf einem Weg, der sich bald in der wasserlosen, steinigen Toten Wüste verlieren würde.

Der hintere war ein klappriger, mit einer Plane abgedeckter Karren, den ein unwilliger Esel zog und vor ihm mit großem Abstand ein grüngestrichener Kaufmannswagen mit zwei Mauleseln im Geschirr, wie man ihn häufig nordöstlich des Großen Walls antraf, der aber hier in der Wüste völlig fehlplaziert wirkte. Auf dem Kutschbock des zweirädrigen Karrens, einem rohen Querbrett ohne Rückenlehne, saßen nebeneinander Sirtis, Selin und Semira. Die Tochter des Märchenerzählers hielt die Zügel in den Händen und schnalzte regelmäßig mit der Zunge, um den Esel anzutreiben, damit sie mit Juels schnellerem Wagen einigermaßen Schritt halten konnte. Ab und zu sah sie lächelnd zur Seite zu den beiden jungen Leuten, die gegeneinandergelehnt schlummerten. Es war tiefer Schlaf der Erschöpfung, aus dem sie nicht einmal aufschreckten, wenn die Räder über ein Schlagloch der selten befahrenen und schlechten Straße rumpelten, die eine Tagesetappe entfernt in dem elenden und winzigen Wüstenweiler Matorka endete. Allerdings erklang dann jedesmal ein schmerzvolles Aufstöhnen von hinten, wo der noch immer gefesselte und geknebelte Ómer zwischen ein paar Säcken mit Salz unter der Plane lag. Die meisten Vorräte hatten die Flüchtigen in Juels Wagen umgeladen, damit der Esel nicht zu sehr belastet wurde. Sirtis wusste nicht, warum der dicke Kaufmann und Dieb darauf bestanden hatte, den verräterischen ehemaligen Vezir auf der Flucht mitzunehmen. Sie empfand ihn als einen unnützen Klotz am Bein, dem sie am liebsten mit der scharfen Klinge ihres Küchenmessers die Kehle durchschnitten hätte, um ihn wie ein Lamm, das sie für ein Festmahl schlachtete, ausbluten zu lassen. Aber sie hatte Juel, dem Ludo sorriento, gehorcht. Wenn einer wusste, was er tat, dann wohl der legendäre Meisterdieb.

Mit ihrem Vater Alis, in dessen Rachepläne Sirtis eingeweiht war und die sie, obwohl sie ihr Misslingen befürchtete, billigte, hatte sie ursprünglich vereinbart, auf ihn und Selin vor einem der kleinen Osttore zu warten, um dann mit ihnen gemeinsam nach Paradis zu flüchten. Doch dann sah alles ganz anders aus. Kurz vor ihrem Aufbruch hatte sie durch eine Nachricht von Muhar, der sie ihr durch einen Küchenjungen des Palasts überbringen ließ, erfahren, sie solle sich in der Alhaşra-Karawanserei mit dem Diener des Ludo sorriento, der auf Wunsch der Diebesgilde am Raubzug teilnahm, treffen. Selbstverständlich hatte Sirtis schon von dem Meisterdieb gehört und wusste sogar ein paar erstaunliche Märchen über ihn und seine abenteuerlichen Unternehmungen zu erzählen. Obwohl diese Geschichten sicherlich maßlos übertrieben waren, hörte man sie gerne auf den Bazaaren und Sirtis schöpfte sofort die Hoffnung, dass es mit seiner Hilfe doch gelingen konnte, zum Falkenthron vorzudringen und den „Weg, der in den Tag führt“ zu stehlen. Als Selin mit seinen vier Begleitern – Jalah hatte die Gruppe verlassen, nachdem sie endlich aus den Katakomben des Palastes herausgefunden hatten -, schließlich bei der Alhaşra-Karawanserei vor dem Ambra-Nordtor aufgetaucht war, in der Sirtis und Tonino ungeduldig auf sie gewartet hatten, hatte Sirtis sofort zu Juel Zutrauen gefasst, obwohl sie ihm noch nie zuvor begegnet war. Es hatte ihn zwar niemand gewählt, aber es stand außer Frage, dass er die Anführerschaft der Gruppe übernommen hatte und jeder auf ihn hörte. Er strahlte Entschlossenheit und Überzeugungskraft wie kein anderer in der Gruppe aus.

Inzwischen war ihr klar, dass Alis‘ kompizierter Racheplan nicht vollständig funktioniert hatte, denn er selbst hatte es ja nicht geschafft, rechtzeitig den Palast zu verlassen und an der Karawanserei zu ihr zu stoßen. Schweren Herzens hatten die beiden Wägen ohne ihn gen Paradis aufbrechen müssen, denn die Zeit lief ihnen davon und mit jedem Augenblick, den sie alten Märchenerzähler warteten, wuchs die Gefahrn von den Treuwächtern des Namenlosen gefunden und festgenommen zu werden. Ob ihr Vater sich nur verspätet hatte und noch nachkommen würde, ob er gefangen, verletzt oder gar bei der blutigen Schlacht im Palast getötet worden war, wusste Sirtis nicht, denn sie hatte keine Nachricht mehr von Muhar erreicht, aber sie befürchtete das Schlimmste. Doch es war gut, dass der Ludo überraschend beschlossen hatte, sie und Selin nach Paradis zu begleiten. Über seine Gründe sprach er nicht, aber er war sicherlich ein Gewinn für die Unternehmung. Sirtis hätte auch gerne Semira oder den Mönch gefragt, wie sie zu der Gruppe gestoßen waren und warum sie beide wild entschlossen waren, mitzukommen, war aber in der Hektik des Aufbruchs nicht dazu gekommen. Der dürre, ausgemergelte Alte hatte nur mit den Achseln gezuckt und sich aus den Waren in Juels Wagen wüstentaugliche Kleidung herausgesucht. Das hatte auch Semira getan, die ihren schmutzigen, nur noch aus Fetzen bestehenden Sarê gegen eine knielange, robuste Hose und ein weites Männerhemd getauscht hatte, die ihr einigermaßen passten.

Und nun schlief sie neben Sirtis an ihren Selin gelehnt auf dem Kutschbock und ein zufriedener und glücklicher Gesichtsausdruck erzählte von den angenehmen Träumen, die sie dabei hatte. Sirtis lächelte und schnalzte mit der Zunge.

Welch seltsame Wege ging doch die Liebe …

[Zum 2. Teil …]

Aber ein Traum – Roman (4. Kapitel – Schluss)

Endlich kehrte Edaine zurück und brachte auf einem Tablett eine geöffnete Weinflasche und ein bereits eingeschenktes Glas mit. Jonas hatte ja noch vom Weißwein und sie selbst wollte offenbar beim Tee bleiben. Sie stellte das Getränk vor Binderseil ab und Jonas bemerkte dabei eine etwa postkartengroße Fotografie mit gezacktem Rand in ihrer Hand. Edaine streckte ihm die Aufnahme zögernd und erst nach einem fragenden Seitenblick auf Linus entgegen. Der hatte sich jedoch seinen Wein gegriffen und trank das Glas mit zwei, drei gierigen Schlucken leer. Dabei tanzte sein hervorstechender Adamsapfel krampfhaft auf und nieder.

„Ist doch wahr. Hat mich dieses Erzählen durstig gemacht!“, keuchte er schließlich.

Er schenkte sich nach. Jonas betrachtete inzwischen das Bild. Die schwarzweiße, von der Zeit bräunlich ausgeblichene Abbildung zeigte drei Personen, die in einem nicht näher bestimmbaren und kahlen Raum standen. Es waren ein Mann und eine Frau. Die Frau trug einen Säugling auf dem Arm. Sie war eine schlanke Dunkelhaarige mit Pagenkopf und trug ein seit dem Anfang der Siebziger Jahre aus der Mode geratenes, sicherlich schreiend buntes Ministrickkleid mit einem breiten Gürtel und dazu bis zu den Knien emporreichende Stiefel. Ihr Aussehen erinnerte Jonas spontan an die Schauspielerin, die in der englischen Fernsehserie „The Avengers“ die Agentin Emma Peel gespielt hatte. Ihr Name fiel ihm gerade nicht ein. Er war sich jedoch sicher, dass er diese Frau noch nie gesehen hatte. Wenn das Foto tatsächlich vierzig Jahre alt war, dann musste sie inzwischen eine ältere Dame sein. Jonas versuchte, sie sich älter vorzustellen, aber auch das löste in ihm keine Erinnerung aus. Anders war es bei dem Mann, der einen schlichten Anzug trug und stolz in die Kamera lächelte. Ihn erkannte Jonas sofort.

Es war ein Schock: Das war sein eigener Vater. Er sah genau so aus, wie er den inzwischen Demenzkranken von alten Familienfotos und Zeitungsbildern kannte: aufrecht, energisch, ein nun erloschener, aber damals funkelnd neugieriger Blick, dem nichts zu entgehen schien. Georg Habakuk war ein Mann der Tat gewesen, der seinen Sohn nach dem frühen Krebstod seiner Frau allein aufgezogen hatte. Auch wenn er mit dieser Aufgabe oft überfordert gewesen war. Jonas hielt das Bild schräg und führte es näher an seine Augen. Diese Frau neben seinem Vater, das war nicht seine Mutter. Hilde Habakuk sah auf den wenigen Abbildungen, die Jonas von ihr kannte, vollkommen anders aus.

„Der Mann dort ist mein Vater. Woher ist das Foto und wer ist die Frau?“

„Dies ist Lina“, stellte der Bildhauer fest, als wäre damit alles geklärt.

Binderseil machte eine dramatische Pause und nahm einen weiteren Schluck von dem billigen, bitteren Rotwein, kaute ihn, die Lippen gespitzt, als wäre er ein Kenner. Falls er vorhatte, sich auf dem schnellsten Weg zu betrinken, dann war er auf einem guten Weg. Jonas bemerkte, dass er leicht zu schielen begann. Das war ein sicheres Zeichen, dass Linus zuviel hatte.

„Gut, dies ist also die Frau von Alban Waldescher, die sein Bruder Ruben entführt hat. Was hatte mein Vater mit ihr zu tun?“, fragte Jonas ungeduldig nach. Ihm gingen die Verzögerungstaktik von Linus und seine Sauferei immer mehr auf die Nerven.

„Das Baby auf Linas Arm: Das bist du.“

„Ich?“

Jonas betrachtete noch einmal das Bild: Es war möglich, warum auch nicht? Das konnte er schon sein, dort auf dem Arm der Unbekannten. Der Zeitkontext kam hin. Aber dies konnte auch jedes andere Kind sein, auf der alten, inzwischen schimmlig braunen und ausgeblichenen Abbildung war nicht einmal das Geschlecht des Säuglings zu erkennen. Zudem entdeckte er jetzt eine merkwürdige Doppelbelichtung. Ein zweites Kleinkind ruhte mit ihm auf dem Arm der Frau, es war wie ein leicht verschobener und flüchtiger Nebelschleier, der sich teilweise mit dem deutlicher erkennbaren Baby überlappte. Ein Geisterbild. Trotzdem, Jonas spürte, dass er das Kind war und es würde auch die Anwesenheit seines Vaters erklären.

„Gut, dann bin das also ich. Noch einmal, woher hast du das Bild?“, fragte er und gab die Aufnahme zögernd an Edaine zurück, die sie vorsichtig auf eine Kommode legte.

„Dein Vater hat es mir gegeben“, erklärte Linus.

„Ich wusste nicht, dass du ihn kennst.“

Binderseil zögerte.

„Diese Geschichte soll er dir selbst erzählen.“

Er richtete sich in seinem Rollstuhl auf und griff nach der Flasche, füllte sein bereits wieder leeres Glas, bevor er weitersprach. Der billige Rotwein schien schnell zu wirken, denn seine Stimme klang schleppend.

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„Aber ich werde dir sagen, was mir Alban Waldescher erklärte, bevor er mich hinter seinem Bruder und Lina hinterherschickte, an einen Ort und eine Zeit, wo ich dann deinem Vater begegnete. Moderne Philosophen behaupten, es gebe keine Welt, weil sie Alles sei und damit per definitionem auch Alles beinhalten müsse. Da Alles aber keine Teilmenge von Allem sein kann und die Welt nicht in sich selbst geborgen, gebe es sie auch nicht. Man kann einen Koffer nicht in sich selbst packen. Aus dem gleichen Grund könne es auch nicht Nichts geben. Tatsächlich ist dieser Gedanke uralt und stammt von dem Sophisten Gorgias von Leontinoi.“

Er stolperte zweimal über den Namen.

„Das hat mir zumindest mal dein Vater so erklärt. Dieser spitzfindige Gedanke ist ein klassischer logischer Trugschluss wie Zenons Geschichte vom Wettlauf zwischen Achill und der Schildkröte. Denn er blendet aus, dass es in einem multidimensionalen Universum auch noch ein Daneben gibt.

Du kannst dir das wie die Schaumblasen auf einem frisch gezapften Bier vorstellen. Es gibt in der Mitte eine große, stabile, an der alle anderen kleben. Das ist die wahrscheinlichste, die beste aller möglichen Welten. In ihr leben wir und sie wird erst in einigen hundert Milliarden Jahren kollabieren. Rund um sie herum sind an ihr weitere Blasen verankert und an denen noch viel mehr, vielleicht unendlich viele. Alle diese anderen Welten sind kleinere Varianten der ersten. Manche sind ihr sehr ähnlich, unterscheiden sich nur in Einzelheiten, andere sind ihr komplett fremd, unwirklich, ohne Naturgesetze und Leben. Je weiter eine Welt von der Hauptblase entfernt ist, um so mehr verzerrt sie sich. Sie wird unwahrscheinlicher, instabil und eigenartig. Deshalb platzen sie irgendwann und lösen sich in Nichts auf, werden aber sofort von neuen Schaumblasen ersetzt, die aus dem Bier emporsteigen.“

Der Bildhauer, der nun auch sein drittes Glas geleert hatte, sah das verzweifelte Augenrollen von Jonas und beeilte sich, von seiner Schaum-Theorie wegzukommen, die er sich mühsam zusammengebastelt hatte, um eigentlich Unerklärliches für sich selbst zu deuten. Er hatte zunehmende Schwierigkeiten, den Erzählfaden und die passenden Wörter zu finden.

„Um mich auf meine weiteren Abenteuer in einer anderen Welt vorzubereiten, hat mir Alban das in dem kleinen Zimmer damals so erzählt:

„Der Schleier zwischen hier und den nächsten Blasen ist ganz dünn“, sagte er, „wie ein Spinnennetz, das man mit einem schnellen Schritt durchtreten kann. Es bleiben zwar ein paar Fäden an dir kleben und sie kitzeln dich im Gesicht, aber du bist drüben, auf der anderen Seite, in der Anderen Welt. Ein Wechsel ist einfach, man muss nur an ihn glauben können. Die einzige Nebenwirkung sind seltsamerweise heftige Rückenschmerzen, als würde dir jemand einen Dolch in die Lenden stoßen. Unbewusst zwischen Wachen und Träumen hast du diese seidenzarte Grenze schon häufig überwunden. Auch Kinder wechseln oft die Seiten. Im einen Moment siehst du sie noch kopfüber am Klettergerüst herumspielen, im nächsten sind sie so spurlos aus der Welt gefallen, als hätten sie niemals existiert. Sie tauchen plötzlich wieder an einem ganz anderen Ort auf; auf der Rutsche oder zehn Meter weiter im Gebüsch. Niemand hat gesehen, wie sie dorthin gelangten. Es sind meist einsame, verstockt wirkende Kinder, die wenige Freunde haben und ganze Nachmittage träumend in den Bäumen hocken, die solche Kunststücke fertig bringen. Mit der Pubertät verliert sich dann in aller Regel diese Gabe, aber sie verschwindet nie vollkommen. Manchmal genügt eine emotionale, die Grundfesten der Persönlichkeit erschütternde Erfahrung, etwas, das dich vollkommen aus der Bahn wirft; ein Unfall, eine Krankheit oder auch nur eine Gedichtzeile, die dich berührt. Dann gleitest du hinüber ins Daneben. Manchmal für einen Nu, manchmal für immer.“

Alban erzählte sogar, es gäbe ein paar offizielle Türen zwischen hier und dort. Es sind Schlupflöcher, die die Architekten der Schaumblasen offengelassen haben; ob das Absicht oder Pfusch am Bau ist, konnte er nicht sagen. Wie er mir später mal zeigte, ist sogar irgendwo hier in der Straße solch ein Durchgang in die anderen Lande, allerdings einer, bei dem du nie weißt, wo du landest.

„Wenn du von der Alten Metzg in die Bäckergasse abbiegst“, führte Alban aus, „und die paar Stufen die Stadtmauer hinunter und anschließend quer durch den Kräutergarten gehst, den vergessenen Spielplatz in deinem Rücken lässt, dann stößt du auf eine Nische zwischen zwei uralten Häusern. Dort ist ein Durchgang. Er führt übrigens in den Keller meines Hauses – den „Eulenhorst“ – und dort hinter die Regale, in denen mein Onkel Balder seine wertvollen Weine aufzubewahren pflegte. Ich habe diesen Weg vor ein paar Jahren zufällig entdeckt, als ich die letzte Flasche 67er Chateau Neuf suchte. Leider führt er nur in eine Richtung.

Es gibt noch viele weitere Türen. Ich glaube, auch Ruben kennt einige und durch eine hat er Lina hierher entführt. Gut, dass ich seine Wege durch die Welten erspüren kann. Das ist wie ein sonderbarer Geruch oder ein glühender Ariadnefaden, dem ich mühelos folgen kann. Auf diese Weise gelangte ich schon kurz nach ihm hierher in diesen Süden. Er bemerkte das freilich, denn auch ihm bleibt meine Anwesenheit nicht verborgen. Ruben warf mir alles entgegen, was er hier als Gegner für sich rekrutieren konnte. Er verschanzte sich in der Burg. Mein Bruder hat ein Faible für alte Gemäuer und egal, wohin er jetzt wieder geflohen ist, es wird eine Festung in der Nähe sein. Nach ihr musst du suchen. Da wir ja mehr als Zwillinge, sondern eigentlich ein- und dieselbe Person sind, kann ich ihn gut einschätzen. Er mich jedoch ebenfalls, deshalb entkommt er mir immer wieder.

Die meisten Bewohner der anderen Welten haben keinen eigenen Willen, sie sind Reflektionen; Spiegelbilder, die ein Lichtstrahl der Realität in sie hinein geworfen hat. Sie sind meinetwegen die Schatten, die die Ideen an die Wand projizieren. Der feste Wille kann sie unter seinen Befehl zwingen, so wie er über den Wind und die toten Dinge gebieten und sie auch mit einem Fingerschnippen auslöschen kann. Die Menschen dieses wundervollen, friedliebenden Stückchens Erde warfen sich mir wie die willenlosen Zombiefluten in einem Horrorfilm entgegen. Ruben ließ ganze Gebirge auf mich herabregnen, entfesselte Monsterstürme und biblische Plagen. All dem wäre ich beinahe hilflos ausgeliefert gewesen. Je stärker sich eine Welt von meiner eigenen unterscheidet, umso schwieriger ist es für mich, auf sie Einfluss zu nehmen.

Zudem stand hier ja alles unter der Kontrolle meines Zwillings. Aber er hatte in seiner Arroganz vergessen, dass ich Hilfe habe. Es gibt überall in den Anderen Landen Nachkommen von Menschen, die irgendwann einmal zufällig oder bewusst in sie wechselten, ohne einen Weg zurückzufinden und dann dort Familien gründeten. Diese „Eingeborenen“ können die Anderen Welten wie ihre Wäsche wechseln. Man kann sie gut daran erkennen, dass sie selten Schuhe tragen, weil sie ihnen an den Füßen schmerzen. Sie haben keinen Namen für sich. „Elfen“ würde ganz gut passen, denke ich. Linas treue Freundin Edaine war an meiner Seite. Sie beschützte und unterstützte mich. Gemeinsam hielten wir die Zeit an und belagerten Rubens Burg. Wir konnten nicht verhindern, dass dieses Land bei unserer Auseinandersetzung ausgelöscht wurde, zuerst seine Bewohner, dann das Land an sich: Eine weitere Seifenblase, die geplatzt ist und wie ein abgeschlagener Kopf der Hydra Platz für neue schafft.“

Mir ging es wie dir, Jonas, ich hörte skeptisch diese Geschichte, warf ab und an einen Seitenblick auf Edaine und wollte mich mit diesem Konzept nicht anfreunden. Welten wie Tropfen im Meer? Elfen mit nackten Füßen? Zwei Brüder, die eigentlich einer sind, in einem mythologischen Kampf? Das war selbst mir mit meinen Drogenerfahrungen zu viel. Allein von der Vorstellung schien mir der Kopf zu platzen.“

Linus, der nun erhebliche Schwierigkeiten beim Sprechen hatte und zu stammeln begann, streckte sein Glas in Edaines Richtung, die die Weinflasche vorsichtshalber von ihm fortgestellt hatte und ihm den Rest nun recht widerwillig nachschenkte. Erneut trank der Bildhauer eilig wie ein Verdurstender. Diesmal war es das Glas zu viel. Er sackte aufstöhnend in seinem Rollstuhl zusammen; mit einem Mal vollkommen betrunken. Er kicherte und brummte zu Jonas Erstaunen die Anfangstakte der Titelmelodie einer alten Fernsehserie.

„Robin Hood, Robin Hood…“, sang er ohne ersichtlichen Zusammenhang, „reitet durch die Lande. Voller Stolz und Wagemut folgt ihm seine Bande. Es fürchten ihn die Bösen …“

Offenbar wusste er nicht mehr weiter, denn er stockte.

„Weißt du“, lallte er dann plötzlich, „dass ich schon mal Richard Löwenherz begegnet bin? Ein netter Kerl, aber stockschwul.“

Jonas erkannte die Symptome: Die schnelle Wirkung des Alkohols war allerdings erstaunlich. Ob sein allgemein schwacher Zustand und seine Schmerzmedikamente daran schuld waren oder ob Linus schon vorher getrunken hatte, war Jonas nicht bekannt.

„Was ist dann geschehen? Wie hast du meinen Vater getroffen?“, machte er noch einen Versuch, der den Bildhauer jedoch nicht mehr erreichte.

„… die Guten sind ihm gut – Robin Hood!“, fiel Linus wieder ein und er sang sein kleines Lied zuende. Danach schien er plötzlich traurig zu werden.

„Niemand will mit mir singen. Der kleine warme Richi, der mochte das Lied“, sagte der Bildhauer weinerlich, „der arme, warme …“

Sein Kinn sank auf seine Brust. Er hatte die Augen geschlossen. Jonas betrachtete mitleidig seinen alten Freund, den er schon so lange nicht mehr gesehen hatte und der nun leise schnarchte. Edaine zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

„Ich hätte ihm nicht erlauben dürfen, den Wein zu trinken. Aber jetzt schläft er wenigstens, bis ihn die Krämpfe wieder wecken, die echten und die eingebildeten“, erklärte sie.

„Was ist, willst du heute hier übernachten? Ich kann dir das Gästebett herrichten, du sitzt eh schon drauf. Es ist spät und vorhin bist du auch einmal kurz eingenickt.“

Spät? Jonas sah überrascht zum Fenster. Es war tatsächlich schon dunkel draußen. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war bereits nach zehn. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Er überlegte. Was erwartete ihn schon zuhause?

„Gerne“, nickte er und sah auf ihre nackten Füße. Ihn fröselte.

„Aber sag mal: Ist die Geschichte, die Linus da erzählt hat, wirklich wahr? Bist du aus einer anderen Welt?“

Er erwartete ein Lachen der Frau mit den langen schwarzen Haaren, aber sie blieb ernst. Nachdenklich musterte sie ihn.

„Das glaubt er zumindest und es hilft ihm. Das allein zählt“, sagte Edaine und stellte sich hinter den Rollstuhl des Bildhauers, löste die Bremsen.

„Aber wenn du möchtest, kann ich dir später ebenfalls eine Geschichte erzählen. Und jetzt darfst du mir helfen, Linus ins Bett zu bringen.“

Aber ein Traum – Roman (4. Kapitel – Teil 5)

Wieder zerdehnte sich die Zeit. Ich war erneut hilflos den Taschenspielertricks von Ruben ausgeliefert. Gegen einen Gegner, der buchstäblich zaubern konnte, hatte ich keine Chance. Ich war es so leid: Meine Segeltuchschuhe lösten sich vom Parkett. Ich schleuderte meinen Körper und die geballten Fäuste voran, dem Feind entgegen, sprang ich wie ein Marvel-Held auf ihn zu. Das alles war allerdings nicht, wie ich gehofft hatte, die Sache eines Augenblicks, der meinen Gegner überrumpeln und mit mir gemeinsam zu Boden gehen lassen würde, damit sich Lina befreien konnte, sondern mein Sprung gerann zu einer kleinen Ewigkeit. Ich war wieder in eines dieser verdammten Zeitlöcher geraten, als hätte ich einen Kopfsprung in ein Fass mit klebrigem Honig gemacht! Dieses Phänomen erfasste diesmal allerdings nur mich selbst. Denn während ich wie ein Blatt Papier in leichtem Wind durch den Raum auf Ruben zusegelte, sah ich, wie er in aller Seelenruhe mit Lina einen Schritt zur Seite machte, problemlos mir und Edaines Fingernägeln auswich. Dabei ließ er seine schwangere Geisel mit einer Hand los, während er sie mit der anderen noch so fest im Griff hielt, dass sie unter seiner Gewalt vor Schmerzen stöhnend auf die Knie gezwungen wurde. Er lächelte mir zu:

„Das mit dem Schnippen ist eine gute Idee von dir. Diese Geste ist nicht notwendig; aber ich finde, sie sieht gut aus. Das werde ich mir merken.“

Und er schnippte tatsächlich mit den Fingern. Genau an der Stelle, an der er eben noch mit seiner Geisel gestanden war, implodierte die Wand, als wäre dort die Bildröhre eines Fernsehers zu Bruch gegangen. Mit einem Knall entstand ein weiterer kleiner Tunnel, ein kleiner Bruder der gigantischen Windhose draußen. Etwas nicht Greifbares wirbelte um ein plötzliches Loch in der Luft vor dem Fenster, das aber, kaum entstanden, sofort wieder in sich zusammenfiel. Damit endete auch meine persönliche Zeitlupe. Ich stolperte in normaler Geschwindigkeit vorwärts und landete auf allen Vieren genau an der Stelle, an der eben noch Ruben und Lina miteinander gerungen hatten. Aber sie waren nicht mehr da, hatten sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Das also war sein letzter Trumpf im Ärmel gewesen, das Hintertürchen, durch das er entkommen konnte. Aber das durfte einfach nicht das Ende sein! Nicht nach all den Anstrengungen, die wir unternommen hatten, in dieses Zimmer zu gelangen. Es war einfach nicht fair. Ich sah zu Edaine, die betreten neben mir stand und langsam ihre Arme herunter nahm.

„Was war das?“, fragte ich und rappelte mich mal wieder auf. Wie oft war ich eigentlich seit heute morgen schon der Länge nach hingestürzt? Hatte nicht alles mit einem Fall begonnen?

Edaine schüttelte resigniert den Kopf. Die Antwort auf meine Frage kam nicht von ihr, sondern von einer Stimme in unserem Rücken. Dort stand plötzlich der Tourist; aus dem Nichts hinter dem Türrahmen aufgetaucht, in dem sein böser Bruder gerade scheinbar verschwunden war. Er hatte den Untergang dieser Welt also doch überlebt. Und er hatte eine der Tauben vom Domplatz mitgebracht. Sie flatterte benommen durch den Raum und landete ungeschickt auf der Kommode, wo sie es sich zitternd und aufgeplustert bequem machte. Ihr Hals bewegte sich aufgeregt hin und her. Sie kippte ihren kleinen Kopf zur Seite und schien uns durch eines ihrer schwarzen kugelrunden Äuglein neugierig zu belauschen, aber es ging kein Geräusch von ihr aus, kein Gurren, kein Schaben.

„Er ist entkommen. Und er hat Lina mit sich genommen“, flüsterte Alban heiser, „wir waren einfach zu spät dran.“

Ich wandte mich von dem seltsamen Tier weg zurück zu ihm. Dabei entdeckte ich, dass der zweite Linus und auch Pablo verschwunden waren, sich ebenfalls mit Rubens Fingerschnippen aufgelöst hatten. Schade, ich hätte den Maler jetzt gut brauchen können. Er war fast noch mehr als Edaine der Halt gewesen, der mich den ganzen Irrsinn hatte überstehen lassen. Ich musterte Alban, der sich offenbar etwas erholt hatte. Mir fiel jetzt auf, dass er sich durch eine dünne, helle Narbe an der Stirn von seinem Zwilling unterschied. Er wirkte auf mich fast noch mutloser und verzweifelter als in dem Moment, als ich ihn aus dem Herkulesbrunnen vor dem Dom gezogen hatte. Das farbenfrohe Hawaii-Hemd mit dem hässlichen Ananas-Muster und das lächerliche Baseball-Cap, das er wieder auf dem Kopf trug, bildeten einen grotesken Widerspruch zu seiner in sich zusammengesunkenen, kraftlosen und aller Hoffnungen beraubten Gestalt. Er schwankte.

„Wo ist er hin?“, fragte ich. „Was können wir tun? Können wir hinterher?“

Alban musterte mich scharf. Ich entdeckte einen Funken Hoffnung in seinen verzweifelten Augen. Ruhig schloss er hinter sich die nur noch halb in ihren Angeln lehnende Tür, dann schleppte er sich langsam zum Bett, auf das er sich ächzend fallen ließ. Da waren wir nun, die drei letzten Menschen auf der Welt und eine Taube, gefangen in einem kleinen, schäbigen Zimmerchen mit abgenutztem Mobiliar, dem einzigen Ort, der in diesem Nussschalen-Universum noch Bestand hatte und sich nicht in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Alban deutete auf einen Stuhl, der neben seinem Ruhelager stand, auf dem er es sich eben bequem gemacht hatte. Erst nachdem ich mich gesetzt hatte, ging er auf meine Fragen ein:

„Willst du das wirklich für mich machen? Ich könnte dich auch aus diesem Alptraum zurück in deine Realität bringen, aus der du so unverhofft für uns alle aufgetaucht bist.“

„Dort erwartet mich außer Knochenbrüchen und Leid nichts. Ich habe es nicht eilig. Mit deinem Bruder habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Und ich habe noch ein paar weitere Fragen“, warf ich eilig ein, bevor Alban ebenfalls mit den Fingern schnippte und mich heimschickte. „Du hast mir vorhin ein paar ehrliche Antworten versprochen.“ Er seufzte zögernd und sah hilfesuchend zu Edaine, die ihm aufmunternd zunickte. Sie trat neben mich und nahm mich an der Hand.

„Er wird uns helfen“, sagte sie überzeugt. „Er und Georg Habakuk. Ich habe eure Zukunft schon in meiner Vergangenheit erlebt, vergiss das nicht.“

„Wer ist Georg Habakuk?“, fragte ich erstaunt. Ich kannte nur eine Person mit dem Namen Habakuk. Und das warst du, Jonas“, fügte Linus hinzu und sah vorsichtig zu seinem Freund hinüber.

Bevor er fortfahren konnte, lachte Jonas laut auf und begann zu klatschen.

„Fast hättet ihr mich drangekriegt.“

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Er unterbrach erneut die Erzählung des Bildhauers, der ihn betroffen und auch ein wenig verärgert aus seinem Rollstuhl heraus musterte.

„Nein, wirklich, ich war so in der Geschichte gefangen, dass ich bereit war, alles zu schlucken. Du bist ein großartiger Erzähler, Linus, und ich wollte wissen, wie weit du gehst. Nicht an mir, sondern an dir ist ein Schriftsteller verloren gegangen. Eine jenseitige Welt ohne Menschen und Naturgesetze, in der man die Zeit wie einen Berg erklimmen muss, eine Burg, die sich auf den Kopf stellt und sich in ‚Nichts‘ zusammenfaltet, ihr Gott ist ein amerikanischer Tourist, dann sind da noch deine Zukünftige, Picasso und eine Kopie von dir selbst. Die Zukunft findet in der Vergangenheit statt. Ich würde gerne das Buch lesen!“ Jonas schüttelte den Kopf. „Und jetzt noch mein Vater. Aber das ist ziemlich geschmacklos. Wohin soll das denn noch führen?“

Linus wechselte wieder einen Blick mit seiner Frau.

„Bring uns das Foto“, sagte er. Edaine zögerte und der Bildhauer strich ihr über das Haar.

„Es wird nicht anders gehen. Und hole bei der Gelegenheit auch gleich noch eine Flasche vom Pinot. Du weißt schon, den, den ich vor dir im Atelier versteckt halte. Den du immer absichtlich übersiehst.“ Er wandte sich an Jonas. „Weißt du, ich sollte eigentlich nichts mehr trinken. Durch die Lähmung sind auch meine inneren Organe angegriffen. Meine Nieren arbeiten nicht mehr richtig und meine Leber, nun … sie ist ein zäher, aber inzwischen recht großer Teil von mir. Sie hat auch schon einiges durchmachen müssen.“

Jonas wusste nicht, ob Binderseil mit seinen letzten Worten seine Leber oder seine Frau meinte. Die beiden Männer sahen Edaine hinterher, die barfuß mit tänzelnden Schritten aus dem Zimmer schwebte. Und das ‚Schweben‘ war fast wörtlich zu nehmen. Was war das für eine wunderschöne, reizvolle Frau, diese zarte, fast durchsichtige Erscheinung mit den nachtschwarzen Haaren, die angeblich aus einer anderen Welt stammte und auf Jonas paradoxerweise sowohl zerbrechlich als auch voller Kraft wirkte. Wenn er ganz ehrlich mit sich war, musste sich Jonas eingestehen: Er war trotz dessen Behinderung ein wenig neidisch auf den Bildhauer. Er selbst hätte sofort seine körperliche Unversehrtheit und Gesundheit auf dem Thron der Liebe geopfert, wenn er sie gegen eine Partnerin wie diese hätte eintauschen können. Aber Katharina, die seine große Liebe gewesen war, hatte ihn verlassen, weil er viel mehr an seine Karriere als an ein Familienleben gedacht hatte. Er hätte auf ihren Kinderwunsch eingehen und ihn nicht rigoros von sich weisen sollen …

„Bitte?“ Jonas drehte ertappt den Kopf. „Ich habe nicht zugehört.“

Binderseil lächelte sardonisch. „Das ist mir nicht entgangen. Und ich will auch überhaupt nicht wissen, was du gedacht hast. Ich sagte, Edaine ist ein Engel. Wie ich eben sagte: Sie wird dir …“

Er verstummte mal wieder und Jonas hatte den Eindruck, der Bildhauer würde sich auf die Zunge beißen. Linus ließ sich auch durch ein aufforderndes Nicken nicht überreden, seinen Satz zu vollenden. Offenbar bewegte er sich auf einem verbalen Minenfeld, das für den früher so lautstark pöbelnden und kein Fettnäpfchen auslassenden, allzu leichtfertig schwatzenden Künstler ein äußerst heikles Terrain war. Jonas überlegte, was er eben versäumt hatte, welches Geheimnis der Bildhauer beinahe ausgeplappert hatte. Die beiden musterten sich stumm, als hätte Edaine ihre Fähigkeit zu reden mit sich genommen.

Aber ein Traum – Roman (4. Kapitel – Teil 4)

Edaine! Was muss ich tun?“, rief ich, aber sie hatte jetzt wieder fest die Augen geschlossen, murmelte erneut ein paar Worte einer fremden Sprache, stockend, aber konzentriert. Durch einen seltsamen Zufall der Akustik drangen sie so deutlich zu mir herauf, als würde sie neben mir stehen und in mein Ohr flüstern.

Chuir iad an Caisteal a’ Ghlinne mi“, sagte sie bedächtig, “an seòmar ìosal cho fuar.“ Später erfuhr ich von ihr, dass es der Beginn eines nicht besonders gelungenen gälischen Gedichtes war, das ich inzwischen ebenfalls auswendig kann. Nicht die Wörter waren entscheidend, sondern die Art, wie sie sie sprach, sich in ihnen konzentrierte. Edaine hätte stattdessen auch den Waschzettel meines Hemds vorlesen können; diese Strophen schienen ihr aber angemessener: „Chàraich iad mis’ ann am prìosan, ‘s an fhìrinn agam ga luaidh …

So schnell wie er begonnen hatte, endete der Spuk. Der Zerrspiegel war zerschlagen. Zwischen zwei Augenzwinkern festigten sich mit einem zitternden Schauder die Proportionen des Flurs. Der Teppich war kein nach mir haschendes Monstrum mehr, sondern lag wieder friedlich unter meinen Füßen. Gleichzeitig kehrte die normale Gravitation zurück. Ich ließ die Kante, die mich eben noch gerettet hatte, vorsichtig los und stand endlich wieder fest auf dem Boden, während neben mir die Glasscherben wie nach einem kurzen Moment der Verwirrung in ihrer Flugbahn stoppten, als würden sie gegen ein unsichtbares Hindernis stoßen und dann schnell senkrecht zu Boden fielen, dort in tausend Teile zersprangen.

Durch die zerstörten Fenster drang nun die ungebremste Wut des Gewitters, das die Burg umtobte, Sturmgebrüll und sintflutartiger Regen peitschten schräg durch die Öffnungen ins Gebäude und schnell war ich wieder nass bis auf die Haut. Das Ganglicht flackerte, erlosch. Ich atmete tief ein, spähte nach vorn. Die Tür, die ich eben noch über mir, nun erneut vor mir hatte, war noch immer nicht ganz geschlossen, an zwei Seiten strahlte durch die handbreite Spalte, die sie noch geöffnet war, ein heller Schein in den Gang. Dort im Zimmer, in dem sich meine mir noch unbekannten Feinde verbarrikadieren wollten, funktionierte das Licht offensichtlich noch.

Mach schnell“, hörte ich Edaines Stimme hinter mir, „lange werde ich diese zerbröckelnden Reste dieser Welt nicht mehr zusammen halten können. Sie gehört inzwischen Raban Waldescher und er ist viel stärker als ich!“ 

Hatte sie mir erneut geholfen? War es ihr und ihren seltsamen Worten zu verdanken, dass sich alles wieder normalisiert hatte? Hatte ich mich eben in eine Hexe verliebt? Es war nicht der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken; jetzt musste ich schnell sein. Erneut lief ich los, ignorierte den heftigen Seitenwind und den Regen, den er wie aus Kübeln in den engen Gang schüttete. Ich hatte gerade noch meinen Fuß in der Tür, bevor sie ganz geschlossen wurde. Das war ein Fehler, denn die dünnen, durchweichten Segeltuchschuhe boten keinen Schutz gegen die Gewalt, mit der auf der anderen Seite an der Klinke gezerrt wurde. Der heftige Schmerz im Fuß ließ mich um Atem ringen, aber es gelang mir, mit den Händen in den Türspalt zu fassen und zu ziehen. Tatsächlich verbreiterte sich der Spalt ein wenig.

Edaine, hilf mir!“, brüllte ich, aber da war sie schon an meiner Seite und klammerte sich mit ihrem ganzen Gewicht an die Klinke, stemmte sich mit einem Fuß gegen die Wand neben der Tür. Ich nahm meinen wehen Fuß aus dem Spalt und folgte ihrem Beispiel. Damit hatten wir den besseren Hebel als unser Gegner auf der anderen Seite. Mit gemeinsamer Anstrengung gelang es uns millimeterweise, die Tür weiter zu öffnen. Hinter ihr stöhnte jemand vor Anstrengung und ich hörte ein widerwärtig knirschendes Geräusch, das nicht von dem überanstrengten Holz stammte, sondern tatsächlich unser Gegner mit seinen Zähnen erzeugte. Lange konnte er uns keinen Widerstand mehr leisten, das merkte ich. Jedoch war der Spalt noch zu klein, sich durch ihn in das Zimmer hineinzuquetschen, aber ich konnte doch einen Blick ins beleuchtete Innere werfen. Vor Überraschung hätte ich fast losgelassen: Von der anderen Seite starrten mich hasserfüllte, mordlüsterne Augen an; Augen, die ich kannte.“

Linus Binderseil machte an dieser Stelle seiner Erzählung eine bedeutungsvolle Pause. Er kratzte sich am Kinn. Wieder schien es, als würde er überlegen, was er erzählen durfte. Auch Edaine musterte sehr nachdenklich Jonas, dessen Schläfrigkeit verflogen war. Er hatte interessiert gelauscht und war gespannt nach vorn an die Kante seines Sitzplatzes gerutscht. Jonas war nur noch eine Armlänge vom Rollstuhl des gelähmten Bildhauers entfernt und machte eine ungeduldige Handbewegung.

Und?“, fragte er gespannt. Linus nickte. Er hatte sich entschieden:

Ich sah in meine eigenen Augen. Wer mir den Eintritt verwehrte, das war ich selbst“, sagte er.

Jonas stutzte kurz, dann lehnte er sich zurück und begann langsam und künstlich zu lachen. Er bemühte sich um einen zynischen Ton, aber es wollte ihm nicht ganz gelingen. Der Bildhauer hob die Hand.

„Freilich war das nicht ich, sondern nur ein weiterer Doppelgänger. Aber ich starrte diesem Komplizen des Waldescher-Bruders fassungslos ins Gesicht. Glaube mir, es war meines. Ich blickte in einen lebendig gewordenen Spiegel. Der Linus dieser Welt knurrte mich an und ich prallte zu Tode erschrocken zurück. Die Tür rutschte aus meinen Händen. Sie schlug trotz Edaines Anstrengungen vor meiner Nase zu.

In diesem Augenblick flog wie bestellt, und vielleicht habe ich das ja auch, ein dunkler Schatten an mir vorbei und landete donnernd auf der Tür, deren Schloss gerade einschnappte und die die Wucht des Aufpralls fast aus den Angeln sprengte, nach innen in ihre Zargen drückte. Genau im richtigen Moment war Pablo wieder da! Die Gewalt seines Sprungs gegen das Holz der Tür war so stark, dass das Phantom drinnen zurücktaumelte und den Türgriff, an dem es bisher gezogen hatte, losließ. Zumindest vermute ich das, denn der stämmige Maler konnte anschließend ohne Mühe die Türe öffnen, um die ich eben noch so verzweifelt gegen mich selbst gekämpft hatte. Sie schwang ihm halb zerborsten entgegen. Zuerst sah ich nur mein Ebenbild verdutzt auf dem Boden sitzen und sich die gestauchte Hand halten, deren Schmerz ich kurz selbst im Gelenk zu spüren vermeinte. Pablo hechtete sofort auf ihn und verwickelte ihn in eine wüste Balgerei. Ineinander verkeilt rollten die beiden hin und her. Der Linus dieser anderen Welt schrie, denn der Maler biss in sein Ohr. Ich fasste mir fast mitleidig an meines. Er musste der eigentliche Bewohner der Residenz oben auf dem Hügel sein und ich fragte mich, was ihn bewogen hatte, Raban zu unterstützen.

Dann fiel mein Blick in den billig und spärlich möblierten Raum, vielleicht war es das Zimmer des Hausmeisters der Burg. Am anderen Ende stand vor einem vergitterten und mit einem Rollladen abgedunkelten Fenster der Tourist und umklammerte eine sich verzweifelt wehrende Frau. Nein, das war nicht der Weltenschöpfer, den ich in der Kathedrale zurückgelassen hatte. Er sah nur aus wie er. Das musste sein irrer Bruder sein. Langsam bekam ich diese Doppelgänger-Schimären wirklich satt. Gab es denn jeden mehrmals? Jener ältere und breite Mann dort hinten trug keine Shorts oder ein kurzärmliges Hawaii-Hemd wie sein Bruder, er hatte stattdessen einen Anzug und einen bis zu den Knöcheln reichenden schwarzen Regenmantel an, der ihn wie den Bösewicht in einem Italowestern wirken ließ.

‚Wie passend‘, dachte ich noch, gekleidet zum Showdown! Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln und ich bemerkte, dass er nicht mich ansah, sondern an mir vorbei zum leeren Türrahmen blickte.

Es ist so weit“, stellte er fest. „Alles endet. Alban hat doch noch verloren.“

Gleichzeitig mit Edaine, die sich wieder aufgerichtet und neben mich gestellt hatte, drehte ich mich um und sah in den Weltuntergang. Der um sich selbst wirbelnde Malstrom, der die Burg zerfetzte, hatte inzwischen auch die Tür erreicht. Mir war, als würde ich direkt von oben in das Auge eines unermesslich großen Tornados blicken, dessen kreisrunder Schlund in gewaltige Tiefen zu reichen schien. Felsbrocken und Einrichtungsgegenstände der Burg wurden gemeinsam mit Wasserfontänen und staubiggrauen Wolkenschwaden um das bodenlose schwarze Loch vor der Tür geschleudert, aus dem mich wie ein Auge das Nichts anstarrte. Seltsamerweise war trotz der alles zermalmenden Gewalten dort draußen kein Geräusch zu hören, diese Welt starb in vollkommener Stille. Der Anblick erzeugte einen hypnotischen Sog, dem ich mich mit all meiner Kraft entgegenstemmen musste, damit ich nicht in das wütende Wetter hineinstolperte, in das Nichts, das alle Existenz auslöschte. Ich trat wirklich ungewollt einen Schritt vorwärts, dann noch einen, angezogen wie eine Motte vom Licht einer flackernden Kerze. Edaine neben mir packte mich verzweifelt an der Schulter, krallte sich so fest mit ihren Fingern durch mein dünnes Hemd in mein Fleisch, dass es schmerzte. Aber auch sie schien von dem Anblick gefangen, denn sie trat wie von unsichtbaren Fäden gezogen mit mir gemeinsam auf den Türrahmen zu, hinter dem wir verlöschen würden, zerblasen und zerrieben von dem Wirbel, der diese wundervolle Welt des ewigen Sommernachmittags zerrissen hatte.

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Ich wäre ausgesprochen dankbar, wenn mir vielleicht jemand ein wenig zur Hand gehen könnte“, hörte ich hinter mir Pablos lakonische Stimme und mit ihr brach der Bann sofort.

Ich drehte mich zurück zum Zimmer, weg von dem Armageddon, das ich weiterhin in meinem Rücken spüren konnte. Der Wunsch, im Nichtsein zu verlöschen wie ein Funke in der Leere des Alls, wich sofort der handfesten Realität des Zimmers, auch wenn in diesem Universum nun nichts mehr außer diesen vier Wänden existierte. Das spielte keine Rolle mehr, denn was mir diese Welt noch zu bieten hatte, hielt ich gerade in meinen Armen. Edaine war es wert, für sie den Rest zu opfern. Ich nahm sie also fest an der Hüfte und schob sie sanft von dem Schlund, der sie genauso bezaubert hatte wie mich. Ich zwinkerte Pablo zu, der breitbeinig auf dem Oberkörper und den Armen meines hilflos knurrenden Doppelgängers saß und triumphierend eine Hand zum Victory-Zeichen hob. Ich war bereit für die letzte Auseinandersetzung.

Gemeinsam mit Edaine trat ich auf den Kerl im schwarzen Mantel zu, der weiterhin mit grausamem Griff die Frau in Armen hielt. Sie hatte seiner Umklammerung nichts entgegenzusetzen und sah hilfesuchend in meine Richtung. Mit ihrer altmodischen Kleidung und ihren kurzgeschnittenen Haaren wirkte sie wie aus der Zeit gefallen. Mir fiel auf, dass sie zu ihrem weit geschnittenen Rock keine Schuhe trug, sondern mit  nackten Füßen auf der Suche nach festerem Stand über den Teppich scharrte. Dabei stemmte sie sich verzweifelt nach hinten gegen ihren Widersacher, suchte vergebens, ihn von sich wegzudrücken. Die Frau war hochschwanger, musste bereits im fünften oder sechsten Monat sein.

Welches Ass hatte der Zwilling des Touristen noch im Ärmel, nachdem Pablo seine Unterstützung so lässig schachmatt gesetzt hatte? Ich fragte mich kurz, wo der Tourist selbst in dem Chaos des Weltuntergangs da draußen vor der Tür verblieben war. Hatte er sich mit den Olivenhainen, dem Meer, dem Strand und der rostroten Stadt aufgelöst oder saß er noch immer erschöpft auf der Kirchenbank im Dom? Ich stellte mir das erhabene Gebäude vor, wie es noch immer auf seinem Teil des Platzes ruhte und zwischen den Trümmern und dem Nichts umher schwebte.

Jetzt beenden wir mal die Sache“, sagte ich. „Du hast deinen Spaß gehabt, aber nun sind wir dran. Mich kannst du nicht mit einem Fingerschnippen verschwinden lassen.“

Mein Gegenüber musterte mich geringschätzig und schnaubte belustigt durch die Nase.

„Du bist aus Albans Realität. Das war ein kluger Schachzug von ihm. Ich hätte nicht gedacht, dass er noch die Kraft aufbringt, den Gegenpart meines Helfers hierher zu bringen. Und selbstverständlich hat er dir wie immer seine Hexe an die Seite gestellt. Was hat er dir versprochen? Welchen Wunschtraum hat er dir erfüllt? Oder bist du tatsächlich zufällig in diese Lande gestolpert? Das würde erklären, warum von allen Menschen hier ausgerechnet dein Zwilling noch existiert.“

Lass einfach das Mädchen los!“, brüllte ich. „Du ekelst mich an!“

Ich hatte genug. Raban schüttelte den Kopf.

Den Teufel werde ich tun“, erwiderte er ruhig. „Ich bin diesen langen Weg nicht gegangen, um jetzt den Schwanz einzuziehen. Bevor ich dir Lina überlasse, erwürge ich sie mit meinen eigenen Händen. Es wäre ja nicht das erste Mal.“ Edaine stöhnte auf. Sie riss ihre Hände nach oben, die Finger wie Waffen nach vorn gestreckt. Dabei ging sie auf Ruben zu, der Lina ein wenig zur Seite schob. „Bleib stehen, Hexe!“

Das war mein Moment. Er war abgelenkt. Jetzt konnte ich ihn überwältigen!

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