Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “1977”

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 3

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“ aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Ich fand es Anfang der Sommerferien 1977 überraschend beim Herumkramen hinter einer Tapetentür in einem Schrank mit abgelegten Wintermän­teln. Das Gewehr war bei meinem letzten Besuch bei den Großeltern im Sommer zuvor noch nicht dort gestanden, das war sicher. Ich hatte es auch vorher noch nie gesehen. Offenbar gab es in dem labyrinthischen Haus noch weitere Lagerflächen, die mir bei meinen systematischen Suchen bisher entgangen waren. Warum der Großvater die Sport­waffe jetzt zusammen mit einer großen Blechdose Muniti­on in diesem Schrank aufbewahrte, habe ich nie erfahren, denn ich hütete mich wohl, ihm von meinem Fund und den daraus resultierenden Ergebnissen zu erzählen.

Ehrfürchtig nahm ich die Waffe in die Hand, vor Freude zitternd. Ich konnte kaum glauben, was ich da entdeckt hatte. Das war keine verklei­nerte Faschingsreplik aus billigem Plastik, die man mit enttäuschend leise knatternden Pulver-Plättchen füt­tern musste, das hier war wirklich ein echtes Gewehr, schwer und kühl lag der Kolben in der Hand. Der Abzug lockte. Hier stand ich – Johnson, der Waldläufer, Johnson, der Held, breitbeinig (und etwas übergewichtig) erwartete ich den Ansturm der Sioux, die das Fort einnehmen und alle skalpieren wollten. Sollten sie nur kommen! Ich hatte eine Kugel für jeden. Ich kippte den Lauf, drückte ihn ge­gen ei­nen Widerstand nach unten. Mit dieser Bewegung spannte sich auch der Abzug. Ich schob eine von den wie eine Sand­uhr geformten Kugeln in den kreisrunden Lauf vor den Hahn. Es knackte mit einem wundervollen satten Ge­räusch beim Schließen; das hörte sich wirklich wie das Durchladen einer Winchester in einem Western an – meine Waffe war scharf. Ich flüsterte diese Worte: „Meine Waffe …“

Ein seltsam warmes, angespanntes Gefühl wühlte plötzlich in meinem Unterleib, kreiste im Magen, setzte sich wie Durchfall ab in die Gedärme, als ich zuerst im Zimmer um­herzielte und dann mit einer Handvoll Kugeln auf den mit einer hohen Steinbrüstung ummauerten Balkon trat, der das Dach der Veranda bildete und zu dem nur ich über mein Schlafzimmer Zugang hatte. Zahllose Bücher aus den Regalen der Großeltern las ich dort, von der Sonne lang­sam braun geröstet. Diesmal war anderes in meinem Sinn: Ich kniete, nahm das Gewehr in Anschlag. Die schwitzige Wange an dem glatten, hölzernen Kolben, zielte ich auf den alten furchigen Kirschbaum, von dem viele Jahre später mein Großvater bei der Obsternte fallen würde – ein Sturz, von dem er sich nie mehr erholte. Ich sah das Weiße in den Augen meiner Indianerfeinde und schoss. Ein trockener Knall wie das Brechen eines dürren Astes ertönte. Da hin­ten, an einer anderen Stelle als der, auf die ich gezielt hat­te, segelte ein zerfetztes Blatt zu Boden. Aufgeregt lud ich von Neuem. Die nächsten Schüsse trafen aufspritzend die graue Mauer hinter dem Baum, die den Garten zum Nachbargrund­stück eines Kohlenhändlers abgrenzte. Die Großeltern hat­ten wohl nichts mitbekommen, denn beide hörten schlecht. Diese ersten Schüsse lösten in mir ein Gefühl der Macht aus, das ich noch nie empfunden hatte. Schnell rannte ich zurück ins Zimmer und holte die Dose mit der Munition. Anschließend verpulverte ich bestimmt dreißig Schuss, die ich in den Garten hinunter zielend in die Bäume und die Hecken feuerte. Ich kann nicht behaupten, dass mir dabei langweiliger wurde, jeder Schuss war wie ein erneuter Or­gasmus. Mir war endlich das mir adäquate Spielzeug in die Hände gefallen.

Und daran sollten auch die anderen teilhaben: Passt auf, ich bringe eine Waffe mit. Ich bin groß!

Das Haus meiner Großeltern, das heute meinem Onkel ge­hört, liegt in einer kurzen, sich zu einem kleinen Platz erweiternden Sackgasse, die bei einer Tankstelle vom Waidmannsluster Damm abbiegt. Dort lebten 1977 fast nur alte Leute – sozusagen die Urbevölkerung – die man aber nie zu Gesicht bekam. Allein zwei Häuser weiter wohnten nahe Freunde meiner Familie, die zwei Söhne hatten, von denen der Ältere nur wenig jünger als ich war. Mit Holger verband mich eine seltsame Freundschaft, die jedesmal von Neuem geschlossen werden musste, wenn ich wieder einmal nach Berlin kam. Dann aber, wenn bereits nach ein paar Stunden die erste Fremdheit überwunden war, ver­brachten wir die gemeinsamen Ferien nahezu unzertrenn­lich, gingen ins Freibad nach Lübars, trieben uns in der „Freien Scholle“ und im Tegeler Fliess herum und spielten gemeinsam die Abenteuer, die ich mir ausdachte. Dann war das Haus meiner Großeltern ein Raumschiff, der Kel­ler von Holgers Eltern ein Pharaonengrab oder die alte, stillgelegte Borsig-Lokomotive auf dem Spielplatz entführ­te uns in die Prärie. Die Ferien meines Teilzeitfreundes en­deten jedoch meist schon Mitte August, während meine noch vier lange Wochen länger währten – also war ich bald wie­der für die meiste Zeit allein.

Im Sommer ’77 waren wir beide längst zu alt für unsere früheren Abenteuerspiele, aber mei­ne Entdeckung des Luftgewehrs überwältigte auch Holger und für den Rest des Tages begaben wir uns zurück in den Wilden Westen. Ich war Johnson, der Revolverheld und Westmann und er war Siosi, Johnsons Indianerfreund, Häuptling der Pueblo-Cheyennes. Kein Baum und kein Zaun waren vor unseren Schießkünsten sicher. Wir baller­ten auf Blumentöpfe und Blechdosen, auf Flaschen, Luft­ballons und auf unsere zerplatzenden alten Plastikcow­boys, die wir zu diesem Zweck wieder requirierten. Als wir mutiger wurden, schossen wir auch auf Vögel, die missmu­tige Hauskatze und die Hasen in den Boxen hinterm Haus – glücklicherweise streute das alte Luftgewehr so sehr, dass wir nie trafen. So ganz trauten wir uns auch nicht, richtig zu zielen. Den Lauf spannen, laden, ihn mit diesem wunderbaren Geräusch zuschnappen lassen, auf irgendet­was zielen und feuern – das wurde uns nie langweilig und die fünfhundert Schuss Munition in der Dose schmolzen wie Eis an der Sonne dahin.

Dann spannte Holger erneut den Lauf und diesmal gab es ein hässliches metallisches Knirschen, mit dem der Metall­bügel, der die Luft bisher ins Gewehr gepresst hatte, ermü­det zerbrach. Verblüfft starrte mein Freund auf den Bügel, der schlaff an einer Seite der Waffe herunter hing. Wütend riss ich ihm das Gewehr aus der Hand. Damit löste sich der berühmte letzte Schuss und Johnsons Kugel traf den großen Zeh von Siosi, der seine nackten Füße in braunen Ledersandalen stecken hatte. Knapp unterhalb des Nagels drang das Blei ins Fleisch. Wir sahen uns an – und nichts geschah. Holger schrie nicht, sein Schock war zu groß. Mein Blick rutschte herab. Der Zeh blutete heftig. Jetzt sah auch mein Blutsbruder herab und damit endete die Schmerzunempfindlichkeit des Indianerhäuptlings. Kreis­chend rannte er zu seiner Mutter ins Haus.

Und der tapfere Cowboy? Der packte eilig sein kaputtes Gewehr, schob die spärliche restliche Munition in die Ho­sentasche und schlich sich kleinlaut aus dem Garten, um­ging über einen Umweg durch den Keller die Konfrontati­on mit den Großeltern und stellte das Luftgewehr einfach wieder zurück an seinen Platz, als hätte es ihn nie verlas­sen. Dort ruhte es für den Rest der Ferien und ich habe es danach nie mehr gesehen. Im Sommer darauf waren in dem Schrank nur noch Mäntel und Modehefte aus den schwarzweißen 50er-Jahren zu finden.

Holger trug in der nächsten Woche einen dicken Verband um seinen waidwund geschossenen Zeh. Ich weiß heute noch nicht, welche Geschichte er seiner Mutter aufgetischt hat. Unsere Freundschaft litt keineswegs unter meinem peinlichen Mordversuch; ich entschied mich aber in diesem Sommer endgültig, meine Geschichten nicht mehr zu erle­ben, sondern sie nur noch aufzuschreiben. Ich begann mit dem ersten Kapitel meines selbstredend Fragment geblie­benen SF-Romans „Dem Sieger eine Handvoll Dreck“; den ich mit Zwanzig ins Altpapier entsorgte, als ich wegen ei­ner vernichtenden Kritik entschlossen war, nie mehr etwas zu schreiben

Das ist allerdings eine andere Geschichte …

[… wird fortgesetzt …]

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 2

Der folgende Text – er ist ein Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“ aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus – setzt das „Wahrlügen“ fort. Er beginnt streng autobiografisch, wird aber in den letzten beiden Abschnitten vollkommen fiktiv. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

In der 7. Klasse hatte ich keine Freunde. Es gab dort aber einen, den ich bewunderte. Und ich hatte einen unversöhnlichen Feind. Ich bekam ich zum ersten Mal Schwierigkeiten mit meiner Literatur und das mit ei­nem Klassenkameraden und Mitglied der katholischen Jugendgruppe, das Manfred hieß und das ich noch heute für ein Arschloch halte, obwohl ich es seit über fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Es ist unglaub­lich, wie zäh sich Urteile halten können. Würde Manfred mir heute zufällig begegnen, könnte ich nur äußerst reser­viert und mit Vorurteilen beladen auf ihn zugehen. Abnei­gung ist offenbar haltbarer als Zuneigung. Glücklicherwei­se würden wir uns auf der Straße nicht er­kennen.

Ulrich, Tscharly und ich …

Tscharly, der Junge, dessen Freundschaft ich suchte, war mit mir gemeinsam in der 6. Klasse durchgefallen, aber noch ein Jahr älter als ich. Von der körperlichen Reife und der geistigen Entwicklung her betrachtet, war der Abstand zwischen uns aber noch viel größer. Tscharly hatte all die Dinge, die ich ebenfalls woll­te: Er besaß ein Mofa und war Mittelpunkt eines Kreises, den er „Clique“ nannte. In seiner Bude stand nach seiner Darstellung ein Fernseher, aus seinem tragbaren Kasset­tenrecorder quäkten The Sweet, Status Quo und Led Zep­pelin. Er hatte auch schon Erfahrungen mit den Mädchen und ab und an eine Freundin.

Manchmal durfte ich mich von der Sonne seiner Aufmerk­samkeit bescheinen lassen und besuchte ihn in der Vor­stadt, was für mich eine längere Anreise bis kurz vor die Endstation der Straßenbahn in Stadtbergen bedeutete; die­se Ausflüge waren immer heimlich, ich täuschte dabei den Besuch bei einem anderen Bekannten vor, denn meine Mutter billigte diese Beziehung nicht.

Ich glaube, ich war nie bei Tscharly zu Hause, er holte mich immer von der Haltestelle der Einser ab und knatter­te auf seiner grünen Honda neben mir her zu einem Spiel­platz, auf dem er sich – zumindest behauptete er das – abends mit seiner „Clique“ traf. Ich habe aber nie einen von seinen anderen Freunden gesehen. Dort saßen wir dann recht unbequem den ganzen Nachmittag mit dem Hinterteil auf der Lehne und den Füßen auf den Sitzhözern einer Parkbank, tranken Cola aus der Dose und rauchten. Tscharly erzählte Storys von seinen Kumpels oder erklärte, wie man ein Mofa frisiert und genoss es sichtbar, einen „Groupie“ zu haben. Wenn ich zu Wort kam, erfand ich ein paar Geschichten über meine Clique und meine Freundin oder erzählte von einem Roman, an dem ich schrieb. Na­türlich hatte ich weder einen Freundeskreis wie er, noch je drei oder vier Sätze dieses Romans zu Papier gebracht. Aber ich sah, dass er meine Angebereien respektierte, so­lange ich die seinen nicht in Frage stellte.

Da Tscharly ja mit mir in die gleiche Klasse ging – er wechselte dann im gleichen Sommer auf eine Realschule in der Stadtmitte und ich verlor ihn aus den Augen –, musste ich zwangsläufig meine Lügengeschichten in der Klasse fortspinnen. Ich hatte deswegen sogar ein Bild von einer erfundenen Freundin fein säuberlich aus einem Comic-Heft abgemalt. Ich trug es gefaltet  in meinem Geldbeutel und zeigte es gerne vor.

Mir war jedoch bei meinen immer feineren und dichteren Fantasiegespinsten entgangen, dass in meine 7. Klasse auch noch ein Junge ging, der mich hasste und nach Mit­teln und Wegen suchte, mich vor allen bloßzustellen. Die­ser Junge war noch ein wenig kleiner als ich. Das war Manfred. Wenn ich heute darüber nachdenke, gab einen einfachen Grund für seine Abnei­gung: Er stand noch weiter hinten in der Rang- und Hack­ordnung der Jungs der Klasse, während ich im unteren Mittelfeld ein gemütliches Dasein fristete und gerade mit Hilfe meiner überschäumenden Fantasie und meinen Ge­schichten den einen oder anderen Erfolg feiern konnte. Meine krachenden Sechsen in Deutsch halfen mir dabei mehr als sie mir schadeten. Nachdem Manfred einsah, dass es durch­aus nur ein kurzer Triumph war, mir meine seltsame Fel­lachenkopfbedeckung, die ich nach Ostern aus Ägypten mitgebracht hatte, zu klauen und sie zu verstecken, griff er mich deshalb auch zielsicher auf meinem ureigensten Ge­biet an, mit dem ich eine Sonderstellung in der Klasse be­hauptete. Außer mir schrieb nur ein dickes Mädchen Ge­schichten und die handelten von heiteren, jugendlichen Reiterinnen und ihren Pferden.

Manfred forderte mich völlig überraschend vor der Klasse heraus, als ich mich mal wieder als Schriftsteller aufplus­terte: Ich solle ihn doch endlich mal eines meiner tollen Bücher lesen lassen, z. B. diesen monumentalen SF-Roman um den Raumfahrer Papadopulous Bykow, der zum Schluss sogar vor Gott steht (den Namen „Bykow“ ent­nahm ich dem „Atomvulkan Golkonda“ von den genialen Brüdern Strugatzki, die ich damals las, aber nicht verstand), meinen spannenden Fantasyroman „Kampf um Utgard“, von dem übrigens einige Erzählfäden heute wieder in meinen „Brautschau“-Büchern auftauchen, oder einen der fünf Western, in deren Mittel­punkt ich meine Old-Shatterhand-Kopie Johnson gestellt hatte. Leider existierte mein Œuvre  fast ausschließlich in meiner Fantasie. Ich hatte mir die Romane zwar selbst mit Hilfe von Legokulissen und Plastikmännchen vorgespielt und durcherzählt, aber keinen einzigen Satz niederge­schrieben.

Auch heute bin ich noch in der Lage, diese Geschichten zu erzählen, so habe ich sie mir damals verinnerlicht. “Kampf um Utgard“ beispielsweise sollte mit folgenden Worten be­ginnen: „Endlich aber war der Tag gekommen, an dem sich das Schicksal der Welt erfüllen sollte. Blutig rot dämmerte er aus einer endlosen Nacht, um bald hinter schwarzen Wolken in einer ewigen Düsternis zu enden …“ Aber – wie gesagt – ich hatte noch nichts davon auf Papier gebracht. Die Inspiration war da, aber sie ist der unwichtigste Teil eines Buches. Manfreds Zweifel konnte ich jedoch nicht auf sich beruhen lassen. Wenn ich in den Augen der anderen der Autor bleiben wollte, als der ich mich sah, musste ich endlich liefern.

Froh darüber, dass er nicht die Existenz meiner Freundin angezweifelt hatte, schrieb ich noch am selben Nachmittag und in der Nacht darauf heimlich im Lichte einer Taschen­lampe die ersten beiden Kapitel meines Western-Romans „Johnson I“ und füllte ein liniertes A5-Schulheft mit einer haarsträubenden Geschichte voller Rechtschreibfehler und krauser Grammatik, in der es um wilde Indianer ging, um böse Banditen mit ihrem charismatischen Anführer, dem Schur­ken Wilkins, um Cowboys, Soldaten und einen jungen, einsa­men Helden, der auf den 48 Seiten Text lebensgefährlich verletzt wird, in Schießereien und ein Mordkomplott, schließlich an den Marterpfahl gerät, fast verdurstet und einem Feuer nur durch einen Fenstersprung entkommt. Zwischendrin verliebt er sich und findet seinen verloren geglaubten Onkel „Big“ Evans wieder, einen erfahrenen Westmann, der nicht allzu erstaunliche Parallelen zu Sam Hawkins aufweist.

Diesen wahnwitzigen Text überreichte ich am nächsten Morgen übermüdet, aber triumphierend vor den anerkennenden Blicken der anderen Schüler meinem überrum­pelten Gegner. Das sei nur der Anfang und der Roman gin­ge noch einmal zehn solcher Hefte weiter, die ich ihm nach­reichen wolle, wenn er erst einmal diese zwei Kapitel gele­sen habe, behauptete ich leichtsinnig. Mit dem schmalen blauen Schreibheft begann meine Karriere als Autor und auch der Ärger: Manfred gab sich noch nicht geschlagen. Still nickend nahm er das Heft an sich und steckte es in seine Schultasche. Ich sollte es nie wieder sehen. Zuerst verzö­gerte Manfred einige Wochen lang die Rückgabe mei­nes Werkes; er wartete auf seine Gelegenheit. Dann er­zählte er plötzlich in der Pause vor der versammelten Klasse, ich habe „Johnson I“ abgeschrieben und er den Be­weis, näm­lich den G. F. Unger-Roman, aus dem ich kopier­t hätte, zu Hau­se. Und mein Heft mit meinem ersten literari­schen Text hätte seine Mutter weggeschmissen. Das war eine noch ge­wagtere Lügengeschichte als die meine, aber sie wurde ge­glaubt. Im Nachhinein sollte ich eigentlich ge­schmeichelt sein, dass er mein unsägliches Geschreibsel mit einem ver­öffentlichten Wildwestroman eines erwachse­nen Autors verglich, aber sein ungerechtfertigter Verdacht schlug mich wie mit einem Hammer nieder. Ich konnte zwar hilflos und lautstark zum Beweis meiner Aufrichtig­keit jenen ominö­sen Western fordern, aus dem ich angeb­lich abgeschrieben hätte, wusste ich doch, dass Manfred ihn nicht nachreichen konnte. Aber das Gefecht hatte ich verloren. Ich war erle­digt, der Zweifel war mit seiner zum Himmel schreienden Lüge gesät. Von diesem Plagiatsvor­wurf würde ich mich nie wieder erholen können; alle Texte, die ich jetzt noch bringen konnte, würden einen Ge­schmack haben. Ich ver­lor in der Klasse augenblicklich an Achtung, auch Tscharly ging mir aus dem Weg. In hilflo­sem Zorn leerte ich wäh­rend des anschließenden Kunstun­terrichts noch mein Tu­scheglas über Manfred aus, aber das wurde mir nur als Rachsucht ausgelegt und vom Lehrer mit Nachsitzen ge­ahndet.

Dies alles geschah wenige Wochen vor den Sommerferien, die ich bei meinen Großeltern in Berlin verbrachte und die mir die Chance auf einen Neubeginn boten, da ich ja wegen meiner Leistungen die Schule wechseln und im Herbst in einer neuen Klasse neu beginnen konnte. Mein Erstlings­werk war aber verloren. Ob Manfred, den ich nie mehr wie­dersah, es gegen seine Behauptung doch aufbewahrt hat? Vielleicht besitzt er es immer noch. Ich würde ihm aber nicht raten, sich bei mir zu melden: Als ich eben diese Er­innerung schrieb, kochte erneut Wut in mir auf. Nach über vierzig Jahren habe ich ihm noch nicht verziehen.

[… wird fortgesetzt …]

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 1

Der folgende Text – er ist ein Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“ aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus – beginnt mit streng autobiografisch, wird aber in den letzten beiden Abschnitten vollkommen fiktiv. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“ und gehört zu meinen „Wahrlügen“-Texten.

Ich habe lange überlegt, in welcher Form ich die folgende Erinne­rung, die eine der prägenden Erfahrun­gen meines Lebens ist, nieder­schreiben will.

Dass ich sie schreiben würde, sie alleine auch zum Zweck der Selbstheilung wür­de erzählen müssen, stand nie im Zweifel. Freilich bot sich mir eine literarische, ver­brämte Form an, eine Form, in der ich vereinfachen, Vor­gänge dramatischer gestalten und sie damit unter Um­ständen dem Leser deutlicher machen kann. Zudem hätte ich zu den Kunstfiguren einen gewis­sen Abstand und es wäre mir vielleicht möglich, Ärger mit einigen in der Folge dargestellten Personen zu vermeiden. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet sie diesen Text le­sen, vernachlässigbar, ja, geradezu lä­cherlich gering. Ich habe zudem die leidvolle Erfahrung ge­macht, dass auch gut maskierte Schlüsselgeschichten den Nachteil haben, dass die dort handelnden Personen sich ohne weiteres er­kennen und sich, da sie ja typisiert wur­den, noch stärker auf den Fuß getreten fühlen. Der schließlich entscheidende Grund, aus dem ich von einer Erzählung Abstand genom­men habe, ist nicht nur der, dass ich bei all meinen ande­ren Projekten wahrscheinlich keine Gelegenheit finden würde, sie zu beenden, sondern meine Erwartung, dass ich mir über einige Dinge klar wer­den kann, vielleicht sogar einiges Unverarbeitetes oder Verdrängtes hervorholen kann. Literatur im Gegenteil hilft mir oft, vor den tatsäch­lich wichtigen Auseinanderset­zungen zu fliehen, mich hin­ter Handlungen und Handeln­den zu verstecken – was meist peinlich wirkt, wenn ich da­bei ertappt werde.

Ich schreibe diesen Text jedoch nicht als eine Art von Tage­buch, das ich in meinem Schreibtisch verschließen will. Die Person, die ich in der Hauptsache darstellen will, ist meiner Auffassung nach  paradigmatisch. Deshalb werde ich das Erzählte auch hier veröffentlichen. Selbstverständ­lich wird alles auch noch genügend Literatur enthalten, da ja das von mir gewählte Leben in erster Linie das eines Autors ist. Dennoch werde ich versuchen, so offen zu schreiben, wie ich kann. Eines ist noch zu sagen und es gilt im Grunde für alles, was ich schreibe: Obwohl es sich ei­gentlich von selbst versteht, will ich es doch ein einziges Mal niederschreiben. Objektivität gibt es nicht, zumindest ist es mir nicht gegeben, sie zu erkennen. Jede Wahrheit ist mit Lügen und Erinnerungslücken vermischt. Die Ge­schichte des Verlustes meiner Religion ist allein die Ge­schichte und die Ansicht eines Narren. So muss auch ein Text, da er Nachahmung von Handlung ist, Nachahmung einer einzigen und ganzen Handlung sein, dass das Ganze sich verändert und in Bewegung gerät, wenn ein einziger Teil umgestellt oder weggenommen wird. Wo aber Vorhan­densein oder Fehlen eines Stücks keine sichtbare Wirkung hat, da handelt es sich gar nicht um einen Teil des Ganzen.

*

Wie gelangt man in eine katholische Jugendgruppe, die zehn Jahre, darunter die gesamte Pubertät, das Leben prägt und sogar für die Begegnung mit dem Lebenspartner gesorgt hat? Durch Zufall oder Schicksal und vor allem durch den Wunsch, eine Einsamkeit zu überwinden. Mein Lebtag hatte ich nur selten Freunde und nie Bekannte. Der Grund liegt in meiner manchmal autistischen Men­schenfurcht und meiner Ungeselligkeit (Vielleicht kann ich deshalb am besten in Cafés schreiben, weil ich dort zwar einsam – beim Schreiben ist man der einsamste Mensch der Welt -, aber doch nicht allein bin). Heute, da ich Fami­lie habe, tut mir das nur mehr selten weh, nämlich immer dann, wenn sich einer der wenigen nahen Freund von mir entfernt oder entfremdet; früher, als Kind und Pubertie­render, litt ich darunter. Ich vermute, dass ich auch zu schreiben begonnen habe, um mit meinen Texten, dem Bes­ten von mir, Kontakt zu finden, anerkannt und geliebt zu werden. Ein fast makaberer Irrtum, wenn es tatsächlich so war. Denn nichts entfremdet mein Umfeld mehr von mir und schafft mir mehr Probleme als gerade meine Literatur. Sie bewirkt in der Regel das genaue Gegenteil von dem, was sie bewirken sollte: Nämlich erneut Einsamkeit.

Ich war in der ersten Klasse des neusprachlichen Peutin­gergymnasiums, in dem man paradoxerweise mit Latein als Fremdsprache begann und war als nicht diagnostizier­ter ADS’ler vollkommen überfordert. Nachdem ich die Volksschule mit ausgezeichneten Noten eher nebenher als Liebling der Lehrerin gemeistert und mich im Schein mei­nes Genies gesonnt hatte, hatte ich im Gymnasium plötz­lich erhebliche Schwierigkeiten, die nicht nur in einer langwierigen, fast acht Wochen dauernden Krankheit, den Nachwirkungen einer missglückten Blinddarm-OP be­gründet waren, sondern daran, dass ich mir angewöhnt hatte, mein Leben in Heldentagträumen zu leben und mir Zeit für Hausaufgaben und Lernen als eine verlorene er­schien. Dazu kamen Probleme mit Latein, zu dem ich kei­nen Zugang finden konnte. Und je mehr meine Mutter Ehrgeiz entwickelte und mich zum Lernen anhielt, was sie in den Volksschuljahren nicht getan hatte, umso mehr stellte ich mich quer, hatte heimlich unter dem Schulbuch einen Roman von Jules Verne oder Heinz G. Konsalik zu liegen, in denen ich in unbeobachteten Momenten las (Die Bücher des französischen Romanciers in der gekürzten und überarbeiteten Fischer-Taschenbuch-Reihe waren übrigens die erste »Nicht-Kinder-Literatur«, die ich gelesen habe). Freunde hatte ich keine. Wenn ich auf den Spielplatz ging, spielte ich mit mir allein, saß stundenlang auf einem Baum und erlebte mit mir Abenteuer im Weltall und in den Prärien des Wil­den Westens. So hat es mir zumindest meine Schwester erzählt.

Eines Tages öffnete sich dann die Klassentür der 5a, in der ich weit vorne links am Fenster saß und wo ich auch die erste Ohrfeige meines Lebens durch einen Lehrer genossen hatte, weil ich lieber in den Schulhof sah, als mich an sei­nem faden Erdkunde-Unterricht zu beteiligen. Auch heute sind mir noch deutsche Mittelgebirge und Donauzuflüsse ein hermetisches Mysterium. Herein kamen meine späte­ren Gruppenleiter Gerd, genannt »Bimmel« und Albert – er hat es nie zu einem Spitznamen gebracht. Sie erbaten sich vom Lateinlehrer fünf Minuten und warben für eine Ju­gendgruppe im »Neuen Deutschland«, die sie gemeinsam gründen wollten. Ich weiß den Eindruck, den die beiden auf mich machten, nicht mehr, aber er war natürlich posi­tiv. Wenn ich die beiden im folgenden beschreibe, dann so, wie ich sie heute sehe, mit allen Konsequenzen: Beide wa­ren mit ihren fünfzehn oder sechzehn Jahren für mich un­glaublich erwachsen, der eine – »Bimmel« – war groß, blond, heiter, gutaussehend und selbstbewusst, hatte viel Erfolg beim weiblichen Geschlecht und schien auf der sonnigen Seite des Lebens geboren. Der andere, Albert, war sein An­tipode, er war ernst, untersetzt, unscheinbar, zurückhalt­end und hatte ein Gesicht, das schon mit sechzehn alt war und immer gleich alt geblieben ist. Auch er war selbstbew­usst, wie sich später zeigte und dazu eine wesentlich stär­kere Persönlichkeit als sein helles Pendant.Vor der Klasse wirkten sie wie Thor und Loki bei den Zwergen. Ich be­haupte, dass bei Albert nicht nur das Gesicht, sondern auch schon sein Charakter fertig war, als ich ihn zum ers­ten Mal traf; ihm waren Selbstzweifel oder die Orientie­rungslosigkeit der Jugend immer fremd. Vielleicht war er damals schon der Jesuit, der er all die Jahre geblieben ist. Er ist ein Meister der Verstellung, ein falscher Freund wie der Sonnentau: Obgleich er immer das Gefühl verstrahlt, er sei ein makelloser Christ, oder – genauer gesagt – Katho­lik, und selbstlos an den Menschen seiner Umgebung inter­essiert scheint, ist er doch nur mit sich selbst und mit sei­ner Glückseligkeit beschäftigt. Es ist nur konsequent, dass dieser listige Voyeur später Psychologie und Theologie stu­diert hat und inzwischen wahrscheinlich Pfaffe im Univer­sitätsbetrieb ist, Seminare zur Selbsterfahrung leitet und dabei wie die Made im Speck lebt. Dass ich Albert hasse, diesen abgefeimten Demagogen, der mich betrogen, hinter­gangen und nicht zuletzt ausgenutzt hat, wird keinen Le­ser dieser Zeilen überraschen. Ich selbst bin allerdings er­staunt, mit welcher Heftigkeit meine Erbitterung während des Schreibens in mir hochkocht; ich habe meine Bezie­hung zu ihm offenbar doch nicht so gut bewältigt, wie ich mir selbst weisgemacht habe. Als Jugendlicher habe ich ihn geliebt und er hat meine Liebe getäuscht, sie wahr­scheinlich sogar heimlich belächelt. Heute weiß ich, dass ich ihm nur ein Insekt für seinen leidenschaftslosen, dabei sezierenden und voyeuristischen Blick war, eine Spielfigur, die er längst gelangweilt hat fallen lassen, nachdem sie ihn nicht mehr amüsierte. Dass ich meine Religion, die solche Menschen hat schaffen können, verloren habe und meine Sicht der Welt resigniert und zynisch ist, dass ich aus Furcht vor nochmaliger Enttäuschung nur ganz selten neue Freundschaften beginne, ist allein Albert zu verdan­ken. Er hat mich in entscheidenden Phasen meiner Ent­wicklung gebrochen und beschnitten wie ein Bonsaigärtner einen Zwergbaum und ich bekomme beim Schreiben Bauchschmerzen vor Wut.

Aller Anfang war jedoch harmlos. Ich wurde Mitglied der neuen Jugendgruppe des ND, die sich »Martin Luther King« nannte, mein Bruder und meine Mutter überredeten mich dazu. Hier wurden mit Zeltlagern und vielen Spielen die seltenen Diskussionen über Gott und die Welt versüßt und ich fühlte mich wohl, genoss den Umgang mit Gleich­altrigen, obwohl mich mein zurückhaltendes Wesen und meine Fettleibigkeit etwas an den Rand der Gruppe dräng­ten, was ich allerdings, da ich mir selbst Mittelpunkt mei­ner Welt war, nicht bemerkte. Zwei Jahre vergingen.

1977, in dem ich endgültig am Gymnasium scheiterte, wurde dann zu meinem persönlichen Krisenjahr.

[… wird fortgesetzt …]

Sommerliche Leseempfehlungen: Gabriel Ferry

Der Schwar­ze Falke bück­te sich lang­sam nie­der; ein Mes­ser blitz­te in sei­ner lin­ken Hand dicht beim Kopf Fa­bi­ans. Jetzt, in die­sem äu­ßers­ten Mo­ment, hörte die Hand Bo­is-Rosés zu zit­tern auf, als ein plötz­li­cher Knall ihn er­be­ben ließ. Der Schwar­ze Falke stürz­te mit zer­schmet­ter­tem Schä­del schwer auf Fa­bi­an nie­der, den er mit sei­nem Leib und des­sen blu­ti­gen Über­res­ten be­deck­te, und eine Stim­me rief zu­gleich: »Das ist mein letz­tes Wort, du rot­häu­ti­ger Hund!«

Bei den Recherchen zu meinen autobiographischen Großelterngeschichten, in denen ich durch „Wahrlügen“ den Jugendlichen, der ich mal war, wiederauferstehen lassen will, hatte ich mich auch mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Bücher es genau waren, die ich im Sommer ’77 las.

Ganz sicher war weit oben auf meiner Leseliste damals die Arena-Jugendbuch-Ausgabe dieses Werks:

waldläuferGabriel Ferry
Der Waldläufer

Ferry de Bellamare, wie Gabriel Ferry tatsächlich hieß, wurde 1809 geborenferry und starb bei einem Schiffsunglück im Januar 1852. Er war ursprünglich Kaufmann und begann erst in seinen letzten beiden Lebensjahren nach einem Bankrott mit dem Schreiben mehrerer umfangreicher Romane, von denen „Le Coureur de Bois“ der mit Abstand erfolgreichste und am häufigsten aufgelegte ist. Dieses Buch machte Ferry, der selbst viele Jahre in Mexiko Handel trieb, zu einer Art französischem Fenimore Cooper. Sein „Waldläufer“ teilt mit den „Lederstrumpf“-Romanen des großen Amerikaners das Schicksal, dass es praktisch keine vollständige Übersetzungen ins Deutsche gibt und beider Werke vollkommen zu Unrecht als Jugendliteratur abgetan werden, die man beliebig kürzen, glätten, umschreiben und vereinfachen kann.

Die Jugendbuchausgabe des Arena-Verlages, die ich als Pubertierender las, stützte sich auf die erste und noch weitgehend vollständige Übersetzung dieses Romans von Dr. G. Füllner, die aber stark fürs jugendliche Publikum der 70er Jahre überarbeitet wurde. Es war sozusagen eine Ausgabe der „spannenden Teile“, um mal William Goldmans „Brautprinzessin“ zu zitieren. Trotzdem war diese Fassung noch relativ umfangreich; mit etwa 350 Seiten bot sie ungefähr 2/3 des Originaltextes von Ferry, der wie Cooper seine Romane selbstredend nie als Jugendbuch konzipiert hatte. Die Bekannteste für die Jugend eingerichtete Fassung des „Waldläufers“ ist die gleichnamige, besser als Umdichtung zu bezeichnende Version des jungen Karl May, der Ferrys Roman als Steinbruch für seine späteren Wildwestromane nutzte und der Vorlage Figuren wie den edlen Winnetou (bei Ferry allerdings ein Häuptling der Komantschen) oder Old Firehand entnahm, die dort bereits als Prototypen vorhanden sind. Auch ein exzentrischer Engländer fehlt nicht. Ferrys Buch ist aber keine Kolportage und seine Figuren sind lebendige Menschen aus Fleisch und Blut, die leiden und Fehler begehen und nicht jene unangreifbaren, immer überlegenen Halbgötter, zu denen Karl May sie machte.

Waldlaeufer1Bei Mobileread kann man eine vollständige E-Book-Version der gelungenen, längst gemeinfreien Füllner-Übertragung von 1851 kostenlos herunterladen, die nur wenige OCR-Fehler und einmal eine längere Textwiederholung aufweist. Auf diese Weise bekam ich die Gelegenheit, den Roman in seiner Gänze kennenzulernen. Diese Erstübersetzung ist sprachlich hochwertig und auch heute noch gut und flüssig lesbar, wenn man sich auf den etwas umständlichen und streckenweise zu überschwänglichen Stil der romantischen Autoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einlassen will, die für ein gutbürgerliches Publikum schrieben, das dicke Wälzer mit höchst romantischen Verwicklungen, düsteren Intrigen und dramatischen Abenteuern schätzte und sich diese zur Abendunterhaltung gegenseitig laut vorlas. Wenn man einmal die ersten 100 Seiten des nur gemächlich in Gang kommenden Abenteuers um einen gigantischen Goldschatz überstanden hat, wird man von der immer atemloseren Handlung, die in eine große Schlacht am Red River mündet, mitgerissen.

Es war eine interessante Erfahrung, Ferry wiederzulesen; jenen Autor, der mich als Vierzehnjähriger so stark beeindruckt und auch beeinflusst hat, dass mir einige Szenen noch immer stark und greifbar in der Erinnerung verblieben sind. Meine Hochachtung gilt jedem Autor, dem solches gelingt. Wie viele Bücher habe ich schon gelesen, die keinerlei Spuren in mir hinterließen und über deren Inhalt ich bereits nach ein paar Jahren (oder Monaten) nichts mehr berichten kann? Selbstverständlich hat auch der „Waldläufer“ längst seine Einzelstellung verloren und das atemlose, begeisterte Lesen, das vollkommene Eintauchen in eine andere Welt, die einem die eigene Realität fade und uninteressant macht – das Bücherfressen -, gelingt mir nicht mehr; es ist leider irgendwann während des Erwachsenwerdens verloren gegangen. Zu viele Bücher und Jahre stehen zwischen mir und dem Jugendlichen des ziemlich verregneten Sommers 1977. Gabriel Ferry erneut zu lesen, war durchaus ein spannendes – auch entspannendes – nostalgisches Vergnügen, aber sein Roman, den ich früher leidenschaftlich liebte, ordnet sich nun in eine Reihe von Büchern ein, die mir einmal wichtig waren und mich eine Zeitlang begleiteten, mir heute aber nicht mehr viel bedeuten. Um es kurz zu machen: Der Jugendliche, der ich mal war, ist auf diese Weise nicht mehr unter all den alten Ich-Schichten hervorkrambar. Ein anderer Mensch hat den „Waldläufer“ gelesen.

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