Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Die Wahrheit über Jürgen”

Nachdenken über meinen Blog

Tja, lieber Leser, du hast es sicher auch bemerkt. Es ist November … deshalb verzeih mir diesen Text. Im November, besonders wenn man anschließend auf eine Beerdigung muss, darf ich das.

Omne animal post coitum triste, behauptet ein Aphorismus aus dem 18. Jahrhundert, der fälschlicherweise Aristoteles untergeschoben wurde. So weit würde ich zwar aus eigener Erfahrung nicht gehen, aber eines stimmt – zumindest bei mir: Nach dem Bücherschreiben der Autor traurig. Seit einer Woche ist mein neuer Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ im Buchhandel erhältlich und ich warte ungeduldig auf eine Reaktion meiner eingebildeten Leser – doch es kommt keine. Der Schriftsteller ist einer, der glaubt, es würden alle so aufgeregt wie er selbst auf sein neues Buch warten. Doch er lügt sich in die Tasche, jeden Tag und mit jedem Buch aufs Neue. Auf die „Wahrheit“ wartet niemand und ich bin bislang der einzige, der meinen Roman gelesen hat.

Jammer, jammer … du weißt schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Ich versuche es mal so: Die Zeitumstellung ist vorbei und die Nächte und meine Dämonen haben vor drei Wochen an Sanhaim nicht wie vorher schleichend, sondern mit einem Handstreich den Abend erobert. Mein Brotberuf zwingt mich im Dunkeln aus den Federn und ich kehre erst heim, wenn es wieder dunkel ist. Nicht, dass ich dabei allzu viel Sonnenlicht versäumen würde; denn hier, in unmittelbarer Nähe der Donau, liegt bei Hochdrucklagen den ganzen Tag ein zäher, grauer Nebel über der Landschaft und er lässt sich nur selten und nur für wenige Stunden vertreiben. Es ist eben ein typischer November hier, vielleicht ein wenig zu trocken, aber ebenso trist und deprimierend, wie er das seit meiner Kindheit in jedem Jahr ist. Und im November sterben die Menschen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Vielleicht so: Es ist leicht, über das Internet zu schimpfen und ich suche auch fast täglich nach den Gründen (außer meiner Ruhmsucht und Selbstverliebtheit), aus denen ich drei- bis viermal in der Woche meine Literatur und meine Gedanken blogge. Mein Brotberuf erlaubt mir zwar eine gewisse Freizeit; doch dieser selbstgewählte, aber nach sechs Jahren bloggen ein fröhliches Eigenleben führende Zwang, mich hier auf diesen Seiten einer eingebildeten Öffentlichkeit zu prostituieren, nimmt viel zu viel meiner Zeit in Anspruch, die ich lieber mit Frau Klammerle, Freunden oder einem Buch verbringen sollte. Denn meine Prosa lesen, das habe ich in den sechs Jahren, in denen ich meinen Blog führe, gelernt, lesen, das macht im Internet niemand (Es gibt eh von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen, die das tun. König Literatur ist tot, es lebe Königin Netflix-Serie). Denn eigentlich – da sind wir uns hoffentlich einig, lieber Leser, den ich mir immer einbilde, ist Literatur (außer kurzer Lyrik) nicht für dieses schnelllebige und nach der nächsten Sensation gierende Medium gemacht. Die modernen Menschen haben die Aufmerksamkeitsspannen von Essigfliegen(1) und ich bin mir sicher, dass auch diese Ausführungen schon viel zu lang sind, um mehr als einen kurzen, überfliegenden Blick von den Besuchern deines Blogs zu bekommen.

Jammer, jammer …

Dennoch möchte ich das Internet mit seinen unzähligen Möglichkeiten und meinen eigenen Blog nicht mehr missen, sie haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch meine kleine Welt vollkommen verändert: Meine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Internet war meine ganz persönliche Revolution, meine „Renaissance“. Danach war meine Erde eine Kugel und drehte sich um die Sonne. Ich bin vielen, vielen Menschen begegnet, mit denen ich offline niemals in Kontakt gekommen wäre und die mir – im Guten wie im Schlechten – weiterhalfen. Manche – wenige, aber immerhin – von ihnen darf ich inzwischen als Freunde bezeichnen. Ich schätze, dass gut die Hälfte meiner Leser mich zuerst online entdeckte. Ohne den Blog wiederum würde ich vor mich hin privatisieren, tausend Texte und Geschichten beginnen und nichts zuende bringen. Diese Seite gibt mir Halt und Führung, presst eine Struktur in mein Leben, denn sie zwingt mich an jedem Tag, für meine eingebildeten Leser, die alle wissen wollen, wie es mit meinen Figuren oder mit mir weitergeht, zu schreiben. Meine Romane hätte ich ohne die Ordnung und die Termine, die mein Blog mir auferlegt, niemals fertiggeschrieben. Bin ich deshalb ein „Online-Autor“, was immer das auch bedeutet? Eher nicht, denn alle meine Texte entstehen zuerst auf dem Papier und werden – wenn überhaupt – auch eher in Buchform als als E-Book konsumiert. Aber klar, Sucht spielt hier eine Rolle, die Meinung, man würde etwas versäumen, wenn man auf seiner Terrasse in der Sonne sitzt. Der Griff zum Smartphone und der Kontrollblick, ob jemand etwas erwiderte, den Blog besuchte oder dort ein „Gefällt mir“ hinterließ, eine kaum kontrollierbare, lästige und schlechte Gewohnheit, die mir manchmal wie das Kratzen an einem juckenden Ausschlag erscheint. Manche haben Heroin, Zigaretten, Alkohol, manche ihren Fernseher, ich habe das Internet … Meine Sucht kann ich mir aber auch schnell wieder abgewöhnen kann, wenn Vodaphone zickt oder ich gerätelos in den Urlaub fahre.

Das Leben allerdings, da gebe ich dir völlig recht, ist anderswo – an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Nicht hier in Augsburg, nicht im November. (2)

Liebe Grüße, Nikolaus

Dies ist kein informelles Gemälde meines Freundes Norbert Kiening, sondern der eben abfotografierte Himmel über Augsburg.

 


(1) Sohn Nr. 1, der Biologe, hat vor ein paar Jahren in Oxford an Essigfliegen geforscht. Sie können sich knapp zwanzig Sekunden daran erinnern, dass irgendwo eine Gefahr droht, dann haben sie es wieder vergessen und fliegen erneut in sie hinein. Zwanzig Sekunden, hm … eigentlich ganz schön lang. Ich muss mein Urteil revidieren. Die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Menschen ist schlechter als das einer Essigfliege. Übrigens: Sohn Nr. 1 ist in der Lage, durch reines Betrachten das Geschlecht einer Essigfliege  zu bestimmen. Aber das wirklich nur nebenzu.

(2) Aber zum Glück bäckt Frau Klammerle nächstes Wochenende wieder Weihnachtsplätzchen und Lebkuchen. Das wird mich retten.

Wie der Jahrmarkt weitergeht oder: Pläne fürs nächste Jahr

Lieber neugieriger Besucher meines Blogs,

 nach dem Buch ist vor dem Buch!,

 – um mal ein Zitat von Sepp Herberger abzuwandeln. Seit dem 8. November kannst du im Buchhandel meinen neuerschienenen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ als E-Book (2,49 €) oder als Softcover (8,99 €) erwerben.(1) Er ist der zweiten Band meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe. Obwohl einige seiner Figuren auch in den weiteren Geschichten der Reihe vorkommen, kann er selbstverständlich auch ohne Kenntnis der anderen Bände gelesen werden. Wie fast alle anderen Erzählungen und Romane der Reihe ist „Die Wahrheit über Jürgen“ in meiner ersten „Schaffensphase“ entstanden, bevor ich Verantwortung für meine Familie übernahm und für über 15 Jahre mit dem Schreiben pausierte. Manche der Texte aus dieser Zeit blieben Fragment, von einigen gibt es nur einen Entwurf (oder einen Titel), alle müssen und mussten vor einer Veröffentlichung kritisch und akribisch überarbeitet werden.

Jahrmarkt in der Stadt – Band 1 und 2, bereits erschienen

Ich habe bereits mit der Arbeit am nächsten Band mit dem Titel „Stromausfall“ begonnen, den ich Mitte bis Ende 2019 veröffentlichen will. In ihm sind drei (vielleicht auch vier) Erzählungen aus der „Jahrmarkt“-Reihe versammelt. Der 4. Band soll dann der Kriminalroman „Das Goldene Kalb“ sein, der dann 2020 erscheint. Anschließend möchte ich die zwei Hauptstücke des Zyklus‘ fertigstellen, „Nutzlose Menschen“ und „Die fürsorgliche Schuld“, zwei umfangreiche Romanfragmente mit bisher jeweils etwa 400, bzw. 300 Seiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. In der nächsten Woche jedenfalls werde ich mit der Vorveröffentlichung der überarbeiteten Version von „Eine andere Art der Liebe“ beginnen, einer etwa 75 Seiten langen Erzählung, die ich stark verändern will. Mit ihr wird „Stromausfall“, der Band 3 meiner Reihe, eröffnet werden.

Jahrmarkt in der Stadt, Band 3 und 4

Dabei quält mich eine Frage: Sollte ich vielleicht doch vor den nicht einfachen und anspruchsvollen Erzählungen den fertigen und unterhaltsameren Kriminalroman „Das goldene Kalb“ veröffentlichen und ihn ins nächste Jahr vorziehen? Was meinst du? (2)

Dein Nikolaus


(1) Sag, was ist los? Warum ist es so schwer für dich, ein Buch von mir zu kaufen? Was riskierst du dabei? Meine Taschenbücher kosten so viel wie eine billige Pizza bei deinem Lieblingsitaliener und meine E-Books wie der kleine Espresso hinterher. Am Geld kann es also nicht liegen. Woran dann?

(2) Glaube mir,  mir wäre wirklich lieber, wenn du an meiner Abstimmung teilnimmst oder sogar einen Kommentar schreibst, als mir ein unnützes und nichtssagendes „Gefällt mir“ zu geben, mit dem ich absolut nichts anfangen kann. Ist das denn zuviel verlangt?

 

Mein neues Buch: „Die Wahrheit über Jürgen“

Liebe Freunde meines Blogs, liebe Leser,

ich war fleißig. Der 2. Band meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ ist erschienen. Es ist der Künstlerroman „Die Wahrheit über Jürgen“, von dem man hier auf meinem Blog in diesem Monat noch eine lange Leseprobe finden kann. Dieser durchaus autobiografische Schlüsselroman, an dem ich viele Jahre gearbeitet habe, spiegelt auf spannende und unterhaltsame Weise meine intensive Beschäftigung mit der zeitgenössischen Kunst wider. Ich hoffe, er wird von euch wohlwollend aufgenommen und findet vielleicht sogar den einen oder anderen Leser unter euch. Wirklich toll wäre auch der eine oder andere Stern oder gar eine Rezension auf einem Online-Portal … aber jetzt leide ich wohl unter Wahnvorstellungen.

Über ein Teilen dieser Ankündigung würde ich mich auf jeden Fall freuen.

Euer Nikolaus.

 

Die Wahrheit über Jürgen
Jahrmarkt in der Stadt

Band 2

Der Mensch dürstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht,
ihm seine Seele zu verschreiben.
Deshalb schlägt er krumme Wege ein:
Die Neurose, das Gelächter oder die Kunst.

Augsburg Mitte der 90er Jahre: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden der in ewigem Dornröschenschlaf schlummernden Stadt. Doch liegt der Erfolg von Nix wirklich in der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke begründet oder eher an seinen engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum für die Kultur zuständigen Stadtrat Arno Pauli und den oberen Zehntausend Augsburgs?

Der junge Journalist und Maler Georg Hauser, der mit dem schwierigen Künstler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und Nix und die Personen in dessen Umfeld zu befragen. Hauser wird dadurch unfreiwillig in ein Familiendrama verwickelt, das bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

Ein Roman von Nikolaus Klammer.

Die Wahrheit über Jürgen, Roman. 270 Seiten, illustriert. ISBN: 9783746778037 8,99 € (Taschenbuch) – 2,49 € (E-Book)

Überall im Internet und in allen wohlsortierten Buchhandlungen als günstiges E-Book oder als Taschenbuch erhältlich.

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 37)

Dies ist der letzte Abschnitt von „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich auf meinem Blog posten werde. Ende des Monats wird der – selbstverständlich vollständige – Roman als 2. Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlicht und ist dann überall im Buchhandel als Softcover (270 Seiten) oder als E-Book erhältlich. Im Moment bin ich noch bei den letzten Korrekturen.

Ich habe in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch verkauft, was mich ein wenig in eine Schaffenskrise gestürzt habe, aber vielleicht wird ja der Künstler-Roman, der dem Mainstream und der Belletristik zuzuordnen ist,  den einen oder anderen Leser finden, der bisher um meine Genreliteratur einen weiten Bogen gemacht hat.

Die Auszüge aus dem Buch werde ich jedenfalls Ende November von meinem Blog löschen – wer das spannende Ende und die Auflösung der Geschichte erfahren möchte, muss sich den Band kaufen.

Mein Korrekturexemplar

[Zum ersten Teil]

Vielleicht erhellt die originelle, wenngleich etwas schwer verständliche Laudatio von MBB, die sie in Ab­wesenheit des Künstlers vor dem nur langsam zur Ruhe kommenden Publikum hielt, etwas von Qualität und Sendung der Kunst von Jonas. MBB be­gann die Rede, die sie trotz des Manuskripts in ihrer Hand auswendig konnte und frei hielt, mit einem seltsa­men Zitat:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder ver­mag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschrei­ben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Ab­kürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schülerauf­satz ohne die­ses usw …? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspi­ration versagt und man erschöpft den Rest der Ge­dankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Je­der von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er ver­mag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, des­halb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Geläch­ter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen – nämlich meinen – durchaus freudianischen Gedan­ken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Ge­lächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst nahezu synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jonas Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich bin selbst Künstlerin und werde mich daher kurz fas­sen. Worte sind wie Gardinen, die man vor Gemälde zieht. Wenn man durch sie hindurchsieht, bleibt das Wesentliche verborgen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesver­wandschaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn Batailles‘ Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer in vorderster Front das Tabu und das bewuss­te Überschreiten und Brechen dessel­ben, um sich durch diese heroische Tat zum Mensch­sein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgesto­chen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jonas Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Vä­ter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, ha­ben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Re­gung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es stark bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neu­rotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

 Und daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass die Ta­bus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese spießige Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten, aber ängstlichen Gottes, sondern von der gesell­schaftlichen Vereinba­rung böse, zu der es uns laut Ba­tailles als egoisti­sche Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesell­schaft und wir alle haben ihn zur Seite ge­drängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleich­zeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, seh­nen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Ge­lächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir ver­stohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vor­geführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehn­sucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umge­hen können, werden wir keine Menschen sein. Jonas Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder und Collagen schockie­ren uns, es fällt unendlich schwer, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erfordere. Nix nimmt sei­nen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt un­ter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spekta­kel zuzusehen. Er macht uns mit seinem Stierkampf ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn er sich selbst dabei zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.
Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klin­gen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser grausamen, gleichgültigen Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Ge­burt und Tod, mit der wir so verschwenderisch um­gehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bil­der zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erle­ben usw …

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Auf­merksamkeit.«

[…]

Zwei analoge Wochen

Nun ja. Die Wetteraussichten sind eher medioker bis saumäßig. Es soll in der nächsten Zeit in Südtirol ziemlich wolkenverhangen und regnerisch sein (1). Aber hat nicht mein Vater immer gesagt, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur eine schlechte Ausrüstung gebe? (2) Und er muss es eigentlich wissen, denn schließlich war er in jungen Jahren ein weitgereister Bergsteiger, der so berühmte Gipfel wie den Montblanc, den Ararat, den Kilimandscharo, den Popocatepetl und dazu auch einige 7000er im Himalaya erklommen hat – und das meist bei miesem Wetter.

So hoch hinaus wollte ich bei meinem obligatorischen Herbsturlaub nicht, der Frau Klammerle und mich – wieder einmal – ins eigentlich auch Anfang November sonnige Vinschgau führen wird; aber verwöhnt vom endlosen Sonnenschein dieses Jahres muss ich schon zugeben, dass ich ein wenig enttäuscht von den feuchten Aussichten bin. Meinen neuen Wanderführer habe ich mir in der letzten Woche wohl umsonst gekauft. Aber die von Frau Klammerle ausgesuchte Ferienwohnung im Martelltal hat zwar keinen Fernseher, aber eine große Wellness-Anlage mit Innenpool, dafür keinerlei Internet und ist ziemlich abgelegen und einsam. Wir werden also eher ruhige und stille Tage dort verbringen, wenig wandern, sondern viel lesen, Brettspiele spielen, reden, gut essen gehen oder italienisch kochen, ausspannen und eventuell mal einen Abstecher nach Meran (3) oder in die nahe Schweiz unternehmen. Meiner Ehe, die nun schon über 30 Jahre hält und mindestens noch einmal so lange dauern soll, tun solche Tage wirklich gut. Sie sind die Tankstelle, an der wir den Benzintank unseres Ehe-Vehikels wieder füllen.

Mein Smartphone (4) werde ich ganz bewusst daheim liegen lassen. Ich will mal wieder vollkommen analog sein, was mir im Sommerurlaub nicht einmal annähernd gelungen ist. Ich werde am 4. Geltsamer-Roman weiterschreiben, die Schlusskorrektur meines Ende November erscheinenden Romans „Die Wahrheit über Jürgen“ (5) durchführen und endlich die Erzählung „Heilende Wasser“ (6) fortsetzen. Mal sehen, wieviel davon ich schaffen werde und wie oft ich mit den besten Vorsätzen und mit Papier und Bleistift bewaffnet auf einer Saunaliege sanft entschlummern werde.

Der Blog – ihr seid das ja schon von mir gewöhnt -, wird wie ich eine Zeitlang ruhen. Vergesst mich nicht vollkommen. (7)

Bis bald und viele herzliche Grüße, Nikolaus


(1) Falls ihr nicht mehr wisst, was Regen ist: Das ist so eine durchsichtige Flüssigkeit, die aus niedrighängenden, dunkelgrauen Wolken fällt. Ihr müsst euch das so ähnlich wie unter der Dusche vorstellen. Früher, als ich noch ein Kind war, regnete es eigentlich das ganze Jahr.

(2) … also gut, ich gebe/gäbe es zu: Bei solchen Konjunktiv-Sätzen verlassen mich meine ansonsten recht zuverlässigen Deutschkenntnisse. Ich weiß nie, ob ich in diesem Fall „gebe“ oder „gäbe“ schreiben muss. Ich gebe/gäbe einiges, wenn mir mal jemand Schlaues die Regel für mich verständlich erklären könnte.

(3) Hans-Dieter Heun hat mir mal glaubhaft versichert, Meran besitze ein sogenanntes „Mikroklima“. Dort sei das Wetter immer gut, auch wenn es in ganz Südtirol regnen würde. Tatsächlich war ich schon mehrmals bei strömendem Regen in dieser Stadt. Ich nehme an, HD hat mir mal wieder einen Bären aufgebunden – er ist nach mir der größte Mythomane, den ich kenne.

(4) Ich habe mir erst vor zwei Jahren auf Druck von Frau Klammerle eines angeschafft, weil sie wollte, dass ich sie erreichen kann, falls ich mal auf der Autobahn im Stau stehe. Jetzt stehe ich zwar oft stundenlang auf der A8 und starre aphatisch in die Rücklichter meines Vordermanns, wenn ich von meinem Brotberuf heim nach Diedorf fahre, aber Frau Klammerle ist telefonisch nie zu erreichen, weil sie ihr Gerät entweder stummgeschaltet hat oder gerade in ein stundenlanges Telefonat verwickelt ist. Ich verweigerte mich jahrelang dieser Technik, denn kenne mich gut und weiß ganz genau, was für eine große Suchtgefahr für mich von so einem Smartphone ausgeht. Tatsächlich ist das Ding jetzt so eine Art von juckendem Hautausschlag, an dem ich ständig kratzen muss, auch wenn ich ganz genau weiß, dass ich das besser lassen sollte. Wie alle Handy-Süchtigen lasse ich mich dauernd von meinem Gerät ablenken und verschwende viel zu viel Zeit mit dem Ding. Vielleicht habe ich ja Glück und es geht bald kaputt.

(5) Ich habe den Roman zu drei Vierteln im Lauf dieses Jahres bereits in inzwischen 36 Fortsetzungen hier vorveröffentlicht. Diese Leseproben werde ich bald vom Blog löschen. Wer den Schluss von „Die Wahrheit über Jürgen“ lesen möchte, muss sich schon das Buch kaufen.  😉

(6) Den Anfang kann man hier lesen. Das nur der Vollständigkeit halber, denn ich weiß ja genau, dass niemand diesen Link anklicken wird.

(7) Ich bin einfach ein Fußnoten-Fetischist, aber das muss noch gesagt werden: Kauft meine Bücher, es lohnt sich für euch und ich kann mir dann noch mehr Urlaube leisten und noch mehr Urlaubsankündigungen mit noch mehr Fußnoten schreiben. Hach!

Beitragsnavigation