In den Bücherkellern des Vatikans (18)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 17. Teil …

Nachdem er den Toten endlich über den Grubenrand hinausgezogen hatte, rutschte der schlaffe Körper auf dem weichen Matsch problemlos und fast heiter wie ein Kufenschlitten im Schnee den steilen Hang hinunter. Fedor folgte ihm, bis seine Schnur fast vollkommen abgewickelt war. Die beiden landeten wie erhofft eine Ebene tiefer in dem Grabungsquadrat, in dem wir die Mumie der Eiszeitfrau gefunden hatten. Dort lag noch immer die Ausschachtung offen, aus der später ihre Überreste geborgen worden waren, die man hoch zu Krakows Labor transportiert hatte. Das ganze Areal sah im Nebel wie ein vorbereitetes Grab aus. Es war der ideale Ort, um die Leiche des Angreifers vorläufig zu verbergen. Mit einem letzten Kraftakt gab Fedor ihr einen Stoß und einem dumpfen Aufprall fiel sie in das rechteckige Loch hinunter. Mein Freund machte sich nicht einmal die Mühe, den Körper mit Erde zu bedecken oder über ihr ein Gebet zu sprechen. Er zuckte mit den Schultern, wandte sich ab und begann, den Hang wieder emporzusteigen. Inzwischen schmerzte ihn jeder Schritt und die Wunde blutete munter weiter.

In der nächsten Zeit, zumindest so lange, wie der Nebel auf Antenora lag, würde sich bestimmt niemand in die Nähe der verfluchten Ausgrabungsstätte wagen. Wenn man den Toten dann später irgendwann entdeckte, würde man wohl glauben, der Mann hätte sich verirrt, wäre dabei versehentlich in die Ausschachtung gestürzt und so unglücklich gefallen, dass er sich das Genick gebrochen hatte. Solche Unfälle geschahen ja immer wieder im Gulag. Da wurde nicht weiter nachgeforscht, ob jemand nachgeholfen hatte.

Erleichtert und gerade noch rechtzeitig vor den Wachen, die ihn abholen kamen, gelangte Fedor wieder bei seinem Arbeitsabschnitt an. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen, sich an den Wärtern vorbei ins Lager zu schleichen, ohne dass sie seine Verletzung bemerkten. Doch er machte sich unnötige Sorgen, dann oben bei den Baracken war man in heller Aufregung. Niemand interessierte sich für ihn und der dichte Nebel half zusätzlich: Im Lager war die Hölle los.

Denn alles war noch viel schlimmer gekommen: Gegen Mittag hatte ein patrouillierender Wärter in der Nähe von Baracke 14 unter einem Bretterstapel den übel zugerichteten Leichnam der armen Schwester Aljona gefunden. Du erinnerst dich bestimmt. Das war die fette, ältere Pflegekraft, die in der Krankenstation jene Fälle behandelte, bei denen Timofejs Rosskuren nicht anschlugen. Ich habe ihren Vatersnamen nie erfahren. Man stelle sich das Entsetzen vor: Sie war gefesselt, brutal vergewaltigt und anschließend erdrosselt worden. Den Spuren nach zu urteilen, hatten mehrere Männer diese grauenvolle Untat begangen.

Als Fedor und die anderen Grubenarbeiter von unten zurückkehrten, hatte sich das Lager in einen Ameisenhaufen verwandelt, in den jemand einen Stock gesteckt hatte. Er hatte deshalb keine Probleme, sich an allen vorbei in die heimatliche Baracke 6 zu schleichen. Dort vernähte er selbst notdürftig seine Schnittwunde und ließ sich von Väterchen Himbeere versorgen und verbinden. Trotz sofortiger Suche, einer Razzia in allen Baracken und in den Unterkünften der Wachsoldaten und einigen ›hochnotpeinlichen‹ Verhören blieben die Täter übrigens im Verborgenen. Auch ein von Krakow ausgesetzter, hoher Rubelbetrag führte nicht zur Aufklärung dieses und einiger anderer Verbrechen, die in der ›Nebelzeit‹ begangen wurden.

Ich selbst, der ich ja weiterhin in meinem Zimmerchen in Krakows Laborgebäude gefangen gehalten wurde, hatte freilich von all dem wenig bemerkt. Was ich erfuhr, teilte mir Fedor mit, wenn es ihm mal wieder gelungen war, sich davonzuschleichen und über den Lichtschacht in meinem Badezimmerchen Kontakt aufzunehmen. Dies geschah in den ersten zwei Wochen meines Aufenthalts trotz des Nebels selten und musste dann ganz aufhören, als er von dem Angreifer verwundet worden war. Vergeblich verbrachte ich meine Abendstunden auf der Toilette sitzend und machte mir Sorgen. Oh, es gab wirklich schlechtere Orte in Antenora, um sich die Zeit zu vertreiben! Ich war jeden Tag aufs Neue von dem unerhörten Luxus begeistert, ein eigenes Bett und ein Badezimmer zu besitzen, die ich nicht mit einer Hundertschaft ungewaschener und rüpelhafter Proletarier aus allen Winkeln der Sowjetrepubliken teilen musste. Mir wurde es nicht langweilig, an der Seife zu riechen, zärtlich über die sauberen, gestärkten Handtücher, die täglich gewechselt wurden, zu streichen und mir das weiche Toilettenpapier an die Wange zu halten. Dazu hatte mir Krakow mit Wastijas Roman eine wirklich interessante Lektüre befohlen, in der ich fasziniert las.

Doch davon später, Towarischtsch – falls es mir die Zeit und die Muße erlauben, alles aufzuschreiben, was ich noch erlebt habe. Denn der Morgen naht schnell und dann muss ich ja das Kollontai für immer verlassen. Weißt du, wohin mich mein Schicksal führen wird? Ich nicht.

Krakow ließ mich in den ersten Tagen in Ruhe. Wahrscheinlich war er voll und ganz mit seinem Mumienfund ausgelastet. Ich bekam nicht nur nicht mit, was draußen im Nebel vor sich ging, sondern erfuhr auch nichts von den Vorgängen direkt vor meiner Tür und warum er mich überhaupt hier in seiner Nähe wollte. Mein einziger sozialer Kontakt in diesen zwei Wochen war neben den Stippvisiten von Fedor die schweigsame junge Krankenschwester, die mir frische Wäsche und zweimal am Tag Essen und Trinken brachte. Bald schon fieberte ich ihren kurzen Besuchen ebenso entgegen wie Fedors Auftauchen im Luftschacht. Sah man mal von der armen Schwester Aljona ab, dann war sie die erste Frau, der ich seit über einem Jahr begegnet war. Mein Freund, es dauerte nicht lang, und ich war bis über beide Ohren in sie verliebt und ihr rettungslos verfallen. Der gewaltige Altersunterschied, schließlich war sie nur halb so alt wie ich, kam mir dabei gar nicht in den Sinn.

Wie soll ich sie beschreiben, ohne auf irgendwelche Plattitüden zurückzugreifen, die dich langweilen würden? Ihr rundes Gesicht schien nur aus ihren zwei Augen zu bestehen. Dieser Eindruck wurde noch durch die Gläser ihrer Brille verstärkt. Ich habe in meinem ganzen Leben kein weiteres Mal solch einen selbstbewussten, selbstsicheren und dabei abschätzenden Blick in einem weichen Frauengesicht gesehen. Aber was mühe ich mich mit dem Erzählen ab! Ich trage doch immer eine kleine Fotografie von Ksenia Matulowa bei mir, die ich zu diesen Aufzeichnungen legen werde. Ich habe sie nie lächeln sehen und auch auf der Aufnahme, die sie mir auf meinen Wunsch hin schenkte, war sie reserviert und ernst.

Es heißt, man würde härter stürzen, wenn man zum ersten Mal fällt. Aber bei mir war es das zweite Mal, das mich mehr verwundete. Nach dem frühen Tod von Nadja, meiner ersten Liebe, hatte ich längst die Hoffnung aufgegeben, noch einmal einen Menschen zu finden, mit dem ich mein Leben teilen wollte. Ach, mein Bruder! Wir sind in ein dunkles Jahrhundert hineingeboren, in dem Welt- und Bürgerkriege, Hunger und Gefangenschaft, Seuchen und Revolutionen sich wie Pferde auf einem Karussell abwechseln. Da war einfach kaum Platz mehr für anderes in meinem Leben gewesen.

Es mag nicht glaubhaft klingen. Obwohl ich später in den Sechzigern dann mein ›Vögelchen‹ heiratete und mit ihr bis zu ihrem Tod eine glückliche Ehe führte, bin ich noch heute in Ksenia verliebt. Inzwischen weiß ich, dass es nur die Ausdünstungen der Eiszeitjägerin waren, die diese Leidenschaft für meine Krankenpflegerin erweckten und für die Vorfälle im Lager verantwortlich waren. Aber ich hatte im Gegensatz zu meinen armen Mitgefangenen ein Ziel für meine plötzliche Liebestollheit. Irgendwann war der Duft verflogen und ich erwachte aus dem Rausch. Die lebenslange Liebe ist mir aber geblieben. Und ist es nicht vollkommen gleichgültig, welcher Einfluss sie ausgelöst hat? Hat uns denn nicht die Wissenschaft erklärt, Liebe sei nur eine chemische Reaktion, der wir hilflos ausgeliefert sind? Trotzdem bleibt das eigentliche Geheimnis bewahrt und wir nie offenbart werden. Wir wissen nicht, was das ist: Liebe.

Dies ist erneut einer der Momente, in denen ich mir wünsche, ich könnte weinen. Doch wie kann sich Trauer in eine Seele schleichen, die so wahrhaft lieben darf?

[Zum 19. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod – Lesung (1)

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Willkommen zum 1. Teil meiner Live-Lesung von meiner Kurzgeschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Ich hoffe, die 15 Minuten, die mein kleiner Vortrag dauert, sind nicht dir zu lang. Diese und andere Kurzgeschichten findest du übrigens in meinem Buch „Das Rote Haus“.

 

Ich wünsche viel Vergnügen und würde mich übrigens wirklich über einen Kommentar freuen, ob dir so etwas gefällt und ob ich häufiger auf meinem Blog Lesungen einbinden soll.

Liebe Grüße, Nikolaus

In den Bücherkellern des Vatikans (17)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 16. Teil …

Fedor legte seinen Kopf auf seine verschränkten Arme und war dabei, in dieser Stellung einzuschlafen. Wie die meisten Gefangenen hatte er gelernt, in jeder Lage die Augen zu schließen und ein wenig zu dösen, wenn sich die Gelegenheit dazu fand. Da hörte er plötzlich einen Warnruf seines Ahnen Peptaj – er erklang so deutlich in seinem Ohr, als würde der Schamane direkt neben ihm stehen. Fedor zuckte erschrocken zusammen. Er ließ die Schaufel fallen, fuhr herum und sprang gleichzeitig einen Schritt zur Seite. Jemand hatte sich, von dem Dösenden unbemerkt, an ihn herangeschlichen. Eine lange, gerade Klinge, die wie ein Schwert geformt war, blitzte kurz an seiner Seite auf. Fedor vermutete später, dass das Bajonett von der Kalaschnikow eines Wächters gestohlen worden war. Wie bei einer Kontrolle festgestellt wurde, war einen Tag vorher genau so eines aus der gut verschlossenen Waffenkammer verschwunden.

Seine reflexhafte Bewegung rettete Fedor das Leben. Aber ganz entkam er der grausamen, rasiermesserscharfen Waffe nicht. Sie bohrte sich allerdings anstatt in seinen Bauch, auf den der überraschende Angriff ursprünglich gezielt war, in seine Kleidung, riss sie auf und traf ihn knapp oberhalb der rechten Hüfte ins Fleisch. Dabei schnitt das Bajonett eine hässliche und stark blutende Wunde an der Seite auf. Den Schmerz nahm Fedor in seinem Schock kaum wahr – er war damit beschäftigt, zu überleben. Er ließ sich rückwärts in seine kniehohe Grube hinter sich fallen und riss dabei eilig an seinem Seil, dessen aufgewickelten Rest er dabei vom Gürtel löste. Gleichzeitig brüllte er aus Leibeskräften:

» На помощь! Zur Hilfe!« Doch bevor er die Unterstützung der anderen in seiner Nähe erhoffen konnte, hätte ihn sein Angreifer längst abgeschlachtet. Er war vollkommen auf sich allein gestellt, das wusste er!

Scheinbar besiegt, lag er als leichtes Opfer im matschigen Erdreich seiner Grube und machte rudernde, hilflose Bewegungen. Dabei wickelte er sich wie zufällig sein Seil um die Füße. Die Schaufel lag in Griffweite neben ihm im Dreck. Doch bevor er wieder auf die Beine kommen und nach greifen konnte, um sich mit seinem Werkzeug zu verteidigen, trat auch schon eine verwaschene Gestalt aus den aufgewirbelten Nebelschwaden heraus und zu ihm in die Ausschachtung hinunter. Sie kam knurrend näher, um ihm den Rest zu geben. Ja, er knurrte wie ein Hund! Das war kein menschlicher Ton, der dem Angreifer dabei über die Lippen kam, sondern der tierische Laut eines tollwütigen Werwolfs. Ihm stand sogar schaumiger Geifer vor dem gefletschten Gebiss. Und dieser Oboroten kannte kein Zögern und kein Erbarmen! Er hob mit beiden Händen sein Bajonett über seinen schmutzigen Glatzkopf und wollte damit zustechen.

Da rollte sich Fedor geschickt herum und zog durch diese Bewegung sein Seil mit den Füßen straff. Der Plan ging auf. Der ohnehin unsicher stehende Mörder kam aus dem Gleichgewicht, stolperte über die Schnur. Er stürzte neben Fedor wie ein gefällter Baum in das aufgeweichte Erdreich. Er fiel direkt aufs Gesicht, schlug scher auf und blieb für einen Moment wie betäubt liegen. Sein Bajonett rammte er dabei in den Boden, wobei ihm der Griff aus den Fingern und seine Hände über den Teil der Klinge glitten, der noch aus dem Schmutz ragte. Er schnitt sich beide Handflächen blutig, aber gab keinen Schmerzenslaut von sich. Nur ein weiteres Knurren drang aus seinem Mund.

Jetzt hatte Fedor die Oberhand. Er war vor seinem Gegner auf den Beinen. Er packte seine Schaufel, holte aus und zog ihr Blatt mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, über den Kopf des Mannes. Der wollte gerade seinen Oberkörper heben und bot ein leichtes Ziel. Es gab ein widerwärtiges, klatschendes Geräusch. Der Angreifer sackte endgültig in sich zusammen. Mein Freund hatte ihm mit seinem Schlag das Genick gebrochen und ihm dabei die halbe Kopfhaut vom eingeschlagenen Schädel heruntergerissen. Der Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert.

Fedor legte die Schaufel zur Seite und drehte die Leiche auf den Rücken. Er starrte in ein dreckverschmiertes, blutiges Gesicht, das ihm vollkommen fremd war – auch nachdem sich verzerrten Züge im Tod entspannt hatten. Dies war eindeutig ein Antenora-Sträfling; wer sonst sollte ihn auch hier überfallen? Aber Fedor konnte sich nicht erinnern, ihn jemals bewusst wahrgenommen oder gar mit ihm gesprochen zu haben. Er suchte neugierig die Tätowierung am Unterarm, die jeder Gefangene bei seiner Ankunft erhielt. Die eingestochene Nummer war ›1/12/У‹, also Baracke 1, Insasse 12. ›У‹ stand für ›Уголовник‹ – ›Schwerverbrecher‹. Aufgrund der niedrigen Nummer konnte Fedor davon ausgehen, dass der Mann ein langjähriger Lagerinsasse im Gulag von Dr. Krakow war. War Fedor ihm irgendwann in den letzten Monaten unbeabsichtigt auf die Füße getreten oder war dies ein missglückter Auftragsmord gewesen? Vielleicht war ihm diese Aufgabe von unserem Bandenchef Senja Oblow gegeben worden, der ja noch eine Rechnung mit meinem Freund offen hatte.

Auf jeden Fall fühlte mein Freund weder in diesem Moment, noch später irgendwelche Gewissensbisse. Ich glaube nicht, dass sie überhaupt Teil von seinem moralischen Kodex waren. Ihn beschäftigte etwas anderes. Er hatte auch keine Zeit, über solche Dinge nachzudenken, denn Fedor musste die Leiche schnell loswerden, bevor die Sirene das Ende der Schicht einläutete. Fedor hatte zwar morgen noch genug Zeit, die Kampfes- und Blutspuren in seiner Grube zu beseitigen, aber der Leichnam durfte auf keinen Fall in seiner unmittelbaren Nähe gefunden werden. Da würde er sich nicht rausredenkönnen. Jetzt hätte er gut die Hilfe von Sascha gebrauchen können, der ja unweit von ihm im nächsten Abteil arbeitete. Mit der Unterstützung des kräftigen ehemaligen Tänzers wäre es kein Problem gewesen, den Toten unter einem Abraumhaufen zu verbuddeln. Es war nur merkwürdig, dass Sascha offenbar weder seinen Schrei noch den Kampf gehört hatte.

Mein Freund nahm sein Seil auf und begann, es aufzuwickeln. Er tastete sich mit dessen Hilfe hoch auf den Weg und dann an der Hauptleine weiter. Nach ein paar Schritten erreichte er den Knoten, mit dem Saschas ›Ariadnefaden‹ befestigt war. Er zog an dessen Seil und holte es zu sich heran. Zu seiner Überraschung gab es keinen Widerstand. Beunruhigt holte er eilig das Seil ein und hielt bald das abgeschnittene andere Ende in der Hand.

»Himmelblauer? Wo bist du?«, rief er und versuchte vergeblich, die Nebelwand mit seinen Blicken zu durchdringen. Doch inzwischen hatte die von unten schnell herannahende Dämmerung schwarze Farbe in den Nebel gekippt. Fedor konnte kaum mehr seine Hand vor den Augen sehen. Weit entfernt von ihm schienen am Boden des Trichters ein paar winzige Lichter zu tanzen. Er wusste nicht, ob er sie sich nur einbildete. Das Schlimmste aber war die stumpfe Stille um ihn herum. Sie ängstigte ihn mehr als alle Mörder und Halsabschneider von Antenora.

»Sascha?«, flüsterte er erneut, nun schon resigniert. Er fürchtete sich vor dem namenlosen Grauen, das mit dem Nebel in die Grube gelangt war.

Die einzige Antwort, die er erhielt, war die ferne Lagersirene, die mit einem Mal laut erscholl. Ihr Lärm erschreckte den Lauschenden so sehr, dass er seinen Herzschlag hektisch am Hals pochen fühlte. Nun würde sich ein Trupp Wärter auf den Weg machen und die Arbeiter einsammeln. Nicht mehr lange, dann würden sie auch bei ihm ankommen – er hatte vielleicht noch eine Viertelstunde, eher weniger. Nun musste er sich beeilen! Er konnte nicht mehr weiter auf eine Antwort von Sascha warten und rannte zurück zu seinem Abschnitt. Dort hatte sich nichts verändert. Der Leichnam lag unberührt im Schlamm. Fedors Gedanken rasten. Was nun? Er nahm zuallererst das Bajonett an sich und steckte es der Leiche vorne in die Jacke. Dann packte hektisch den schlaffen Körper an seinen Füßen und zerrte an ihm. Zuerst ging es sehr schwer, als würde sich ein im Erdboden versteckter Gumenik an ihm festklammern.

[Zum 18. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

26.01. Die Nebenwirkungen des Heimbüros …

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Dienstag, 26.01.21

Liebe Leserin,

Homeoffice (1) ist ja in aller Munde. Auch wenn Frau Klammerle als examinierte Intensiv-Krankenschwester über diese Diskussion nur bitter lächeln kann, wenn sie mal wieder in Schneetreiben und Finsternis zu Frühschicht oder Nachtwache antritt. Aber sie ist ganz im Gegensatz zu mir gesellschaftlich relevant, wurde schon zweimal geimpft und ist aus dem Gröbsten raus. Meine Autorenarbeit jedoch fand schon immer zu 99 % zu Hause statt. Deshalb war der Corona-Lockdown oder, exakter, -Shutdown (wo kommen eigentlich diese Wörter her?) für mich keine große Umgewöhnung. Er entspricht eigentlich meiner natürlichen Lebensweise. Im Gegenteil, mein Schreibtag ist nun sogar wesentlich strukturierter und ertragreicher. Ich setze für gewöhnlich Abends oder Morgens Texte in meinen Notizbüchern auf, tippe sie anschließend mit meinem neuen Schreibprogramm (2) ab, überarbeite sie, verbessere Fehler und recherchiere im Internet. Am Nachmittag – also jetzt – schreibe ich Blogartikel und arbeite fleißig an meiner neuen Website siebenhardt.wordpress.com. (3)

Ich gebe gerne zu, dass es im Weichbild meines Wohnorts sehr schön ist, wenn das Wetter passt.

Regelmäßig zwingt mich auch Frau Klammerle dann auch – mal mit roher und mal mit sanfter Gewalt, meine Balzac’sche Schreibklause zu verlassen und jagt mich in die gerade tiefverschneiten Wälder rings um Diedorf. Schließlich muss ich ja manchmal ausgelüftet, heruntergekühlt und bewegt werden. Dazu haben wir wieder neu entdeckt, wie sehr es Spaß macht, ein Brettspiel zu spielen und wir kochen jetzt jeden Abend gemeinsam und meist auch lecker. Netflix und Amazon Prime beenden dann den Tag, der meist sehr befriedigend war. Über meiner Nachtlektüre schlafe ich dann ein und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Der Verlust der sozialen Kontakte, der mit dem Lockdown einhergeht, macht mir übrigens wenig zu schaffen, denn ich hatte ja noch nie welche. Nur, dass ich meine Söhne höchstens einzeln und dann nur alle zwei Wochen sehen kann, macht mir ein wenig zu schaffen. Mit dem einzigen Freund, der mir inzwischen verblieben ist, treffe ich mich ab und an in einer Videokonferenz und wir spielen übers Internet Schach. (4)

Gut, ganz so rosig ist alles nicht, denn wir bekommen immer wieder einmal einen Lagerkoller, streiten uns aufgrund von Kleinigkeiten. Ich neige – auch aufgrund des Wetters – zu depressiven Momenten und zu Verzweiflungsattacken, wenn wieder einmal ein Tag vergangen ist und niemand auf meinem Blog oder meiner Website gewesen ist und es mir seit Wochen nicht mehr gelungen ist, auch nur ein einziges Buch an die Frau zu bringen. Frau Klammerle geht auf die Nerven, dass sie nur immer mich sieht, keinen Sport treiben, in kein Café darf und keinen Schaufensterbummel machen kann. Und was uns beiden wirklich, wirklich, wirklich fehlt und uns manchmal in Verzweiflung treibt: Das wäre ein Urlaub.  Doch davon kann man wohl in den nächsten Monaten nicht einmal träumen …

Aber ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen.

Frau Klammerle ist modern. Ihre Hobbys waren schon immer am Puls der Zeit. Als es „in“ war, hat sie Makramee geknüpft, dann einen Seidenmal-Rahmen und passende Farben gebraucht. Sie hat merkwürdige Kunststoff-Fensterbilder gemalt, Joghurt gemacht, Seife gekocht und hielt sich sogar kurzzeitig einen Kombucha. Sie experimentierte mit Serviettentechnik, gärtnert eifrig, macht Objekte aus Weidenholz und ist jeder Backidee aufgeschlossen. Nur Schneidern, Häkeln und Stricken versucht sie zwar ab und an, wird allerdings mit ihren Projekten selten fertig und ist noch seltener mit ihnen zufrieden. 

Dies ist keine weitere Fantasy-Map von mir, sondern ein ofenfrisches Ergebnis von Frau Klammerles neuestem Steckenpferd: Dies ist ein Foto von ihrem genial leckeren Roggenbrot. Sie hat sich kürzlich sogar einen Gärkorb und eine Steinplatte für den Backofen beschafft (auf dem auch herrliche Pizzen entstehen). Der (noch namenlose) Sauerteig, der jetzt seit ein paar Monaten im Kühlschrank wohnt, ist inzwischen eine Art zweites Haustier geworden, das wenig Ansprüche stellt und mich nicht wie eine gewisse Katze morgens um 06:00 Uhr weckt, weil es Hunger hat. Ein Löffel Mehl in der Woche reicht ihm.

Und deshalb gibt es als jetzt als Frühstück oder kleinere Zwischenmahlzeit immer noch ein leckeres Marmeladen- oder Käsebrot, bevor ich den Schreibvormittag starte. Ganz ehrlich: Das ist das beste Hobby, das meine Frau jemals pflegte und ich hoffe, dass sie es nicht wie manche andere zur Seite legt und in einer Kiste in ihrem Arbeitszimmer versteckt.

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(1) Homeoffice ist wie Handy übrigens mal wieder einmal ein „denglischer“ Begriff, d. h. niemand außer den Deutschen benutzt ihn. In den USA ist es einfach working at home und ich frage mich, wer den Ausdruck erfunden hat und warum man nicht „Heimarbeit“ oder meinetwegen „Heimbüro“ verwendet kann.

(2) Nach langem Zögern habe ich mich dazu durchgerungen, mir das Schreibprogramm „Papyrus Autor“ zu gönnen, das sich direkt an Schriftsteller wendet. Das Schreiben mit der kostenlosen LibreOffice war nicht unbedingt schlecht, zumindest besser als mit dem grausamen Word. „Papyrus“ hat zwar einigen unnötigen Schnickschnack an Bord, aber auch einige Komfortelemente wie z. B. den Dudenkorrektor oder eine direkte und ordentliche E-Book-Exportfunktion, die ich inzwischen zu Schätzen gelernt habe. Das ideale Schreibprogramm für Autoren gibt es ebenso wenig wie die ideale Kaffeemaschine.

(3) Ich bin dabei, den Prologroman „Mánis Fall“ zu schreiben und noch viel mehr Landkarten für die Site zu erstellen. Ich habe sie inzwischen auch mit einer Wiki verknüpft, auch wenn diese noch keine nennenswerten Einträge hat. Ich glaube, die Online-Brautschau-Enzyklopädie der Jenseitigen und Überlebenden Lande wird eine Aufgabe für meine Rente. Wer trotzdem schon einmal reinschnuppern möchte: Hier ist der Link.

(4) Und, ja, er gewinnt immer, so, wie Frau Klammerle beim „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“. Er war auch früher in dem Spiel besser als ich, aber heute bin ich mit dem langsamen Nachlassen meiner Gehirnleistung chancenlos. Nebenzu: Warum nennen Politiker und Journalisten im Fernsehen eine Online-Konferenz immer eine „Video-Schalte“? Schalte! Was ist das für ein doofes Preußenwort, das mir jedesmal Kopfschmerz bereitet, wenn ich es höre. Hat es etwa der selbe Mensch erfunden, dem wir auch die Homeoffice und das Handy verdanken?

In den Bücherkellern des Vatikans (16)

Der Autor, Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Fortsetzungsroman, Geschichte, Gesellschaft, Künstlerroman, Kriminalroman, Leseprobe, Literatur, Literatur, Märchen, meine weiteren Werke, Phantastik, Roman, Sprache, Werkstattbericht

<– zum 15. Teil …

Aber dann kam der Nebel. Sein erstickender Schleier leuchtete blendend von innen heraus und merkwürdige Lichtreflexe funkelten in ihm. Er wurde auch in der Nacht kaum düsterer, sondern nur ein wenig gelber, als würde jemand Kurkuma in den Milchbrei einer каша rühren. Da war es bereits ein abenteuerliches Unterfangen, sich von den Baracken zu den Latrinen zu tasten, ohne sich dabei hoffnungslos zu verirren. Dieses Mikroklima in der künstlichen Caldera von Antenora war selbst jetzt im beginnenden Herbst einzigartig und ein Naturphänomen, das man hier im Oblast noch nie gesehen hatte. Zu dieser Jahreszeit zogen von Norden her heftige Sturmwinde über die eisigen, staubtrockenen Hochebenen des Putorana-Gebirges. Sie nagten an den Spitzen unserer aufgehäuften Erdpyramiden und verwehten deren Dreck und Staub bis weit hinunter ins Flachland und bis nach Nganatgi, auf das der Staub aus unserer Grube wie ein Ascheregen fiel. Die die LKW-Fahrer berichteten, allein unsere tiefe Grube sei mit dem merkwürdigen Nebel gefüllt und sie hatten es sehr eilig, wieder fortzukommen. Diese abergläubischen Wogulen flüsterten untereinander davon, dass Xul’ater, der Herrscher der Unterwelt, den Nebel geschickt hätte, weil er erzürnt war, dass wir in seine heiligen Stätten vordrangen und seine Gebeine entwendeten. Sie sagten, von der Ferne würde Antenora wie ein milchiger See wirken, wie das blinde Auge eines Urweltungeheuers, das hier begraben lag.

Die Gefangenen, die tief unten am Grund der Grube schufteten, waren aufgeklärte Sowjetmenschen. Sie glaubten nur an die Geister, die sie nach dem Genuss einer Flasche Wodka zu Gesicht bekamen. Aber auch sie wussten furchtsam zu erzählen, dass der Dampf tatsächlich von unten wie direkt aus der Hölle käme und nicht über Nacht vom Himmel gefallen wäre. Er würde handwarm und stickig aus mehreren Spalten aus dem Erdreich der Ausgrabung emporquellen, als wäre dort unter unseren Füßen ein tätiger Geysir. Der Dampf würde an den Austrittsorten merkwürdigerweise intensiv nach Zitrusfrüchten riechen und in unangenehm in der Nase stechen.

Wenn die Gefangenen am Morgen mal ihr Arbeitsquadrat gefunden hatten, war es in dem Nebel allerdings beinahe angenehm. Trotz des Seiles, durch das alle miteinander verbunden waren, damit sich niemand verlief oder den Wahnwitz eines Fluchtversuchs unternahm, war er fast ein angenehmerer Aufenthaltsort als die Baracken, in dem es seit einiger Zeit immer häufiger zu Streitigkeiten und spontanen Gewaltausbrüchen kam. Die Temperatur glich unterhalb des Lagers der in einem Badeort am Schwarzen Meer. Man fühlte sich in dem hell leuchtenden, fürs Auge kaum durchdringbaren Wattemeer, in dem die Wassertropfen wie Diamantenstaub glitzerten, merkwürdig geborgen. Die Wärter kontrollierten einen kaum und verließen nur selten ihre Kontrollpunkte. Erst nach Ende der Schicht holten sie die Seile ein. Doch da waren die vielen geisterhaften Stimmen und Geräusche um einen herum. Sie klangen seltsam verzerrt durch die Milchweiße heran. Es war, als hätte man seinen Kopf in Wasser getaucht. Unmöglich, festzustellen, ob die Gesprächsfetzen und Töne von nah oder fern ans Ohr drangen oder gar die Richtung anzugeben, aus der sie kamen – manche schienen von einem anderen, fremden Ort oder einer anderen Zeit zu stammen. Es gab Gefangene, die schworen bei den Honigtöpfen ihrer бабушка, sie hätten gregorianische Chorgesänge gehört. Dann wieder echoten dunkle Schlagschatten herum, tauchten aus dem Nichts, erschreckten einen, wuchsen zu gewaltiger Größe, um dann blitzartig wieder in sich zusammenzufallen. Die Schatten grotesker Fabelwesen waren zu entdecken, verwachsene Riesen und die ruhelosen Seelen der im See Ertrunkenen gaukelten einem vor den Augen.

So weit es möglich war, ignorierte jedermann diesen Irrwitz, der wie ein Albdruck auf den Gemütern der Gefangenen und selbstverständlich auch der Wächter lastete. Aber je länger die seltsame Inversionslage andauerte und wir im ›Milchsee‹ schwammen, umso nervöser und gereizter ging es in den Baracken zu und langsam breitete sich Verfolgungswahn aus. Das Gerücht machte die Runde, es wäre etwas in der Luft, das diese Zustände auslöse. Alle in Antenora sehnten sich nach der Kälte und der Finsternis zurück.

Ihren allgemeinen Höhepunkt erreichte die Hysterie in der zweiten Woche, als kurz hintereinander ein Anschlag auf das Leben von meinem Fedor verübt wurde und Sascha Senjunin, der das Planquadrat neben ihm bearbeitete, spurlos verschwand. Es war, als hätte ihn eines der Nebelungeheuer gefressen. Habe ich dir schon von Sascha erzählt, mein Freund? Ich glaube nicht, deshalb lasse es mich hier rasch nachholen und verzeihe mir die Wut, mit der ich zurückblicke: Um Senjunin von den anderen Saschas, die wir zuhauf im Lager hatten, zu unterscheiden, wurde er von allen голубое саша – ›himmelblauer Sascha‹ gerufen. Er war vor seiner Karriere als Gulageinsasse Tänzer im Kirow-Ballett der berühmten Waganowa gewesen. Sascha, was ja eigentlich ›der Männer Abwehrende‹ heißt, war wirklich kein sehr passender Name für jemanden, der als Prinz Siegfried im ›Schwanensee‹ einige Erfolge feiern konnte und mit unserem großen Nationalkomponisten die Vorliebe fürs eigene Geschlecht teilte. Er hatte auch das gleiche verschreckte Mopsgesicht Tschajkowskys, in dem der gleiche kurz geschorene und hellbraune Vollbart wuchs. Die zärtliche Pflege seiner Manneszierde kostete Sascha fast seine ganze freie Zeit. Er war aber trotzdem eine zartgliedrige, überaus elegante Erscheinung geblieben, die in keine Schublade passte und für die das Wort androgyn erfunden wurde. Trotzdem war er wie jeder Balletttänzer sehr muskulös und zäh.

Seit 1934 ging das homophobe Väterchen Stalin auch massiv gegen Schwule vor und ließ sie zu Tausenden in Arbeitslager deportieren oder gleich exekutieren. Sie gehören zu den vielen vergessenen Opfern seiner Säuberungen. Die miefig bäuerlichen Vorstellungen unseres ›Stählernen‹ von Gesellschaft und Familie hatten die Vorstellungen der kulturell-liberalen Avantgarde der Zwanzigerjahre verdrängt und fanden bei uns Russen einen überaus fruchtbaren Nährboden. Auch heute sind noch in der realsozialistischen Gesellschaft der UdSSR fest verankert, wo jeder Homosexuelle als ›Päderast‹ bespuckt und geächtet wird. Dennoch ließ man den ›himmelblauen Sascha‹ in Antenora meist in Ruhe. Tatsächlich erweckte er bei einigen kaum eingestandene Begehrlichkeiten, über die ich lieber Stillschweigen bewahren möchte. Rückte ihm doch einer zu nahe, war er durchaus in der Lage und auch willens, ihn sich notfalls mit einem gezielten Fausthieb vom Leib zu halten. Er war ein Einzelgänger und hatte eigentlich nur näheren Kontakt zu Fedor und damit auch zu mir. Mein Freund, der sich ja als ein geschickter Schwarzmarkthändler entpuppt hatte, ließ Sascha häufig an seinen kleinen Geschäften teilnehmen und besorgte für ihn die Döschen mit ungarischer Bart-Wichse, Borodist-Öle und die Bürsten aus Wildschweinborsten. Frage mich nicht – ich habe keine Ahnung, über welche Kanäle Fedor im tiefsten Sibirien an solche exquisiten Dinge kam. Obwohl ich ebenfalls von seinem Handel profitierte, hielt ich mich ja von der illegalen, aber äußerst lukrativen Schattenwirtschaft fern, in die die Hälfte der Gefangenen, Wärter und Arbeiter von außerhalb verwickelt war.

Aber nun lass mich von dem Anschlag auf Fedors Leben berichten. Es war bereits später Nachmittag. Fedor, der nicht besonders fleißig den ganzen Tag unten in seinem Planquadrat gearbeitet hatte, stand am Rand seiner Ausschachtung. Er stützte die gekreuzten Arme entspannt auf den Querholm seiner Schaufel und wartete geduldig auf das zweimalige Zerren an dem Seil, das mit einem Haken an seinem Gürtel befestigt war. Dies war das Signal für die Gefangenen, dass es Zeit für den langen und blinden Rückmarsch war. Fedors ›Ariadnefaden‹ war wie der der anderen weiter oben mit einer dicken Hauptleine verknotet, die auf dem Weg zurück zum Lager lag. Mit dieser sinnreichen Erfindung war es dem Direktor gelungen, trotz des dichten Nebels weiter an seiner Ausgrabung arbeiten zu lassen. Wenn dann am Abend endlich die Lagersirene heulte, gingen mehrere Wächter von dem dicken Tau geleitet den Weg ab. Dabei zogen sie an den Seilen und sammelten auf diese Weise langsam die Arbeiter ein. Bisher hatte das sehr gut funktioniert.

 

[Zum 17. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.