Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (5)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (5. Teil)

Für uns Mädchen bedeutete dies eine erneute und eine harte Umgewöhnung. Es war eine schwere Zeit, denn unser Vater riss uns durch diese Anstellungen, die er über seine dunklen Kontakte ohne Probleme be­sorgten konnte, aus einem behaglichen und angeneh­men Leben. Bevor wir so richtig begriffen, wie uns ge­schah, waren wir von unseren Träumen und Freunden getrennt und schufteten rund um die Uhr für einen kärglichen Lohn. Am meisten schmerzte uns, dass wir uns praktisch von heute auf morgen von unse­ren Haus­lehrern verabschieden mussten, die uns mit dem Segen unseres Vaters und unter seiner Oberaufsicht in weit­aus mehr Dingen unterrichtet hatten, als dies in Karu­kora für Frauen üblich und schicklich ist. Wir wa­ren in der Kunst des Schreibens und des Dichtens, in der ho­hen Ma­thematik, in der Astronomie und der Astrolo­gie ausge­bildet, sangen und spielten die Doppelrohr-Fluit, hat­ten viele Lektionen in der Redekunst gelernt und so­wohl das Pysikalikon, das Biologikon als auch das Phi­losophikon von Osma Hāssin studiert. Das alles sollte nun vorbei sein und wir mussten, statt zu studie­ren, nähen und kochen, Windeln wechseln und Kartof­feln schälen, Böden schrubben und unsere neuen Herr­schaften bedienen. Natürlich waren wir entsetzt und beklagten jämmerlich unser Los. Aber alle Tränen wa­ren vergebens vor unserem plötzlich so hartherzigen Vater, der uns nur erklärte, es sei nun die zweite, die praktische Phase unserer Erziehung gekommen, die uns vor den Sünden der Hoffart, des Stolzes und der Faulheit bewahre und als Rüstzeug für unser weiteres Leben ebenso unentbehrlich wie all das Wissen sei, das uns unsere Lehrer vermittelt hatten. Das Gelernte würde hohl sein und auf tönernen Füßen stehen, wenn wir nicht am eigenen Leib erfahren würden, was niede­re Arbeit und Unterwerfung seien. Jeder Dabinghi müsse diese bitteren Lektionen lernen. Ich will es euch nicht verschweigen: Noch heute verdamme ich diese Vorstellungen von Erziehung, die mein Vater pflegte – trotz der Liebe, die ich für ihn empfinde. Aber Irta und ich waren gehorsame Töchter, denen es niemals in den Sinn gekommen wäre, gegen seine Entscheidungen zu rebellieren.

Alis war sehr zufrieden mit seinen Schachzügen, glaubte er doch, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Aber das Schicksal, gegen das er auf Leben und Tod spielte, hielt einige Erwiderungen bereit, an die er nie gedacht hatte; zum Beispiel, dass der Sene­schall Aismek Gefallen an Irta fand und sie protegierte und als Gespielin der Gattinnen des Namenlosen in das Hohe Serail beförderte. Noch glaubte Alis, diese Er­eignisse würden sei­ne Pläne be­fördern, doch das Schicksal spielte nur auf Zeit, wiegte ihn in Sicherheit, während es seine voll­ständige Ver­nichtung vorbereite­te, die dann aus einer Richtung er­folgte, die seine un­geschützte Flanke traf, nämlich sei­ne Liebe zu seinen Töchtern.

Ich erwähnte es schon: Regno Yves III., der Vater des Prinzen Raul, und Id­richson Galves, die „Schwalbe von Avríl“, blickten schon lange begehrlich auf das reiche Karukora und sa­hen mit dem Regierungswechsel ihre Stunde gekom­men, dem Erzfeind jenseits des Großen Südwalls einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Sie waren zu Ver­handlungen angereist, die sie absichtsvoll verzögerten, um in Erfahrung zu bringen, wie sie dem Juwel der Wüste schaden oder es gar erobern konnten. Als Kon­takt zwischen dem Regno, Galves und seinen Spio­nen auf der einen und Alis und den „Falken der Rache“ auf der anderen Seite, sollte der junge Thronfol­ger Raul dienen, der über Irta geheime Nachrichten aus dem Palast schmuggeln sollte. Nachdem sie nicht mehr in den Küchen arbeitete, kostete es Raul viel Zeit und Mühen, sie überhaupt in dem gewaltigen Elfen­bein-Palast zu finden und sich ihr heimlich zu nähern. Als er endlich in jener verhängnisvollen Nacht Kontakt zu Irta aufnehmen konnte, um ihr die Botschaften an Alis zu übergeben, hatte sie keine Ahnung, dass ihr Va­ter mit dem Feind kollaborierte. Doch sie begriff es so­fort, als sie den versiegelten Brief in den Händen hielt, denn ei­nen Verdacht hatte sie schon eine ganze Weile gehegt. Auch deshalb hatte sie ihn zu Boden geworfen.

„Ich soll also die Botin zwischen dir und meinem Va­ter spielen?“, fragte sie deshalb kühl. „Warum hast du dich an mich und nicht an Muhar gewendet? Ihn anzu­sprechen wäre doch sicherlich der einfachere Weg, als sich der Gefahr auszusetzen, sich in den verbotenen Serail des Namenlosen zu schleichen.“

Raul lächelte verschmitzt. „Das hätte ich sicherlich tun können, aber es ruhen mehr misstrauische Augen auf dem Hofdichter des infantilen Namenlosen als auf dir. Uns bereitet vor allen anderen einer der Unter­händler Sorgen, der offenbar einen heimlichen Groll gegen Muhar hegt. Es ist ein kleiner, selbstherrlicher Kerl mit einem riesigen Turban und einer großen Nase, der sich gerne so wich­tig macht, als wäre er der Vorste­her des Diwans und nicht der Vezir Syddhin. Sein Name ist Ómer Sud. Sicherlich kennst du diesen wider­wärtigen, bösartigen Zwerg.“

Irta erschrak. „Ich habe von Ómer gehört, ja. Er ist der zweite Cavuşbaşi und soll vom Ehrgeiz zerfressen sein. Die Gattinnen des Namenlosen flüstern sich zu, er wäre Auge und Ohr des jungen Infanten“, berichtete das Mädchen aufgeregt und verstummte dann betrof­fen. Hatte sie bereits einen Verrat begangen und mach­te sich schuldig, wenn sie diesen Harems-Tratsch vor Raul ausbreitete?

„Der Infant, ja; ich bin ihm bei den Verhandlungen be­gegnet“, nickte der Prinz eifrig. „Er heißt Dagor Bişra, nicht wahr? Ein unangenehmer, pickliger Jüngling, grausam zu seinen Bediensteten und dabei kalt wie ein Salmling aus den Quellwassern des Hornung. Ich traue ihm nicht über den Weg.“

„Sei nur vorsichtig mit deinen Worten. Dagor ist schnell beleidigt, heißt es, und er wird wohl der nächs­te Namenlose, wenn uns „Wüstenoase“ – was die Aller­barmerin verhüten möge – verlässt. Mit dem Infanten ist ebenso wenig zu spaßen wie mit Ómer, dieser schlei­migen, kleinen Kröte.“ Jetzt ist es schon egal, was ich er­zähle, dachte Irta. Mein Vater ist ein Renegat und ich werde mit ihm gehäutet, falls er enttarnt wird –, gleich­gültig, ob ich von seinem Verrat wusste oder nicht.

„Dann sollten wir doch verhindern, dass Dagor den Falkenthron besteigt, oder? Mit ihm an der Macht und mit diesem Abkömmling der verfluchten Sud-Sippe an seiner Seite, wäre der Friedensvertrag zwischen Karu­kora und meiner Heimat das Papier nicht wert, auf den er geschrieben wurde. Nein, Dagors Großonkel Bathu Paşha muss vorerst an der Regierung bleiben“, bekräf­tigte Raul. Dann beugte er sich nach vorn und als er ihr ins Ohr flüsterte, berührte sein kratziger Backen­bart fast die zarten, duftenden Wan­gen von Irta: „Doch ich dan­ke dir, dass du dich um mich sorgst.“

Der Prinz roch nach Salz und Heu und Irta wollte we­gen der plötzlichen, intimen Nähe verwirrt zurückwei-c­hen. Doch dazu war kein Platz in ihrer winzigen Kam­mer. Deshalb stieß sie ihn mutig und heftig zu­rück.

„Nimm dir nicht zu viel heraus, Prinzlein!“, zischte sie und hielt plötzlich ein kleines Messer in der Hand, mit dem sie nach oben auf die Kehle des großen Eindring­lings zielte. Natürlich wollte sie ihn nicht verletzen; sie hätte es mit diesem stumpfen Obstmesserchen auch nicht geschafft. Aber es gelang ihr doch, ihn zu beein­drucken und auf Abstand zu halten. Zuerst starrte Raul das Mädchen erstaunt an, dann platzte ein lautes Gelächter aus ihm heraus: Nun war er es, der schal­lend lachte.

„Bei den feuchten Augen der Allerbarmerin!“, flüsterte Irta und hielt dem Prinzen geschwinde mit ihrer ande­ren Hand den Mund zu. „Bist du von Sinnen? Wenn dich je­mand hört! Meinst du etwa, Radik Emre hat schon auf­gegeben? Bestimmt stöbert er irgendwo in der Nähe herum und lauert und lauscht. Er ist wie ein Schakal. Hat er einmal die Witterung aufgenommen, folgt er ihr unermüdlich, bis er ihren Ursprung findet.“

Eine Pause entstand zwischen den beiden und Raul blickte schuldbewusste auf den Brief zu seinen Füßen. Noch immer kicherte er, aber er bemühte sich, ernst zu werden. Irta sah ebenfalls hinab.

„Ich werde dir keine große Hilfe sein, denn ich komme nur einmal im Monat für einen Tag aus dem Harem und kann deine Botschaften nicht hinausschmuggeln“, stellte sie fest.

„Das lass nur meine Sorge sein und die deines Vaters. Er hat mehr Einfluss als du glaubst. Einer der Vorteile unseres Paktes wird es sein, dass du von Aismek Bey einen täglichen Freigang am Vormittag bekommst, um auf dem Bazaar für die Gattinnen des Namenlosen ein­zukaufen … Dort wirst du unseren Kontakt treffen, wenn du das überhaupt willst. Du wirst dich wohl jetzt entscheiden müssen, ob du mich unterstützen willst oder nicht. Mir wäre es lieb.“ Den letzten Satz sprach der lamargische Thronfolger ganz leise aus, aber Irta hatte ihn trotzdem verstanden. Sie zuckte mit den Schultern, denn sie hatte längst eine Entscheidung ge­troffen.

Sie kniete sich hin und wollte das Schreiben aufhe­ben. Raul machte ihre Bewegungen mit, als wäre er ihr Spiegelbild. Diesmal konnte meine Schwester nicht verhindern, dass sich ihre Körper wie absichtslos be­rührten. Und so knieten die beiden jungen Menschen voreinander, Gesicht an Gesicht, Irtas Hand mit dem Brief in der seinen geborgen. Sie wagten kaum zu at­men, um diesen Augenblick, der zwischen ihnen wie der elektrische Funke einer Machina aus der leuchten­den Stadt Sansavia knisterte, nicht zu unterbrechen. Ich weiß nicht, wie lang dieser Augenblick dauerte. Meine Schwester hat es mir nicht erzählt; vielleicht, weil sie es selbst nicht wusste. Aber danach war alles gesagt, obwohl keiner der beiden ein Wort gesprochen hatte. Als sie sich schließlich erhoben, egal, ob nach Stunden oder Momenten, danach waren sie verbunden und wollten nicht mehr voneinander lassen.Selbstverständlich war es kein Zufall oder eine takti­sche Entscheidung gewesen, aus der der junge Prinz nicht Muhar, sondern die zweite Spionin im Zentrum der Macht Karukoras in dieser Nacht aufgesucht hatte –, wie schon in einigen anderen zuvor, in denen es ihm allerdings nicht gelungen warm mit ihr zu sprechen. Er hatte sich be­reits in sie verliebt, als er sie zum ersten Mal von wei­tem erblickte. Aber er hatte nicht gewusst, wie er mit ihr in Kontakt kommen konnte. Das war be­reits vor einigen Tagen gewesen, als er seine Möglich­keiten, geheime Botschaf­ten für Alis aus dem Elfen­bein-Palast zu schmuggeln, er­forschte. Dabei war er beim Abklopfen der Wände in der Nähe seiner Unter­kunft auf einen längst vergesse­nen, gut verborgenen Gang gestoßen. Dieser leitete ihn durch einen Geheim­raum zu einer Wendeltreppe und anschließend eine Leiter empor direkt unter die le­bensgroße, hinter einer dich­ten, mannshohen Drillingsblumen-Hecke verborge­ne Statue des „Prächtigen“, deren hohlen So­ckel sich von innen öffnen ließ und ihn zu seiner Über­raschung in den kleinen Garten hinter dem Serail geführt hatte. Auch in jener Nacht, in der Raul zum ersten Mal stau­big und mit Spinnennetzen im Haar aus dem Inne­ren der Statue gekrochen war, war Irta am Fenster ihrer Kam­mer gestanden, hatte leise ein altes Lied gesungen und zu den Sternen hinaufgestarrt. Vom Gesang ange­lockt, beobachte­te sie der Prinz, aber er wagte es nicht, sich ihr zu nä­hern. Diese dunkle, zartgliedrige Schönheit mit der glo­ckenhellen Stimme war so voll­kommen an­ders als all die Mädchen mit ihren dicken, blonden Zöp­fen, ihrer Unbekümmertheit und Wildheit, wie er sie von seiner barbarischen Heimat kannte. Von einem Au­genblick zum nächsten vergaß er, was seine eigentliche Aufgabe war und dass ihn sein Vater, der Regno Yves, schon in seinem Kindesalter mit Dora Kahlja von Drybnisfelt, der Tochter des mächtigsten Barons der Lamargue, verlobt hatte und versah sich unsterblich in Irta, die ihm wie ein Traum aus einer anderen Welt er­schien. In den nächsten Nächten mach­te Raul es sich zur Ge­wohnheit, Irta heimlich zu besu­chen und sie von einem Versteck in den Büschen zu be­wundern. Obwohl er wirklich kein Feigling war, war er unfähig, den ersten Schritt zu tun und sich ihr erken­nen zu ge­ben. Bis der wachsame Radik Emre ihn unbe­absichtigt in Irtas Arme getrieben hatte.

Ach, ich könnte es jetzt wie die anderen Märchener­zähler machen und meine und eure Zeit damit ver­schwenden, Verse aus den Ésiçaren, den Goldenen Lo­cken der seligen Glückspreisungen, zu zitieren, die vol­ler dunkler, sehnsüchtiger Augenaufschläge, die Her­zen erzittern lassen, heimlichen Berührungen und Lie­beskummer sind. Ihr kennt sie alle auswendig. Ich könnte euch davon erzählen, wie die Liebenden einan­der um­armten, lachten, weinten, sich ihre Lippen im Rausche berührten und sie dabei vor Glück in Ohn­macht san­ken, erwachten, Liebesschwüre seufzten und erneut be­wusstlos auf dem Lager niedersanken. Ich könnte euch davon berichten, wie hell die Sterne am Himmel fun­kelten und das kreisrunde schwarze Auge des bösen Máni eifersüchtig auf ihre Zärtlichkeiten starrte, die tausend Blumen der Nacht ihren betäuben­den Duft wie eine Decke über sie legten und ein einsa­mer Mis­pelvogel in der Palme gegenüber sein nächtli­ches Lied für die Liebenden sang, begleitet vom zarten Klang ei­ner fernen Lyra, die eine der Gattinnen des Namenlo­sen zupfte, weil sie sich schlaflos nach der Lie­be und der Zweisamkeit sehnte, die Raul und Irta teil­ten. Ich könnte euch die beiden als die im unsicheren Licht der kleinen Ölfunzel tanzenden Schatten ihrer Körper beschreiben, wie sie sich einander zuneigten, verschmolzen und zu einem einzigen wurden. Oh, so viele Worte für das immer gleiche Spiel. Wer es selbst schon einmal spielte, kennt sie alle und hat sie alle er­litten. Und wem dieses einzige Glück im Menschenleb­en nicht geschah: Der arme Tropf! Ihn kann ich nicht retten, denn er wird mir nicht glauben und sich lang­weilen. „Genug davon!“, sage ich.

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (4)

[Zum Anfang des Kapitels …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (4. Teil)

„Schweig, du Narr, und lass mich nachdenken. Im Au­genblick ist mir danach, zu schreien und die Wachen zurückzuholen. Mit Radik ist nicht zu spaßen!“ Der Prinz aus der Lamargue senkte gehorsam den Kopf. Irta wurde erst jetzt bewusst, auf was für ein gefährli­ches Spiel sie sich da eingelassen hatte. Bisher hatte sie nur aus ihrem Instinkt heraus gehandelt und nicht weiter überlegt. Das Zittern ihrer Beine ließ nicht nach. Was sollte sie jetzt tun, mit einem Mann in ihrem Gemach? Doch dann musste sie wieder über das allzu reuevolle Gesicht des Prinzen lachen. Sie kicherte mit vorgehaltener Hand in sich hinein. Es stimmte schon, das alles war gefährlich und beängstigend, aber es war doch auch genau das Abenteuer, das sie sich ersehnt hatte, als sie vorhin gelangweilt zu den Sternen gebetet hatte. Raul mochte ihr Verderben sein, aber wahr­scheinlich war er das wert.

Der Prinz bemerkte ihr Lachen und sah hoffnungsvoll auf. Dabei trug er solch einen Hundeblick zur Schau, dass sie ihm unmöglich länger böse sein konnte. Schließlich war bis jetzt ja alles gutgegangen …

„Warum bist du überhaupt im Garten gestanden? Wie bist du dorthin gelangt?“, fragte Irta. „Und erzähle mir bitte nicht, die Liebe zu mir hätte dich angelockt. Es ist alles andere als einfach, von den Quartieren der Diplo­maten an den Wachen vorbei in den Haremsbereich einzudringen. Eigentlich sollte es unmöglich sein. Was war dein Ziel?“

„Du wirst mir ja vielleicht nicht glauben, aber ich wollte tatsächlich zu dir, Irta Dabinghi. Der Auftrag, den ich von meinem Vater, dem Regno, erhielt, war, dich aufzusuchen und dir das hier zu überreichen.“ Raul holte aus seiner festen Lederkleidung einen ver­siegelten Brief, den er dem überraschten Mädchen reichte. „Der ist für deinen Vater Alis. Es sind wichtige In­formationen der Schwalbe von Avríl darin, die ihn un­bedingt erreichen müssen.“

Irta drehte den Umschlag, den das Wachssiegel der Fürsten der Lamargue verschloss, ein paar Mal ver­blüfft in den Händen, bis ihr die Tragweite von Rauls Worten bewusst wurde. Dann ließ sie das Schreiben fallen, als wäre es ein glühendes Eisen. „Du meinst … verstehe ich dich recht? Mein Vater ist ein Spion der La­margue?“«

Sirtis spürte das Erschrecken ihres Publikums, hörte sein gemeinsames Aufseufzen, sah sein Erstarren. Sie lächelte, denn genau eine solche Reaktion hatte sie er­wartet und bewusst herausgefordert, als sie den alten Mann als einen Spitzel entlarvte, der vor vielen Jahren mit der Lamargue gegen den Namenlosen konspiriert hatte. Das war kaum denk-, und unmöglich aussprech­bar. Noch dazu verriet sie ja ihren eigenen Vater! Aus­gerechnet der brave Alis, dieser gebrechliche, alte Mann, der mit seinen Märchen und Sagen seine Zuhö­rer verzückte und scheinbar keiner Fliege etwas zulei­de tun konnte und sich immer als treuer Untertan des Namenlosen ausgegeben hatte! Der sollte früher mit dem Feind kollaboriert haben? Machte es vielleicht noch immer? Welch ein ungeheuerlicher Skandal war das, wenn es denn stimmte! Und verriet Sirtis ihn da­durch nicht an Ómers eifrige Geheimpolizei, wenn sie in der Öffentlichkeit einer Karawanserei von seinen ge­heimen Tätigkeiten erzählte, auch wenn diese bald schon zwanzig Jahre in der Vergangenheit lagen? Sie musste doch wissen, dass unter den Kaufleuten und Reisenden, die in der Herberge nächtigten, auch immer ein paar Männer des Vezirs waren; seine Ohren, die alle Gesprä­che belauschten und genau nach solchen Gerüchten gierten, um sie an ihren grausamen Herrn weiterzuge­ben. Auch wenn Sirtis – eigentlich unvor­stellbar – nicht die Wahrheit gesagt hatte, sondern, aus welchen Grün­den auch immer, den beliebten Märche­nerzähler de­nunzierten wollte, war Alis‘ Leben nach diesen Worten keinen grünschimmligen Kupferdenir mehr wert. Es war keine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann, bis er verhaftet und hingerichtet wur­de. Sein eigenes Fleisch und Blut verriet den Alten. Warum war Sirtis so grau­sam? Was war das für eine Tochter, die so etwas tat? Entsetzte Ausrufe erschollen und nach der ersten Erstarrung wurden viele Fragen laut, doch Sirtis muss­te nur die Hand heben, um sie verstummen zu lassen.

»Die Älteren unter euch werden sich vielleicht noch erinnern. Alis, dessen ergebene und treue Tochter ich immer war und auch heute noch bin, musste vor über vierzig Jahren gemeinsam mit seiner jungen, schwan­geren Frau Jade seinem älteren Bruder Selin und des­sen Familie ins Exil folgen. Alis traf keine Schuld, er und seine Frau wurden das Opfer ihrer Blutbande. Als Urahn des letzten Binghi-Herrschers über das strah­lende Karukora hatte Selin in privatem Kreis Ansprü­che auf den Falkenthron erhoben; ein paar Sätze im Zorn und in Trunkenheit wurden leichtfertig und ne­benbei vor Menschen gesprochen, denen man zu Un­recht vertraute. Diese ketzerischen Worte wurden frei­lich sogleich dem damaligen Vezir Mufar Kin hinter­bracht und nur eine überstürzte, nächtliche Flucht konnte die Dabinghis vor der Verhaftung, der Folter und einem grausamen Tod bewahren. Sie konn­ten kaum mehr mit sich nehmen als die Kleider, die sie am Leib trugen. Unter großen Strapazen gelang es der Sip­pe, immer von den blutdürstigen Häschern des Ve­zirs verfolgt, die gewaltige Wüste zu durchqueren, auf schmalen und schwindelerregenden Pfaden das unweg­same Helmgebirge zu erklimmen und sich von gewief­ten Sintari-Schleusern durch den gewaltigen, fünfund­zwanzig Meilen breiten und drei Meilen hohen Großen Wall schmuggeln zu lassen. Doch auch dies ist eine Ge­schichte für eine andere Nacht. – Die teure Hilfe der Sintari kos­tete die letzten Dabinghi den Rest des weni­gen Geldes, das sie bei ihrer überstürzten Flucht mit­genommen hat­ten. Sie besaßen nichts anderes mehr als ihr nacktes Leben, als sie endlich die schwarzen, endlosen Wälder der Lamar­que erreichten. Deshalb ist mein Ge­burtsort auch nicht das glänzende Karukora, sondern ein elendes Dorf mit einem kaum aussprechba­ren Na­men. Es war das öde Lertnitz am Fluss Mertzen, wo wir mit anderen Lei­densgenossen viele Monate in ei­nem elenden Flücht­lingslager verbrachten. Hier fehl­te es an allem außer Kummer, Hunger und Krankheit; diese Plagen waren im Überfluss vorhanden.

Ich will es kurz machen. In dem sumpfigen Fiebernest Lertnitz wüteten die blauen Pocken und diese furcht­bare Seuche raffte Selin und seine gesamte Familie, darunter auch seinen Erstgeborenen, der nach seinem Vater benannt war und auf den er so viele Hoffnungen gelegt hatte, in nur wenigen Tagen dahin. Sie waren mit Müh‘ und Not dem einen Tod entkommen und lie­fen einem anderen, nicht weniger grausamen, in die Arme. Der Tod kümmert sich nicht um deine Ambitio­nen und Zukunftspläne, er weint, während du noch lachst. Alis, den die Krank­heit ebenso wie seine Jade verschonte, blieb nichts an­deres übrig, als seine Ange­hörigen mit eigenen Händen ohne die Segnungen der Allerbarmerin in ein Massen­grab zu den anderen Op­fern der Seuche zu legen, ihre mit blutigen Schwären verunstalteten Körper mit un­gelöschtem Kalk zu bede­cken, sie eilig zu verscharren und ein wenig Salz und Tränen über dem aufgeschütteten Erdhügel zu ver­streuen. Dann floh er mit meiner Mut­ter, die mich in ihren Armen trug, weiter nach Norden gen Avríl. Die alte, bäuerliche Residenzstadt liegt von kühlen Winden umweht am Rande des Großen Waldes auf einem fruchtbaren Hü­gel und war von dem Ausbruch der blauen Pocken weitgehend verschont geblie­ben. Dort versuchte Alis einen Hausstand zu gründen und ein Leben in der Fremde zu führen. Doch in der Lamargue waren seine Märchen nicht gefragt; nie­mand interes­sierte sich dort für sie. Die Menschen hat­ten ihre eige­nen Skalden, die ihnen von den blutigen Hel­dentaten und den gewaltigen Schlachten langhaariger, blonder Hühnen sangen; die Geschichten des kleinen, dunkel­häutigen Wüstenbe­wohners über Liebe, Wüste und Magie langweilten sie nur. Und das grausame Schick­sal, das wie Pech an al­len Verfolgten und Ver­zweifelten der Überlebenden Lande klebt, hatte für den armen Exilanten, der mit seiner kleinen Familie in bit­terer Armut leben musste, noch einen weiteren Schlag, viel­leicht den schwersten, vorbereitet. Seine von Alis ver­götterte Jade wurde wie­der schwanger, doch meine ge­schwächte Mutter über­lebte die verfrühte Geburt mei­ner Schwester nicht. Sie gab ihr Leben für Irta und der gramgebeugte, untröst­liche Alis war nun vollkom­men allein mit seinen zwei kleinen Töchtern.

Dies war also von der einst so stolzen Sippe der Bing­hi übriggeblieben, deren Ahnherr einst das Juwel der Wüste gegründet hatte und als der erste Namenlose in die Geschichtsbücher eingegangen ist – welch ein küm­merlicher Rest: Ein gebrochener Mann und zwei Mäd­chen, von denen das eine ein schreiendes Wickelkind war und das andere gerade lesen lernte. Alis musste sich als Tagelöhner auf den Feldern der Gutsherren unterhalb von Avríl verdingen und sein Lohn reichte gerade so aus, dass er in der zugigen Bretterbude, die er bewohnte, nicht gemeinsam mit seinen Kindern ver­hungerte. Während wir also im Elend und in Kummer aufwuchsen, geschah etwas im Herzen von Alis. Er wurde ein verbitterter, ein zorniger Mann. Für sein grausames Los gab er allerdings nicht seinem leichtsin­nigen Bruder die Schuld, der sich durch seinen Tod längst von ihr losgekauft hatte. Nein, er verfluchte stattdes­sen in jeder Nacht, die er schlaflos auf dem harten, schmutzigen Stroh seines Lagers verbrachte, den Na­menlosen und die ganze Dynastie der Bişra. Sie waren für ihn nur Emporkömmlinge und Usurpatoren; kaum wert, ihm, einem echten Bingh, das Wasser zu reichen. Trotzdem suhlten sie sich in dem Reichtum und der Macht, die seiner Meinung nach allein ihm und seinen Töchtern zustand. Der Hass meines Vaters stieg mit je­dem Tag, den er mit den niedrigsten Arbei­ten in den Schweineställen der mitleidlosen Bauern verbrachte. Doch er war nicht allein. Es gab noch ande­re Unzufrie­dene wie ihn; Flüchtlinge und Exilanten, die das Juwel der Wüste gleich ihm hatten verlassen müssen, weil sie dort ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen waren.

Bald schloss Alis sich einer Untergrundbewegung von Karukorer Exilanten an. Sie wurde vom Hof des Regno in Jasir aus organisiert und von Idrichson Galves fi­nanziert, den man in der Lamargue als die „Schwalbe von Avríl“ kannte. Sie nannten sich die „Die Falken der Rache“; aber sie waren eigentlich nur ein Mittel zum Zweck, mit dem Galves die Macht der Bişras untergra­ben woll­te. Alis trat nicht den Fal­ken bei, weil er mit den Plä­nen der Gruppe sympathi­sierte, denn er wuss­te, wie aussichtslos ihre Unterneh­mungen waren. Er tat dies aus blanker Not wegen sei­ner hungernden Töchter und weil ihm jedes Mittel recht war, sich für den Untergang seiner Sippe zu rä­chen. Er erhielt von den Mitgliedern des Geheimbun­des, bei denen er als letzter Dabinghi hoch geachtet war, finanzielle Hilfen und eine ange­messene Wohn­stätte. Damit konnten wir endlich die tägliche Sorge hinter uns lassen, ob wir den nächsten Tag noch erle­ben oder elend verhungern wür­den.

So wuchsen Irta und ich im kalten, regnerischen Nor­den auf und wir wussten nichts von der Wüste und von Ka­rukora und den politischen Ränkespielen unseres Va­ters, die einem Wollknäuel ähnelten, das in die Pfo­ten ei­ner jungen Katze geraten ist. Trotz unserer bitte­ren Ar­mut war es für meine Schwester und mich eine glückli­che Kindheit – auch wenn wir uns oft fragten, warum unser Vater so häufig traurig war und ihm die Tränen kamen, wenn er uns in die Arme schloss. Aber er hing mit all seiner Liebe an uns und ließ keinen Abend ver­streichen, ohne uns eine seiner wunderba­ren, tausend­undeinen Geschichten zu erzählen. Ich wuchs mit bö­sen Zauberern, guten Feen, mutigen Prin­zen und wun­derschönen Prinzessinnen, Schatzhöhlen, vierzig Räu­bern, Dschinns, Golemen und sprechenden Tieren auf und nahm diese Märchen für bare Münze.

Ich war zwölf Winter alt und meine Schwester acht, als sich unsere Situation von Grund auf änderte. Ein geheimer Plan nahm Gestalt an und Alis wurde in sei­nen Mittelpunkt gestellt. In­zwischen saß mit der „er­quickenden Wüstenoase“ ein neuer Namenloser auf dem düsteren Falkenthron von Karukora und er war ein viel gütigerer und barmherzigerer Herrscher als sein Vorgänger „Hell in der Sonne fun­kelnder Bern­stein“. Seine Inthronisation nahm „Wüs­tenoase“ zum Anlass, eine Generalamnesie auszuspre­chen und so war es auch Alis wieder erlaubt, in die Hei­mat zurück­zukehren, ohne Verfolgung befürchten zu müs­sen. Wir verließen also die Lamargue, die uns, wenn schon nicht Heimat, so doch Heimstätte gewor­den war und gingen zurück in die ferne Stadt in der erbarmungslosen Wüs­te, die Irta und ich noch nie zuvor betreten hatten. Die Umstellung war für uns gewaltig und wir brauchten viele Jahre, bis wir uns in Karukora heimisch fühlten und uns an ihre Sitten gewöhnten. Es half, dass unser Vater hier hochgeehrt und berühmt war und gut von seinen Geschichten und der Ausbildung junger Märche­nerzähler-Talente leben konnte. Luxus macht vieles er­träglich und auch für viele Dinge blind. So be­merkten wir beide nicht, dass Alis weiterhin für die „Falken der Rache“ arbeitete und den Agenten der Lamargue Infor­mationen zutrug. Durch die Hilfe seines Schülers Mu­har reichten seine Ohren bald bis in die Hallen der Macht.

Dies ging einige Zeit – zumindest für uns Mädchen – sor­genfrei weiter und es waren vielleicht die schönsten Jahre in unserem Leben. Doch dann verunglückte „Wüstenoase“ mit seinem Pferd und lebte seitdem in ei­nem kindlichen Dämmerzustand. Sein Onkel Bathu Pasha, der für ihn die Regentschaft übernehmen muss­te, war ein Mann des Friedens, aber auch ein schwa­cher Herrscher und solange Dagor, der Sohn des geis­tesschwachen Namenlosen, nicht erwachsen war und die Regierungsgeschäfte übernehmen konnte, war Ka­rukora wie ein fauler, madiger Apfel, den schon ein leichter Windstoß vom Baum wehen kann. Die Herr­schaft der Namenlosen war so gefährdet wie noch nie in ihrer dreitausendjährigen Geschichte. Ziel der „Fal­ken“ war es, dieses unverhoffte Machtvakuum auszu­nutzen und einer neuen, von der Lamargue kontrollier­ten, Dynastie auf den Thron zu verhelfen. Obwohl er selbst keine Ambitionen in diese Richtung hatte, wollte mein Vater doch dabei helfen; ihm war sogar eine Fremdherrschaft durch die Lamargue lieber als ein Bişra auf dem Falkenthron. Wenn es nach Alis ging, dann mochte Inet seinen Höllenschlund auftun und die ganze Wüstenstadt mitsamt ihrer Bewohner und ihrer Despoten verschlucken. Er gestaltete seinen heimli­chen Rachefeldzug wie eine Schachpartie. Dies war ein Spiel, das er wie kaum ein zweiter beherrschte. Zuerst brachte er seine Figuren in Stellung: Seinen Turm Mu­har hatte er ja schon in die Nähe von „Wüstenoase“ ge­zogen und sein nächster Zug war, für seine beiden ah­nungslosen Töch­ter eine Anstellung im Palast zu fin­den. Wir beiden wurden von ihm selbstverständlich nicht gefragt, ob wir auf seinem Schachbrett seine Springer und Läufer sein wollten. Er ist unser Vater, er bestimmt unser Leben. Deshalb wurde Irta eine einfa­che Küchenmagd und ich Kinderfrau im Haushalt des Vezirs Syddhin.

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (3)

[Zum Anfang des Kapitels …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (3. Teil)

„Zeige dich wieder, unbekannte Schönheit. Bitte …“, bettelte er. „Ich weiß doch, ich bin nur ein Krieger aus den schwarzen Wäldern nördlich des Walls und ich kann besser mit dem Schwert als mit Worten sprechen. Die einzigen Bücher, die ich je gelesen habe, sind Us‘Dis Die hinterlistige Kunst, einen Krieg zu gewin­nen und die Lehrbücher, die ich im Unterricht auswen­dig lernen musste. Ach, ja, ich kenne dazu noch die Fünf Bücher des Baruch. Wenn sie auch viel Poesie enthalten, dann ist es doch eine, die dir vielleicht zu fremd und ketzerisch erscheint. Aber lass es mich ver­suchen, wenn ich dich damit nicht zu sehr erschrecke.“

Irta antwortete nicht, doch sie schloss auch nicht ihre Fensterläden. Sie spitzte im Gegenteil ihre Ohren, da­mit sie nur ja nichts versäumte. Die in Karukora von der Kirche der Allerbarmerin verbo­tenen Bücher des Baruch, die der erste Erzabt Straif von Italmar in den Geisterhöhlen unter dem Fjall Tud‘AsQ gefunden hat­te, interessierten sie sehr, denn als Tochter eines Mär­chenerzählers war sie immer an neuen Geschichten in­teressiert.

Am besten dient mein Auge blinzelnd mir;
Denn unbeachtet geht der Tag an ihm vorüber:
Allein im Schlaf, im Traume sieht’s nach dir
Aus Nacht in Helligkeit, nachthell hinüber.
Du, deren Schatten nun die Schatten so erhellt,
Wie wird am Tag erst deines Schattens Wesen
Mit seinem höchsten Licht erfreun die Welt,
Wenn blinde Augen schon am Schatten so genesen!
Wie selig, sag‘ ich, wär mein Auge nun,
Hätt‘ ich am heitern Tag erst dich gewahrt,
Wenn öde Nacht den Augen, wie sie ruhn,
Dein schönes bleiches Trugbild offenbart.
Mir scheint Nacht jeder Tag, getrennt von dir,
Und Nächte hell wie Tag,
zeigst du im Traum dich mir.“

Zuerst war die Stimme Rauls unsicher und zögernd. Er geriet auch einmal ins Stocken und begann wieder von vorn. Aber dann erinnerte er sich immer besser an die Verse aus dem 1. Buch des Baruch. Er hatte sie für seinen Rhetoriklehrer als Gedächtnisübung immer und immer wieder vorsagen müssen, bis er sie schließlich auswendig konnte. Obwohl Raul viele Jahre nicht mehr an diese Lektion gedacht hatte, sah er das Gedicht nun plötzlich so deutlich vor sich, als würde er die Worte di­rekt aus dem heiligen Werk der Mönche von Italmar ablesen. Er wusste nicht, was Meister Jac Javac Mau­vaise damals bewogen hatte, die Sprachfertigkeiten ei­nen zehnjährigen Knaben ausgerechnet mit diesen Ver­sen verbessern zu wollen. Erst jetzt, während er sie nach langer Zeit zum ersten Mal wieder sprach, begriff er wirklich ihren Inhalt und er erkannte, dass sich hin­ter den bloßen, wohlklingenden Worten noch etwas an­deres, etwas sehr düsteres, verbarg.

Irsa jedenfalls lauschte der uralten Poesie aus der verlorenen Zeit der Vorgänger begeistert. Sie kannte sie nicht, weil nicht einmal in der Gildenbibliothek der Märchenerzähler im Haus der Stimmen ein Band des ketzerischen Wer­kes aufbewahrt wurde. So wurde ihr das Zuhören so bittersüß wie das Kosten einer Tollkir­sche und ließ sie mit einem Mal ahnen, dass es hinter dem Liebesgeplänkel, den heimlichen Blicken, den halb scherzenden, halb provo­zierenden Schmeicheleien, so­gar den flüchtigen Küssen und Berührungen in dunk­len Ecken in unbe­obachteten Augenblicken noch etwas anderes gab, das viel gewalti­ger und größer war. Die Liebe war eine ganze Welt und sie war größer als ihr junges Leben selbst. Und sie erkannte: Wenn die Fünf Bücher des Baruch wirklich solch wun­dervolle Poesie enthielten, dann konnte es keine voll­kommene Sünde sein, sie zu lesen.«

Sirtis machte eine Pause, befeuchtete ihre Zunge mit einem Schluck sauerer Milch und sah sich um. Sie blickte in betretene Gesichter.

»Wir, meine Lieben, leben in einer aufgeklärte­ren Zeit und uns schockiert doch die Erwähnung eines heid­nischen Buches nicht mehr, das unsere Väter und Müt­ter vielleicht einmal gefürchtet und verboten haben«, sagte sie dann. Sie hatte sich auf eine gefährliche Stra­ße begeben, als sie den heiligen Kodex der Mönche er­wähnt hatte, die in Baruchs Namen einst die halbe Welt erobert und ihr die blutige und grausame Knute ihrer religiösen Diktatur ge­bracht hatten, bis endlich die Kokardenrevolution, die von den Oststädten ausge­gangen war, die Mönche zurück in die Grenzen ihres ei­genen Staates gezwungen hatte. Doch obgleich diese finsteren Zeiten lange vorbei waren und Italmar nie­mals Karukora eingenommen hatte, erschauderte ihr Publikum. Sirtis spuckte deshalb zur Sicherheit und zum Schutz gegen das Böse dreimal in die zischende Glut, bevor sie weiterer­zählte. Ein paar ihrer Zuhörer taten es ihr ei­lig gleich.

»Nachdem er sein merkwürdiges Gedicht vorgetragen hatte, wartete Raul geduldig auf eine Antwort des Mädchens, dem es zum ersten Mal in ihrem Leben die Sprache verschlagen hatte. Die Lachlust war Irta ver­gangen und ein merkwürdiger, süßer Schmerz machte ihr das Atmen schwer.

„Kann es sein?“, fragte sie sich zwischen Bangen und Hoffen. „Kann es denn wirklich sein?“ Sie konnte sich nicht entscheiden; zu verfahren war ihre Situation. Sollte sie dem Prinzen antworten und ihm Hoffnungen machen? Oder war es doch besser, sofort ihr Fenster zu schließen und darauf zu hoffen, dass er diesen Wink verstand? Eine Zukunft konnte ihre rasch entzundene Leidenschaft, die ihr wie ein Strohfeuer erschien, nicht haben.

Die Allerbarmerin, die mit ihrem tränenvollen Blick auf alle Liebenden in den Überlebenden Landen blickt, nahm ihr die Entscheidung ab. Auch wenn ihre göttli­chen Entschlüsse auf uns Sterbliche wie Zufälle wir­ken, sind sie doch immer weise und barmherzig. Plötz­lich war der Lärm von eilenden, sich nahenden Schrit­ten aus dem entfernteren Teil des Gartens zu hören. Eine Gruppe Männer – wahrscheinlich Eunuchen, die nach dem Rechten sehen wollten -, kam mit noch nicht brennenden Fackeln in den Händen herbei und es konnte nur noch Augenblicke dauern, dann war der Prinz von ihnen entdeckt und bloßgestellt! Irta sprang auf und legte den umgestürzten Hocker wieder unter das Fenster, um hinaufzusteigen und hinauszusehen. Hoffentlich gelang es Raul, den Näherkommenden zu entwischen! Doch der junge Prinz hatte einen besseren Einfall, als sein Heil in einer unvorbereiteten Flucht zu suchen. Er wusste: Würden ihn die Wachen hier unter den Mauern des Verbotenen Harems auffinden, dann hatte er sein Leben verwirkt und das Todesurteil wür­de ohne viel Federlesens gleich an Ort und Stelle voll­zogen. Er spannte seine Muskeln an und sprang. Sein Kopf tauchte überraschend im Fensterrahmen auf und Irta prallte zurück. Dann schob sich der Prinz seitlich durch die enge Öffnung weiter in ihre Kammer hinein. Doch allzu weit kam er nicht. Das Fenster war zu eng. Draußen baumelten seine Beine im Freien und er kam nicht mehr weiter. Die Wächter waren inzwischen her­angekommen. Wenn jetzt einer von ihnen nach oben sah und begriff, was sich in der Dunkelheit abspielte, dann war Raul verloren.

„Nein, ich habe nicht geträumt“, konnte Irta eine hohe, unangenehme Stimme hören. Sie klang nach der von Radik Emre, des jungen Aufsehers über die Be­schnittenen des Se­rails; er war ein widerwärtiger Ein­schmeichler, der schon lange auf Ais­meks Vertrauens­posten beim Na­menlosen schielte. „Seht euch um, hier ist bestimmt je­mand.“

Jetzt war der Moment für einen schnellen Entschluss gekommen und Irta zögerte keinen Augenblick. Sie packte den hilflos im Fenster zappelnden Prinzen an den Schultern und zog ihn mit einer verzweifelten Kraftanstrengung zu sich hinein in ihr kleines Zim­merchen. Polternd fiel Raul der Länge nach zu ihren Füßen hin und schlug sich den Kopf hart an der Rück­wand an. Aber nun war er auch mit seinen Füßen im Zimmer, bevor ihn die Wachen entdeckten, die gerade dabei wa­ren, ihre Fackeln zu entzünden, um den Gar­ten auszu­leuchten. Irta schob rasch ihren erneut umge­kippten Hocker wieder unter das Fenster und sprang auf ihn, sah hinaus.

Efu! – Hoppla! Männer, was ist das denn für ein Krach?“, fragte sie hinunter. Sie kannte die fünf Wäch­ter, die verwirrt zu ihr heraufsahen. Es war in der Tat Radik und dazu eine kleine Nachtpatrouille der Treu­wacht, die er offenbar alarmiert hatte. „Die Frauen des Herrn schlafen längst. Ich hoffe, ihr habt keine außer mir ge­weckt“, fügte sie noch vorwurfsvoll hinzu. Sie spürte den Kör­per von Raul an ihren Beinen. Er be­wegte sich hinter ihr ungeschickt, um sich bequemer hinzusetzen. Sie räusperte sich: Hoffentlich besaß er die Geistesge­genwart, weiter am Boden zu kauern und sich zu ver­stecken! Radik kam heran und sein Blick fiel stirnrun­zelnd auf die zertrampelte Blumenrabatte un­ter dem Fenster. Irta sah ihm sein Misstrauen an, aber zum Glück war er nicht intelligent genug, um eins und eins zusammenzuzählen.

„Ist bei dir alles in Ordnung, Mädchen?“, fragte er zö­gernd.

„Aber ja. Hier ist alles ruhig, Hare’Ağaşi. Was suchst du denn zu so später Stunde mit der Nachtwache bei den Frauengemächern?“ Sie sah zu dem Weqilbaşi des Trupps, der lustlos mit seiner Pike in einem Tamaris­kengesträuch herumstocherte. Er war ihr häufig über den Weg gelaufen, als sie noch in den Küchen gearbei­tet hatte, denn er war der heimliche Freund der herri­schen Kaltmamsell Drinta. Irta ver­mutete, er liebte mehr ihre Pasteten, Terrinen und Ga­lantinen als ihre zänkische Art.

„He, Hem Büşek,“ rief sie ihn an, „du weißt schon, dass du hier gar nicht sein darfst, oder? Dieser Garten liegt im Bannkreis des Serails des Bişras und wenn ihr zufällig von einer seiner Frauen entdeckt werdet, hängt morgen eure Eingeweide zum Trocknen über der Palastmauer. Seid froh, dass es nur ich bin, die euer Lärm geweckt hat, und nicht etwa Adalante, die Haupt­frau der „Wüstenoase“. Die Allerbarmerin schen­ke ihr und den anderen hohen Frauen des Serails einen tiefen und erholsamen Schlaf.“

Der Weqilbaşi zog sofort seine Pike zurück und seine Männer wichen verunsichert zurück. Eilig löschten sie wieder ihre Fackeln, die sie gerade erst angezündet hat­ten. Doch Radik gab sich noch nicht geschlagen. Der ehrgeizige, damals schon aufgeschwemmte, aber noch gutaussehende Beschnittene stellte sich auf die Zehen­spitzen und versuch­te, an Irta vorbei in ihre Kammer zu spähen. Hatte er in dem dunklen Raum eine Bewe­gung oder einen Schatten entdeckt, der seinen Ver­dacht weckte? Auf je­den Fall war der Rand ihres Fens­ters für seine neugie­rigen Blicke zu hoch oben.

„Und du hast nichts bemerkt?“, hakte Radik nach. „Ich könnte schwören, dass ich Stimmen hörte und Ge­lächter, als ich eben die Waschküche lüftete.“ Irta streckte sich und hob die Arme, versuchte ihm auf die­se Weise zusätzlich die Sicht zu versperren.

„Aber nein, Lachen an einem Ort, den der Namenlose meidet? Wo denkst du hin? Hier rinnen nur heiße und einsame Tränen über sein schreckliches Schicksal. Das solltest du doch wissen.“ Irta zögerte, fragte sich kurz, wie weit sie gehen konnte. „Auf jeden Fall gibt es hier keinen Laut, der für die Ohren der Treuwächter be­stimmt wäre“, fuhr sie dann schärfer fort. „Wenn du nicht willst, dass ich dem Seneschall Aismek Bescheid gebe, solltest du dich nun mit diesen Männern schnell zurückziehen, Radik Emre, Oberster der Eunuchen.“ Die Nachtwachen stimmten ihr eifrig nickend zu und wollten sich schon abwenden. Doch Radik kniff die Au­gen zu einem schmalen Schlitz zusammen. So durfte eine dahergelaufene Magd nicht mit ihm reden!

„Ich warne dich, Irta“, zischte er und sein hasserfüll­ter Blick ließ meine Schwester erschaudern. „Ja, ich kenne dei­nen Namen: Du bist Irta Dabinghi und Ais­meks beson­deres Schätzchen. Du willst mich bestimmt nicht zum Feind, glaube mir. Ich denke, ich werde dich von jetzt an genau beobachten.“

„Das reicht.“ Büşek kam dem Mädchen zur Hilfe und legte eine Hand auf Radeks Schulter, die er so fest drückte, dass der Eunuch aufstöhnte. „Du hast dich ge­täuscht, Ağaşi. Hier im Garten ist nichts und du machst der Magd Angst. Sie hat recht. Wir müssen ge­hen.“

Radek trat nur zurück, weil ihn der Weqilbaşi dazu zwang und wegzog. Dabei hob er aber warnend einen Zeigefinger und zeigte wie anklagend auf Irta, dann auf sich selbst. Wir verstehen uns, schien er zu sagen, du hast mich belogen, das wissen wir beide. Irta fror plötzlich und ihre Beine zitterten, aber sie blieb auf­recht im Fenster stehen und versuchte, so hochmütig und stolz wie möglich auszusehen. Schließlich war sie eine Dabinghi – da hatte der böse Verschnittene recht –, und damit war sie ein direkter Nachkomme des ers­ten Namenlo­sen, der das Juwel der Wüste vor nahezu dreitausend Jahren gegründet hatte. Dieser Radek Emre war dage­gen nur eine Kanalratte, deren Karriere mit dem scharfen Skalpell eines Feldscher begonnen hatte, weil sich seine Familie durch diese blutige Tat aus dem Ar­menviertel erheben wollte. Irgendwann, das wusste sie, würde er einem Mächtigeren als ihr auf die Füße treten und der würde ihn wie eine Kakerlake mit einem alten Pantof­fel zerquetschen. Sein Schicksal stand Irta in diesem Moment so deutlich vor Augen, als besäße sie die Gabe des zweiten Gesichts.

Schaudernd wartete sie ab, bis sich der widerstreben­de Radik und die Treuwächter aus dem Garten entfernt hatten. Dann schloss sie die Fensterläden und ihr Fenster und stieg von dem Hocker. Raul saß mit ange­zogenen Beinen auf ihren Kissen und lächelte sie an.
„Du hast mir das Leben gerettet“, flüsterte er.

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Band 1

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (2)

[Zum Anfang des Kapitels …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (2. Teil)

Doch glücklich wurde Irta im verbotenen Serail an­fänglich nicht.

Nachdem sie sich rasch eingewöhnt hatte, gingen ihr die Arbeiten dort zwar leicht und schnell von der Hand, aber obwohl sie Adalante, der unnahbaren Hauptfrau des Bişra und Mutter des Infanten Dagor, und den un­zähligen Gattinnen und Ge­spielinnen des Namenlosen bald mehr eine Freundin als eine Dienerin war, er­schienen ihr die Tage in den Frauengemächern endlos öde und ihr war die meiste Zeit ganz entsetzlich lang­weilig. Aber immerhin wurde sie nun besser entlohnt und musste von ihren sauer verdienten Denires nichts mehr für Kost und Logis ab­geben. Ihr Beutel mit den Kupfermünzen schwoll lang­sam, aber stetig an. Sie hauste nun auch nicht mehr auf ein paar Laken in ei­nem großen, schmuddeligen Schlafsaal wie unten in den fetttriefenden Katakomben der stickigen Küchen, sondern sie hatte ihr eigenes luftiges, allerdings auch winziges Zimmerchen, das mehr ein begehbarer Wand­schrank als ein Raum war. Aber die Kammer gehörte ihr ganz allein und sie konnte sie hinter sich abschlie­ßen, wenn sie die Einsamkeit suchte. Irta besaß sogar ein kleines Fenster, durch das sie hinunter in einen verwunschenen, verwilderten Pa­lastgarten hinabbli­cken konnte, in dem hohe, alte Bäume wuchsen und sich ein Drillingsblumenstrauch-Labyrinth mit einer hässlichen Statue des „Prächtigen“ in dessen Mitte be­fand. Meist aber lag sie in den langen Nächten auf ihrem Lager am Boden, von dem aus sie die munter über dem Südmeer glitzernden Sterne sehen konnte. Ab und an durfte sie auch noch vor Morgengrauen für einen Tag den Ha­rem und den Palast verlassen und ihren Vater in der Stuhlwebergas­se besuchen. Diese dreißig endlose Tage lang mit heißem Herzen herbeige­sehnten und kostbaren Stunden be­deuteten Irta mehr, als ihr euch vorstellen könnt.

So verging ohne Abwechslung oder Veränderung ihrer Lage beinahe ein Jahr und hätte nicht ab und an der treue Aismek das eine oder andere Buch mitgebracht und sich auf eine Partie Dakmak zu ihr gesetzt, wäre sie wohl umgeben von stummen Eunuchen, grazilen Schönheiten, Wohlgerüchen, erlesenen Stoffen und Spezereien und den zarten Klängen der Leierspielerin­nen wie ein Zeisig in einem zu kleinen Käfig vor Lange­weile eingegangen.

Der Namenlose besuchte seinen Harem während die­ser Zeit kein einziges Mal. Wie ihr sicherlich wisst, hat­te ihn ein Sturz von seinem liebsten Reitpferd in seine frühe Kindheit zurückgeworfen und er besaß nun das Gemüt und die Geisteskräfte eines dreijährigen Kna­ben. Die Regierungsgeschäfte führte für ihn als Regent sein guter Onkel Bathu Paşha und „Erquickende Wüs­tenoase“ selbst saß sabbernd und kichernd auf dem Falkenthron und ließ sich von Muhar, dem Märchenerz­ähler, Abenteuergeschichten mit Drachen und kühnen Helden vortragen. Der rasche und für die meis­ten auch überraschende Tod von „Wüstenoase“ kurze Zeit später, beschenkte uns alle mit der milden und se­gensreichen Regierung seines Sohnes, des „Un­terwerfers“, der – welch ein erstaunlicher Zufall – just einen Tag vor dem Ableben des Bişras volljährig gewor­den war und damit auch nicht mehr die Führung sei­nes Großonkels Bathu benö­tigte, son­dern auf seine neuen Einflüsterer Ómer Sud und Paşha Ultem hörte. Viele hielten den Tod der „Wüstenoase“ für eine Gnade der Allerbarmerin, doch ich bin heute hier, um euch eine andere, nämlich die wahre Geschichte zu erzäh­len.«

Der bissige Tonfall hatte die letzten Worte von Sirtis Lügen gestraft, doch nun gehorchte sie der Sitte der Märchenerzähler, nach einer Erwähnung des regieren­den Namenlosen eine Pause einzulegen. Sie wartete ge­duldig die unvermeidlichen Lobpreisungen und Trink­sprüche auf das Wohl des „Unterwerfers“ ab. Schließ­lich hatte der Vezir Ómer überall seine Augen und Oh­ren und kannte einige exquisite Folterinstrumente für diejeni­gen, die abfällig über ihren Herrscher redeten oder lieber verstockt schwiegen, wenn es an der Zeit war, ihn zu bejubeln. Dann fuhr Sirtis fort, von ihrer Schwester zu erzählen:

»Das Fernbleiben des Namenlosen vom Hohen Serail mochte die Frauen des Bişra vielleicht erleichtern – wir wissen nicht, was in ihnen vorging, denn keine von ihnen hat uns je von ihrem Leben erzählt -, die quirlige Irta jedoch be­trachtete die Ruhe und Geborgenheit des Frauenhauses beinahe wie eine Strafe, die ihr ein bos­hafter Qarin eingebrockt hatte. Ihre Hauptbeschäfti­gung neben der Pflege und dem Wa­schen der Haare und Körper ihrer Herrinnen, ihnen mit einem Palm­blatt Kühle zuzufächeln oder ihnen Konfekt zu reichen, war es, die Tage und Stunden bis zu ihrem nächsten Urlaubstag zu zählen und sich in der Nacht durch ihr außerordentlich schmales Fenster zu lehnen und trau­rig die Sterne anzuseuf­zen. Damit sie zu diesem Zweck das recht hohe, enge Fensterchen erreichen konnte, stellte sie sich immer auf ei­nen Hocker und quetschte anschließend ihren Oberkörper halb ins Freie.

Doch in einer Nacht bemerkte sie, dass sie von dem Garten unterhalb ihres winzigen Gemachs aus dabei beobachtet wurde, wie sie ihren Kopf und ihre Schul­tern durch den Fensterrahmen zwängte und ihre Sehn­süchte flüsternd der Dunkelheit anvertraute: Sie hatte in dem Schlagschatten einer Palme die Bewegung­en ei­nes dort verborgenen Menschen gesehen und stieß er­schrocken einen Schrei aus. Sofort trat mit gesenktem Kopf schuldbewusst ein auffallend großer, muskulöser und hellhäutiger Mann aus der Finsternis halb in das unzuverlässige Licht, das aus den rück­wärtigen Fens­tern des Hohen Serails in den Garten fiel. Er trug fremdländische, selbst für eine kalte Wüs­tennacht wie diese, viel zu warme Klei­dung und eine hässliche Fell­kappe auf seinem kahlen Schädel. Ob­wohl Irta ihm noch nicht begegnet war, wusste sie so­gleich, um wen es sich bei dem nächtli­chen Störenfried handelte, der nun spielerisch seine Arme über den Kopf hob, als hät­te ihn die Treuwacht überwältigt. Es war Raul, der jun­ge lamargische Prinz. Er hielt sich mit seinem Vater Yves III. samt großem Gefolge in Karukora auf. Es ging um die hohe Politik, die Irta in ihrer begrenzten Ha­remswelt sehr fern erschien. In zähen Verhandlungen mit dem Diwan des Regenten, die oft bis in die Nacht andauerten, wurde seit einer Woche über komplizier­te Handelsverträge, den Freihafen Şdarda an der Mün­dung des Helm in den Marat und die in der letzten Zeit zunehmenden Grenzprobleme zwischen dem Juwel der Wüste und Jasir gestritten. Die fremdländischen, exotischen Fürsten, die vollbärtigen, rohen Diplomaten und ihre barbarischen Begleiter waren in diesen Tagen das Gesprächsthema der gelangweilten Frauen des Bişras; auch wenn unter ihnen bisher kaum eine einen Blick auf sie hatte erhaschen können.

Es konnte sicher nur ein Zufall sein, der Raul, der nur wenig älter als Irta war, aus den einige Stockwerke tie­fer ge­legenen Gastquartieren hierher in diesen gut ver­steckten kleinen Park direkt unter ihr Fenster geführt hatte. Aber es war doch eine flegelhafte Unverschämt­heit von ihm, sich so lange nicht bemerkbar zu machen und sie heim­lich bei ihrem Kummer zu beobachten. Mochte die Trä­nenreiche wissen, wie viele der Seufzer der jungen Die­nerin der Fremde bereits unerlaubt er­lauscht hatte! Wütend auf den un­verschämten Beob­achter und auch voller Scham wollte Irta eilig ihren Kopf zurückziehen und die blickdichten Fenster­läden vor ihrer Kammer schließen, aber der Hocker, auf dem sie stand, rutschte ihr durch die hefti­ge Bewegung un­ter ihren Füßen weg und so steckte sie mit einem Mal unglücklich im Rahmen gefangen fest, konnte für den Mo­ment weder vor- noch rückwärts. Der Prinz, der von ih­rer misslichen Lage nichts mitbekam, wollte die günsti­ge Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

„Warte, du Schöne!“, rief er und trat vollständig aus seinem Versteck, kam ganz nah an die Mauer des Se­rails heran. Wusste Raul, in welcher Gefahr er schweb­te? Würden ihn jetzt die Eunuchen entdecken, die misstrauisch den Harem des Namenlosen bewachten, dann würde er zweifellos an Ort und Stelle seinen Kopf verlieren und der Krieg zwischen Karukora und der Lamargue von Neuem ausbrechen. „Fürchte dich nicht vor mir“, flehte er. Irta hatte keine Angst, aber sie zap­pelte hilflos mit ihren nackten Beinen in der Luft und versuchte angestrengt, sich mit ihren Händen abzu­stützen und sich nach innen in ihr Zimmer zu drücken.

Raul deutete ihren gequälten Gesichtsausdruck falsch. Er riss seine hässliche Fellmütze vom Kopf und steckte sie in die Tasche seiner Jacke. „Ich werde dir nichts tun“, ver­suchte er sie zu beruhigen. Irta stieg vor Anstrengung das Blut in den Kopf und sie war froh über die Schat­ten der Nacht, die zumindest ihr peinli­ches Erröten verbargen. Sie warf dem Prinzen einen – wie sie hoffte -, vernichtenden und strafenden Blick zu, doch anstatt betroffen zurück­zuweichen, wie sie es von einem wohlerzogenen Edelmann erwarten konnte, trat er er­mutigt über ihr Verbleiben direkt unter ihr Fens­ter, ohne sich um die duftenden Blumen zu kümmern, die in dem Beet unter seinen Füßen zertrampelte. Die­ser Barbar stapfte einfach achtlos in sie hinein! Obwohl Irtas Kammer fast ein Stockwerk über dem Boden des Beets lag, war Raul so groß, dass er sie nun hätte be­rühren können, wenn er weiterhin seine Arme nach oben gestreckt hätte. Ein Lichtstrahl fiel auf sein Ge­sicht und Irta stockte der Atem – nicht, weil ihr der Fensterrahmen weiterhin ge­gen die Brust drückte -, son­dern weil Raul sie mit sei­nem ebenmäßigen und edel geschnittenen Gesichtszü­gen so liebevoll musterte, als erblicke er das Wertvollst­e und Schönste auf der Welt.

„Was hast du für ein liebliches Gesicht“, flüsterte der Prinz ihr zu und schloss genießerisch seine Lider. „Das Ebenholz deines Haars und deine grauen Augen sind so … lieblich!“

Irta konnte nicht anders: Sie müsste über die unge­lenken Schmeicheleien lachen. Sie blähte ihre Wangen auf und prustete los. Dadurch gelang es ihr endlich, sich aus ihrer qualvollen und erniedrigenden Lage zu befreien. Sie fiel zurück in ihre Kammer und auf die Kissen, die dort als ihr Bett auf dem Boden lagen und lachte auf dem Rücken liegend schallend weiter. Geis­tesgegenwärtig hielt sie sich jedoch eilends ein Kissen vor das Gesicht, damit ihr Gelächter niemanden im Se­rail auf­schreckte oder sie den Prinzen mit ihrem Spott beleidigte. Doch er schien nichts zu bemerken, denn er setzte sei­ne Eloge unverdrossen fort:

„Deine …, äh, lieblichen Augen sind so grau und glän­zend wie das Gefieder der Dohlen, die den verfallenen Turm der Hochburg von Dersa wie ein ewiger Gesang um­kreisen“, versuchte es Raul mit einem Vergleich aus der alten lamargischen Heldensage Sena und Viril. Das war die einzige Zeile Poesie, die er kannte und die ihm halbwegs in seine Lage zu passen schien. Doch er ern­tete damit nur weiteres unterdrücktes Gelächter, das in einem Hustenanfall endete, der den Prinzen um die Gesundheit seiner Angebeteten fürchten ließ. Irta presste weiterhin fest ihr Kissen auf den Mund. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie war wirklich nicht an­spruchsvoll, wenn ihr jemand Komplimente machte. Aber jeder dahergelaufene Gassenjunge in Karukoras schmutziger Unterstadt kannte schönere Verse, um ihre, übrigens bei jedem Licht nicht grauen, sondern dunkelbraunen Au­gen anzuhimmeln. Die Farbe ihrer Iris kannte auch Raul, aber Dohlen waren eben seiner Erfahrung nach nicht braun. Diese künstlerische Frei­heit hatte er sich herausgenommen.

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (1)

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
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Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei

»Auf diese merkwürdige Weise verdingte sich mei­ne Schwester Irta schließlich am Hof des Na­menlosen Herrschers. Sie war eine niedrige Die­nerin unter tausend anderen und doch eine ganz beson­dere, denn in ihrer Hand lag für kurze Zeit das Schicksal Karukoras«, sagte Sirtis und reckte ihre geball­te Faust zu den blinkenden, gleichgültigen Sternen hinauf, als würde sie ihnen drohen. »Und heute ist die Nacht, in der ich ihre Geschichte zum ersten Mal erzählen werde.«

Das große Feuer in der Mitte des quadratischen In­nenhofs der Alhaşra-Karawanserei direkt vor dem Ambra-Nordtor außerhalb der Stadt Karukora war beinahe erloschen. Längst flackerten und glommen die letzten Glutnester der niedergebrannten Holzscheite und der stinkenden Briketts aus gepresstem und getrocknetem Kamel-Dung nur noch in dunklem, orangefarbenen Schein, als wäre an dieser Stelle die Erde kreisrund aufgebrochen und als würde ihr Brand aus dem Inneren an die Oberflä­che emporquellen und dort einen kleinen Lavasee bil­den. Wenn der Herbergsvater Hüsëttin ab und an mit seinem langen, eisernen Haken in der Glut wühlte und rührte, um sie noch einmal anzustacheln, dann sprüh­ten nur wenige Funken in die Höhe und tanzten bis zu ihrem schnellen Verlöschen über den Häuptern der Versammelten. Doch keiner unter den Reisenden, den Kauf­leuten, ihren Dienern, den Kamelhütern und Sklaven dach­te daran, dass er am frühen Morgen beim ersten Hahnenschrei vor Sonnenauf­gang wieder aufstehen musste und es daher langsam ratsam wurde, sich zur Nachtruhe zu bege­ben. Auch die Beschäftigten des Rasthauses woll­ten noch nicht an das Ende dieses Abends glauben, der sie alle so aufgewühlt hatte. Man rutschte nur näher heran an die in sich zusammenfallenden, glühenden Holzkohlen, deren Hitze immer schneller von der Kälte der Nacht geschluckt wurde und die herumgehenden Flaschen mit wär­mendem Geist wechselten häufiger ihre Besitzer. Wie Verdurs­tende hingen alle an den Lippen der aufge­schwemmten, älteren Frau, die bei Sonnenuntergang auf dem Kutschbock eines schwerbeladenen Eselskar­rens in die Karawanserei gekommen und ganz offen­sichtlich eine eingeborene Bewohnerin des Juwels der Wüste war. Sie war freilich keine andere als Sirtis, die wohlgenährte und immer gutgelaunte Tochter des Mär­chenerzählers Alis, die an diesem Abend die ehrwürdi­ge Tradition ihrer Familie weiterführte und sich aus Gründen, die nur ihr selbst bekannt waren, dazu entschieden hatte, eine ganz besondere Geschichte vor­trug.

Sirtis hatte sich in der Alhaşra mit einem unschein­baren Mann getroffen, der kurz nach ihr vom für Frem­de offenen Stadtteil Karus her auf einem von zwei Maultieren gezogenen Kaufmannswagen in den Hof ge­fahren war und sein grün gestrichenes Gefährt direkt neben ihrem Karren abgestellt hatte. Der von Hüsëttin misstrauisch beobachtete und durchaus etwas suspekt wirkende kleine Kerl war bestimmt nicht der Besitzer des schönen und offenbar gut mit allerlei fremdländi­schen Waren gefüllten Wohnwagens, der eindeutig eine Anfertigung aus den Oststädten war. Bestimmt war er nur der Diener eines reichen und erfolgreichen Kauf­herren. Halb unter einer Kappe verborgen, zierte eine tiefrote Rosentätowierung die Männer­glatze des Mannes, welche ihn als einen freigekauften oder geflohenen Skla­ven aus den Vergessenen Ländern von jenseits der gewaltigen Wasserfläche des Süd­meers kenntlich machte. Aber der zwielichtige Mann bezahlte, ohne zu murren oder wie alle anderen Gäste zu feilschen, den Stand­platz für den Wagen und das Futter für seine Tie­re für eine Nacht mit einem üppigen Trinkgeld im Voraus und die große, prall ge­füllte Geldkatze wog in der Hand Hüsëttins schwerer als seine Bedenken.

Tonino, wie sich der schweigsame und ernste Mann nannte, hatte der dicken Sirtis nur leichthin wie einer flüchtigen Bekannten zugenickt und sich dann um sei­ne Maulesel gekümmert, die er in der angemieteten Stallbox unterbrachte, selbst mit Stroh abrieb und versorgte. Selbstverständlich waren die­se beiden auffallenden und außergewöhnlichen Gäste der Alhaşra-Herberge sofort von einem Haufen Neugie­riger und Herumlungerer umringt worden, die alle dar­auf brannten, ihr Woher und ihr Wohin in Erfahrung zu bringen; auch wenn noch niemand vermutete, dass die beiden ein gemeinsames Ziel hat­ten, das jeden vor Erstaunen schwindlig gemacht hät­te, wenn es ihm bekannt gewesen wäre. Tonino blieb je­doch so beharrlich stumm, als hätte ihm ein Al‘kadi wegen eines Vergehens die Zunge herausschneiden lassen und knurrte nur abweisend und unhöflich, wenn er angesprochen wurde. Das war sogar für den Diener eines Kaufmanns aus dem Osten ungewöhnlich, denn ein guter Händler und sein Gefol­ge verkauften ja nicht nur Waren aller Art, sondern im­mer auch Neuigkeiten, Nachrichten, Gerüchte und Ge­schichten. Und die Feuer der Karawansereien waren eine lebhafte Börse, an der diese Worte und Märchen gehandelt wurden.

Dafür war die Frau umso gesprächiger. Einige er­kannten sie als die Tochter von Alis und wussten, dass sie wie ihr Vater eine begabte Märchenerzählerin war, die ihm jedoch nur selten Konkurrenz machte. Sirtis strahlte jeden der Müßiggänger lachend und scherzend mit ihren wundervollen, weißen Zähnen an und lud bald alle auf eine gegorene Ziegenmilch ans hoch empor lodernde Hauptfeuer, das der Herbergsvater in der schnell her­aufziehenden Abenddämmerung entfacht hatte. Sie versprach, dort alle Fragen zufriedenstellend zu beant­worten, denn dies wäre einer der Gründe, die sie in die Alhaşra geführt hätten.

»Dies ist ein besonderer Tag und er verdient eine be­sondere Geschichte«, sagte sie. Und so kam es, dass die Frau und die ganze Karawanserei auch lange nach Mitternacht noch beisammensaßen. Sie hielt alle mit ihrem Märchen in Atem. Sogar Tonino hatte sich nach einer Weile zu ihnen gesellt und lauschte aufmerksam, auch wenn auf seinen düsteren Gesichtszügen keine Regungen zu sehen waren, die erkennen ließen, ob er die Geschichte von Sirtis ablehnte oder ob sie ihm gefiel.

Ja, das Talent von Sirtis Dabinghi war dem ihres Va­ters Alis wahrhaft ebenbürtig, obwohl sie niemals seinen Beruf ergriffen und ihre Märchen vor einem zahlenden Publikum erzählt hatte, weil sie sich schon als junge Frau in ihr Schicksal ergeben hatte, Alis‘ Haushalt füh­ren zu müssen und ihren verwaisten Neffen Selin groß­zuziehen. Sie hatte nicht umsonst seit ihrer frühen Ju­gend zu den Füßen ihres Vaters gesessen, wenn er auf den Plätzen ferner Städte und später dann auf dem Bazaar oder im Akadis, dem alten Haus der Stim­men, dem heute verwahrlosten Gildengebäude der Märchenerzähler, seine Sagen vortrug. Sirtis hatte dabei stets aufmerksam seinen Worten und Geschichten ge­lauscht und sie so lange in ihrem Gedächtnis aufbe­wahrt, sie wieder und wieder memoriert und ihren Spielgefährtinnen vorgetragen, bis sie Alis fast eben­bürtig geworden war. Umringt von ihren begeisterten Zuhörern log Sirtis anfangs das Blaue vom Him­mel herab und flocht manchmal sogar mit einem nach­sichtigen Lächeln die eine oder andere Wahrheit in ihre phantasievollen Geschichten ein, die aus ihrem Mund allerdings noch unglaubwürdiger klangen als ihre schamlosen Märchen. Schließlich, nachdem sie auf die­se Weise ihr Publikum eingefangen hatte und es begie­rig an ihren Lippen hing, begann sie mit einem Mal von ihrer Schwes­ter Irta und deren denkwürdigem Schicksal zu erzäh­len.

Der Tag, dessen Abend und Nacht die Menschen in der Karawanserei erlebten, war in Karukora ein denk­würdiger, ein Tag der Wunder gewesen. Der Elfenbei­nerne Palast, der sich unweit auf seiner Halbinsel, die von der großen Maratschleife umflossen wurde, trotzig und gewaltig in den Himmel streckte und den höchs­ten Punkt der Stadt bildete, war noch immer taghell von unzähligen Fackeln und Laternen erleuchtet und strahlte sein Licht weiß und rein hinaus in die Finster­nis der umgebenden Wüsten, die Karukora wie eine Oase in einem trostlosen, öden Sandmeer umschlossen. Noch aus vielen Meilen Entfernung sah man von den flachen Dünen die pompöse Wohnstätte der Namenlosen. Diese empor­gehobene Fackel der Zivilisation, die die Einwohner des Juwels dem todbringenden Staub, der Hitze und dem blanken Nichts der trockenen Wüsten abgetrotzt hatten, strahlte sogar noch heller als der gebündelte Lichtstrahl des der Karawan­serei nahen Leuchtturms auf der Flussinsel Gidabé, wo sich das Fernhandelszentrum Karukoras mit seinen La­gern, Unterkünften, Geschäf­ten und Kontoren befand. Während Sirtis erzählte, fie­len immer wieder sehnsüchtige Blick auf das riesige, blendend weiße Bauwerk des Palastes, an dem viele Generationen gearbeitet hatten, bis es seinen heutigen Umfang und Höhe erreicht hatte. Aber niemand im Hof der Alhaşra hätte im Moment seinen Platz am nieder­gebrannten Feuer mit einem Stuhl in den hohen Sälen des Palastes tauschen mögen, in denen der grausame Vezir Ómer zu Ehren der ausländischen Gäste aus der barbarischen Lamargue für die Reichen und Mächtigen ein rau­schendes Fest gab. Denn Sirtis führte sie mit der Er­zählung über das Schicksal ihrer Schwester an Orte des Palastes, die ihnen verschlossen waren und rührte sie mit der Tragödie, die sie berichtete, zu Tränen:

»War Irta in den ersten Monaten ihrer Anstellung nur eine von vielen gewesen, die niedrige Aufgaben und entwürdigende Sklavenarbeiten in den Palastküchen erledigen, die Gemüse putzen, Fleisch schneiden, En­ten und Hühner rupfen, Fische entschuppen und ausnehmen, Kartoffeln schälen, Kraut stampfen und nächtelang fettiges Ge­schirr spülen und eingebrannte Töpfe schrubben, die die klebrigen Böden kehren und wischen und immer und immer wieder Feuerholz heranschleppen, erkann­te doch eines Tages der Hofmeister des namenlosen Herrschers „Erquickende Wüstenoase“, der Serail‘Usta und Seneschall Aismek Bey, welch ein ungeschliffener Diamant dort unten in den verräucherten Gewölben der Küchen im Unrat lag und verhalten unter all dem Dreck funkelte. Ihn dauer­ten die aufgeplatzten, roten Hände der Dienerin zu­tiefst, denn er sah mit seinem Kennerblick trotz der sackarti­gen, schmutzigen Kleidung, den strohigen, ver­filzten Haaren und den verweinten Augen, durchaus ihre Schön­heit, ihre Grazie und ihr Geschick. Lange zögerte er, denn er wusste, dass ein Eingreifen seine Kompetenzen über­schritt, denn die Küchen waren nicht sein Reich. Doch dann sprach Aismek wie von Ungefähr Irta eines Tages im Hof an und erkannte das Talent des jungen Mädchens, das nicht nur eine ange­nehme Hülle besaß, sondern dazu ein liebreizendes We­sen und das voller Geist, Witz und Geschick war. Irta wür­de das Hohe Serail seines Bişra zieren wie schon lange keine Odaliske mehr vor ihr, die den Frauen des Na­menlosen in den luxuriösen Räumen seines Harems diente.

Zäh und erbittert musste der Serail‘Usta jedoch zual­lererst mit seinem alten Erzrivalen Türbin Bey verhan­deln, jenem heute noch berühmten und damals von fast allen Palastbediensteten ge­fürchteten Oberkoch, der während der Regentschaft in den Eingeweiden des Herrschersitzes ein überaus strenges Re­giment führte und dort unten zwischen den Fleischtöp­fen und Herdfeuern mächtiger als der Vezir oder gar der Namenlose selbst war. Eifersüchtig hütete Türbin sein Reich und seine Untergebenen, als wäre er der verdammte Inet selbst, der in seiner eiskalten Gehenna die Seelen der Verstorbenen mit Seilen an sich fesselt und auf ewig quält. Er war durchaus nicht gewillt, Irta ohne Kampf und freiwillig herauszugeben und auf keinen Fall sollte sie in die Hände seines persönlichen Lieblingsfeindes Aismek gelangen, der sich einst unvorsichtig und abfällig über eine Lammleber-Pastete geäußert und an ihrer Frische gezweifelt hatte. Doch der hochbe­rühmte Koch war wie alle Küchenbeys dem von der All­erbarmerin verfluchten Laster der Trunksucht verfal­len, das ihn dann nur wenige Zeit später vernichtete. Ein Fass dunkles, schäumendes Bier aus dem fernen Danmark ließ Türbin doch endlich weich werden und schließlich in den Handel mit Aismek einwilligen. Das Fass war später meine Rettung, aber Türbins Verhängnis. Aber die Geschichte vom verhexten Geschenks des Seneschalls ist eine weitere Geschichte nach dieser Geschichte und ich will sie euch in einer anderen Nacht erzählen. Irta jedenfalls, die ihr Glück kaum fassen konnte, durfte den Bauch des El­fenbeinernen Palastes verlassen und in die von den Be­schnittenen streng bewachten Frauengemächer ziehen, die sich zu dieser Zeit in den luftigsten, aber zugleich auch in den ab­gelegensten Räumen des Herrschersitzes befanden. Doch glücklich wurde Irta im verbotenen Serail anfänglich nicht.

[Zum 2. Teil …]

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Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
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380 Seiten, illustriert

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