Aber ein Traum …

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Bei den Großeltern (Ein Roman-Fragment) – Teil 1

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Bei den Großeltern

1. Das Haus

Meine Sommerferien 1977 verbrachte ich als Ju­gendlicher im Haus meiner Großeltern mütterlicher­seits in Berlin-Tegel. Außer zu den festen Essenszei­ten war ich sechs lange Som­merwochen allein gelas­sen und fand in dem weitläufigen Gebäude mit an­grenzendem Garten, das mein Großvater selbst in den 20er Jahren erbaut hatte*, genug Gelegenheit, den Großeltern und ihren penibel durch die Uhrzeit festge­legten Aufenthaltsorten aus dem Wege zu ge­hen.

Überall gab es etwas zu entdecken. Außer dem wohl­gehüteten Schlafzimmer des alten Ehepaars war kein Raum vor meiner pathologi­schen Neugierde sicher. Jeder Raum hatte einen eige­nen, spezifischen Ge­ruch, den ich noch heute erkennen würde, wenn man mich mit verbundenen Augen in eines der Zimmer stellte. Zudem gab es durch den exzentrisch geschnit­tenen Grundriss des Hauses hinter Tapetentüren, in Schränken, Kellerräumen und kaum erreichbaren Win­keln unterm Dach wirklich Lohnenswertes zu entdecken. Es hatte sich Strandgut aus über vierzig Ehejahren ange­sammelt – Dinge, die den voyeuristi­schen Blick eines wiss­begierigen Vierzehnjährigen zum Leuchten bringen: Jahr­gänge der unterschied­lichsten Zeitschriften, vom Readers Digest bis in die graue Vorzeit der Gartenlaube reichend, alte Möbel voller Geschirr in Jugendstilformen, Uhren, Ra­dios, seltsame, vom tüftlerischen Großvater gebastelte Ge­räte, Bilder, Fotos, ein Luftgewehr und vor allem Bü­cher, immer wieder an den überraschendsten Orten Bücher, in Regalen, in alten Koffern, in verborgenen Wandschränken, gestapelt in einer Ecke.

Ich las alle, zuerst die Unterhaltenden: Karl May, der mir Zuhause von meinem Vater verboten worden war, weil zu seine Wildwestgeschichten zu aufregend für ein Kind wären, Hans Dominik, C. S. Forester, Mika Waltari und Sienki­ewicz, dann entdeckte ich die anderen, die wahren Schriftsteller: Theodor Storm, Kleist, Tolstoj, Keller, die Droste-Hülshoff und all die bür­gerlichen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch Swift oder Petronius, Herodot und dann – es kam einer Offen­barung gleich -, hielt ich plötzlich E.T.A. Hoffmann und E. A. Poe in den Händen; letzte­ren in der gewöhnungsbedürftigen Übersetzung von Ar­no Schmidt, den ich erst als Erwachsener kennen- und schätzen lernte. Sie alle passten vortrefflich zu der stehenden Hitze der endlosen Sommernachmit­tage, es wa­ren Geschichten, die mir für mich persön­lich geschrieben schienen, deren Tempo genau zu meinem Erleben passte und deren Geschmack ich noch heute auf der Zuge habe, wenn ich einen staubi­gen, alten Raum betrete.

Wenn ich gerade sicherlich meine Initiation in die Litera­tur verkläre, sie allerdings auch nicht anders beschreiben kann, so ist sie in meinem und im Gefühl des Vierzehnjäh­rigen ebenso wahr, wie sie im Mo­ment des Hinschreibens verlogen und falsch klingt. Wahrlügen eben.

Was ich in Tegel schätzte, waren das Haus und der Garten der Großeltern, weniger ihre Personen, als ihr Tageslauf, in dem jede Minute ihre Bestimmung und jeder Tag einen seit Jahrzehnten festgelegten Rhyth­mus und Ritus besa­ßen. Trotz des vielen Leerlaufs, der Langeweile, die aus meiner nicht weiter definier­ten Rolle in dem Kalender mei­ner Großeltern ent­stand und die mich manchmal die Stun­den bis zu solch herausragenden Ereignissen wie dem kargen Wurst- und Käse-Abendessen zählen ließ, hatte ich in jenen Sommerferien ein Gefühl von Geborgenheit, Beständigkeit und Sinn. Es war ein Empfinden, das ich in dieser Intensität und so lang andauernd nie wieder gefühlt habe, ein Gefühl, das ich manchmal beim Spie­len mit Kindern oder beim Lesen von Lite­ratur aus dem frühen 19. Jahrhundert erahne.

Ein Leben nach dem Tod – wenn es eines gibt, was ich ernsthaft bezweifle -, das sollte, wenn es glücklich wäre, ähnlich sein; nicht die stete Wiederholung und Beständigkeit, sonderen gehetzte Abwechslung ist die Hölle. Der Himmel dagegen ist die von festen Regeln umfasste Lange­weile, in der jeder Tag ohne herausra­gendes Ereignis und vor allem bar der Qual der Ent­scheidung dem nächsten folgt und es die Zeit gibt, tausend Dinge zu beginnen, tatsächlich endlose Ro­mane zu schreiben und zu lesen und nichts davon zu beenden.

2. Die Großmutter

Meine Großmutter war voll von jener baptistischen, dem Pietismus nahen Frömmigkeit, die trotz der Furcht vor Gottes Strafgericht selbstbewusst und eli­tär, da­bei ohne jeglichen Zweifel an Gott und des eigenen Weges ist. Sie war eine geschäftig­e, fleißige Frau, die zur Pedanterie neigte, wenn es um die Reinhaltung der Wohnung ging. Sie pflegte zwei­mal täglich mit einem Kamm die Fransen des Berbertep­pichs im Wohnzimmer in Reih´ und Glied zu bürsten. Ob­wohl sie aus ei­ner Großbauernfamilie aus Pasenow stammte, war sie nicht sehr gebildet, was ich bei ihr allerdings nie als Man­gel empfunden habe.

Im alltäglichen Leben wirkte sie oft schroff und abweisend; und von einer mutwilligen Gottheit wurde sie im Alter mit un­freundlich verkniffenen, verbissenen Gesichtszügen aus­gestattet, die jedoch nur die Maske über einer hu­morigen Launigkeit waren, die manchmal aus Au­gen und Mund­winkeln sprang. Trotz ihrer nur selten ans Öffentliche dringenden Vorurteile war sie im christlichen Sinne men­schenfreundlich, hilfsbereit und dabei der einzige mir be­kannte Mensch, der mit dem Lauf seines Lebens in voll­kommener Harmonie überein-zustimmen schien.

Nicht einmal der plötzliche Tod meines Großvaters warf sie später aus ihrer inneren, gefestigten Ruhe, die sie wahr­scheinlich zum größten Teil aus ihrem Glauben schöpfte. Ihre einzige Beunruhigung schien mir die Bewältigung der Kondolenzbesuche, der Beer­digung und des Leichen­schmauses. Danach kehrte sie zielstrebig in ihren Alltag zurück. Die durch den Tod ihres Gatten entstandenen Frei­räume füllte sie mit dem Umordnen des Hauses und dem Vernichten von Erinnerungsstücken und Möbelstücken aus, bis sie eine durch einen Schlaganfall verursachte kurze De­menzphase bis zu ihrem Tod ins Krankenbett zwang.

Dabei fällt mir ein: Ich half beim Ausräumen dieser Möbel mit – da war ich schon Ende Zwanzig. Bei jener Gelegen­heit wagte ich es zum ersten Mal, mich in den Sessel mei­nes Großvaters zu setzen. Es war ein hässliches, abgewetz­tes, mit grünem Cord bezogenes Ding mit dunkelbraunen, hölzernen Armlehnen. Hier hatte ich ihn während meiner Ferien jeden Abend ab acht Uhr sitzen sehen, ein mit dem Fernseher ver­bundenes Hörgerät im Ohr, über dem er wie schüt­zende eine Hand zur Muschel formte, die Augen hin­ter der dicken Brille halb geschlossen.

Während ich saß und mir den alten Mann noch ein­mal be­wusst machen wollte, bemerkte ich plötzlich, wie meine Daumen an einer Unebenheit der Armleh­nen links und rechts rieben. Ich sah hinunter. In den Lack waren dort Mul­den gekratzt, die bis in das helle Holz des Sessels reichten. Diese Gruben hatte die Tiefe und Form meiner Finger. Mit Schaudern stellte ich fest, dass ich das Werk meines Groß­vaters fortsetzte. Er hatte in jahrelanger nervöser Arbeit seine Daumen immer tiefer in das Holz gerieben. So nah wie in die­sem Moment bin ich ihm danach nie mehr gekomm­en.

Zurück zu meiner Großmutter: Die Pflege des alters­schwachen und oft wegen seiner Hilflosigkeit zorni­gen Eheman­nes hatte sie bis an den Rand der Leis­tungsfähigkeit er­schöpft und sie wirkt erleichtert, dieser Bürde ledig zu sein. Sie erinnerte mich in ihren letzten Lebensjahren sehr an die Heldin von Vita Sackville-Wests bemerkenswertem Emanzipati­ons-Roman Erloschenes Feuer.

Mit vierzehn ahnte ich natürlich wenig von ihrem Charak­ter; viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, hatte ich nicht die Möglichkeit oder gar die Men­schenkenntnis, sie zu beob­achten. Ich nahm sie ihrem Status als Großmutter ge­mäß als einen um mein Wohl besorgten Menschen, dem ich ein Eigenleben nur zugestand, wenn es mit meinen Inter­essen nicht kollidierte. Dies ihre Hobbys waren Fernsehen und das Lösen von Kreuzworträtseln. Ansonsten hatte sie auf Abruf zu meiner Verfügung zu stehen, wenn ich sie be­nötigte. Dafür respektierte ich widerwillig ein paar Schrul­len oder das, was ich für welche hielt, wie zum Beispiel ihr ausdauerndes hinter mir herräu­men, der ich eine Spur Unordnung bei meinen Erkun­dungen durch das Haus zog. Das kannte ich auch abgeschwächt von meiner Mutter, aber die Großmutter tat es im Gegensatz zu ihr ohne zu kla­gen. Als einzige Hilfe bei der durch mich entstande­nen Mehrarbeit ließ ich mich dazu herab, jeden Mit­tag das Ge­schirr abzutrocknen; dies jedoch nur, weil ich von der Mut­ter ausdrücklich dazu angehalten worden war, als sie mich am Anfang der Ferien in den Zug Richtung Berlin setzte.

Ich gestand niemandem, hier längst noch nicht der selbst­süchtigen Rolle des Kindes entwöhnt, einen Wandel von Gesinnung, eine Entwicklung, Eigenle­ben zu. Jedermann sollte sich dem Bild, das ich von ihm hatte, entsprechend verhalten und –  sofern mit mir verwandt – auch freundlich zu mir sein. Obwohl ich alle mit meinem Verhalten abstieß, meine phleg­matische, interesselose, mit Impertinenz ge­tuschte Art und das unglückliche Äußere zur Abneigung, ja Ekel reizten, vernachlässigten die Großeltern trotz­dem ihre Sorgfalt und Freundlichkeit nie. Das rechne ich ihnen in tiefer Dankbarkeit an. Ich weiß inzwi­schen aus eigener Anschauung, dass nichts schwerer ist, als einen launenhaf­ten, faden und dabei ver­schlossenen Vierzehnjährigen zu ertragen, ohne ihm zwei- bis dreimal am Tag mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen. Die Großeltern taten es nicht, das war mehr als Ver­wandtschaft, das war echte Nächstenliebe und Respekt vor Gottes Schöpfung.

[… wird fortgesetzt …]

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* Und dies hatte er so stabil getan, dass eine amerikanische Fliegerbombe das Haus nicht zerstörte, sondern nur insgesamt um ein paar Zentimeter verrutschte.

Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 2

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird voraussichtlich mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier noch eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
demnächst erhältlich gebunden und als E-Book

*

 

Klammer stand auf.

»Ich hole uns noch einen Kaffee. Eine kleine Viertelstunde haben wir sicherlich noch Zeit«, sagte er dabei. Sapher sah nachdenklich hinter ihm her. Nikolaus Klam­mer, Dr. der Jurisprudenz und ein verdienter Beamter im höheren nichttechnischen Dienst, der in einem schwer ab­schätzbaren Alter zwischen fünfundvierzig und fünfund­fünfzig stand, hatte eine mittelgroße, unauffällige und schlanke Gestalt. Er kleidete sich aber modisch und teuer, fiel daher überall auf und erregte wegen seiner Eleganz allgemein Bewunderung. In seinen etwas spärlich gewor­denen, sorgfältig frisierten und dunklen Haaren zeigte sich keine einzige graue Strähne. Sapher hatte schon Ver­mutungen darüber angestellt, ob Klammer sie wohl färbte.  Ob­gleich er Saphers direkter Vorgesetzter war und sich oft mit ihm unterhielt, war es Sapher während der Zeit, die sie nun in der gleichen Abteilung Tür an Tür sa­ßen, nicht gelungen, einen Einblick in Klammers Charak­ter, der etwas von der überraschenden Wechselhaftigkeit des Aprilwetters hatte, zu werfen. Nie konnte sich Sapher sicher sein, ob Klammer im Ernst mit ihm sprach, oder sich insgeheim über ihn lustig machte. Obwohl er selbst alles andere als ungebildet war, verstand er viele von des­sen intellektuellen, oft hermetischen Spitzen nicht, deren Bedeutung er manchmal am Abend in einem Lexikon nachschlug. Dabei hob sich, von ihm selbst kaum be­merkt, sein Gemeinwissen. Er hatte bei seinen Nachfor­schungen überrascht festgestellt, dass der belesene Klammer über ein exaktes, geradezu photographisches Gedächt­nis verfügte, das ihn in die Lage versetzte, lange Buchpas­sagen, Gedichte, aber auch Gesetzestexte auswendig und fehlerfrei aufzusagen. Sapher hatte, bevor er dem Dr. be­gegnete, weder geglaubt, dass es Menschen geben könnte, die zu solchen Erinnerungsleistungen fähig waren, noch hatte er jeman­den außer Klammer kennengelernt, der auf eine so seltsa­me, flatterhafte und leichtfertige, dabei durchaus anzie­hende Weise über nahezu jedes Thema zu räsonieren verstand. Sapher nahm an, der unverheiratete Dr. hatte Erfolg bei Frauen. Das war allerdings nur eine seiner Vermutun­gen, da er praktisch nichts über das Privatleben Klam­mers wusste; er konnte ebenso gut auch wie ein Mönch le­ben oder schwul sein. Was den ungewöhnlichen Beamten umgekehrt gerade an Sapher interessierte, blieb diesem ein unlösbares Rätsel. Zwar ahnte er, dass Klammer ir­gendetwas mit seiner Person verband oder gar plante, doch er hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sein Vor­gesetzter mit diesen häufigen Diskussionen knapp über Saphers intellektuellem Horizont abzielte.

Anderen Beamten gegenüber zeigte sich Klammer zwar freundlich, aber reserviert. In seinen Gesprächen mit ih­nen ging er nur selten über die Belange der Behörde hin­aus. In den alltäglichen Geschäften des Amtes war der Dr. ein mustergültiger, erfahrener und fleißiger Beamter, der seinen Posten als Oberamtsrat vorzüglich ausfüllte und dessen Wissen der Vorschriften und Rechtsbestimmungen sprichwörtlich war. Von Sapher abgesehen hielt er genau jenen Abstand zu seinen direkten Untergeordneten, der den nötigen Respekt vor der Person und der Fachautorität des Vorgesetzten erweckt. Dennoch war er im Amt eine halb mythologische Gestalt und stand in dem geflüsterten Ruch der Verschrobenheit. In seiner Vergangenheit muss­te es auch einmal einen Eklat gegeben haben, über den hinter vorgehaltener Hand ungenaue, aber phantastische Mutmaßungen die Runde machten. Der tatsächliche Vorfall, falls es denn je einen gegeben hatte, war ein gut gehütetes Geheimnis, das, so eines der Hauptgerüchte, der Grund war, aus dem Klammer trotz seines Alters und seinen Fähigkeiten nicht befördert wurde und zum Direk­tor aufstieg.

 »Du arbeitest beim Klammer?«, hieß es häufig und Sa­pher wurde mit einer bedeutsamen, dabei mitleidigen Miene bedacht. »Oje!«

In diesem mitfühlenden Laut schwang meist neben der Erheiterung eine Prise Schadenfreude mit. Wäre Klam­mer nicht sein direkter Vorgesetzter gewesen, hätte Sa­pher ihn sicherlich gemieden. Seit geraumer Zeit versuch­te er auch, sich hinter Klammers Rücken innerhalb der Behörde zu verändern. Das würde ihm jedoch kaum vor der nächsten Regelbeförderung gelingen und die stand erst in zwei Jahren ins Haus. Sapher selbst war zweiund­dreißig Jahre alt, etwas untersetzt, unscheinbar und hell-, fast rotblond. Da er saloppe Alltagsbekleidung bevorzugte, hatte er Mühe, sich der strengen Kleiderordnung des Am­tes, die Anzugjacke und Krawatte vorschrieb, unterzuord­nen. Seine Frau Gitta kannte er seit seiner Schulzeit und er hatte sie gleich nach seiner Vereidigung geheiratet. Die Ehe war kinderlos. Wenn er gezwungen war, seinen Le­benslauf zu schreiben, wurde der nie länger als eine halbe DIN-A4-Seite: Er hatte ihn auch geradlinig aus dem Gym­nasium über die gehobene Laufbahn zu diesem Posten ge­führt, wo er sich nun täglich mit diesem seltsamen Vorge­setzten und dessen unergründlichen Launen auseinander­setzen musste. Es war ungerecht, wie Klammer dem flei­ßigen Sapher seinen von Unbilden oder emotionalen Stür­men freien Lebensweg als spießbürgerlich vorzuwerfen. Er erregte im Gegenteil bei einigen seiner Bekannten Neid wegen der bruchlosen Karriere und der scheinbar geglückten Ehe. Sapher, den nicht einmal die Pubertät arg gebeutelt hatte, vermisste keineswegs die Unordnung eines weniger gesicherten Lebens. Er war mit der ruhigen Beziehung zu Gitta und seinem Beruf, der ihn ausfüllte, zufrieden. Jede Veränderung hätte ihn verstört.

Nikolaus Klammer war der einzige seiner Arbeitskolle­gen, mit dem er sich über Informelles austauschte. Zu den anderen, auch denen, mit denen er täglich zu tun hatte und die ihm von Alter und Einstellung näher waren, war das Verhältnis von seiner Seite zurückhaltend, fast abwei­send. Das lag in erster Linie an Saphers Unsicherheit und an seiner Furcht, sich Mitmenschen freundschaftlich zu öffnen. Er stand nicht zuletzt deshalb und wegen seines auffallenden Kontaktes zu Klammer in dem Ruf, eine Radfahrermentalität zu besitzen, arrogant zu Gleichge­stellten zu sein und sich bei seinen Vorgesetzten Liebkind zu machen. Dass er Klammers Nähe nun wirklich nicht suchte, sondern dieser sich im Gegenteil immer wieder aufdrängte, änderte an der allgemeinen Beurteilung nichts.

Teller klapperten. Die Kantine hatte sich zwischenzeitlich fast geleert. Die Angestellten hinter der Theke räumten Geschirr in die Spülmaschinen und bereiteten sich auf den Andrang zum Mittagessen vor. Klammer kam zurück und stellte drei Tassen Kaffee auf den Tisch. Sapher er­wartete zuerst eine neue Exzentrizität. Aber dann sah er, wie der Dr. einer Person zuwinkte, die sich in seinem Rü­cken befand. Er wandte sich halb herum und sah mit plötzlich einsetzendem Herzklopfen eine junge Frau nä­herkommen, die er vom Sehen kannte, die aber in einem anderen Flügel des Gebäudes arbeitete. Bislang hatte er noch kein Wort mit ihr gewechselt, da beider Abteilungen nur selten Austausch hatten. Nun würde er vielleicht etwas über das gut abgeschirmte private Leben seines Vorgesetzten erfahren können. Er spitzte, ohne es übri­gens zu bemerkten, die Lippen. Die heranschwebende Frau war ungewöhnlich attraktiv und jenen Tic ‚overdres­sed‘, der alle Blicke, auch neiderfüllte weibliche, auf die Qualitäten ihrer Körperlichkeit zog, die sie, sich deren Vorzüge durchaus bewusst, durch Art und Kleidung un­terstrich. Obwohl Sapher sich glücklich verheiratet fühlte und seiner Frau nicht nur aus Mangel an Gelegenheit, sondern auch aus Überzeugung treu war, wurde er doch jedesmal unruhig, wenn diese Schönheit in seine Nähe ge­riet. Er bestaunte sie mit großen Augen. Sie umgab sich mit einer erotischen Aura, mit der er nicht zurecht kam. Er rutschte unruhig mit dem Stuhl zur Seite. Sie setzte sich neben ihn an den kleinen Tisch und und bedachte ihn mit einem abgelenkten Kopfnicken, ohne dabei Klammer aus den Augen zu lassen.

»Sie habe ich gesucht, Herr Dr. Ich brauche Ihre Hilfe. Man hat mir in Ihrem Büro gesagt, dass ich Sie hier fin­den könnte. Bei mir sitzt im Moment ein Herr aus Grie­chenland, der behauptet, er sei vor etwa zwölf Monaten bereits einmal bei Ihnen registriert worden. Nun, im Computer haben wir ihn nicht, wenn sein Name nicht falsch geschrieben wurde. Könnten Sie deshalb in Ihren Akten nachsehen?«, fragte sie Klammer geschäftig und beugte sich halb zu ihm über die Tischplatte zu ihm hin.

Sapher sah die Beamtin von der Seite an und bewunderte den Profilschnitt ihres Gesichts, die Makellosigkeit ihrer Haut, die kein Pickel verunreinigte, und das perfekte Make-up, das sie morgens wahrscheinlich ebenso lang be­schäftigte wie der Sitz ihrer schwarzen, glatten Haare, die sie halblang trug. Sie hatte ein eng geschnittenes, grauka­riertes und sommerlich leichtes Kostüm an, dessen kurzer Rock im Sitzen viel von ihren bemerkenswert langen, haarlos glatten Beinen freigab, die in solch bedrohlicher, augenfälliger Nähe nicht gerade zu Saphers Seelenruhe beitrugen. An jedem Finger ihrer linken Hand steckten Ringe, sogar am Daumen. Sapher, den bereits der eine Ehering beim Tippen behinderte, fragte sich, wie sie auf diese Weise beladen arbeiten konnte. Der unauffällige Ge­ruch ihres Parfüms, der ein wenig an Rasierwasser erin­nerte, hing über dem Tisch. Sapher war viel zu sehr Ehe­mann und sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten be­wusst, als dass er diese Schönheit mit dem Aussehen sei­ner Frau in Vergleich gebracht oder gar an den Versuch eines Flirts gedacht hätte. Sie war ihm ein lebendig ge­wordenes Model aus einer Modezeitschrift, viel zu perfekt und unnahbar, um in seiner Welt Realität zu nehmen. Klammer schob ihr über den kleinen Tisch einen der Kaf­fees entgegen. Sapher dachte in diesem Moment, die bei­den seien trotz des Altersunterschieds ein schönes Paar. Die Frau ignorierte das angebotene Getränk und holte aus ihrer kleinen Umhängetasche einen Zettel.

»Ich habe hier seine Personalien. Sein Name ist Konstan­tin Papadopoulos Kata … tasakinthoki … kiakis«, entzif­ferte sie und stolperte zweimal über den vielsilbigen Nachnamen, »was für ein Name! Können Sie, wenn Sie Ihre Kaffeepause beendet haben, nachsehen, ob Sie eine Akte über ihn haben? Es wäre wichtig.« War da ein Vor­wurf über ihren augenblicklichen Aufenthaltsort in ihrer Stimme? Sapher glaubte es fast.

»Konstantin Papadopoulos Katasakinthokiakis, selbstver­ständlich.« Der Name kam Klammer verblüffend glatt von den Lippen. Er nahm der Beamtin den Zettel ab und reichte ihn Sapher. »Sie werden sich doch darum küm­mern? Darf ich Ihnen übrigens meinen Herrn Kollegen, Monsieur Benjamin Sapher, vorstellen? Ich glaube, Sie hatten noch nicht das Vergnügen.« Er sprach den Namen wieder französisch aus.

Sapher warf einen scheuen Blick auf die Frau neben ihm. Er wollte Klammer berichtigen, sagte dann aber nur:

»Angenehm.« Wenn er ehrlich war, klang sein Name fran­kophon in der Tat besser; es schwangen ein ‚laissez faire‘ und Weltgewandtheit mit.

»Und das ist unsere Frau Rothschädl.«  Sie runzelte die Stirn, sah kurz zu Sapher, nickte erneut, registrierte wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst seine Existenz. Ihr waren herrlich grüne, goldgesprenkelte Augen zu ei­gen, deren durchdringender Blick Sapher ein plötzliches weiches, wie durchsackendes Gefühl im Unterleib be­scherte. Er knitterte unschlüssig den Zettel mit dem Na­men des Griechen in seiner Hand.

»Sie trinken doch mit uns einen Kaffee?«, bestand Klam­mer.

»Aber Herr Katasakinthokiakis wartet auf mich in mei­nem Büro …« Jetzt kam auch sie mit dem fremdländi­schen Namen zurecht. Klammer streckte flink den Arm nach vorn und berührte sanft ihren Handrücken.

»Sie bleiben«, sagte er mit Nachdruck und die Beamtin blieb tatsächlich, offenbar war sie von seinem bestimmen­den Tonfall überrascht. »Lassen Sie Ihren Herrn Katasa­kinthokiakis ruhig warten. Ihr Anblick ist in der Tat ein wenig Geduld wert. Odysseus hatte zwanzig Jahre Ge­duld, bis er endlich seine schöne Penelope in die Arme nehmen konnte und schließlich steckt in jedem Griechen etwas von diesem listenreichen Heroen. Wir führen hier ein interessantes Gespräch, das Sie mit Ihrer Anwesen­heit bereichern würden. Bitte, Ihr Kaffee.«

Er schob die Tasse mit zwei Fingern der rechten Hand nä­her an die Beamtin heran. Sie führte den Kaffee tatsäch­lich sofort zum Mund, nippte. Dabei sah sie Klammer ins Gesicht, wirkte für einen Augenblick wie hypnotisiert.

»Nicht wahr, Frau Rothschädl, ich habe Sie erst kürzlich im Brandwirt auf der Lesung von Stefan Kappnath gese­hen«, fuhr Klammer fort. »Wann war das, am Dienstag vor einer Woche?«

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 4. Kapitel (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

4. Kapitel
Der Sonne entgegen

Auch wenn es jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden hatte: Selbst diese längste alle Nächte hatte ein Ende, auch wenn ihre Schwärze ewig zu währen schien. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen östlichen Firmament über der Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte und hob sich dann während ihrer Wanderung gemächlich über den Ufern des Südmeers empor. So, wie sie es treu und zuverlässig an jedem Tag machte, den die Allerbarmende ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte, bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehrte und allen Tagen ein brennendes Ende bereitete, würde die Sonne ihre unbarmherzige Glut weiterhin auf Karukora herabsenden.

Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und selbst dem elfenbeinernen Palast nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur 25 Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel gewechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Süden von Nearoma, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber jemals zu betreten wagten und kaum einer von ihnen wieder lebend verlassen hatte. Die Sonnenstrahlen erhellten auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken, die Gärten und Hinterhöfe der ziegelroten Häuser, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem im Armenviertel Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler teilten. Auch Karukoras Bürger hatten sich wie die Hunde in ihre Behausungen zurückgezogen, hinein in ihre Häuser und Wohnungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann hatte seinen Laden geöffent, die Bazaare waren wie leergefegt und die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab. Kein Wagen rumpelte über das Pflaster, kein Kahn fuhr den Syris hinab. Die Stadt hielt den Atem an.

Die Maratschleusen hinter der Stadt waren mit schweren Ketten gesichert und verhinderten den Schiffsverkehr auf dem Strom. Auch die die fünf großen Karawanentore in der Stadtmauer waren auf Befehl des Namenlosen am Morgen nicht geöffnet worden. Selbst die Wächter der Miliz vernachlässigten ihre Befehle und hielten sich lieber in ihren Kasernen und Türmen versteckt, als die Wehrmauern zu bewachen. Aus diesem Grund gab es trotz der Schließung der Hauptwege viele unbewachte kleine Ausgänge, die aus Karukora hinaus in die umliegenen Wüsten führten. An diesen Stellen war die Stadt wie ein lecker Eimer, aus dessen vielen kleinen Löchern ungehindert das Wasser herausfloss. Hier fand der suchende Blick der hitzigen Sonne endlich Menschen, getriebene, gejagte und verzweifelte Gruppen und Familien, die sich ihrer Wut mit Schweißperlen auf der Stirn aussetzten und nur mit dem Nötigsten ausgerüstet, das sie in der Eile hatten zusammenraffen können, auf staubigen, schmalen Wegen mit allerlei Fuhrwerken und auf Tieren oder eilig zu Fuß aus der Stadt flohen. Sie alle fürchteten Verfolgung, Krieg, Elend und Hunger. Schließlich waren im Palast in der nicht enden wollenden gestrigen Nacht der Herrscher der Lamargue und seine gesamte Gefolgschaft ermordet worden. Dieses Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer durch die Gäste, die Ómers katastrophalen Gastmahl entkommen waren, verbreitet. Niemand der nun im Feuerglast der Sonne Flüchtenden wollte noch in Karukora sein, wenn Rauls Söhne oder seine Witwe Genugtuung einforderten und mit ihren Heeren die Stadt angriffen und belagerten. Die meisten von ihnen wandten sich nach Westen oder Süden, hin zu den vermeintlich sicheren großen Oasenseen und der Küste. Doch es gab auch zwei Wägen, die sich unberirrt der aufgehenden Sonne entgegen bewegten, auf einem Weg, der sich bald in der wasserlosen, steinigen Toten Wüste verlieren würde.

Der hintere war ein klappriger, mit einer Plane abgedeckter Karren, den ein unwilliger Esel zog und vor ihm mit großem Abstand ein grüngestrichener Kaufmannswagen mit zwei Mauleseln im Geschirr, wie man ihn häufig nordöstlich des Großen Walls antraf, der aber hier in der Wüste völlig fehlplaziert wirkte. Auf dem Kutschbock des zweirädrigen Karrens, einem rohen Querbrett ohne Rückenlehne, saßen nebeneinander Sirtis, Selin und Semira. Die Tochter des Märchenerzählers hielt die Zügel in den Händen und schnalzte regelmäßig mit der Zunge, um den Esel anzutreiben, damit sie mit Juels schnellerem Wagen einigermaßen Schritt halten konnte. Ab und zu sah sie lächelnd zur Seite zu den beiden jungen Leuten, die gegeneinandergelehnt schlummerten. Es war tiefer Schlaf der Erschöpfung, aus dem sie nicht einmal aufschreckten, wenn die Räder über ein Schlagloch der selten befahrenen und schlechten Straße rumpelten, die eine Tagesetappe entfernt in dem elenden und winzigen Wüstenweiler Matorka endete. Allerdings erklang dann jedesmal ein schmerzvolles Aufstöhnen von hinten, wo der noch immer gefesselte und geknebelte Ómer zwischen ein paar Säcken mit Salz unter der Plane lag. Die meisten Vorräte hatten die Flüchtigen in Juels Wagen umgeladen, damit der Esel nicht zu sehr belastet wurde. Sirtis wusste nicht, warum der dicke Kaufmann und Dieb darauf bestanden hatte, den verräterischen ehemaligen Vezir auf der Flucht mitzunehmen. Sie empfand ihn als einen unnützen Klotz am Bein, dem sie am liebsten mit der scharfen Klinge ihres Küchenmessers die Kehle durchschnitten hätte, um ihn wie ein Lamm, das sie für ein Festmahl schlachtete, ausbluten zu lassen. Aber sie hatte Juel, dem Ludo sorriento, gehorcht. Wenn einer wusste, was er tat, dann wohl der legendäre Meisterdieb.

Mit ihrem Vater Alis, in dessen Rachepläne Sirtis eingeweiht war und die sie, obwohl sie ihr Misslingen befürchtete, billigte, hatte sie ursprünglich vereinbart, auf ihn und Selin vor einem der kleinen Osttore zu warten, um dann mit ihnen gemeinsam nach Paradis zu flüchten. Doch dann sah alles ganz anders aus. Kurz vor ihrem Aufbruch hatte sie durch eine Nachricht von Muhar, der sie ihr durch einen Küchenjungen des Palasts überbringen ließ, erfahren, sie solle sich in der Alhaşra-Karawanserei mit dem Diener des Ludo sorriento, der auf Wunsch der Diebesgilde am Raubzug teilnahm, treffen. Selbstverständlich hatte Sirtis schon von dem Meisterdieb gehört und wusste sogar ein paar erstaunliche Märchen über ihn und seine abenteuerlichen Unternehmungen zu erzählen. Obwohl diese Geschichten sicherlich maßlos übertrieben waren, hörte man sie gerne auf den Bazaaren und Sirtis schöpfte sofort die Hoffnung, dass es mit seiner Hilfe doch gelingen konnte, zum Falkenthron vorzudringen und den „Weg, der in den Tag führt“ zu stehlen. Als Selin mit seinen vier Begleitern – Jalah hatte die Gruppe verlassen, nachdem sie endlich aus den Katakomben des Palastes herausgefunden hatten -, schließlich bei der Alhaşra-Karawanserei vor dem Ambra-Nordtor aufgetaucht war, in der Sirtis und Tonino ungeduldig auf sie gewartet hatten, hatte Sirtis sofort zu Juel Zutrauen gefasst, obwohl sie ihm noch nie zuvor begegnet war. Es hatte ihn zwar niemand gewählt, aber es stand außer Frage, dass er die Anführerschaft der Gruppe übernommen hatte und jeder auf ihn hörte. Er strahlte Entschlossenheit und Überzeugungskraft wie kein anderer in der Gruppe aus.

Inzwischen war ihr klar, dass Alis‘ kompizierter Racheplan nicht vollständig funktioniert hatte, denn er selbst hatte es ja nicht geschafft, rechtzeitig den Palast zu verlassen und an der Karawanserei zu ihr zu stoßen. Schweren Herzens hatten die beiden Wägen ohne ihn gen Paradis aufbrechen müssen, denn die Zeit lief ihnen davon und mit jedem Augenblick, den sie alten Märchenerzähler warteten, wuchs die Gefahrn von den Treuwächtern des Namenlosen gefunden und festgenommen zu werden. Ob ihr Vater sich nur verspätet hatte und noch nachkommen würde, ob er gefangen, verletzt oder gar bei der blutigen Schlacht im Palast getötet worden war, wusste Sirtis nicht, denn sie hatte keine Nachricht mehr von Muhar erreicht, aber sie befürchtete das Schlimmste. Doch es war gut, dass der Ludo überraschend beschlossen hatte, sie und Selin nach Paradis zu begleiten. Über seine Gründe sprach er nicht, aber er war sicherlich ein Gewinn für die Unternehmung. Sirtis hätte auch gerne Semira oder den Mönch gefragt, wie sie zu der Gruppe gestoßen waren und warum sie beide wild entschlossen waren, mitzukommen, war aber in der Hektik des Aufbruchs nicht dazu gekommen. Der dürre, ausgemergelte Alte hatte nur mit den Achseln gezuckt und sich aus den Waren in Juels Wagen wüstentaugliche Kleidung herausgesucht. Das hatte auch Semira getan, die ihren schmutzigen, nur noch aus Fetzen bestehenden Sarê gegen eine knielange, robuste Hose und ein weites Männerhemd getauscht hatte, die ihr einigermaßen passten.

Und nun schlief sie neben Sirtis an ihren Selin gelehnt auf dem Kutschbock und ein zufriedener und glücklicher Gesichtsausdruck erzählte von den angenehmen Träumen, die sie dabei hatte. Sirtis lächelte und schnalzte mit der Zunge.

Welch seltsame Wege ging doch die Liebe …

[Wird nächsten Sonntag fortgesetzt …]

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 5

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Und da gibt es noch etwas über Ulrich berichten. Ich scheute bislang davor zurück:

Als ich noch auf’s Gymnasium ging, führte der kürzeste Weg von der Schule nach Hause nicht direkt über den alten, gut im Gebüsch alter Hecken verborgenen Spielplatz, dessen einzige Spielgelegenheiten außer einer zum Hundeklo verkommenen Sandkiste aus einer niedrigen Rutsche, dem Gestell einer Schaukel und einem merkwürdigen Karussell bestanden. Die Geräte rosteten in kaum gestörter Stille vor sich hin. Das Karussell ist heute ein Fossil und auch vor dreißig Jahren war es schon eine Seltenheit. Auf seiner fest in den Boden zementierten Achse ruhte ein großes, glatt laufendes Kugellager, das die nahe Maschinenfabrik MAN gespendet hatte. Darauf lagerten wie die Speichen eines Rades acht Holzbalken als Arme, an deren äußersten Enden jeweils auf beiden Seiten schmale Sitzkörbe montiert waren, auf denen man Rücken an Rücken sitzend sich drehen lassen konnte. Lief jemand innen an der Achse mit und schob die ausladenden Arme kräftig an, konnte das Karussell eine Geschwindigkeit erreichen, der entsprechende Jahrmarktattraktionen nichts nahmen. Die Fliehkraft presste einen schmerzhaft in die schmalen Metallbügel, welche verhindern sollten, dass man aus dem Sitz geschleudert wurde. Wer das zweifelhafte Glück hatte, entgegen der Fahrtrichtung zu sitzen zu kommen, benötigte nach ein paar Runden mehrere Minuten, bis der Schwindel soweit nachließ, dass er ohne Sturz ein paar Schritte machen konnte. Muss ich erwähnen, dass wir Kinder dieses Karussell-Monster liebten?

Obwohl das Teufelsgerät wirklich gefährlich war, wurde es nie abgebaut. Im Gegenteil: Aus unerfindlichen Gründen war das Kugellager des Karussells immer geschmiert und üppig eingefettet und entging deshalb dem allgegenwärtigen Rost, dem der Rest der Anlage ausgeliefert war.

Übrigens verirrten sich nur wenige Kinder in den Spielplatz, aber abends war er der Treffpunkt der Jugendlichen der nahen, uniformen Arbeitersiedlung, die hier in nahezu vollkommener Abgeschiedenheit ihren mir zumindest in der 5. Klasse und 6. Klasse noch recht geheimnisvollen Beschäftigungen nachgingen; die jedoch selten über ein paar Flaschen Bier und eine eilig mit schlechtem Gewissen gepaffte Zigarette hinausreichten. Ich kann mich nur an einmal erinnern, dass ich im Ginstergebüsch hinter der Schaukel ein benutztes Kondom fand, dessen Sinn mir allerdings nicht im entferntesten klar war und das ich zuerst für einen dieser Quallenleichname hielt, die ich bei einem Italienurlaub so zahlreich am Strand gefunden hatte. Ähnlich kadaverhaft erschien mir denn auch der schlaffe, durchsichtige Plastikschlauch mit seiner undefinierbaren, schleimigen Füllung. Das Ganze wirkt auf mich allerdings nur deshalb obszön, weil es mir hier in den Sträuchern fehlplatziert erschien. Ich hob das mysteriöse Etwas vorsichtig mit einem Stock auf und begrub es in der Sandkiste, wo es sicher noch heute ruhen würde, wenn man nicht nach Tschernobyl der verseuchten Sand erneuert hätte.

Meist waren jedoch meine Streifzüge durch das Gebüsch erfolgreicher und ich fand, was ich in Wirklichkeit suchte: Halbgerauchte und achtlos zur Seite geschnippte Zigaretten. Dabei hatte ich zwar die Konkurrenz der Penner, diese verließen jedoch nur selten die Bänke am Eingang des Parks, die in so praktischer Nähe zum Mittagstisch der Caritas aufgestellt waren. Die liebsten Stummel waren mir die, an deren Filter Lippenstift hing. Dessen wächsernes, oft fruchtiges Aroma verband sich aufregend mit dem feuchten Nikotingeschmack. Das Rauchen dieser Stummel war mein erstes sexuelles Erlebnis. Ähnlich exotisch mussten auch die Küsse dieser Mädchen schmecken, die hier der begangenen Sünde bewusst ihre Zigaretten lässig zwischen ihre Lippen geklemmt gepafft hatten. Leider bin ich nie einer begegnet, da sie ja erst bei Einbruch der Dunkelheit zum Spielplatz kamen. Die Mädchen, die ich später küsste, schmeckten nachgerade enttäuschend anders.

Den Spielplatz am Lueginsland gibt es übrigens noch immer, er ist einer der magischen Orte, die nach Kindheit schmecken, er ist unverändert, die Geräte sind vielleicht etwas rostiger und scharfkantiger; schlägt man mit der Faust gegen eines der Rohre der Schaukel, kann man es wie Sand rieseln hören. Ach, ja, die Büsche sind dichter geworden. Sonst ist alles gleich. Noch immer treffen sich die Jugendlichen dort, sie haben den Platz von ihren Eltern geerbt, die ihn scheinbar vergessen haben. Heute treffen sich hier in der Hauptsache junge Ausländer, Türken, Griechen. Es wird mehr geraucht, weniger getrunken und die Mädchen heben vermutlich noch seltener ihre Röcke. Der Kies ist nun übersät von Kippen, es sind inzwischen so viele, dass ein Junge, der heute meiner damaligen Beschäftigung nachgeht, im Überfluss leben kann. Ein-, zweimal im Jahr, am liebsten im nebligen Spätherbst, wenn die verfaulende, verwesende Natur feucht und fett auf dem Laub lastet, besuche ich meinen totgesagten Park. Jedes Mal falle ich dann auf den Stillstand der Zeit herein, dieser Leiche in meinem Keller. Da mag es nicht weiter verwunderlich sein, dass es mir immer schlecht wird, wenn ich das Karussell sehe.

Für Ulrich war der Spielplatz ein Abenteuer der besonderen Art, seine ideale Folterkammer, die wenigen Geräte dort forderten seine Phantasie heraus. Besonders hatte es ihm das Karussell angetan. Es gab für ihn nur wenige Dinge, die ihn so erheiterten, wie mich in einem der Sitzkörbe zu fesseln und das Gefährt gemeinsam mit seinen Freunden zu beschleunigen. Anschließend weideten sie sich daran, dass ich wie ein Volltrunkener durch eine richtungslose Welt torkelte oder mich in die Sandkiste erbrach.

An dem hellen Frühlingstag – wir gingen gemeinsam in die 5. Klasse -, schleppte er mich bereits am Morgen vor dem Unterricht in den Park. Unterwegs begann er, sich mit Knüffen und Schlägen zu unterhalten und aufzuwärmen. Da ich wieder einmal nicht besonders auf ihn achtete, sondern den Träumereien eines Elfjährigen nachhing, kam er nach und nach in die richtige Stimmung, mehr zu unternehmen. Als sich dann uns seine beiden Kumpane anschlossen, hatte er sich längst entschieden und wir bogen ab zu der Folterkammer. Ob Uli im Physikunterricht gerade etwas über die Fliehkräfte gehört hatte, oder – ich habe ja schon erwähnt, wie einfallsreich er quälen konnte – einfach nur einen guten Einfall hatte, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall ging er ohne Zögern und zielstrebig zu Werke.

Er gab seinen Folterknechten knappe, präzise Anweisungen, die diese prompt ausführten. Sie zogen mich an das Karussell und setzten mich entgegen ihrer normalen Praxis nicht auf eine der Sitzflächen, sondern banden mich seitlich mit meinem Gürtel an einen der langen Ausleger. Dreck am Stiel, kommentierte Ulrich und erntete sogar von mir einen kurzen Lacher. Noch hatte ich nämlich nicht erfasst, was auf mich zukam. Wenn sie mich die üblichen Runden drehen ließen, war immer auch etwas Lust für mich dabei, vor allem, wenn sie mich so ausdauernd herumschleuderten, dass ich die Übelkeit überwand und in einen Rauschzustand gelangte.  Doch diesmal wurde es entsetzlich. Alle drei gingen in die Mitte und setzten das schwere Karussell in Bewegung. Meine Arme wurden nach vorn gerissen und ich begann stolpernd, dann immer schneller hinter dem Sitz, an den ich gebunden war, herzurennen. Nach zwei Runden war das Tempo allerdings zu groß für mich. Ich fiel schwer nach vorn in meine Arme und wurde ohne Erbarmen weiter geschleift. Ich schrie vor Schmerzen. Das war ein Fehler, dadurch spornte ich sie noch an. Es war genau das, was sie von mir hören wollten. Meine Sandalen rutschten nach außen über den Boden, ein kompliziertes Muster im Sand hinterlassend. Dann, angefeuert durch Ulrich, gelang es ihnen, die Geschwindigkeit so zu steigern, dass meine Füße endlich den Kontakt zum Kies verloren. Als sich mein Körper nach oben drehte und ich im Kreis durch die Luft flog, knackte es bedrohlich in meinen Schulter- und Handgelenken, ich hörte das Geräusch deutlich, es übertönte den Jubel meiner Peiniger. Der Schmerz, der sich längst nicht mehr auf eine Stelle lokalisieren ließ, sondern im ganzen Körper brannte, machte mich so atemlos, dass ich nicht einmal mehr schreien konnte. Wieder und wieder und immer noch schneller drehte sich das Karussell. Die hellen Blätter des Baumes über mir wurden mir zu verwischten Schlieren, zu pulsierenden, zuckenden Ringen. Ich schloss die Augen.

Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, war ich allein auf dem Spielplatz. Ich lag unter dem Karussell; sie hatten mich losgebunden, bevor sie feige geflohen waren. Meinen nun blutigen Gürtel hatten sie achtlos zur Seite geworfen. Ich konnte mich lange nicht bewegen. Jedes Mal, wenn ich meine Lider schloss, dann tanzten wieder jene gelben, platzenden Ringe vor meinen Augen, bis ich sie wegen eines stechenden Schmerzes in den Armen erneut aufriss. Es mag angesichts der Schmerzen, die ich empfand, unglaubwürdig klingen, aber ich war nicht gefährlich verletzt. Gut, die Arme waren überdehnt und gezerrt, genauso eines der Beine, die Handgelenke und die Fersen waren blutig aufgescheuert, ich hatte viele blaue Flecken und einen mächtigen Bluterguss am Gesäß, von dem ich nicht wusste, wie er entstanden war, aber das war auch schon alles. Nachdem ich wieder stehen konnte, humpelte ich davon, säuberte mich notdürftig am nahen Hexenbrunnen. In der Schule war meine Ausrede vom Fahrradunfall, wegen dem ich auch über eine Stunde zu spät kam, glaubwürdig. Der Konrektor, ein Überbleibsel aus dem „Tausendjährigen Reich“, examinierte mich oberflächlich und streng, behandelte meine offenen Wunden mit Wasser und Jod. Dann stellte er fest, dass ich durchaus in der Lage war, am restlichen Unterricht des Tages teilzunehmen. Meine Eltern wurden nicht informiert.

An diesem Tag kamen Gerd und Albert in die 5a, um für ihre Jugendgruppe beim ND zu werben.

[… wird fortgesetzt …]

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 4

Der folgende Text ist ein weiterer Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“ aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Ich glaube, ich habe noch nicht von Ulrich erzählt. Auch er ging in meine Klasse und er war ein Sadist. Er ist schon mit Mitte 20 bei einem Motorradunfall gestorben.

Es war Ulrichs liebstes Vergnügen, mich auf den alten Kirschbaum vor dem Miethaus zu jagen. Er nannte dieses Spiel „Katz und Hund“. Ich wusste, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffen würde, in die Äste zu kommen, dann würde er mich beißen, in das Bein, in den Po, wo auch immer er mich eben erwischen würde. Diese Bisse hinterließen oft blutende, schmerzhafte Wunden, sie verschonten jedoch in der Regel die Hose, so dass meine Mutter nie etwas bemerkte. Wenn mir dann die Zeit im Geäst zu lang wurde und ich wieder herabstieg, würde er mich zur Strafe für meine langsame Reaktion auch noch verprügeln.

Wenn ich aber flink genug war und seinem Zugriff entkam, dann bellte er mich ein paar Mal wie ein Hund an und trollte sich. Auf den Baum kletterte er nie, er war mein Refugium, eine Freistatt, die wir mit dem archaischen Begriff „Ghotto“ bezeichneten, ohne dessen etymologische Herkunft zu kennen. Diese Zufluchtsmöglichkeit gehörte zu seinem Spiel, es erhöhte für ihn den Reiz.

Ich hatte daher bald eine Art von sechstem Sinn dafür entwickelt, ob er mir auflauerte. Nur selten erwischte er mich noch unvorbereitet. Meist befand ich mich bereits in vollem Lauf, den Stamm der dürren Kirsche fest im Blick, wenn ich zum ersten Mal sein wölfisches Heulen und seinen hechelnden Atem hinter mir zu hören bekam.

Trotz dieses Vorsprungs war die Jagd jedesmal von neuem ein Glücksspiel. Der Weg von der Milchglastür unseres Wohnblocks an den Parkplätzen vorbei über den mageren, fleckigen Rasen zum Baum war weit. Natürlich war der trainierte und zwei Jahre ältere Uli viel schneller und ausdauernder als ich. So hatte er mich in schöner Regelmäßigkeit beinahe erreicht, wenn wir nah genug an die Kirsche herankamen, damit ich einen Sprung in den unteren Astkranz wagen konnte. Meine Chancen, diesen Sprung so sauber auszuführen, dass ich mich sofort zum zweiten hochziehen konnte und seinem Zugriff auf diese Weise entkam, waren eigentlich recht gut. Von zehn Sprüngen gelangen mir sieben oder acht. Die Ausnahmen jedoch, bei denen ich vorbei sprang oder an den Ästen ausrutschte und wie ein Kartoffelsack vom Baum fiel, waren unangenehme Erfahrungen. Deshalb hatte ich bereits Nachmittage damit verbracht, meinen Satz in die Kirsche zu üben und zu perfektionieren.

Auch diesmal glaubte ich, den richtigen Absprung bei genau der richtigen Geschwindigkeit erwischt zu haben und hatte bereits fest den breiten, unteren Ast unter meinen Fußsohlen. Ich richtete mich auf, um nach oben zu greifen. Offenbar hatte mich Ulrich beinahe erhascht; denn wütend darüber, dass ich ihm buchstäblich im letzten Augenblick aus den Fingern geglitten war, brach er erstmals eigenmächtig die Spielregel und fasste nach, erwischte mich unten am Hosenbein und wollte mich zu sich herab ziehen. Da ich in diesem Moment bereits frei balancierte, konnte ich das Gleichgewicht nicht halten und stürzte deshalb mit hocherhobenen Händen vornüber vom Baum. Das war keine weite Strecke – gerade mal ein Meter. Mit geübten Reflexen bereitete ich mich darauf vor, mich elegant zur Seite abzurollen, als mein Sturz überraschend gebremst wurde.

Ich spürte einen heftigen Schlag gegen dem Mund. Er rührte von einem von oben in meine Falllinie hinein hängenden Ast her, über den ich mit dem Gesicht schrammte. Ein kleines Stück Holz, ein nur einige wenige Zentimeter langer toter Zweig schob sich wie ein glühender Stahl in den Raum zwischen meinen Zähnen und der Oberlippe. Ich konnte ein Geräusch hören, das klang so ähnlich wie ein zerreißender Lederfetzen. Ich spürte nichts, stellte nur nüchtern fest, dass ich meinen Sturz nach diesem überraschenden Hindernis nicht planmäßig fortsetzen konnte. Deshalb drehte ich mich im Fallen weiter zur Seite und rollte auf dem leicht abschüssigen Gelände mit einem ungelenken, aber immer noch weichen Purzelbaum aus.

Ich lag auf dem Rücken im Gras, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Einen kurzen Moment war ich froh. Die Sache schien glimpflich abgegangen zu sein und ich hatte nicht mehr als ein paar blaue Flecken zu vergegenwärtigen. Meine Mundhöhle war feuchter als normal, als hätte ich gerade einen Schluck warmer Milch auf der Zunge. Diese Milch war salzig. Die Flüssigkeit lief mir aus den Mundwinkeln, in die Nase hinein. Angeekelt richtete ich meinen Oberkörper auf. Das heißt, ich versuchte diese Bewegung, denn erst jetzt spürte ich den Schmerz, den der Ast durch meine Lippe und mein Oberkiefer gerissen hatte. Ulrich gelangte in mein Blickfeld. Bevor ich gurgelnd stöhnend die Augen schloss, sah ich noch, dass er würgte und sich neben mir erbrach.

„Das wird ihm eine Lehre sein“, dachte ich erleichtert und an diesem Gedanken hielt ich mich die folgenden alptraumhaften Stunden und Tage fest. Ich hätte den Gedanken gern ausgesprochen, aber bis es mir wieder gelang, ein paar verständliche Worte zu nuscheln, dauerte es fast einen Monat. Die Wunde – ein fingerbreiter Riss an der linken Oberlippe – die mich zudem einen meiner Schneidezähne gekostet hatte, wurde im Krankenhaus genäht und verheilte nur schlecht.

In den Sommerferien bei den Großeltern trug ich noch immer ein Pflaster über der nur langsam heilenden, häßlichen Narbe.

[… wird fortgesetzt …]

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