Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Den Weltuntergang ordnen – Die „Brautschau“-Chronologie

1. Geschichte einer endlosen Saga

1987 – damals war ich 24 Jahre jung –  schrieb ich die ersten vier Kapitel eines Fantasyromans, der in einer dystopischen Zukunft spielen sollte. Ich widmete mein Werk Frau Klammerle, die ich in diesem Jahr heiratete. Ich nannte ihn beziehungsreich „Brautschau“ und es ging um den jungen, naiven Half, der von seinem kleinen Dorf in der Provinz hinaus in die weite Welt zieht, um dort die Frau seines Lebens zu finden. Die einzige Bedingung, die er an seine Zukünftige stellte, war, dass sie unbedingt blonde Haare haben sollte. Bald schon geriet er allerdings in ein Intrigenspiel zwischen dem angeblichen Kaufmann Juel und den Mönchen Jac und Sahar, die ihn verfolgen und gefangennehmen wollen.

Wie so viele hoffnungsvolle Romananfänge von mir zu jener Zeit hatte auch die Brautschau keine Zukunft. Nach ungefähr 100 Buchseiten legte ich das Projekt zu den anderen Fehlgeburten in meine „Schubladen für verlorene Texte“ und schrieb an anderen Werken. Denn mit Genre-Literatur wollte ich eigentlich nicht bekannt werden, da ich mich als „ernsthafter“ Autor sah. Damit schien auch die Geschichte von „Brautschau“ besiegelt.

Die „Schubladen der verlorenen Texte“

Im Sommer 2013 dann benötigte ich für meinen frisch gegründeten Blog „Aber ein Traum“ Texte, die ich auf ihn stellen konnte(1). Ich hatte auf dem Blog mit einem befreundeten Autor einen Fortsetzungsroman begonnen (siehe hier –>), der durchaus einiges Publikum erreichte. Als wir nach einem hoffnungsvollen Beginn leider in persönliche und literarische Differenzen trudelten und unsere Zusammenarbeit beendeteten, suchte ich nach einem Text, der sich gut für Fortsetzungsromane eignete. Ich fand ihn in meinem alten „Brautschau“-Manuskript. Beim Überarbeiten für den Blog stellte ich fest, dass die alte Geschichte durchaus originell und ausbaubar war und Leser finden könnte. Also begann ich mit der Vorveröffentlichung des alten Textes (siehe hier –>). Ich schrieb einen Prolog, der der Handlung einen tiefergehenden Hintergrund und Erweiterungsmöglichkeiten verschaffte (Dieser Prolog ist mir länger geraten als das Bruchstück, das ich als 24jähriger geschrieben hatte) und dazu noch ein fünftes Kapitel, in dem endlich auch die weibliche Hauptfigur Hetha ihren Auftritt hat. Ich ließ nun auch Sahar das Märchen von „Faiaba“ erzählen, die irgendwo in den Jenseitigen Landen seit Jahrtausenden tiefgefroren auf ihr Erwachen wartet. Damit hatte ich Futter genug, um meinen gefräßigen Blog über Jahre zu füttern. Woche für Woche erschienen die Fortsetzungen und gleichzeitig arbeitete ich auch an dem Buch weiter. Bald wurde mir klar: Wenn ich alles erzählen wollte, dann musste ich aus „Brautschau“ eine klassische und umfangreiche Fantasy-Trilogie machen.  Anfang 2017 war es dann so weit: Der 1. Roman meines Fantasy/SF-Epos hatte 150000 Wörter und ich veröffentlichte die 600 Seiten als Selfpublisher unter dem Titel „Meister Siebenhardts Geheimnis“.

Auch die ersten 100 Seiten des 2. Bandes „Faiabas Erwachen“ waren längst geschrieben und Rest der Saga „durchgeplottet“. Ich wollte eigentlich auf die bewährte Weise weitermachen. Auch die „Faiaba“ wollte ich als Fortsetzungsroman auf meinem Blog vorveröffentlichen. Gleichzeitig würde ich an ihr weiterschreiben, denn das hatte sich als erfolgreiche Methode für mich herausgestellt, um mit einem Text in diesem Umfang zurecht zu kommen.

Doch dann machte mir meine machmal ein wenig überbordende Fantasie einen Strich durch die Rechnung. Denn zu dieser Zeit begann ich auch nebenbei als kleine Fingerübung mit einer kurzen Erzählung, die von Geschehnissen berichten sollte, die sich ein halbes Jahr vor der Brautschau-Trilogie in der Wüstenstadt Karukora ereignen. Auf sie wird im „Meister Siebenhardt“ mehrmals angespielt. Auch für „Der Weg, der in den Tag führt“ bediente ich mich bei einer alten, allerdings komplett verlorengegangen und sehr zynischen Geschichte von mir, die allerdings urspünglich nichts mit „Brautschau“ zu tun gehabt hatte. Eigentlich hatte ich etwa 20000 oder 30000 Wörter für den Text eingeplant, doch daraus wurde nichts. Die Geschichte um Selin und die verlorene Stadt Pardais, in der auch einige Figuren der Hauptreihe „Brautschau“ mitspielen (Juel, Sahar, Miladi etc.), geriet mir unter der Hand länger und länger und hat sich inzwischen zu der umfangreichen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie entwickelt, deren erste beide Bände „Karukora“ (2018) und „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ (2020) bereits erschienen sind und an dessen dritten Buch „Der Schatten von Pardais“ (2022 ?) ich gerade arbeite.

Gleichzeitig will ich selbstredend auch die Hauptreihe fortsetzen. Nach längerem Überlegen habe ich mich jedoch dazu entschlossen, den geplanten und bereits größtenteils geschriebenen Prolog zum 2. Band „Faiabas Erwachen“ aus dem Roman auszukoppeln und ihn als kürzeren Einzelroman im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Auf die bewährte Weise bin ich gerade dabei, ihn hier im Blog als Fortsetzungsroman zu posten. (siehe hier —>)  „Mánis Fall“ ist der Prolog zu „Brautschau“ und sollte eigentlich zuerst gelesen werden ;). Der Roman spielt 5880 Jahre vor „Meister Siebenhardt“ und erzählt von der blonden Studentin Fabia. Ihr Schicksal, das ihres Professors Baruch Rosenthal  und das ihrer Studienfreunde Xaver und Sadie ist über die Jahrtausende hinweg auf das Engste mit dem Schicksal der Hauptfiguren der anderen Romane verknüpft.

Tja. So weit, so gut. Aber wie es bei mir so üblich ist, habe ich kürzlich mal wieder in meiner Schubladen-Vault gestöbert und bin auf einen fast vergessenen Romananfang gestoßen, der etwas umgeschrieben wunderbar in die „Brautschau“-Saga hineinpasst und nun eine Art Geheimprojekt ist, an dem ich nebenzu arbeite, aber bisher noch nichts davon veröffentlichte. Es soll „Die Zauberlehrlinge von Italmar“ heißen, spielt etwa zehn Jahre vor der Haupt-Trilogie  und verknüpft einige lose Fäden. Die Hauptfiguren sind u. a. Juel, Jac und Adelf, der ja eine recht prominente Rolle in „Karukora“ spielt. Wahrscheinlich wird wieder eine Trilogie daraus – mal sehen …

Wir lesen uns …


(1) Ein Blog ist ein Moloch, der frisst und frisst und frisst und ständig neuen Nachschub benötigt, wenn er sein Publikum halten will. Die Follower springen einem sofort ab, wenn man mal ein- zwei Wochen lang nicht bloggt. Zeitweise war ich ein Getriebener und veröffentlichte siebenmal in einer Woche. Erfolg hatte ich damit allerdings nicht: „Aber ein Traum dümpelt friedlich vor sich hin – mit seit Jahren konstanten 150 Followern, von denen aber höchstens eine Handvoll ihn ab und an besuchen kommt. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden und betrachte den Blog als persönliches literarisches Tagebuch, in das ich schreibe, wenn ich Lust habe. „Aber ein Traum“ ist mir inzwischen eine Art virtuelle „Schublade der verlorenen Texte“.

Mánis Fall (Kapitel 1.9)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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Und hinab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig be­fahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng bei­einander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Poli­zeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie die junge Frau, der sie mit ge­ringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Pro­bleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unter­binden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf ei­ner scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahinjagend, beschleunigte sie immer weiter, reizte den Motor bis zu seinen Grenzen aus. Der Steuerknüp­pel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben er­ahnte, leg­te seine Hand auf ihre und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und weiterhin unter Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mör­derisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes einge­blendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren waghalsigen Plan gefunden. Nur auf diese Weise würde sie die Polizei abschütteln können. Sie bog noch zwei­mal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu ei­ner ausgedehnten Gartenanlage markierte, die dem al­ten Bois de Bologne nachemp­funden war. Links und rechts von dem Tor erhoben sich massive Steinmauern. Selbstverständ­lich war es nur die zeitgenössische Ko­pie eines Tri­umphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, achthundert Jahre altes Relikt aus der be­wegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszuset­zen. Doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang ihr per­fekt, als hätte sie es seit ihrer Jugend geübt. Links und rechts blieben ihr zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durch das Tor gezwängt, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und und milderte dadurch den Fall des Dichters etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheits­dämpfung einge­schaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fa­bias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläser­ne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant empor­steigen ließ, gelang es zwar dem ersten der Verfolger noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu fol­gen, aber die anschließende scharfe Kehre schaffte er nicht mehr. Sein Wendekreis war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Allee­bäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte der Polizeischweber in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winzi­ger Droh­nen aufstieg, die auf allen landwirtschaftli­chen Flä­chen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestor­benen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Polizeischiff erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde auswei­chen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explo­dierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Garten­mauer sprengte. Zum Glück hielt sich kein Mensch in der Nähe auf.

»Bürgerin Winterfeld …«, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbin­dung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung wieder an Omicron ab, der den Flieger auf den rechten Kurs brachte, ihn über die nahe Seine steuerte und in gemäßigtem Tem­po und niedriger Höhe auf das weitläufige Universi­tätsgelände zu­hielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia wäh­renddessen um den jammernden Ra­phaël, dem zwei kaum zu stoppende Blutrinnsale aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Ban­dage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Blutung presste.

»Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden«, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Re­spekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle gelasert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC ken­nen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids „Recht­gläubigem Rotem Reich“ verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regie­rung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die na­türlichen Feinde jeder Demokratie«, steigerte er sich wütend in ein politisches Manifest.

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindru­ckende, glänzende Fassade des Gebäudes reichte fünf­zehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenl­osen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schrift­steller Jorge Luis Borges „Babel“ genannt. Dort residier­ten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Pro­fessor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenom­mene Außenhülle trotz der sommerlichen Temperatu­ren, die am Boden herrschten, mit Reif bezogen war. Er dampfte eisig. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Men­schen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden an­deren Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels „Walden 3.2“ ging, das einen weltum­spannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur weni­ge NPCs und Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuel­len Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugech­sen zu, die in der Ther­mik unter dem rosafarbenen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Ein­samkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Lee­re und litt an Agoraphobie, gegen die sie sich nie hatte behandeln lassen. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räu­me voller Menschen gewechselt, als die wenigen hun­dert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und er­brach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn. Omicron drehte aufgeregt fiepend enge Kreise um die beiden.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Freitag, 19.06.20 All diese Jahre …

Freitag, 19.06.2020

„Unser eigenes Älterwerden bemerken wir am deutlichsten, wenn unsere Kinder älter werden.“ Dieser Satz ist eine Binsenweisheit, aber er ist nichtsdestotrotz wahr. Heute hat mein Sohn Nr. 1, über den ich hier schon das eine oder andere Mal geschrieben habe, seinen 30. Geburtstag. Er ist damit schon vier, bzw. drei Jahre älter, als Frau Klammerle und ich es bei seiner Geburt waren – die gefühlt erst vor ein paar Wochen stattfand.(1)

Tatsächlich ist aber der 19. Juni des Jahres 1990 so lange vergangen, als wäre er anderen Personen in einem anderen Leben begegnet. Doch er ist einer der wenigen Tage, die mir bis in ihre Einzelheiten hinein in die Erinnerung eingebrannt sind. Dieser Dienstag vor 30 Jahren hat mein Leben (und freilich auch das von Frau Klammerle) vollkommen umgekrempelt und unsere Lebensziele neu definiert.

Es war ein heißer Tag, der ganze Juni 1990 war im Gegensatz zu dem in diesem Jahr sonnengeflutet und hochsommerlich. (2) Und wir lebten in einer anderen, sorgloseren Welt. Die Mauer war zwar einem halben Jahr gefallen,  es gab – zumindest  auf dem Papier – zwar noch zwei deutsche Staaten, aber der Ostblock war Geschichte und die blutigen Geburtswehen des heutigen Europas in den Balkankriegen hatten noch nicht begonnen. Noch waren die Revolutionen unschuldig und hoffnungsvoll. Nr. 1 in den deutschen Charts war Mathias Reim mit „Verdammt, ich lieb‘ dich!“ Es herrschte ein Gefühl der Erleichterung und des Optimimus‘ vor. Und es war Sommer und was für einer! Beckenbauers robuste Fußballnationalelf, die sich 1990 ihren 3. Stern eroberte, spielte an diesem Tag gegen Kolumbien und dieses Match war auch im Krankenhaus den meisten Leuten wichtiger als die Geburt von Nr. 1, den Frau Klammerle just während der Partie am frühen Abend  um 18:49 Uhr zur Welt brachte. Damals … Meine Hände zuckten gerade kurz von der Tastatur zurück. Es ist merkwürdig in diesem Zusammenhang von „damals“ zu schreiben, aber zu meinem Erschrecken passt es. Das war tatsächlich „damals“. Ich fühle mich gerade, als würde ich meinem Vater lauschen, wenn er vom Krieg erzählte. Also:

Damals gab es noch keine Handys, aber die Hebamme machte kurz nach der Geburt eine Polaroid-Aufnahme. Sie zeigt, inzwischen stark nachgedunkelt, zwei frischgebackene, durchschwitzte, vor Glück fast platzende Eltern mit einem zufrieden lächelnden, dunkelhaarigen, später strohblonden Neugeborenen (3100 g) zwischen sich. In meinem Gesicht steht eine faszinierte Verwirrung und auch Unsicherheit, die auch noch eine ganze Weile anhalten sollte. War mir da schon bewusst, dass mit diesem Gast, der sich für länger bei uns einnisten wollte, mein Leben in einen neuen Abschnitt eingetreten war? Dass ich mir von einem Moment auf den anderen Verantwortung aufgeladen hatte und mein Leben vorkommen umkrempeln musste?(3) Ich war damals, mit 27, noch immer damit beschäftigt, erwachsen zu werden. (4) Wir wohnten in einer billigen 3-Zimmer-Wohnung in der Augsburger Jakobervorstadt. Frau Klammerle arbeitete bereits als Kinderkrankenschwester in der Frühgeborenen-Intensivstation des Krankenhauses, in dem Nr. 1 das Licht der Welt erblickte. Ich tänzelte und pubertierte noch. Ich war in meiner ersten Phase als Autor und schrieb meine „Jahrmarkt“-Romane, hielt Lesungen, plante Theaterstücke, verplemperte meine Zeit im „Sommacal“ und im“Anna Pam“ und versuchte vergeblich, berühmt zu werden. Nebenzu prokrastinierte ich zuerst BWL, dann Informatik und das wenige Geld, das ich verdiente, kam über eine selbstständige Dozententätigkeit in der Hauptsache für die Papierfabrik Haindl herein, bei der ich Mitarbeiter-Schulungen in Bürosoftware (5) abhielt. Die ließ ich mir zwar schamlos gut bezahlen, aber sie fanden unregelmäßig und in großen Abständen statt. Bereits morgen würde ich einen dreitägigen Kurs in einem so überhitzten Raum unter dem Dach einer Firma leiten, dass dort ständig die Computer ausfielen und man auf den Netzteilen Spiegeleier braten konnte.

Schon bald würde Haindl in die Wirtschaftskrise der frühen 90er schlittern und auf meine Dienste verzichten; mein Informatikstudium scheitern. Und meine Bücher? Ach, eine Absage und eine Erniedrigung nach der anderen! Um überhaupt über die Runden zu kommen – Frau Klammerles Gehalt als Kinderkrankenschwester war lächerlich niedrig -, jobbte ich als Postzusteller und begann dann eine neue Ausbildung. Während unserer Arbeitszeiten (Frau Klammerle machte meist Nachtwachen) passte oft meine Mutter auf Sohn Nr. 1 und drei Jahre später auch auf Nr. 2 auf. Wir waren arm, es war anstrengend, aber im Nachhinein betrachtet, war es wahrscheinlich die glücklichste Zeit unseres Lebens.

Also gut, dann bin ich also alt! (Im Gegensatz zu Frau Klammerle, der es irgendwie gelingt, niemals alt zu werden) Heute wird gefeiert. Nr. 1 ist 30 geworden und er ist uns wohlgeraten. Längst ist er von zuhause ausgezogen, hat nach dem Abi in Freiburg und dann in Tübingen Biologie studiert und hat – ja, ich bin stolz – einen Masterabschluss mit einem Einser-Schnitt. Er arbeitet in einer internationalen Firma, die bioanalytische Dienste anbietet. Diese Arbeitsstelle hat ihn durch Zufall wieder nach Augsburg gebracht. Aber jetzt klingelt es an der Tür. Dort steht er mit einem selbstgebackenen Kuchen in der Hand.

Ein paar Tage später auf unserer Wohnzimmercouch. Ich wirke noch immer etwas verunsichert.

_________________________

(1) Nr. 1 hat selbst noch keine Familienplanung im Sinn; ja, er ist noch nicht einmal der Frau begegnet, mit der er eine gründen möchte. Er ist noch zu haben. Falls du, liebe Leserin dieses Blogs, ernstgemeintes Interesse daran haben solltest, mit ihm in Kontakt zu treten und es dich nicht abschreckt, dass du dadurch unter Umständen auch mich persönlich kennenlernst, dann schicke mir eine Mail. Ich leite sie an meinen Sohn weiter.

(2) Dieser Hitzesommer 1990 taucht übrigens in einigen der Geschichten, die ich in dieser Zeit schrieb, wieder auf; besonders in meinem Roman „Nutzlose Menschen“ (überall im Buchhandel erhältlich) und in der Erzählung „crisis“.

(3) Selbstverständlich ging das nicht von heute auf morgen. Frau Klammerle würde noch eine ganze Weile die einzige Erwachsene in unserer Familie bleiben. Vielleicht ist sie das heute wieder …

(4) Ein Schwabe wird erst mit 40 g’scheit.

(5) Das war die Goldgräberzeit, in der in allen Büros die ersten PCs auf den Tischen standen. Lotus 1-2-3, D-Base und Symphony, DOS-Einführungen. Vielleicht erinnert sich noch jemand. Ich besaß einen IBM-AT-Rechner (16 Mhz), auf dem ich meine Vorbereitungen machte und auch meine Texte abtippte, die ich dann auf einem Nadeldrucker aus der virtuellen Existenz ins Dasein holte. Wenn ich den Rechner morgens einschaltete und er dann über 5 1/4 Zoll-Diskette sein Betriebssytem lud, konnte man noch bequem eine Tasse Tee kochen, bis er sich erschöpft mit „A:>_“ meldete. Nicht nur an den Kindern merke ich, wie alt ich geworden bin …

Mánis Fall (Kapitel 1.8)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

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[<- Zum Anfang]

Wie bei jedem Aufenthalt im Cyperspace hatte Fabia ihr Zeitgefühl verloren und war einige Augenblicke ori­entierungslos und fühlte sich von den Gesetzen der Schwerkraft belastet. Ihr war, als hätte ihr jemand ei­nige ihrer Gliedmaßen amputiert. Sie blinzelte die letz­ten Lichtreflexe der virtuellen Umgebung von ihren Augreyes weg und blickte die beiden Künstler an, die seit einer Weile neben ihr auf ihren gepackten Koffern saßen und ungeduldig auf die Rückkehr ihres Geistes in ihren Körper gewartet hatten.

»Der Schweber sollte gleich kommen«, sagte sie und tatsächlich tauchte wie aufs Stichwort einer der kugel­runden gläsernen Personentransporter vor der Brüs­tung der Terrasse auf und senkte sich dann geräusch­los auf die für ihn vorgesehene Landeplattform hinab. Die beiden Halbschalen der Türen klappten nach au­ßen. Es war nur ein kleines Modell, das Fabia hatte ru­fen kön­nen. Es war eigentlich nur für zwei Passagiere ge­dacht, die nebeneinander in den Schweber passten, aber auf die Schnelle hatte sie keinen geräumigeren Schweber auftreiben können.

»Das wird ja ganz schön eng«, stellte Leon kritisch fest.

»Ich bin auch nicht begeistert, doch dies ist der einzi­ge verfügbare Schweber. Hoffent­lich kann ich ihn bei der Überlast noch ordentlich steu­ern«, überlegte Fabia. »Auf jeden Fall werdet ihr euer Gepäck zurücklassen müssen.«

Raphaël sprang wütend auf. »Das geht auf keinen Fall«, empörte er sich. »Meine wertvollen Gedichtbän­de! Meine Aufzeichnungen – meine Anzüge von Hugo Boss!«

Sein Freund versuchte ihn zu beschwichtigen, wäh­rend Fabia achselzuckend ihren goLEM in die für die Roboter vorgesehene Andockstation des Schwebers hob, wo er die Kontrolle über den automatischen Pilot über­nahm.

»Da!« Raphaël deutete zornig auf Omicron. »Diese Me­tallkugel ist wichtiger als meine Gedichte?«

Fabia platzte der Kragen.

»Und wer steuert die Kiste, wenn wir ihn zurücklas­sen? Etwa einer von deinen alten Dichtern? Außerdem brauche ich Omicron, um zu überleben. So einfach ist das. Ich habe eine schwere, unheilbare Krankheit und ohne regelmäßig Arzneigaben durch das medizinische Modul meines goLEMs sterbe ich. Dann kommt ihr erst von diesem Balkon herunter, wenn der Wohnturm ein­stürzt, weil ein Stück vom Mond in ihn gekracht ist.«

Wie auf einen Befehl sahen alle drei ängstlich nach oben, aber noch immer gab es an dem immer wolken­verhangener werdenden Himmel keine Anzeichen da­für, dass die Katastro­phe knapp bevorstand. Allein der kalte Wind hatte stark aufgefrischt und blies ihnen ins Gesicht. Er trug Brandgeruch mit sich.

»Den Mond sah ich blinken,
nun stirbt und vergeht er.
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
mit eisigem Wehen?«,

zitierte Raphaël leise ein viele Jahrhunderte altes Ge­dicht.

Dann gab sich der junge Lyriker widerstrebend ge­schlagen. Nachdem er zögernd ein einziges Buch aus dem Koffer genommen und in die Tasche ge­steckt hat­te, ließ er sich von seinem Freund auf einen der beiden Schalensitze drängen. Der glatzköpfige Bildhauer quetschte sich zu ihm.

»Wenigstens meinen Verlaine brauche ich, ohne ihn zu leben lohnt sich nicht«, murmelte Raphaël beleidigt.

Fabia setzte sich zu den beiden und die Türen des Schwebers schlossen sich langsam. Zum Glück waren alle drei schlank genug, um nebeneinander in das klei­ne Fluggerät zu passen. Fabia hatte die Armfrei­heit, sich über Omicron mit der Steuerung zu verbin­den. Der Schweber hob ab und die drei wurden nach links aufeinander gegen das Glas gedrückt, als der Flieger elegant über die Brüstung der Terrasse glitt und dann für etwa fünfhundert Meter scharf nach unten kippte, bis er auf halber Höhe des Wohnturms in den Leit­strom einschwenkte. Er ordnete sich in die unüber­schaubare Vielzahl der Fluggeräte ein, die auf dieser Luftstraße zwischen den himmelhohen Gebäuden wie Forellen in einem Wildbach in alle Richtungen flitzten. Die Straßen unter ihnen waren schwarz von Menschen und Fahrzeugen, die alle durch die Häuserschluchten nach Osten unterwegs waren. In der Ferne sahen sie eine Flotte von unzähligen Fluchtbussen und fünf oder sechs gigantischen Flugkreuzern, von denen jeder über zehntausend Personen aufnehmen konnte. Mit ihnen wurden ganze Stadtviertel, Altenheime und Kranken­häuser in Sicherheit gebracht. Der logistische Auf­wand, die Megapole innerhalb weniger Stunden zu eva­kuieren, war für einen Einzelnen unvorstellbar und konnte nur geleistet werden, weil das allgegenwärtige I-Net alles koordi­nierte und organisierte.

Fabia gab dem automatischen Piloten den Befehl, auf der von Sadie ausgetüftelten Route das weitläufige Universitätsgelände von Paris anzusteuern. Der von I-Nets Kontrolle abgekoppelte Schweber bog gehorsam an der nächsten Kreuzung ab.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Leon. »Die Bunker und der Gare de l’est, von dem die Flüchtlingszüge Richtung der Deutschen Länder abfahren, liegen doch alle in öst­licher Richtung. Bist du so sentimental und möchtest zum Abschluss noch ei­nen kleinen Stadt­rundflug machen?«

»Nein, ich will zur Uni. Dort werde ich kurz landen und aussteigen. Ihr könnt dann mit dem Schweber wei­terfliegen, wohin ihr wollt. Das ist nur ein kleiner Um­weg.«

Leon zog skeptisch einen Mundwinkel nach oben.

»Bist du dir sicher, dass du nicht lieber mit uns kom­men willst? Nach den letzten Nachrichten, die ich von EDY empfangen habe, wird wahrscheinlich niemand, der in Paris zurückbleibt, diese Katastrophe überleben. Inzwischen gibt es wohl auch einen Countdown. Im an­schluss an den Impact des großen Mondbrockens im At­lantik, der nach den neuesten offiziellen Schätzungen 23:30 Uhr bevorsteht, wird uns die Flutwelle etwa eine Stunde später überschwemmen. Uns bleiben vielleicht noch dreizehn oder vierzehn Stunden. Wenn wir bis da­hin nicht mindestens Frankfurt erreicht haben, werden wir von dem Tsunami erfasst werden.«

Fabia benötigte einen Moment, bis sie begriff.

»Hast du dich etwa aktiv mit dem Netz verbunden? Ver­dammt noch mal«, fluchte sie, »kappe sofort die Ver­bindung! Solange deine Augreyes online sind, kann man uns problemlos aufspüren.«

»Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass es höchst illegal ist, was wir da tun. Als wir in den Schweber geklettert sind, haben Raphaël und ich unsere Augreyes wieder komplett abgeschaltet. Wenn I-Net nach uns sieht, fin­det er nur deine Kontaktlinsen.«

Fabia atmete auf, aber ihr Instinkt warnte sie weiterhin. Sie ka­men gut voran, doch irgendetwas stimmte nicht. Bisher ging alles viel zu gut. Am Horizont tauchte die Seine auf, die als schmutziges graues Band die Innenstadt in zwei Hälften zerschnitt. Die beiden Val-d’Oise-Wohn­türme kamen in Sicht. Fabia wies den Schweber an, Höhe zu gewinnen, damit sie einen besseren Überblick bekam.

In diesem Augenblick bestätigten sich ihre schlimms­ten Befürchtungen:

Der Schweber hatte inzwischen eine kaum mehr be­fahrene Flugstraße hinaus aus den verstopften Routen der Flüchtlingsströme eingeschlagen, als wie aus dem Nichts von oben zwei wendige Polizeiflieger jäh herab­fielen und vor ihnen drohend den Weg versperrten. Der auto­matische Pilot reagierte sofort, stoppte pflicht­schuldig und der Schweber ruhte bewegungslos vor den beiden anderen in der Luft.

»Verdammt! Verdammt! Verdammt«, wiederholte Fa­bia nach ei­ner Schrecksekunde, denn im Moment fielen ihr keine weiteren Schimpfwörter ein. »Wo kommen die so plötzlich her?«

»Landen Sie sofort diesen gestohlenen Schweber, Bür­gerin Fabia Winterfeld. Aufgrund Paragraph 20, Ab­satz 4 der vor 52 Minuten in Kraft getretenen Allge­meinen Notstandsverordnung sind wir gezwungen, so­fort von unseren Waffen Gebrauch zu machen, wenn Sie sich dieser Anordnung widersetzen. Sie sind ein Mitglied der verbotenen Citoyen-Bewegung und wir werden Sie und eventuelle Begleiter jetzt wegen schweren Verstößen gegen die Artikel 217 b, 56 und 14 a der Ers­ten Allgemeinen Strafgesetze der Notstands­verordnung in unmittelbaren polizeilichen Gewahrsam neh­men.«

Aus dem Lautsprecher ihres Fluggeräts ertönte eine nüchterne Stimme, die eindeutig einem Omega gehör­te, dem engstirnigen, aber gefährlichen Polizei-goLEM, der in Krisenzeiten allerdings die Befugnisse besaß, Recht zu sprechen und dieses sofort auszuüben. Er be­saß sogar die Genehmigung, Plünderer und Rebellen auf der Stelle zu exekutieren. An ein Verhandeln mit den sturen und schwerfälligen Robotern war nicht zu denken. Allerdings hatte es auch einen Vorteil, wenn sich unter den Polizisten auf den Schwebern nur go­LEMs befanden. Ein Mensch – direkt mit einer Flug­steuerung verbunden – war jeder KI in Reflexen und Geschwindigkeit überlegen, zumal ihn keine Sicher­heitsbeschränkungen behinderten. Fabias Gedanken rasten. Gab es einen Ausweg? Und woher kannte die Polizei überhaupt ihren Namen? Hatte sie doch einer ihrer Wegbegleiter verraten? Sie beschloss, diese Über­legung später wieder aufzunehmen. Jetzt gab es Wich­tigeres.

»Haltet euch fest, das wird etwas holprig«, sagte Fabia und wies Omicron an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbe­wegungen reagierte und ihr ihre Augreyes mehrere Flucht­routen einblendeten, ging sie in einen gemächli­chen Sinkflug, als würde ihr automatischer Pilot noch arbeiten und der Auffor­derung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erhebli­chem Tempo nach un­ten wegsackte, aber ihr gemeinsa­mer Angstschrei wur­de von dem aufheulenden Motor übertönt.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Mánis Fall (Kapitel 1.7)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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Prompt versperrte ihr eine dem Polizei-goLEM Omega nachgebildete Firewall den Weg und erkundigte sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Dabei hielt sie drohend ihren an der Spitze rotglühenden Waffenarm auf sie gerichtet. Fabia war nicht direkt in Gefahr, denn ihr Gegner existierte ja nur im virtuellen Raum. Im schlimmsten Fall bekam sie einen Stromstoß ab und würde anschließend recht schmerzhaft aus der Si­mulation geworfen werden. Sie hatte aber schon von Fällen gehört, bei denen bei Cybernauten nach einer Attacke ernsthafte psychische Beschwerden zurück ge­blieben waren. Es hatte während der Simulationen auch schon den einen oder anderen Herzinfarkt gege­ben.

Solch eine wehrhafte, aber hoffnungslos veraltete Schutz­routine wie dieser Omega, der Fabia den Weg verstell­te, waren für eine erfahrene Cybernautin wie sie pro­blemlos zu knacken. Da hatte die Kybernetikstudentin ihr Können schon an ganz anderen Bots erprobt. Sie konnten allerdings äußerst begriffsstutzig und hartnä­ckig sein, auch diese Eigenschaften hatten sie von ihren Originalen im echten Leben übernommen. Das Beste war, man überrumpelte sie. Die Kontaktaufnah­me des Schutzprogramms, ohne den Eindringling so­fort anzugreifen und zu versuchen, ihn aus dem Spei­cher zu löschen, war einer der Programmierfehler die­ser martialischen, aber vollkommen veralteten Fire­wall. Sie gab Fabia dadurch ausreichend Zeit, zu re­agieren. Während sie den vorgetäuschten Omega mit einer Unzahl unsinniger Anfragen spamte und seine Input-Funktionen überforderte, gelang es dem virtuel­len Pendant ihres Omicron problemlos, ihn durch eine eingeschleuste Hintertür-Routine außer Funktion zu setzen. Der Wächter erstarrte und trudelte dann wie ein Gummiballon davon, aus dem durch ein Loch die Luft entweicht.

»War das schon alles?«, fragte sich die Cybernautin. »Das kommt mir fast zu einfach vor.«

Bevor sie den nächsten Schritt unternahm, schloss sie sich deshalb näher mit ihrem goLEM zusammen und errichtete um ihre beiden virtuellen Abbilder einen Schutzwall aus Schadcode. Keinen Augenblick zu früh! Denn nur einen Gedanken später wurden die beiden von einer Art Fluggeschwader angegriffen. Es waren Anti-Viren-Definitionen, die aber mangels Update so betagt waren, dass sie wirkungslos an der Hülle ver­pufften, die Fabia gebildet hatte. An einem anderen Tag hätte sie sich noch ein wenig mit den hilflosen Ab­wehrversuchen des Plattformsystems vergnügt und in seinen Speichern gewühlt, die sicher ein paar interes­sante Informationen enthielten. Aber sie hatte es eilig und übernahm nun rasch die Administrator-Rechte. Deren Passwort war durch einen so simplen Algorith­mus verschlüsselt, dass Fabia fast Omicrons Verach­tung zu spüren glaubte, als er ihn lässig mit einer Brutforce-Attacke knackte. Damit drang sie endlich ungehindert in das Sanctuary, das innere Primärsys­tem der Software vor und forderte sofort einen Schwe­ber an. Die KI baute gehorsam eine Verbindung zum Flug-Netzwerk auf. Tatsächlich hatte das I-Net den Schweberverkehr zwar eingeschränkt, aber es war kein Problem, eine noch in der Luft befindliche, leere Kugel, die eigentlich bereits auf dem Rückweg zu ihrer Garage war, zum Henri-Gouraud-Wohnturm umzuleiten. Fabia betete, dass ihre illegale Aktion im allgemeinen Chaos nicht weiter auffiel oder zumindest von I-Net als Ne­bensächlichkeit abgetan wurde.

Eigentlich hatte die junge Frau damit erreicht, was sie wollte, aber sie nutzte die Gelegenheit und sah sich doch noch ein wenig um. Über eine nur selten verwen­dete Subfrequenz des weltumspannenden Netzes gab sie verschlüsselt bekannt, dass sie momentan über die IP der Schweberplattform erreichbar war. Wie sie wusste, wurde diese Frequenz von den Citoyens abge­hört und häufig für ihre Kommunikation benutzt. Viel­leicht bekam sie ja Kontakt zu einem ihrer Freunde, der mehr über den Putsch der 2MC wusste. Tatsächlich materialisierte sich fast augenblicklich in der virtuel­len Schaltzentrale der Plattform die Avatarin von Xa­ver Delande. Die bleiche Erscheinung mit den todtrau­rigen Augen trug etwas schäbige Frauenkleider aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre dunkelroten Haare trug sie durch einen strengen Mittelscheitel geteilt und verbarg sie größtenteils unter einem Haubenhut, den sie unter ihrem Kinn mit einer Schleife festgebunden hatte. Sie sollte Jane Eyre darstellen, die neben der Beauvoir, George Sand und Lizzy Bennet zu den belieb­testen Hologramm-Figuren überhaupt zählte.

Der mit dem merkwürdigen und veralteten bayeri­schen Vornamen gestrafte Xaver – er war wahrschein­lich der einzige unter den Milliarden von Menschen auf der Erde, der noch so hieß – war nicht nur zweifelsfrei ein Mann, sondern er war zudem muskulös wie ein Ringer. Sah man mal von seinerebenfalls roten Haar­farbe ab, wies er im echten Leben keinerlei Ähnlichkeit mit der Romanfigur der Charlotte Brontë auf. Aber eine solche hatte Fabia in ihrem virtuellen Dasein mit ihrem Sartre ja auch nicht. Xavers Zwillingsschwester Sadie war übrigens Fabias beste Freundin – auch wenn sie ebenso erfolglos mit ihr um die Gunst von Samuel Rosenthal konkurrierte. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren die beiden nicht nur im echten, sondern auch im virtuellen Leben unzertrennlich und verbrach­ten einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander. So wunderte sich Fabia nicht, dass auch Sadies Avatar, der schwarzhaarige, düstere Heathcliff aus Wuthering Heights, prompt neben Jane Eyre auftauchte. Sadies Fachbereich war die Anglistik, die sie mehr prokrasti­nierte als studierte. Die beiden kannten sich über Pro­fessor Rosenthal, der ja sowohl Informatik-, als auch Shakespeare-Vorlesungen hielt. Sadie und ihr Bruder Xaver hatten schon vor Fabia zum kleinen Zirkel der streitbaren Citoyens gehört.

Jane Eyre und Heathcliff sahen sich neugierig um. Fa­bia war längst daran gewöhnt, dass ihre Freunde im virtuellen Raum Avatare des anderen Geschlechts be­nutzten. Das machten sehr viele Leute im Netz; es war ein Massenphänomen. Sie selbst versteckte sich ja auch hinter der Maske eines alten Mannes.

»Wo du dich überall herumtreibst. Das ist doch wirk­lich nicht die beste Gegend«, stellte Sadie etwas mo­kant fest. Ihr gut aussehender, dunkelhäutiger Avatar brachte diesen Gesichtsausdruck mit einem Lippen­kräuseln hervorragend zum Ausdruck. »Aber es ist schön, von dir zu hören. Wir waren schon in ernsthaf­ter Sorge.«

»Wir haben nur nicht allzu viel Zeit«, mischte sich Jane Eyre, also Xaver, ein. »Diese Verbindungsfrequenz wurde vorhin von EDY für Privatübermittlungen ge­sperrt und wird nun vom I-Net überwacht. Zuwider­handlungen ziehen eine sofortige Internierung nach sich. Also, bevor unsere Firewall zusammenbricht und wir erwischt werden: Wo bist du? Wir befinden uns alle in Babel und warten auf dich. Ohne dich können wir hier nicht weiter machen!«

»Ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich muss aller­dings noch einen Zwischenstopp an einer Hämolyse-Station machen.«

»Auf dem großen Platz vor der Bibliothek ist eine Not­fallstation vom Roten Kreuz. Nimm die, denn die Uniklinik wird bereits evakuiert. Aber beeile dich! I-Net hat den Countdown für den Impact schon gestartet.« Xaver nickte ihr zu und löste sich dann auf. Er hatte seine Verbindung gekappt. Sadie sah sich um und trat einen Schritt näher. Ihr Heathcliff sah plötz­lich besorgt aus. Sie hatte seine Stimme zu einem Flüs­tern gesenkt.

»Du kommst mit einem Schweber von deiner Wohnung zu uns, richtig? Dann solltest du die Flüchtlingsströme weiträumig umgehen und versuchen, dich von der an­deren Seite her der Universität zu nähern. Ich rate dir dringend, uns von Nordosten über Bezons anzufliegen und schon bei den Val-d’Oise-Zwillingstürmen die Sei­ne zu überqueren. Ich habe diese Route als den schnellsten Weg ermittelt und schicke sie dir«, schlug Sadie vor. »Hast du das empfangen?«

»Danke, ja. Ich habe die Route an Omicron weitergelei­tet. Nur die Ruhe; noch ist Zeit. Ich bin ja bald bei euch.«

»Hoffentlich, denn ich mache mir Sorgen um dich, Chi­ca!«, fügte Sadie nach einem kurzen Zögern hinzu. Dann verließ auch sie den virtuellen Raum. Alleine ge­lassen, sah sich Fabia noch einmal in dem abstrakten Tumult um, in dem sie sich bewegte. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Wie immer kostete es Fabia einige Anstrengung und Willen, sich von der künstlichen Welt zu lösen und in die sogenannte Realität zurückzukeh­ren. Auch diese entstand wie die VR in der Schweberkonsole nur aufgrund von elektrischen Impul­sen in den Nervenbahnen ihres Gehirns und war viel­leicht ebenso falsch und nur ein luzider Traum. Fabia hatte den Eindruck, dass es ihr jedes Mal etwas schwe­rer fiel, wieder aufzutauchen. Sie kannte die Gefahr, von dem virtuellen Leben abhängig zu werden, eine Sucht, die VR-Junkies dazu verführte, ihr ganzes Le­ben in imaginären Welten zu verbringen, während sie in der Realität langsam verhungerten und verdurste­ten. Doch so gerne sie auch geblieben wäre, den bevor­stehenden Weltuntergang konnte sie nicht im Cyber­space aussitzen. Fabia fragte sich besorgt, wie viele Menschen genau dies trotzdem versuchten und sich auch von I-Net und EDY nicht davon abbringen ließen, mit einem Computer verbunden in ihren Wohnungen und in erträumten Orten auszuharren, die ihnen ihre Interfaces und Augreyes vorgaukelten.

Seufzend gab sie Omicron den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öff­nete die Augen.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
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