Aber ein Traum …

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Samstag, 12.09.20 – Von Lesebändchen, Attila und diesem Sommer

Samstag, 12.09.2020

Die liebe N., die meine Schwiegertochter in spe ist(1), arbeitet seit Anfang dieses Jahres als fertig ausgebildete Buchhändlerin in der Filiale einer Buchkette in Neuburg a. D. (2). Wie ich erfahren musste, ist sie noch skrupulöser und vorsichtiger im Umgang mit ihren Büchern als ich – und das will schon etwas heißen. Für N. sind Bücher ein sakrosanktes Heiligtum, das mit Ehrfurcht und Demut betreten werden muss und sie wohl auch ungern weiterverleiht. Ihre Bücher sehen noch ungelesener als meine aus. Da gibt es keinen umgebogenen Rücken, der Schutzumschlag ist nicht zerknittert, keine Seite wird durch einen Fettfleck verunziert – sie könnte ihre Bücher wieder zurück in die Buchhandlung stellen und noch einmal als neu verkaufen. Kürzlich lieh sie mir einen fetten Fantasyroman (3) und an ihm beging ich ein Verbrechen, das sie mir noch nicht ganz verziehen hat. Der Band besitzt als Service des Verlags ein eingenähtes Lesebändchen und wie immer begann dieses bereits, sich unten zu zerfleddern. Es war die einzige Stelle, an der erkennbar war, dass N. das Buch bereits vor mir gelesen hatte. Nun habe ich die Eigenart, dieser Entropie des geflochtenen Stoffbands dadurch entgegenzuwirken, indem ich es ganz unten mit einem Knoten versehe und es anschließend zwischen der letzten Seite und dem Einband deponiere. Denn ich finde Lesebänder, mit denen ich dann ununterbrochen zwanghaft neurotisch spielen muss, unpraktisch und benutze lieber Einmerker (4), die ich beim Lesen zur Seite legen kann. Vollkommen gedankenlos machte ich nun auch beim entliehenen Buch diesen Knoten, den ich so festzog, dass er sich nicht mehr auflösen lässt. Damit beschwor ich ein gewaltiges Donnerwetter über meinem Haupt zusammen. Schließlich würde das Buch im Regal auf diesem Knoten stehen und einen Abdruck in den Seiten erzeugen, wie mir N. erklärte. Ich weiß nicht, ob sie mir noch einmal ein Buch ausleihen wird.

Entschuldige, N.! Es wird nie mehr passieren; ich passe auf. Und um so mehr bewundere ich dich, dass du dich auf das Abenteuer einer Ehe mit Sohn Nr. 2 einlassen willst, dessen unbekümmerte, destruktive Art, die er schon als Kleinkind kultivierte und als Jugendlicher perfektionierte, viele, auch liebgewonnene Teile unserer Einrichtung und unsere Nerven schwer in Mitleidenschaft gezogen hat und mich vorzeitig ergrauen ließ, so dass Frau Klammerle schon vorgeschlagen wurde, doch ein Tagebuch wie die Mutter von Michel aus Lönneberga zu schreiben. Ich witzelte damals, die Klammers würden von den Hunnen abstammen und der Zweitname von Sohn Nr. 2 wäre „Attila“. Nun, du wirst ihn dir schon zurechtbiegen. Das ist meiner Frau mit mir auch gelungen. Und meine Eskapaden waren teilweise noch zerstörerischer (5).

*

Apropos „Attila“! Gestern stellte jemand auf der Ratgeberseite des SZ-Magazins die Frage, wie man die veganen, inzwischen peinlichen Kochbücher von Hildmann am Besten entsorgen könne; weil man ihn nicht weiter unterstützen wolle. Zum Glück besitze ich keine Werke dieses von manchen Leuten als Avocadolf titulierten Herrn, der wohl inzwischen alle Murmeln aus seinem löchrigen Säcklein verloren hat, sich im Bürgerkrieg mit Kinderblut saufenden Echenswesen des Deep State wähnt und feuchte Träume von Politikerhinrichtungen und einer Militärdiktatur hat. Eigentlich gibt es Einrichtungen für solche Menschen, aber aus mir unerfindlichen Gründen rennt Attila noch immer in der Gegend herum und verbreitet seinen Nazi-Irrsinn über das Internet. Mir war er schon vor seinen aktuellen Aussetzern suspekt, als er vor einigen Jahren in einer Folge des „Perfekten Dinners“ (Frau Klammerle liebt diese Sendung!) darüber schwadronierte, ob Veganer Oralsex haben könnten. Aber darf man deswegen seine Kochbücher ins Altpapier schmeißen oder sie gar verbrennen? Schließlich mache ich nicht einmal einen Knoten in das Lesebändchen eines Buchs. Hat man in Deutschland nicht schon genug Bücher vernichtet? Es ist ja nicht so, dass Attilas gebundene Tofuschnitzel-Rezepte (die nicht einmal urheberrechtlich geschützt sind) und Fitnessempfehlungen mit dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ oder mit „Mein Kampf“ vergleichbar sind. (6) Dass man den Avocadolf nicht finanziell unterstützen will, verstehe ich. Aber ist es so schlimm, seine Rezepte aus Büchern, die man vor Jahren erworben hat, nachzukochen? Vielleicht ist es das Beste, diese „unwürdige Lektüre“ im Keller zu vergraben und es der Nachwelt zu überlassen, was mit ihr zu geschehen hat.

Ich werde mich hüten, Attila mit Autoren der Weltliteratur zu vergleichen, aber wohin führt das, wenn ich das Werk nicht von seinem Schöpfer trenne? Viele Künstler waren misogyne, rassistische und unsympathische Schweinehunde, manche von ihnen waren Betrüger, sogar Mörder. Wahrscheinlich müsste ich die Hälfte der Weltliteratur verbrennen, wenn ich die Schöpfung für den Schöpfer verantwortlich mache und sie in Sippenhaft nehme. Wollen wir wirklich in solch einer schönen, neuen Welt leben?

*

Wie der letztjährige ist auch dieser Sommer wie ein alternder Rock’n’Roller, der immer wieder auf Tournee geht und einfach nicht in den Ruhestand will. Es ist jetzt Mitte September, aber die Blätter der Bäume sind alle noch grün (6) und die Rosen blühen. Morgens liegt zwar schon ein warmer, feuchter Nebel über den Schmutterwiesen, aber er löst sich rasch auf und das Thermometer nähert sich am Nachmittag der 30°-Marke an und soll sie nächste Woche auch überschreiten. Von Herbst ist noch wenig zu sehen, wenn man mal vom Federweißen in den Kühlregalen der Supermärkte und der Tatsache, dass es später hell und früher dunkel wird, absieht. Es herrscht geniales Wanderwetter! Von mir aus kann das noch bis Mitte Dezember so weitergehen. Trotzdem haben Frau Klammerle und ich gestern Abend gemeinsam beschlossen, dass es Zeit wird, den gefühlt endlosen Corona-Sommer langsam zu verabschieden, damit dieses entsetzliche, quälende Jahr voller privater und öffentlicher Katastrophen endlich zum Abschluss kommen kann. Wir erzwingen das jetzt und leben im Herbst (Das passt auch inzwischen zu unserem biblischen Alter!) Vielleicht kommt ja doch einmal etwas besseres nach. Deshalb genossen wir gestern unsere erste Kürbiscreme-Suppe und ich werde mir jetzt meine Herbstlektüren oben auf den SUB legen. Demnächst mehr davon!

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, liebe unbekannte Leserin. Bis bald.


Oh, ja, heute gebe ich wieder fröhlich meiner zwang- und fetischhaften Obsession für Fußnoten nach!

(1) Sie und Sohn Nr. 2 haben sich kürzlich verlobt und werden im Frühsommer 2021 endlich auch heiraten. Die jungen Leute von heute sind merkwürdigerweise wieder so romantisch und machen um die ganze Heiratssache einen Riesenaufstand. Frau Klammerle und ich haben uns 1987, nachdem wir einige Jahre zusammengelebt hatten, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen (Naja, meistens zumindest …), gemeinsam beschlossen, dass wir jetzt heiraten. Zeit wurde es ja und die finanziellen Vorteile lagen auf der Hand. Da gab es keine Verlobungszeit, keinen Verlobungsring, keinen Kniefall im Licht eines kitschigen Sonnenuntergangs, sondern nur einen einfachen Behördengang mit Eltern und Trauzeugen. Wir haben übrigens nach unserer standesamtlichen Vermählung im April später im Jahr für die liebe Verwandtschaft auch noch größer und kirchlich geheiratet (In der Woche darauf bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten). Das war am 12. September – also genau heute vor 33 Jahren und dies war dann schon eher eine traditionelle Veranstaltung mit weißem Brautkleid und großer Feier. In der Folgezeit erwachte ich mehrmals schweißgebadet aus dem Alptraum, ich müsse noch ein drittes Mal heiraten. Und, ja, weil du es bist, meine neugierige, unbekannte Leserin, gibt es hier ein kleines Foto vom 12. September 1987. Es sieht aus, als würde Frau Klammerle vor Glück schweben.

(2) Neuburg an der Donau ist ein sehenswertes Residenzstädtchen mit einer hübschen Altstadt und einem Renaissanceschloss, um das herum alle zwei Jahre ein schönes historisches Fest gefeiert wird. Der Ort liegt am Donauradweg. Das musst du einfach mal besuchen und dabei in der Rosengasse die Buchhandlung aufsuchen, in der N. arbeitet. Sie wird dich fachkundig und freundlich beraten. Da das Sortiment dort recht übersichtlich ist, kann man leider keines von meinen Büchern erwerben, was wirklich, wirklich schade ist.

(3) Es war „Im Sturm der Echos“, der vierte und abschließende (?) Band der „Spiegelreisenden“ von Christelle Dabos. Das Buch ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Autorin ihre wirklich hübsch begonnene Fantasy-Saga komplett an die Wand fahren kann. Hätte sie doch besser wie George R. R. Martin auf einen Schlussband verzichtet. Der unübersichtliche, auf 600 Seiten zerdehnte Roman – immerhin ein Buch, das für jugendliche Leser gedacht ist – geht übertrieben brutal, ja geradezu sadistisch mit seinen Protagonisten um, deren Handeln und Denken vollkommen unverständlich und nie nachvollziehbar ist. Figuren und Erzählfäden, die in den Vorbänden sorgsam aufgebaut wurden, werden beiseite gewischt und spielen plötzlich keinerlei Rolle mehr. Die sogenannte „Auflösung“ ist makaber und unverständlich, vollkommen wirr, kryptisch und ließ mich fassungslos zurück. Erzähle mir niemand, er hätte den Plot auch nur ansatzweise verstanden. Nein, es war kein Vergnügen, das Buch zu lesen – es war wirklich eine Qual.

(4) Sowohl Frau Klammerle wie auch ich vertrauen eher schmalen Karton- oder Metallstreifen als dem geflochtenen Lesebändchen, das ja auch nicht in alle Buchbindungen eingenäht ist. Haben wir keinen zur Hand, behelfen wir uns mit einer Postkarte. Unser Problem ist nur, dass diese immer wieder auf magische Weise zu verschwinden scheinen, weil wir sie am Tatort unserer Lesereisen liegenlassen, sie in den ins Regal zurückgestellten, gelesenen Büchern vergessen, sie sich einfach in Luft auflösen oder von kleinen Bücherwürmern gefressen oder von Aliens entführt werden. Wir müssen also ständig für Nachschub sorgen.

(5) So habe ich einmal einen Küchentisch in die Luft gejagt, als ich mit Wunderkerzen experimentierte, mit einem Säbel mehrere Wohnzimmerstuhl-Lehnen zerhackt und Tintenflecken (ich jagte mit dem Füller eine Fliege) in den Vorhängen entfernt, indem ich sie kurzerhand aus ihm herausschnitt.

(6) Zumindest südlich der Donau, wo es in den letzten Monaten immer wieder ausreichend regnete. Sogar mein Kirschbaum, der normalerweise im September schon fast kahl ist, hat kaum verfärbte Blätter. Aber je weiter man nach Norden fährt, um so ausgetrockneter und verdörrter wird die Landschaft. Im Spreewald, in dem Frau Klammerle und ich letzthin Urlaub machten, ist das Wasser so knapp geworden, dass man alle Schleusen zwischen den labyrinthischen Wasserläufen gesperrt hat und wir unser Paddelboot mehrmals mühsam über Land ziehen mussten. Allerdings gab es dort auch kaum Mücken, während sie einem hier in Diedorf jeden der herrlichen Spätsommerabende vermiesen.

Alle Jahre wieder: Der Sonnenhut blüht und der Blog ruht

Der Sonnenhut vor dem Haus blüht. Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zum einen ist die Pflanze, die nun bis in den Oktober hinein unermüdlich blühen wird, eine Schönheit, die meinen Vorgarten veredelt. Aber ihre üppige Blüte läutet gleichzeitig den Spätsommer in meiner Gartenwelt ein. Die Tage werden bald spürbar kürzer, die Nächte kühl. Die bienenfleißigen Diedorfer Bäuerlein haben bereits ihr Getreide eingefahren und graben die Stoppelfelder um. Nebelbänke hängen am Abend über der Schmutter und die Spinnen flechten ihre von Tautropfen funkelnden Netze zwischen den Büschen, von denen manche bereits ihre Blätter verlieren. Bald gibt es wieder Federweißen und Zwiebelkuchen zu kaufen. Gefühlt hat dieser Sommer gerade erst gestern begonnen und nun naht bereits der Herbst dieses paradoxerweise auch endlosen Jahres 2020.

Je länger dieser etwas unbeständige und merkwürdige, aber auch der Pandemie zum Trotz wunderschöne Sommer andauert, umso weniger Lust verspüre ich, mich in mein stickiges Autoren-Kämmerchen zurückzuziehen und für meinen Blog Glossen und Artikel zu schreiben und auf Facebook und Instagram zu posten (1). Ich habe den Eindruck, dass du, mein lieber Freund und Follower, kaum mehr Freude daran hast, meine wirren Kopfgeburten zu lesen, denn im Sommer sind wir ja doch mehr (schwitzender) Körper als Geist. Literatur und Nachdenklichkeit passen besser in den Herbst und zu den langen, dunklen Winterabenden.

Mach es wie Amy.

Deshalb ist es für mich wie in jedem Jahr höchste Zeit, mich ein, zwei Monate im Internet ein wenig rar zu machen.  Denn das Erblühen meiner Echinacea Ende Juli ist noch ein anderer Markierungspunkt. Ich werde mir meinen alljährlichen Sommerurlaub gönnen. Wie in jedem Jahr sind für mich auch heuer die Monate August und September eine Zeit der Ruhe und Besinnung, bedeuten mir Entschleunigung und Erholung (und eine Phase des mönchischen Abnehmens; denn als personifizierter Jojo-Effekt habe ich mal wieder ein paar Kilo zuviel auf den Rippen). Frau Klammerle und ich werden ausgiebig Urlaub machen(2), wir renovieren unseren heruntergekommenen Balkon und ich werden den ersten Entwurf meines neuen Romans „Mánis Fall“ zuende führen (zumindest habe ich das vor). Und ich werde auf unserer Gartenterrasse mit einem Glas Wein in der Hand sitzen, mich ein wenig über die Mücken ärgern und in die Abendstille hinein träumend dabei zusehen, wie sich die Welt auch ohne mich drehen kann. Wenn du dich zu mir setzen möchtest, dann komm doch einfach vorbei! Meine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken aber werde ich fast vollständig einstellen und ein analoges Leben führen. Du musst dir Nikolaus Klammer in den nächsten Monaten als einen glücklichen Menschen denken. Es kommt nun für meine Familie und mich die schönste Zeit des Jahres. Um es mal wieder mit Green Day zu sagen: Wake me up when september ends, dann lesen wir uns – hoffentlich gesund – wieder. Ich wünsche dir, du kannst diese Monate ebenso genießen wie wir.

Um dir den Entzug vom täglichen Klammer-Posting zu erleichtern: Es ist ebenfalls meine Tradition geworden, dass ich meine E-Books den ganzen August über verbilligt anbiete. Sie kosten ab nächster Woche in allen Shops im Internet oder beim Buchhändler deines Vertrauens nur noch 99 Cent! Das ist doch mal wirklich ein Angebot, das man einfach nicht ablehnen kann! Also, falls du noch Lücken in deiner Nikolaus-Klammer-Sammlung hast: Jetzt kannst du sie schließen. Einmal einen Eiscafé beim Italiener genießen, ist teurer und die Lektüre meiner Bücher ist genauso lecker und hält dabei länger vor.

Wenn du mich also wirklich vermisst: Meine Bücher sind eine ideale und unterhaltsame Sommerlektüre, egal, ob du sie auf dem Balkon, am Strand, auf einer Berghütte oder in einem Café liest. Ich würde mich freuen.

Meine zwölf E-Books sind vom 01. bis zum 31. August 2020 bei allen Buchhändlern zum Sonderpreis von 0,99 € erhältlich.

Habe eine schöne Zeit,

Dein Nikolaus


(1) Wenn du mir dort folgen möchtest: Nikolaus M. Klammer auf Facebook oder Niklas Klammer auf Instagram

(2) Ich glaube zwar, dass inzwischen jedes Südtiroler Hotel mir eine Werbe-Email gesendet hat, aber wie viele andere bleiben auch wir in diesem Jahr lieber in den heimatlichen Grenzen. Zuerst werden wir im Berchtesgadener Land Bergwandern gehen – sofern das Wetter es erlaubt – und später dann zwei Wochen in Burg im Spreewald paddeln, radfahren und „unser Leben chillen“. Zwischendrin erkunden wir unsere Bayerische Heimat und treiben uns zwischen Schwäbischer Alp und Fichtelgebirge herum.

Diese Sommerlektüren (2) – Cesare Pavese

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabdrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz. (1)

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens – als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, da sie nicht für die erhoffte Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geißeln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“. In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Freilich habe ich auch ein paarmal versucht, wie Pavese zu schreiben. Ein Ergebnis kann im Anschluss bestaunt werden:

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Diese klassische Short-Story, in der ich ursprünglich versuchte, den knappen Stil Cesare Paveses nachzuahmen, hat eine lange Geschichte: Zuerst war sie Teil meines Romans „Das Spiel“ von 1983, wurde dann 2001 von mir extrem gekürzt und bei einen Wettbewerb des Wolkensteinverlags, Magdeburg unter dem Titel „Der Badeplatz“ eingereicht. Ich habe sie jetzt noch einmal ein wenig verändert. Die Illustration ist ein Ausschnitt aus dem Bild „Kiesbank“ von dem in Ulm wohnenden Maler Thomas Becker, der seine großformatigen und großartigen Landschafts-Traumbilder gerade in der Nähe von Ulm ausstellt.

*

Kleine Veränderungen

Diese Geschichte hat mir Vitalij erzählt. Er meinte, sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die in einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen und mit ihren Füßen den Sand ihrer Erinnerungen aufwühlen:

Die Schulbehörde hatte sich endlich dazu durchgerungen, die großen Ferien auf vier Monate auszudehnen. Vitalij, übrigens der schlechteste Schüler meiner Klasse, ein in jeder Beziehung dürrer Junge, verbrachte diese geschenkte Zeit mit seinen Freunden Stefan und Burak unten am Fluss. Nur dort waren die heißen Julitage erträglich. In jenem Sommer lastete die Hitze zwar schon staubschwer auf der Stadt, aber über die heute üblichen Wasserrationierungen wurde nur diskutiert. Man konnte auch noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.

Die drei Freunde trafen sich jeden Vormittag am Ostufer der Staustufe. Sie war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren. Dort wohnte der quirlige Stefan bei seinen beiden Vätern. Obwohl er damit den kürzesten Weg hatte und jedesmal hektisch und außer Atem zum Wehr herunter geradelt kam, mussten die anderen immer auf ihn warten. Stefan konnte überhaupt nicht anders als unpünktlich sein. Meist war Burak der erste am Treffpunkt. Er ließ die Füße ins Wasser hängen, sein Rad in Griffweite abgestellt. So harrte er geduldig. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.

Nachdem Stefan geduldig die üblichen Vorwürfe der anderen über sich hatte ergehen lassen, stiegen sie auf ihre Räder und folgten dem Uferweg flussaufwärts. Sie ließen sich auf der kurzen Strecke zu ihrem Ziel viel Zeit, es war angenehm, die Räder im fleckigen Schatten der Bäume rollen zu lassen und sich vom Fahrtwind den Schweiß kühlen zu lassen. Die Freunde waren zu einer sehr unzugänglichen Stelle unterwegs. Es war eine Kiesbank im Fluss, an der sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte sie vor einigen Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Diese schmale Landzunge im Fluss war nur zu Fuß durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sicher, dass es an dieser Stelle im letzten Jahr noch keine Kiesbank gegeben hatte. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Er nahm an, sie sei erst im Dauerregen des Winters durch eine seltsame Laune des Flusses aufgeschwemmt worden.

Kiesbank

Die Freunde hatten niemandem von ihrem Badeplatz erzählt, das war ihr Geheimnis. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an ihre Stelle. Obwohl ich Vitalij bei diesen Gelegenheiten häufig traf, wusste ich ebenfalls nichts von der Kiesbank. Sie war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Hier lagen die drei Jungen den ganzen Tag über, sonnten und unterhielten sich. Manchmal lagen sie still da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen über ihnen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten. Wenn ihnen zu heiß wurde, sprangen sie gemeinsam in den Fluss, ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben. Im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen kletterten sie dann über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurück. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast ledrig. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.

Burak war der schweigsamste der drei. Nur selten er hörte zu, wenn sich Vitalij und Stefan über ihre Chat-Erlebnisse im Internet austauschten; meist las er konzentriert in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren.

Erst spät am Abend, wenn mit der untergehenden Sonne der Hauch einer Abkühlung über den Fluss wehte, kletterten sie durch das Ufergestrüpp zu ihren Rädern zurück.

Die Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Tag am Anfang des Augusts warteten Burak und Vitalij am Treffpunkt vergeblich auf Stefan. Die beiden mussten schließlich allein zur Kiesbank radeln. Da Vitalij mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste, wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.

Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht. Er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah Stefans Freundin kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij wurde jedoch sofort wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite. „Warum hast du das getan?“, fragte er scharf, eine abfällige Handbewegung in Richtung des Mädchens machend, das sich gerade auf den Bauch legte und dabei die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern streifte.

„Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht.“

Stefan zuckte abgelenkt mit den Schultern. Er ließ seine Freundin keinen Moment aus den Augen.

„Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das hat sich eben geändert. Was ist daran schlimm?“

„Ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist“, erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er diesen einfachen Sachverhalt auch noch erklären musste. Stefan sah ihn nun zum ersten Mal an. Einen Augenblick wirkte er erstaunt, dann lachte er.

„Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder.“ Nein, er begriff noch immer nicht, was Vitalij eigentlich wollte. Genauer gesagt, er hatte nicht überhaupt nicht vor, seinen Freund zu verstehen. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach. Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie ineinander gekrallt in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht gemeinsam unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm so würdevoll, wie es ihm möglich war, davon.

Nach geraumer Zeit kehrte er zu der Kiesbank zurück, fand er aber nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:

„Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen.“

Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war. Auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad. Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich eben daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan wieder. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm zufällig begegneten.

So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meinte er noch. Aber sie sei immer wieder neu.

*

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

Freitag, 05.06.20 Ein neuer Titel – ein neues Buch

Freitag, 05.06.2020

Ein verregnetes Wochenende hat durchaus auch seine Vorteile. Man fühlt sich nicht verpflichtet, den Sonnenschein auszunutzen und unbedingt etwas zu unternehmen. Der Garten gießt sich selbst, Frau Klammerle zerrt mich nicht aufs Rad oder Schusters Rappen, um gemeinsam unsere Schwäbische Heimat zu erkunden (1). In diesen Tagen kann ich endlich mal im Schlaraffenland meiner Literatur hausen, nachdem ich den Griesbreirand durchfressen habe, der im Ausfüllen der insgesamt 25 Seiten Witwenrentenformulare bestand, die ich als neuer Betreuer meiner dementen Mutter abzugeben habe.(2) Bin ich eigentlich der einzige, der diese Arbeit zum Kotzen findet und bei manchen der Auskünfte, die eingefordert werden, einen Tobsuchtsanfall erleidet? Davon mal abgesehen, dass ich das entsetzliche Beamtendeutsch nur so ungefähr und manches überhaupt nicht verstehe, anderes widersprüchlich ist … Die Hölle, stelle ich mir vor, besteht nur aus Formularen und Beamten, die nicht kapiert haben, dass sie nur meine Dienstleister sind. Schließlich bezahle ich sie gut dafür. Nein, diese kleinen Götter halten mich, der ich zum ersten Mal solch einen Antrag ausfülle, grundsätzlich für doof oder zumindest für einen Betrüger, der sich absichtlich dumm stellt.

*

Ich habe also viel Zeit, um nachzudenken. Ein Konstruktionsfehler meines 1. Brautschauromans »Meister Siebenhardts Geheimnis« war es, ihn mit einem einhundertfünfzigseitigen Prolog beginnen zu lassen, der etwa 30 Jahre vor der Haupthandlung spielt und praktisch erst am Ende des Buchs wieder eine Rolle spielt. Viele Leser fanden, ich hätte zwei unzusammenhängende Romane zusammengeklebt. Für den 2. Brautschauroman »Faiabas Erwachen«, an dem ich gerade arbeite, hatte ich eine ganz ähnliche Struktur geplant. Diesmal sollte der Prolog sogar 5880 Jahre vorher spielen und erzählen, wie die Welt von Brautschau wurde, wie sie ist. Ich bin gerade dabei, eine frühe Version dieses „Kapitels“ hier zu bloggen. Doch ich glaube inzwischen, dass es besser wäre, aus diesem Anfang, der übrigens im Gegensatz zum Rest der fantasy– und märchenlastigen »Brautschau«-Saga vollständig im Science-fiction-Genre angesiedelt ist, ein eigenes Buch zu machen. Es soll »Mánis Fall« heißen und von den letzten Tagen unserer Zivilisation berichten.(3) Ich denke, den Roman noch in diesem Jahr fertigstellen zu können.

Dies ist nun der erste Entwurf des Titelblatts. Wie gesagt, habe ich an diesem Wochenende Zeit für solche Spielereien. Wie gefällt es euch?

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(1) In den letzten Tagen hatten wir Urlaub, den wir ja – wie wir vor der Pandemie geplant hatten – eigentlich in einer Ferienwohnung im Herzen des Burgund verbringen wollten. Daraus wurde nichts. Deshalb eröffneten wir unsere Biergartensaison, kochten Spargel, tranken Burgunder und radelten im Aichacher Hinterland und ein Stück des Illerradwegs, erstiegen im Ries den »Zeugenberg« Ipf und wanderten im Ostalpkreis durch das Ugental. Ach, süße Heimat, was bist du so schön … (Wir wären trotzdem lieber in die Bourgogne gefahren)

(2) Und neben mir liegt noch ein Stapel von Formularen, die ich noch erledigen muss; fast täglich kommt ein neues dazu. Ich soll sogar die Einkommenssteuererklärung für meinen verstorbenen Vater machen!

(3) Máni ist übrigens der Name der Mondgottheit in der nordischen Mythologie. Am Tage des Weltuntergangs (Ragnarök) wird der Mond von dem Wolf Mánagarmr verschlungen und das dabei verspritzte Blut wird die Sonne verdunkeln.

Sonntag, 24.05.20 – Diese entsetzliche Erfolglosigkeit

Pfingstsonntag, 31.05.20

Zuerst einmal die gute (na ja, nicht für jeden) Nachricht: Die Maus, von der ich in der letzten Woche berichtet habe, versteckt sich nicht mehr im Schlafzimmer. Ich habe ja eine Lebendfalle aufgestellt und sie mit Popcorn und Schokolade gefüllt. Ich war mir sicher, ich würde die Maus darin fangen. Pustekuchen. Diese Falle ist so pazifistisch, dass sie sich nicht schloss, als die kleine, braune Feldmaus meiner Einladung folgte und in der Finsternis der Nacht aus ihrem Versteck gekrochen kam. Sie fraß die Falle leer und stellte sich dabei so geschickt an, dass sie den Fangmechanismus nicht auslöste. Trotzdem wurden ihr Popcorn und Schokolade zum Verhängnis. Denn die Maus hatte in ihrer Gier Amy, die Katze, übersehen, die zu meinen Füßen in meinem Bett lag. Tatsächlich wartete meine Katze genüßlich ab, bis die Maus satt war und wieder aus der Falle kam, dann hüpfte sie mit einem Aufschrei auf ihr Opfer, das ihr in der Nacht zuvor entkommen war und diesmal, vollgefressen wie es war, keine Chance hatte. Erst in diesem Moment wurde auch ich wach (es war mal wieder kurz nach vier Uhr). Viel war allerdings nicht mehr zu sehen. Amy, die vielleicht doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen plagte, packte sich die Maus und rannte wie der Blitz mit ihr im Maul durch die Katzenklappe hinaus aus der Wohnung. Ich habe keine Hoffnung, dass sie ihre wiedergefundene Beute vor der Haustür mit einer Verwarnung laufen ließ, sondern befürchte eher, dass ich demnächst beim Unkrautjäten auf die kümmerlichen Überreste einer Katzenmahlzeit stoße. Dann wäre das die Geschichte, in der Amy über Umwege Popcorn und Schokolade fraß.

Übrigens hat sie das Karma anschließend schwer gebeutelt, denn in der Nacht darauf bekam sie Ärger mit einer anderen Katze, die bei einem Kämpfchen brutal und fest in den Rücken gebissen hat. An dieser Wunde bildete sich dann ein gewaltiger, eitriger Abzess, der beim Tierarzt behandelt werden musste. Da es Frau Klammerle (immerhin Krankenschwester im Intensivbereich) nervlich nicht packte, war ich mit Mundschutz, Desinfektion, Abstandregelungen und einem flauen Gefühl im Magen dabei, als der Veterinär der armen leidenden Katze den stinkenden Eiter aus der Wunde quetschte, sie sorgfältig ausspülte und ihr zum Abschluss noch zwei Spritzen verpasste.

Keine Sorge, jetzt ist sie wieder auf der Höhe und gestern kam sie stolz mit einem kleinen Vogel in die Wohnung geschlendert. Nur noch ein kahler Fleck in ihrem flauschigen Fell erzählt noch von der Angelegenheit.

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Und – ach! – da habe ich Optimist einen ganzen Stapel meines neuen Buchs zuhause, der nur Platz wegnimmt. Ich dachte, jeder würde ein Exemplar wollen, weil es mir so gut gelungen ist und ich wäre jetzt endlich im Schriftsteller-Olymp angekommen! Pustekuchen. Ich hätte es ja eigentlich aus meinen bisherigen Erfahrungen wissen müsssen: Für meine Literatur interessiert sich weiterhin keine Sau. Ich habe noch kein einziges Buch verkauft, auch nicht als spottbilliges E-Book. Die Leute wollen Nikolaus Klammer nicht einmal geschenkt.

Vielleicht sollte ich zwischen Cover und erste Seite Popcorn und Schokolade legen …

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Und dann ist da noch die Sache mit dem Urlaub von Frau Klammerle und mir. Eigentlich wollten wir ja ins Burgund fahren und hatten bereits im Februar eine Ferienwohnung angemietet. Pustekuchen. Corona kam, wir mussten stornieren und die Hälfte unseres Geldes als Verlust abschreiben. Trotzdem haben wir nun über Pfingsten und darüber hinaus gemeinsam zwei Wochen Urlaub und wir werden sie eben in der Heimat verbringen. Ziel ist es trotzdem, ein gewisses Feriengefühl aufkommen zu lassen. Deshalb planen wir Ausflüge zu Fuß und Rad in die Umgebung und versuchen, unser Häuslein und unseren Garten als Ferienwohnung zu behandeln (keine Alltagsarbeiten, wenig putzen, viel „chillen“ usw.) Statt der Abtei Cluny besichtigen wir eben Kloster Andechs. Ich bin gespannt, ob uns das gelingt, zuhause abzuschalten.

Am Freitag haben wir zumindest unsere erste Radtour nach Blumenthal bei Aichach gemacht; also mal ins oberbayerische Hinterland von Augsburg, das wir normalerweise meiden. Wir sind lieber in unserem Wilden schwäbischen Westen oder im Allgäu unterwegs. Obwohl wir uns ein paar Mal verfuhren und eigentlich nicht dort rauskamen, wo wir hinwollten, alle Biergärten geschlossen waren und am Mittag das Wetter recht zweideutig und kühl wurde, hat es Spaß gemacht und durchaus ein wenig Urlaubsgefühl vermittelt. Später kehrte auch wieder der weiß-blaue Himmel zurück, wir saßen auf der Sonnenterrasse unseres Diedorfer „Ferienhauses“ und genossen den Schrobenhausener Spargel, den wir vom Nahen Osten mitgebracht haben. Immerhin ist der Weißwein, den wir dazu tranken, ein Weißburgunder.

Morgen wanderen wir in der Schwäbischen Alp. Und ich habe keine Ahnung, wie ich in diesen Absatz „Popcorn und Schokolade“ schmuggeln kann. Herzliche Urlaubsgrüße.

Bis bald! Euer Niklas.

Ja, auch zuhause ist es schön!

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