Aber ein Traum …

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Sonntag, 19.01.20 – ein schönes Buch, eine clevere Maus und eine Ruhebank

Sonntag, 19.01.20

Ich darf vorstellen: Das ist Piepsi. So hat sie meine Schwiegertochter getauft. Meine Katze Amy hat die kleine, braune Feldmaus vor einigen Tagen behutsam ins Haus geschleppt, um mit ihr ein wenig zu spielen. Dabei hat sie (Amy, nicht Piepsi) das clevere Tierchen „aus den Augen verloren“. Sie (Piepsi, nicht Amy) lebte seither in Untermiete gut verborgen und geschützt hinter den Küchenschränken in einer warmen Nische der Spülmaschine, wo sie für mich nicht erreichbar war und organisierte sich ihr Futter in meinen Lebensmittelschubladen. Nach mehreren Fehlversuchen ging sie mir vorgestern Abend endlich in die Falle. Sie war wohlernährt und gesund, möchte ich anfügen, denn es gelang ihr mehrmals, den Köder (alte, übriggebliebene Marzipankartoffeln von Weihnachten, denn ich bin Vegetarier und habe keinen Speck zuhause) aus meiner Lebendfalle zu fischen, ohne diese dabei auszulösen. Für Frau Klammerle war die letzte Zeit ein wahrer Horror.

Piepsi und ich machten dann gestern noch einen kleinen Spaziergang von meinem Haus hinüber zum Acker beim Sportplatz, wo wir uns nach einem netten, allerdings recht einseitigen Gespräch verabschiedet haben. Mach es gut, kleine Maus, und lass dich nicht noch einmal von Amy zum Abendessen bei uns einladen! Frau Klammerle weiß das nicht zu schätzen.

Nachtrag: In der Nacht dann kam Amy erneut mit einer Maus, von der diesmal nur ein paar kümmerliche Reste übrigblieben, die ich Heute morgen mit Schaufel und Besen entsorgte. Ich weiß nicht, ob das Piepsi war und hoffe, dass sie noch quietschvergnügt auf dem Kartoffelacker herumsaust … Ami genießt und schweigt sich aus.

*

Da ist es nun mit der Post gekommen: Das Korrektur-Exemplar meines neuen Buchs „Das rote Haus“, in dem ich fünfundzwanzig meiner besten kurzen Geschichten versammelt habe. Die älteste (Vision) ist vierzig Jahre alt, die jüngste stammt aus dem letzten Jahr. Obwohl die Texte sehr unterschiedlich sind, wirken sie für mich doch wie eine Art Autobiografie und bilden die Gesamtheit der Themen ab, die mich in meinem Leben beschäftigen.

Es ist jedesmal von Neuem ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zum ersten Mal sein neues Buch in den Händen halten zu können, es vom Virtuellen zur Realität geboren zu haben, es zu fühlen, durchzublättern, anzulesen – auch wenn es noch voller Fehler ist. Trotzdem glaube ich, diesmal ist mir wirklich etwas Gutes gelungen. Ich liebe das Titelbild!

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Gestern Morgen glitzerte schockgefrorenes Laub in meinem Garten in der Morgensonne. Ich machte ein paar Fotos und war glücklich, bis mir einfiel, was ich schon die ganze Zeit verdrängt hatte: Ich hatte einen Zahnarzttermin, den ich bereits im Dezember bereits einmal verschoben hatte, weil mich ein Hexenschuss quälte. Tatsächlich ging es meinem Rücken zu diesem Zeitpunkt schon wieder ganz gut, aber die Ausrede war einfach klasse.

Und schließlich noch ein Foto von der Bank am Stadtbach, ganz in der Nähe von der Wohnung in der Augsburger Bleich, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich ist schon B. B. als Jugendlicher auf ihrer Lehne gesessen und hat heimlich eine dicke Zigarre geraucht. Auf ihr saß ich gestern nach meinem glimpflich verlaufenen Zahnarzt-Besuch in der erstaunlich warmen Sonne und dachte intensiv mit geschlossenen Augen über den Plot für mein nächstes Buch nach. (Euphemismusalarm: Tatsächlich habe ich nur den verfrühten Frühlingstag und den Mint-Geschmack auf den Zähnen genossen und – so würden es meine Söhne formulieren – mein Leben „ge-chilled“.)

Heute Abend kocht Frau Klammerle noch nach einem alten Familienrezept von meiner Großmutter für Schwiegertochter, Sohn Nr. 1 und für meine Wenigkeit noch die unbeschreiblich leckeren Dampfnudeln mit Vanillesauce. Dazu muss man unbedingt ein Bier trinken und die Glückseligkeit ist vollkommen. Das war eines der besten Wochenenden seit langem und ich muss dem Januar, den ich kürzlich so übel beschimpfte, Abbitte leisten!

Dampfnudel nach Familienrezept – nur echt mit karamelisierter „Scherre“, Vanillesauce und einem Hellen. Dreieinhalb Stück machten sogar Sohn Nr. 2 satt. Die restlichen gibt es morgen kalt mit Marmelade.

Der Moment, der ändert – Eine Weihnachtsgeschichte für Nachdenkliche

Zwerg

Der Moment, der ändert

Wenn der Punkt nicht vom Körper, der Mittelpunkt nicht vom Umfang, das Endliche nicht vom Unendlichen, das Größte nicht vom Kleinsten verschieden ist:

– Versteh‘ ich das? Oben stand:

…also kann nothwendigerweise…

– Wie schreibt denn der das Wort?

…nothwendigerweise der Punkt im Unendlichen nicht verschieden sein vom Körper…

– Herrjeh, noch mal. Nachher muss ich …

…denn der Punkt wird vom Punktsein sich losreißen zur Linie …

– Da. Da hab ich ihn. Da ist Poesie im Text. Weiter:

So können wir mit Sicherheit behaupten, dass das Universum ganz Centrum oder das Centrum des Universums überall ist, und dass der Umkreis nicht in irgend einem Theile, sofern derselbe vom Mittelpunkt verschieden ist, sondern vielmehr, dass er überall ist; aber ein Mittelpunkt als etwas von jenem verschiedenes ist nicht vorhanden.

– Herrschaft. Bin nur ich so dämlich? Oder spielen mir die anderen alle nur etwas vor? Ich kapier’s einfach nicht! Im Unendlichen findet sich die Vielheit, die Zahl, diese aber als … Schafscheiß! Mir wird warm.

So ist es denn nicht nur möglich, sondern sogar nothwendig, dass das beste, größte, unbegreifliche alles ist, überall ist, in allem ist; denn als einfaches und Untheilbares kann es alles, überall und in allem sein. Da nun alles ist und alles Sein in sich umfasst, so bewirkt es, daß jegliches in jeglichen ist. Aber ihr werdet mit mir sagen:

– und darüber muss ich bis Silvester noch eine Semesterarbeit schreiben … Wie viele Seiten bleiben noch? Sieben … ohje, und ich hab schon auf der ersten nichts kapiert! Weiter:

Die Accidenz …

-Was für ein Wort. Und ich hab kein Fremdwörterlexikon dabei! Hat das mit einem Unfall zu …

Der junge Mann nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Es dauerte eine kurze Weile, bis das Signal seine durch das Lesen abgelenkte Aufmerksamkeit erhielt. Dann sah er erstaunt auf, blickte hinüber zu dem Zwerg, der gerade seinen Arm zurück in die Ausgangsstellung brachte. Ein Zweifel war nicht möglich. Der junge Mann spähte vorsichtig nach links und rechts. Aber er war allein. Niemand außer ihm war so irre, sich am vierundzwanzigsten Dezember nachmittags um drei Uhr in einen geschlossenen Stadtpark zu schleichen, auf einer Holzbank zu sitzen und Giordano Bruno (1) zu lesen.

– Auch wenn das Wetter wieder einmal eher Frühling als winterlich ist.Wie in jedem Jahr. Nix mit White Christmas.

Der junge Mann sah zurück zum Zwerg. Der stand bereits seit mehr als einem Jahrhundert auf seinem kleinen Sockel. Den Stein, aus dem er gemeißelt war, hatten Umweltverschmutzung und die Zeiten löchrig, porös unf schmutziggrau gemacht.

– nein, das … weiter …

… was daher im Universum ist, ist in Bezug auf das Universum nach dem Maße seiner Fähigkeit …

– Unsinn. Bin ich bekifft?

… überall, sei es auch was es wolle in Bezug auf die anderen besonderen Körper …

– Nein! Er hat sich bewegt! Ich spinn doch nicht!

Der junge Mann mochte den Zwerg nicht. Er war hässlich, hatte ein verwittertes, verschwommenes und hässlich fettes Gesicht und trug handwerklich schlecht gearbeitete Kleidung: Mittelalterliche, so, wie man sich eben im barocken 18. Jahrhundert das Mittelalter vorgestellt hatte. Der Zwerg sah unfreundlich mit großen, leeren Augen in den gepflegten Park, der in Augsburg als Der Hofgarten bekannt war und grinste ausdauernd in den Goldfischteich.

– Bisher hat er sich noch nie bewegt. Selbst wenn ich aus dem öffentlichen Bücherschrank einen Band genommen habe, ohne einen zurückzulegen.

Das war dem jungen Mann neu. Und er kannte den Zwerg schon seit seiner Kindheit. Früher war er immer auf ihm herumgeklettert – nach der Schule oder wenn seine Oma mit ihm spazierenging.

– Trotzdem hat sich der Zwerg gerade an der Nase gekratzt! Nun, wenn es ihn juckte …

Aber ein Steinzwerg? Der junge Mann legte sein Buch zur Seite, sah kurz unschlüssig in die Luft und stand wie zufällig auf, schlenderte einmal auf und ab und schlich sich anschließend zu dem Zwerg, der ihm bis zur Brust reichte und klopfte verstohlen gegen dessen Arm. Dabei sah er sich um, ob ihn jemand dabei beobachtete. Es klang ein wenig hohl und trocken. Der junge Mann zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf die Parkbank. Er hatte noch einiges zu lesen und bald wurde es dunkel. Dann musste er zur Bescherung zu seinen Eltern. Hoffentlich bekam er die billige Schopenhauer-Ausgabe, die er sich wünschte. Für sein Philosophiestudium war sie unverzichtbar.

Die Genitalien sind der Resonanzboden des Gehirns, hat er mal gesagt. Hallelujah! Später … Fondue, dann zu Monika … goldner Engel mit lockigem Haar … Christbaumkugeln, süßer die Glocken nie klingen … Konzentrier dich!

… dem Verhältniss, dem Gleichniss, der Vereinigung …

– nein, das hab ich schon gelesen … iss, iss, iss! Weiter unten.

Aber ihr werdet mir sagen: Warum verändern sich denn die Dinge? Warum wird die geordnete Materie in immer andere Formen gezwängt? Ich antworte …

– Hier stehe ich. Ich kann nicht anders: Tamens movetur! Und er hat sich doch bewegt!

Der junge Mann hatte schon einmal etwas von Sinnestäuschungen gehört. Aber dass sie so natürlich sein konnten wie der Eindruck des sich an der Nase kratzenden Zwerges: Das konnte er nicht fassen. Er war auch nicht überreizt, idiosynkratisch, wie er eben gelesen hatte, jenes klugscheißerische Wort des 19. Jahrhunderts für burn-out. Er war ausgeschlafen, satt und sein Geschlechtsleben ausgewogen. Ihm war eher warm im Freien und es war Weihnachten. Auch das Buch, in dem er las, war nicht geeignet, Phantasien hervorzurufen – ganz sicher nicht.

– Höchstens Sodbrennen von der fetten Weihnachtsgans heute Mittag. Ausgerechnet über Giordano Bruno muss ich schreiben. Aber wenn der Zwerg sich einmal bewegt hat, dann macht er es bestimmt noch einmal …

Also nagelte der junge Mann den steinernen Blick des Zwerges konzentriert fest. Er wartete auf eine neuerliche Bewegung: Ein kurzes Zucken des Armes, ein Flackern der Lider hätte ihm gereicht. Er wartete vergeblich. Nichts schien darauf hinzudeuten, dass der Zwerg jemals seine Hand vom Gürtel genommen, jemals seine breiten Nasenflügel unter Juckreiz gezittert hatten. Selbst die Fliege …

– Wo kommt zu Weihnachten eigentlich eine Fliege her? Das muss die Erderwärmung oder El Niño sein, sicher: In zehn Jahren, prohezeihe ich mal, können wir an Weihnachten baden …

Die Fliege kletterte zitternd über die niedere troglodytische Steinstirn. Der Zwerg trug sie mit stoischer Ruhe.

Da lächelte der junge Mann. Er bedauerte den Zwerg, der festgemauert auf seinem Podest stand und sich nicht einmal an Weihnachten kratzen durfte, weil sich jemand neben ihn gesetzt hatte und nahezu unverständliche Renaissance-Philosophie studierte. Stattdessen musste er Jahr für Jahr stumm und bewegungslos in den Goldfischteich starren und keiner mochte ihn, weil er potthäßlich war. Der Dreck der Abgase zerfraß ihn und im Rathaus lag bereits das Bürgerbegehren, den schönen kleinen Augsburger Hofgarten von seinem Anblick zu befreien, stattdessen ein paar moderne Werke aufzustellen.

– Armer Zwerg. Du machst deinen Job. Keiner mag dich. Du spürst das. Dabei haben wir dich erschaffen, nach unserem Ebenbild. Hässlich, wie wir eben sind. Du kannst nicht klagen, da deine Lippen von dem Künstler Johann Wolfgang Schindel verschlossen aus dem Stein geschlagen wurden. Von mir aus kratz dich, so oft du willst. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.

Zum Schluss also: Wer die tiefsten Geheimnisse des Natur ergründen will, der sehe auf die Minima und Maxima am Entgegengesetzten und Widerstreitenden und fasse diese ins Auge. Es ist eine tiefe Magie. Das höchste Gut, der höchste Gegenstand des Begehrens, die höchste Vollkommenheit, die höchste Glückseeligkeit besteht in der Einheit, welche alles in sich schließt.

Beim Umblättern lächelte der junge Mann dem Zwerg freundlich zu.

Ich weiß nicht, ob er zurücklächelte.

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(1) Giordano Bruno hatte das zweifelhafte Vergnügen, an einem unfreundlichen Februartag des Jahres 1600 als spätes Opfer der Inquisition öffentlich auf dem Campo de‘ Fiori in Rom zusammen mit seinen Schriften verbrannt zu werden, weil er die Kühnheit besaß, im seiner Meinung nach unendlichen Universum mehrere Sonnensysteme und Galaxien zu vermuten, die der Herr mit Leben erfüllt hat.

Er war der letzte Philosoph und Häretiker, dem dieses Schicksal widerfuhr; in den späteren Jahrhunderten waren die Methoden der Amtsgewalt, unliebsame Denker zu beseitigen, etwas verfeinerter, aber nicht weniger abgefeimt und erfolgreich. Brunos letzten Worte waren: „Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“

Der Papst hat Bruno, der übrigens auch als Dichter tätig war, nach langwierigen Verhandlungen im Jahr 2000 „rehabilitiert“. Seine Schriften stehen aber noch immer auf dem Index.

Giordano Bruno
Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

Freitag, 17.05.19 – Gartenarbeit und Weisheiten

Freitag, 17.05.19
Siebter Fastentag (1)

Der Mai will sich an diesem Freitag und vielleicht auch morgen von seiner sonnigen, trockenen und – verglichen mit den letzten vierzehn Tagen – warmen Seite zeigen. Heißt es zumindest im Wetterbericht. Danach soll es wieder scheußlich werden. Deshalb ist mein Gedankensplitter heute kurz und schnell dahingeschrieben, denn es wartet Gartenarbeit auf mich.

Wie in jedem Frühjahr ignoriert Frau Klammerle die Witterung und die Größe unserer Freiflächen und Gemüsebeete und schleppt von jedem Einkauf Blumenstöcke, Gewürztöpfe, Gemüsepflanzen und 40-Kilo-Säcke mit Erde heim, die wir alle vorläufig auf dem Terrassentisch lagern, der sich unter ihrem Gewicht biegt. Nachdem ich seit bald zwei Jahrzehnten glücklicher Reihenhausbesitzer im ländlichen Weichbild der Stadt bin (und das Haus irgendwann auch abbezahlt habe), nenne ich einen Garten mein Eigen. Er hat in etwa die Größe einer Picknickdecke; bietet immerhin Platz für eine Südterrasse, einen Werkzeugschuppen, ei­nen Kirschbaum, Obststräucher, Blumenbeete, ein wildwucherndes Kräuterbeet, allerlei mehr oder eher weniger geschmackvolle Deko-Artikel, selbstverständlcih Frau Klammerles selbstgeflochtene Weidenkunstwerke und sogar ein geniales, selbst gebautes und erst im letzten Jahr erweitertes Hochbeet, in dem ich gerade unter einer Abdeckung Karotten, Rote Rüben(2), Meerrettich und anderes Unkraut züchte. Selbstverständlich alles in der Bonsaiausführung – gut, dass  meine Frau und ich eher unterdurchschnittlich groß sind. Die Rasenflä­che ist so ausladend, dass ich schon an die Anschaffung eines Aufsitzmähers gedacht habe. Dennoch ist in den letzten frostigen, nassen und grauen Tagen einiges an Arbeit liegengeblieben, die ich heute erledigen will, wenn sich die Sonne gegen 10:00 Uhr entschließt, auch in meinen Garten hineinzuscheinen. Ich glaube, wir haben inzwischen mehr Jungpflanzen in schwarzen Plastiktöpfen auf dem Tisch stehen, die auf das Einpflanzen in Beete oder größere Töpfe warten, als wir noch irgendwo unterbringen können; zumal gerade die Gemüsepflanzen für die Hochbeete (habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich sie selbst gemacht habe?) auf Frau Klammerles Wunsch mit System gesetzt werden sollen, was einige logistische Probleme aufwirft. Sie redet in letzter Zeit dauernd irgendetwas von Mischkulturen und Starkzehrern. So ganz habe ich das nicht verstanden, aber ich darf auf keinen Fall die Süßkartoffel (ein Geschenk von Sohn Nr. 1 zum Muttertag) neben den Hokkaido-Kürbis pflanzen und auch die Freilandgurken müssen anderswo hin als die Paprika und die Aubergine. Das Ganze gleicht einem Echtzeit-Strategiespiel. Vielleicht sollte ich mir einen Plan machen oder mit den Schultern zucken und das Gemüse einfach dorthinpflanzen, wo noch Platz ist.

Immerhin, wir besitzen den mit Abstand hummel- und bienenfreundlichsten Garten in der Gegend und sind bald die einzigen, die sich noch weigern, Kiesflächen aufzuschütten, scheußliche Mauern aus gefangenen Steinen zu errichten und ihre Freifläche in eine hässliche, graue Mondlandschaft zu verwandeln. Trotz Katze Amy nisten bei uns die Amseln und Scharen von Spatzen und Staren kontrollieren jeden Tag, wie weit unsere Kirschen und Johannisbeeren sind.

Ein Panoramabild unseres Gartens.

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(1) Danke. Es geht mir gut. Morgen wollen wir allerdings die wunderschön renaturierte Wertach hinunter bis zum Bobinger Stausee radeln. Da kommen wir an einigen Einkehrmöglichkeiten vorbei, z. B. bei der von allen Augsburgern heißgeliebten Kulper-Hütte. Schauen wir mal, ob ich danach noch faste …

Mein heutiges Frühstück. Den ayurvedischen Kräutertee habe ich aus Frau Klammerles Teebox geklaut. Wer Inger mag, liegt hier richtig.

Apropos: Was diesen Sinnspruch am Bändel des Teebeutels betrifft. Dort stand: Liebe deine Seele.

Ich will nicht von der Qualität der Heißgetränke der Firma „YOGI TEA“ erzählen, sondern von ihrem altruistischen Bemühen, die überteuerten Teemischungen zusätzlich noch mit Versatzstücken aus der fernöstlichen Lebensweisheit zu würzen und diese auf die Pappschildchen ihrer Teebeutel zu drucken. Die Inder, die Chinesen und die anderen Völker, die in Richtung der aufgehenden Sonne wohnen, besitzen unendlich tiefsinnige Traditionen, ehrwürdige Philosophien, Weisheitslehren und Religionen, die teilweise in Zeiten zurückweisen, in denen meine Vorfahren noch ungewaschene Barbaren waren. Yoga, Zen, Buddhismus, Yin und Yang, Konfuzius, I-Ging, Feng-Shui, Laotse, Asketen, Ayurveden, spirituelle Führer, taoistische Transmutationen … ein kleines Brainstorming ist ausreichend, um die Tiefe der fernöstlichen Weisheit anzudeuten, die ein Einzelner überhaupt nicht ausloten kann (oder will). Und ein Europäer, der in einer vollkommen anderen Vorstellungswelt aufgewachsen ist, schon gar nicht.

Was hat nun „YOGI TEA“ aus dieser jahrtausendealten Weisheit und geistigen Tiefe gemacht? Was muss ich lesen, während ich meinen Würztee acht Minuten ziehen lasse? Darüber soll ich meditieren?

„Liebe ist Leben, Leben ist Liebe.“ – „Ich bin schön, voller Gaben und Seligkeit.“ – „In unseren Beziehungen fehlt Heiligkeit.“ – „Liebe ist Seligkeit.“ – „Liebe ist ein Zustand von Mitgefühl, in dem Freundlichkeit regiert.“ – „Liebe kennt keine Furcht oder Vergeltung“, und so weiter und so weiter. Ja, was ist Liebe denn nun?

Das sollen Weisheiten sein? Diese Fastfoodsätzchen fürs Poesiealbum einer Zwölfjährigen? Diese mehr als billigen Gemeinplätze sind der Aufguss der Moral und der Erkenntnisse weiser Menschen, die ihr Leben lang gefastet haben und sich kasteit, um sich von den irdischen Fesseln zu lösen und hinter die Oberfläche der materiellen Welt zu sehen, einen Blick auf die Urgründe des Seins zu werfen? Die uns voran gegangen sind ins erlösende Nirwana? Das bleibt am Ende übrig von all den Weisheitslehren, dem Jahrtausende währenden Ringen um Erkenntnis, um den richtigen Weg, den man im Leben einschlagen soll? Ein sinnentleerter Satz auf einem Etikett? Das ist bitterer, zu lange gezogener Tee.

(2) Diesmal sind es echte – hoffe ich zumindest (siehe auch: Die Mangold-Affäre).

 

Samstag, 04.05.19 – Ein kleines Jubiläum und ein Nudelbaum

Samstag, 04.05.19

Gestern vor sechs Jahren ging mein Blog mit einem kleinen Artikel online. Heute beginnt mein verflixtes 7. Blogjahr. Ich werde mir am Abend eine Flasche französisches Blubberwasser von der Witwe Clicquot entkorken und mit mir selbst anstoßen.

Und weitermachen …

(Symbolbild)

An diesem Wochenende geriert sich der Mai übrigens recht aprilzickig und nicht unbedingt von seiner vielgepriesenen Wonneseite: Es ist regnerisch, kalt bis an die Nullgrad-Grenze hinunter und für heute Abend ist Schneefall bis in die Niederungen angesagt (1). So soll es auch in der nächsten Woche weitergehen. Ich weiß nicht, ob das schon die leicht verfrühten Eisheiligen sind oder nur eine gewöhnliche Wetterkapriole, aber es fesselt mich ans Haus. Ich habe plötzlich die winterliche Lust auf Tee und dicke Bücher, arbeite mit einer Decke auf dem Sofa sitzend meinen Serienstapel bei Netflix und Amazon Prime ab und verheize die letzten vor dem Winter eingelagerten Buchenholzvorräte. Meine fleißige Gattin hat Wochenend- und Spätdienst und lässt mich leichtsinnigerweise den ganzen Tag unbeaufsichtigt.(2)

Eigentlich müsste ich ja an meinen Romanen weiterarbeiten, ich weiß. Aber da ich immer mehr das Gefühl bekomme, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der sich ersthaft für sie interessiert, bin ich gerade ein wenig in der Schreibkrise und schiebe diese Arbeit vor mir her. Es ist eigentlich egal, ob sie morgen, in einem Monat oder in einem Jahr fertig werden. Für mich existierten diese Bücher ja bereits in meiner Vorstellung und ich schreibe täglich zwei, drei neue – in meinem Kopf. Sie zudem aufs Papier zu bringen und drucken zu lassen, ist zwar eine befriedigende Beschäftigung und es macht mich stolz, meine acht gebunden Bücher in der Hand zu halten oder im Regal anzubeten, jedoch brauche ich mich damit nicht zu eilen, Nr. 9 hinzuzufügen. Keiner wartet ungeduldig und nägelkauend auf Nachschub. Also kann ich auch mal ein Wochenende ohne schlechtes Gewissen faulenzen, die Beine hochlegen und vielleicht auch mal  wieder ein neues Computerspiel ausprobieren.

Selbstgemachte Ravioli mit einer Bärlauchricotta-Füllung.

Und weil das eben so mein blumiger Stil ist, wechsle ich hiermit das Thema: Wir machen unsere Nudeln selbst – nicht immer, aber immer häufiger. Wobei „wir“ selbstverständlich „Frau Klammerle“ bedeutet. Ich bin nur für die niedrigen Dienste zuständig wie das Kurbeln der Nudelmaschine und das Befüllen und Formen der Ravioli. Das bislang größte Problem war es, einen Platz zu finden, wo man die Bandnudeln zum Trocknen aufzuhängen kann. Bislang benutzte meine findige Frau dafür unseren Wäscheständer; doch diese Lösung war ziemlich unbefriedigend und benötigte viel Platz.

Nudeln auf der Wäscheleine

Doch ein Urlaub in Südtirol hat nur Vorteile: Dort gibt es das Beste aus beiden Welten, also neben billigem Prosecco auch italienische Haushaltswarenläden, in denen es praktisch alles gibt. Deshalb sind wir nun glückliche Besitzer eines hochwertigen und original italienischen Bandnudelständers, der geschmackvoll mit unserer Kücheneinrichtung harmoniert und auch an Weihnachten mit Christbaumkugeln behängt unser alljährliches „Brauchen wir einen Baum oder nicht?“-Dilemma löst. Ein Spötter mag behaupten, ein „Nudelbaum“ sei so sinnvoll wie ein Tischstaubsauger, ein Lockenwickler, ein Thermomix, eine Donut-Maschine oder eine die Filmmusik aus dem Paten pfeifende Eieruhr (die gab es in dem Haushaltsgeschäft ebenfalls, doch Frau Klammerle hat mir leider verboten, sie zu kaufen), aber der hat eben keine Ahnung. WIr lieben dieses Ding.

Übrigens gibt es bei mir heute Abend zum Champagner diese Bandnudeln mit einer fruchtigen Paprika-Tomanten-Sauce.

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(1) Der Schnee ist für mich allerdings auch ein gewichtiges Argument. Da habe ich eine gute Ausrede, hier an meinem PC zu sitzen und diesen Text zu tippen und muss nicht die Reifen an Frau Klammerles Bonsai-Auto wechseln, was ich schon seit geraumer Zeit vor mir herschiebe. Allerdings muss ich heute Nacht überwinterte Geranien, sämtliche Blumenkästen und Pflanzeimer, die meine ungeduldige Frau Flora verfrüht angepflanzt und auf der Terrasse ausgesetzt hat,  vom Garten ins Wohnzimmer schleppen, damit den zarten Pflänzchen nicht der böse Frost den Garaus macht. Dazu gehört auch ein gefühlte zehn Tonnen schwerer Feigenbaum (bitte nicht mit dem Nudelbaum verwechseln!) in seinem massiven Tonkübel.

(2) Lieber aufmerksamer und an dem Schicksal meiner Familie interessierter Leser, den ich mir jedesmal vor meinem inneren Auge vorstelle, wenn ich hier schreibe: Du weißt ja, sie ist seit bald 40 (!) Jahren Kinderkrankenschwester auf einer Frühgeburtenintensivstation und in ihrem äußerst verantwortungsvollen, psychisch und pysisch an die Grenzen gehenden Beruf geht es jeden Tag um Leben und Tod. Trotz Intensiv- und Wochenendzuschlag und häufigen Nachtwachen verdient sie im Monat ein Drittel weniger als ich, der ich mir in meinem Teilzeit-Brotberuf mit geregelten Arbeitszeiten und freien Wochenenden nicht gerade ein Bein ausreiße. Zudem muss sie einen nicht unerheblichen Teil ihres Einkommens zur Vorsorge aufwenden, damit sie durch ihre erbärmliche staatliche Rente nicht irgendwann in die Altersarmut rutscht. Diese geradezu obzöne Ungerechtigkeit betrifft alle sozialen Berufe und ist einer der Würmer, der den Apfel unserer Gesellschaft, die immer mehr auf diese selbstlosen Menschen angewiesen ist, faul macht. (Das Reinvermögen von Frau Klammerles kirchlichem Arbeitgeber betrug im letzten Jahr übrigens 1,36 Mrd. Euro – aber das nur am Rande.)

Dienstag, 09.04.19

Dienstag, 09.04.19

Am Wochenende, das – rein von Wetter her betrachtet – besser war als angekündigt und mich weniger zum Schreiben und dafür mehr zur Gartenarbeit (1) und zum Lesen animierte, habe ich ein neues Wort gelernt. Nein, nicht „kärchern“, sondern „molestieren“. „Molestieren“, das ist fast so schön wie „Dachjuhe“ oder „Ideosynkrasie“, „Socke“ oder „Expropriation“. Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von „molestieren“ ist „belästigen“. Es kommt von dem lateinischen „molestare“ und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867), die es bei mobileread.com auch gratis als E-Book zum Lesen gibt. Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirklich lesens- und empfehlenswerten „Volksbuchs“ des Biedermaiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücherramschkiste gezogen habe und mit denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen ausdrücken würde, seit ein paar Wochen angeregt delektiere.(2) In den „Erinnerungen“ findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzter Satz: „[..] mir ward irgendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spatzen mit der Windbüchse zu molestieren.“ Ich liebe solche altväterlichen Formulierungen, wie sie insbesondere Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt habt. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieblingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Rasenmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen(3) auf meinem frischgestrichenen Deckchair zu unternehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmülltonne, während ich mich gerade zu dichterischen Höhenflügen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter geworden sein, aber sie hat eindeutig an Schönheit verloren.

Aber ich will euch nicht ennuieren.

Amy molestiert mich, weil sie mir mal wieder meinen Platz auf den Deckchair weggeschnappt hat.

*

Ach ja, es ist wieder einmal soweit. Übermorgen brechen Frau Klammerle und ich unsere Zelte in Diedorf ab und verreisen in den hoffentlich sonnigen Süden. Unser alljährlicher Osterurlaub steht an, der uns bei in den nächsten Wochen zum Wandern, Genießen, Radfahren und Entspannen zuerst an den Kalterer See in Südtirol und dann ins Altmühltal führen wird. Dort will ich dann auch die Hauptarbeit am 2. Teil meiner Fantasysaga „Der Weg, der in den Tag führt“ abschließen, der im Frühsommer in den Buchhandel kommen soll. Mein Blog ruht deshalb bis Anfang Mai. Ich hoffe, ihr werdet mir bis dahin treu bleiben.

Urlaub (Symbolbild)

Aber jetzt will ich euch nicht länger molestieren. Ich wünsche allen Lesern, Followern, Freunden und zufällig Hereinschneienden eine wunderbare, friedliche und genussvolle Osterzeit, fette Schokoladeneier und anregende Begegnungen.

Euer Nikolaus

Dieser leider bereits leicht lädierte Hase ist unverkäuflich und ein frühes Meisterwerk von Sohn Nr. 2.

 

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(1) Unter anderem habe ich meine über den Winter doch arg verschmutzten Sandsteinfliesen meiner kleinen Gartenterrasse „gekärchert“, also mit Hilfe eines Wasserstrahls gereinigt. Es ist ein seltsam befriedigendes Gefühl, eine Fliese nach der anderen mit dem Kärchergerät abzuspritzen, sie von Dreck, grünem Moosbelag und einem hartnäckigen Grauschleier zu befreien. Nun habe ich zwar von der vibrierenden Spritze einen Muskelkater in der linken Hand, aber die Terrasse leuchtet in der milden Frühlingssonne wieder wie neu.

(2) Kügelgen – übrigens ein wundervoller Name, wenn man ihn sächsisch ausspricht – soll im Gegensatz zu seinem Vater Gerhard ein eher mittelmäßiger, pietistischer Maler gewesen sein, aber in seinem Buch macht er Geschichte und das Leben der Menschen während und kurz nach den Napoleonischen Kriegen so lebendig, als wäre  das alles – trotz der antiquierten Sprache – erst gestern geschehen. Zusätzlich erfährt man die interessantesten Dinge: Caspar David Friedrich, ein Freund der Kügelgenschen Familie, malte nackt, Goethe konnte sich vor den Zugriffen seiner Groupies kaum retten und die Kohle von verbrannten Elstern wurde erfolgreich gegen Epilepsie eingenommen.

(3) Ich habe gehört, „Nickerchen“ sei politisch nicht mehr korrekt. Frau Klammerle, die darin ungeschlagene Meisterin ist, meint, man sage jetzt „Powernapping“ und ich habe noch ein weiteres neues Wort dazu gelernt, das ich allerdings wohl eher selten in meiner Literatur verwenden werde.

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