Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Die Chance verpasst – Postkarte DREI


Mein lieber unbekannter Leser, liebe unbekannte Leserin!

Tja, das war’s. Seit heute kosten die E-Book-Ausgaben meiner Bücher wieder ihren alten Preis von 2,49 €. Ich wollte es nur sagen, damit später niemand enttäuscht ist. Aber eigentlich ist es vollkommen egal. Sehe ich mir die Zugriffszahlen auf meinen Blog an, spielt es überhaupt keine Rolle, was ich hier schreibe oder ankündige oder so von mir gebe. Würde ich meine Texte auf die Unterseite meines Autos (ziemlich rostig, 12 Jahre alt, 300.000 km, noch 1 Jahr TÜV. Hat jemand Interesse?) heften, würde ich mehr Leser erreichen. Ich gebe es offen zu: Meine Lustlosigkeit, diesen frustrierend erfolglosen Blog weiterzuführen, tendiert gerade gegen 0. Vielleicht ändert sich das wieder, aber irgendwie bezweifle ich es. Wenn du dich nur einmal melden würdest, liebe unbekannte Leserin, dann wäre es für mich anders. Aber du schweigst und allzu oft muss ich daran zweifeln, ob es dich überhaupt gibt.

Ich habe übrigens in meiner kleinen Sommeraktion doch einige Bücher verkaufen können – in der Hauptsache an Leute, die mir auf Instagram folgen. Dieses vielgeschmähte Selbstdarstellerportal, die sich selbst, ihr Essen oder ihre Kaffeetasse fotografieren, ist wie der laute Club neben dem Friedhof, auf dem dieser Blog und meine Twitter- und Facebook-Accounts beerdigt liegen. Auf der einen Seite braucht man als Selfpublisher offenbar soziale Medien, aber – um beim Bild zu bleiben – Instagram ist bisher der einzige Club, in den mich der Türsteher reingelassen hat und ich an der Bar ein paar (zugegebenermaßen) oberflächliche Gespräche führen kann. Das ist für mich, der ich als Autor besser ins 19. Jahrhundert gepasst hätte und gegen das Verdikt anschreibe, dass „der Roman tot“ sei, ausgesprochen paradox und verwirrend.

Noch bin ich im Urlaub. Wie du siehst, weilen Frau Klammerle und ich gerade im Spreewald, sind aber erstaunlicherweise nicht vollkommen vom Internet abgeschlossen. Das liegt am WLAN in unserer Ferienwohnung, denn einen Handyempfang gibt es hier draußen am A… der Welt nirgendwo. Allerdings auch kein Corona; was diese Gegend als Urlaubsziel gerade recht anziehend macht, obwohl es hier für einen Vegetarier die Hölle ist (Es sei denn, er ernährt sich nur von eingelegten Gurken). Du hast es schon richtig vermutet: Wir gehen hier Frau Klammerles Lieblingsfreizeitvergnügen nach, mich zu bewegen: Wir wandern, machen ausgedehnte Radtouren (Muskelkater in den Beinen), paddeln kreuz und quer durch die Spreearme (und schleppen unser Leihboot über versperrte Schleusen – Muskelkater in den Armen), besuchen die Burger Spreewald-Therme, spielen abends Mensch-ärgere-dich-nicht (Ich verliere grundsätzlich! Muskelkater im Gehirn) und trinken abgrundtief grauenvolles „Gurkenradler“, das neben schlechtem Bier tatsächlich gezuckertes Gurkenwasser enthält. Wir haben einen Ausflug nach Berlin gemacht und standen wegen den Aluhut-Idioten und Nazis, die am Wochenende den Bundestag stürmen und die Diktatur der Vollpfosten ausrufen wollten, lange im Stau. Oh, wie ich diese Arschlöcher hasse! Ich könnte kotzen, wenn ich nur an sie denke und bevor ich einem von diesem Gesocks und der AfD die Hand reiche, würde ich sie mir lieber abhacken! (Wie gesagt, es hat Vorteile, dass niemand diesen Blog liest. Ich kann schreiben, was ich will) Ruhig Blut! Ende dieser Woche brechen wir dann hier unsere Zelte ab und machen noch ein Wanderwochenende im Fichtelgebirge, das günstig auf halber Heimatroute liegt.

Dann erwartet mich wieder mein Brotjob, für den obiges Foto eine gute gute Metapher ist. Ich bin irgendwie der Falsche am falschen Ort und niemand holt mich hier raus! Die Aufnahme entstand freilich nicht im Spreewald, sondern im August 2019, jener unbeschwerteren Zeit, als wir unseren Sommerurlaub am Iseosee in der Lombardei verbrachten. Ich denke mit einer Mischung aus Trauer und Sehnsucht daran. Trauer, wenn ich bedenke, was der Gegend während der Pandemie an Leid geschah und Sehnsucht, weil ich mich so sehr danach sehne, wieder nach Italien fahren zu können. Dort gehöre ich hin: In die Hitze eines toskanischen Nachmittags, in den Schatten unter einem silberblättrigen Olivenbaums, während ein leichter Wind vom Meer heraufweht und den Geruch von Salz, Thymian und Wacholder mitbringt. Vor mir auf dem Tisch, an dem ich an meiner Schreibmaschine an meinem Roman „Aber ein Traum“ (Wird Ende dieses Monats veröffentlicht!) tippe, stehen ein Glas herber, tanninreicher Rotwein, Weißbrot und ein paar Brocken gereifter Pecorino aus Pienza. Frau Klammerle sonnt sich hinten am Pool unseres Feriendomizils. Kein Muskelkater: Es ist viel zu warm, um zu radeln oder zu denken. Vielleicht bleiben wir auch für immer.

Ach, ja …

Zum letzten Mal Grüße aus dem Urlaub,

Dein Nikolaus

Diese Sommerlektüren (4) – Arno Schmidt

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) müsste ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch schmerzlich auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein(1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn ganz einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Fäkieren eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei von ihm mitgedachte, aber durchaus nicht hingeschriebene Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) sind zum Fremdschämen und alle wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, eine Tür, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische, dystopische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden.(4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma(6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

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(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist selten langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt-, Fuß-, und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über den leider inzwischen fast vergessenen Autor und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich empfehle in der Übertragung von Schmidt „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der absolut lesenswerten Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Falls Jan Philipp Reemtsma zufällig mitliest: Bitte, Herr Millionär! Hier sitzt ein katzenfreundlicher Autor, der wie Arno Schmidt dringend eines Gaius Cilnius Maecenas bedarf, um meine kleineren finanziellen Durststrecke überdauern zu können. Ich übersende Ihnen gerne meine Bankverbindung und werde einen meiner Söhne nach Ihnen benennen – wenn gewünscht, auch alle. Hier noch ein Foto von Amy als glücklicher Sommerkatze für Sie persönlich zum Ausdrucken und in den Geldbeutel schieben und in der Bekanntschaft herumzeigen. Katzenbilder, heißt es, rühren das Herz.

amyliege

Sonntag, 24.05.20 – Diese entsetzliche Erfolglosigkeit

Pfingstsonntag, 31.05.20

Zuerst einmal die gute (na ja, nicht für jeden) Nachricht: Die Maus, von der ich in der letzten Woche berichtet habe, versteckt sich nicht mehr im Schlafzimmer. Ich habe ja eine Lebendfalle aufgestellt und sie mit Popcorn und Schokolade gefüllt. Ich war mir sicher, ich würde die Maus darin fangen. Pustekuchen. Diese Falle ist so pazifistisch, dass sie sich nicht schloss, als die kleine, braune Feldmaus meiner Einladung folgte und in der Finsternis der Nacht aus ihrem Versteck gekrochen kam. Sie fraß die Falle leer und stellte sich dabei so geschickt an, dass sie den Fangmechanismus nicht auslöste. Trotzdem wurden ihr Popcorn und Schokolade zum Verhängnis. Denn die Maus hatte in ihrer Gier Amy, die Katze, übersehen, die zu meinen Füßen in meinem Bett lag. Tatsächlich wartete meine Katze genüßlich ab, bis die Maus satt war und wieder aus der Falle kam, dann hüpfte sie mit einem Aufschrei auf ihr Opfer, das ihr in der Nacht zuvor entkommen war und diesmal, vollgefressen wie es war, keine Chance hatte. Erst in diesem Moment wurde auch ich wach (es war mal wieder kurz nach vier Uhr). Viel war allerdings nicht mehr zu sehen. Amy, die vielleicht doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen plagte, packte sich die Maus und rannte wie der Blitz mit ihr im Maul durch die Katzenklappe hinaus aus der Wohnung. Ich habe keine Hoffnung, dass sie ihre wiedergefundene Beute vor der Haustür mit einer Verwarnung laufen ließ, sondern befürchte eher, dass ich demnächst beim Unkrautjäten auf die kümmerlichen Überreste einer Katzenmahlzeit stoße. Dann wäre das die Geschichte, in der Amy über Umwege Popcorn und Schokolade fraß.

Übrigens hat sie das Karma anschließend schwer gebeutelt, denn in der Nacht darauf bekam sie Ärger mit einer anderen Katze, die bei einem Kämpfchen brutal und fest in den Rücken gebissen hat. An dieser Wunde bildete sich dann ein gewaltiger, eitriger Abzess, der beim Tierarzt behandelt werden musste. Da es Frau Klammerle (immerhin Krankenschwester im Intensivbereich) nervlich nicht packte, war ich mit Mundschutz, Desinfektion, Abstandregelungen und einem flauen Gefühl im Magen dabei, als der Veterinär der armen leidenden Katze den stinkenden Eiter aus der Wunde quetschte, sie sorgfältig ausspülte und ihr zum Abschluss noch zwei Spritzen verpasste.

Keine Sorge, jetzt ist sie wieder auf der Höhe und gestern kam sie stolz mit einem kleinen Vogel in die Wohnung geschlendert. Nur noch ein kahler Fleck in ihrem flauschigen Fell erzählt noch von der Angelegenheit.

*

Und – ach! – da habe ich Optimist einen ganzen Stapel meines neuen Buchs zuhause, der nur Platz wegnimmt. Ich dachte, jeder würde ein Exemplar wollen, weil es mir so gut gelungen ist und ich wäre jetzt endlich im Schriftsteller-Olymp angekommen! Pustekuchen. Ich hätte es ja eigentlich aus meinen bisherigen Erfahrungen wissen müsssen: Für meine Literatur interessiert sich weiterhin keine Sau. Ich habe noch kein einziges Buch verkauft, auch nicht als spottbilliges E-Book. Die Leute wollen Nikolaus Klammer nicht einmal geschenkt.

Vielleicht sollte ich zwischen Cover und erste Seite Popcorn und Schokolade legen …

*

Und dann ist da noch die Sache mit dem Urlaub von Frau Klammerle und mir. Eigentlich wollten wir ja ins Burgund fahren und hatten bereits im Februar eine Ferienwohnung angemietet. Pustekuchen. Corona kam, wir mussten stornieren und die Hälfte unseres Geldes als Verlust abschreiben. Trotzdem haben wir nun über Pfingsten und darüber hinaus gemeinsam zwei Wochen Urlaub und wir werden sie eben in der Heimat verbringen. Ziel ist es trotzdem, ein gewisses Feriengefühl aufkommen zu lassen. Deshalb planen wir Ausflüge zu Fuß und Rad in die Umgebung und versuchen, unser Häuslein und unseren Garten als Ferienwohnung zu behandeln (keine Alltagsarbeiten, wenig putzen, viel „chillen“ usw.) Statt der Abtei Cluny besichtigen wir eben Kloster Andechs. Ich bin gespannt, ob uns das gelingt, zuhause abzuschalten.

Am Freitag haben wir zumindest unsere erste Radtour nach Blumenthal bei Aichach gemacht; also mal ins oberbayerische Hinterland von Augsburg, das wir normalerweise meiden. Wir sind lieber in unserem Wilden schwäbischen Westen oder im Allgäu unterwegs. Obwohl wir uns ein paar Mal verfuhren und eigentlich nicht dort rauskamen, wo wir hinwollten, alle Biergärten geschlossen waren und am Mittag das Wetter recht zweideutig und kühl wurde, hat es Spaß gemacht und durchaus ein wenig Urlaubsgefühl vermittelt. Später kehrte auch wieder der weiß-blaue Himmel zurück, wir saßen auf der Sonnenterrasse unseres Diedorfer „Ferienhauses“ und genossen den Schrobenhausener Spargel, den wir vom Nahen Osten mitgebracht haben. Immerhin ist der Weißwein, den wir dazu tranken, ein Weißburgunder.

Morgen wanderen wir in der Schwäbischen Alp. Und ich habe keine Ahnung, wie ich in diesen Absatz „Popcorn und Schokolade“ schmuggeln kann. Herzliche Urlaubsgrüße.

Bis bald! Euer Niklas.

Ja, auch zuhause ist es schön!

Sonntag, 19.01.20 – ein schönes Buch, eine clevere Maus und eine Ruhebank

Sonntag, 19.01.20

Ich darf vorstellen: Das ist Piepsi. So hat sie meine Schwiegertochter getauft. Meine Katze Amy hat die kleine, braune Feldmaus vor einigen Tagen behutsam ins Haus geschleppt, um mit ihr ein wenig zu spielen. Dabei hat sie (Amy, nicht Piepsi) das clevere Tierchen „aus den Augen verloren“. Sie (Piepsi, nicht Amy) lebte seither in Untermiete gut verborgen und geschützt hinter den Küchenschränken in einer warmen Nische der Spülmaschine, wo sie für mich nicht erreichbar war und organisierte sich ihr Futter in meinen Lebensmittelschubladen. Nach mehreren Fehlversuchen ging sie mir vorgestern Abend endlich in die Falle. Sie war wohlernährt und gesund, möchte ich anfügen, denn es gelang ihr mehrmals, den Köder (alte, übriggebliebene Marzipankartoffeln von Weihnachten, denn ich bin Vegetarier und habe keinen Speck zuhause) aus meiner Lebendfalle zu fischen, ohne diese dabei auszulösen. Für Frau Klammerle war die letzte Zeit ein wahrer Horror.

Piepsi und ich machten dann gestern noch einen kleinen Spaziergang von meinem Haus hinüber zum Acker beim Sportplatz, wo wir uns nach einem netten, allerdings recht einseitigen Gespräch verabschiedet haben. Mach es gut, kleine Maus, und lass dich nicht noch einmal von Amy zum Abendessen bei uns einladen! Frau Klammerle weiß das nicht zu schätzen.

Nachtrag: In der Nacht dann kam Amy erneut mit einer Maus, von der diesmal nur ein paar kümmerliche Reste übrigblieben, die ich Heute morgen mit Schaufel und Besen entsorgte. Ich weiß nicht, ob das Piepsi war und hoffe, dass sie noch quietschvergnügt auf dem Kartoffelacker herumsaust … Ami genießt und schweigt sich aus.

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Da ist es nun mit der Post gekommen: Das Korrektur-Exemplar meines neuen Buchs „Das rote Haus“, in dem ich fünfundzwanzig meiner besten kurzen Geschichten versammelt habe. Die älteste (Vision) ist vierzig Jahre alt, die jüngste stammt aus dem letzten Jahr. Obwohl die Texte sehr unterschiedlich sind, wirken sie für mich doch wie eine Art Autobiografie und bilden die Gesamtheit der Themen ab, die mich in meinem Leben beschäftigen.

Es ist jedesmal von Neuem ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zum ersten Mal sein neues Buch in den Händen halten zu können, es vom Virtuellen zur Realität geboren zu haben, es zu fühlen, durchzublättern, anzulesen – auch wenn es noch voller Fehler ist. Trotzdem glaube ich, diesmal ist mir wirklich etwas Gutes gelungen. Ich liebe das Titelbild!

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Gestern Morgen glitzerte schockgefrorenes Laub in meinem Garten in der Morgensonne. Ich machte ein paar Fotos und war glücklich, bis mir einfiel, was ich schon die ganze Zeit verdrängt hatte: Ich hatte einen Zahnarzttermin, den ich bereits im Dezember bereits einmal verschoben hatte, weil mich ein Hexenschuss quälte. Tatsächlich ging es meinem Rücken zu diesem Zeitpunkt schon wieder ganz gut, aber die Ausrede war einfach klasse.

Und schließlich noch ein Foto von der Bank am Stadtbach, ganz in der Nähe von der Wohnung in der Augsburger Bleich, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich ist schon B. B. als Jugendlicher auf ihrer Lehne gesessen und hat heimlich eine dicke Zigarre geraucht. Auf ihr saß ich gestern nach meinem glimpflich verlaufenen Zahnarzt-Besuch in der erstaunlich warmen Sonne und dachte intensiv mit geschlossenen Augen über den Plot für mein nächstes Buch nach. (Euphemismusalarm: Tatsächlich habe ich nur den verfrühten Frühlingstag und den Mint-Geschmack auf den Zähnen genossen und – so würden es meine Söhne formulieren – mein Leben „ge-chilled“.)

Heute Abend kocht Frau Klammerle noch nach einem alten Familienrezept von meiner Großmutter für Schwiegertochter, Sohn Nr. 1 und für meine Wenigkeit noch die unbeschreiblich leckeren Dampfnudeln mit Vanillesauce. Dazu muss man unbedingt ein Bier trinken und die Glückseligkeit ist vollkommen. Das war eines der besten Wochenenden seit langem und ich muss dem Januar, den ich kürzlich so übel beschimpfte, Abbitte leisten!

Dampfnudel nach Familienrezept – nur echt mit karamelisierter „Scherre“, Vanillesauce und einem Hellen. Dreieinhalb Stück machten sogar Sohn Nr. 2 satt. Die restlichen gibt es morgen kalt mit Marmelade.

Manche Tage haben eine Farbe – Neujahrsgedanken

Manche Tage haben eine Farbe.

Wie kann es sein, dass sich ein ganzes Leben in einem kurzen Moment verdichtet, ganz wie das Spektrum der Lichtstrahlen im Brennpunkt einer Linse? Wie ein ruhiger, breiter Strom fließt es manchmal dahin, behäbig und ausgeglichen. Plötzlich, weil zu Beginn unmerklich, nimmt die Strömung zu, beschleunigt sich. Alles strudelt nun rasend schnell auf ein drohend nahes Ziel hin, das Flussbett wird unbequem und schmal. Das Leben ist mehr, aber nun konzentriert es sich in einem Punkt, einer felsigen, bedrohlichen Enge, durch die es schäumend und Wirbel schlagend seinen Weg bricht. Dahinter, nur wenige Augenblicke später, verbreitert sich der Fluss und atmet ruhiger, aber er ist doch nie mehr der, der er vorher war. Es dauert lange, bis sich der aufgewühlte Schlick, der das Wasser schmutzt und dunkelt, wieder setzt.

Diese besonderen Tage der Entscheidung haben in meiner Erinnerung eine Farbe. Ich bin versucht, vom Hochnebelgrau eines Herbsttages zu erzählen, einem nasskalten Grau, das zäh an die Häuserfronten klammert und in mein Gemüt beißt.

Ich würde gerne vom Blau einer hellen Sommernacht sprechen, einem Blau, das Liebe fordert und Trauer findet, berichten vom schmerzhaft hellen Milchton eines Neujahrmorgens, der in der Tat wie eine Wiedergeburt war, von der Prüfung am Tag der braunen Hitzeschlieren, vom hoffenden Ausflug in die rote Stadt, dem Grün eines von Nebelschwaden eingehüllten Alpengipfels.

Obgleich tief und ernst empfunden, wird mir das alles beim Aussprechen schon allzu seicht, die Sprache gleitet mir wie Sand durch die Finger. All das hat erschreckend wenig Belang und ist voller Lüge und falscher Sentimentalität. Deshalb will ich lieber davon schweigen, denn jeder auch nur mit einem Hauch von Empfindsamkeit begabte wird mit ein wenig Mühe in seiner eigenen Erinnerung fündig werden und dabei überrascht feststellen können, dass, je älter das aufgedeckte Gestern ist, er um so weniger von Gesichtern, Daten und Bewegungen behalten hat, es bleiben, unentwirrbar miteinander verwoben, die Gefühle und die Farbe, jene leuchtende Melodie in den Dingen. Ich glaube, dies ist das geheime Raster, nach dem das Gehirn seine Erinnerungen ordnet.

Dieser Tag gestern war gelb und er vermischte sich auf magische Weise mit einem Tag in meiner Vergangenheit, den ich lange vergessen wähnte. Beide hatten sie die Farbe von blühendem Löwenzahn auf einer ungemähten Frühlingswiese, das gallebittere Gelb der endlosen, die Augen überfordernden Rapsfelder, die glitzernden Reflektionen der Sonnenstrahlen auf feuchten Butterblumen – komplementär gespiegelt in den purpunen Wolkenfäusten eines nahenden Gewitters. All das hat sich ins Schwarz meiner Pupillen gebrannt wie ein goldener Glanzfleck.

Das schimmernde, flirrende Gelb dieser Tage wird mich immer frisch und immer neu begleiten. Ich möchte mein Leben gerne beenden, während ich mich an den Gedanken an meinen gelben Tag festklammere; seine Nuancen stetig wieder neu entdeckend, sie mit den zögernden, letzten Atemzügen in den Raum hauchend, in dem ich ein letztes Mal zu liegen komme.

Jenes aggressive und aufdringliche Gelb beherrscht mich, denn es ist mir ein Synonym für ein Glück geworden, das ich einmal kennenlernte und allzu schnell wieder verlor.

(Sozialistische Selbstkritik: So nicht! Sentimentales Geschwurbel, akute Adjektivdiarrhö, schwieriger, verschachtelter Satzbau für einfache, klare Empfindungen; zu viel erlesen, zu wenig selbst entwickelt – viel zu lang. Und nie, nie einen Text mit einer rhetorischen Frage beginnen oder gar mit einem „Als…“. Goldene Regel: Wenn ein Buch mit „Als…“ beginnt, ist es Mist. Solche Bücher will ich selbst nicht lesen – also sollte ich sie auch nicht schreiben.)

Dennoch, beim Schreiben habe ich das tief und echt empfunden. Mein Tag war gelb.

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