Aber ein Traum …

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Mittwoch, 20.03.19

Mittwoch, 20.03.19 – Frühlingsanfang

Der Schrobenhauser Spargelhof „Lohner“ – eine Art saisonale Besatzungsmacht in Schwaben und im Allgäu – hat wieder sein himmelblaues Häuschen in Diedorf aufgestellt – im Volksmund auch kurz „Schpäusle“ genannt. Es muss also etwas dran sein an den Frühlingsgefühlen, die in meinem Unterleib rumoren. Wenn ich ein Lyriker wäre, würde ich jetzt irgendetwas über „süße, wohlbekannte Düfte“, „blaue Bänder“ und „Bienen“ und „Blumen“ reimen. Als Prosaautor sage ich nur: „Es wurde jetzt aber auch wirklich höchste Zeit …“, denn bisher fühlt sich dieser Frühling an wie ein umgekehrter Brexit – tausendmal angekündigt und immer wieder verschoben.

*

Damit ist es auch an der Zeit, das Kräuterbeet neu zu bepflanzen. Wie immer hat außer der Zitronenmelisse, dem Olivenkraut, dem Bärlauch und dem Schnittlauch nichts den Winter überlebt, nicht einmal die robuste Salbeipflanze und der eigentlich winterharte und mehrjährige Thymian – überall ist nur noch vertrocknetes, totes Geäst zu sehen. Auch nach Rosmarin – ihren Lieblingsduft – sucht Amy, die Katze, vergeblich. Der Estragon ist erstaunlicherweise auch wieder gekommen und streckt seine grünen Blattfinger der Sonne entgegen; er ist das Gewürz in meinem Garten, das ich am seltesten verwende, über das ich aber einen meiner ersten Blogartikel geschrieben habe, den ich hier kaum verändert noch einmal präsentiere. Denn es wäre schade, ihn einfach so verkommen zu lassen:

Estragon und ich

Französischer Estragon(Artemesia dracunculus)

Also war ich in der letzten Woche beim Gärtner meines Vertrauens, um mich mit dem Allernotwendigsten ein­zudecken. Dabei fiel mir auch eine zarte Pflanze in die Hände, die ich nur wegen ihres Namens erwarb: Estra­gon. Als Literat kann ich daran nicht vorbei.

Ich hatte keine Ahnung, wie die Triebe und lanzen­förmigen Blätter des Korbblütlers schmecken (anisartig, ein Wermutgewächs), wie groß er wird (ein Busch bis zu 150 cm hoch), noch dass es einen russischen (winterfest) und einen französischen Estragon (ich habe natürlich den, der keinen Frost verträgt) gibt oder dass dieses Ge­würz unverzichtbarer Bestandteil der Sauce béarnaise und der klassischen fran­zösischen Kräutermischung (fines herbes) ist, deren ge­trocknete Variante der Höhepunkt der Dekadenz in der Küche meiner Mutter war.

Im übrigen gilt Estragon als verdauungsfördernd und harntreibend, ergänzt also hervorragend den frischen Spargel, dessen Saison eben begann …

Wie man sieht – nach ein wenig Recherche bin ich nun schlauer und ich habe mich an mein erstes Gericht mit Estragon gewagt, einer Variante eines Kohlrabirezeptes, das ich in einem Kochbuch gefunden habe.

*

Grüner Spargel mit Orangen-Ziegenfrischkäse-Estra­gon-Sauce

für 1 Person (Frau Klammerle hat Spätdienst)
300 g grüner Spargel, das untere Drittel geschält, in schmale Scheiben geschnitten
20 g Erdnussöl
1 Schalotte, 1 Knoblauchzehe, fein gehackt
50 ml Weißwein, am Besten den, den man eh dazu trinkt
50 ml frisch gepresster Orangensaft
50 g Ziegenfrischkäse, (oder ein veganer Ersatz aus Mandelmasse), in 50 ml Schlagsahne (oder Kokosmilch) verrührt
1 EL frisch gehackter Estragon, 4 Blätter frisch ge­hackte Zitronenmelisse (die hat ja bei mir überlebt), Kerbel
abgeriebene Schale einer halben Zitrone
Chili, Salz, frisch gemörserter Pfeffer, Schnittlauch ge­hackt (als Deko)

Pflanzenöl in einer hochwandigen Pfanne zerlassen, Spargelstücke, Knoblauch und Schalotten etwa 3 min anschwitzen, dann mit Weißwein ablöschen und mit Orangensaft aufgießen. Das Ganze 5 – 7 min aufkochen lassen, bis der Spargel gar ist, aber noch Biss hat. Das Ziegenkäse-Schlagsahnegemisch oder die vegane Variante dazu gießen, Estragon, Chili und Zitronenabrieb darüber. Alles sämig aufkochen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit Schnittlauch bestreuen und sofort servieren.

Dazu reichte ich mir Weißbrot und einen frisch-fruchtigen Côtes de Tongues, den ich auch zum Kochen verwendete.

Und das Resümee?

Nun, ich habe weder Talent zum Rezepte schreiben, noch zur Food-Fotografie (Es sah wirklich besser aus). Aber dies soll ja auch kein Kochbuch werden. Und, ja: Mir hat es geschmeckt. Estragon darf gerne die­sen Sommer im Kräuterbeet warten …

Vorankündigung: Jahrmarkt in der Stadt – Band 2

Ja, der Sommer war groß. Aber jetzt ist wirklich es an der Zeit. Auch wenn dieser Oktober noch immer ein wenig nach Juni riecht, schlendere ich nun in meinen persönlichen Bücherherbst hinein, in jene zum Lesen und Schreiben prädestinierte dunkle Jahreszeit, in der man vor dem offenen Kamin am Buchenfeuer in seinem Lehnstuhl sitzt, Lebkuchen isst, am schwarzen Tee mit Wildkirscharoma nippt und über sein Leben und die verlorenen Chancen des vergangenen Sommers nachsinnt.

Wie heißt es doch so schön am Ende von Rilkes berühmten „Herbsttag“:

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Mitte November (den genauen Termin erfahrt ihr noch) werde ich mit „Die Wahrheit über Jürgen“ den 2. Band meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlichen. Meine Helfer und ich arbeiten gerade am  Endlektorat.

Jahrmarkt in der Stadt – Band 2
Die Wahrheit über Jürgen
Ein Künstlerroman von
Nikolaus Klammer
(270 Seiten, als Softcover oder E-Book bald überall im Buchhandel erhältlich)

Der Mensch dürstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht,
ihm seine Seele zu verschreiben.
Deshalb schlägt er krumme Wege ein:
Die Neurose, das Gelächter … oder die Kunst.

Eine Stadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt der Erfolg wirklich in der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke begründet oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Stadtrat?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in ein Familiendrama verwickelt, das bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

Dieser Herbst ist groß!

Ohne – wie das sonst meine geschwätzige, gut bayerische Art ist – große Worte zu machen: Was war das für ein fantastisches, traumhaft schönes, sensationelles Herbst-Wochenende, das da hinter uns liegt? Ich konnte es ausnutzen und im Karwendelgebiet wandern und jetzt bin ich immer noch bis an den Rand aufgefüllt von der Schönheit und der Wärme, die ich erleben durfte. Es werden auch wieder nassgraue, neblige Tage kommen, aber im Moment fürchte ich sie nicht. Herr, der Sommer war groß …

PS.: Und noch ein kleiner Insider-Tipp. Den weltbesten Käsekuchen gibt es in der Ammergauer Schaukäserei in Ettal. Ungelogen!

Sommerliche Leseempfehlungen: Arno Schmidt

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) müsste ich im nächsten Sommer eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch schmerzlich auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein(1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei von ihm mitgedachte, aber durchaus nicht hingeschriebene Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) sind zum Fremdschämen und alle wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, eine Tür, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische, dystopische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden.(4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma(6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

—————–

(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist selten langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt-, Fuß-, und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über den leider inzwischen fast vergessenen Autor und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich empfehle in der Übertragung von Schmidt „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der absolut lesenswerten Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Falls Jan Philipp Reemtsma zufällig mitliest: Bitte, Herr Millionär! Hier sitzt ein katzenfreundlicher Autor, der wie Arno Schmidt dringend eines Gaius Cilnius Maecenas bedarf, um meine kleineren finanziellen Durststrecke überdauern zu können. Ich übersende Ihnen gerne meine Bankverbindung und werde einen meiner Söhne nach Ihnen benennen – wenn gewünscht, auch alle. Hier noch ein Foto von Amy als glücklicher Sommerkatze für Sie persönlich zum Ausdrucken und in den Geldbeutel schieben und in der Bekanntschaft herumzeigen. Katzenbilder, heißt es, rühren das Herz.

amyliege

Ein Pilgergang zum Heiligen Berg (Alle Jahre wieder …)

andechs2

Einmal im Jahr hat jeder Bayer die staatsbürgerliche Pflicht, auf den Hl. Berg zu wallfahrten. Da der Ministerpräsident ihn schon im letzten Monat aufsuchte – wahrscheinlich aufgrund eines Bußgangs wegen der Affäre um die CSU-Nepoten – war es für mich heute ebenfalls an der Zeit, gen Andechs zu pilgern. Ich wählte den einzigen regenfreien, herrlich sonnigen Tag in dieser Woche. Man kann es mit der Buße nämlich auch übertreiben.

andechsEs führen viele Wege hinauf zu den bierbrauenden und zanksüchtigen Mönchen. Der Klassiker ist ein kurzer Aufstieg von Herrsching aus. Kommt man von Westen, kann man auch am Uttinger Bahnhof parken und vom nahen Landungssteg aus mit der Bayerischen Seeschifffahrtslinie übersetzen – mit einem wunderbaren Blick auf den Wetterstein. Zurück geht es dann durchs wildromantische Kiental. Aber bitte schön langsam und vorsichtig, denn der Weg führt dort stellenweise steil hinab und schon mancher hat beim Versuch, seiner prall gefüllten Blase am Wegesrand Erleichterung zu verschaffen, nicht nur sein Wasser, sondern auch sein Leben gelassen. (Ha! Was für ein Satz! Nehmt dies!)

Man kann als fußkranker Rentner oder lauffauler Oberbayer (vulgo: Münchner) auch bis zum Parkplatz unterhalb des Klosters fahren, aber das ist unsportlich und hat nicht den Segen der Kirche, deren Zwiebelturm noch oberhalb der Schwemme in den weiß-blauen Himmel deutet und mit dem Wallfahrtskloster aus dem 15. Jhd. ein durchaus sehenswertes Barockensemble bildet – wenn man denn auf den Bayerischen Barock, Votivtafeln und Schlangen vor den Toiletten steht.

Der schönste – und auch längste – Weg nach Andechs beginnt jedoch im Hof des sehenswerten Schlosses Seefeld am Pilsensee, in dem man auch baden kann. Das Schloss ist in Privatbesitz derer von Toerring (ja, genau, die brauen ebenfalls Bier) und kann nicht besichtigt werden, aber in den ehemaligen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden haben sich einige nette Läden, Kunsthandwerker und ein Kino angesiedelt. Hinter dem Schloss beginnt ein gemütlicher, durchaus pittoresker (ha!) Wanderweg, der sich bis auf wenige Stellen ordentlich markiert Richtung Andechs schlängelt. Im Zweifelsfall hält man sich an diese unscheinbare Wandermarkierung:

andechs4Man läuft auf dem im Moment nach dem Dauerregen etwas matschigen Weg etwa 1 ¾ Stunden bis 2 Stunden (8 km) an schängelnden Bächen entlang, durch lichte Wälder und über Wiesen, hat zwischendurch einen schönen Blick auf den Ammersee und immer mal wieder kommt einem in der Ferne das Ziel vor Augen. Erst ganz kurz vor Andechs verliert sich plötzlich der Weg in einem Acker und man muss aufpassen, dass man bei den ausgedehnten Bärlauchfeldern den Ochsengraben verlässt und ihn auf der Seefelder Straße überquert. (Man kann auch kurz steil über den Tobel absteigen, auf der anderen Seite hinauf und kommt dann am Klostergarten vorbei zur Wallfahrtskirche hinauf.)

andechs3Dann hat man es aber auch nicht mehr weit – eine kurze Durststrecke einen schattenlosen, gekiesten Weg entlang und man steigt durch die Anlagen der Brauerei zur Schwemme empor, dabei ein paar Trödler überholend – und erreicht den wahren Himmel der Bayern: Den geschäftigen und lärmigen Andechser Biergarten, das Ziel der Wallfahrt. Jetzt holt man sich einen dunklen Doppelbock, eine Breze, einen Radi, einen Kas und einen Krautsalat (wenn man keine Brotzeit mitgebracht hat, denn in Bayerischen Biergärten darf man sein Essen selbst mitbringen) oder, wenn man kein Vegetarier ist und Lust hat, eine halbe Stunde an der Essensausgabe anzustehen, die klassische Schweinshaxe und feiert unter den großen Sonnenschirmen sein Leben und die Glückseligkeit, am Leben zu sein.

Der Weg zurück ist dann lang genug, dass man ein wenig ausnüchtert und im Schloss Seefeld wieder durstig und hungrig ankommt. Gut, dass es dort auch ein Bräustüberl mit einer für bayerische Verhältnisse großen fleischfreien Karte gibt …

 

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Ergänzung 2014 Es ist mal wieder an der Zeit. Die göttliche Gnade ist aufgebraucht und ich brauche einen neuen Schub Heiligkeit. Deshalb werde ich heute auf den Hl. Berg pilgern (nein, ich meine nicht Tabor, Herr Heun, sondern Andechs) und mir im dortigen Biergarten bei Doppelbock und einer selbstmitgebrachten Brotzeit meine jährliche Ration an katholischer Labsal und Seelenfrieden abholen. Dann muss es aber auch wieder gut sein für die nächsten zwölf Monate. Der pittoreske (ha!) bayerische Barock ist wie der Genuss von Zuckerwatte: Die erste Portion ist zwar klebrig und knirscht zwischen den Zähnen, aber sie ist doch schön. Von der zweiten wird mir schlecht.

Diesmal werden Frau Klammerle und ich den Berg nicht wie im Vorjahr auf Schusters Rappen erklimmen, sondern einen Abschnitt des launigen Ammersee-Radrundwegs nehmen, von dem wir für diesen kurzen Umweg abweichen wollen.  Das sind knapp 30 km hügeliges Auf und Ab, leider nur selten am See entlang, da die Grundstücke direkt am Ufer den „Großkopferten“, Unternehmern und CSU’lern, gehören und das Vogelschutzgebiet im Schwemmland der Ammer einen größeren Umweg erfordert. Am Starnberger See ist es allerdings noch schlimmer, dort kommt man außer an den Badeanstalten überhaupt nicht ans Wasser. Der Ammersee, den die Augsbürger kürzlich in spontaner Begeisterung in „Schwäbisches Meer“ umgetauft und am 1. April auch auf den Straßenschildern umgeändert haben, als zum Ärger der oberbayerisch königstreuen Herrschinger ein neuer Dampfer der Seeschifffahrt auf den Namen der schönsten Stadt Bayerns getauft wurde, ist glücklicherweise besonders auf dem Westufer noch etwas normaler und bäuerlicher geblieben. Auf unserem Weg liegen z. B. Utting mit seinem schönen alten Strandbad und das „Künstler“-Dorf Dießen mit  berühmtem Töpfermarkt und üppig spätbarockem Augustiner-Chorherrenstift.

Ich wünsche meinen Freunden und Lesern einen wunderschönen sonnigen Freitag. Meiner wird bestimmt traumhaft.

Und so war es im letzten und auch im vorletzten Jahr und so wird es auch diesmal sein. Das Glück der Wiederholung:

Andechs

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Ergänzung 2016 Aus aktuellem Anlass wieder nach oben geholt. Heute geht es mit der ganzen Familie auf den Hl.  Berg und wir starten wieder – siehe unten – am Pilsensee. Die Brotzeit ist schon in die Rucksäcke gepackt, die Wanderschuhe vom Dreck unserer Alpentour gereinigt und die kurzen Hosen, unter denen sich muskulöse, wohl definierte Waden der Sonne, den Mücken und den Zecken aussetzen, gewaschen. Ich trage dem Anlass angemessen ein weißblaues Hemd und werde diesmal auch keinen Krug klauen.

Aber ich  werde eine Kerze für diejenigen anzünden, die meine Texte lesen …

Ich gebe es zu: Ich bin süchtig; süchtig nach Wandern. Die letzten zwei Wochen haben mich wieder voll auf Droge gebracht und deshalb kann ich nicht mehr aufhören: Morgen werden Frau Klammerle, Sohn Nr. 1 (er hat gerade seinen Master in Biologie mit 1,3 gemacht) und meine Wenigkeit für ein paar hoffentlich sonnige Tage in den Bregenzerwald fahren und dort unsere Sucht ausleben. Nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel!

Bis demnächst.

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Ergänzung 2018 Falls es einen Himmel gibt und ich tatsächlich – was ich bezweifle – das unverdiente Glück habe, dort anzukommen, hoffe ich, dass es dort in Ewigkeit immer gleich bleibt; sich nichts ändert. Eine Vorschau auf dieses Paradies bietet der Fußweg von Schloss Seefeld nach Kloster Andechs, auf dem ich gestern mal wieder genusswanderte. Hier ändert sich niemals etwas. Auch wenn man ein Jahr mal auf die Wallfahrt verzichtet hat, kennt man doch jede knorrige Buche, alle in den Weg ragenden Wurzeln und jede Matschpfütze. Ich habe sogar das Gefühl, es sind sogar die gleichen Insekten und Vögel, denen ich auf den Wegen begegne. Menschen sieht man hier nur selten. Alles war wie immer und alles war schön. So soll das sein.

Herauszuheben ist unbeding noch die italienische Eisdiele, die auf dem Heimweg einen kleinen Abstecher nach Innig lohnt.

 

 

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