Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Blog-Rewind”

Dienstag, 02.04.19

Dienstag, 01.04.19

In den letzten Wochen haben sich einige neue Besucher auf meinen Blog verirrt und folgen ihm nun aus dem einen oder anderen Grund, der mir wie immer verschlossen bleibt. Das setzt mich bei dem einen oder anderen meiner neuen Follower, die ich hiermit herzlich auf meinen Seiten begrüßen möchte, durchaus in Verwirrung, wenn ich dann neugierig die Inhalte ihrer eigenen Blogs studiere.

Neu hinzugezogen …

Nichtsdestotrotz hoffe ich, ihr fühlt euch hier wohl. Seht euch um, ihr dürft alle Schränke aufmachen und alles anfassen. Fühlt euch wie zuhause! (1)

Würde ich mir selbst folgen, wenn ich durch Zufall auf meinen eigenen Blog stoßen würde? Wahrscheinlich nicht. Zum einen kenne ich ja meine eigenen Gedanken auswendig und führe nur dann mit mir selbst Gespräche, wenn ich einmal ein Rededuell gewinnen möchte. Nur selten gelingt es mir, mich selbst zu überraschen und meinen teils endlosen und oftmals reichlich abstrusen Monologen würde ich nicht zuhören wollen. Zum anderen ist Nikolaus Klammer schon ein wenig autistisch veranlagt und mir eigentlich gar nicht mal so sonderlich sympathisch. Er ist schon ein merkwürdiger Kerl. So richtig wird man mit ihm nicht warm und kommt auch nicht an ihn ran. (2) Eines ist sicher: Je mehr Worte er macht, um so mehr verschwindet er hinter ihnen; als ob seine Texte eine Mauer oder eine Rüstung sind, hinter der er sich verbirgt und beschützt. Zudem pflegt er seinen Leserstamm nicht, dieser eitle grumpy old man. Er schreibt selten oder nie Kommentare unter anderer Leute Blogs – auch wenn er sie viel liest -, und ist noch knausriger mit den nichtssagenden „Gefällt mir!“, die andere so großzügig verteilen wie unverbesserliche Impfgegner ihre todbringenden Viren auf einer Masernparty (Was ausgesprochen dämlich und verbrecherisch ist – die Masernpartys, nicht die „Gefällt mir!“ natürlich).

Was mich in diesem Zusammenhang zum Nachdenken bringt, ist die Blogstatistik von „Aber ein Traum“, die nachweist, dass meine leicht dahin geschriebenen und keinerlei literarischen Anspruch erhebenden Gedankensplitter viel häufiger gelesen, kommentiert und gelobt werden, als meine Literatur, wegen der ich eigentlich diesen Blog führe, um Werbung für sie und mich als Autor zu machen. Es hat auch so gut wie nie einer meiner inzwischen 150 Follower ein Buch von mir erworben – auch nicht „Noch einmal davon gekommen“, in dem ich die Gedankensplitter der ersten fünf Blogjahre gesammelt habe. Niemanden habe ich bisher persönlich kennengelernt. Ihr bleibt mir also alle ein unlösbares Rätsel, ihr Menschen, die ihr meine Seite besucht und mir folgt. Ihr seid für mich wie die Schatten von Gespenstern, die um mich schweben, die ich aber nicht greifen kann.

Nur noch ein paar Tage, dann platzen bei meinem Kirschbaum die Blüten auf – und ich habe wieder lauter fotografierende Japaner im Garten.

 


(1) … aber achtet bitte auf meine Urheberrechte.

(2) Tatsächlich empfinde ich Blogs, in denen sich Leute allzu sehr entblößen, als unangenehm und peinlich. Es bereitet mir fast körperliches Unbehagen, wenn jemand sein Innerstes hervorkramt und vor mir ausbreitet, mich zum sezieren und begutachten einlädt. Und ganz ehrlich: Es interessiert mich auch nicht. Da ich denke, dass es anderen auch so geht, halte ich immer einen gewissen Abstand, auch zu mir selbst. Wer mein Seelenleben kennenlernen will, findet es überreichlich in meiner Literatur – selbstverständlich verschlüsselt und verallgemeinert, in Hegelschem Sinne „aufgehoben“. Ich bin nicht Nikolaus Klammer, aber Nikolaus Klammer ist „Ich“.

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Montag, 25.03.19

Montag, 25.03.19

Je tiefer die Sonne sank, um so mehr erschöpfte sich ihre glutvolle Wut, die sie auf die ausgetrock­nete Stadt herabstrahlte, als würde sie Karukora für ihre Anmaßung strafen wollen, sich ihr hier mitten in der Wüste darzubieten. Doch als sie schließlich nur noch ein orangeroter und altersmilder Ball war, der aufgebläht knapp über den Wanderdünen der Grauen Wüste hing, blies mit einem Mal vom Meer her ein auflandiger Wind, der die stickige Luft, die wie eine bleierne Glocke über Karukora hing, in Bewegung setzte. Ein paar wenige, vom Sand geschwängerte, schmutzig–gelbe Wolkenfet­zen trieben über den Himmel, dessen transparenter Azur dunkler und stumpfer wurde. Die blaue Stunde der Sehnsucht erlöste die Stadt wie vom Schlaffluch ei­nes bösen Zauberers. Plötzlich flatterten Fahnen, bläh­ten sich Vorhänge, zerrten zum Trocknen aufgehängte Kleidungsstücke an den Wäscheleinen zwischen den quadratischen Häusern und klapperten Töpfe, bellten Hunde. Wer genau hinhörte, konnte in der Stadt ein gemeinschaftliches Aufatmen wahrnehmen.

Als wäre dies ein geheimes Zeichen, erwachte das Ju­wel der Wüste zum Leben. Wie aus einem tausendunde­injährigen Schlaf geweckt, begann die Stadt sich in einem luziden Traum zu bewegen und müde ihre Augen zu reiben. Noch schlaftrunken und zögernd traten die Einwohner vor ihre Häuser. Plötz­lich waren Menschen und Fuhrwerke auf den Straßen, ertönte Lärm aus den Werkstätten und Läden, trafen sich Familien in den Parkanlagen und Jugendliche in den Schatten unter den einhundert Brücken. Markt­schreier priesen ihre Waren an, fahrende Obst– und Wasserhändler sangen ihre Lieder. Von den Tempeln der Allerbarmerin riefen ihre Priesterinnen die Gläubi­gen zum tränenreichen Dankgebet. Hier und dort leuchteten bereits die ersten Lampions und die Besit­zer der Schänken kehrten vor ihren Türen, durch die bald die Gäste eintreten würden. Die ersten Kurtisa­nen zeigten sich gähnend an den Gitterfenstern der Bordelle und in der Spitze des Leuchtturms von Gidabé wurde das Navigationsfeuer entfacht, das die Schiffe auf dem Marat durch die Nacht und die Stromschnel­len im Norden leitete.

Anfang des 6. Kapitels von Der Weg, der in den Tag führt

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Seit jemand meinen Stil in meinem Roman „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ bekrittelte, denke ich nach. Mein Stil – das ein weites Feld. Im Vordergrund steht mir immer zuerst die Frage, welcher Erzählstil meiner Geschichte dient. Wann spielt sie? Wer erzählt sie? Was erzählt sie? Die Form ergibt sich aus diesen Fragen meist ganz zwangsläufig. Im günstigsten Fall zwingen mir die Figuren ihre Sprache auf.

Der Stil ordnet sich bei mir also meist dem Erzählten unter – Goethe hätte gesagt, er sei eine „Afterkunst“. Manchmal muss sich freilich auch der Stil meinen Fähigkeiten unterordnen. Schreiben verlangt wie jede Kunst stetige, tägliche Übung – deshalb schreibe ich zum Beispiel diese Gedankensplitter.

Ein Roman braucht, denke ich, einen langen Atem, sowohl vom Autor wie auch vom Leser. Er nimmt ihm Zeit; das Geschenk, das er gibt, will verdient sein. Daher sollte der Stil eine Dienstleistung für den Leser sein und nicht den Eitelkeiten des Erzählers dienen. Ich denke, die Sprache muss zurückhaltend sein, sich nicht allzu sehr in den Vordergrund stellen. Der Text sollte süffig sein, angenehm les- und verstehbar. Das Publikum sollte nie den Eindruck haben, hier spricht jemand mit ihm, der sich aus welchen Gründen auch immer überlegen fühlt. Manierismen, stilistische Glanzlichter und poetische Wortmalereien sollten bewusst spärlich gesetzt werden, sie sind wie der Leim, der den Tisch zusammenhält. Sie sind wichtig, denn ohne sie würde alles auseinanderbrechen, aber sie sollten beinahe unsichtbar sein. Die Sprache sollte die Geschichte untermalen, wie Musik einen Film. Niemand geht wegen der Musik ins Kino und niemand liest einen Roman wegen seiner sprachlichen Arabesken.

Bei Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichten sehe ich das ein wenig anders. Obwohl ich diese Art zu schreiben auch schon geübt habe, denke ich im Gegensatz zu Hemingway, Babel oder Pavese (die ihre Geschichten entbeinten und – oft meisterhaft – alles zwischen den Zeilen erzählten), dass der Autor hier gerne experimentieren und auch ein paar Zumutungen an den Leser richten darf.

Wie alt bist du eigentlich, Klammer? Bist du so ein diffus vor sich hindichtender, werdender Greis, der die zeitgenössische Literatur und zeitgenössische Kunst nicht kennt? Ich kann mit deinem alten Krempel nun gar nix anfangen, obwohl ich auch schon 40 bin.

Ich stelle dich mir irgendwie so vor: Du hast eine Hakennase, ein strenges, von Falten durchzogenes Gesicht – bist total dürr, trägst eine Hornbrille, die vor 20 Jahren in war und trägst ein Hahnentritt-Jacket aus den 70ern, das nach Achselschweiß riecht, da du es mal versehentlich in einem Outletstore als neu erstanden hast, aber dabei übersehen hast, dass das ein abgelegtes Jacket von jemanden war, der gerade in der Umkleide zugange war.“

Patina (sic!),
kritischer Kommentar auf meine Geschichte
Engel im Spiegel im streitbaren Wolkensteinforum,
Orthographie korrigiert.

Ich gebe zu, diese Kritik hat mich doch sprachlos gemacht. Wie gerade geschrieben, befleißige ich mich einer klaren, sauberen Sprache, zumindest halte ich sie für eine solche. Diese Art zu schreiben konfrontiert mich merkwürdigerweise immer wieder mit dem Vorwurf, ich würde nach den Erzählern des 19. Jahrhunderts klingen. Obwohl das auf der einen Seite schmeichelhaft sein mag, ist es doch blanker Unsinn. Niemand kann seiner Zeit entkommen –  und ich will das auch nicht tun. Ich finde es übrigens erstaunlich, wie nicht nur der Inhalt, sondern offensichtlich auch der Schreibstil in den Vorstellungen der Leser ein Bild vom Autor entstehen lassen.

Im Textarchiv ist übrigens der Der Engel im Spiegel zu finden. Da kann jeder nachprüfen, ob der Vorwurf berechtigt ist. Ich finde, es ist stilistisch die beste Geschichte, die ich je geschrieben habe.

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Mittwoch, 20.03.19

Mittwoch, 20.03.19 – Frühlingsanfang

Der Schrobenhauser Spargelhof „Lohner“ – eine Art saisonale Besatzungsmacht in Schwaben und im Allgäu – hat wieder sein himmelblaues Häuschen in Diedorf aufgestellt – im Volksmund auch kurz „Schpäusle“ genannt. Es muss also etwas dran sein an den Frühlingsgefühlen, die in meinem Unterleib rumoren. Wenn ich ein Lyriker wäre, würde ich jetzt irgendetwas über „süße, wohlbekannte Düfte“, „blaue Bänder“ und „Bienen“ und „Blumen“ reimen. Als Prosaautor sage ich nur: „Es wurde jetzt aber auch wirklich höchste Zeit …“, denn bisher fühlt sich dieser Frühling an wie ein umgekehrter Brexit – tausendmal angekündigt und immer wieder verschoben.

*

Damit ist es auch an der Zeit, das Kräuterbeet neu zu bepflanzen. Wie immer hat außer der Zitronenmelisse, dem Olivenkraut, dem Bärlauch und dem Schnittlauch nichts den Winter überlebt, nicht einmal die robuste Salbeipflanze und der eigentlich winterharte und mehrjährige Thymian – überall ist nur noch vertrocknetes, totes Geäst zu sehen. Auch nach Rosmarin – ihren Lieblingsduft – sucht Amy, die Katze, vergeblich. Der Estragon ist erstaunlicherweise auch wieder gekommen und streckt seine grünen Blattfinger der Sonne entgegen; er ist das Gewürz in meinem Garten, das ich am seltesten verwende, über das ich aber einen meiner ersten Blogartikel geschrieben habe, den ich hier kaum verändert noch einmal präsentiere. Denn es wäre schade, ihn einfach so verkommen zu lassen:

Estragon und ich

Französischer Estragon(Artemesia dracunculus)

Also war ich in der letzten Woche beim Gärtner meines Vertrauens, um mich mit dem Allernotwendigsten ein­zudecken. Dabei fiel mir auch eine zarte Pflanze in die Hände, die ich nur wegen ihres Namens erwarb: Estra­gon. Als Literat kann ich daran nicht vorbei.

Ich hatte keine Ahnung, wie die Triebe und lanzen­förmigen Blätter des Korbblütlers schmecken (anisartig, ein Wermutgewächs), wie groß er wird (ein Busch bis zu 150 cm hoch), noch dass es einen russischen (winterfest) und einen französischen Estragon (ich habe natürlich den, der keinen Frost verträgt) gibt oder dass dieses Ge­würz unverzichtbarer Bestandteil der Sauce béarnaise und der klassischen fran­zösischen Kräutermischung (fines herbes) ist, deren ge­trocknete Variante der Höhepunkt der Dekadenz in der Küche meiner Mutter war.

Im übrigen gilt Estragon als verdauungsfördernd und harntreibend, ergänzt also hervorragend den frischen Spargel, dessen Saison eben begann …

Wie man sieht – nach ein wenig Recherche bin ich nun schlauer und ich habe mich an mein erstes Gericht mit Estragon gewagt, einer Variante eines Kohlrabirezeptes, das ich in einem Kochbuch gefunden habe.

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Grüner Spargel mit Orangen-Ziegenfrischkäse-Estra­gon-Sauce

für 1 Person (Frau Klammerle hat Spätdienst)
300 g grüner Spargel, das untere Drittel geschält, in schmale Scheiben geschnitten
20 g Erdnussöl
1 Schalotte, 1 Knoblauchzehe, fein gehackt
50 ml Weißwein, am Besten den, den man eh dazu trinkt
50 ml frisch gepresster Orangensaft
50 g Ziegenfrischkäse, (oder ein veganer Ersatz aus Mandelmasse), in 50 ml Schlagsahne (oder Kokosmilch) verrührt
1 EL frisch gehackter Estragon, 4 Blätter frisch ge­hackte Zitronenmelisse (die hat ja bei mir überlebt), Kerbel
abgeriebene Schale einer halben Zitrone
Chili, Salz, frisch gemörserter Pfeffer, Schnittlauch ge­hackt (als Deko)

Pflanzenöl in einer hochwandigen Pfanne zerlassen, Spargelstücke, Knoblauch und Schalotten etwa 3 min anschwitzen, dann mit Weißwein ablöschen und mit Orangensaft aufgießen. Das Ganze 5 – 7 min aufkochen lassen, bis der Spargel gar ist, aber noch Biss hat. Das Ziegenkäse-Schlagsahnegemisch oder die vegane Variante dazu gießen, Estragon, Chili und Zitronenabrieb darüber. Alles sämig aufkochen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit Schnittlauch bestreuen und sofort servieren.

Dazu reichte ich mir Weißbrot und einen frisch-fruchtigen Côtes de Tongues, den ich auch zum Kochen verwendete.

Und das Resümee?

Nun, ich habe weder Talent zum Rezepte schreiben, noch zur Food-Fotografie (Es sah wirklich besser aus). Aber dies soll ja auch kein Kochbuch werden. Und, ja: Mir hat es geschmeckt. Estragon darf gerne die­sen Sommer im Kräuterbeet warten …

Renovierungsarbeiten

Frau Klammerle ist aus ihrem Winterschlaf erwacht, hat sich den Sand aus den Äuglein gerieben und die Kaffeemaschine rattert und dampft im Dauereinsatz. Missbilligend und verärgert sieht sie sich um und worauf auch immer in unserem Häuslein ihr Blick fällt: Sie entdeckt Unordung, Schmutz, Staub, Liegengebliebenes, Auflösung. Ich kenne dieses Phänomen an ihr; dies ist ihr in diesem Jahr etwas verfrühter FAW (Frühjahrs-Aufräum-Wahn). Gut schwäbische Kehrwochen sind im Haushalt des Schriftstellers angesagt und nichts bleibt, wo es vorher lag. Ein besonderer Dorn im Auge ist Frau Klammerle dabei mein Arbeitszimmer und der schmerzt sie schon seit Jahren. Von hier aus nimmt die schleichende Entropie ihren Ausgang und hier ist das Chaos am gewaltigsten. Freilich hat sie recht. Mir ist es einfach nicht möglich, in diesem kleinen Zimmer – das ich übrigens glücklicherweise von der Steuer absetzen kann – Ordnung zu halten. War es früher einmal pittoresk und meinem Stil und meiner Persönlichkeit entsprechend … nennen wir es mal euphemistisch „barock“, ist es inzwischen nur noch ein vermülltes Loch. In meinem höchstpersönlichen Augiasstall stapeln sich bis zur Decke in den Regalen, den Schreibtischen und selbstverständlich auch auf dem Boden Papiere, Materialien, Stifte, Zeichenutensilien, technische Geräte, Kabel, Bücher, Wanderführer, Rechnungen, uralte Kalender, Notizblöcke, Teetassen, CDs, Floppydiscs (!) und irgendwelcher Mist, den ich irgendwann einmal für irgendwie wichtig erachtet und deshalb aufgehoben habe; dazu kommen Katzenhaare, Abfall und Undefinierbares, das kurz davor ist, lebendig zu werden oder sich bereits bewegt. Dazu ein mehr schlecht als recht funktionierender Fluxkompensator und natürlich auch das Bernsteinzimmer. Ab und an fahre ich zwar verzweifelt mit schwerem Räumgerät durch den Raum, aber mir fehlt der Herkules, der endgültig ausmistet. Mein Arbeitszimmer ist auch der einzige Raum, den wir in den zwanzig Jahren, die wir in dem Haus wohnen, nie renoviert haben und er sieht inzwischen schon arg schäbig und heruntergekommen aus; er braucht dringend frische Farbe an Wänden und Decke.

Ich habe einfach keine Argumente mehr, den anarchischen Ist-Zustand beizubehalten. (1) Ihr wisst ja, dass ich als Mann evolutionär bedingt eine wesentlich größere Unordnungstoleranz als meine Frau besitze und noch dazu in den letzten Jahren recht weitsichtig geworden bin; aber sogar ich sehe es ein: Die kritische Masse ist erreicht. Frau Klammerle hat mich endlich doch noch überredet, dem Chaos ein Ende zu bereiten, bevor sich in meinem Arbeitszimmer Tore in eine Parallelwelt öffnen. In der Faschingswoche – wir sind Augsburger und damit bekennende Fastnachtsmuffel – wird renoviert und aufgeräumt. Wenn wir etwas wirklich wollen, dann können wir es auch erreichen; da sind wir wie Bob the builder. Doch bevor wir meine Arbeitsstätte streichen und komplett neu einrichten (2), muss ich den Raum vorher erst leermachen und das ganz alleine, denn nur ich weiß, was Kunst ist und was weg kann. Wir haben vor kurzem gezwungenermaßen zwei Folgen der Netflix-Aufräumserie mit dieser gespenstischen Japanerin gesehen, die sich zuerst im Lotussitz auf den Boden der Messie-Wohnung hockt und meditiert, um die gequälte Seele des Hauses zu spüren, dann das Entrümpeln in Phasen aufteilt und damit beginnt, dass sie alles in den Müll schmeißt, bei dem sie kein liebevolles Gefühl hat. So werde ich es NICHT machen, denn dann bliebe alles wie es ist … (3)

Doch Übung macht den Meister. Deshalb habe ich im kleinen begonnen und als erstes Projekt meinen Blog renoviert, der ja mein Arbeitszimmer im Internet ist und unter ähnlichem Durcheinander und Übermüllung litt. Er glänzt nun aufgeräumt in frischen Farben und neuer Struktur. Ich habe auch in den Geldbeutel gegriffen, ihm eine neue Adresse verpasst (Nikolaus-Klammer.blog) und ihn werbefrei gemacht. Es ist alles noch nicht ganz fertig – hier und da muss noch etwas nachgefeilt und der Keller entrümpelt werden. Ich weiß nach meinem Zusammenbruch vom letzten Wochenende (4) auch noch nicht, mit welchen neuen Inhalten ich meinen Internetauftritt in der Zukunft füllen will, aber ich bin schon ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Ich hoffe, ihr seht das ähnlich.

Kommentare, Lob, aber auch Spott und Kritteleien, Verbesserungsvorschläge und Anmerkungen sind hiermit ausdrücklich erwünscht, erhofft und erbeten!

Und nachdem alles so gut geklappt hat, bin ich nun auch bereit und durchaus willens, die Virtualität zu verlassen und mein Arbeitszimmer im realen Leben in Angriff zu nehmen. Ich werde über die Fortschritte und Rückschläge zeitnah berichten.


(1) „Das brauche ich alles noch!“ – „Zeitverschwendung!“ – „So will ich das!“ – „Das hat alles seinen Ort.“ – „Ich finde immer, was ich suche.“ – „Ordnung ist nur etwas für Kleingeister, das Genie steht über dem Chaos.“ – „Das ist wertvoll!“ – „Ich habe eben nie die anale Phase erreicht.“ – „Das willst du doch nicht wirklich wegschmeißen?“ – „Wer ständig aufräumt, bei dem herrscht die Unordnung im Kopf.“

(2) Hurra, wir fahren endlich mal wieder an einem Samstag zum IKEA und kaufen in dem Gewühl etwas anderes als Teelichter und Pfannenschaber.

(3) … und Frau Klammerle würde wahrscheinlich als erstes mich in den Müll schmeißen.

(4) Merkwürdigerweise ist mein verzweifelter letzter Artikel „Ich lüge mir selbst in die Tasche“ der bislang am häufigsten aufgerufene in diesem Jahr und er hat meine Followerzahl erhöht. Versteh einer dieses Internet.

Was hier wie ein symbolhafter Stinkefinger aussieht, ist die Statistik für den Tag, an dem ich „Ich lüge mir selbst in die Tasche“ veröffentlichte. Wie man sieht, gingen die Zugriffe durch die Decke …

Ein Interview mit mir selbst über mich

Über das Schreiben

Was für ein eisiger, abweisender und grauer Sonntagmorgen! Das ist genau die richtige Gelegenheit, mit mir selbst ein Interview zu führen und ein wenig Rechenschaft abzulegen.

Schreibst du deinen Roman „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ eigentlich chronologisch?

Nein. Im Moment arbeite ich gleichzeitig an 3 Teilen. Eigentlich ist der Geltsamer auch keine Trilogie in fünf (oder sechs) Bänden, sondern ein einziger, sehr dicker Roman. Der 4. Teil, ich hier gerade häppchenweise veröffentliche, ist schon recht fortgeschritten. Ich schleife ihn gerade in seine endgültige Fassung und hoffe, dass mir der eine oder andere Leser bei der Fehlersuche helfen wird. Ich will mich hier noch einmal bei denen bedanken, die sich dieser Mühe unterziehen und mir persönlich, per E-Mail  oder Kommentar Hinweise zukommen lassen. Dieses Feedback ist selten, aber für mich ungeheuer wertvoll und wichtig und fließt immer in meine Texte ein. Wenn man so will, schreibe ich den Roman nicht allein, sondern zusammen mit meinen Lesern.

Daneben arbeite ich bereist an Band 5 und dem Prequel, das in der Hauptsache in der Goethezeit spielt. Teile dieses letzten Teils sind übrigens aus dramaturgischen Gründen nach vorne ins 3. Buch gewandert.  Das letzte Kapitel sind noch nicht geschrieben. Vom Prequel existieren nur Skizzen. Da wartet in diesem und in den kommenen zwei Jahren einige Arbeit auf mich. Ich will die Geltsamer-Reihe nämlich 2020, bzw. 2021 abschließen.

Hast du einen Plan für diese Romane? Weißt du, wie das Ganze endet?

Ich glaube nicht, dass sich ein Roman ohne genaue Vorplanung schreiben lässt. Noch dazu ein so komplexer wie dieser, der manchmal innerhalb eines Satzes von einer Realität in eine andere wechselt oder von einer Zeitebene zu einer anderen springt. Ich weiß aber sehr genau, was ich erzählen und was ich verschweigen will; was in den einzelnen Kapiteln passiert und wie die Verhältnisse der handelnden Personen zueinander sind. Ich habe von den Hauptfiguren Steckbriefe und Lebensläufe angefertigt und in meinem Arbeitszimmer hängt ein großer Übersichtsplan. Als Autor weiß ich aber mehr von meinen Figuren, als der Leser in dem Buch erfahren wird.

Hältst du dich immer an deinen Plan?

Ich versuche, den Leser zu überraschen, nicht mich selbst – obwohl das manchmal auch geschieht. Trotzdem hänge ich nicht sklavisch am Plan. Ich ändere mich und damit auch der Plot. Manchmal drängen sich Nebenfiguren nach vorn und werden – während ich sie schreibe – dominanter; verlangen ihr Recht auf ihre eigene Geschichte. Das passiert mir immer wieder. Es hat eine Zwangsläufigkeit, der ich mich als Autor beugen muss. Ich entwickle nur die Figuren und das Umfeld und sehe dann mehr oder weniger zu, wie sie ein eigenständiges Leben beginnen. Karl-Heinz Welkenbaum aus dem 3. Buch ist ein Beispiel dafür: Er schrie förmlich danach, von mir mit mehr Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Er ist eine der farbigen Gestalten des Romans, der ich einfach mehr Platz einräumen musste. Der Schweizer Professor aus dem 1. Buch ist auch so ein Fall. Der Nikolaus Klammer des Buches selbst ist eine fade, farblose Figur; er ist kein Held, sondern ein Getriebener, dessen Weltbild auseinandergenommen wird. Umso bunter müssen die Menschen sein, mit denen ich ihn konfrontiere. Welkenbaum, Marini und die Helden der Bücher in den Büchern sind so vielschichtig und farbenfroh, dass ich ihnen gegen meinen ursprünglichen Plan wesentlich mehr Platz gewidmet habe. Dadurch wurde die Geschichte aber viel länger.

Und das Ende? Löst sich dann alles auf?

Wie gesagt habe ich nicht vor, alles zu erzählen, was ich über meine Figuren weiß. Eine Geschichte hat immer mehrere Seiten. Je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild. Eine einzige Wahrheit, eine einzige richtige Deutung der Geschehnisse gibt es nicht. Der Leser soll seine eigene finden. Aber ich verspreche, dass der Roman einen zufriedenstellenden Abschluss finden und jede Geschichte zuende erzählt wird.

Warum geht es so langsam voran? Auch gutmütige Leser könnten es irgendwann leid sein, jahrelang auf das Ende zu warten.

Das hat viele Gründe. Ein paar sind äußeren Umständen (Brotberuf, Familie) geschuldet, die meisten jedoch bei mir selbst zu finden. Es ist richtig, ich arbeite am Geltsamer schon mehrere Jahre lang – die ersten Anfänge liegen im Jahr 2014 – und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, es ginge kaum voran. Ich habe den Blog auch gegründet, um mich selbst zu regelmäßiger Arbeit an meinen Werken zu zwingen und mir Rechenschaft über ihr Fortschreiten abzulegen. Das mache ich öffentlich, weil ich den Druck einer Leserschaft wollte. Nun, das hat nicht ganz geklappt. Zum einen konnte ich im Internet nicht wirklich Interesse an meiner Literatur erwecken, zum anderen drängen sich auch andere Projekte von mir nach vorne.

Ein kleiner, neugieriger Blick in mein Notizbuch …

Dass es so lange dauert, ist auch meiner Arbeitsweise geschuldet. Meine Texte entstehen zuerst als Manuskript, werden dann von mir abgetippt und erst mehrmals überarbeitet, bis sie in den Blog gelangen. Die Fassung, die dann dort zu finden ist, ist noch lange nicht die endgültige, sondern nur eine Art Rohfassung, an der noch weiter gefeilt und geschliffen wird. Dann lasse ich ein Probe-Exemplar binden und gebe es meinen Freuden zur Korrektur. Schließlich gebe ich es frei und ärgere mich, dass noch immer 1000 Fehler darin zu finden sind. Vielleicht liegt es daran, dass manche Leser die Sprache des Romans als überkompliziert und altmodisch empfinden. Vielleicht sind die Gründe auch in meinen manchmal etwas abwegigen Lektüren zu suchen, die ich speziell auch wegen des Geltsamers auswähle.

Ist es nicht schwierig für einen Leser, komplexe Texte oder Romane wie den Geltsamer häppchenweise im Internet zu lesen?

Ich würde sogar sagen, es ist eine Zumutung. Ganz ehrlich: Ich mache es auch nicht; ich lese selten bis nie die Texte anderer Blogger. Zudem weiß man, dass am Bildschirm gelesene Texte wesentlich oberflächlicher aufgenommen werden als gedruckte, Fehler viel häufiger übersehen wären. Wie das bei E-Book-Readern ist, weiß ich nicht. Aber aus eigener Erfahrung würde ich vermuten, die aktuellen Geräte kommen dem Leseerlebnis, das man mit einem Buch hat, doch recht nah. Wer einmal einen 1000-Seiten-Wälzer auf einem Reader gelesen hat, wird um die Vorteile wissen, wenn ihm dieser schmale Bildschirm beim Einschlafen auf die Nase fällt und ihn nicht das analoge Buch erschlägt.

Es wäre jedoch sinnlos, längere Texte hier auf dem Blog in einem Stück zu posten. Also habe ich mich für homöopathische Dosen von 1200 – 1500 Wörtern entschieden – das sind ungefähr fünf normale Taschenbuchseiten. Ich sehe jedoch an den Zugriffen, dass mein Angebot kaum angenommen wird; offenbar überfordere ich potentielle Leser oder schrecke sie ab. Die über fünfzig Fortsetzungen von „Die Wahrheit über Jürgen“ – das sind 200 Buchseiten hat hier z. B. überhaupt niemand gelesen – das Buch verkauft sich auch nicht. Ich hätte vermutlich mehr Leser, wenn ich die Texte – anstatt sie im Internet zu posten – ausdrucken und daheim an meine Garagentür kleben würde.

Was geschieht mit den Texten, nachdem sie auf dem Blog erschienen sind?

Die Texte, die ich gepostet habe, sind nicht fertig. Ich lasse sie nicht einfach im Archiv verrotten. Ich überarbeite sie regelmäßig, verbessere Fehler, schreibe sie fort. Das gilt nicht nur für die Belletristik, sondern auch für die Glossen und Essays. Für mich ist der Blog eine Art von erweitertem Notizblock, machmal auch von einem Tagebuch.

Ich habe nicht vor, meine Texe und Romane einem Verlag anzubieten. Denn ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dies vollkommen sinnlose Zeitverschwendung ist. Es mag zwar für meine Art von Literatur ein kleines Publikum geben, aber die Chance, jemals einen Verlag für sie zu finden, ist gleich Null. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich von meiner Kunst nicht leben muss, sondern einem Brotberuf nachgehe, in dem ich mir meine Zeit recht gut selbst einteilen kann. Wenn ich glaube, dass ein Text vorzeigbar ist, veröffentliche ich ihn als Selfpublisher. Auf diese Weise sind in den letzten drei Jahren 8 Bücher entstanden; in diesem Jahr sollen – wenn alles nach Plan geht – 3 bis 4 weitere folgen. Als nächstes wird im März Noch einmal daran gedacht erscheinen, ein Essayband mit Texten aus diesem Blog.

Das sind die Bücher, an denen ich in diesem Jahr arbeite (und sie vielleicht auch veröffentliche) …

Ich weiß, ich wiederhole mich: Zu versuchen, in Deutschland als freier Autor zu leben, ist die sicherste Art, zu verhungern – vielleicht nicht die schnellste, aber doch die sicherste. Zudem ist mir bewusst, dass die Texte, die hier erschienen sind oder von mir schon als gedrucktes Buch vorleigen, von keinem Verlag mehr angefasst werden. Ich verschenke mich also; allerdings wird dieses Geschenk meist abgelehnt.

Das klingt bitter.

Manchmal habe ich meine Phasen. Momente, in denen ich mich frage, warum nicht mehr Menschen meine Texte lesen; ob das an mir oder an der Qualität meiner Literatur liegt. Aber ich habe mich mit meiner Erfolglosigkeit längst arrangiert. Aus den Träumen meiner Jugend bin ich aufgewacht.

Worum geht es im „Geltsamer“ genau?

Ich will hier nicht auf die Handlung eingehen. Ich mag es nicht, wenn mir in einer Besprechung bereits die halbe Geschichte verraten wird. Ich hasse Spoiler und ich nehme an, es geht anderen ebenso. Meist sind mir schon die Texte auf den Buchumschlägen zu detailliert. Ich mache außerdem auf diesem Blog häufig Anmerkungen zu dem Roman und zu meiner, um es mal hochgestochen auszudrücken, „Literaturtheorie“.

Ganz allgemein geht es mir darum: Die Wand zwischen dem, was ich alltäglich sehe, fühle und denke, jener Welt, die ich als „Realität“ begreife, und dem Irrsinn: Sie ist dünn wie Papier. Es genügt ein Schritt zur Seite, ein Straucheln, ein Stolpern: All das, all die Dinge, die ich für sicher hielt, die mir in meinem Leben Halt gaben, existieren dann nicht mehr. Sie sind ein Traum, in dem ich jetzt noch lebe, den ich aber nach dem Erwachen vergessen werde. Ich bilde mir ein, dass mein Dasein beständig und festgefügt ist, Kontinuität besitzt. Das ist ein Irrtum. Der Nikolaus Klammer, der ich gestern war, hat mit dem, der ich heute bin und dem, der ich morgen sein werde, nur wenig zu tun. Und der literarische, erfundene, existiert zwischen diesen Ebenen. „Gestern“ und „Morgen“ sind nur Fantasiegebilde, die keine Existenz haben; Konventionen, an die ich glaube, um weitermachen zu können. Tatsächlich aber kann ich mir nicht einmal sicher sein, ob die Dinge, an die ich mich erinnere, auch vorgefallen sind. Vielleicht habe ich sie nur geträumt.

Wenn ich also sehe, wie viele Fallstricke es gibt und auf welch wackligem Boden ich meinem Alltag nachgehe, wie schnell ein Unfall, eine Krankheit, ein Tod oder auch nur das Verhalten eines einzelnen Menschen mein Leben komplett aus der Bahn bringen können, finde ich es ganz erstaunlich, dass die meisten Leute „normal“ funktionieren und nicht in ihre eigenen hermetischen Welten abtauchen und dabei den Verstand verlieren. Das Internet bietet übrigens eine Vielzahl solcher Welten an, die neben der „Realität“ existieren. Freilich biegt sich jeder seine Wahrnehmung so zurecht, wie er sie braucht und jedes Augenpaar hat einen vollkommen anderen Blick auf die Dinge, manchmal so fundamental anders, dass es außer Hass keine Gemeinsamkeiten. Meine Literatur will auch eine Brücke zwischen den Individuen schaffen.

So ein Interview mit mir selbst ist zwar ein bisschen schizophren, aber eine feine Sache: Ich stelle mir nur die Fragen, die ich auch beantworten will. Trotzdem: Wenn eine von euch verirrten Seelen, die dort draußen im endlosen Kosmos des Internets herumschwirrt und durch Zufall auf meine Seite gekommen ist, etwas anderes von mir wissen will: Frage ruhig, ich will hier gerne alles beantworten. 

[Wird fortgesetzt …]

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