Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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„Das Rote Haus“ – Eine Rezension von Andreas Milanowski

Heute hat der sympathische Kölner Autor Andreas Milanowski, den ich auf Instagram kennengelernt habe, bei Amazon eine Rezension meiner „jugendgefährdenden“ Kurzgeschichtensammlung „Das Rote Haus“ veröffentlicht. Es ist die längste Rezension, die ich je bekommen habe; länger als manche Story, die sich in meinem Band findet. Danke schön!

Übrigens scheint es nun auch bei Büchern bei Amazon möglich zu sein, sie anonym nur mit Sternen zu bewerten, ohne eine kurze Kritik dazu zu schreiben. Dies nennt man dort eine „globale Bewertung“. Obwohl ich beim „Roten Haus“ davon profitiert habe und bei zwei Rezensionen dreimal 5 Sterne erhielt, halte ich dieses System für eine selten blöde Einrichtung, die jedes Ergebnis nur verfälschen kann.

»„Aber du wirst einsehen, wie ich aus dem Zustand des einen auf die Gesamtheit schließen kann. Ich will einen herausgreifen und ihn zeigen wie er scheitert oder sich arrangiert. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht!“ Hier hattest du es eilig, mich zu unterbrechen: „Auch Arrangement ist ein Scheitern. Es ist die alltägliche Form des Scheiterns, die undramatische, die du in deinen Geschichten und Bildern gerne unterschlägst. Auf einem falschen Weg kann man nur wenige Schritte in die richtige Richtung gehen.“

Das ist meine Lieblingsstelle aus Niklas Klammers Kurzgeschichtensammlung „Das rote Haus“. Sie ist aus dem Text „Wanderer“ und sie ist es deswegen, weil er an dieser Stelle, in diesem Abschnitt, exemplarisch sein Programm vorstellt. Das Buch folgt diesem Einen auf einer Zeitreise durch drei Jahrzehnte literarischen Schaffens. Es zeigt zu Beginn einen zornigen, jungen Autoren, der sich mit der braunen Vergangenheit seiner Vätergeneration auseinandersetzt, mit Konzentrationslagern und Gulags. In „Rache“ erzählt er von einem, von paranoiden Fantasien getriebenen, ehemaligen KZ-Aufseher, der einer Jüdin begegnet, die er meinte, ermordet zu haben. Nicht genug damit, versucht sein vermeintliches Opfer auch noch, ihrem Peiniger nach einem Unfall das Leben zu retten. Man folgt in „Palimpsest“ dem Physiker Dr. Renning, dem Erfinder einer Zeitmaschine, mit deren Hilfe er sich ins Jahr 1923 zurückbeamt, um mit einem gezielten Kopfschuss Adolf Hitler zur Strecke zu bringen. Ich darf verraten: es misslingt und zwar auf so groteske Weise, dass, wer den wirklichen Fortgang der Geschichte kennt, sich ein mandelbitteres, verzweifelt verzerrtes Grinsen nicht verkneifen mag. Die zweite von vier Abteilungen des Buches befasst sich mit Futuristischem, einer Welt beispielsweise, in der die Literatur von Computerprogrammen erstellt wird, mit allen katastrophalen Folgen für die Lesbarkeit der Texte. Sie holt Kindheitserinnerungen zurück über die Irritationen, die das Auftauchen des weiblichen Geschlechts in einer Bande halbwüchsiger Jungs schafft und sie entführt uns mehrfach ins toskanische Italien, wie man unschwer erkennen wird, einem der bevorzugten Aufenthaltsorte des Autors Klammer. Die dritte Abteilung befasst sich mit Beziehungsgeschichten im weitesten Sinne des Wortes, die vierte mit, mehr oder weniger, programmatischen Texten, wobei die Sinnhaftigkeit des Auftauchens diesen oder jenen Textes in den jeweiligen Gruppen sich mir nicht immer erschließt. Es gibt Überschneidungen. Das ist aber nur eine Randnotiz und stört nicht, da jede der Geschichten des Buches eine, in sich abgeschlossene erzählerische Einheit darstellt. Mein persönliches Highlight ist die Geschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Hier kann man, obwohl, oder vielleicht gerade weil es ums Sterben geht, von Herzen über einen Schriftsteller lachen, der sich, soeben unter überaus merkwürdigen Umständen verstorben, zusammen mit seiner ebenfalls just verschiedenen Putzfrau vor einer Kinoleinwand wiederfindet, auf der in diesem Moment ein Film läuft, der die letzten Minuten im Leben der beiden zeigt. Die Geschichte ist, obwohl vom Plot her tragisch, so komisch erzählt, dass der Tod, der am Ende als lässiger Literaturliebhaber erscheint, seinen Schrecken gänzlich verliert.

Niklas Klammer macht den Zugang zu seinen Texten nicht immer einfach und das ist gewollt. Gerade die älteren sind herausfordernd und teilweise, aufgrund der politischen Thematik, schwer verdaulich. Das macht sie jedoch nicht weniger interessant und lesenswert – im Gegenteil. Sie sind schwierig, weil sie den Leser zwingen, sich zu positionieren. Klammer lesen und danach Tagesschau sehen oder ruhig ins Bett legen, das funktioniert nicht. Die späteren Texte sind leichter, humorvoll und mit viel Raffinesse geschrieben. Beeindruckend ist die Genauigkeit der Beobachtung menschlichen Verhaltens. Niklas Klammers Kurzgeschichten sind nie nett, keine Love Stories, keine pittoresken Bildchen aus dem braven, bürgerlichen Leben. Es sind Traumbilder, manchmal alptraumhaft. Sie wollen eklig sein, komisch, grotesk, gelegentlich absurd, verstörend. Es sind Bilder aus dem Leben eines Einzelnen, der sich exemplarisch nimmt für das Ganze. Wer sein Leben ruhig und beschaulich mag, der ist hier falsch! Für alle anderen, vor allem die, die den Autoren Niklas Klammer kennenlernen wollen, ist „Das rote Haus“ ein must read!«

Andreas Milanwoski

Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren Teil 3

Heute teile ich stolz diese schöne und ausführliche Rezension von lunaewunias Blog „Schreibmaschinchen“. Dankeschön!
 

3. Buch : Der Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow

Hier kommt nun meine dritte Rezension zur Geltsamer-Reihe des Autors Nikolaus Klammer. Teil 1 und Teil 2 habe ich bereits rezensiert. Story der Reihe Der Autor Nikolaus Klammer findet durch Zufall in einer sehr Mysteriösen Buchhandlung ein Buch, das unter seinem Namen veröffentlicht wurde, jedoch nicht […]

Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren Teil 3

Sonntag, 24.03.19

Sonntag, 24.03.19

Es heißt, Lesen sei eine aussterbende Kulturtechnik und nur alte Menschen würden sie heute noch ausüben. Ich bekenne mich schuldig. Ich gehöre zu den alten Büchernarren, die leidenschaftlich lesen. Nun ist es mir aber nicht gegeben, einmal erworbene Literatur weiterzuschenken, sie auf Flohmärkten oder bei Ebay zu verkaufen, sie in öffentlichen Bücherschränken oder auf Parkbänken freizulassen oder sie einfach in der Papiertonne zu entsorgen. Letzteres erschiene mir sogar wie eine Art Mord. Ich trenne mich nur von Büchern, wenn ich zufällig eines doppelt habe. Manchmal werde ich unabsichtlich eines los, wenn ich es entleihe – denn ausgeliehene Bücher kriegt man niemals wieder. Nun sammle nicht nur ich, sondern auch  Frau Klammerle, die mindestens ebenso viel liest wie ich. Allerdings ist ihre Lektüre in der Regel eine andere und sie liest gerne frische, gebundene Bücher, während ich meist bescheiden auf die kleinere Taschenbuchausgabe warte. Ohne die segensreiche Erfindung des E-Books würden wir wohl in ein größeres Haus ziehen müssen.

Man beachte Frau Klammerles geschmackvolle Osterdeko – insbesondere das Hasenkissen.

Im Wohnzimmer z. B. nehmen unsere Bücher inzwischen zwei gegenüberliegende Regalwände mit insgesamt etwa 2500 literarischen und belletristischen Werken ein, mindestens noch einmal so viele – Kriminalromane, SF & Fantasy, Sachbücher etc. – bedecken die Wände in den restlichen Zimmern. Ich zähle sie längst nicht mehr. Nur in Toilette und Badezimmer finden sich meist keine Bücher, es sei denn, einer von uns hat nach einer länger währenden Verrichtung dort eines vergessen.

Da ich ein recht konservativer Mensch und in diesem einen, diesem einzigen Fall auch penibel ordentlich bin, sind die Bände auf klassische Bibliotheksweise alphabetisch geordnet. Die Wand auf dem Foto reicht von A bis O, die gegenüberliegende dann von P bis Z. Innerhalb des einzelnen Autors sind die Bücher übrigens in der Regel nach ihrer Entstehungszeit sortiert. Inzwischen vermeide ich häufig den Kauf von Büchern von Schriftstellern, deren Nachname mit A, B oder C beginnt und halte es für eine gezielte Frechheit meiner Freunde, wenn sie mir solch ein Buch eines Autors zu schenken (Von meinem guten Freund Bernhard erhielt ich gerade den 1500 Seiten dicken Roman „Weltpuff Berlin“ von Rudolf Borchardt; das sind fast zehn Zentimeter Buchrückenbreite. Ich war einen halben Nachmittag beschäftigt, das Buch an der richtigen Stelle weit oben im Regal einzuordnen und den Rest weiterzurutschen).

Büchersammler werden ja immer wieder gefragt, ob sie die wirklich alle gelesen hätten. Klassische Antworten sind z. B.:

„Das sind nur ungelesene. Sie bewahren ja auch keine leeren Dosen im Küchenschrank auf.“

„Nein. Die Gelesenen spende ich monatlich der Gemeindebücherei.“

„Eigentlich lesen wir nicht. Die dienen nur zur Wärmedämmung.“

Ich will mal ehrlich sein: Ich schätze, dass ich ungefähr ein Viertel meiner Bücher nicht gelesen habe, denn Frau Klammerle und ich kaufen schneller, als wir konsumieren können – bei Schokolade machen wir übrigens den gleichen Fehler. Ich finde aber, es ist durchaus beruhigend, wenn immer genug zu lesen und zum naschen daheim haben, um einen verregneten, tristen Sonntag durchzustehen. Wir sorgen eben für die Rente vor und legen uns ein Vorratslager an. Problematisch ist nur, dass sowohl mein Leibesumfang als auch meine Buchregale inzwischen ihre optimale Ranzenspannung erreicht haben und es immer schwieriger wird, Platz für Neuerwerbungen zu finden. Vielleicht sollte ich mal wieder ernsthaft über eine Diät nachdenken und ein paar ungeliebte Bücher zum Wertstoffhof bringen – allerdings komme ich dann mit mehr Bänden zurück, als ich dorthingebracht habe …

*

Übrigens: Das Wetter dieses Sonntags ist kaiserlich. Wir werden heute nicht lesen, sondern die Räder entstauben und nach Oberschönenfeld in den Klosterbiergarten radeln. O’gradlt und O’biergartlt is.

 

Diese Klagemauer voller gefangener Steine im Hintergrund gehört einem unserer Nachbarn, der sich offenbar deutlich von uns abgrenzen will. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten …“

Mist! Im Klosterlädle gab es einen Stand mit Billigbüchern … zum Glück war es Evelyn Waugh – der beginnt mit einem akzeptablen „W“.

 

Donnerstag, 21.03.19

Donnerstag, 21.03.19

Ein Gespräch, das ich bei meinen Söhnen belauschte:

Sohn Nr. 1: Früher sind wir nachts um Drei noch aus der City bis nach Diedorf gelaufen. Das würde ich heutzutage nicht mehr machen.

Sohn Nr. 2: Ich auch nicht. Was soll ich auch in Diedorf?

*

Das war eine Überraschung! Gestern hat meine liebe Kollegin Luna auf ihrem literarischen „Schreibmaschinchenblog“ einen Artikel über das schwere Leben des Selfpublishers veröffentlicht und dabei unter anderem explizit meine Geltsamer-Bücher gelobt:

Vielleicht ein bisschen eigennützig …

Unter Autoren, die normalerweise wie Wölfe übereinanderherfallen und sich verbissen um die wenigen Futternäpfe – sprich Leser –  streiten, ist sie eine ganz erstaunliche Ausnahme.

Ich saß gerade vor meiner morgendlichen Tasse Kaffee und wischte mich auf meinem Smartphone traumversonnen und gedankenverloren durchs Internet, als ich auf den Artikel stieß und die Sonne für mich ein weiteres Mal aufging und sich meine, nun, nennen wir sie mal: amorphe Frühlaune exponentiell verbesserte. Also rieb ich mir die letzten Körner Schlaf aus den Augenwinkeln, schüttete den inzwischen kalt gewordenen Kaffee hinunter und stürzte an meinen PC, um ihr zu antworten.

Ich danke für diese unerwartete und überraschende Werbung, die – das möchte ich gleich betonen – weder abgesprochen noch irgendwie von mir intendiert war. Dass Luna den 3. Geltsamer-Teil erworben hat, habe ich mir schon beinahe gedacht (Ihr Bucherwerb war übrigens bisher der einzige Verkauf eines Romans von mir in diesem Jahr – schämt euch, die ihr das jetzt lest); wie in dem Artikel zu sehen, macht sich das Buch gut in ihrem Regal (es würde auch in anderen gut aussehen) und ich würde mich freuen, wenn der Roman Luna ebenso anspricht an wie die Vorgängerbände, die sie sehr positiv rezensiert hat. Ich hoffe auch, die Rechtschreibfehler halten sich in Grenzen, sonst weint  meine Lektorin.

„Selfpublishing“ gehört in der Regel zu den sichersten Arten, zu verhungern. Bücher auf diese arbeitsintensive und auch kostspielige Weise unters Volk zu bringen, ist eine moderne Variante des Masochismus. Uns es ist eindeutig ein Minusgeschäft. Allein die Herstellungskosten eines Buches betragen bei mir durchschnittlich 8 – 10 €, von den vielen, vielen Arbeitsstunden (ich arbeite ein bis zwei Jahre an einem Band) will ich schweigen. Der Erlös in Barem beträgt pro Band weniger als 1 € und von den E-Books möchte ich hier erst gar nicht reden – die kauft eh keiner, obwohl oder vielleicht auch weil sie so günstig sind. Das soll jetzt keine Klage, sondern nur eine Feststellung sein.

Trotzdem werden die Händlerseiten von uns sogennannten „Selfpublishern“ und damit auch mir überschwemmt und deshalb ist es für einen interessierten Leser nahezu unmöglich, die Perlen unter dem Saufraß zu finden – falls er sich überhaupt die Mühe machen möchte. Ein verlässlicher Führer durch die labyrinthische Welt der Eigenverleger wäre nicht schlecht, aber den gibt es leider nicht. Folglich verlässt man sich auf das Marketing der Verlage für ihre Autoren, auf den Buchblogger und Feuilletonisten, der diese Meinung wiederkäut und auf bewährtes, altbekanntes. Das ist eine einfache Risikoabwägung. Wer will schon Klammer lesen, wenn er auch Georg Klein, Kleist oder Viktor Klemperer lesen und auf Nummer Sicher gehen kann? Das kann ich verstehen, doch von einer anderen Seite betrachtet: Was passiert denn im schlimmsten Fall? Man erwirbt für den Preis einer Pizza beim Italiener um die Ecke ein Buch, das einem nicht schmeckt – tragisch. Ein wenig Lebenszeit wurde verschwendet. Da schimpft man eben ein bisschen und geht das nächste Mal in eine andere Pizzeria. Oder man ernährt sich von Dr.-Ötker-Tiefkühlpizza. Die schmeckt wie King, Fitzek oder Boyle immer gleich, da kann man nichts falsch machen.

Was wir Autoren ohne Verlagsvertrag brauchen, wäre ein Netzwerk, eine Interessenvertretung wie den BBK der Künstler, eine Art PEN-Club im Kleinen. So etwas gibt es schon hier und dort, aber da die Marketingmöglichkeiten eng begrenzt und öffentliche Gelder nicht erreichbar sind, kriegt die Masse der Leser das gar nicht mit. So dümpeln wir mit unseren herrlichen Segelbooten im Hafen und gelangen nie ins offene Meer.

Ein Gedanke noch: Obwohl meinem rundumerneuerten Blog etwa 150 Leute folgen und mein Schreiben kennen, hat Luna als einzige von ihnen ein Buch von mir erworben – Respekt vor diesem Mut. Mir geht es jedoch gar nicht darum, wie viele Personen meine Literatur lesen, mir genügt, wenn sie überhaupt gelesen wird, denn ich schreibe sie nicht nur für mich. Sie ist vor allem ein Angebot an die Freiheit der anderen, etwas zu erfahren. Wenn dieses Angebot nicht angenommen wird – nun, damit muss ich eben leben.

Aber ich mache unverdrossen weiter.

Ich wünsche einen wunderschönen und sonnigen Tag voller Anregungen, Begegnungen und Momenten.

*

Mir werden ja manchmal die Suchbegriffe angezeigt, mit denen die Leute über Google zufällig auf meinen Blog geraten. Den Preis für die beste Suche bekommt in diesem Monat:

Ich kann mich nicht erinnern, jemals das Wort „Prospekthülle“ in einem Text benutzt zu haben.

Lieblinge

Es ist langsam an der Zeit, meine krankheits- und unlustbedingte Pause zu beenden.

Die ersten Texte des neuen Jahres stammen aus der Feder von Daniel Greff. Er ist der Sohn meiner Cousine, also mein Neffe 2. Grades von der Seite meiner Mutter. Damit bin ich plötzlich nicht mehr der einzige Autor in meiner doch recht unliterarischen Familie. Daniel hat im letzten Jahr einen Band mit 101 Miniaturen zusammengestellt, sie für Connaisseure binden lassen und seine Lieblingstexte daraus für den Blog zur Verfügung gestellt. Er selbst schreibt dazu im Vorwort des Büchleins:

Diese Ansammlung an Geschichten ist einfach so im Laufe der Zeit entstanden, aus einer Idee heraus gewachsen und wurde jetzt, ohne große Vorwarnung, in der Wildnis ausgesetzt.

Ich weiß noch nicht, ob sie bereit sind, aber ich hoffe es. Ich bin mir sicher, dass einige Geschichten ankommen werden und andere irgendwo im Graben liegenbleiben. Denn für manche seht hier nichts drin, für andere vielleicht viel. Manchen wird es gefallen, manchen aber bestimmt auch nicht. Aber egal, denn genauso geht es mir auch.

Ich möchte dazu mit Balzacs Worten anmerken: „Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei leichteren Stoffen darf man sie nur vorsichtig verwenden; denn sonst bliebe nichts mehr übrig.“

Ich wollte, ich könnte heute noch so frei von der Leber weg und unbelastet schreiben wie Daniel.

 

Du

Du warst noch nie bei mir. Ich habe noch nie Zeit mit dir verbracht, aber ich habe dich schon gesehen. Ich habe dich gesehen in den Fotos und in den Filmen. Ich habe von dir gehört in den Liedern und in den Erzählungen. Meine Freunde haben dir von mir erzählt. Es gibt viele Leute, die von dir reden, vielleicht viel mehr, als dich wahrhaftig kennen. Aber ich verspreche dir, ich werde nicht von dir reden, ohne dass ich dich vorher kennengelernt habe. Ich glaube, ich weiß mehr oder weniger, wie du dich anfühlst. Einige Male warst du schon ganz nah. Ich habe von dir geträumt, jedenfalls denke ich, dass du das warst. Wie kann ich es denn wissen, ohne dich jemals kennengelernt zu haben?

Aber ich will dich kennenlernen, ich will dich sehen, ich will wissen, wie du dich anfühlst. Aber nur, wenn du mir versprichst, an meiner Seite zu bleiben. Dass du nicht eines Tages wieder verschwinden wirst. Weil das ist das, was du mit den anderen machst. Ich sehe es. Wenn die Leute von dir reden, sind sie voller Emotionen, sie reden über dich, aber sie reden auch über deine Abwesenheit. Darüber, dass du da warst aber nun nicht mehr da bist. Ich habe Freunde gesehen, die dich verloren haben, und beinahe haben sie sich dann selbst verloren. Du bist einzigartig und das ist das, was dich so gefährlich macht, und im gleichen Moment so lohnend.

Immerhin sehe ich es so von außen. Vielleicht sieht dich jeder einzelne auch ein wenig anders, vielleicht, weil du vor jedem ein wenig anders bist, wer weiß? Ich stelle mir gerne vor, dass du ein Kunstwerk bist, versteckt in einem großen Museum, in einem Raum, den nicht jeder findet. Und wenn sie dich sehen, sieht dich jede Person durch ihre eigenen Augen. Aber für dieses Museum gibt es keinen Lageplan. Man kann die Leute, die man trifft, nach dem Weg fragen, aber schlussendlich weiß keiner, wo genau du bist.

Die Grafittiwand

Nach Hause kommen nach einem harten Tag, einfach sich ins Bett fallen lassen, die Stiefel ausziehen und an nichts denken. In diesen Momenten bist du ein kleiner Wassertropfen im Fluss deines Lebens. Wenn du dich einfach treiben lässt, bist du zufrieden. Aber manchmal gibt es in deinem Fluss auch Wasserfälle. Dein Leben ist kein ruhiger Fluss, sondern ein Fluss, der lebt. Mit jedem Wasserfall, den du herunterfällst, malst du ein Graffiti deines Lebens. Jeder Tropfen, der diese Wasserfälle hinunterfällt, malt einen weiteren Fleck auf deine Grafittiwand. Am Anfang sind es nur ein paar Flecken hier und da, aber mit der Zeit und mit weiteren Wasserfällen, wird auch deine Grafittiwand wachsen und wachsen.

Kennst du mich?

Ich bin oft überall. Aber im gleichen Moment bin ich nirgendwo. Manchmal sieht man mich, normalerweise aber nicht. Manche sahen mich schon und andere noch nicht. Und selbst wenn du mich siehst, dann siehst du immer nur einen kleinen Teil von mir. Den Rest verberge ich vor dir. Mein Ursprung liegt weit weg, obwohl meine Geburt sehr nah vor dir stattfindet. Wir beide brauchen das Gleiche, ohne dies würden wir nicht existieren. Viele kennen mich, aber wenn, dann nur aus Geschichten. Ich bin über dir, passe auf dich auf, passe auf die ganze Welt auf. Und selbst wenn alle Leute diesen Planeten verlassen, werde ich hierbleiben. Für immer ein Teil dieses Himmels.

Das Eichhörnchen

Früher, als ich noch ein Kind war, war ich der Überzeugung, dass Eichhörnchen unglaublich sind. So schnell, so klug und so süß. Mit ihrem großen, weichen Schwanz und ihren spitzen, zuckenden Ohren. Ihrem weißen Bauch im Kontrast zu ihrem roten Fell. Früher gab es nichts Besseres als ein Eichhörnchen für mich. Eichhörnchen können klettern, können schnell rennen und ohne Aufwand von einem Baum zum nächsten springen. Eichhörnchen sind magische Wesen. Ich sage das nicht nur, weil sie mein Lieblingstier sind, sondern vielmehr, weil es so ist. Sie lassen an Orten Leben auferstehen, wo sich nie ein Samenkorn hätte hinverirren können. Es ist interessant, dass für viele Eichhörnchen nur einfache Tiere sind, obwohl sie Wunder vollbringen. Wenn du dir ganz genau das Leben anschaust, dann siehst du vielleicht auch, dass alles ein klein wenig magisch ist und einem großem Wunder ähnelt.

Die Wellen gegen die Steine

Von oben kannst du alles sehen. Von oben ähnelt es einem Krieg. Mit jeder Welle versucht das Meer, die Steine zu verschlucken. Manchmal ist es rau, manchmal ist es ruhig, aber immer mit derselben Absicht. Manche Steine schaffen es nur, während den ruhigen Phasen zu atmen. Sie sind zu klein; sie haben eigentlich keine Chance. Andere sind größer. Das Wasser versucht, auch sie zu verschlucken, aber es läuft einfach nur wieder an ihnen herunter. Für diese Steine ist das Leben an der Küste einfach. Egal was passiert, sie können immer den Horizont sehen. Können sich nicht verlaufen. Aber so ist es nicht für alle. Die anderen müssen kämpfen, kämpfen um jeden Atemzug, und müssen auf die Momente warten, wenn das Wasser wieder fort ist.

Verliere sie nicht

In deinen Augen sehe ich die Jugend, ich sehe die Lebenslust und ich sehe die Neugier. Deine Augen reflektieren nichts. Nichts, was du siehst, geht verloren, du heißt alles willkommen. Deine Augen glänzen vor Unschuld, du siehst die Welt wie kein anderer. Du siehst in jedem Menschen den echten Menschen und nicht das, was er sein sollte oder das, was die Leute dir gesagt haben. Du verstehst nicht alles, aber genug. Eigentlich brauchst du gar nicht mehr zu wissen. Du weißt, wer für dich da ist und du weißt auch, wen du mit deinen Aktionen verletzten würdest.

Aber leider wird auch irgendwann sogar deine Unschuld sich verfärben und verschwinden. Mit jedem Wort, das du hörst und jeder Sache, die sie dir sagen, wirst du mit deinen Augen weniger und weniger sehen. Irgendwann kommt der Punkt, ab dem du nicht mehr die Sachen so sehen kannst, wie sie sind, sondern nur, wie sie laut den anderen sein sollten. Aber bitte, hör mir zu, versuch alles, was du kannst, versuch das Unvermeidbare zu verhindern. Behüte und beschütze deine kleine Person in deinem Kopf, lass nicht zu, dass sie verschwindet. Lass nur so viel rein, so dass die Löcher nach draußen zu klein für sie sind. Oft wird sie die einzige wahre Sache sein, die dir noch bleibt. Bitte, verliere sie nicht an die Welt um dich herum.

Die Vorstellungskraft

Hey du! Hier bin ich schon wieder. Komm, ich nehme dich mit auf eine Reise, die du vorher noch nie gemacht hast. Ich werde dir Sachen zeigen, die nur einige schon einmal gesehen haben. Du wirst die Personen sehen, die reicher sind als die Reichen auf dieser Welt. Die, die mehr haben als die, die fast alles haben. Eine Reise an einen Ort, wo du glücklich sein wirst, wo du eine glückliche Person bist. Dort kannst du machen, was du willst, dir diejenigen Leute anschauen, die du willst. Aber vorab eine Sache: Du darfst nur mitkommen, wenn du mir schwörst, dass du dein Gepäck hierlässt. Ich will es nicht tragen, und du wirst es auch nicht brauchen. Du brauchst nur dich selbst. Also, kommst du mit mir mit? Mach dir keine Sorgen; ich werde dich begleiten, du musst nicht alleine gehen. Du musst nur deine Augen schließen und schon geht die Reise los.

Wieder einmal

Wir laufen durch dieselben Straßen, sehen dieselben Gebäude, nehmen die gleichen Wege. Wir essen und trinken die gleichen Sachen an denselben Orten, aber trotzdem ist etwas anders. Die Leute um mich herum sind nicht die gleichen. Du kannst dir alles viele Male anschauen, aber wenn du es mit anderen Leuten erlebst, ist es wie zum ersten Mal. Am Ende bleiben nicht die Orte in Erinnerung, die du gesehen hast, sondern die Momente und die Zeit, die du mit den Leuten geteilt hast. Die Erlebnisse sind durch die Personen geprägt und nicht durch das Erlebnis an sich. Morgen werde ich mich nicht an eine Brücke oder ein Gebäude erinnern, die ich gestern oder vor einem Jahr gesehen habe, sondern an die Momente, in denen wir gelacht haben. Und das ist das Schöne, man muss nicht an besondere Orte gehen, man muss auch nicht etwas Besonderes machen, man muss es nur mit besonderen Menschen machen.

Eure Geschichten

Die ganzen Geschichten schreiben sich nicht von selbst. Oft ist es viel Arbeit, manchmal muss ich viel nachdenken, worüber ich schreiben werde. Aber einige der Geschichten habe nicht ich selbst geschrieben. Viele der Geschichten habt ihr geschrieben.

Die Unterhaltungen mit dir haben ein paar geschrieben. Meine Gedanken an dich haben andere geschrieben. Der Fakt, dass ihr immer an mich glaubt, hat auch eine geschrieben. Dein Lächeln hat auch eine geschrieben, vielleicht sogar zwei. Ohne dich hätte es auch die eine oder andere Geschichte nicht gegeben. Denn einige schrieb nicht ich, sondern das Wissen, dass du immer da bist. Eine weitere Geschichte hat sich geschrieben durch eure Liebe. Und nicht zu vergessen ist deine Fantasie, diese hat auch eine geschrieben. Eure Wörter, die mich begleitet haben, ließen mich auch einige schreiben. Seht ihr? In Wirklichkeit macht ihr den Großteil der Arbeit. Ich bewege nur meine Finger.

Fragen

Es gibt wichtige Fragen. Zumindest welche, die wichtig erscheinen.
Es gibt offizielle Fragen, die, die eine offizielle Antwort benötigen.
Es gibt Fragen, auf die du direkt mit deinem Bauchgefühl antworten kannst. Aber auch Fragen, die warten können und Fragen, die jetzt gerade keine Antwort benötigen.
Es gibt schwierige Fragen, aber wenn du suchst, kannst du eine Antwort finden.

Manchmal gibt es auch Fragen, die mehr bedeuten als das, was sie fragen. Und Fragen, die mehr von dir wissen wollen, als es scheint.
Es gibt Fragen, auf die du die Antworten schon kennst. Es könnten Fragen sein, die du dir schon selbst gestellt hast, aber sie könnten auch von anderen kommen.

Am Ende bleiben die Fragen, auf die du nicht antworten kannst, ohne nachzudenken. Die Fragen, für die du keine Antworten in einem Buch finden wirst. Diese sind die besten Fragen. Die Fragen, bei denen deine Antwort für jemanden wirklich wichtig ist. Wo die Frage eine Umarmung ist, manchmal zwar aus der Ferne, aber was zählt, ist, dass sie ankommt. Das sind die besten Fragen.

(c) Daniel Greff

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