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23.o1.23 – Der fürchterliche Monat

Würden wir im Januar und Februar alle Winterschlaf halten, dann könnten wir den rheinischen Karneval verschlafen (Statt „Kölle alaaf“ hieße es dann „Kölle schlaf“).

 

Der fürchterliche Monat.

Wenn man mal vom Verzehr von Zucchinis und Broccoli absieht, ist der sicherlich bedauerlichste Irrweg, den die Evolution beim Menschen eingeschlagen hat, der, dass sie uns nicht wie die Bären, die Maus, die Igel, das süße Murmeltier oder auch den entzückenden kleinen Siebenschläfer zum Winterschlaf geführt hat. Man sollte sich das Leben dieser Tiere als glücklich vorstellen  – sie sind eingekuschelt in ihr weiches, dickes Fell, schlafen geborgen in einer warmen Höhle, zehren von vorher angefressenen Fettreserven und träumen von Sommer, Sonne, Lachen und Glück. Wie beneidenswert! Der Mensch und damit leider auch ich muss jedoch unverdrossen in der kalten Jahreszeit wirken, weben und handeln, leben, lieben, leiden und – frieren. Wie herrlich wäre es doch, für drei oder vier oder sechs Monate all die Arbeit, den Ärger, die Politik, die Kriege, die Pandemien und überhaupt die lieben Mitmenschen zu vergessen. Man zieht sich Anfang November in sein Schlafzimmer zurück,  blättern noch ein wenig im Zauberberg (da macht es nichts aus, wenn man im Frühjahr nicht mehr weiß, was man gelesen hat), Dann löscht man gelangweilt und sattsam müde die Nachttischlampe, rollt sich in dicke Federkissen und Pfühle ein  und schläft bis in den April hinein, erwacht dann gestärkt und ein paar Pfunde leichter gemeinsam mit der Natur.

Sicher, ein paar Dinge wären anders, aber wahrscheinlich viel besser: Man würde Weihnachten selbstverständlich im Sommer feiern, auch alle Geburtstage würden in die schöne Jahreszeit fallen. Jedes Wochenende wäre ein Gartenfest.

Niemand pöbelt in der Silvesternacht und vergiftet die Umwelt mit Raketen und Böllern. Es gäbe das unselige Skifahren nicht, keine Langlaufloipen und damit auch keinen DJ Ötzi. Ich habe nie begriffen, weshalb manche Leute sich rutschige Bretter unter die Füße schnallen und diese auch noch einwachsen, damit sie noch glitschiger werden. Die Berge würden nicht von den Dinosaurierskeletten der Lifte und Bahnen verschandelt und durch die Beanspruchung verkarsten, es gäbe keine Glatteisunfälle und winterlichen Rentnerinvasionen auf Teneriffa, man müsste keinen Schnee schippen, sein Auto nicht abkratzen und Heizöl, Gas und Benzin würden noch ein paar Jahrhunderte länger reichen. Kein Bauer könnte mehr seine nitratreiche Gülle schon im Februar auf die Felder kippen und – welche Erleichterung – den rheinischen Karneval würden ebenfalls alle verschlafen (Statt „Kölle alaaf“ hieße es „Kölle schlaf“). Das betrifft mich allerdings kaum. Denn die Augsbürger haben mit dem Hamburgern gemeinsam, dass sie lieber ein Glas Essiggurkenwasser trinken, als in Karnevalslaune zu kommen. Die Zugroasten, die dennoch närrisch sein wollen, sperrt man in der Fuggerstadt deshalb in eine eingezäunte Karnevalszone (KZ) auf dem Rathausplatz und geht auf seinem Weg zum Drogeriemarkt Müller kopfschüttelnd und eilig an ihnen vorbei. Im Gegensatz zum wilden Westen Augsburgs, der mit den Diedorfer Germanen startet, wird in der Stadt der Fasching nicht gefeiert, sondern zähneknirschend toleriert.

 Vielleicht gäbe es auch weniger Kriege, weil die Leute lieber schlafen als kämpfen. Die Verbrechensrate wäre bestimmt geringer; man bräuchte für edle Pelzmäntel keine Tiere schlachten und würde insgesamt länger leben, da uns unser Energiehaushalt zu einem langsameren, ruhigeren Leben zwingen würde.

Man stelle sich nur die heiteren Familienfeste Ende Oktober vor, bei denen man sich von einander verabschiedet und sich gemeinsam seinen Winterspeck anfuttert, um die anschließenden Fastenmonate zu überstehen, die man schlafend und angenehm in seinen Betten verbringt. Das türkische Zuckerfest wäre dagegen eine Diätveranstaltung. Apropos Diät: Die Winterruhe wäre ein wirklich funktionierendes ‚Abnehmen im Schlaf‘ für jedermann und alle Frauen kämen ohne irgendwelche ‚leckere‘ Diät-Drinks und die Weight-Watchers im Frühjahr mit ihrer Bikinifigur aus dem Schlafzimmer!

Aber es soll leider nicht so sein … Die Tretmühle läuft ohne Pause weiter.

Und der schlimmste dieser Wintermonate ist der Januar, an dem eigentlich nichts zweigesichtiges ist, da er einem tagein, tagaus seine hässliche Fratze entgegenstreckt. Der Januar ist ein Monstrum, ein Unhold. Dass das neue Jahr ausgerechnet mit diesem toten, amorphen und grauen, dabei endlosen Monat beginnen muss, ist mir ein Rätsel. Januar ist kein Neubeginn. Er ist noch vollkommener Winter, kalt, düster, seine Wetterkapriolen grausam und davon, dass die Tage wieder länger werden, merkt man auch noch nichts. Der Januar kennt kaum Feiertage und keine Lichtblicke, man leidet unter Vitamin-D-Mangel und depressiven Schüben. Er bringt die ersten bedeutenden Schneemengen und viele zusätzliche Arbeiten und Gefahren. Bewegungslos und gleichförmig reihen sich seine kurzen Tage aneinander und die bitteren Nächte werden nicht einmal vom Lichterschmuck wie im Dezember erhellt. Es gibt auch plötzlich keine Glühweinstände und Weihnachtsmärkte mehr, obwohl sie gerade jetzt viel notwendiger sind als während des Advents, in dem normalerweise vorweihnachtliches Tauwetter und frühlingshafte Temperaturen vorherrschen.

Warum ist ausgerechnet der Januar einer dieser Monate mit 31 Tagen? Nicht einmal die gnädige Kürze des Februars will man uns gönnen. Warum nimmt man nicht wenigstens den letzten Tag und hängt ihn meinetwegen an den Juni? Ein 31. Juni hätte immer schönes, warmes Sommerwetter, aber ein 31. Januar – wer braucht denn den? Gleiches gilt übrigens für den diesjährigen Schalttag Ende Februar, auch dieser ist völlig verschwendet an den Winter und sollte z. B. in den goldenen September verschoben werden. So könnte man durch eine einfache Kalenderänderung dem Jahr zwei weitere schöne Tage hinzufügen. Vielleicht sollte man den Januar gleich zwischen Juli und August legen! Das ist es: Dann hätten wir einen Monat mehr Sommer. Warum ist darauf eigentlich noch niemand gekommen? Vielleicht sollte ich mit dieser genial einfachen, aber sinnvollen Forderung einmal zu meinem Bundestagsabgeordneten gehen …

Aber wie immer hört ja keiner auf mich! Nein, der erste Monat des Jahres hat nichts, was mir symphatisch ist, außer an unverdienter Länge hat er von allem zu wenig. Er ist abweisend wie ein verbitterter alter und ungewaschener Mann. Und alle 12 Monate, wenn ich ihn fast schon wieder vergessen habe, tritt er erneut in mein Leben, hockt sich ausdauernd  auf meine Seele und belästigt mich. Ja, wie  gerne würde ich zumindest den Januar verschlafen! Ich habe es versucht, war letzte Woche fest entschlossen, erst wieder aufzustehen, wenn Anfang Februar mein Geburtstag ansteht. Frau Klammerle und auch mein Arbeitgeber waren von der zwingenden Notwendigkeit, diesen Monat einfach auszulassen, nicht zu überzeugen. Nur deshalb gibt es heute einen Blogeintrag. Eigentlich wollte ich noch im Bett sein.

Wenn Ihr also von heute an nichts von mir hört: Weckt mich nicht.

Enden will ich allerdings mit den Zeilen meines engen Freundes und Leidensgefährten Walther Vogelweide, der missmutig und übellaunig schon vor einigen Jahren dichtete:

„Möchte ich verslâfen des winters zît ! 
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît, 
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît. 

 

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