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31.12.22 – Von alten Betten und neuen Jahren

Ich habe mich gerade ein wenig verrannt, ihr habt es bemerkt. Das ist ganz typisch für mich. Ich beginne einen Monolog, komme vom hunderten ins tausendste, verirre mich im Labyrinth meiner Gedanken, flaniere zwischen ihnen, wie ein Schmetterling zwischen den Blüten eines Sommerflieders hin- und herflattert. Mein Vorbild ist die Geschichtenerzählerin Sheherazade, ich fabuliere, als würde es um mein Leben gehen. Gibt es eigentlich eine Marcel-Proust-Auszeichnung für Abschweifungen und Ausschweifendes Erzählen? Wo kann ich mich für sie bewerben, denn ich würde sie sicher gewinnen? (Das wäre übrigens der erste Literaturpreis, den ich je bekäme.)

 

Mir hat vor vielen Jahren ein Kabarettist, der in Augschburg weltberühmt ist, erzählt, er habe gerade seinen Lieblingskugelschreiber weggeworfen. Der Gedanke hätte ihm Angst gemacht, dass ihn dieses seit Jahren tadellos funktionierende Werkzeug überleben könnte. Dinge sollten nicht auf die Beerdigung ihrer Nutzer gehen können. Sein Ideal wäre nicht der Muffelburger Spießer Ranzmayr, den er auf der Bühne gibt, sondern der griechische Philosoph Bias von Priene. Der ist einer der 7 Weisen des klassischen Altertums und von ihm ist wenig bekannt, außer dass er alle Menschen für schlecht hielt und ein guter Redner war. Cicero schreibt Bias den Ausspruch „Omnia mea mecum porto!“ zu, den der Weise tätigte, als er mit nackter Haut aus seiner vom Feind belagerten Heimatstadt fliehen musste: „Alles, was ich besitze, trage ich bei mir.“  Diese Selbstgenügsamkeit, die über weit über das Armutsgelübde eines Mönchs hinaus geht, beeindruckte den schwäbischen Kabarettisten. Er wollte deshalb sogar seinen Namen von der Wohnungstür schrauben, denn Besitz sei ja nur eine Illusion. Dass nicht die Weisheit des Philosophen, sondern allein Selbstverliebtheit aus dem Comedian sprach, der übrigens nicht mich beeindrucken wollte, sondern die Frau, mit der wir am Tisch saßen … das braucht hier nicht extra erwähnt zu werden. Ich nehme mal an, er hat sich einen neuen Kugelschreiber gekauft.

Ich sehe das anders als Herr Tuiach. Ich besitze in meinem Arbeitszimmer eine ganze Schublade mit Schreibwerkzeugen. Ich ärgere mich auch maßlos, wenn einer der Stifte, die ich benutze, plötzlich nicht mehr funktioniert und weine ihm hinterher. Ich hänge an den Dingen, mit denen ich mich umgebe und ich trauere um sie, wenn ich sie verliere. Je länger sie in meinem Gebrauch sind, um so wertvoller werden sie mir. Das wird wohl den meisten von euch ebenso gehen. Ich jedenfalls nutze die Dinge. Meine Persönlichkeit strahlt auf sie ab; sie sind nicht länger mein Besitz, sondern auch ein Teil von mir. Ich färbe auf meine Umgebung ab. Sie wird mir im Lauf der Zeit ähnlich. (1) Ich weiß, dass mich die Dinge nicht betrachten, aber sie spiegeln mich.

Das alte Bett von Frau Klammerle und mir ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben es ganz am Anfang unserer Beziehung gekauft und es war damals vor fast 40 Jahren der teuerste Einrichtungsgegenstand, den wir uns von unserem wenigen Geld leisteten – eine Extravaganz, die wir uns gönnten.  Es ist ein Einzelstück, ein japanisches Futonbett, von einem Schreiner gefertigt, dessen Laden in der Maximilianstraße es schon lange nicht mehr gibt. Das Bett besteht ausschließlich aus unbehandelten Vollholzelementen, die passgenau gefertigt und fugenlos ineinander gesteckt sind. Kein Metall, Kunststoff, oder gar eine Lackierung bringen sein Fengshui in Unordnung. Dieses geliebte Bett machte einige Umzüge mit, hat inzwischen keine Futonauflage mehr, sondern Lattenroste und bandscheibenschonende Matratzen. Es sieht noch genau so schön aus wie am ersten Tag. Genau wie wir es mit dem Gewicht unserer Körper und unseren Träumen geprägt haben, hat das Bett auch uns geprägt. So kann ich z. B. die Scharten mit den Fingern spüren, die sein massiver Rahmen an meinen Schienbeinknochen hinterlassen hat, weil ich Nächtens und schlaftrunken mal wieder gegen ihn rumpelte. Das Bett ist ein Schutzraum, ein Refugium, in das wir uns zurückziehen können, wenn wir ruhen wollen, wenn wir krank sind, wenn wir lesen, wenn wir mit uns allein sein möchten.

Während das Bett jung geblieben ist, sind wir beide alt geworden; in einem Monat werde ich 60 Jahre mit mir herumschleppen. Es fiel uns mit der Zeit immer schwerer, das Bett zu verlassen, wenn wir mal darin lagen. Denn es ist extrem niedrig. Inzwischen musste ich mit einem Bein Schwung nehmen oder mich über die Bettkante auf die Knie rollen, um aufstehen zu können. Ich bin sentimental genug, dass ich das noch zwanzig weitere Jahre mitgemacht hätte, denn wie gesagt: Ich hänge an den Dingen und übersehe großzügig ihre Makel. Doch Frau Klammerle ist da anders. Unsentimental schleppte sie mich vor zwei Monaten in einen Möbelladen: Ein neues, ein höheres Bett musste her. Am Tag vor Weihnachten hat es uns der Lieferdienst dann endlich am Vormittag vor die Haustür gestellt. Und so verbrachte ich diesen Tag nicht damit, den Baum zu schmücken und letzte Einkäufe zu machen, sondern das alte Bett ab- und das neue danach aufzubauen. Es war richtige Trauerarbeit, die ausgediente Ruhestätte auseinanderzunehmen und sie und ihre passenden Nachtkästchen im Keller zu zersägen, damit ich die Holzreste im Lauf der nächsten Zeit in meinem Ofen verbrennen kann (Nimm das, Putin!).   So schenkt uns unser Bett sogar nach seinem Tod noch Wärme.

Der funktionierende Kugelschreiber ist also weggeworfen, der Epochenwechsel vollbracht. Ich bin traurig, obwohl das neue Naturholzbett von Möbelum nur wenig anders aussieht, aber viel höher und bequemer ist und wir – ich gebe es zu – auch besser darin schlafen. Es hat übrigens auch keinen Rahmen, an dem man sich die Schienbeine zertrümmern kann. Aber im Hinterkopf hält sich hartnäckig der Gedanke, dieses neue Bett könnte das letzte sein, das ich mir gekauft habe. Das nächste wird wohl ein Krankenbett im Altersheim oder im Hospiz sein.

Unser Bettenwechsel ist ein wenig wie der Wechsel von diesem Jahr zum nächsten: Ich will das Alte, Gewohnte ungern verlassen, obwohl es in vielerlei Hinsicht unzureichend, unbequem, anstrengend und katastrophal war –  und ich mich ständig schmerzhaft an ihm gestoßen habe. Doch ich habe in 2022 gelebt, gelitten, geliebt, gefeiert, gelacht, geweint. Ich habe es bewohnt, ich bin es gewöhnt. Es hat mich geprägt, ist Teil meines Charakters und meines Lebenslaufs geworden. 2023 ist noch unbewohnt, neu und ich betrachte es skeptisch. Vielleicht ist es bequemer, und wir können, auch wenn ich es bezweifle, friedvoller und glücklicher darin ruhen. Jedoch fällt es mir mit den Jahren immer schwerer, die gewohnten Strukturen aufzugeben und sie im Ofen zu Asche zu verbrennen. Im Hinterkopf hält sich hartnäckig der Gedanke, dieses neue Jahr läutet meine letzte Lebensphase ein.

Doch jetzt genug, bevor ich mal wieder in Selbstmitleid zerfließe. Ich gebe es zu. Ich fürchte mich ein wenig, wenn ich an das neue Jahr denke und an das Leben, das wir in ihm führen werden. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel erst am 22. Januar, die Juden ihr Rosch ha-Schana am 15. September und die Muslime das Neue Jahr am 18. Juli 2023. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war der Neujahrstag am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und nach zwei ruhigen Silvestern 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubanischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren – auch meiner Katze Amy – ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Es ist absolut keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Wenn es nicht gelingt, dies an einem anderen Tag zu machen, warum dann ausgerechnet am 1. Januar? Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachdenken zu müssen.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand in meinem Lesesessel einnicke – obwohl er nichts über sein Bett schrieb, plagten den Bischof von Hippo vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken wie mich – also einigermaßen wach bin, wenn 2023 beginnt, dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und dann mein Dachfenster öffnen, „Ah!“ und „Oh!“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine persönliche, immer kürzer werdende Zukunft im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2023 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Leser meines Blogs.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches, ein friedvolles und harmonisches Neues Jahr.

*

Ach, ja, eines noch: Ich habe mich gerade ein wenig verrannt, ihr habt es bemerkt. Das ist ganz typisch für mich. Ich beginne einen Monolog, komme vom hunderten ins tausendste, verirre mich im Labyrinth meiner Gedanken, flaniere zwischen ihnen, wie ein Schmetterling zwischen den Blüten eines Sommerflieders hin- und herflattert. Mein Vorbild ist die Geschichtenerzählerin Sheherazade, ich fabuliere, als würde es um mein Leben gehen. Gibt es eigentlich eine Marcel-Proust-Auszeichnung für Abschweifungen und Ausschweifendes Erzählen? Wo kann ich mich für sie bewerben, denn ich würde sie sicher gewinnen? (Das wäre übrigens der erste Literaturpreis, den ich je bekäme.)

Okay, ich mache es schon wieder. Eigentlich wollte ich euch ein wenig über meinen Blog und meinen Podcast sagen und wie ich sie weiterhin gestalten möchte. Selbstverständlich wird es hier in meinem bequemen neuen Bett auch im nächsten Jahr wieder solche Projekte wie „Isabella, die Krippenkatze“ geben – hoffentlich weiterhin von der Musik von Heinz Christian untermalt. Bald werde ich euch meinen kleinen rothaarigen und flauschigen Freund Gnormi vorstellen, der ein paar hübsche Kindermärchen zu erzählen weiß, denn ich werde bald Opa und muss mich auf diese neue Rolle vorbereiten. Ich werde hier Erlebtes und Erfundenes, Literarisches und – siehe oben – meine Gedanken zum Besten geben. Einfach mit euch plaudern. Ich hoffe, dass ihr daran ebenso viel Freude haben werdet wie ich.

Euer Nikolaus!

Das ist übrigens Gnormi. Da kommt was auf euch zu!

(1) Übrigens gelingt es Frauen in der Regel besser als Männern, ihren Charakter auf die Dinge auszustrahlen, die sie umgeben. Die Wohnungen von Singlemännern sind meist kahl, funktional, nüchtern, langweilig)

 

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