o4.o9.22 – Abgesang auf meine Buchhandlung

Sie hat mich 35 Jahre begleitet. Es sind bestimmt tausend Bücher oder mehr, die ich in ihr erworben und meinen Regal hinzugefügt habe, seit sie 1988 ihr erstes Ladengeschäft in Augsburg im Erdgeschoss eines Bürogebäudes zwischen der Grottenau und der Ludwigstraße eröffnete. Ich spreche von der Augsburger Filiale des Buchhändlers Pustet. Der neue Laden brachte damals frischen Wind in den Handel. Vor allem die Billigbuchabteilung mit den Taschenbuchremittenden gab mir in einer Zeit, in der wir wenig Geld verdienten, die Möglichkeit, meiner Leidenschaft für Literatur nachzugehen. Kurze Zeit später zog der Pustet dann in die prominenten Räumlichkeiten des ehemaligen Kaufhauses „Kolonialwaren Bader“ (1) in der Karolinenstraße. Im 1. Stock eröffnete auch das Café Pustet, das mir eine zweite Heimat wurde und mir bald der Besitzer Heinz einen liebevoll aufgeschäumten Cappuccino und meine Butterbreze ohne Nachzufragen servierte. Es heißt, ein Café sei so gut wie die Schriftsteller, die in ihm verkehren. Wenn das stimmt war das Café Pustet eines der besten. Viele Jahre lang trafen Frau Klammerle und ich uns Samstags dort mit den Familien meiner Geschwister. Und ich ging immer mit mindestens einem Buch nach Hause.

Machmal ist man versucht zu glauben, dass ein Moment in der Zeit ein ganzes Leben währt. Doch leider stimmt das nicht. Es kam Corona und beendete mit einem beiläufigen Achselzucken dein Zeitalter. Alles wurde anders. Nachdem das Café Pustet noch eine Weile gekämpft hatte, musste ihr Besitzer sich dem Virus geschlagen geben und mein zweites Wohnzimmer schließen. Auch die Buchhandlung machte zu und zog in kleinere Räumlichkeiten in der Annastraße, wo sie nicht nur Raum, sondern auch Charme und Charakter und Auswahl verloren hat. Nun ist der Pustet, der einmal eine Institution und aufgrund seiner Vielfalt eine Bereicherung meines Lebens war, nur mehr eine gesichts- und seelenlose Filialenbuchhandlung wie Rupprecht, Thalia oder eine Bahnhofsbuchhandlung. Jede sieht aus wie die andere und schiebt die gleichen Bücher ins Schaufenster. Platz für ein Café ist im neuen Pustet auch nicht mehr da … Das Schlimmste ist nicht, wenn einem etwas genommen wird. Das Schlimmste ist, wenn man es kaputt zurück bekommt.

Ich bin also auf meine alten Tage plötzlich heimatlos geworden. Nun gibt es zwar noch ein paar gepflegte Buchhandlungen in Augsburg, die mir wie z. B. die Schlosser’sche auch das Besondere bieten und ich von den Buchhändlerinnen so liebevoll behandelt werde wie von einer Kinderpflegerin, wenn ich mir das Knie aufgeschlagen habe (2). Aber der Verlust meines Cafés war wie ein Schlag ins Gesicht und ich habe noch keinen adäquaten Ersatz gefunden – eigentlich überhaupt noch keinen. Jetzt, im Sommer, ist diese Lücke nicht ganz so quälend, aber wenn ich mich mit den nahen Herbststürmen zum Schreiben wieder in die Innenräume der Cafés zurückziehen muss, werden die Schmerzen verstärkt zurückkehren, die im Moment nur dumpf pochen. Das Café, in dem ich mich in Augsburg wohl und heimatlich fühle, habe ich noch nicht gefunden. Gibt es das überhaupt?


(1) In meiner Kindheit in den 60ern sind meine Eltern mit mir oft in dem denkmalgeschützen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert einkaufen gegangen. Ich erinnere mich vor allem an die Rolltreppe, die von der beeindruckenden toskanische Säulenhalle mit Kreuzgratgewölbe im Erdgeschoss in die weiß gefliesten Verkaufsräume im Keller führte. Es war die erste, die ich je benutzte und es gibt heute noch Nächte, in denen ich von den Räumlichkeiten träume und den Kaffeeduft an der Theke rieche.

(2) Diese Kundenfürsorge bot Pustet nie. Hier waren die meisten der Buchhändlerinnen und -händler ein wenig versnobt und elitär, was mich aber nie störte, da ich dies in noch viel größerem Ausmaß bin. Gut, eine Anekdote habe ich noch (Tatsächlich habe ich noch mehr, aber ich glaube, ein paar von ihnen sind strafrechtlich relevant und ich behalte sie deshalb lieber für mich). Ich habe sie selbst belauscht:

Kunde: Ich hätte gerne das Buch „Die drei Musketiere“.

Buchhändlerin (wahrscheinlich in Ausbildung): Wissen Sie, von wem das ist?

Kunde: Nein. Deshalb frage ich ja.

Buchhändlerin (sieht im Onlinekatalog nach): Augenblick … Das ist von einem gewissen Alexander Dumas (deutsch ausgesprochen). Das haben wir vorrätig.

Kunde: Und hat dieser Alexander Dumas (deutsch ausgesprochen) noch andere Bücher geschrieben?

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