18.o8.22 – next level

Nikolaus Klammer hat 1982 seinen ersten Homecomputer (den legendären VC 64 von Commodore) gekauft und sich vorher selbst das Programmieren am Sinclair ZX80 eines Schulfreundes begebracht. (1) In den 90ern hat er dann Informatik studiert und sich teilweise mit Computerkursen für Erwachsene finanziert. Sein erster PC vom Ende der 80er war ein PC-AT 386; immerhin schon mit einer 20-MB-Festplatte und DOS als Betriebssystem. Seit 1999 treibt er sich im Internet herum, hat Tausende von Stunden seines Lebens in virtuellen Welten verschwendet (2). Heutzutage macht er Systemadministration und unterrichtet junge Menschen am Computer.

Man darf ihn also mit Fug und Recht als einen digtal native bezeichnen. Sein ganzes Umfeld weiß das und kommt mit jedem Computer- oder Elektronikproblem zu ihm. (3) Dabei war der Computer für ihn in erster Linie immer ein Mittel zum Zweck, manchmal ein Spiel-, aber meist ein Werkzeug, um mit ihm seine Literatur zu schreiben und sie in die Öffentlichkeit zu tragen. Die meisten der Dinge, die er heute über Computer weiß, hat er sich aus diesem Grund beigebracht. Er besitzt heute zwei Desktop-Rechner, drei Notebooks (dabei eines von Apple), eine X-Box, ein Smartphone, zwei E-Book-Reader und Kisten voller Kabel, unzähligen USB-Sticks und Zubehör. Er streamt Musik und Serien. Er ist fürs Homeoffice mit Kameras, Mikros und sechs verschiedenen Konferenzprogrammen ausgerüstet. Im Internet ist er zuhause, es vergeht kein Tag, in dem er dort nicht Zeit verbringt. Er führt mehrere Blogs, einen Podcast, hat einen Youtube-Kanal, hat Konten bei WhatsApp, Facebook, Twitter, Instagram, Steam. Er veröffentlicht seine Bücher über einen digitalen Verlag, schreibt und gestaltet seine Bücher am Bildschirm.

Einer meiner ersten computergeschriebenen Texte (Nadeldrucker, Endlospapier). Vorher tippte ich auf einer alten Schreibmaschine.

Frau Klammerle ist da anders. Sie besitzt ein Smartphone, das sie nicht wirklich beherrscht. Manchmal sucht sie nach Rezepten, bestellt online Kleidung und plant den nächsten Urlaub im Internet. Der Rest is ihr a nightmare, um einen Satz von Arno Schmidt abzuwandeln. Herr Klammerle hat in über 40 Jahren, in denen er anderen Menschen Dinge am Computer erklärt hat, eine unendliche Geduld entwickelt, wenn sich jemand ein wenig langsam oder dämlich anstellt. Viele machen das absichtlich, in einer Art Trotzreaktion transferieren sie ihre instinktive Ablehnung und ihre Wut auf die Technik auf den geduldigen Helfer, der ihnen immer und immer die gleichen Handgriffe erklären muss. (3) Das weiß er. Trotzdem ist es ihm unmöglich, Frau Klammerle etwas beizubringen; Versuche enden jedes Mal in einer veritablen Ehekrise. Lieber ruft sie Sohn Nr. 2 an, dessen stummes inneres Seufzen lautstark zu hören ist. Bei ihrem Göttergatten ist sie absolut beratungsresistent, er fühlt sich dann immer, als würde er versuchen, Donald Trump die Klimakrise zu erklären.

Doch nun hat Frau Klammerle den nächsten Level erreicht, wie sie es selbst genannt hat. Sie hat das heimische Ufer verlassen und segelt mit ihrem smarten Boot in unbekannte, nicht ganz ungefährliche Gewässer. Sie hat seit ein paar Tagen ein Instagram-Konto. Die Programmsymbole und wie man die sofort aufploppenden Kontaktangebote von chantal9865323, GI’s, Ärzten und von Keanu Reeves blockiert, habe ich ihr gezeigt (Wir haben uns dabei nur wenig gestritten). Ihr erster und bisher einziger Beitrag ist ein Foto von Amy, der Katze. Viel mehr werden es wohl nicht werden, denn sie sieht den Sinn darin nicht, Urlaubserinnerungen zu posten, Lebensmittel, Haustiere, Blumen und Kaffeetassen oder gar Selfies zu veröffentlichen und andrer Leute Wohnungseinrichtung und doofe Sprüche zu kommentieren. Aber sie liest und wischt eifrig rauf und runter und folgt schon fast zwanzig Konten – auch mir. Auch ihre ersten Herzchen hat sie schon verteilt. Das heißt natürlich, dass ich von jetzt an sehr genau aufpassen muss, was ich über sie und unser Leben schreibe und mit wem ich einen Online-Kontakt pflege. Sie hat meine Aktivitäten in den sozialen Medien schon immer sehr misstrauisch und verständnislos beobachtet, auch wenn sie den einen oder anderen Blogartikel von mir mochte.

Nun, ich kann mir vorstellen, dass ihr Auftritt auf der großen Instagram-Bühne nur ein kurzer Gastauftritt ist, eine stumme Statistenrolle, die sie schnell wieder aufgibt. Aber wer weiß? Auf jeden Fall: Herzlich willkommen, Frau Klammerle, in einer Welt, in der ich bisher ohne dich unterwegs war.

Unsere Instagram-Avatare

(1) Bei allen Nerds und Geeks der jüngeren Boomergeneration, die das lesen, glänzen jetzt die Augen. Bei allen anderen erzeuge ich nur ein verwirrtes Achselzucken. Sic transit gloria mundi. Man schloss diese Geräte wie eine Spielekonsole an den Fernseher an. Wenn ich meine peeks und pokes in den VC 64 eingab, um einen Breakout-Clone zu programmieren oder an ihm meine ersten Texte ohne Umlaute und ß abtippte, störte der kleine „Brotkasten“ den Fernsehempfang im ganzen Miethaus. Zum Glück ist mir nie jemand draufgekommen. Zum magnetischen Speichern meiner Daten als Fiepen und Rauschen benutzte ich übrigens einen normalen Kassettenrekorder.

(2) Ob ich wohl irgendwann die Zeit, die ich am Monitor saß und einem im Schneckentempo wachsenden Balken dabei zusah, wie er von 0 auf 100 % wanderte, um bei 98 % hängenzubleiben, auf meine Strafe im Fegefeuer angerechnet bekomme?

(3) „Hast du es schon mal mit Aus- und wieder Einschalten versucht?“ Ich leide unter dem offenbar unausrottbaren Klischee, dass ein computeraffiner Mensch wie ich sich auch bei Smartphones, digitalen Kameras, Waschmaschinen und Fernsehern auskennt, selbstverständlich jede Software beherrscht und sofort weiß, woran es liegt, wenn der Monitor dunkel bleibt. Tatsächlich habe ich meist keine Ahnung, habe aber die Erfahrung, die Probleme schnell einzuschränken und zu indentifizieren. Selbstredend hocke ich oft ebenso fassungslos wie die Laien vor PC-Problemen. Leider fragt mich nie jemand bei seinen literarischen Problemen um Rat.

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