13.o8.22 – Parallelhochzeiten

I.

1987, also in der guten, alten Zeit vor 35 Jahren, haben Frau Klammerle und ich geheiratet. Meine Eltern waren erleichtert, dass ich endlich unter der Haube war. Im April heirateten wir zuerst standesamtlich im Kreis unserer engsten Angehörigen. Das war für uns nicht mehr als ein Verwaltungsakt, den wir schnell hinter uns bringen wollten. Wir lebten zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren in einer billigen, aber winzigen und feuchten Wohnung im Lauterlech gegenüber der Augusta-Brauerei. Meine Zukünftige arbeitete fleißig für unseren Lebensunterhalt. Ich tat so als würde ich studieren, verplemperte aber lieber mit meinem Kumpel Rudi, der Schauspieler und Regisseur werden wollte (1), meine Zeit in Kneipen und Cafés. Ich prokrastinierte vor mich hin, schrieb an „Die Wahrheit über Jürgen“ und „Brautschau“ (2), lebte ein bequemes Bohemeleben und wartete darauf, als Schriftsteller entdeckt und berühmt zu werden. Da Frau Klammerles lausiges Einkommen als Krankenschwester zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben war, waren wir auf gelegentliche Finanzspritzen meiner Eltern angewiesen und kamen trotzdem gerade so zurecht. Warum ich nicht jobbte? Weil ich egozentrisch und faul war. Mich wundert noch heute, dass mich meine Frau nicht einfach vor die Tür gesetzt hat. Was ich auf keinen Fall ausüben wollte, war der Grundwehrdienst, der wie ein drohendes Damoklesschwert über mir hing, nachdem ich bei meinen Kriegsdienstverweigerungs-Anhörungen mehrmals mit Pauken und Trompeten durchgerasselt war. Selbstverständlich war es nicht der einzige Grund, aus dem wir vor den Traualtar traten, aber die aufschiebende Wirkung einer Hochzeit und auch die finanzielle Besserstellung waren Argumente, die durchaus zählten. Der alte, grimmige Standesbeamte muss das bemerkt haben, denn obwohl wir es nicht wollten, hielt er trotzdem eine Ansprache, in der er Frau Klammerle eindeutig vor mir warnte. Zu meinem Glück hat sie nicht auf ihn gehört.

Im Herbst dann, genauer gesagt, am 12. September, heirateten wir noch einmal und diesmal kirchlich und katholisch, mit Polterabend, großer Feier, Ein-Mann-Unterhalter an der Hammondorgel, in Tracht und allem, was so dazu gehört. Wir machten es so bürgerlich wie es uns möglich war. Dem kann man kaum entkommen, wenn man Familie und Freunde nicht vor den Kopf stoßen will. Nur vor dem Brauttanz habe ich mich gedrückt. Wir feierten also an einem wunderschönen Herbsttag in einem Restaurant an der Augsburger Kanustrecke und die Studentenkneipe Zebra erlebte ihre wahrscheinlich erste Brautentführung. (3)

Ein paar Tage später hatte ich den Albtraum, in dem Frau Klammerle zu mir sagte:

„Das war ja alles ganz schön, aber jetzt müssen wir noch ein drittes Mal heiraten.“

„Aber wir haben schon zweimal geheiratet.“ Mir brach der Schweiß aus. „Das muss doch reichen.“

„Schnickschnack. Jeder heiratet dreimal. Das ist so üblich. Und diesmal machen wir es noch größer.“ Wenn Frau Klammerle „Schnickschnack“ sagt, habe ich verloren. Dann gibt es keine Widerrede. Ich wusste, ich hatte nur eine Chance, diesem Grauen zu entkommen: Ich wachte schreiend auf. Man merkt es mir an: Der Horror wirkt auch nach 35 Jahren noch nach.

II.

Anfang September, an einem hoffentlich wunderschönen Herbsttag, heiratet mein Sohn Nr. 2 zum zweiten Mal. Wir sind erleichtert, dass er endlich unter der Haube ist. Nr. 2 prokrastiniert nicht herum wie ich in seinem Alter, sondern verdient sich seine Brötchen als Erzieher in einem Hort. Die Wohnung der beiden ist billig, klein und feucht. Die neue Frau Klammerle (4) hat sich bereits letztes Jahr standesamtlich mit ihm verbunden. Aufgrund der Coronapandemie fand diese Hochzeit in engstem Familienkreis, mit Abstandsregelung und mit FFP2-Masken statt – übrigens im gleichen Saal des Augsburger Standesamts, dessen Inneneinrichtung sich in 35 Jahren nicht verändert hat. Die junge, freundliche Standesbeamtin fand bei dieser Gelegenheit nette Worte. Nun, nach über einem Jahr, ist es so weit. Die Vermählung findet noch einmal statt, zwar nicht kirchlich, sondern mit einem Hochzeitsredner, aber mit allem, was dazu gehört. Die Familien und Freunde sind zur großen Feier eingeladen. Wenn man in München Oktoberfest feiern kann, dann können die Klammers auch Hochzeit machen. Die Sitten sind etwas anders, statt „Polterabend“ gab es bereits die „JunggesellenInnen“-Abschiede (Bemerkt? Ich habe erstmals gegendert) und „entführt“ wird heutzutage niemand. Die Musik kommt von der Hochzeits-Playlist der beiden lovebirds, es wird getanzt (ich nicht), das Essen ist vegan und man feiert in einer Scheune auf Bierbänken sitzend. Der Bräutigam wünscht festliche und elegante, wenn es geht „apricotfarbene“ Kleidung und hat damit seinen alles andere als „toxischen“ Trauzeugen Low und einige weitere Hochzeitsgäste in Schwierigkeiten und meine Frau Klammerle in größte Schuhsorgen gestürzt. Mir passt zum Glück noch der Anzug von der standesamtlichen. Die Vorbereitungen laufen seit Wochen und werden von Sohn Nr. 2 generalstabsmäßig durchgeführt. Obwohl er nicht viel älter ist als ich bei meiner Heirat, scheint er mir viel erwachsener und verantwortungsbewusster, als ich es damals war (und heute bin). Ich glaube nicht, dass Nr. 2 Albträume hat.

Ich freue mich auf das Fest und werde dort wohl viel mehr Spaß haben als bei meiner eigenen Hochzeitsfeier. Falls Frau Klammerle noch passende Schuhe findet.

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(1) Über Rudi werde ich auch irgendwann einmal schreiben müssen. Er war mehr Vampir als Freund; heute würde man sagen, er war „toxisch“. Ich brauchte lange, mir dessen bewusst zu werden und mich von ihm zu lösen. Inzwischen habe ich schon ewig nichts mehr von ihm gehört, zuletzt bemühte er sich für die Linke um einen Sitz im Münchener Stadtrat. Im Internet und in den sozialen Medien ist er nicht zu finden. Das kann bei einem selbstverliebten Seelensauger wie ihm eigentlich nur bedeuten, dass er inzwischen verstorben ist. Er war übrigens mein Trauzeuge.

(2) Beide Bücher sind im August in der E-Book-Ausgabe für nur o,99 € erhältlich.

(3) Heute ist das ja nicht mehr in, aber damals kam man nicht daran vorbei. Ich organisierte daher die Entführung gemeinsam mit meinem Bruder und reservierte auch Plätze im Zebra. Als ich „bemerkte“, dass meine Braut weg war, fuhr ich mit dem Bruder von Frau Klammerle hinterher. Da er im Gegensatz zu meinem braven Geschwisterchen einige Verkehrsregeln brach und Einbahnstraßenschilder missachtete, war ich noch vor der entführten Braut in dem Lokal, das es heute nicht mehr gibt.

(4) Sie arbeitet als Buchhändlerin und ist aus diesem und vielen anderen Gründen die beste Schwiegertochter, die ich mir vorstellen kann. Während Sohn Nr. 2 ein alter Brummbär (wo er das nur her hat?) ist, strahlt sie einen oft chaotischen und fröhlichen Optimismus aus, der seinesgleichen sucht. Wie ich erleben durfte, ruft sie, wenn sie beim Bergwandern stolpert und einen Abhang hinunterfällt, noch auf halben Weg: „Alles gut! Mir geht es gut!“ Bis sie dann im Dornengestrüpp landet …

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