1o.o8.22 – Zwei Durchbrüche

Ich arbeite in meinem Brotberuf (1) seit 25 Jahren mit Jugendlichen im Alter zwischen 1o und 16 und denke, ich weiß, wovon ich rede. Während meine Eltern meinen Geschwistern und mir erst einmal überhaupt nichts glaubten, was wir ihnen so auftischten, lassen sich die überbesorgten Erziehungsberechtigten dieser Generation von ihren Sprösslingen jeden Unfug aufreden. Es hat sich bei manchem Kind so verfestigt, dass ihre Lügen anstandslos geschluckt werden und ein Erfolgskonzept sind, um ungeschoren durch den Tag zu kommen, dass sie inzwischen aus Prinzip die Unwahrheit sagen. Auch wenn es nicht notwendig ist oder sie auf frischer Tat ertappt wurden: Grundsätzlich wird erst einmal alles hartnäckig geleugnet. Ich finde das nicht weiter verwerflich, denn ich weiß eine gute Geschichte zu schätzen, die den Ärger in die Zukunft vertagt. Soll sich mein Zukunfts-Ich damit beschäftigen! Leider werden die Lügen und Ausreden immer phantasie- und einfallsloser, weil die Jugendlichen geistig verarmen, nichts mehr lesen, das selbstständige Denken zugunsten von täglich mehrstündigem TikTok-Konsum eingestellt haben und nur noch im fehlerhaften Whatsapp-Stil kommunizieren können, aber alle Gangsterrapper oder Influencer werden wollen. Diese angelernte Verhaltensweise lässt Schlimmes für ihr Erwachsenenleben und die Gesellschaft befürchten, in der wir bald leben werden. Mir graut davor.

In der 5. Klasse. Hinter mir stehen meine späteren Freunde Thommy und Flip – ach ja.

Auch ich blieb als Kind freilich oft nicht bei der Wahrheit. Aber ich konstruierte ungeheuerliche Lügengespinste und ausufernde Märchenerzählungen, um mich vor Dingen zu drücken, vor anderen anzugeben oder Missgeschicke und destruktive Taten (2) zu vertuschen. Da ich in einer Traumwelt lebte, in der ich ein großer Held war, verinnerlichte ich manche meiner Münchhausengeschichten so sehr, dass sie für mich zur Realität wurden (3). Dazu kam, dass eine einfache Lüge oft glaubhafter war und schneller erzählt als die komplizierte wahre Geschichte. Meist kam man mir auf die Schliche, was für mich häufig schmerzhaft endete. So glaubte mir meine leidgeprüfte Mutter nicht, als ich eines Tages mit heftigen Bauchschmerzen am Morgen erwachte und nicht in die Schule wollte. Ich war damals in der 5. Klasse des Peutingergymnasiums und erbärmlich schlecht in der Schule. Die Lehrer prügelten damals noch und ich hatte bereits die eine oder andere Ohrfeige eingefangen, weil ich lieber träumend aus dem Fenster sah, als mir Donauzuflüsse oder die Präpositionen mit dem Ablativ zu verinnerlichen. (4) Das eben ausgegebene Halbjahreszeugnis war nicht ruhmreich. Also ging meine Mutter davon aus, dass ich „magierte“, wie man hier mundartlich sagt – mich vor der Schule drückte. Mein Bruder, der die gleiche Schule ein paar Klassen höher besuchte, wurde als Aufpasser mitgeschickt. Ich schleppte mich also verzweifelt zu Fuß zur Blauen Kappe hoch (das dauert etwa 2o Minunten), wurde aber von der Schule bereits nach der 2. Stunde wieder heimgeschickt. Da die Schmerzen im Unterleib waren, mein Fieber unter der Achsel erheblich geringer als im Hintern gemessen, vermutete meine Mutter richtig eine Blindarmentzündung, brachte mich ins nächstgelegene Krankenhaus (Vincentinum), wo ich noch am Nachmittag operiert und der Wurmfortsatz entfernt wurde. Dabei ging es um Minuten, denn ein Blinddarmdurchbruch stand unmittelbar bevor. Der anschließende, wegen Komplikationen sich zwei Monate hinziehende Krankenhausaufenthalt war der einzige, den ich jemals machen musste. Denn von dieser Appendizitis abgesehen, hatte ich noch nie eine ernsthafte Erkrankung oder einen Knochenbruch. Wäre ich nicht im privilegierten Deutschland des 20., sondern im 19. Jahrhundert oder in einem Entwicklungsland auf diese beste aller möglichen Welten gekommen, wäre ich trotzdem kurz nach meinem 1o. Geburtstag gestorben, einfach so. Wie doch der Zufall von Ort und Zeit der Geburt das Leben eines und vieler anderer Menschen bestimmt!

Nach der OP heilte meine Wunde nicht, sondern blieb offen und eiterte. Meine Blinddarmnarbe würde heute jedem Zombie eine Zierde sein. Wie sich später herausstellte, war ich gegen die Fäden, mit denen ich genäht worden war, allergisch und mein Körper stieß sie ab, Fitzelchen für Fitzelchen. Deshalb kam es zu einem langen, öden und schmerzhaften Krankenhausaufenthalt, während dem immer wieder mit langen und spitzen medizinischen Werkzeugen in meinen Gedärmen gekramt wurde. Natürlich lieferten mir meine Eltern die Hausaufgaben und Lehrbücher ans Bett, damit die schulischen Lücken nicht allzu groß wurden und natürlich machte ich sie nie auf. (5) Ich verbrachte die meiste Zeit mit Lesen; jedoch keine Kinderbücher mehr, sondern zum ersten Mal Literatur. Mit dem Krankenlager übertrat ich eine Schwelle, kam es zum zweiten Durchbruch. Das habe ich meiner Schwester M. zu verdanken. Die damals Neunzehnjährige brachte mir den Roman „Die Kinder des Kapitän Grant“ von Jules Verne (6) mit. Der Fischerverlag hatte damals die Idee, die 2o besten Romane des französischen Vielschreibers mit den alten Kupferstichen der Originalausgabe in einer stark um die „langweiligen Stellen“ gekürzten und von jungen, deutschen Autoren eingerichteten Edition auf den Taschenbuchmarkt zu bringen. Die las sich flüssig und oft ziemlich flapsig, dabei spannend. Es war die originellste Lektüre, der ich bis dahin begegnet war. Ich hatte die 3oo Seiten an einem Nachmittag durch und war „angefixt“, wollte mehr. „Kapitän Grant“ ist der 2. Band einer Trilogie und deshalb lag es nah, danach „20000 Meilen unter dem Meer“ und „Die geheimnisvolle Insel“ zu lesen, anschließend alle anderen 20 Romane der Fischer-Ausgabe, dann „Ein Kapitän von 15 Jahren“ und „Matthias Sandorf“, letzteren halte ich für den gelungensten Jules-Verne-Roman.  Ich kann seine Bücher wärmstens als Sommerlektüre empfehlen, allerdings benötigen sein antiquierter und umständlicher, altväterlicher Schreibstil, seine oft naive Fortschrittsgläubigkeit und seine zeittypischen kolonialistischen Vorurteile vor allem auch gegen Deutsche etwas Geduld und Nachsicht. Ein paar seiner Bücher und seine beste Kurzgeschichte („Der ewige Adam“) hat übrigens nicht er selbst, sondern unter seinem Namen sein Sohn Michel Verne geschrieben.

Damit war ein Anfang gemacht. Verne führte mich zur Science Fiction, zu E. A. Poe, zu E. T. A. Hoffmann, eröffnete mir eine ganze Welt. Ihm und einem entzündeten Blinddarmwurmfortsatz sind es zu verdanken, dass ich ein begeisterter Leser wurde und heute ungestraft jedem meine Lügenmärchen erzählen darf.


(1) Hat hier wirklich jemand ernsthaft geglaubt, wir könnten von meiner Literatur und Frau Klammerles skandalös niedrigen Gehalt als Kinderkrankenschwester in der Frühgeborenenintensivstation eines katholischen Krankenhauses leben? Ich verdiene mit meinen Büchern etwa 25 € im Jahr, gebe aber Hunderte von Euro aus, um als Selfpublisher zu veröffentlichen und diesen Blog zu führen.

(2) Habe ich eigentlich schon einmal geschrieben, dass ich mal einen Esstisch meiner Eltern in die Luft gejagt und die Küche in Brand gesteckt habe? Aber das ist eine andere Geschichte, die ich an einem anderen Tag erzählen werde.

(2) Ich glaube wirklich, dass ein paar meiner Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend noch immer von diesen Lügengeschichten durchwoben sind, weil sie mir mein Gedächtnis als wirklich erlebt vorgaukelt. Ich weiß deshalb nicht, ob die ferne Erinnerung, die ich heute mit euch teile, sich tatsächlich so zutrug, aber ich versuche mein Bestes. Ich habe in meinen „Wahrlügen“-Texten schon darüber geschrieben.

(3) A, ab und abs, e, ex, de, cum und sine, pro und prä … Verdammt, heute sind sie als vollkommen nutzloser Müll in meinem Gedächtnis wie alte Telefonnummern. Aber die Sachen, die ich mir wirklich merken möchte, die sind weg. Mein Unterbewusstes hat schon einen zweifelhaften Humor.

(4) Ich bestand später die 5. Klasse nur, weil der alte und erfahrene Lateinlehrer, Herr Hastenpflug, aus Mitleid eine 5 und keine 6 aus dem Hut und ins Jahreszeugnis zauberte. In der 6. fiel ich dann mit Pauken und Trompeten durch.

(5) Schon einmal gefragt, warum die Hauptfigur in meinen Brautschau-Romanen „Juel“ heißt? Inzwischen habe ich übrigens alle 1oo Bücher von Jules Verne gelesen; sie machen etwa einen halben Meter in meinem Bücherschrank aus.

Ich würde mich freuen, wenn du einen Kommentar hinterlässt:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: