o8.o8.22 – Ein Neubeginn?

Meine erste ultrascharfe Chili ist reif. Sie würzt jetzt eingelegten Feta.

Der 8. August ist der Lieblingstag der Augsbürger und wenn er dann noch auf einen Montag fällt, ist für sie das Glück perfekt. Heute ist das Hohe Friedensfest, dieser eine Feiertag, den nur Augsburg besitzt. Einige wenige feiern heute in der Innenstadt den Religionsfrieden von 1555 und setzen sich zum Schmausen an eine gedeckte Tafel auf dem Rathausplatz, der Rest fährt ins Umland, geht in Friedberg beim überfüllten Segmüller-Möbelriesen einkaufen oder setzt sich in einen schattigen Biergarten und sieht den Nicht-Augsburgern lächelnd beim Arbeiten zu. Frau Klammerle und ich hatten Ähnliches im Sinn. Wir wollten eigentlich heute mit der Regionalbahn nach Ulm fahren – das 9-Euro-Ticket, das ich leichtsinnigerweise in der letzten Woche erwarb, muss sich bezahlt machen (Frau Klammerle ist Schwäbin und Schwaben sind ja bekanntlich wegen ihres Geizes heimatvertriebene Schotten). Aber daraus wurde nichts. Obwohl es das günstige Ticket nun schon im dritten und letzten Monat gibt, hat sich nichts an dem dystopischen Chaos geändert, den es bei der Bahn ausgelöst hat, die mit der Tatsache überfordert ist, dass sie Fahrgäste hat. Der reichlich verspätete Zug, den wir nehmen wollten, war so überfüllt wie mein Glas mit eingelegtem Feta und die heiße Luft im Inneren war zu einer öligen Substanz voller scharfer und käsiger Gerüche geliert. Es war absolut nicht daran zu denken, ohne Gewaltanwendung in einen der beiden Waggons vorzudringen. Wir waren chancenlos und sind dann eben vom Bahnhof wieder heimgelaufen. Auf die Idee, an die Regio-Sardinenbüchsen noch einen oder zwei Waggons dranzuhängen oder gar einen schnelleren Takt zu fahren, scheint man bei der Bahn nicht zu kommen. Unglaublich! Ich bin viele Jahre lang mit der Bahn von Diedorf nach Augsburg gefahren, während der Schulzeit, während meiner Arbeit bei der Post und das meist zur morgendlichen und abendlichen rush hour, aber so eine drangvolle Enge kannte ich bisher nur von Filmen über Zombie-Apokalypsen und von Fotos aus Indien oder Tokyo, wo Menschentrauben an den Eingängen und Fenstern hängen. Das 9-Euro-Ticket ist für uns in etwa so wertvoll wie ein aufgeweichtes Knäckebrot und verlorenes Geld.

Naja, dann habe ich eben jetzt die Zeit, einen Blogartikel zu schreiben:

Im Verlauf der letzten beiden Jahre habe ich einige meiner Texte als Videostream oder Podcast eingesprochen. Ich begann damit im beschäftigungslosen Lockdown 2o2o, in dem mir zu Homeoffice und Nichtstun verdammt schier endlos Zeit zur Verfügung stand. Im Nachhinein betrachtet habe ich viel zu wenig aus jenen Tagen des an die Wohnung Gefesseltseins gemacht und sie mit dolce far niente und Essen verschwendet. Mit ADS geschlagen kam ich vollkommen aus dem Tritt, als mir plötzlich von einem Tag auf den anderen das feste Korsett des Alltags fehlte. (1) Doch nun sind die Schüre wieder gespannt.

Im Jahr 2 der Pandemie gelang es mir zumindest, einen Roman zu schreiben, den ich bisher unveröffentlich ließ, da er zu nah an einer Freundin vorbeigeschrieben ist. Dazu hungerte ich mir 3o Kilogramm vom Bauch. Jetzt, im hitzigen Sommer 2o22, in dem anscheinend jeder außer Frau Klammerle und mir wieder und wieder an Corona erkrankt, gehe ich einen Schritt weiter und stelle mich zurück an den Startblock. Vor zehn Jahren bin ich dort schon einmal gestanden. Ich hatte seit der Geburt meiner beiden Söhne nichts mehr geschrieben und es war eigentlich eine Anmaßung, mich selbst als Autor zu bezeichnen. Ich gründete deshalb im Mai 2o13 meinen Blog „Aber ein Traum“; zuerst um den gleichnamigen Roman zu pushen und mich an regelmäßiges Schreiben zu gewöhnen. Über die Blogeinträge entstand aus einer Augenblickslaune heraus die Idee zum Geltsamer. In den folgenden Jahren schrieb und vollendete ich 14 Bücher, nicht zuletzt Noch einmal davon gekommen und Noch einmal daran gedacht, die ich mit den Inhalten meines Blogs füllen konnte. Sogar der Roman Aber ein Traum, mein eigentlich missglücktes Sorgenkind, fand ein Publikum.

Was vor einer Dekade funktionierte, sollte eigentlich auch in diesem Jahr wieder glücken. Ich beginne erneut, zögernd noch, tastend. Geht alles nach Plan, wird sich der Blog wieder mit regelmäßigen Inhalten füllen und mit der Vorveröffentlichung des 4. Teils von Dr. Geltsamers erinnerten Memoiren meine nächste Buchveröffentlichung vorbereiten. So ist zumindest meine Vorstellung. Ob es mir tatsächlich gelingt, in die Spur zu kommen, wird die Zeit zeigen; eine Zeit, die mir, wenn ich ehrlich mit mir bin, nicht mehr so unbegrenzt zur Verfügung steht wie früher. Meine Geschichte ist eine endliche. Mit 6o habe ich nicht mehr zwanzig, dreißig, gar vierzig Jahre zur Verfügung, sollte keine neuen Projekte beginnen, sondern jene fortführen, die ich begonnen habe. In zehn Jahren bin ich Rentner und stehe am Tor zum Alter, betrete den November meines Lebens. Falls ich dann noch unter uns weile …

O jeh, wo bin ich denn jetzt hingeraten?

O ja, ich habe eine kleine Meise.

[Fortsetzung morgen]

________

(1) Ich habe das Syndrom freilich weitervererbt: Sohn Nr. 1 leidet wie ich an der Träumer-Variante von AHDS. Uns fehlt das H für „Hyperaktivität“. ADS wurde bei ihm allerdings schon in der Grundschule diagnostiziert, nachdem ihn seine Klassenlehrkraft aufgrund seiner schlechten schulischen Leistungen in der 4. Klasse für dumm erklärt hatte und für seinen weiteren Werdegang dringend eine Förderschule empfahl. Diesem Ratschlag folgten wir nicht. Während sich Nr. 1 in der 5. Klasse der Hauptschule ausruhen konnte – er hatte einen Klassenleiter, der sein Potiental erkannte – ließen wir ihn mit Ritalin behandeln. Er besuchte eine Psychologin und regelmäßig eine Ergotherapie. Wir stellten unseren Alltag auf seine Bedürfnisse um. Nach der 5. Klasse war er dann so weit: Er beendete die Medikamentengaben, wechselte aufs Peutinger-Gymnasium, an dem ich selbst 2o Jahre vorher gescheitert war, machte ohne Probleme das Abitur, studierte in Freiburg und Tübingen und erreichte einen Master in Mikrobiologie mit einem Einserschnitt. Dennoch hat er auch heute noch täglich mit seiner ADS und ihren seelischen Auswirkungen zu kämpfen. Er benötigt einen engen Zeit- und Arbeitsplan, eine geregelte Wiederholung von Routinen, um nicht vom Kurs abzuweichen.

Manchmal frage ich mich, wie weit ich gekommen wäre, wenn man mich wie ihn in meiner Jugend behandelt hätte. Ob ich ebenfalls solch ein großes Potential wie Nr. 1 besaß? Daran war in den 6oern und 7oern nicht zu denken. Ich war eben zum Leidwesen meiner Eltern – mein Vater prophezeite mir eine Karriere als Müllmann – das Problemkind: ein Schulversager, der heimlich Karl May und Jules Verne las, wenn er Lateinvokabeln pauken sollte, ein Träumer, der Tage in den Bäumen verbrachte, schlechte Manieren hatte, ein verstockter Lügner war und kaum Freunde hatte, faul, fett, gefräßig. Mit all diesen charakterlichen Schwächen kämpfe ich noch heute an jedem einzelnen Tag.

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