o2.o8.22 – Is there anybody out there?

Ach, ja … ich muss mich mal wieder auskotzen.

In der Theorie sind die social media eine feine Sache. Über Twitter, Facebook, Instagram, WhatsApp et al. sind zu jeder Zeit und an jedem Ort Menschen erreichbar, die meine Interessen und Neigungen teilen und sich für Literatur im Allgemeinen und meine im Besonderen begeistern können. Im Gegensatz zu meinen privaten, analogen Netzwerken, meinen Verwandten und wenigen Freunden, kann ich in der cloud Leuten begegnen, mit denen ich mich über die Dinge austauschen darf, die mich wirklich interessieren: Literatur lesen und schreiben, Kunst machen und genießen, Musik hören und verstehen, Wandern, die Renaissance, die alte Welt der Mittelmeervölker, Geschichte überhaupt, Science Fiction und Fantasy, mediterrane Küche, die Natur und mein Garten, Computerspiele, Wein, meine Bücher und Geschichten … und noch vieles mehr. Vor 40 Jahren, als ich meine „Autorenkarriere“ begann, war dies alles noch ein feuchter Traum. In der Theorie ist das Internet für einen Autisten in homöopathischer Ausprägung die beste Erfindung seit dem Buchdruck.

Theoretisch. Praktisch ist es ein Selbstbetrug. Obwohl ich mich in fast allen Ecken des Internet herumtreibe, 14 Bücher als selfpublisher herausgebracht habe*, die fast jeder Buchhändler führt, bei Instagram, Facebook und Twitter Konten besitze, einen Podcast- und einen Youtube-Kanal, diesen und 2 weitere Blogsites führe – alle regelmäßig mit Inhalten fülle und viel zu viel Arbeit und Herzblut investiere – erreiche ich jene nicht, nach denen ich suche. Potentielle Freunde, Leser oder auch nur Bekannschaften, alle meiden meine digitalen Wohnorte und besuchen mich dort nicht, obwohl ich es für sie so bequem wie möglich gemacht habe. Meist denke ich, ein Grund für meine Einsamkeit im Netz ist der, dass ich mich zu wenig anbiedere, mich niemandem aufdränge oder die Menschen, nach denen ich suche, einfach nicht internetaffin sind, ich mich in der falschen Blase aufhalte oder niemand das Risiko eingehen will, mich kennenzulernen, weil ich vielleicht nicht der bin, für den ich mich ausgebe. Dann wieder glaube ich, ich werde gemieden, weil ich so unsympathisch rüberkomme (oder bin), meine Literatur langweilig, uninteressant und schlecht ist, mir das aber niemand sagen will. Ich bin ein extrem schüchterner Charakter, der gelernt hat, sich hinter einer Rüstung zu verbergen, die häufig arrogant, egozentrisch und wie ein Klugscheißer wirkt. Das schreckt sicher den einen oder anderen ab. Ich bin ein Dinosaurier, der einfach nicht in die sozialen Medien passt und abschreckt. Ich bin am falschen Ort zur falschen Zeit geboren, kenne die falschen Leute und besitze die falschen Wesenszüge – da kann es einfach nichts mit meiner Karriere als Autor werden.

Mein Schreibort in diesem hitzigen Sommer

Aber ich mache weiter, obwohl es mir in den letzten 2 Jahren fast täglich schwerer gefallen ist. Ganz im Gegensatz zu meinem namenlosen Russen, der in meinen Geltsamer-Romanen mit der Unterstützung von vielen Flaschen Wodka seine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, leide ich seit Beginn der Corona-Pandemie an einer veritablen Schreibkrise. Sie hält mich mal mehr und mal weniger in ihren rasiermesserscharfen Klauen, lässt mich aber niemals los. Tagtäglich flüstert sie mir mit ihrer desillusionierten, kraftlosen Stimme ins Ohr: „Du bist ein Versager, Nikolaus“, stellt sie fest, „du hast es nicht geschafft. Im Februar schaust du auf 60 Lebensjahre zurück. Seit du es in der Schule gelernt hast, hast du immer geschrieben. Vorher hast du deine Geschichten, die in deiner nicht ausschöpfbaren Phantasie entstehen, als Comic gezeichnet und einem Publikum erzählt, das damals übrigens fast größer war als heute. Du wolltest immer Schriftsteller sein. Das war dein Lebensziel, darauf hin hast du gelebt. Was ist davon geblieben, nachdem diese Seifenblase schon mit 25 geplatzt war?“ So redet mir die Krise mir zu und ich kann nicht anders, als ihr zu lauschen. Dabei ist sie so perfide, dass sie mich ganz im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, die mit ihrer eigenen, ganz persönlichen, zu kämpfen haben, durchaus nicht am Schreiben hindert, sondern mir nur die Sinn- und Zwecklosigkeit meines Schaffens vor Augen führt. Ein Kunstwerk, ein Bild, ein Musikstück, eine Geschichte, ein Gedicht, sie werden alle nur wirklich, echt und beginnen zu existieren, wenn sie ein Publikum finden, zwei, drei Menschen erreichen, die sie hören, sehen oder lesen. Es genügt nicht, dass ich meine Bücher selbst lese, während ich sie schreibe. Erst wenn es ein Dritter tut, werden die Texte real, sind in die Welt getreten. Sie sind ein Angebot, eine Erfahrung zu machen. Wird das Angebot nicht angenommen, dann ist es als wäre der Text nie geschrieben worden.

Wie finde ich aus diesem Dilemma wieder heraus? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall werde ich in der nächsten Zeit damit beginnen, an dieser Stelle meinen neuen Roman „In den Bücherkellern des Vatikans“ vorzuveröffentlichen. Es ist der 4. Band meiner Reihe „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ und setzt die Geschichte fort. In Buchform (und selbstverständlich auch als E-Book) wird er im Herbst erhältlich sein. Falls ich meine Krise überwinde.

Demnächst auf diesem Blog.

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*Im August sind übrigens die Ebook-Ausgaben meiner Bücher um 60 % auf 0,99 € reduziert.

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