30.05.22 – Eine dunkle Welt

(v. links:) Ritter Gluck und meine Wenigkeit. Es fehlt unser beider Freund E. T. A. Hoffmann. Er hat mit seinem Smartphone das Foto geschossen.

Merkwürdig, wie es manchmal läuft und wie nah der Abgrund ist … Wie ich in meinem letzten Tagebucheintrag geschrieben habe, ist nach arbeitsreichen Wochen meine Schriftsteller-Maschinerie langsam wieder in Gang gekommen. Mit dem plötzlichen Sommer im Frühling wurde alles wieder leichter. Doch die Eisheiligen haben sich nur verspätet: Nachdem wir vor 10 Tagen die 30°C-Marke übersprangen und eitel Sonnenschein genossen, regnet es und mein Außenthermometer zeigte heute in der Frühe 2°C an – bitter kalt für Ende Mai. Für mich fühlt es sich nach einem katastrophalen verlängerten Wochenende nach Winterfrost an.

Aber hübsch der Reihe nach. Vom Vatertag bis gestern Nachmittag waren Frau Klammerle und ich zu einem Kurzurlaub in Berching, wo wir uns mal wieder mit einem befreundeten Paar trafen – es ist eine Freundschaft, die sich aus einer Urlaubsbekannschaft entwickelte und bereits seit weit über 30 Jahren besteht. Das hübsche, mittelalterliche Berching, das knapp oberhalb des Altmühltals am Main-Donau-Kanal liegt, ist ein Geheimtipp. Zum einen ist es ein Nördlingen im Miniatur, das sich ebenfalls seine vollständige, abschnittsweise begehbare Stadtmauer erhalten hat, zum anderen ist die Kneipen- und Hoteldichte im historischen Kern außerordentlich – auch wenn die Gemeinde dort seit Jahren die Straßen aufreißt und neu gestaltet.

In Berching ist ein Knotenpunkt von guten und in der Regel ebenen Radwegen, die man auch ohne E-Bike befahren kann. Was allerdings fast niemand mehr macht. Es ist für Fußgänger und normale Radler inzwischen wesentlich wahrscheinlicher, von einem Rentner auf einem E-Bike überfahren zu werden, dessen Geschwindigkeit er nicht beherrscht, als von einem Auto. Kanalaufwärts befindet sich das uralte Benediktinerkloster Plankstetten (ein spiritueller Ort mit einem schönen Biergarten), danach kommt auch gleich Beilngries und von dort sind die anderen schönen Ortschaften, Ritterburgen und Landschaften des Altmühltals problemlos erreichbar.

Unser Kurzurlaub ließ sich – zumindest vom Wetter her betrachtet – gut an. Frau Klammerle und ich konnten zudem am Freitag eine herrliche Radtour über Beilngries und Kinding nach Kipfenberg machen, einer weiteren mittelalterlichen Stadt mit einer herrlichen Burgenkulisse. Trotz guter Ausschilderung und Maps auf dem Smartphone haben wir uns auf dem Rückweg verfahren. Wir sind den Kanal 10 km hinunter- anstatt hinaufgefahren und bemerkten unseren Irrtum erst, als wir statt in Berching in Dietfurt ankamen. Zähneknirschend und nun mit starkem Wind von vorn mussten wir umkehren. Auf diese Weise kamen wir an diesem Tag auf gut 70 km Radstrecke, dazu noch auf einige Kilo- und Höhenmeter Wanderung, denn wir ließen es uns nicht nehmen, bei Kipfenberg den geografische Mittelpunkt Bayerns aufzusuchen und später hinauf zum Unteremmendorfer Felsentor, einer beeindruckenden geologischen Sehenswürdigkeit.

Als wir endlich nach 12 Stunden wieder zurück in Berching waren und den Abend beim olivenölverliebten, aber sympathischen Griechen ausklingen ließen, waren wir vollkommen erschöpft, aber glücklich.

Doch nun muss ich von den anderen Dingen sprechen und es fällt mir schwer. Das befreundete Paar, mit dem wir uns trafen, ist seit ein paar Jahren psychisch erkrankt. Vor allem sie leidet unter einer schweren Psychose. Sie fühlt sich von einem Feind bedroht, der das Rentnerpaar in den Wahnsinn treiben möchte. Er überwacht sie rund um die Uhr und spioniert sie aus, dringt täglich in ihre Wohnung ein, wo er willkürlich Kleinigkeiten verändert, Gegenstände verschiebt oder neue hinzufügt. Der Feind verfolgt sie in jeden Urlaub (auch ins Ausland) und dringt dort auch in jedes Hotelzimmer ein. Selbstverständlich ist ihr Smartphone und ihr Internetanschluss gehackt. Ihr hilfloser Mann, der stark von ihr abhängig ist und Symptome von beginnender Demenz zeigt, wird von ihr in diese dunkle, schreckliche Welt gezogen, die ja nur in ihrem Kopf existiert. Die beiden haben keine Kinder und in den letzten Jahren – außer uns – nahezu alle ihre Freunde verloren, die Geschwister haben sich zurückgezogen. Seit wir von ihrer Krankheit wissen, versuchen wir das Paar zu einem Aufenthalt in der Psychatrie und zur Einnahme von Medikamenten zu bereden – mit Engelszungen, mit Wut, mit Verzweiflung, mit Tränen, mit Entsetzen. Doch nichts wirkt. Vernuftargumente wirken nicht. Sie lässt sich nicht helfen, den in ihrer Vorstellungswelt ist sie ja nicht krank. Alle anderen sind blind oder stecken mit dem Verschwörer unter einer Decke. Zudem sind unsere Einflussmöglichkeiten gering, denn wir wohnen weit von den beiden entfernt und sehen sie nur zwei-, dreimal im Jahr.

Wir haben an diesem Wochenende mal wieder alles versucht, aber die endlosen, sich im Kreis drehenden Gespräche waren erneut deprimierend aussichtslos. Es ist entsetzlich, so hilflos zusehen zu müssen, wie geliebte Menschen sich selbst mit einem lächerlichen Hirngespinst zugrunde richten. Die Welt der beiden wird immer düsterer, sie entfernt sich immer weiter, sie sind kaum mehr erreichbar. Sie haben an nichts mehr Freude und Interesse und sprechen offen Selbstmordgedanken aus. Unser Treffen war die Hölle auf Erden, ein Blick in einen Abgrund, der uns schwindlig und depressiv machte. Ich befürchte, es war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben, denn wir müssen uns auch selbst schützen. Der eingebildete Phantomverfolger, den die beiden immer mit sich bringen und als unsichtbarer Dritter mit am Tisch sitzt, soll nicht auch noch in unser Leben eindringen können.

Als wäre das alles nicht schon genug, erwischte mich am Samstagabend – Triggerwarnung – eine Lebensmittelvergiftung (ich vermute als Auslöser ein Eis in Riedenburg) vom Feinsten. Ich kotzte mir eine ganze Nacht lang die Seele (wen es interessiert: Sie ist gallebitter, klebrig und rapsblütengelb) aus dem Leib, krümmte mich auf den Fliesen des Hotelzimmers und hatte Kopfschmerzen, die mir den Schädel platzen ließen. Ich bin inzwischen immer noch nicht ganz auf dem Posten. Aber ich will so schnell wie möglich wieder in meinen Alltag zurückfliehen, um diese letzten Tage zu verdrängen. Du siehst, im Moment ist es mir kaum möglich, an Literatur zu denken, zu schreiben und in sozialen Medien Belanglosigkeiten auszutauschen. Ich werde mal wieder eine Pause machen.

Nach Pfingsten fahren Frau Klammerle und ich zum Bergwandern nach Südtirol, das haben wir kurzfristig entschieden. Hoffentlich werden wir dort wieder zu Kräften und mentalem Gleichgewicht finden (und uns nicht wieder verlaufen).

Bis bald.

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