Nein, ich will das nicht!

 

Vor bald zwei Jahren ist mein Vater eine Woche nach seinem 93. Geburtstag verstorben. Es war leider ein einsamer und schmerzhafter Tod zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns. In seiner Jugend war er ein begeisterter Nationalsozialist und hat sich im Alter von 17 Jahren freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. In den letzten Kriegstagen im April 1945 kämpfte er in Berlin einen erbitterten Straßenkampf gegen die eindringende Rote Armee, in deren Gefangenschaft er verletzt geriet. Er wurde in eine sibirisches Kriegsgefangenlager transportiert(1). Erst sechs lange Jahre später kam er wieder frei und kehrte als schwerkranker junger Mann nach Augsburg zurück. Für meinen Vater hat der 2. Weltkrieg nie so richtig aufgehört. Er konnte sich auch erst im hohen Alter von den Nazi-Verbrechern distanzieren, denen er seine Jugend und seine seelische und körperliche Gesundheit geopfert hatte. Die inneren Verletzungen, die ihm damals geschlagen wurden, heilten nie. Meine Auseinandersetzung mit seinem Weltbild und die Frage, wie viel Schuld er als SS’ler und HIAG-Mitglied auf sich lud und dann an mich weiter vererbt hat, prägte meine Entwicklung als Mensch und auch als Autor maßgeblich. Die Bewältigung seiner Schuld kostete mich Jahre und unendlich viel Kraft. Deshalb:

Nein! Ich will nicht darüber schreiben. Das haben in den letzten zehn Tagen schon so viele vor mir getan und tun es gerade in diesem Augenblick. Mein J’accuse interessiert niemanden und gerade in den „sozialen“ Medien würde es sich auch seltsam unpassend, zwiespältig und merkwürdig verlogen anhören. Die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit, nach dem Ende von Putins verbrecherischem Angriffskrieg ist common sense und einhellig. Das muss nicht extra von mir noch einmal mit einem hellblau-gelb gefärbten Bild garniert dargereicht werden.

Nein! Ich will nicht darüber reden und dauern in schier endlosen, mäandernden Diskussionen das Offensichtliche wiederkäuen. Es liegt für alle mit gesundem Menschenverstand auf der Hand. Pathologischer Irrsinn, Diktatorengrößenwahn und Untaten gegen die Menschlichkeit werden nicht erträglicher oder auch nur verstehbarer, wenn sich die Gespräche im Kreis drehen. Meine Fassungslosigkeit kann ich eh nicht in Worten ausdrücken und Stammeln widerspricht meinem Charakter. Deshalb schweige ich lieber betroffen, denn worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen.

Nein! Ich will nicht einmal daran denken. Ich möchte Selbstbestimmtheit über meine Gedankenwelt. Niemand hat das Recht, in sie einzudringen. Schon gar kein geistesgestörter Möchtegern-Zar Wladimir, der halbnackt durch die Tundra reitet und vom Großrussland von 1875 phantasiert. Dies stellt eine Vergewaltigung dar, der ich mich versperren möchte. Wie dieser Text zeigt, gelingt mir das leider nur unzureichend. Deshalb mischt sich gerade in alle meiner Handlungen Bitternis und vergällt mir sogar meine kurzen Urlaubstage.

Als ob Corona, Klimawandel und der Verlust von Freundschaften und geliebten Menschen in der letzten Zeit nicht schon genug Verwüstungen in meinem Gedächtnispalast angerichtet haben, defäkiert mir jetzt auch noch ein weiterer durchgeknallter Diktator in die Räume. Das ist wie eine offene Stelle im Mund, die meine Zunge immer wieder berühren muss. Es ist kaum zu fassen, aber ich habe tatsächlich eine Art von „schlechtem Gewissen“. Als wären die Kriegsverbrechen Putins die meinen, als wäre ich für das Leid verantwortlich, das er lächelnd verursacht. Ich wünsche mir, ich könnte an einen rächenden, gerechten Gott glauben, das würde mir vieles leichter machen.

Was bleibt mir also übrig, wenn ich nicht schreiben, reden, denken will? Nachrichten meiden, in der privaten Welt und der der Literatur, der Kunst und der Philosophie leben, weiter an meinen Romanen basteln, in der Höhe meiner Urlaubskasse für die Ukraine-Nothilfe (DE53 200 400 600 200 400 600) spenden … Krieg ist wie ein Bumerang. Egal, wie weit und fest du ihn von dir wegschleuderst – er kehrt zurück. Vieles habe ich schon in den 80ern getan: Den Kriegsdienst verweigert, die Schuld meines Vaters bewältigt, mit meinen Söhnen Hoffnung in die Welt gepflanzt und die Generationenschuld nicht an sie weitergereicht. Mehr ist mir nicht möglich.

Verzeiht mir meine Flucht ins Private, Literarische, verzeiht mir die tägliche Verdrängung. Nur auf diese Weise gelingt mir gerade ein einigermaßen gesundes, normales Leben.

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(1) Was mir mein Vater über seine grausame Zeit im Gulag berichtete, habe ich im 3. Geltsamer-Roman verwendet.

 

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