Die Autoren und die Beliebigkeit

 

Die Kunst verwest. Ihr Leichnam stinkt. Ihr Totengräber ist das Internet.

Mit der Verbreitung des Internets in der Gesellschaft wurde eine Zeitenwende eingeläutet, die nur mit der vor 500 Jahren verglichen werden kann. Während der Renaissance verwandelte sich die mittelalterliche, „flache“ Welt innerhalb weniger Jahre in eine dreidimensionale, komplexe: Die europäische Gesellschaft richtete sich nicht mehr nach Gott aus, ihren Fluchtpunkt in der Unendlichkeit, sondern fand ihren Mittelpunkt in der Seele des Einzelnen. Heute, nach dem Ende der Geschichte, wird diese Gesellschaft digital, schwebt unsicher in einem virtuellen Raum, in dem alles gleich wichtig und richtig ist. Die Lüge und die Wahrheit sind zur Ansichtssache geworden;  es gibt nur noch Meinungen und man macht es sich in seiner Blase gemütlich. Das Denken der Menschen, ihre Wahrnehmung der Welt und ihre Moral ändern sich gerade fundamental, sind auf den Kopf gestellt. Niemand kann prophezeien, wohin uns dieser neue Weg führen wird. Und wie um 1500 a. d. herum muss sich auch heutzutage der Künstler dieser Tatsache stellen, sich neu erfinden und sich andere Wege suchen, seine Ideen zu verbreiten. Dabei schaufelt er der Kunst ein Grab.

Ging es mir noch in den 80ern und 90ern wie allen Künstlern in den letzten 500 Jahren darum, überhaupt ein Publikum zu finden, muss ich heute mein Publikum suchen. Früher stand das „Wie?“ im Vordergrund, nun die Frage „Wer?“. Wie finde ich einen Verlag, einen Ausstellungsraum, eine Galerie, einen Auftrittsort, ein Plattenlabel? Wie kann ich eine Lesung halten, ein Konzert geben? Hatte ich diese Orte gefunden (oder sie mich), dann kam ein Publikum von selbst. Kunst war etwas besonderes. Sie zog die Menschen an. Sie wollten Diskussion, Auseinandersetzung mit ihrem Schöpfer. Solche Orte, an denen sich Publikum und Autor treffen, gibt es zwar auch 2022 noch in der Realität, doch sie verschwinden. Corona hat diesen Prozess nur beschleunigt. Das Internet und ihre „sozialen Medien“, sind eingesprungen. In der Theorie kann ich mich als Künstler praktisch aufwandslos direkt – ohne einen professionellen Vermittler  – einem schier unbegrenzten Publikum anbieten: Ich kann meine Texte bloggen, sie podcasten, als E-Book oder Hörbuch verbreiten, auf YouTube Onlinelesungen halten, auf Instagram und Facebook bewerben, in Foren und Chatgruppen diskutieren … Es gibt Tausende von Möglichkeiten im Netz. Ständig werden neue geboren und andere modern. Allen voran die Musiker, aber auch die bildenden Künstler, die Autoren, die Filmemacher, die Theaterleute, die Dichter und Denker, Architekten, Weltenschöpfer und die Unterhaltungskünstler – sie haben alle die traditionellen Pfade der Veröffentlichung verlassen und diese neuen, aufregenden Wege betreten. Allein die traditionellen Maler und Bildhauer, die sich noch nicht von ihrer Kunst entfremdet haben und eben kein beliebig reproduzierbares Werk haben, tun sich schwer. Das Internet ist der Feind des „Originellen“.

Man sollte meinen, es wären gerade für Autoren wie mich nun endlich Goldene Zeiten angebrochen. Das Gegenteil ist der Fall. Meine Literatur und meine Meinungen sind nur gelöste Salzatome in einem Tropfen Wasser im Weltmeer der digitalen Medienangebote, die uns alle täglich überschwemmen. Längst hat jeder die Übersicht verloren und lebt in seinem Schneckenhaus am Ufer des unüberschaubaren Ozeans, über dem die Sonne der Kultur untergeht. Während die klassischen Medien und damit ihre Schöpfer bedeutungslos wurden, weil sie einfach zu langsam und kompliziert und zeitraubend für den Hunger des Publikums sind, das heutzutage alles  sofort und auf der Stelle konsumieren will, bietet das Internet Rundum-Service: 24 Stunden, 7 Tage in der Woche, Petabytes an Sinnesreizen, die eigentlich nur aus Stromfluss in elektrischen Schaltern bestehen. Alles, was ein Kunstwerk ausmacht, ging bei der Digitalisierung verloren. Das Ton wurde beschnitten, das Wort und das Bild sind so flach wie die Monitore, auf den sie erscheinen. Das Kunstwerk ist nur noch eine möglichst platzsparende Datei in der Cloud. Sie besteht aus Nullen und Einsen, nicht mehr aus Genie und Emotion.

Alles – wirklich alles – ist im Netz jederzeit und für jeden verfügbar. Dabei steht dort das Niedrigste, Ekelhafteste, Lächerlichste und Dümmste gleichberechtigt, ungefiltert und unkommentiert neben dem Höchsten, Schönsten und Besten, das wir Menschen je zuwege brachten. Leider gewinnt immer das schnelle Angebot, das Marktschreierische, das Klischee, das Niveaulose. Die bunte Info siegt über die Nachricht, der Betrüger über den Ehrlichen, der Troll über den nachdenklichen Kommentator. Die einfache Lüge hat überwältigend mehr Follower als die komplexe Wahrheit, das Schlagwort bekommt unendlich mehr Likes als die Analyse, das Meme erhält mehr Klicks als das Essay.

Und dabei ist alles ist so beliebig geworden, im Wortsinn: gleichgültig. Alles ist uns gleich gültig, weil es im Überfluss vorhanden ist. Niemand bedauert mehr, wenn etwas verloren geht. Wir ersticken in den Angeboten. Musik wird nicht mehr gehört, sondern gestreamt. Die Playlist weiß, was meinen Ohren schmeichelt. Das Lesen eines Textes wird nicht mehr zelebriert. Er wird eilig überflogen, gescrollt. Das Bild betrachtet man nicht mehr, man macht „Binge-Watching“. Die Arbeit von Stunden, Tagen, Wochen, Jahren wird mit dem Schulterzucken des Zeigefingers weggewischt. Wir lassen uns träge und gelangweilt berieseln, „amüsieren uns zu Tode“. Wir hören nicht mehr zu, sehen nicht mehr hin. Es gibt keine Haptik mehr. Das Konsumieren eines Kunstwerks ist kein aktiver Vorgang mehr, kein Erfassen, sondern ein passiver, flüchtiger Reiz. Die Künstler erreichen uns nicht mehr. Und würdigen sie durch unseren gargantuanischen Hunger herab. Wir lassen sie nicht in unser Schneckenhaus, denn wir haben uns überfressen, sind dumpf, schläfrig und verblöden. Und während wir verdauen, stopfen wir noch mehr Junkfood in uns hinein. Alles ist langweilig. Wir lassen uns nicht mehr auf Neues, Anderes, Experimentelles ein, das vielleicht unser Denken beeinflusst oder unsere Meinung ändern kann. Dazu sind wir zu träge. Aus diesem Grund kann ich als Autor mein Publikum nicht erreichen. Es verbirgt sich vor mir. Es ist übersättigt und will überhaupt nicht gefunden werden, weil es nicht nach neuer geistiger Nahrung sucht. Nicht ein paranoider, größenwahnsinniger Despot wie Putin wird Europa zerstören – das ist noch keinem in der langen, schier endlosen Reihe der wahnsinnigen europäischen Diktatoren gelungen.  Nicht einmal Hitler, obwohl er am Nächsten dran war. Das Unternehmen, die europäische Geistesfreiheit zu vernichten, machen wir dieses Mal selbst, weil wir bequem verdummt sind, unsere Dichter und Denker nicht mehr lesen und uns die bunten Bildchen im Netz geschichtsvergessen machen.

Diesen Text, der nicht einmal den Platz mit der Konvention einer munteren Illustration teilen will, wird das gleiche Schicksal ereilen, wie alle meine Texte vor ihm: Kaum jemand von den vier oder fünf Lesern, die ich habe, wird bis zu diesem Absatz gelangen. Da hat man vorher schon geliked und ist weitergescrollt, auf der Suche nach einem neuen Anreiz. In zehn Minuten ist er nicht mehr aktuell, sinkt von der Wasseroberfläche hinab in die Tiefen des Internetozeans, wo seine paar Bits in ihrem Dateisarg in Frieden ruhen.

 

 

 

 

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