Ein Epos wird geboren (Teil 1) – Zurück in die 80er

Half verlässt sein heimatliches Dorf in der Provinz.

Meine ersten Skizzen zu dem ausufernden Fantasy- und Science-Fiction-Zyklus (1) „Brautschau“ entstanden vor genau 35 Jahren. 1987 prokrastinierte ich lustlos ein Informatik-Studium und verdiente ein wenig Geld mit EDV-Kursen, die ich für Firmen und in der Abendschule gab. Ich besaß daher viel Zeit, meine Geschichten zu schreiben.

Mit 24 pflegte ich noch immer die Illusion, ich würde kurz vor einer großen Karriere als vielgelesener und bewunderter zeitgenössischer Autor stehen. Es konnte nur noch Monate dauern, bis einem Verlag meine Bedeutung bewusst und ich berühmt wurde und Frau Klammerle und ich von meiner Literatur leben konnten. Im Moment waren es ihr kargen Einkünfte als Kinderkrankenschwester und Zuwendungen meiner Eltern, die unseren Lebensunterhalt gerade so sicherten. Das würde aber bald anders werden. Da war ich mir sicher. Gut, ich hatte außer einer Handvoll Erzählungen und Kurzgeschichten nichts vollendet oder gar veröffentlicht. Der Roman „Das Spiel“, an dem ich nicht gerade fleißig arbeitete, trat auf der Stelle. Er würde schließlich wie viele weitere Entwürfe als Fragment in meiner Schublade des Scheiterns enden. So weit, so typisch.

Dass ich dann allerdings Anfang 1987 meine E-Literatur und Belletristik zur Seite schob,  ein neues Notizbuch mit dem Titel „Brautschau – Der Roman einer langen Reise“ begann und mich an das Verfassen eines Genre-Romans heranwagte, hatte viele Gründe. Zum einen waren die Phantastik, die SF- und die Fantasy-Literatur meine bevorzugten Unterhaltungslektüren, bei denen ich mich von meinem mir selbst auferlegten, exzessiven Privatstudium der Weltliteratur hauptsächlich des 19. Jahrhunderts erholte. (2) Mir schwebte schon lange vor, mich selbst an einen Genre-Roman zu wagen und hatte auch schon einige bald aufgegebene Versuche in dieser Richtung unternommen. (3) Der Hauptgrund war jedoch ein anderer: Die Frau, mit der ich zusammenlebte und die ich liebte und die ich noch im Laufe des Jahres heiraten würde, mochte meine Unterhaltungslektüren nicht. Sie weigerte sich, meine Lieblingsbücher zu lesen. Daher entschied ich mich, selbst eines zu schreiben. Der Idee zu dem Roman „Meister Siebenhardts Geheimnis“, der zu Beginn noch den späteren Zyklustitel „Brautschau“ trug, war geboren.

Es war ein weiter Weg von der von mir selbst gebundenen „Erstausgabe“ von 1987 bis zum Erscheinen des Romans vor 5 Jahren. Aber ich habe schon damals alle Illustrationen dafür zeichnen müssen.

Das Buch sollte eine Art Hochzeitsgeschenk werden: Ein junger Mann sucht in einer dystopischen, von einem Atomkrieg zerstörten Welt 6500 Jahre in der Zukunft nach der Liebe seines Lebens und besteht mit ihr gemeinsam etliche Abenteuer, die selbstverständlich in einem Happy-End (und in einem Raumschiff) enden. Selbstverständlich nahm ich mich selbst als Vorbild für den naiven Half, der einem Bauerndorf in der Provinz entstammt. In der taffen, unabhängigen Hetha spiegelte sich die spätere Frau Klammerle.

Im Vorwort damals schrieb ich übrigens folgendes:

„Es ist eine althergebrachte Sitte, in eine SF-Geschichte mit einem kurzen Vorwort des Herausgebers einzuführen. Da ich keinen Herausgeber habe und nicht auf eine Einleitung verzichten will, bleibt mir nichts anderes übrig, als diese selbst vor meine Erzählung zu setzen. Der Grund, aus dem ich mich an diese Literaturgattung gewagt habe, ist einfach: Ich befasse mich seit längerem intensiv mit SF und da dieses Interesse von meiner aufmerksamsten Leserin nicht geteilt wird, versuche ich auf diese Weise, ihre Neugier ein wenig auf die Möglichkeiten und den Unterhaltungswert von SF zu lenken. Gleichzeitig ist die Geschichte ein Geschenk zu unserer Hochzeit. Deshalb kann sie eine schöne und optimistische Geschichte von mir erwarten.
Eine SF-Geschichte ist immer optimistisch, weil sie grundsätzlich von der Prämisse ausgeht, daß es eine Zukunft gibt, egal, wie düster sie auch aussehen mag. Das ist neben der Möglichkeit des kaum eingeengten Fabulierens, des Erschaffens einer neuen Welt, der Hauptgrund, aus dem ich diese Literaturgattung den anderen vorziehe. Die folgende Geschichte ist keine reine SF-Erzählung, sie hat, vor allem zu Beginn Anleihen bei dem Märchen, der Fantasy, genommen. Sie ist auch von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ beeinflußt. Trotzdem, die Geschichte ist, so hoffe ich zumindest, im Sinne des Wortes: originell und auf der Höhe der Zeit, ein Computer, wen wundert es, spielt eine gewichtige Rolle.“

 

Tja … das Romaneschreiben benötigte viel Zeit, daher musste ich bei „Brautschau“ mehrmals die Widmung ändern (aus der Hochzeit 1987 wurde z. B. Frau Klammerles Geburtstag 1988). Doch auch diesen Roman habe ich schließlich nach 5 Kapiteln zur Seite gelegt und sie hat ihn erst vor 5 Jahren gelesen.

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(1) Ursprünglich als reine SF geplant, wurde „Brautschau“ immer mehr zu „Science Fantasy“. Der Zyklus enthält auch viele Dystopie-, Steampunk- und Märchen- und Sagenelemente, dazu kommen historischer Roman, Erziehungsroman und Coming-of-Age. Es ist also die wildeste Genremischung, die es momentan lesen kann. Vielleicht finden die Bücher deshalb so wenige Leser.

(2) Ich kann heute mit Stolz behaupten, dass ich als junger Mann wirklich nahezu alles gelesen habe, was als Roman und Erzählung zwischen 1800 und 1920 entstanden ist. Ich hatte ja – siehe oben – endlos viel Zeit. Und wer meint, meine Lektüre hätte allzu sehr meinen eigenen Schreibstil beeinflusst, ist ein Schelm, der Arges dabei denkt.

(3) Von diesen Fragmenten sind später die meisten auf irgendeine Weise in Brautschau aufgegangen. Ich gehöre zu den Autoren, die nichts wegwerfen.

 

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