Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-3)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Ich sah zweifelnd zum Küchenfenster hinaus. Kein Frühling in Sicht. Es schneite noch immer, aber nur leicht. Kleine muntere Flocken, die wie Waschmittelkrümel aussahen, fielen langsam und tanzten dabei im stürmischen Wind, der in der Nacht gedreht hatte. Ich konnte keinen von den Dreitausender-Gipfeln am nahen Horizont gegenüber sehen. Die wattegrauen, nebligen Wolken, die aus den Waldhängen im Tal emporstiegen, hüllten das ›Elsternnest‹ komplett ein. Auch der höchste Gipfel der Bergkette, das beinahe viertausend Meter hohe Lislihorn mit seinem großen Gletscher verbarg sich. Ich kannte den markanten Berg, der ein wenig ans Matterhorn erinnerte, nur aus sommerlichen Abbildungen. Blauer Himmel, Sonnenschein, im Vordergrund ein paar dicke Schafe auf einer blühenden Alm. Fehlte noch der ›Geissenpeter‹, der träumend in der Wiese lag und die Idylle war perfekt. Gerade nicht vorstellbar. Ich fühlte mich vielmehr wie auf einer Schatzinsel, die in einem wabernden Nebelmeer schwimmt und auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Ohne eine geheime Seekarte, die in den Nebel hinein und durch gefährliche Untiefen und Klippen führt, kann man unmöglich zu ihrer versteckten Hafenbucht gelangen. Sie ist die einzige Stelle, an der man auf dem von Steilküsten umgebenen Stück Felsen anlanden kann. Wer einmal dieses verlorene Eiland betreten hat, das halb in einer jenseitigen, sepiafarbenen Welt liegt, findet nie mehr nach Hause zurück und buddelt für immer nach den vergrabenen Goldschätzen. Der Gedanke gefiel mir ausgesprochen gut. Warum schreibt heutzutage niemand mehr Piratengeschichten?

Zu meinem Erstaunen entdeckte ich bei meinem melancholischen Blick hinaus, dass die Terrasse vor dem Haus bereits geräumt und gekehrt worden war; auch wenn bereits wieder eine dünne Schneedecke die Holzbohlen und die Möbel draußen bedeckte. Von diesem Freisitz führten Fußspuren zum etwa fünfzig Meter entfernten Wetterkreuz hinauf. Es wirkte wie ein verwittertes Mahnmal und hob sich bedrohlich und trotzig vom fast weißen Nebelhintergrund ab. Die schwarze Maserung des Kreuzes schwitzte Feuchtigkeit. Es markiert den höchsten Punkt meines kleinen Plateaus. Es ist das X auf der Landkarte meiner Ultima Thule-Insel. Dahinter führt der Weg wohl leicht abwärts direkt hinein in den Nebel, aber weitere Fußspuren blieben mir vom Küchenfenster aus verborgen. Wann hatte die bienenfleißige Anneli denn den Schnee geräumt, der gestern in der Nacht noch kniehoch auf dem Außenbereich gelegen hatte? Wann war sie denn schon mit der Kabinenbahn hochgekommen? Tatsächlich schon bei Morgengrauen? Ich hatte so fest geschlafen, dass ich die Seilbahn nicht gehört hatte. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass die dünne ältere Frau in der Lage war, solch eine Strafarbeit alleine zu machen. Hatte sie vielleicht Hilfe gehabt? Das würde auch die Fußspuren erklären, die von der Berghütte wegführten. Wohnte ich hier oben nicht allein?

Ich hatte viele Fragen, aber die erste, die mir einfiel, hatte nichts mit Annelis Arbeit zu tun:

»Ihr Mann und Reto hatten es gestern Nacht plötzlich sehr eilig. Sind sie gut wieder nach Stillblüten zurückgekommen?«, fragte ich. Anneli stutzte und sah mich neugierig aus ihren schwarzen Augen an, die wie Kohlestückchen in ihrem Antlitz glommen.

»Aber ja. Es war zwar schon nach Mitternacht, als sie ins Tal herunterkamen. Aber ihnen ist nichts passiert.«

»Was hätte denn passieren können?«, fragte ich neugierig nach. Es war der Frau deutlich anzumerken, dass sie eigentlich nicht mehr darüber reden wollte. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her.

»Draußen in der Nacht ist es hier oben weit über zweitausend Metern Höhe sehr gefährlich – besonders bei solch einem nasskalten Wetter. Es passiert leider immer wieder, dass sich Bergsteiger verschätzen, in der Finsternis vom Weg abkommen und es dann nicht mehr bis zu einer Unterkunft schaffen. Wir haben in jedem Sommer ein oder zwei solcher Fälle. Die Wanderer stürzen ab oder erfrieren. Die ›Lisli‹-Kette ist noch eine echte Wildnis. Man muss Respekt vor ihr haben und darf sie keinesfalls unterschätzen. Das ist kein Freizeitpark, wie manche meinen.« Sie senkte ihre Stimme und beugte sich über den Küchentisch. »Nach dem zwölften Schlag der Glocke bis zum Herangrauen des Morgens sind die Grate und Gipfel Orte, die die Menschen meiden sollten. Die Nacht gehört den Anderen«, wisperte sie fast unhörbar. Hatte ich richtig gehört und verstanden? Die ›Anderen‹? Lief die Angst vor der Mitternacht auf eine Gespensterfurcht hinaus? Annelie war noch etwas eingefallen. In normaler Lautstärke fuhr sie fort:

»Das steht in der Betriebsanleitung der Seilbahn und Reto hält sich penibel genau an die Vorschriften. Von Mitternacht bis Sonnenaufgang sind Betriebsfahrten verboten.« Die unheimliche Stimmung, die sie mit ihren leisen Worten erzeugt hatte, verschwand so schnell, wie sie gerade aufgetaucht war. »Fragen Sie mich nicht nach den Gründen, Frau Rainer. Das hat auch etwas mit dem Tierschutz an der ›Lisli‹ zu tun. Seit ihre Gipfel vor zwanzig Jahren zum Naturpark erklärt wurden, gibt es hier wieder einige Steinbockherden. Man hat erfolgreich Bartgeier ausgewildert. In den Wäldern unten im ›Sennis‹ sind auch schon Bären gesichtet worden – wahrscheinlich waren das aber nur Männchen, die aus Italien eingewandert sind.«

Ich nickte und schmierte mir mein zweites Honigbrot. Es stimmt schon: Höhenluft macht hungrig. Mein Interesse an der Seilbahn erlosch. Die Flora und Fauna dieses Hochgebirges war mir gleichgültig. Doch etwas blieb zwischen uns unausgesprochen. Ich wollte nachfragen, aber Anneli wechselte das Thema.

»Und? Wie haben Sie in Ihrer ersten Nacht geschlafen? Haben Sie gut geträumt? Es heißt ja, der erste Traum in einer neuen Umgebung würde wahr werden.«

Das wollte ich nicht hoffen. Dachte an meinen luziden Traum von Gerd, die endlosen Kellergänge, die ich in ihm durchwandert und die Gestalt mit den Wölfen, die mich verfolgt hatte. Obwohl diese Erinnerung schnell verloren ging, erschauderte ich nachträglich. »Ich bin leider noch lange wach gelegen. Mich hat das Bellen und Geheule eines großen Hundes gestört. Er hat die ganze Nacht gejault. Ich bin wegen des Lärms erst im Morgengrauen wieder eingenickt. Deshalb habe ich bis weit in den Tag hinein geschlafen. Ich lag vorhin wie im Koma.«

»Ein Hund? Sind sie sicher?« Anneli war sichtlich überrascht. »Das kann eigentlich nicht sein, dass man hier oben die Hofhunde hört. Aber der pfeifende Schneewind von Westen trägt manchmal seltsame Geräusche mit sich. Da kann man durchaus allerlei Wehklagen und Jammern heraushören. Das ist das ›Aroleid‹.«

»Was ist denn das?«

»Ach … Das ist nur eine alte Sage, wie sie die ›Nanis‹ hier im Wallis erzählen. Sie handelt von einer Mutter, die in den ›Flüo‹ bei Zermatt, den ›Bodmen‹, wie man sie dort nennt, lebte. Eines Sonntags ließ sie ihre Kinder allein zu Hause, weil sie mit ihrem Mann zur Messe ging. Die Kinder spielten vor ihrem Heim, als plötzlich ein Adler aus dem Himmelsblau herabstieß und die Kinder ergriff. Er brachte sie hinauf in seinen Horst auf der ›Aroflüh‹. Der Felsen heißt noch heute so, auch wenn es dort keine Adler mehr gibt. Die Kinder jedenfalls wurden nie mehr gesehen. Die Mutter aber weinte und jammerte über deren grausames Schicksal und starb bald in ihrem Kummer. Doch noch immer hört man in den Nächten ihr Leidklagen über den Verlust ihrer kleinen Kinder, das der Wind über die Berge trägt.« Sie lachte in sich hinein und zitierte dann den Anfang eines Gedichts:

»Im Wallis liegt ein stiller Ort,
Geheißen Aroleid;
Es seufzt ein Gram im Namen fort
Seit lang entschwundner Zeit.

Das ist von Gottfried Keller. Ich habe die Verse als Kind auswendig lernen müssen. Alle acht Strophen. Es gibt im Wallis viele solcher schauriger Sagen. Meine Mutter hat mir noch viele von ihnen erzählt. Leider habe ich die meisten vergessen.«

Anneli zuckte die Schultern und deutete zum Bücherschrank des Chalets, in dem in der Hauptsache Wander- und Naturführer standen und ein paar zerlesene Paperbacks, die die Bewohner vor mir zurückgelassen hatten.

»Aber falls sie das interessiert, finden Sie dort einen Band mit Sagen und Märchen aus unserer Gegend.« Sie sah auf die Küchenuhr. »Und da schwatze ich und habe noch so viel zu tun! Da will ich Sie mal in Ruhe frühstücken lassen, Frau Rainer. Reto holt in einer halben Stunde die Kabine runter und ich habe noch einiges aus- und einzuladen.«

Ich kippte den Rest des kalt gewordenen Kaffees. »Ich helfe Ihnen.«

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