Mein Frühjahr in Stillblüten – Roman (5-1)

Fortsetzungsroman, Horror, Künstlerroman, Literatur, Literatur, meine weiteren Werke, Neuerscheinung, Phantastik, Roman, Sprache, Stillblüten

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Der Schlaf hat mir gestern Nacht den Stift aus der Hand genommen. Ich habe die letzte Mail erst gegen Mittag fertiggestellt und abgeschickt. Inzwischen ist es wieder Abend geworden. Es so viel passiert, von dem ich dir berichten möchte. Ich befürchte, diese Mail wird erneut den Rahmen sprengen, denn ich habe unendlich viel zu erzählen. Hätte nicht gedacht, dass ich in dieser düsteren Zeit noch einmal zu einer fleißigen Briefschreiberin würde. Zumal ich die literarische Gattung des Briefromans so wie das Versepos für mich persönlich in die Gruft der ausgestorbenen Literaturformen getragen habe und ihnen bislang keine Träne nachweinte. Ich habe niemals gerne Briefe geschrieben und sie auch nicht gerne gelesen. Das war eine Qual von Kindheit an. Die Weihnachtskarte für die Oma, die Korrespondenz mit meiner schottischen Brieffreundin, die Post an meine Mutter, wenn sie wieder einmal aufgrund ihrer Fettleibigkeit auf Kur war. Der ›Werther‹, was für ein langweiliger Quark! Hasste das. So etwas wollte ich niemals selbst fabrizieren.

Und jetzt? Sieht es so aus, als würde ich dir einen Briefroman schreiben. Ausgerechnet. Diese sind übrigens immer an jemanden gerichtet, aber sie wirken wie Monologe. Denn es finden sich nur selten die Antworten der Empfänger darin. Es ist, als wären diese Briefbotschaften nicht an eine bestimmte Person, sondern an die Welt gerichtet: ›An meine imaginierte Leserin‹, die ich eigentlich bei jedem Satz, den ich aufs Papier bringe, im Hinterkopf behalte. Mir geht es bisher mit meinen Nachrichten an dich genauso. Vier endlose E-Mails habe ich bislang abgeschickt, aber bisher noch keine einzige von dir zurückbekommen. In meinem Postfach landen nur Spam und der übliche Werbekram. Hattest du noch keine Zeit für eine Antwort? Oder bist du mir noch böse wegen meines überstürzten Aufbruchs? Eine Empfangsbestätigung hätte mir schon genügt. Ich weiß ja, wie langweilig es ist, mit seiner Mutter zu korrespondieren. Doch dieses Schweigen – das habe ich nicht verdient. Geht es dir denn gut? Wie kommst du zurecht ohne mich? Vermisst du mich auch so sehr?

Weißt du, ohne eine Antwort von dir fühle ich mich tatsächlich so, als würde ich an einem fantasievollen Briefroman arbeiten und nicht einen genauen Bericht für dich über meine Erlebnisse während meiner kleinen Auszeit anfertigen. Tja. Wahrscheinlich sind es genau diese Einträge in mein blaues Notizbuch, die der Weg aus meiner Schreibkrise heraus sind. Ich habe zwar meinen Roman noch nicht fortgesetzt, aber ich schreibe! Zum ersten Mal seit Monaten. Das verstopfte Ventil ist wieder frei. Ich glaube, ich räume mein schwarzes Notizbuch in eine Schublade. Ich lasse meinen angefangenen Levin Lionheart dort einfach ruhen und schreibe mein Frühjahr in Stillblüten. Das wäre der Titel der Geschichte. Frühjahr, ja. Auch wenn ich bei einem Blick aus dem Fenster nur Schneeflächen, graue Wolkenfetzen und ein schwarzes Wetterkreuz sehe. Genau weiß ich noch nicht, wohin das Ganze mich führt. Erzählung, Roman, Memoiren, irgendwas. Ich schreibe einfach mal drauflos. Ich muss nur aufpassen, dass mir nicht meine Fantasie mit mir durchgeht und ich etwas dazuerfinde. Doch das werde ich wohl nicht nötig haben. Den Titel habe ich mir heute Nacht ausgedacht, als mich gegen halb vier Uhr ein lang gezogenes Jaulen weckte und ich danach lange nicht wieder einschlafen konnte. Doch, ich bin mir sicher, dass es Hundegebell war. Von einem großen Tier; einem Hofhund wahrscheinlich. Es klang ganz nah. Merkwürdig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in meiner näheren Umgebung eine Alm gibt, in der einer zuhause sein könnte. Wahrscheinlich war es nur ein Echo aus dem Tal.

Also, gut. Zurück in die Chronologie. Kehren wir dorthin zurück, wo ich gestern aufgehört habe. Die Kabine der Seilbahn, die uns hinauf zum Elsternnest brachte, ist eine eisigkalte Kühltruhe und hat keinerlei Sitzplätze. Sie ist eng und für höchstens vier Personen ausgelegt. Da Reto bei diesem Schneegestöber nur eine einzige Fahrt wagte, war außer uns beiden und Andrin auch noch mein ganzes Gepäck an Bord. Wir standen wie die Ölsardinen aneinandergepresst in der Kabine und redeten während der Fahrt kein Wort miteinander. So viel zu den Abstandsregeln. Es ging über zwei Stützpfeiler sehr steil jene Bergflanke empor, die direkt hinter Stillblüten beginnt. Durch die beschlagenen und zerkratzten Fensterscheiben gab es in dieser finsteren Nacht nicht viel zu sehen. Schnell blieben die wenigen Lichter des Dorfs unter uns zurück und wurden von der von großen Schneeflocken durchwirbelten Schwärze draußen verschluckt. Wenn es nicht aufwärtsgegangen wäre, hätte dies auch meine Fahrt direkt in den 9. Kreis der Hölle sein können. Allein an den beiden beleuchteten Masten wich die Dunkelheit kurzzeitig einem grellen Schlaglicht, das den feuchten, kahlen Felsen schräg vor uns glitzern ließ.

Aber ich sah kaum hinaus. Das war mir zu gruslig. Es reichte schon, dass die Kabine mit den Windstößen hin und her schwankte und an den Masten durchsackte. Ich musste immer wieder Halt an meinem jungen Vergil finden, der mich in die Hölle begleitete. Er starrte zwar konzentriert nach draußen und schwieg. Aber die Berührung unserer Körper schien ihm nicht unangenehm zu sein. Bei besonders heftigen Schwankungen drückte sich dann auch noch Andrin gegen meinen Rücken. Ich wurde dabei so eng an Reto gepresst, als wären wir ein Liebespaar. Auch er wirkte unter seinem weiten Blaumann dünn, aber sehr muskulös. Er stand trotz der Stöße und Schwankungen breitbeinig und sicher vor seinem Steuerungskasten. Wirkte dabei so unerschütterlich wie der Kapitän eines Viermasters bei Juel Verne. Was soll ich noch sagen? Es fühlte sich einfach gut an. Ich war geborgen, hatte meine Panik im Griff und die zehn Minuten Fahrt hinauf zum Elsternnest ging überraschend schnell vorbei. Fast bedauerte ich es, als wir ankamen.

Die kleine Bergstation ist direkt in das Chalet integriert und man gelangt von ihr durch einen kurzen Gang in den Keller des Gebäudes hinein. Meine beiden Begleiter gingen mit dem Gepäck voran und brachten es zur metallenen Eingangstür. Andrin schloss sie auf und spielte den Cicerone, während sich Reto die ganze Zeit schüchtern im Hintergrund hielt und immer wieder nervös auf seine Armbanduhr sah. Wahrscheinlich wäre er am Liebsten gleich wieder aufgebrochen. Doch der Alte ließ es sich nicht nehmen, mir alles genau zu erklären.

»Also: Hier unten sind der Heizungsraum eine Waschküche und ein Lager. Durch den hinteren Eingang geht es in den Fitnessraum. Dort befindet sich auch eine finnische Sauna, die Sie eine halbe Stunde vor der Benutzung einschalten müssten, oder? Und hier geht es hinauf in das Chalet selbst«, plapperte er munter vor sich hin, als hätte ihn die Höhenluft auf fast zweitausend Metern aus seiner Schweigsamkeit geweckt. Ich bekenne mich schuldig. Ich habe ihm kaum zugehört. Meine Müdigkeit und die Schwere in meinen Beinen nahm mit jedem Schritt zu und ich bewegte mich nur noch schlafwandlerisch. Durch eine steile Jakobsleiter stiegen wir zur Wohnung hinauf. Reto und Andrin mussten ziemlich schnaufen, als sie mein Gepäck endlich oben hatten.

Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie das Elsternnest von außen aussieht, aber die Inneneinrichtung wirkte, als würde ich die geheime Villa eines James-Bond-Bösewichts betreten. Zwar sind die Wände aus nachgedunkelten Holzbalken und graubraunen Granitblöcken gefertigt und riechen betäubend nach Zedern und Harz, aber das Interieur wirkt wie aus einem Möbelkatalog der späten Sechzigerjahre. Sogar eine gutgefüllte Bar gibt es hier. Hat Welkenbaum diese Wohnsünde verbrochen oder hat sein Verlag das Chalet mitsamt den Möbeln gekauft? Du wirst es nicht glauben, aber es liegen sogar weiße Schafsfelle vor dem offenen, ausladenden Kamin, in dem gestern Abend ein fröhliches Holzfeuer brannte. Es wärmte angenehm den Wohnbereich, der fast das gesamte Erdgeschoss umfasste. Wahrscheinlich war Andrin am späten Nachmittag schon einmal hier gewesen und hatte vorsorglich eingeheizt. Zum ersten Mal an diesem Tag wurde mir warm und ich warf eilig meinen Mantel über das orangefarbene Sofa, auf dem zwei Fellkissen liegen. Über eine Stufe gelangt man von dem Wohnzimmer zu einer Küche mit einer gemütlichen alpenländischen Essecke. An ihr sitze ich übrigens gerade und setze diese E-Mail auf. Hier ist es viel bequemer als unten vor dem Kamin, wo es außer der Couch und zwei Lounge-Sesseln nur noch einen niedrigen Nierentisch in grüner Schockfarbe gibt. Ein Stilbruch ist der große LED-Fernseher, der wie ein Gemälde an der Wand hängt. Ich werde mich nicht allzu oft dort aufhalten, glaube ich. Da ist mir dieser kleine Küchenbereich mit Aussicht auf den Bereich vor dem Chalet schon sympathischer.

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