Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (4-2)

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Endlich war dann auch diese schier endlose Viertelstunde vorbei. Sie erscheint mir im Nachhinein wie der Griesbreirand ums Schlaraffenland, durch den man sich zuerst hindurchfressen muss, um ins Paradies zu gelangen. Hasse übrigens Griesbrei – und Schnelltests. Nachdem die Ärztin mithilfe einer kleinen Taschenlampe eingehend meinen Teststreifen begutachtet hatte, durfte ich endlich aussteigen. Ich nahm meine restlichen Sachen aus dem Auto mit, denn ich hatte nicht vor, es noch einmal zu öffnen. Merkwürdig! Für ein paar Stunden war es meine Heimat gewesen, aber mit jedem Schritt, mit dem ich mich durch den Schnee von ihm entfernte, wurde es mir fremder – ja, es erschien mir fast absurd, dass ich eben noch in dem wuchtigen schwarzen Wagen gesessen war. Es fühlte sich einfach endgültig an, als ich es, ohne es abzusperren, hinter mir schloss. In den nächsten Tagen würde den SUV jemand hinunter ins Tal fahren. Es blieb allerdings auch das Gefühl, als hätte ich mir damit meinen letzten Fluchtweg verbaut. Nun bin ich bis voraussichtlich Mitte oder Ende Juni Teil dieser seltsamen Dorfgemeinschaft. Auf Gedeih und Verderb!

Kurze Zeit später saß ich schon an einem Tischchen in einer großen, modern eingerichteten Stube in dem Gemeindezentrum, das auch als Tourismuszentrum dient – nicht, dass sich außer versprengten Bergwanderern jemals jemand nach Stillblüten verirrte! Auch Dr. Wanner, die übrigens auch der Gemeindeversammlung dieses winzigen Dorfes als ›Präsidentin‹ vorsteht und damit eine Art von Bürgermeisterin ist, hat hier ihre Praxis. Wie sie es schafft, in Stillblüten über die Runden zu kommen, weiß ich nicht. Was ich jedenfalls im ersten Eindruck für ärmlich gehalten hatte, war typisch Schweizer Understatement und Bewahrung der historischen Bausubstanz. Auch in Stillblüten war längst die Moderne eingekehrt und hatte die archaischen Dorfstrukturen durcheinandergewirbelt. Dachte ich zumindest. Den Großvater von Heidi und Uli, den Knecht, würde ich ebenso wenig hier vorfinden wie die ›Vuivra‹ oder den ›Zug der armen Seelen‹. Aber ein wenig lugten sie noch hinter den freundlich glänzenden Augen der Brändlis hervor.

In meinen eiskalten Händen hielt ich eine Tasse mit fetter, heißer Schokolade, auf der sich bereits eine dicke Milchhaut gebildet hatte. Sie zerknitterte, wenn ich auf sie blies. Ich weiß, du findest das eklig. Mir erschien es verheißungsvoll. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert. Nun lernte ich auch Andrin Brändli und seine Frau Anneli kennen und schwatze ein wenig mit ihnen. Ihre freundliche Einladung zu einer kleinen Vesper lehnte ich in Anbetracht der Uhrzeit ab. Die beiden trugen wie die Ärztin keine Masken mehr. Es war heimelig, wieder einmal in die bloßen Gesichter von anderen Menschen zu blicken. Ich fühlte mich willkommen. Die Brändlis sehen sich wie viele Ehepaare, die schon Jahrzehnte miteinander verheiratet sind, sehr ähnlich. Bei ihnen sind es schon vierzig Jahre, wie ich erfuhr. Also mögen sie Mitte sechzig sein. Wirkten aber alterslos. Hätten sie mir gesagt, sie wären 40 oder 80, hätte ich es ihnen auch abgekauft. Ihre furchigen Gesichter sind trotz des ungewöhnlich langen Winters dunkel, wie gegerbtes Leder. Sie haben die gleichen buschigen Augenbrauen und eine Hakennase, dazu dunkelbraune Augen und schütteres, aber noch dunkles Haar, das Annelie halb unter einem Kopftuch verbirgt. Sie sind sehr schlank, wirken fast ausgezehrt. Die Frau ist einen Kopf kleiner als ihr Mann, den nur ein Napoleon wie Welkenbauch als ›mittelgroß‹ beschreiben würde. Es ist, als würden sich die beiden untereinander in einer, nur den Eheleuten verständlichen Sprache austauschen. Mag sein, dass sie das wirklich tun. Auch wenn sie mit mir reden und sich um Hochdeutsch bemühen, was ihnen auf eine wirklich charmante Weise misslingt, fällt es schwer, ihren Worten zu folgen.

Welch einen Gegensatz dazu bot die Ärztin, die sich zu uns setzte, nachdem sie ihre Schutzkleidung abgelegt hatte. Sie entpuppte sich als eine sehr attraktive und gepflegte Vierzigjährige mit tiefbraunem Lockenkopf und feurigen, schwarzen Augen. Die Assoziation mit ›Heidi‹ war naheliegend. Genau so stelle ich mir Johanna Spyris Romanfigur als Erwachsene vor. Mit der improvisierten Schutzkleidung hatte sie auch ihren bemutternden Arztton abgelegt und plauderte vergnügt und humorvoll über das scheußliche Wetter. In den Erinnerungen der älteren Stillblütener sei dies der längste und hartnäckigste Winter seit Anfang der Achtzigerjahre. Man habe auch schon lange nicht mehr gesehen, dass der Schnee bis nach Ostern nicht zu schmelzen beginnt. Vera war übrigens der Auffassung, die Wetterlage würde sich bis Mai kaum ändern, wahrscheinlich bis zur ›kalten Sophie‹ andauern.

»Oben beim Chalet liegt der Schnee noch meterhoch!«, sagte sie. Langsam forderte die anstrengende Autofahrt ihren Zoll und ich gähnte ausdauernd. Dann erst wurde mir die Bedeutung ihrer Worte klar.

»Wohne ich denn nicht hier im Ort?«

»Aber nein! Wissen Sie denn das nicht? Das › ›Aegäschtä‹-Nest liegt gut fünfhundert Höhenmeter über uns auf einem flachen Vorgipfel des Lislihorns.«

»Das höre ich wirklich zum ersten Mal. Davon hat mir Herr Welkenbaum nichts erzählt. Aber wie komme ich jetzt da hinauf? Muss ich etwa noch einmal mit dem Auto …?«

»Aber, nein! Wo denken Sie hin, Frau Rainer? Da geht doch keine Straße hin«, lachte Vera. »Sie bringt die Seilbahn hoch.«

»Der Reto macht sie gerade startklar«, mischte sich Andrin ein. »Es ist bei diesem Wetter nicht ganz einfach, eine Nachtfahrt zu machen, aber der Reto beherrscht sein ›Glump‹. Glauben Sie mir.«

Wie aufs Stichwort ertönte ein tiefes Brummen. Es hörte sich wie ein zorniger Bär an, den man zu früh aus dem Winterschlaf geweckt hat. Die Milchhaut auf meinem Kakao vibrierte.

»Die Bahn befindet sich gleich an der Rückfront des Gebäudes«, erklärte Vera. »Wenn es ihnen recht ist, wird sie Reto jetzt dann nach oben bringen, bevor es noch später wird. Der Andrin kommt noch mit. Er hat die Schlüssel vom Chalet und zeigt Ihnen schnell noch alles. Ich werde Sie dann morgen am späten Nachmittag wegen des Impfscheins besuchen, wenn es Ihnen recht ist.«

»Ihr Gepäck ist schon in der Kabine«, ergänzte Andrin und stand auf. Hinten öffnete sich eine Tür. Der Lärm des Dieselgenerators schwoll an. Ein junger Mann trat ein. Er trug einen ölfleckigen Blaumann.

»Ich wäre dann so weit …«, murmelte er und blickte über unsere Köpfe hinweg. Offenbar traute er sich nicht, mir in die Augen zu sehen. Du weißt, wie unangenehm es mir ist, mit einer Bergbahn zu fahren. Besonders Sessellifte bereiten mir großes Unbehagen und – ja!, auch Angst. Doch ich war viel zu müde und erschöpft, um noch eine Panik zu entwickeln. Außerdem machte der junge Mann, den mir Andrin im Vorbeigehen als ›Reto Wyss‹ vorstellte, trotz oder gerade wegen seiner Schüchternheit einen hervorragenden Eindruck auf mich. Hervorragender Eindruck! Wie das klingt. So alt bin ich nun auch wieder nicht, dass ich solche Wörter benutzen darf. Versuche es anders. Zwischen Reto und mir, da war sofort ein Bund. Es war fast greifbar real. Er trat vor mich, lächelte nun spitzbübisch und reichte mir über den Tisch hinweg seinen schmutzigen Ellenbogen zum Coronagruß. Obwohl ich diese Geste noch merkwürdige finde als die alte Unart, sich küssend zu umarmen, stand ich auch auf und ging ungeschickt darauf ein. Ein heftiger Schmerz stach in mein Knie. Hoffe, er deutete mein verzerrtes Gesicht nicht falsch. Mein Gott, ich glaube, dass ich trotzdem gekichert habe.

»Grüezi«, sagte ich und versuchte, wie Marlene Dietrich zu klingen. »Ich bin die Bernadette.« Wie jedes Mal, wenn ich meinen Vornamen nenne, errötete ich gleich darauf. Kam mir wie eine Hochstaplerin vor. ›Bernadette Rainer‹. Ich werde mich niemals vollkommen an diesen Künstlernamen gewöhnen, den Jochen Engold erfunden hat, als er meinen 1. Roman lektorierte.

»Die Geschichte ist so zart und poetisch«, hatte er erklärt. »Sie brauchen unbedingt einen Namen, den man auch in Frankreich und England aussprechen kann!«

Da geschah es. Reto nickte und er lachte so dabei so breit, dass seine makellos weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht funkelten.

»Grüezi, Bernadette. Ich habe Ihre Bücher gelesen«, stellte er fest und machte dabei eine einladende Geste zur Tür hin. In meiner Seele ging eine warme, helle Sonne auf.

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