Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (3)

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Mail3

Es ist gerade zwölf Uhr vorbei. Ich sitze in meinem Leihwagen auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte. Das Lokal selbst hat selbstverständlich geschlossen. Es steht nur ein Kaffeeautomat vor der versperrten Tür. Aber zum Glück sind die Toiletten auf. Das kostenlose W-Lan-Signal ist hier so gut, dass ich dir eine kurze Zwischen-E-Mail direkt in den Laptop schreiben kann. Meine Notizbücher befinden sich hinten im Kofferraum des Diesels.

Ich bin seit heute Morgen, von einem kurzen Tankstopp bei Luzern abgesehen, drei Stunden durchgefahren. Brauchte einfach eine kleine Pause, bevor ein paar Kilometer weiter vorne die Schweizer A8 am Thuner See endet und ich südöstlich in Richtung Walliser Alpen weiterfahre. Laut Bordnavi werde ich nicht vor 19:00 Uhr in Stillblüten ankommen. Zum Glück ist es dann ja noch hell. Ich werde später bei diesem Urs oder Anders, oder wie auch immer er heißt, anrufen und ihm meine Ankunftszeit durchgeben. Die Fahrt war bisher sehr entspannend, weil die Schweizer Autofahrer auf dieser Mautstrecke diszipliniert und entspannt fahren und sich tatsächlich an das Tempolimit halten. Dadurch läuft der Verkehr reibungslos und flüssig und staut sich nicht einmal an den vielen Baustellen. Wenn ich diese A8 mit ihrem deutschen Pendant zwischen München und Augsburg vergleiche, stellen sich mir die Nackenhaare hoch.

Ich merke es selbst! Ich leide gerade wieder unter meiner Autorenkrankheit ›Geschwätzigkeit‹. Ich dachte, die letzten Monate hätten mich davon geheilt. Das Gegenteil ist der Fall. Kaum berührten meine Finger die Tasten des Laptops, tippten sie sich auch schon in einen Schreibrausch, den ich nur fassungslos beobachten kann. Ich sehe meinen flinken Fingern, die über die Tastatur huschen, zu und kann es nicht begreifen, was in diesem Moment mit mir vor sich geht. Ich schreibe gerade schneller, als ich denken kann, ohne Rücksicht auf Tippfehler und Satzzeichen. Meine Finger eilen mir sozusagen als Vorhut voraus. Ist es das, was die Surrealisten um André Breton und Philippe Soupaul das ›automatische Schreiben‹ nannten? Das ist mir unheimlich, denn von früher kenne ich solche Schreiborgien von mir nicht. Da war ich froh, wenn ich an einem Schreibvormittag 200 oder 500, oder meinetwegen auch mal 1000 einigermaßen treffende Wörter aufs Papier brachte. Doch heute bin ich wie im Fieber. Gibt es da nicht eine Krankheit? Ich bin zu faul, es zu googlen.

Ich werde bei der nächsten E-Mail lieber wieder vorher in meinem blauen Notizbuch aufsetzen und dann abtippen, was ich dir senden will. Da habe ich das richtige Schreibtempo. Schreibe dir ja eigentlich nur von diesem Rastplatz, um dich zu beruhigen. Ich möchte nicht, dass du meine letzte Mail von gestern Nacht in den falschen Hals bekommst. Du darfst dich wegen mir nicht sorgen. Meine Panikattacke von gestern ist vergessen und vorbei. Mir geht es wieder hervorragend. Wirklich. Ich erwachte heute Morgen schon gegen 6:00 Uhr, weil ich vor Aufregung nicht mehr schlafen konnte. Aber ich war da schon voller Tatendrang und gut gelaunt. Hatte zwar leider am Abend doch nicht mehr an meinem Roman schreiben können; doch das englische Frühstück, das ich auf meinem Zimmer einnahm, und eine Dusche vertrieben den Rest Wehmut über mein erneutes Versagen. Da mein Leihwagen noch nicht bereitstand, zog ich nach dem Frühstück meine Joggingklamotten an und lief trotz des unangenehmen Nieselregens eine Runde an der Limmat entlang. Du weißt ja, es gibt kaum etwas, das meine Lebensgeister schneller in Schwung bringt, als ein halbstündiger morgendlicher Lauf. Habe keine Ahnung, wie ich mein halbes Leben darauf verzichten konnte.

Wenn man aus dem Vordereingang des Steinbock in die Fußgängerzone des Rennwegs tritt und nach links läuft, kann man nach etwa 100 Metern in einen von Häusern umschlossenen kleinen Park abbiegen, der Lindenhof heißt. Die Bäume zeigen hier nur einen Hauch von dem üppigen Grün, das sie in zwei, drei Wochen zieren wird. Dort war ich zu dieser frühen Uhrzeit praktisch allein. Ich hatte das Gefühl, eine andere Zeit zu betreten. Ein Zürich vor vielleicht 30 Jahren. Wie es war, als ich als junge Frau zum ersten Mal in die Stadt kam. Nutzte die Gelegenheit, machte ein paar Dehn- und Aufwärmübungen. Auf der Rückseite des Parks gelangt man dann durch eine Tordurchfahrt direkt auf die Uferpromenade. Die Limmat ist an dieser Stelle ordentlich breit und ein behäbig dahinfließender Fluss. Sie führte viel Wasser und hatte heute Morgen eine merkwürdig schlammig-graue Färbung. Wie eine Pfütze, die man mit dem Fuß aufwirbelt. Die Farbe des Flusswassers passte hervorragend zu diesem düsteren Morgen, an dem es nicht hell werden wollte. Zürich schien mir nur aus zerfließenden Grautönen zu bestehen.

Wie hieß noch einmal dieses merkwürdige Buch, von dem du unbedingt wolltest, dass ich es lese? Das ich nach 25 Seiten zornig zur Seite schleuderte? Obwohl ich dir gegenüber behauptet habe, ich würde es lesen? Fifty Shades of grey, genau. Bei machen Büchern ist der Titel das Einzige, was an ihnen gut ist. ›50 Grautöne‹. Das passt wunderbar zu meinem Lauf. Doch es waren nicht fünfzig, sondern hundert, nein, tausend graue Schattierungen um mich herum. Tauchte in sie hinein. Verschwamm mit ihnen. Wurde von ihnen verschluckt. Mein Geist wurde ganz leer, während ich schneller lief als sonst. Ich genoss die trügerische Wärme, die sich, vom Sonnengeflecht ausgehend, in meinem Körper ausdehnte. Die gleichmäßigen Bewegungen, der Rhythmus der Platschgeräusche, die meine Joggingschuhe auf den Zement erzeugten, mein dampfender Körper. Auch auf der Promenade war ich beinahe allein. Ab und an wich ich Spaziergängern aus, die ihren Hund oder einen Kinderwagen bewegten. Der eine oder andere Radfahrer überholte mich. Schneller, als ich vermutete, gab meine Smartwatch Signal. Ich war so in mir und in dem Grau verschlossen, dass ich die Zeit aus den Augen verloren hatte. Die Hälfte meiner Trainingsrunde war geschafft. Hätte noch Stunden so weiterlaufen können. Mir ging es glänzend. Ich spürte nicht wie üblich mein Seitenstechen und auch keinen Schmerz in der Brustgegend. Die Bänder und Gelenke protestierten nicht. Fühlte mich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Trotzdem blieb ich vernünftig; ich schnaufte auf meine Oberschenkel gebeugt keuchend aus, band mir meine Schuhe neu. Dann ging es auf dem gleichen Weg zurück. Ich konnte nun die anerkennenden Blicke der Leute sehen, die ich gerade überholt hatte. Es regnete nun stärker und es war wirklich an der Zeit, zurück in die Wärme zu kommen und erneut zu duschen. Bevor ich mir hier unten am Fluss den Tod holte.

Der Rückweg war deutlich anstrengender als der Hinweg. Er kam mir endlos vor, bis ich endlich wieder die Torausfahrt fand, durch die ich durch den Park zurück zur Fußgängerzone kam. Nun hatte ich es nicht mehr weit bis zum Hotel. Ich verlangsamte mein Tempo. Gleichzeitig begannen die Beschwerden. Mir war ein wenig übel und ein dünner, nadelfeiner Schmerz stach mir ins linke Knie. Spüre ihn noch immer. Er taucht jedes Mal auf, wenn ich das Kupplungspedal benutze. Ich humpelte durch den heftigen Regenguss zurück in den Steinbock. Dort teilte mir der überraschte, sogar ein wenig entsetzt wirkende Concierge an der Rezeption mit, dass mein Leihwagen hinten im Hof für mich bereitgestellt sei. Falls ich seinen von der Maske halb verborgenen Gesichtsausdruck richtig gedeutet habe. Auch diesmal zwang mich mein Sportlerstolz dazu, die Treppe und nicht den Aufzug zu nehmen. Gebe es aber zu: Ich schaffte es nur mit größter Willensanstrengung bis in mein Zimmer hinauf. Fast wäre ich auf einem der Sessel im Aufenthaltsbereich auf der 1. Etage sitzen geblieben. Nach dem Duschen ging es mir viel besser. Wie gesagt, der Knieschmerz war noch da. Aber sonst fühlte ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen. Packte schnell meine Sachen zusammen, checkte aus und ließ mich vom Navi meines Leihwagens sicher durch den starken Autoverkehr der Stadt leiten. Bald schon lag Zürich nördlich hinter mir.

Und nun sitze ich hier auf dem Parkplatz eines geschlossenen Rastplatzes und berichte dir von meinem Vormittag. Du siehst, es flutscht wieder und bei mir ist alles in Ordnung. Hoffe, ich kann dir schon morgen aus Stillblüten schreiben. Im Moment fühle ich mich, als würde meine Reise gerade jetzt erst beginnen. Mit jedem Kilometer, den ich mich von zu Hause entferne, nimmt die Vorfreude zu. Es fühlt sich gut an.

Bis morgen.

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