Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (2)

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Ab Stuttgart verlief der Rest meiner Zugfahrt reibungslos – und langweilig. Zuerst tippte ich meinen Text ab und sendete ihn ich dir als mein erstes E-Mail-Lebenszeichen. Ich schlief ein bisschen, versuchte vergeblich, ein wenig zu lesen. Ich habe ja den gesammelten Thomas Mann auf dem Reader und versuchte mich am ›Tod in Venedig‹. Vergebliche Mühe. Ich kam nicht über die ersten Seiten hinaus. Ehrlich gesagt: Seine Literatur ist mir einfach zu langweilig und verlogen. Wenn ich daran denke, dass ich in der Schweiz endlich einmal den ›Zauberberg‹ lesen will. Meine Güte!

Immerhin funktionierte in diesem ICE die Heizung. Mir wurde endlich wieder warm. Die meiste Zeit starrte ich einfach zum Fenster hinaus. Ließ die abwechslungsreiche Landschaft an mir vorüberziehen. Sah sie aber nicht bewusst. Ich fiel mal wieder in meine trüben Grübeleien hinein wie in eine offene Grube. Dort unten warteten im Schlamm bereits die Trauer, die Furcht und mein doofes Selbstmitleid auf mich. Was soll ich da erzählen, was du nicht schon weißt? Seit nun bald einem halben Jahr suhle ich mich bereits in meinen Quartalsdepressionen. Ich könnte dir sogar die Tage nennen, die vergangen sind, seit sie begonnen haben. Nein, ich möchte die Zahl einfach nicht hinschreiben! Zu Anfang waren es ganze Wochen, die von diesen trüben Gemütszuständen durchtränkt waren. Nun sind es nur noch ein paar Stunden an jedem einzelnen Tag, mit dem ich morgens erwache. Ich hoffe sehr, die Idee von Welkenbaum, mich ›landzuverschicken‹, ist so gut, wie ihr beide denkt. Denn ich fühle mich jetzt schon einsam und verloren ohne dich. Wie werde ich mich da erst fühlen, wenn ich allein in dem Chalet in Stillblüten bin? Ich fürchte, ich werde dort nur um mich selbst und um meinen Kummer kreisen.

Der Zug nach Zürich lief übrigens fast pünktlich in Stuttgart in den Bahnhof. Er wurde nur ein wenig an der Grenze aufgehalten, wo die Gendarmen unsere Einreisepapiere bestätigten und die Pässe kontrollierten. Von Baden-Württemberg aus benötigt man zum Glück noch keinen frischen PCR-Test für die Schweiz oder muss 14 Tage in Quarantäne. Hinter dem Schlagbaum war übrigens alles anders. Offener, freier. Zumindest fühlte es sich genau so an. Ich atmete sogar leichter durch meine Maske, nachdem ich die triste, so eingeengte Heimat hinter mir gelassen hatte. Und meine Laune lichtete sich wie der Himmel über dem Bodensee, der einmal kurz in der Ferne zu sehen war. Sogar das Wetter hatte offenbar Einsehen. Es regnete nicht mehr. Mittags tauchten sogar zwischen den löchriger werdenden, dunkelgrauen Wolken schneebedeckte Alpengipfel am Horizont auf. Ich kann dir nicht sagen, wie sie heißen, denn für mich sieht ja ein Berg wie der andere aus. Bisher habe ich das Gebirge nur als Hindernis empfunden, das mich von meinem Italien trennt. Auch wenn das Wort sehr platt ist und für wie mich eigentlich unwürdig: Die Alpen sind schon majestätisch. Ja. Das erkenne ich jetzt. Vielleicht gewöhne ich mir oben in dem Schweizer Hochtal das Bergwandern an. Was meinst du? Ich fand es bisher langweilig, irgendwelche Hänge emporzusteigen und auf Gipfeln herumzukraxeln. Ich hätte mir vor der Reise bei Amazon festes Schuhwerk kaufen sollen. Mit meinen Stiefeletten mit Keilabsatz komme ich auf einem Bergpfad sicher nicht sehr weit. Aber wahrscheinlich bleibe ich beim Joggen. Das geht sicher auch dort oben. Wenn nicht noch zu viel Schnee liegt.Ich sitze übrigens inzwischen in meinem Hotelzimmer im Steinbock. Der IC kam pünktlich um 14:36 Uhr am Hauptbahnhof Zürich an. Meine von Welkenbaum reservierte 5-Sterne-Unterkunft ist von ihm nur ein paar Minuten entfernt. Deshalb nahm ich mir auch kein Taxi, sondern ging zu Fuß. Auch hier ist es kalt, aber trocken. Ich zog meinen Rollkoffer durch die Fußgängerzone im Rennweg, in der nicht allzu viel los war. Zwar trägt man auch hier Masken, aber ein paar Leute saßen tatsächlich in Decken gehüllt gemeinsam vor den Restaurants und Cafés. Das ist ein Anblick, den ich seit dem letzten Sommer nicht mehr gesehen habe. Eigentlich nicht mehr, seit wir im September im Bayerischen Wald waren. Es fühlt sich gut und richtig an, die Menschen dort zu sehen. Ich kann kaum glauben, dass ich das einmal über die Züricher sagen würde. Aber es ist hier im Moment weniger kleinbürgerlich und miefig als in München.

Ich habe eine Pause gemacht. Habe aus dem Fenster hinunter auf den Rennweg gesehen, wo jetzt am Abend sehr viele Personen auf der Straße sind. Da ist es mir erst aufgefallen. Jetzt habe ich schon so viel geplappert. Dabei habe ich fast vergessen, dich zu fragen, wie es dir eigentlich geht. Deshalb habe ich doch diese ganze Sache mit den E-Mails angefangen. Um dir nahe zu sein. Wie war das, heute Morgen aufzustehen und eine leere Wohnung vorzufinden? Ich stelle mir deine Einsamkeit überwältigend vor. Sie hat sich sicherlich noch verschärft, als du durch die Räume gegangen und überall auf mich gestoßen bist. Ich meine, auf Gegenstände, die mir gehören. Lege sie einfach alle in einen Schrank und verschließe ihn gut. Mein Gott, ich habe es heute Morgen nicht einmal fertiggebracht, die Überreste meines schnellen Frühstücks in die Spüle zu räumen. Der Müsliteller und die Kaffeetasse stehen benutzt auf dem Küchentisch. Mein Handtuch im Bad liegt auf dem Boden, neben meinem Pyjama. Ich habe die Duschkabine nicht abgezogen, das müsstest du noch machen. Das muss dich alles furchtbar quälen. Du weißt, ich bin auch sonst sehr schlampig. Wenn mich meine Gedanken quälen und ich mich in meinem Kopf eingesperrt fühle, dann nehme ich meine Umwelt nicht mehr wichtig und kaum mehr wahr. Ich kann eben nicht aus meiner Haut. Ich hatte es am Morgen so furchtbar eilig, damit ich den Zug nicht verpasste. Dann stand ich dumm eine halbe Stunde im Schneeregen auf Gleis 8 und fror. Ich bin selbst schuld! Ich bin nicht einmal dazu gekommen, mich von dir zu verabschieden. Plötzlich war die Zeit weg und ich konnte keine Sekunde mehr warten. Aber du wirst mich verstehen. Das war diesmal kein Aufbruch zu einer Reise. Es war eine Flucht. Ich bin ein schrecklicher und egoistischer Mensch.

*

Ich komme eben vom Restaurant, wo ich allein an einem Vierertisch mit viel Abstand zu den wenigen anderen Hotelgästen mein Abendessen einnehmen wollte. Zumindest habe ich es versucht. Hotels haben in der Schweiz eine Ausnahmegenehmigung und ihre Innengastronomie ist unter strengen Hygieneauflagen geöffnet. Wie gesagt, es waren außer mir nicht viele in dem Lokal und jeder hatte einen eigenen schlanken und jungen Kellner, der niemals seine braune Maske mit dem Hotellogo abnahm und einen osteuropäischen Akzent sprach. Da der Service auch identisch gekleidet war, war es fast, als würde man von Robotern der gleichen Baureihe bedient. Obwohl ich mich wirklich darauf gefreut hatte, zum ersten Mal seit Oktober wieder einmal in einem Restaurant speisen zu können und die Küche im Steinbock übrigens sternemäßig ist, verflog meine gute Laune schnell. Das schummrige Kerzenlicht, das Stimmung verbreiten wollte, aber die aseptische Tristesse des Gastraums noch verstärkte, verschlimmerte meinen Panikschub. Er überrannte mich hinterrücks, als ich gerade die Weinkarte studierte, die leicht nach Desinfektionsmittel roch. Mir war, als würde mir jemand von hinten die Luft abwürgen. Verzweifelt bemühte ich mich um Haltung. Ich würgte ein wenig von der Vorspeise hinunter und nippte ein paar Mal an dem exzellenten Weißwein. Doch dann bestellte ich eilig bei meinem Kellner den Rest des Menüs ab und flüchtete. Alle Blicke im Raum folgten mir. Sollen die Leute denken, was sie wollen. Ich vermied den Aufzug und rannte die Treppe in den 3. Stock. Hastete den leeren, verwinkelten Gang bis zu meinem Zimmer. An meinem Hals pochte eine Schlagader wie ein Ravebeat. Erst als ich oben die Tür hinter mir abgeschlossen und mich verzweifelt ins Bett geworfen hatte, wurde mein Herzschlag langsam wieder ruhiger. Ich nahm schnell ein paar Ibos aus meiner Reiseapotheke zu mir, weil ich befürchtete, Kopfschmerzen zu bekommen. Dann legte ich mich wieder hin. Ich zog mich nicht einmal aus. Gerade rechtzeitig. Aber ich konnte lange keinen zusammenhängenden Gedanken fassen. Es sind gefühlt Stunden vergangen, in denen ich hilflos auf der Überdecke meines Betts lag und gegen meine Panik kämpfte. Tatsächlich aber nicht einmal eine halbe Stunde. Ich kam wieder zu mir, als die hereinbrechende Dämmerung durch die Fenster zu mir trat und das Schummerlicht des Tages zunehmend einer wohltuenden Finsternis wich. Das Hotelzimmer fühlte sich mit einem Mal viel weiter an. Nach einer Weile konnte ich mich auf den Bauch drehen und die Nachttischlampe einschalten. Ich öffnete mein blaues Notizbuch und begann zu schreiben.

Glaubst du, das wird noch einmal besser mit mir? Früher waren mir doch solche Anfälle von Agoraphobie vollkommen fremd. Doch, du und Welkenbaum, ihr hattet recht. Diese Klause dort oben am Berg ist genau der Ort, an den ich jetzt gehöre. Ich nur noch hinkommen. Jetzt werde ich vor dem Zubettgehen meinen Laptop öffnen und mich durch die Anmeldung ans Internet quälen. Dann tippe ich meine Notizen dieses Tages gleich ab und schicke sie dir wieder als E-Mail zu. Danach werde ich vielleicht noch ein wenig schreiben. Mir ist nämlich vorhin, auf dem Bett liegend und leidend, kurz eine Idee gekommen, wie ich den Plot-Knoten in meinem blöden Roman zumindest ein wenig lockern könnte. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht hinkriege.

Liebe Grüße, deine Mutter.

Emailende

Zur 3. E-Mail —>

3 Gedanken zu “Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (2)

  1. Bin gespannt, wie es auf der Hütte weiter geht. Übrigens steht der Absatz mit dem IC um 14:36 zweimal drin. Ich denke, das hast du mit Absicht getan, um zu prüfen, ob überhaupt jemand bis dahin liest. 😉 Liebe Grüße

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  2. Hallo David!

    Man kann es gar nicht oft genug betonen: Der IC war tatsächlich pünktlich. 😉 Nein, da habe ich beim Kopieren des Textes in WordPress gepfuscht. Ich bin mit dem neuen Editor dort noch nicht warm geworden. Danke für den Hinweis.

    Und es freut mich sehr, dass du bei meiner neuen Erzählung dabei bist. Ich kann dir noch einige Überraschungen versprechen.
    Grüße, Nikolaus

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