Mein Frühjahr in Stillblüten – Erzählung (1)

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EMailkopfNaiv, wie ich bin, stand ich heute Morgen extra früh auf und ließ mich von einem Taxi zum Bahnhof bringen! Ich hätte es besser wissen müssen. Der ICE war fast eine halbe Stunde verspätet. Ich fror mir auf Gleis 8 buchstäblich den Arsch ab und meine Füße waren Eisklötze. Entschuldige bitte meine Ausdrucksweise. Aber ich möchte bei der Wahrheit bleiben. Das ist die Prämisse meiner E-Mail. Mir war arschkalt. Bis auf die Knochen.

Was ist das nur für ein April? Er ist immer ein grausamer Monat. In diesem Jahr agiert er wie ein Henker. Kein Zuckerbrot, nur Peitsche diesmal. Jean Paul hat sich geirrt: Der Frühling kommt nicht immer dann, wenn man ihn am notwendigesten benötigt. Heuer kommt er gar nicht. Er ist einfach eine endlose Verlängerung des Spätwinters. Das ist kein Wetter mehr, sondern ein Angriff. Der eisige Wind hat den Schneeregen vorhin schräg unter die Bahnsteigbedachung gejagt. Auch in die Mitte zwischen Gleis 8 und 9. Dort kauerte ich halb hinter den Fahrkarten- und den Snackautomaten auf meinem Koffer und war ihm schutzlos ausgeliefert. Zum ersten Mal war ich dankbar, dass man auch im Freien eine Maske tragen muss. Aber schreibe ich dir, um über das Frühjahr zu jammern? Nein. Es ist bei dir noch nicht anders als bei mir. Lass mich über diesen April schweigen, ihn ignorieren und und verachten. Schämen soll er sich!

Inzwischen sitze ich einigermaßen bequem im 1. Klasse-Abteil und taue langsam auf. Nur wenige weitere Passagiere sind mit mir in dem Großraumwagen. Sie hocken weit von mir entfernt. Geschäftsleute hauptsächlich. Alle tragen brav ihre FFPs und starren in Smartphones und iPads. Aber mir will immer noch nicht recht warm werden. Bundesbahn! Selbstverständlich funktioniert die Heizung nicht. Dafür aber die Air condition. Sie bläst wie der Bora an der Adria über die Sitzreihen. Vielleicht ist das gewünscht. Schließlich ist Lüften das Gebot der Stunde. Ich werde später den Schaffner fragen. Ich habe meine Winterjacke angelassen. Jedenfalls habe ich eine ganze Vierersitzgruppe mit einem Tischen in der Mitte für mich allein und Menge Platz für meine Beine und mein Handgepäck.

Ich halte zweihundert unschuldige leere Blätter in der Hand. Sie sind mit Punkten liniert. Ich habe mein neues Notizbuch herausgenommen, das ich in den nächsten Wochen mit meinem Geschmiere füllen werde. Hast du es bemerkt? Ich habe »werde« und nicht »möchte« geschrieben. Ich werde in dem blauen Band meine Gedanken, Reise- und Urlaubsimpressionen für dich aufzeichnen. Auf diese Weise – so hoffe ich – wirst du dich mir nah fühlen können, obwohl du so viele Kilometer von mir entfernt sein wirst und an meiner Reise nicht teilnehmen darfst. Ich plane, die auf diesen Seiten entstehenden Gedanken abends ins Laptop zu tippen und sie dir als E-Mail zuzuschicken. So bleibst du immer direkt an mir dran. Es wird sein, als würden wir uns zu Hause auf der Wohnzimmercouch austauschen. Hoffen wir, dass es da oben in dem Chalet in Stillblüten ein stabiles Wlan gibt.

Wenn ich mich in ein paar Tagen eingewöhnt habe, will (!) ich dir auch die Texte zusenden, die in dem anderen Notizbuch entstehen, dem schwarzen. Es liegt neben mir wie ein lebendig gewordener Vorwurf auf dem Außensitz. Ich vermeide jeden Augenkontakt. Da sehe ich lieber hinaus zum Fenster. Auch wenn die Aussicht alles andere als hoffnungsvoll ist. Ein Aquarell zieht an mir vorbei. Braune Felder, fahle Wiesen. Schwarze, dampfende Wälder, auf deren Rand manchmal eine dünne Schneedecke liegt. Nur wenige Bäume und Büsche tragen inzwischen eine hauchdünne, lindgrüne Lackierung. Ab und an huschen als ein gelber Farbfleck eine Forsythie oder ein weißblühende Spierensträucher vorbei. Sonst zerfließt der Vormittag wie das Wasser in einem Pinselglas in braunen und grauen Schattierungen.

Ich habe gerade das Licht über meinem Sitz eingeschaltet. Ich rieb die Handflächen aneinander, aber meine Finger blieben kalt. Die Kuppen sind gefurcht, als wären sie zu lange in warmem Wasser gelegen. Ich habe nach dem Schaffner geläutet. Er sollte mir einen Tee bringen. Aber der »Am-Platz-Service« ist ausgesetzt, wie ich von ihm erfuhr. Auch das Bordrestaurant ist selbstredend geschlossen. Daran habe ich vorher nicht gedacht. Sonst hätte ich mir etwas zum Essen und eine Thermoskanne mitgenommen. Jetzt muss ich eben hungrig und durstig bleiben. Geschieht mir recht! Im Steinbock in Zürich, in dem ich vor meiner morgigen Weiterfahrt in die Alpen übernachten werde, ist das Restaurant geöffnet. Zum Glück sind in der Schweiz die Regeln etwas lockerer als hierzulande. Wenn ich später in Stuttgart umsteige, werde ich hoffentlich trotz der Verspätung die Zeit haben, mir ein wenig Proviant zu kaufen.

Soll ich diesen widrigen Beginn als ein schlechtes Omen betrachten? War es eine schlechte Idee, die Welkenbaum hatte? Es klang so gut. Zwei Monate einfach die deprimierende Lage in Deutschland vergessen, in vollkommener Isolation und Abgeschiedenheit sorgenfrei leben und endlich mein Buch beenden, in dem ich seit Beginn der Pandemie vor einem Jahr einfach nicht mehr weiterkomme. Dem ich seit jenem Tag im Juni kein Wort mehr hinzugefügt habe. Kann es funktionieren? Ist so eine Schreibisolation nicht nur ein plattes Klischee? Und warum muss ich dauernd an Shining denken?

Ich schauderte ein wenig. Aber dann musste ich doch lachen, als ich mir vorstellte, wie ich als irrer Axtmörder über die Flure eines Hotels renne. Mein Verleger muss übrigens ein Hellseher sein. Sobald mir eben erneut Zweifel an meinem Unternehmen kamen, begann mein Handy zu vibrieren. Den Klingelton habe ich wie immer stummgeschaltet. Aber es tanzte vor mir über den Tisch. Und natürlich war es Welkenbaum. Ich konnte seine asthmatischen, rasselnden Atemzüge sofort hören, als ich das Gespräch annahm. Dann legte er auch schon los:

»Rebl! Bist du schon unterwegs?« Er hielt sich nicht mit Begrüßungen auf. Persönlich und in seinem vollen Leibesumfang habe ich ihn schon dem letzten Sommer nicht mehr gesehen. Es gab ja nur noch Online-Konferenzen, Telefonate und WhatsApp. Wobei mich immer wieder überraschte, dass es diesem Renaissancemenschen gelang, diese moderne Technik zu beherrschen. Welkenbaum war trotzdem präsent wie immer. Ich hatte sogleich das Gefühl, er würde mir gegenüber sitzen. So eindringlich war seine Stimme.

»Ich bin im Zug. Kurz vor Stuttgart«, gab ich ihm eilig Auskunft. »Wenn alles gut geht, komme ich am Nachmittag in Zürich an. Der ICE hat …«

»Gut, gut!«, unterbrach er mich und machte eine Pause. Ich verstummte und hörte Papiere rascheln. »Gut! Ihr Leihwagen steht morgen Früh frisch desinfiziert vor Ihrem Hotel und der Schlüssel wird in der Rezeption hinterlegt. Im Handschuhfach finden Sie die Reiseunterlagen. Andrin Brändli erwartet Sie dann am Abend in Stillblüten und bringt Sie hinauf zum Chalet.«
»Andrin … wer?«

»Brändli. Wie ein kleiner Klarer, hehe. Brändli. Diese Schweizer! Seine Frau Anneli und er kümmern sich um das Haus und werden Sie mit allem versorgen, was Sie in Ihrer Auszeit oben am Berg benötigen, Rebl.« Er zögerte erneut. »Keine Sorge, beide sind geimpft – obwohl im idyllischen Stillblüten noch nie ein Coronafall aufgetreten ist. Eine Inzidenz von 0,0 haben die in ihrem Hochtal! Wenn das nicht zum neidisch werden ist! Ich werde Ihnen auf jeden Fall noch die Festnetznummer von Andrin schicken, ja?«

»Ich …«

»Geht es Ihnen gut?«

»Danke, ich …«

»Sie müssen sich keine Gedanken machen, Rebl!«, unterbrach er mich. Ich bin manchmal ein Autist. Sobald ich telefonieren muss, verblöde ich und kann nur noch rudimentäre Sätze sagen. Anders Welkenbaum: Wenn er am Smartphone in Fahrt kommt, dann wird aus jedem Gespräch einer seiner berüchtigten Monologe. »Reisen Sie erst einmal an. Kommen Sie dann zur Ruhe. Schlafen Sie viel, machen Sie Wanderungen und genießen sie die Wellnessanlage des Chalets. Dann sehen wir weiter. Glauben Sie mir, die klare Gebirgsluft dort wirkt wahre Wunder! Ja?«

»Sie …«

»Fühlen Sie sich von mir nicht bedrängt. Lassen Sie sich Zeit, Rebl! Und dann kommt die Eingebung wie ganz von selbst. Sie werden sehen. Sie werden in der Schweiz das beste Buch schreiben, das mein Verlag jemals veröffentlicht hat. Ja?«

»Nun …«

»Sie packen das! Sie haben mein volles Vertrauen und meine Unterstützung. Der ganze Mist gerade – das geht vorüber. Sie müssen wieder lernen, an sich zu glauben. Sehen Sie… «

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und grätschte ihm ins Wort. »Jetzt muss ich Schluss machen. Ich habe eine schlechte Verbindung«, log ich und unterbrach das Gespräch. Soll er denken, was er will. Ich schwöre dir: Wenn er noch einen weiteren Kalenderspruch von sich gegeben hätte, hätte ich einen Nervenzusammenbruch erlitten. Ich wäre schreiend durch den Zug gerannt!

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