Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

In den Bücherkellern des Vatikans (9)

<– zum 8. Teil …

Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände. »Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig abändern. Ich werde zurück ins Hotel gehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Die Sicherheit der Einzigen hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann mit dem Russen am vereinbarten sicheren Platz.«

»Aber wie werdet ihr uns folgen können?«, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Plan bei ihm fand. Verena hatte eine deutliche Prise Ungeduld in ihrer Stimme, als sie ihm nach kurzem Zögern antwortete:

»Wir sind gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet. Hast du das vergessen? Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und ich fliege euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren und dann mit einem Mietauto kommen.«

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie gehorsam hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war Anführerin, Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen, verschworenen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf – selbst wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.

Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine schriftstellerische Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Als er gestern Morgen mit ihr telefoniert hatte, hatte sie ihm glaubhaft die ›dumme Pute‹ und naive Dichterin vorgespielt. Sie hatte in dem kurzen Gespräch alle seine heimlichen Vorurteile bestätigt, die er gegen Frauen hegte, die Poesie schrieben. Er war auf seinen männlichen Machismus hereingefallen, von dem er gerne behauptete, er würde überhaupt nicht existieren. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und Klammer den Tag rettete, da hatte sie auf ihn wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau in der Mitte ihrer Dreißiger, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus den hellblauen, durchsichtigen Augen wirkte abgeklärt und weltweise. Sie schien Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren bleiche Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte. Vielleicht trug sie wirklich den Geist jener tapferen Dschungelforscherin in sich, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot sein musste. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die ›Rosmarinkatze‹ vielleicht die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

»Also gut, dann machen wir das so«, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

»Und was ist mit mir, Verena?« Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen ›Elena‹ zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

»Du gehst natürlich mit mir zu Welki mit, Nikolaus!«, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Probeweise versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest. Er war eisern wie eine Handschelle.

»Warum kann Papa nicht mit uns kommen?«, warf Isa erstaunt ein.

»Weil ich ihn zum Einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich meinem Dickerchen ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.«

»Die ist schon vor zweihundert Jahren geschlossen worden«, bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

»So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme«, fuhr sie in sich hineinlächelnd fort. »Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich ebenfalls seine Arbeit als ›Page‹ aufnimmt.«

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er seine eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass er sich nicht wehrte. Es hätte ihm eingedenk der Stärke von Welkenbaums Freunden eh nichts genützt. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück.

»Ich werde auf deinen Herrn Papa aufpassen, keine Sorge. Ihr seht euch bald wieder.Dem großen Autor Nikolaus M. Klammer wird nichts geschehen«, sagte sie mit unüberhörbarem Spott in der Stimme. Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

Das Intermezzo im Buchladen hatte höchstens zehn Minuten gedauert, da war sich Klammer sicher. Aber die schmale Vicolo vor der Ladentür lag inzwischen still in der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten war es spürbar kälter geworden. Zwischen den sich nahe gegenüberstehenden Häusern, die weiter oben einander entgegenbeugten, wehte ein unangenehm kühler Wind. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an Klammers Ohren. Er sah sich nach dem Avvocato Ienalli um, doch der lehnte nicht mehr an der Häuserfront und leckte seine Wunden und sein angeschlagenes Ego. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als der Autor gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Augenblicke – viel zu kurz für seinen Geschmack! – in der Buchhandlung zusammen mit seiner Tochter und den anderen gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen und die Kühle eines Abends im April manifestierte sich fast schon als Nebel über dem brüchigen und vielfach ausgebesserten Asphalt. Er hörte das Geräusch einer sich schließenden Tür hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war den beiden gegen ihre ausdrückliche Anweisung nach draußen gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er den Eingang gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam von Verenas Gefolgsleuten – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

»Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?«, fragte Verena scharf.

[Zum 10. Teil …]

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