Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

In den Bücherkellern des Vatikans (5)

<– zum 4. Teil …

»Leider ist es das nicht, sonst hätten wir Ihnen niemals diese Inkommoditäten bereitet. Ich versichere Ihnen nochmals: Wir werden Sie sogleich freilassen, nachdem Sie das Buch studiert und uns von seinem Inhalt berichtet haben, …«

»… denn uns ist es absolut nicht möglich, darin zu lesen. Für uns werden die Memoiren immer ein Buch mit 7 Siegeln bleiben.«

»Sie sind Analphabeten?«, fragte Welkenbaum erstaunt. Pat kicherte.

»Aber nein! Es ist nur …« Sie hob hilflos die Arme.

»Nun, wenn wir die Memoiren aufblättern, dann sehen wir statt des Textes nur weiße, leere Seiten«, sprang Patachon ein.

»Sie können den Text nicht sehen? Wie ist das denn überhaupt möglich?«

Patachon zuckte mit den Schultern. »Ist es Ihnen denn beim Lesen nicht aufgefallen? Die Memoiren sind kein normales Buch. Sie passen sich demjenigen an, der es in der Hand hält.«

»Es ist eine Art von … wie heißt das doch gleich? Ja, es wie Netflix, wenn Sie so wollen. Sie haben eine große Auswahl.«

»Ja, genau! Das Buch zeigt Ihnen genau die Geschichte, die Sie insgeheim zu lesen wünschen. Allerdings können Sie die Memoiren nicht zwingen, denn sie sind auch mit einem freien Willen ausgerüstet. Dieses unscheinbare, schwarze Buch ist das Produkt einer für Sie unvorstellbar hochentwickelten Technik. Es ist eine Art von … Computer? Verstehen Sie das, Signore Welkenbaum?«

»Sie meinen, das Buch ist so etwas Ähnliches wie ein E-Book-Reader, nur moderner? Es kann meine Gedanken lesen? Hat es denn Bluetooth?«, erkundigte sich der Verleger und brachte seine Entführer wieder zu einem langen, stummen Blickaustausch, der ein wenig larmoyant und herablassend auf ihn wirkte. Konnte es wirklich stimmen, was Pat & Patachon ihm da erzählten? Es klang wie das unverschämteste Lügenmärchen, das er je vernommen hatte.

Habe ich diese Geschichte lesen wollen, als ich das Buch aufschlug? Ausgerechnet einen russischen Gulag-Roman? Was für ein Unfug! Wenn das Buch tatsächlich meine Gedanken lesen kann, dann hat es gerade eine Funkstörung. Außerdem erklärt es mir nicht, warum ausgerechnet der Name von Nikolaus Klammer oben auf dem Titel steht. Er ist mit Sicherheit kein Teil meiner geheimen Wünsche. Und wer, zum Donner, ist eigentlich dieser Dr. Geltsamer?

Von einer anderen Seite betrachtet, war Welkenbaum wirklich daran interessiert, wie die Erlebnisse des namenlosen Gefangenen in Sibirien weitergingen. Das musste er schon zugeben. Denn sowohl in Antenora, als auch im Leningrader Altersheim vierzig Jahre später war er ja durch die Entführung an den spannendsten Stellen seiner Lektüre unterbrochen worden. Er brannte darauf, mehr über das Schicksal des Russen zu erfahren. Außerdem wollte er sich noch einmal die verglilbte Fotografie ansehen, die zwischen den Seiten aufgetaucht war und seine Freundin Verena in einer merkwürdigen Kostümierung abbildete. Aber vielleicht war auf dem Foto überhaupt nicht Verena zu sehen, sondern nur eine Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sah. Ihre Großmutter vielleicht?

Schluss mit diesen Spekulationen. Ich würde allerdings einiges dafür geben, wenn ich dieses Buch in mein Verlagsprogramm aufnehmen zu könnte. Diese Art von Literatur geht immer. 

Pat unterbrach seinen Gedankengang. »Das könnte man durchaus so sagen. Auch wenn es sehr, sehr vereinfacht ist und sich das Bluetooth nicht mit dem Internet, sondern mit Ihrem Gehirn verbindet. Der Text steht nicht in dem Buch, sondern er entsteht alleine in Ihrer Vorstellungskraft. Sie proijezieren ihn sozusagen auf die leeren Blätter.«

»Und genau das ist unser Problem, Signore editore«, übernahm wieder Patachon das Gespräch, während er den Pistolenlauf dazu verwendete, sich an der Stirn zu kratzen. Welkenbaum hoffte kurz, aber es löste sich kein Schuss. »Unsere Gehirne sind nicht so gebaut, diese Signale empfangen zu können. Etwas blockiert leider diese Verbindung. Wir sind nicht für diesen Zweck geschaffen worden. Für uns sind Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren nur ein leeres, linienloses Notizbuch ohne weiteren Wert.«

Ihre Gehirne sind also anders gepolt, dachte Welkenbaum grimmig. Das kann ich mir gut vorstellen. Komplett irre, die beiden …

»Das ist alles … nur sehr schwer vorstellbar«, sagte er stattdessen. »Aber ich schlucke es mal, damit wir hier weiterkommen. Wenn aber der Text im Buch nur für mich bestimmt ist, warum wollen Sie beide dann wissen, was in ihm steht?«

»Weil wir nach Antworten suchen und endlich wieder nach Hause wollen …«

»… zurück nach Listakar, in unsere alte Heimat. Seit zweihundertfünfzig Jahren sehnen wir uns danach.«

Nachdem Welkenbaum nicht mehr ans Sofa gefesselt war, war es wesentlich einladender und bequemer, auf ihm zu liegen. Er konnte die Arme hinter dem Kopf verschränken und die Beine über die Lehne zu strecken. Er gähnte. Die Minestrone wärmte ihn von innen und machte ihn schläfrig. Doch er musste wach bleiben. Ein wenig ausruhen, ja, das ging, aber dann musste er das dämliche Buch weiterlesen, das ihn in diese missliche Lage versetzt hatte. Erneut sendete er dem vermeintlichen Autor Nikolaus Klammer eine Verwünschung an den Hals.

Dieser strunzdumme Dödel! Warum ist er mir nach Rom gefolgt und hat mir den Geheimdienst des Vatikans auf den Hals gehetzt? Haben die Mumien ihn etwa auch gefangen genommen? Hoffentlich wird er ein paar Stockwerke tiefer einer ›hochnotpeinlichen‹ Befragung unterzogen!

Jedoch deutete nichts darauf hin. Der Augsburger Autor schien Pat & Patachon unbekannt zu sein. Welkenbaum ließ sein merkwürdiges Gespräch mit den beiden Alten noch einmal Revue passieren.

Autoren sind die größten Lügenbeutel, die es gibt, kam ihm dabei in den Sinn. Auch wenn sie wie trotzige Kinder auf ihrer Meinung beharren und stur behaupten, sie würden die Wahrheit wiedergeben – und nichts als die Wahrheit. Auf dem Papier stehen später nur Lügenmärchen. Der größte Schwindel entsteht, wenn Autoren Gedankengänge ihrer Protagonisten aufschreiben oder angeblich authentische Dialoge wiedergeben. An keiner Stelle ordnen sie die Realität stärker ihrem Schöpferwillen unter. Der Romancier kürzt, strukturiert, formuliert aus und kürzt erneut. Lese ich in einem Roman die Wiedergabe eines Gesprächs, dann habe ich immer den Eindruck, alle außer mir selbst sind begnadete Aphoristiker und durchwegs in der Lage, ihre Gedanken in aller Schärfe und Prägnanz druckreif zu formulieren. Jeder versteht seinen Gesprächspartner auf Anhieb. Es gibt keine Missverständnisse, keine sinnlosen Debatten, kein Herumstottern. Niemand unterbricht sein Gegenüber, kein Satz stolpert ins Leere, kein Gedanke wird wiederholt ausgesprochen. Jedes Gespräch schreitet munter vorwärts auf sein Ziel zu; es gibt keine Um- und Irrwege.

Die Wahrheit ist freilich eine vollkommen andere. Auf der anderen Seite tun die Autoren ihren Lesern damit wahrscheinlich einen Riesengefallen, dachte er. Die exakte Wiedergabe einer Unterhaltung wäre wohl unlesbar – von inneren Gedankengängen mal ganz zu schweigen. Wer liest heutzutage schon noch ›Stream of Consciousness‹-Texte.

Welkenbaum staunte jedoch im Rückblick über den Verlauf seines Gesprächs mit den verwitterten, unheimlichen Zwillingen, die wie selbstverständlich behauptet hatten, mehrere hundert Jahre alt zu sein. Obwohl sie ganz offensichtlich geistesgestört und wahrscheinlich auch gefährlich waren, war sein Austausch mit ihnen angenehm kurz und zielführend verlaufen. Er hatte sich nur erst an ihren Spleen gewöhnen müssen, mit dem einer die Sätze des anderen beendete.

Als hätte ich nicht mit Menschen, sondern mit einer KI geredet!

Sie wollten also, dass er Klammers Buch zu Ende las. Sie würden ihn so lange hier in diesem schimmligen Kellergewölbe bei dürftigem Logis und ausgezeichneter Kost gefangenhalten, bis er es getan und ihnen den Inhalt seiner Lektüre mitgeteilt hatte. So weit, so simpel. Doch gleichzeitig wusste er: Es gab ein paar Dinge, die Pat & Patachon zurückhielten.

[Zum 6. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

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2 Gedanken zu „In den Bücherkellern des Vatikans (5)

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