Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

In den Bücherkellern des Vatikans (4)

<– zum 3. Teil …

»Wenn wir von etwas im hier Vatikan reichlich haben, so sind es angebrochene Messweine«, kicherte die Alte und verriet damit zum ersten Mal ihren Aufenthaltsort, den Welkenbaum ohnehin schon vermutet hatte. Die beiden hatten ihn also in den Vatikan entführt!

»Diese Flasche hier ist direkt der privaten Reserve des Papas … entnommen«, ergänzte ihr Partner. „Er stammt von der Cantina Cormòns aus dem Friaul. Ihr Vinum pro Sancta Missa ist ein Cuvée aus Tocai, Verduzzo, Chardonnay, Pinot Bianco und Sauvignon und wird bei allen Messen des Vatikans in das Blut Christi transsubstantiert. Es ist ein süßer, aber leichter und milder Likörwein, weil der Papst ja meist am Vormittag die Messe feiert. Auch zu viel Säure darf er nicht haben – das ist nicht so gut für seinen empfindlichen Magen. Achten Sie bitte auf das feine Muskataroma, Signore editore.«

Welkenbaum war hinreichend beeindruckt, auch wenn er mehr mit den Bayerischen Biersorten als mit italienischen Cuvées vertraut war. Er grunzte anerkennend und leerte das Glas durstig in einem Zug, streckte es dann der pikiert die Stirn runzelnden Alten zum Nachschenken entgegen. Anschließend konzentrierte er sich vollkommen auf sein schmackhaftes Essen.

Schließlich schob er satt den Teller zur Seite, den er vollkommen geleert und mit dem Scherzl Brot sorgfältig ausgewischt hatte. Voller Genuss trank den Rest des ausgezeichneten Weins. Die Alten, die ihm kommentarlos bei seiner Mahlzeit zugesehen hatten, blickten ihn nun erwartungsvoll an. Welkenbaum fragte sich, ob sie auf ein höfliches Aufstoßen von ihm warteten.

»Era molto buono!«, suchte er seine kümmerlichen italienischen Sprachkenntnisse zusammen, die alle mit Essen und Trinken zusammenhingen. Anschließend ahmte er unwillkürlich die umständliche und antiquierte Redeweise seiner Gefängnisaufseher nach. »Ihre Minestrone mundete ganz köstlich, meine Liebe. Fürs Erste bin ich saturiert. Der Wein jedoch, ich gestehs, war mir ein wenig zu pappig. Ist hier im Vatikan denn kein Bier erhältlich, vorzugsweise ein Bayerisches? Schließlich ist doch der Papa emeritus ein Landsmann von mir, dessen Geburtshaus in Marktl übrigens nur einen Katzensprung von meinem Ferienhaus entfernt liegt.«

Sein voller Magen brachte ihn ins Plaudern. Dazu wollte er die Entführer mit seinen harmlosen Anmerkungen in Sicherheit wiegen. Die Alte nahm Teller und Löffel auf und machte dabei tatsächlich einen Hausmädchenknicks, bei dem aus ihren Knien ein metallisches Knirschen ertönte. Offenbar hatte Welkenbaum den richtigen Ton gefunden.

»Ich werde sehen, ob noch etwas vorrätig ist, das ich für Sie beiseite schaffen kann. Sein Assistent, der Signore Kurienerzbischof Gänswein, achtet allerdings mit scharfen Augen auf den Haushalt des alten Herrn.« Sie zwinkerte ihrem Entführungsopfer verschwörerisch zu. Welkenbaum lächelte verständnisvoll.

»Aber nun lassen Sie uns endlich reden!«, sagte er und schob den Stuhl etwas von der Platte des Sekretärs zurück, damit sich sein Schmerbauch ungehindert ausdehnen konnte. Jetzt hätte er eigentlich die nötige Kraft für einen kleinen Mittagsschlaf gehabt. Ob wohl noch die Droge seiner Entführer wirkte? War er wegen ihr so gelassen oder aufgrund der ›optimalen Ranzenspannung‹?

»Warum in aller Welt haben Sie mich entführt? Ich wäre liebend gerne freiwillig Ihrer Einladung in den Vatikan gefolgt, wenn Sie mich freundlich gefragt hätten. Ich habe übrigens für morgen Eintrittskarten zur Generalaudienz beim Papst. In diesen Rahmen hätte ein Besuch ihrer gastfreundlichen Räumlichkeiten doch perfekt gepasst.«

»Glauben Sie mir, Signore, es gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten, Menschenraub zu begehen …«

»… doch die außerordentlichen Umstände zwangen uns dazu. Denn die Lega delle iene hat ihre Augen und Ohren überall. Doch wo sind unsere Manieren?«

Die Lega delle iene? Die Liga der Hyänen? Habe ich davon nicht schon in Klammers Buch gelesen? Merkwürdig …, dachte Welkenbaum und musterte die beiden Alten misstrauisch. In was für einen Verschwörungsthriller bin ich da nur geraten!

»… wenn wir uns denn endlich vorstellen dürfen: Ich heiße Alegra Artifici und dies ist mein Bruder Jacopo. Wir gehören offiziell zum Haushalt des Kardinaldekans Angelo Sodano …«

»… aber dies ist selbstverständlich nicht unser tatsächliches und vorrangiges Aufgabengebiet, wie Sie sicherlich bereits vermuten werden. Wir sind Numerarier – also Laienmitglieder – der Praelatura Sanctae Crucis et Operis Dei, die 1928 von unserem hochgeschätzten und inzwischen schon sehr lange verstorbenen Freund, dem Heiligen Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás, gegründet wurde. Wenn Sie möchten, könnten Sie das Opus Dei als eine Art päpstlichen Geheimdienst bezeichnen, obwohl das vielleicht ein wenig weithergeholt ist. Aber der Grund Ihrer Entführung ist eher … privater Natur und hat mit dem Opus nur am Rande zu tun. Wir beide benötigen dringend Ihre Hilfe.«

Es folgte eine dramatische Pause. Welkenbaum runzelte die Stirn. Er hatte die Namen des Duos und den des Gründers von Opus Dei bereits wieder vergessen. Sie waren von seinem Ohr überhaupt nicht bis zu seinem vom Genuss der wirklich köstlichen Minestrone abgelenkten Gehirn gelangt. Jemandem aufmerksam zuhören, das war überhaupt keine seiner Eigenschaften. Er entschied sich daher, das Paar für sich ›Pat & Patachon‹ zu nennen – nach den beiden vergessenen dänischen Komikern, deren Filme er in seiner Kindheit geliebt hatte.

»Sie müssen uns einen Gefallen tun, der Ihnen kaum schwerfallen wird.« Patachon deute mit dem Lauf seiner Pistole auf eines der Bücherregale an der Seitenwand. Erst jetzt entdeckte Welkenbaum, dass es nicht so vollkommen leergeräumt wie die anderen war. Auf Augenhöhe stand darin ein dickes, schwarzes Buch, das er sofort am Titelblatt wiedererkannte. Es waren Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren!

»Sie haben mich wegen dieses Romans von Nikolaus Klammer betäubt und entführt?«, fragte er fassungslos. Die beiden Alten tauschten einen dieser Blicke, bei denen ihm erneut deutlich wurde, dass sie zwar körperlich getrennt, aber in ihrer Seele eine Einheit waren, aus der ein Geist und ein Wille aus zwei Mündern sprach.

»Wer ist denn dieser Nikolaus Klammer? Muss man ihn kennen?«, fragten sie gleichzeitig. Welkenbaum hob verwundert die Hände.

»Klammer ist ein Verlagsautor bei mir. Sein Name steht auf dem Cover. Er hat das Buch geschrieben.« Er zögerte. »Nehme ich zumindest an«, schränkte er dann ein.

»Tatsächlich?«, fragte Patachon interessiert. »Ist das so? Nikolaus Klammer, sagten Sie? Ich bin einmal in London einem Künstler begegnet, der so hieß. Das war ein Österreicher. Sehr begabt, aber auch sehr faul. Seine Aussprache des Englischen war grauenvoll. Klammer? Schreibt er sich vorne mit C oder mit K?«

»Das ist jetzt egal«, mischte sich seine Schwester Pat ein. »Wir möchten, dass Sie das Buch weiter und so schnell wie möglich zuende lesen – falls dies möglich ist. Danach haben wir ein paar Fragen an Sie, Signore editore. Dann können Sie gehen und Ihren weiteren Aufenthalt in der Ewigen Stadt genießen.«

»Das ist alles. Wir wollen Ihnen nichts Böses.«

Welkenbaum konnte kaum glauben, was er da hörte. Das Groteske seiner Situation, das ihn seit dem Auftauchen der Alten ständig zum Lachen gereizt hatte, schlug wieder in Grauen um. Die zwei mussten vollkommen irre sein! Deswegen hatten ihm Pat & Patachon K.O.-Tropfen ins Bier gekippt und in die Katakomben des Vatikans geschleppt? Damit er unter ihrer Aufsicht in Klammers bescheuertem Buch weiterlesen konnte? Wie hatten ihn diese gebrechlichen Mumien eigentlich bewusstlos durch das Raphael schleppen und quer durch Rom in diesen muffigen Keller im Vatikan transportieren können? Keiner von den beiden sah ihm danach aus, als würde er einen 130-Kilo-Verleger wie ihn einfach über die Schulter werfen und davontragen können. Sie mussten noch einen motorisierten Helfer haben – oder eine Sackkarre. Und dann war da noch eine Frage, die unbeantwortet im Raum stand:

»Aber warum haben Sie mich dann mit sich genommen? Hätte es nicht gereicht, mir das Buch zu stehlen? Das wäre doch viel einfacher gewesen.«

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

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