Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

In den Bücherkellern des Vatikans (3)

<– zum 2. Teil …

Für einen Moment wusste Welkenbaum nicht, wie er reagieren sollte, dann lachte er schallend. Er hatte schon eine Antwort auf den Lippen, wohin sich die beiden Mumien ihren heiligen Ort hinstecken konnten. Aber er hielt es dann doch für vernünftiger, die Menschen, in deren Händen er war, nicht weiter zu reizen. Terroristen waren humorlos, da konnte eine sarkastische Bemerkung ihn wortwörtlich den Kopf kosten. Er verstummte deshalb und starrte das Duo neugierig an. Sein erster Eindruck war, dass sie mit ihm ebenso wenig anzufangen wussten, wie er mit ihnen. Waren die beiden altgewordene, eineiige Zwillinge oder ein Ehepaar kurz vor der Gnadenhochzeit, weil sie sich so vollkommen ähnelten und einer die Sätze des anderen beendete? Auf jeden Fall machten sie auf den Verleger den Eindruck einer eingespielten, ja, symbiotischen Einheit, die schon sehr, sehr lange Bestand hatte. Es wäre sicherlich anstrengend, aber auch interessant gewesen, die zwei ›Siamesen‹ aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Sie waren bestimmt keine niederländischen Touristen, wie Welkenbaum anfangs vermutet hatte. Die beiden trugen auch nicht mehr die schreiend bunte und abgetragene Kleidung aus der 70er-Jahre-Mottenkiste, in der sie ihren Nachmittagstee auf der Dachterrasse des Raphael eingenommen hatten, während sie ihm aufdringlich Löcher in den Bauch starrten. Stattdessen hatten sie nun weite, schwarze Überwürfe an, die Welkenbaum an Mönchskutten erinnerten. Ihre Blicke waren finster und ließen das Schlimmste befürchten. Er fühlte sich direkt in einen Schauerroman des 19. Jahrhunderts versetzt; in ein Werk von Eugène Sue oder Wilkie Collins möglicherweise.

»Himmel hilf!«, rief er und erschrak: War er etwa in die Hände einer Sekte von Satanisten gefallen? Vorausgesetzt, es gab solche Teufelsanbeter auch außerhalb von schlechten Dan-Brown-Romanklonen und apokalyptischen Netflix-Serien auch im wahren Leben. Und warum fielen ihm in diesem seltsamen Ambiente jetzt die gewalttätigen und pornografischen Romane des Marquis de Sade ein? Das fehlte ja gerade noch! Er wollte ängstlich zurückrutschen, doch die ehemals rote Chaiselongue, an die er gefesselt war, hinderte ihn daran.

Dann stieg ihm plötzlich der fette Geruch einer kräftigen Suppe in die Nase. Er überdeckte appetitlich den Staub- und Schimmelgeruch des Raums. Welkenbaum schnupperte. Der mutmaßlich weibliche Teil des greisen Duos trat ein paar Schritte näher. Sie hielt einen Teller in der Hand, dessen Inhalt verheißungsvoll dampfte und so verführerisch duftete, dass sich Welkenbaums Magen verkrampfte und fast lauter knurrte, als sein Mundwerk eben noch geschimpft hatte.

»Wenn Sie sich vernünftig verhalten, Signore editore …«, begann sie in zögerndem, aber gut verständlichem Deutsch, das aber sicher nicht ihre Muttersprache war.

»… dann können wir Sie von Ihren Fesseln befreien. Sie haben sicherlich Hunger«, ergänzte ihr Partner mit dem gleichen, nicht näher verortbaren Akzent. Er stellte sich abwartend neben die Alte und hob lockend die linke Hand, in der er einen übervollen Metallring hielt, an dem sicherlich dreißig oder vierzig Schlüssel hingen. Welkenbaum nickte nur begierig. Er hätte in diesem Augenblick für diesen Teller Suppe töten können, was er aber offensichtlich nicht tun musste. Seine Situation erschien ihm auch nicht mehr so gefährlich wie gerade eben, sondern eher grotesk. Mit den zwei Klappergestalten würde er im Zweifelsfall schon zurechtkommen. Jetzt überwogen die Neugierde und sein gewaltiger Appetit.

»Gut, dann halten Sie jetzt still.« Der Alte mit seinem enormen Schlüsselbund, mit dem er wohl im halben Rom die Türen öffnen konnte, trat sehr vorsichtig näher. Dabei kramte er mit seiner rechten Hand für alle Fälle eine riesige Duellpistole aus seiner Kutte hervor. Er richtete sie sogleich auf seinen Gefangenen, während er sich herab beugte und die Handschelle löste. Er fand den richtigen Schlüssel auf der Stelle, obwohl er sich in Welkenbaums Augen kaum von den anderen unterschied.

»Diese Steinschloss-Perkussionspistole wurde im Jahr 1860 von Houllier Blanchard in Paris gefertigt«, erklärte er dabei fachmännisch und fast liebevoll, »und hatte einige prominente Auftritte bei den Ehrenhändeln des Conte Julio Antonio di Mattei, des Cousins des Kardinaldekans Mario Mattei, dessen Portrait Sie hier sehen. Sein Glaube war größer als sein Fleiß und der geistige Beistand, den er seinen Brüdern in Jesu zukommen ließ. Er glaubte vor allem an das pralle Anschwellen seines privaten Geldbeutels und an die Patronage seiner Angehörigen.« Er deutete kurz mit seiner Waffe auf das Gemälde über dem wuchtigen Nussbaum-Sekretär, dann schwenkte er sie wieder herum und zielte auf Welkenbaum.

»Mit dieser pistola wurde seit Ewigkeiten nicht mehr geschossen, aber ich habe sie immer gepflegt und sorgfältig in Waffenöl gelagert. Sie ist frisch geladen und – wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist -, auch entsichert. Ich hoffe sehr, Sie wollen nicht versuchen, ob die Waffe noch funktionstüchtig ist.«

»Und wenn der eher unwahrscheinliche Fall eintritt«, sprang hier die Alte ein, während ihr Partner eine Verbeugung andeutete, »und das Schießpulver zündet nicht, so taugt die Pistole doch dazu, sie Ihnen über den Schädel zu ziehen. Und ihr Knauf will mir mit Verlaub härter erscheinen als die Schädeldecke des Signore

Welkenbaum musterte schaudernd den achteckigen, sicherlich an die dreißig Zentimeter langen Lauf, der einen beeindruckenden Innendurchmesser aufwies. Der Schriftsteller Karl May hätte dieses Ungetüm in einem Roman als einen ›Schießprügel‹ bezeichnet. Wenn der Alte die Antiquität abfeuerte, würde ihm eine Kugel daraus wahrscheinlich den halben Kopf wegreißen. Das wollte er nicht riskieren, deshalb hütete er sich, eine missverständliche Geste zu machen. Mühsam richtete sich der dicke Verleger auf und rieb sein wundes Handgelenk.

»Ich befinde mich ganz in Ihrer Gewalt«, murmelte er.

Durch das schnelle Aufstehen war ihm etwas schwindlig, aber er schob dieses Schwächegefühl nicht auf seinen Kreislauf, sondern auf die letzten Auswirkungen des Betäubungsmittels, das ihm seine Entführer ins Bier geschüttet hatten. Er ging ein paar Schritte hin und her und bemerkte erst jetzt, dass er keine Schuhe mehr trug, sondern mit seinen feinen Seidensocken den Staub des Bodens aufwirbelte. Inzwischen hatte die Alte die Suppe auf der aufgeklappten Tischfläche des Sekretärs neben der Tür angerichtet und auch eine Ecke Weißbrot dazugelegt.

»Beeilen Sie sich, bevor die Minestrone kalt wird«, sagte sie. Dabei holte sie aus ihrer Tasche einen großen, angelaufenen Löffel, den sie anhauchte und am derben Stoff ihrer Kutte glänzend rieb, bevor sie ihn auffordernd neben den Teller legte. Welkenbaum wurde weiterhin voller Argwohn von dem Mann mit der Pistole beäugt, während er langsam auf dem antiquierten Stuhl Platz nahm, der dem Aussehen nach mit der Chaiselongue zusammen einmal eine Sitzgruppe gebildet hatte und interessanterweise auch auf dem Gemälde des Kardinals dargestellt war. Das Möbel ächzte und stöhnte unter seinem Gewicht, hielt ihm aber zumindest vorläufig stand. Der Verleger probierte vorsichtig die noch heiße Suppe, dann schloss er die Augen und atmete langsam und voller Genuss ein. Er nahm an, die Alte hatte diese Speise zubereitet. Sie war eine Meisterin ihres Fachs! Welkenbaum leckte sich das Fett von den Lippen. Dieser Geschmack versöhnte ihn beinahe mit seiner Situation.

»Kann ich auch noch etwas zu trinken bekommen?«, krächzte er übertrieben heiser. Sofort zauberte die Alte aus den offenbar unergründlichen Taschen ihres Gewands ein kleines, dickwandiges Glas und eine halbvolle, schwarze Flasche, die sie entkorkte und deren bernsteinfarbenen Inhalt einschenkte. Sie reichte Welkenbaum das Glas, bevor sie ihm wie ein Sommelier die eckige Weinflasche zur Begutachtung vorzeigte.

Tu autem servasti bonum vinum usque adhuc‹, stand auf dem Etikett. Welkenbaums Lateinkenntnisse aus seiner Pennälerzeit reichten aus, um diesen Satz zu übersetzen: ›Ich habe dir den besten Wein aufgehoben.‹

[Zum 4. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

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