Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

8 Fragen, die man einem Autor keinesfalls stellen sollte

Acht Fragen, die man einem Autor nach der Lesung auf keinen Fall stellen sollte

Autoren – hier sind selbstredend immer auch das Autor und die Autorin gleich welcher geschlechtlichen Vorliebe, Ausprägung und körperliche und seelischer Ausgestaltung und Ausstattung mitgemeint – denn ich werde niemals den un­säglichen Gendergap oder einen anderen semiotischen Unfug in meinen Tex­ten einführen1 -, machen nie freiwillig eine Lesetour quer durch die Buchhandlungen der Provinzstädt­chen der Republik, um ihre Bücher anzupreisen und aus ihnen vorzutragen, sondern sie sind in aller Regel von ihrem Verlag dazu gezwungen worden, Werbung für ihr neues Werk oder sich selbst zu machen.

Durchaus jeder Au­tor – der ja, wie allgemein be­kannt -, am liebsten in seinem Dachjuchhe (Das Wort Dachjuche ist wie molestieren2 oder Idiosynkrasie eines von meiner privaten roten Liste der schönen, aber leider beinahe ausgestorbenen Wörter. Ich mag es und habe es gerade wieder bei dem leider schon verstorbenen Dieter Kühn gefunden. Es ist also auch eine Verneigung vor diesem Schriftsteller, wenn ich es in diesem Büchlein ein-, oder zweimal verwenden werde) einsam in sein Moleskine kritzeln oder auf die Tastatur hämmern möchte und alltäglich nach dem Motto »Ich will nichts erleben, denn ich bin Schriftsteller« lebt, hasst es, auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden und sich dort zu pro­stituieren und vor Publikum zu »lesen«. Es gibt eine große Anzahl von Autoren wie z. B. Patrick Süskind oder Thomas Pynchon, die sich dieser Zumutung komplett entziehen und sich nicht einmal für ein Werbefoto ihres Verlags ablichten lassen. Schließlich sollte doch, auch wenn es heute aus der Mode ist, der Schriftsteller hinter seinem Werk verschwinden und nicht umgekehrt.

Denn solch ein literarischer Abend mit dem Autor geht selten gut. Vor einer äußerst über­schaubaren Gruppe beflissener Zuhörerinnen – in aller Regel sind das liebreizende Buchhändlerinnen, neugierige Leh­rerinnen oder gelangweilte Doktoren-Gattinnen kurz vor dem Kli­makterium, denn das »Lesen« ist ja heut­zutage eine rein weibliche Beschäftigung –, gibt der Autor mehr oder weniger verschämt Aus­schnitte aus seinem Werk zum Besten, die nur selten einen Ein­druck vom ganzen Buch vermitteln können. Er weiß, dass er der schlechteste Vermittler seiner ei­genen Texte ist, dass er zu leise oder zu laut spricht, nu­schelt, ohne oder mit viel zu viel melodramatischer Betonung spricht, stottert, blättert, zö­gert und auch mal ganz den Faden verliert. Aber die meisten hören ihm eh bald nicht mehr zu, denn eine klassi­sche Le­sung hat viel Ähnlichkeit mit der Pre­digt in der Kir­che; viele klappen nach ein, zwei Sät­zen ihre Ohren zu und lassen ihre Gedanken und Empfindungen wie Luftballons frei im Raum schwe­ben.

Ganz wenige Autoren haben schauspielerische Ta­lente und unterhalten ihre Zuhörer wirklich. Ihnen gilt meine volle Bewunderung. Ich könnte das nicht, denn wie die meisten Schriftsteller bin ich als real-existierende Person anstrengend und überaus langweil­ig – fade, schüchtern, menschenfeindlich. Würde je­mand schreiben und sich hinter sei­nen Werken und einem Pseudonym ver­stecken, wenn er ein offener, freundli­cher und sympa­thischer Zeitge­nosse wäre? Wohl kaum. Wie gesagt: Der kon­servative Schrift­steller ist ein eher widerbors­tiges, menschenscheues Wesen, das seiner Berufung in ei­nem kleinen, ab­schließbaren Kämmerchen nach­geht, unauffällig im Verborgenen an seinen Sätzen feilt und sie in die Ma­schine tippt oder gar aufs Pa­pier kritzelt. Er ist voller »promethi­scher Scham«, um mit Günther Anders zu sprechen. Das Schlimms­te ist ihm, direkt mit seinem Publikum konfrontiert zu werden und sich nach der Lesung noch der wie der Donner zum Blitz gehörigen und daher oft unver­meidbaren anschließenden Diskussion aussetzen zu müs­sen. Das schlimmste für den Autor: Selten will je­mand über den Inhalt sei­ner Texte sprechen oder sei­ne beeindruckende Sprachgewalt und die enorme Kraft bewundern, mit der er sein Thema beherrscht und den Finger in die offe­nen Wunden der Zeit legt. Nein, die meisten interessie­ren sich ausschließlich für Privates, Intimes, Peinliches, das er ei­gentlich nicht preisgeben will. Auch deshalb schreibt er ja.

Wenn du also, mein lieber Leser oder Zuhörer, nett zu mir sein willst, falls Nikolaus M. Klammer dem­nächst in der Buch­handlung deines Vertrauens auf­treten muss und Verwirren­des aus seinen Essays, An­strengendes aus dem »Jahrmarkt in der Stadt« oder gar den »Erinnerten Memoiren des Dr. Geltsa­mers« vor­trägt, dann meide bei der an­schließenden Diskus­sion die folgenden acht Fragen. Du quälst ihn damit. Und da die Qualität der hastigen Antworten in die­sem Fall nicht die Qualität der Fra­gen übersteigt, tust du nicht nur mir, sondern auch dir selbst einen Gefallen. Denn eigentlich möchte ich den Abend schnell beenden, direkt ins Hotelzimmer gehen, den Minikühlschrank plündern und mich mit der Beute unter der Bettdecke verkriechen.

*

Wir beginnen mit dem Klassiker aller Publikumsfra­gen:

I. Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen? Wie fällt Ihnen so etwas nur ein?

Was soll der Autor dazu sagen? Dass ihm die besten Ideen in der Badewanne oder auf dem Klo kommen, dass er mal wieder viel zu viel gegessen und anschlie­ßend schlecht ge­träumt hat? Dass er das bei Dosto­jewski oder bei Facebook klaute? Mit Absinth experi­mentiert hat? Seine Nachbarn mit einem Nachtsicht­gerät beobachtete und den Nebentisch im Café be­lauschte? Oder dass er schlicht ein psychotis­ches, menschliches Wrack ist, dem so etwas Krankes ein­fach zwischendurch mal so einfällt?

In die gleiche Richtung zielt die nächste Frage:

II. Wie kann man nur etwas so etwas abartiges, misogynes, sadistisches, pornografisches oder politisch unkorrektes schreiben?

Tja. Das hat man davon, wenn man sich vor Publi­kum öffnet und das innere Ungeheuer befreit und versucht, sich selbst durch Schreiben zu heilen.> Er­zählt man etwas Monströses, wird man für ein Mons­ter gehalten. Erfindet man einen üblen Rassisten oder Macho, ist man selbst einer. Und schreiben männliche Autoren gar über Frauen, finden sie sich plötzlich in einem Mi­nenfeld wieder, dem sie nicht mehr ausweichen kön­nen; egal, wohin sie sich wenden: Sie sprengen sich selbst in die Luft (siehe oben).

III. Wie autobiografisch sind Ihre Texte?

Ich weiß schon, das würdest du gerne wissen, liebe Leserin. Aber den Teufel werde ich tun. Alles was ich mache, ist au­tobiografisch. Auch wenn ich reife Jo­hannisbeeren vom Busch pflü­cke und sie mit Gelier­zucker einkoche, ist etwas von mir drin; ist dieses Glas Marmelade autobiogra­fisch. Genau wie die Bee­ren durch ein Sieb gepresst werden, um Schalen, Stängel und Ker­ne zu entfernen, fließt auch ein Text durch ein Gitter, nämlich durch das Raster meiner Persönlichkeit. Meine Geschichten sind durchtränkt vom Gelierzu­cker meiner eigenen Meinung. Man sieht: Wenn alles autobiografisch ist, ist nichts, was ich schreibe, auto­biografisch. Ich ma­che mir nicht die Mühe und arbei­te jahrelang an ei­nem Schlüsselro­man, um anschlie­ßend bei einer Le­sung den Schlüs­sel zu verschenken.

IV. Wie stehen Sie eigentlich zur aktuellen Politik?

Es ist seltsam. Autoren wird immer einiges zuge­traut. Sie sollen auf dem Stand der Forschung ste­hen, sich auf allen geisteswissenschaftli­chen und so­zialen Gebieten auskennen, ihr Wort eine moralische Instanz sein. Autoren stehen bei Demonstrationen in der ersten Reihe, lesen auf Wohltätigkeitsveranstal­tungen und schreiben glühende J’accuse…!-Artikel. Man sieht sie als Gutmen­schen und belesene Intel­lektuelle. Doch nicht alle heißen Jean Paul Sartre. Tatsächlich ist das eher selten der Fall. Autoren sind keine Denker. Sie haben keine neuen Ideen, die über­lassen sie anderen, besseren. Aber sie machen sie manch­mal durch einen Text populär. Auch in Deutschland sollte es sich lang­sam einmal durchspre­chen: Schriftsteller sind Men­schen wie du und ich. Die haben vielleicht gar nicht Kant oder Heidegger gelesen, überblättern den Politik- oder Wirtschaftsteil ihrer Zeitung, um schnell zum täglichen Sudoku-Rät­sel zu gelangen und wissen nichts Vernünf­tiges über AHAL-Regeln, Klimawandel, transatlantische Handelsabkommen oder die montenegrische Innenpolitik zu sagen. Aber sie ha­ben eine Meinung und einen Standpunkt und die finden sich in ihren Wer­ken. Wer sie kennenler­nen will, sollte die Bücher des Schriftstellers lesen. Ist es sinnvoll für Autoren, ihre Weltsicht wie all die Faceboo­ker, Istagramer und Twitterer wütend oder gar hasserfüllt hinauszupo­saunen? Ich denke nicht.

V. Wie stehen Sie zur Rechtschreibung?

Tatsächlich halte ich die Rechtschreibung für ein Gut, das immer mehr verloren geht und es macht mich verrückt, wenn in einem Buch auf ein »wegen« ein Dativ folgt oder gar die Rede von den »Einzigsten« ist. Trotzdem sträubt sich etwas in mir, »Leid tun«, »platzieren« oder »Frisör« zu schreiben. Denn Autoren sind in der Regel Instinktschreiber, nur we­nige haben Germanistik studiert und schlagen bei jedem Wort nach, welche Schreibweise Duden und Wahrig emp­fehlen. Ich behaupte frech, wer Germanistik studiert hat, kann kein guter Schriftsteller sein, da ihn sein Wissen um die deutschen Sprachre­gelungen daran hindert, frei von der Leber weg zu schreiben. Das gleiche gilt für Kritiker und Lehrer. Heinrich Böll soll der Unterschied zwischen »das« und »dass« nicht be­kannt gewesen sein (Da ist er ja in guter Gesell­schaft). Ich selbst habe mit Konjunktivsätzen und de­ren Verbformen erhebliche Schwierigkeiten und ken­ne zum Beispiel keine Kommare­geln; ich setze an den Stellen Kommas, bei denen ich beim Vorlesen eine kleine Pause mache. Zu 90 % ist das Komma dann doch genau an der richtigen Stelle, auch wenn ich viel zu viele mache. Den Rest sollte ein Lektor erledigen3. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die meis­ten Leser sehr großzügig über gewisse Rechtschrei­bunsicherheiten hinweggehen, weil sie selbst nicht so genau wissen, was denn nun eigentlich richtig ist.

VI. Welche Vorbilder haben Sie?

Bitte! Können wir das gleich überspringen? Denk doch noch einmal ernsthaft über diese Frage nach. Da könntest du mich ja gleich fragen: Bei wem ha­ben Sie Ihre Ideen geklaut? Ich habe keine Vorbilder. Nie ge­habt. Das sind nur Gerüchte. Doofe Frage eigentlich. Kein Autor hat Vorbilder. Vor mir gab es eh nieman­den, der mir das Wasser rei­chen konnte. Außer Balzac vielleicht, oder …

VII. Was halten Sie von Frau X oder Herrn Y?

Manche Autoren haben wütende Anhänger. Es sitzt seltsamerweise immer einer dieser Fanboys in mei­ner Lesung und bringt seinen Liebling aufdringlich ins Gespräch. Meist sind das Schriftsteller, denen ein wenig der Ruch der Trivialität anhängt, die man – warum auch immer – »verteidigen« muss. Stephen King ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über mein Verhältnis zu diesem Autor befragt wurde, obwohl ich nie auch nur eine einzige Seite von ihm gelesen oder ihn irgendwie erwähnt oder gar negativ über ihn geredet habe. Leute! In meiner Lesung will ich nur über mich reden und nicht über Daniel Glattauer oder den Herrn Kehl­mann. Die können sehr gut für sich selbst einstehen.

Und dann gibt es noch diese letzte, gefürchtete Fra­ge, die ich auf keinen Fall beantwor­ten will:

VIII. Was machen Sie eigentlich beruflich?

Auch wenn es so klingt: Diese naive Frage ist leider kein geschmackloser Witz, sondern sie wird ernstge­meint und wohlwollend immer und immer wieder ge­stellt. Nicht nur Autoren, sondern jeder Künstler kennt sie, denn sie taucht in geselliger Runde mit der gnadenlosen Unvermeidbarkeit eines Naturgesetzes grundsätzlich nach Lesungen, bei Vernissagen, nach Konzerten, Theateraufführungen auf. Sie rangiert ne­ben der Frage, woher nun eigentlich die Ideen herkä­men, unangefochten auf Platz Eins der dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann.

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Diesen und andere Texte findest du, liebe Leserin, in meinem Essayband „Noch einmal daran gedacht“, der überall im Handel als Taschenbuch oder als günstiges E-Book erwerbbar ist.


1 Ich bin wie die meisten Schriftsteller in dieser Hinsicht au­ßerordentlich konservativ. Die Abschaffung des grammatischen Geschlechts, die Vergewaltigung der Schrift und der Sprache, um durch Sternchen oder geschlechtsneu­tralere Formulierungen eine Gendergerechtig­keit zu schaffen, die dann allenfalls auf dem Papier, aber noch lange nicht in Wirklichkeit existiert, ist nicht mehr ein Dummer-Jungen-Streich (oder muss man jetzt Dumme*r-Heran-wachsende_n_s-Streich sagen?).

2 Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von »molestieren« ist »belästigen«. Es kommt von dem lateinischen molestare und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhun­derts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den »Jugenderinne­rungen eines alten Mannes« von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867). Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirk­lich lesens- und empfehlenswerten »Volksbuchs« des Bieder­maiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücher­ramschkiste gezogen habe und an denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen selbst ausdrücken wür­de, immer wieder einmal angeregt delektiere. In den »Erinne­rungen« findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzt wiedergegebener Satz: »[..] mir ward ir­gendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spat­zen mit der Windbüchse zu molestieren.« Ich lie­be solche alt­väterlichen Formulierungen, wie sie insbesonde­re Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt hat. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieb­lingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Ra­senmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen auf meinem Deckchair zu unter­nehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmüll­tonne, während ich mich gerade zu dichteri­schen Höhenflü­gen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter gewor­den sein, aber sie hat eindeutig an Schön­heit verloren. Aber ich will euch nicht ennuieren.

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