Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mánis Fall (Kapitel 1.11)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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»Ich werde dir helfen. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit.«

Wie die meisten goLEMs verdankte der beeindruckende Arztball sein merkwürdiges Aussehen nicht ästhetischen Überlegungen, sondern allein der Zweckmäßigkeit. Er hatte einen Durchmesser von gut einem Meter und konnte seine vielen Arme, von denen er allerdings fast alle eingeklappt hatte, bis zu zwei Meter Länge ausfahren und sah dann wie ein grotesk vergrößerter Virus aus. Er flog in einem sanften Bogen heran und stieg dabei etwas in die Höhe, bis sich seine acht optischen Linsen, die knapp oberhalb des Kugelmeridians angebracht waren, in Fabias Augenhöhe befanden. Es war irritierend, von diesen acht fast menschlich wirkenden Augen mit ihrer grellgrünen Iris gemustert zu werden. Das war dem Arzt offenbar bewusst, denn er betrieb nur zwei von ihnen, durch die er einen erstaunlich intelligent und besorgt wirkenden Blick auf Fabia und Omicron warf. Falls es den Tu-as-qu’à verwunderte, dass nach der Räümung der Sorbonne noch eine sichtlich angeschlagene Patientin mit einem kleinen goLEM unter dem Arm zu ihm hereinschneite, ließ er es sich nicht anmerken und keine Bemerkung darüber fallen.

Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Auf­stand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unter­warfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI-Programmierung ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten überall auf der Welt und im All an Orten, die ein menschlicher Arzt nicht erreichen konnte, neben ihren medizinischen auch psychologi­sche und psychiatrische Aufgaben erledigen können. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas über­trafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durch­schnittlichen und absichtlich »dumm« programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei einge­schlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Codierung auf medizinische Zwecke und durch die Kontrollen des I-Nets be­schränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Quantengehirne hatte üb­rigens Professor Rosenthal entwickelt, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

»Teile mir jetzt die Art deines medizinischen Problems mit«, beharrte er. Fabia weckte Omicron aus dem Standby und stellte ihn am Boden ab. Die beiden Kugelroboter begannen sofort, sich über ihre Krankenakte auszutauschen. Der goLEM der Studentin wirkte wie die Kinderspielzeug-Ausgabe des großen, fliegenden Gammas, aber dieser schien ihm trotzdem aufmerksam zu lauschen – auch wenn Fabia mit ihren ausgeschalteten Augreyes nichts von ihrer eifrigen Unterhaltung über Funk mitbekam. Etwas war an diesem Tu-as-qu’à anders als an den Medizinmaschinen, mit denen sie sonst zu tun hatte. Sie wusste nur nicht, was und hätte gerne in der VR seiner Zentraleinheit einen Besuch abgestattet. Doch dazu blieb keine Zeit. Der Arzt unterbrach die Verbindung zu Omicron.

»Das ist keine Kritik an deinem Omicron µ-4598-76, der mir fundierte Informationen lieferte. Aber ich würde dich gerne noch einmal selbst untersuchen, Bürgerin Winterfeld. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich stimme zu. Aber beeile dich bitte.« Sie hätte sich gerne noch länger mit dem Arzt unterhalten, alleine, um weiter seiner sonoren Stimme lauschen zu können. Omicron an ihrer Seite murmelte stolz etwas Unverständliches.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Un­tersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, re­agieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklabo­ren der Pariser Universität den ersten komplett men­schenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott aus dem „Sommernachtstraum“ Oberone getauft hatte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genopti­mierten – zumindest ein Halbgott sein. Es war Fa­bias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen, zu testen und weiter zu entwi­ckeln. Er sollte von ihr lernen – vor allem menschliche Verhaltensweisen. Die Studentin hatte inzwischen ein sonderbares, sehr inti­mes Verhältnis zu dem künstlichen Wesen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte. Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom sich sehr langsam entwickelnden Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

»Bürgerin«, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. »Begebe dich sofort zur Behandlungslie­ge. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.«

Hoffentlich informierte er jetzt nicht die Behörden. Aber das Rote Kreuz unterstand, wie sie wusste, keiner Regierungsstelle und schon gar nicht der 2MC. Deshalb war sie das Risiko eingegangen. Der Tu-as-qu’à schien auch tatsächlich nur an ihrem Zustand interessiert zu sein und hatte bisher keine Identifikationsnachweise von ihr gefordert.

Einer der dünnen Arme des Gammas klappte aus seiner Verankerung am Kugelkörper. Der Tu-as-qu’à klickte ungeduldig und deutete auf den hinteren Bereich der Station, an der einige mit komplizier­tem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen.

»Folge mir bitte«, sagte er und flog voran. Omicron rollte ihm wie ein Haustierchen hinterher. Fabia erkannte erleichtert einen Dialyseapparat. Sie kam gehorsam hinterher und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie zog den Hoodie ihres verstorbenen Bruders aus und legte ihn neben sich. Dann ließ sie sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Bewundernd beobachtete sie seine professionelle und zielgerichtete Arbeit. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie wie diesen Gamma einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltun­tergang hin, Armageddon her –, doch sicher die evaku­ierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuch­ten; auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle stand­rechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel der Sorbonne, zumindest im Umfeld der großen Bibliothek, schien jedoch vorerst noch alles ruhig zu sein. Erstaunlich genug …

Fabia lehnte sich vorsichtig auf der Liege zurück, schloss dann die Augen und überließ sich der Pflege des goLEMs. Er schwebte nun neben ihr und hatte sich über eines seiner Ärmchen mit der Konsole verbunden, die am Kopfende stand. Dabei summte er leise eine komplizierte Melodie, die Fabia bekann vorkam, obwohl ihr nicht einfiel, wie das Lied hieß. Sie hätte ihre Augreyes wieder einschalten und im Netz suchen müssen, aber das erschien ihr zu gefährlich. Wie war es zu dieser Eigenart gekommen? Hatte die KI des Tu-as-qu’à sie eigenständig entwickelt? Wahrscheinlicher war es, dass für dieses Summen ein paar Codezeilen der ursprünglichen Programmierung verantwortlich waren. Schließlich war diese ja vom Professor entwickelt worden, dem das Hinzufügen solch einer kleinen Skurrilität durchaus zuzutrauen war. Baruch Rosenthal nannte dies eine „Prägung“. Ob wohl seine neuste, weiterentwickelte Schöpfung Ober-1 auch auf diese Weise von ihm „geprägt“ worden war? Sie kanne zumindest sämtliche Werke von Shakespeare und konnte diese mit unterschiedlichen Stimmen vortragen. Fabia hatte jedoch in ihrem täglichen Umgang mit dem Androiden bisher nichts in dieser Richtung feststellen können. Wahrscheinlich konnte Oberone singen; seine künstlichen Stimmbänder waren zumindest theoretisch dazu in der Lage. Sie musste das unbedingt bald untersuchen. Das wäre ein Thema für ihre Semesterarbeit.

Fasziniert lauschte Fabia weiter der eigenartig hypnotischen Musik des Tu-as-qu’à, die ihren Zweck erfüllte. Die Patientin des atmete nun langsamer und regelmäßig, ihr rasender Geist beruhigte sich. Auch wenn ihre Furcht vor den nahenden Gefahren der Zukunft nicht nachließ, so rückte sie wenigstens ein wenig aus dem Fokus. Zum ersten Mal seit ihrer überstürzten Flucht aus ihrer Wohnung fand sie ein wenig Ruhe.

»Aber ich muss aufpassen«, ging Fabia durch den Kopf. »Das ist die Ruhe vor dem Sturm.« Dann schlief sie ein.

[Zur Fortsetzung …]

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