Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mánis Fall (Kapitel 1.9)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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Und hinab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig be­fahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng bei­einander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Poli­zeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie die junge Frau, der sie mit ge­ringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Pro­bleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unter­binden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf ei­ner scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahinjagend, beschleunigte sie immer weiter, reizte den Motor bis zu seinen Grenzen aus. Der Steuerknüp­pel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben er­ahnte, leg­te seine Hand auf ihre und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und weiterhin unter Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mör­derisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes einge­blendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren waghalsigen Plan gefunden. Nur auf diese Weise würde sie die Polizei abschütteln können. Sie bog noch zwei­mal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu ei­ner ausgedehnten Gartenanlage markierte, die dem al­ten Bois de Bologne nachemp­funden war. Links und rechts von dem Tor erhoben sich massive Steinmauern. Selbstverständ­lich war es nur die zeitgenössische Ko­pie eines Tri­umphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, achthundert Jahre altes Relikt aus der be­wegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszuset­zen. Doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang ihr per­fekt, als hätte sie es seit ihrer Jugend geübt. Links und rechts blieben ihr zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durch das Tor gezwängt, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und und milderte dadurch den Fall des Dichters etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheits­dämpfung einge­schaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fa­bias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläser­ne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant empor­steigen ließ, gelang es zwar dem ersten der Verfolger noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu fol­gen, aber die anschließende scharfe Kehre schaffte er nicht mehr. Sein Wendekreis war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Allee­bäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte der Polizeischweber in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winzi­ger Droh­nen aufstieg, die auf allen landwirtschaftli­chen Flä­chen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestor­benen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Polizeischiff erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde auswei­chen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explo­dierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Garten­mauer sprengte. Zum Glück hielt sich kein Mensch in der Nähe auf.

»Bürgerin Winterfeld …«, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbin­dung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung wieder an Omicron ab, der den Flieger auf den rechten Kurs brachte, ihn über die nahe Seine steuerte und in gemäßigtem Tem­po und niedriger Höhe auf das weitläufige Universi­tätsgelände zu­hielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia wäh­renddessen um den jammernden Ra­phaël, dem zwei kaum zu stoppende Blutrinnsale aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Ban­dage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Blutung presste.

»Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden«, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Re­spekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle gelasert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC ken­nen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids „Recht­gläubigem Rotem Reich“ verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regie­rung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die na­türlichen Feinde jeder Demokratie«, steigerte er sich wütend in ein politisches Manifest.

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindru­ckende, glänzende Fassade des Gebäudes reichte fünf­zehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenl­osen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schrift­steller Jorge Luis Borges „Babel“ genannt. Dort residier­ten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Pro­fessor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenom­mene Außenhülle trotz der sommerlichen Temperatu­ren, die am Boden herrschten, mit Reif bezogen war. Er dampfte eisig. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Men­schen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden an­deren Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels „Walden 3.2“ ging, das einen weltum­spannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur weni­ge NPCs und Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuel­len Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugech­sen zu, die in der Ther­mik unter dem rosafarbenen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Ein­samkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Lee­re und litt an Agoraphobie, gegen die sie sich nie hatte behandeln lassen. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räu­me voller Menschen gewechselt, als die wenigen hun­dert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und er­brach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn. Omicron drehte aufgeregt fiepend enge Kreise um die beiden.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

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