Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mánis Fall (Kapitel 1.6)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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»Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen«, fuhr Leon vorsichtig fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin keine Zuträgerin der Moon Corp. war und er befürch­ten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhan­deln. Es hielt sich das hartnäckige Gerücht, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden las­sen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte. Doch Misstrauen war in diesem Mo­ment fehl am Platz.

»Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt«, sagte sie, während sie vor die zweck­entfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Resten der Party leerräumte. Sie prüfte die Konso­le mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und an­erkennend.

»Citoyen, ja. Von euch habe ich gehört. Das ist die Gruppe um Professor Rosen­thal; sie nennt sich auch Newlisas, nicht wahr? Ihr kämpft gegen den Bau der Dyson-Sphäre, obwohl sie uns allen den Arsch retten kann.« Er legte den Kopf schief. »So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.«

»Die Kurzfassung, ja? Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein teurer Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der gu­ten alten Erde zu eng wird und die nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damokles­schwert des drohenden Mondsturzes können die Res­sourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transpor­tieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn des­sen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben«, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhänge­tasche griff und ihr Elektronikwerkzeug herausholte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instru­ment in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. »Du behauptest also, es wären nicht die bösen Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch be­nutzen will? Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht? Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Ich weiß es auch nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungs­gewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich bitte arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt«, sagte Fabia und schloss ein komplizier­tes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserka­beln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

»Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Sie dürfte für einen Neustart ausreichen«, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer trat zurück und sah furchtsam nach oben. Aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich angeblich über seinem Haupt zusammenbrau­te. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgend­lichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade müh­sam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass von dort oben der Tod auf sie herabfiel. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile revi­dieren, die sie sorgfältig gegen Menschen wie seines­gleichen hegte. Offenbar war der Künstler bei weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie ge­dacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass Leon Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozia­len Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiens­ten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzma­lende, aber harmlose Spinner und Verschwörungstheo­retiker bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düs­teren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

»Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt«, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel ge­starrt. »Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analo­ge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopf­schmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.«

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zuge­hört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Be­triebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

»Omicron!« Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfa­che Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mit Hilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur be­kam von Omicron auf kabellosem, elektromagneti­schem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia be­nutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich be­fand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Na­turgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurz­er Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn ge­macht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Compu­tern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Au­greyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder aus­werteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

Vor ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, sur­reale Welt voller allein durch Blicke beweglicher und beeinflussbarer, vierdimensionaler Symbole, glitzern­der Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Kno­ten ineinander verwickelte Seile aussahen, komplizier­ter Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformter Körper, die quecksilbern glänzten und ihren Robotervorbildern in der echten Welt nachgebildet waren. Es gab kein Him­melsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vor­ne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unver­mutet an einer anderen Stelle wieder auf. Für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstre­bigkeit erkennbar, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cy­berspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen inneren Vor­gänge in dem Rechnerpult, eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farben­pracht ordnete. In diesem künstlichen, dabei vollkom­men lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl; er war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konn­te sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Kö­nigin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schloss­wächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersys­tems zu behindern.

[Zur Fortsetzung …]

Wie es weitergeht:

Meister Siebenhardts Geheimnis
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Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

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