Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mánis Fall (Kapitel 1.5)

Der Prolog der großen Brautschau-Saga:
Mánis Fall

knoten

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»Aber was machen wir denn jetzt? Können wir viel­leicht in einen anderen Flügel wechseln?«

Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie ihr Glück vielleicht doch über die Treppe versuchen?

In diesem Moment öffnete sich weiter hinten auf der rechten Seite überraschend eine Tür. Zwei junge Män­ner, die in neonfarbenen Pyja­mas steckten, tappten zö­gernd in den Flur. Sie machten einen unausgeschlafe­nen und verwirrten Eindruck. Fabia kannte die bei­den vom Sehen und von einer Einladung zu einer Stock­werksparty in ihrer weitläufigen Woh­nung, die mit abstrakten Skulpturen vollgestopft war. Die ganze Sa­che war damals ziemlich aus dem Ruder gelaufen und hatte auch etwas peinlich für sie geendet. Sie dachte nicht gerne daran zurück. Die zwei Männer waren kei­ne Studenten, sondern ein Künstlerpärchen, das dieses ziemlich teure Appar­tement angemietet hatte, da es das größte auf diesem Stockwerk war und als einziges einen Balkon mit ei­nem eigenen, privaten Schweber-Landeplatz besaß. Fa­bia kannte von den beiden nur ihre Vornamen und ver­wechselte sie immer wieder, ob­wohl sie sich äußerlich absolut voneinander unterschie­den. Der ältere von ihnen – ein Bildhauer, der seine plastischen Werke am Computer entwarf und mit ei­nem Drucker produzierte, der größer als Fabias Nass­zelle war -, hieß Leon, der andere, ein extrem begabter, extrem moderner und zu­gleich extrem erfolgloser I-Net-Poet, nannte sich Ra­phaël, was aber bestimmt ein Pseudonym war.

»Was ist denn los? Ein Erdbeben?«, fragte Raphaël – zumindest nahm Fabia an, dass er der Dichter war. Er rieb sich die Augen. Sie rannte zurück zu den beiden. Hatten sie tatsächlich gemeinsam den Weltuntergang ver­schlafen?

»Habt ihr denn die Nachrichten nicht gehört?«, fragte Fabia verwundert. Das Paar sah sich an.

»Nun, äh, gestern ist es etwas später geworden. Wir hatten eine, äh, kleine Familienfeier. Wir haben unsere Augreyes für die Nacht deaktiviert, damit wir aus­schlafen können und nicht um sechs Uhr vom täglichen Alarm geweckt werden«, erläuterte Leon entschuldi­gend und auch ein wenig verlegen. Fabia hätte ihn jetzt gerne gefragt, wie es ihm so ein­fach gelungen war, seine Verbindung zum I-Net zu un­terbrechen. Denn das war eigentlich fast unmöglich und auch strafbar. Für dieses kleine Kunststück hätten sich die Citoyens sehr interessiert, aber für eine Erklä­rung war im Au­genblick keine Zeit.

»Dann würde ich an eurer Stelle meine Reyes schnell wieder einschalten!«, rief sie. »EDY hat Katastrophen­alarm ausgelöst, weil uns in Kürze ein Brocken vom Mond auf den Kopf fällt. Im Ernst! Wir sind in Lebens­gefahr und müssen auf der Stelle das Gebäude verlas­sen und die Schutzräume aufsuchen. Wahrscheinlich sind wir die letzten, die noch hier oben dumm herum­stehen. Aller­dings haben wir ein nicht unbedeutendes Problem: Die Aufzüge sind außer Betrieb.«

Leon und Raphaël starrten sie wie Denkmäler ihrer selbst an; ihr von Alkohol und diversen anderen Dro­gen umnebeltes Gehirn kam nur langsam in Bewe­gung. Raphaël kratzte sich in seinen üppigen, hasel­nussbraunen Haaren.

»Merde!«, fluchte er wenig poetenhaft. »Ich werde dann mal ein paar Sachen zusammenpacken.«

Er machte aber keine Anstalten, in das Loft zurückzu­gehen, sondern blieb weiterhin unschlüssig in der Tür stehen. Wahrscheinlich verfolgten jetzt beide die neues­ten Nachrichten über ihre Kontaktlinsen, das würde ihren abwesenden Blick erklären. Fabia hatte keine Zeit, darauf zu warten, bis das Paar den Ernst der Lage begriffen hatte.

»Wenn ihr mich in eure Wohnung lasst, weiß noch eine andere Möglichkeit, wie wir schell hier wegkommen.« Sie drängte sich zwischen den beiden hindurch in das Appartement, das aussah, als hätten dort fünfzig Pavia­ne eine Orgie gefeiert. Omicron folgte ihr vor­wurfsvoll piep­send auf dem Fuß, hatte aber Schwierig­keiten, auf dem vermüllten Teppich voranzukommen. Offenbar hatten die beiden auch ihre Putz-goLEMs ausgeschaltet. Die Skulpturen von Leon, die jeden frei­en Platz zwischen den Möbeln ausfüllten, glichen amorphen, dichten Rauchschwaden, aus denen an den überraschendsten Stellen hyperrealistische, dabei aber ins Groteske vergrößerte Gliedmaßen oder aufgebe­blähte männliche Geschlechtsorgane herausragten. Jetzt hingen an vielen von ihnen farbenfrohe Tücher, bunte Lampions und große, zu Spazierstöcken geformte Zuckerstangen.

Fabia fürchtete sich ein wenig vor der Kunst des glatz­köpfigen Bildhauers. Sie war ihr zu düster und bedrohl­ich, erinnerte sie zudem an die blutrünstigen Ido­le eines Steinzeitstamms. Doch die Werke schienen sich gut zu verkaufen, wenn sich die beiden Männer dieses großzügige Loft ganz oben auf einem der Pariser Wohntürme leisten konnten – auch wenn dieser reno­vierungsbedürftig war und nicht im allerbesten Stadt­viertel stand. Fabia hatte gewisse Vorurteile vor Män­nern mit Glat­ze. Obwohl sie nicht wusste, ob der Bild­hauer von Na­tur her kahlköpfig war oder es erst durch eine geneti­sche Optimierung geworden war, deren Ne­beneffekt beim ‚starken‘ Geschlecht in der Regel ein vollkomme­ner Haarausfall bildete. Sie misstraute Menschen, die sich der äußerst aufwändigen Behand­lung durch den volks­tümlich als „Grüner Strahl“ be­kannten radiologischen Eingriff in ihr Erbgut unter­warfen, um weiter sehen zu können, schneller zu lau­fen, besser zu denken, leichter abzunehmen und was es da noch für Möglichkeiten gab. Obwohl sie eigentlich nicht religiös war, kam es Fabia wie Betrug vor und wie eine ketzerische Anma­ßung. Auf diese Weise in Gottes Werk zu pfuschen, konnte nicht richtig sein. Rein äußerlich war Leon nichts anzusehen. Ihm wuch­sen keine Engels- oder Fledermausflügel, wie es gerade bei der Jeunesse dorée en vogue war. Auf den ersten Blick war es nicht erkennbar, ob er sich körperlich mo­difiziert hatte. Er trug nicht einmal eine Leuchttäto­wierung an seinem nackten Oberarm. Eigentlich ging das Fabia überhaupt nichts an und es war das Problem von Leon und seinem zierlichen Freund Raphaël, der übrigens seinem Namen alle Ehre machte und schul­terlange, seidige Locken trug. Es war nur so, dass sie keine glatzköpfigen Männer mochte. Punkt.

Ohne auf die verlegenen Mienen und die erstaunten Ausrufe der beiden zu achten, bahnte sie sich einen Weg durch die Überreste einer durchzechten Nacht und die im Weg herumstehenden düsteren Skulpturen. Sie trat durch das blau flimmernde und damit als durchgängig markierte Türfeld hinaus auf den Balkon, der die Ausmaße einer kleinen Dachterrasse hatte, aber frei in dreieinhalb Kilometer Höhe über den Rand des Turms in die freie, hier oben bereits recht dünne Luft ragte. Der Sommermorgen war in dieser Höhe empfindlich kalt. Fabia war froh, dass sie sich vor­hin den Hoodie ihres verstorbenen Bruders übers T-Shirt gezogen hatte und schob sich die Kapuze des Pullis über das blonde Haar. Der Ausblick war um einiges bes­ser und beeindruckender als der aus dem schmalen und halb­blinden Fenster in ihrer eigenen Wohnung, das man nicht öffnen konnte. Zuerst fiel ihr auf, dass die sonst so allgegenwärtigen Werbetafeln vom Himmel verschwunden waren. Die Ordnungskräfte hatten sie offenbar landen lassen, da­mit sie den Flüchtenden nicht im Weg waren.

Fabia trat an die Brüstung, lehnte sich über sie und spähte in die Tiefe. Jedermann war schwindelfrei; dies war eine genetische Modifikation, die bei jeder Schwangerschaft zum Standard gehörte, weil die Mehr­zahl der Menschen in diesen himmelhohen Wohn­türmen leben musste, nachdem der Platz in der Hori­zontalen zu eng geworden war. Diese Gebäude ragten in der Verti­kalen nicht nur hoch empor, sondern gingen auch viele Stockwerke in die Tiefe. Das Henri-Gou­raud-Building war nur einer von einem Dutzend eng beieinanderste­hender Wolkenkratzer, die alle unterein­ander durch Brücken und Plattformen verbunden wa­ren und doch nur einen Teil der unzähligen, in den Himmel deuten­den Gebäudeinseln von Paris darstell­ten. Zwischen den Türmen brauste auf mehreren Ebe­nen der Verkehr durch die Luft, der Fabia kaum dich­ter als an einem gewöhnlichen Morgen zur rush hour erschien. Zigtau­sende von kleineren und größeren Flugmaschinen strömten wie glitzernde Gebirgsbäche durch die metal­lenen und gläsernen Schluchten. In weiter Ferne konn­te Fabia einige dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen, deren Ursprung sie jedoch nicht ge­nau einschätzen konnte. Waren dort bereits einige Me­teoritenbrocken vom Mond niedergegangen oder Ge­bäude durch die Erdbeben eingestürzt?

»Du bist doch Fabia, nicht wahr? Unsere Nachbarin ein Stück den Gang hinunter, die uns bei unserem Ein­weihungsfest die Wohnzimmercouch vollgekotzt hat«, stellte Leon fest. »Was willst du tun? Willst du dich etwa hinabstürzen?«

Er war neben Fabia auf die Terrasse getreten und warf ebenfalls einen Blick in die Tiefe. »Oder kannst du viel­leicht fliegen?«

Sie riss sich von dem überwältigenden Anblick los und wandte sich zu dem glatzköpfigen Bildhauer, der sie neugierig musterte. Fabia deutete auf eine eine Hand­breit hohe und kreisrunde Erhebung mitten auf dem Balkon. Sie hatte etwa einen Meter Durchmesser. Da­neben war auf einem schmalen, gebogenen Fuß eine Konsole befestigt, die die Künstler offenbar als Geträn­ketischchen missbrauchten, denn es standen einige be­nutzte Gläser und halbleere Flaschen auf ihr.

»Weder – noch. Aber eure Vormieterin Alexandrine hat sich hier eine Expressschweber-Plattform einbauen las­sen. Ich habe mich mal mit ihr unterhalten. Sie arbei­tete für die Di­rektion der Société Générale und musste ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich zur Verfü­gung ste­hen.«

»Dieses veraltete Ding ist doch längst vom Netz ge­trennt und nicht mehr in Funktion. Außerdem hat AUSKUNFT gerade über die Augreyes mitgeteilt, dass der Schweberverkehr bis auf weiteres ruht, weil das Militär den Luftraum für Truppenbewegungen und Transporte benötigt«, erwiderte Leon. Dann zögerte er und musterte Fabia nachdenklich. Er schien darüber nachzudenken, was er zu ihr sagen durfte.

[Zur Fortsetzung …]

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