Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil ZWEI)

Teil II. der großen Brautschau-Saga:
Faiabas Erwachen

knoten

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch eine gewaltige Waffe hat den Weltuntergang der Vorgänger überstanden und bedroht die Menschheit. Es ist Maní, der schwarze, künstliche Mond, der überraschend am Himmel aufgetaucht ist und in wenigen Monaten auf die Erde stürzen und alles Leben unter sich begraben wird.

Auch Fabia Winterfeld, eine junge Vorgängerin, hat die Selbstvernichtung ihrer Zeitgenossen im Kälteschlaf überlebt. Das Wissen der blonden Schönheit ist die einzige Chance, das drohende Ragnarök zu verhindern. Aber ihre eisige Ruhestätte befindet sich tief in den Katakomben der alten Universität von Pars, die mitten in den Jenseitigen Landen liegt.

Eine Gruppe mutiger Abenteurer, unter ihnen der Brautwanderer Half, der Kaufmann Juel und der Märchenerzähler Sahar, wagt den Wettlauf gegen die Zeit und dringt – verfolgt von alten und neuen Feinden  – unter großen Mühen und Gefahren in die todbringenden Gebiete im Westen vor, in denen sich die Natur in unvorstellbarer Weise verändert hat und der teuflische Daimon Inet auf neue Opfer lauert …

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Prolog
5880 Jahre vorher
II.

„Guten Morgen, Herr Professor, ich werde mich gleich auf den Weg machen. Aber darf ich mich vorher noch anziehen? Sie sehen es nicht, aber ich bin unter der Dusche und ich stehe im Augenblick vollkommen nackt vor ihnen“, erwiderte die junge Studentin ruhig, obwohl sie sich ganz und gar nicht gelassen fühlte. Ihr Herz klopfte laut vor Aufregung. Der ältere Mann sah ihr überrascht in die Augen – das heißt, er sah ihrem auf seine Pupillen projizierten Avatar in die Augen, der selbstverständlich korrekt gekleidet war. Denn obwohl es für Fabia so wirkte, als würde Rosenthal schamlos in ihrem Badezimmer direkt vor ihr stehen, hielt er sich doch etliche Kilometer von ihr entfernt auf der anderen Seineseite in seinem der Universitätsklinik angegliederten Labor auf, das alle dort nur als das Babel kannten. Ach, es war kompliziert, aber die Täuschung perfekt. Fabia zwinkerte kokett und lächelte verführerisch. Sie wusste, dass die dreidimensionale Projektion von ihr diese Bewegungen in Echtzeit und getreu nachahmen würde – auch die merkwürdigen Verrenkungen, die sie machte, während sie sich geschwind abtrocknete und sich eilig ihre Freizeitklamotten anzog. Sie warf sich den ausgewaschenen, ihr viel zu weiten Sweater über, den sie mal ihrem großen Bruder aus dessen Kleiderschrank gestohlen hatte. Er war das einzige Erinnerungsstück, das sie noch von ihm besaß. Dabei ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst. Ihr kokettes Verhalten war einer emanzipierten Frau nicht würdig. Und doch … Der Professor räusperte sich und sah verlegen zu Boden, als würde er ihr tatsächlich dabei zusehen, wie sie sich ankleidete.

„Sie haben die Nachrichten noch nicht gehört, Fabia? Diesmal ist es ernst und Sie müssen sofort zu mir!“, flehte er. Die Studentin sah ihm an, dass er sich Sorgen machte. „Nehmen Sie nicht die Metro, sondern kommen Sie, wenn möglich, mit einem Schweber. Auch wenn es länger dauert, ist der Luftweg doch sicherer – zumindest bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Ich warte hier auf Sie. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.“

Der Professor beendete die Verbindung und sein Geisterbild klappte zusammen. Sofort schob sich eine Textmeldung von I-Net in den Vordergrund, die eine audiovisuelle Übertragung über den Regierungskanal ankündigte. In einem leicht durchsichtigen Rahmen, den ihr die Augreyes gegen die leere Wand warfen, auf die Fabia nun gewohnheitsmäßig sah, wenn sie mit einem Augenzwinkern durch die TV-Kanäle zappte, erschien der dunkelhäutige Pressesprecher der Earth Defense, ein glatzköpfiger Mann undefinierbaren Alters, der unter dem Spitznamen EDY bekannt war. Er wirkte besorgt, aber gefasst und vertrauenerweckend, strahlte Zuversicht und Entschlossenheit zugleich aus. Sie wusste, dass auch er kein echter Mensch, sondern nur ein Hologramm war, dessen Physiognomie man nach ausgeklügelten psychologischen Gesichtspunkten zusammengestellt hatte. Niemand wusste, wie der echte Sprecher aussah – Fabia stellte ihn sich immer untersetzt und dick vor, mit einem Stiernacken und kleinen Schweinsäuglein. Was EDY zu sagen hatte, erschreckte sie allerdings und brachte sie dazu, sich so schnell wie möglich fertigzumachen.

„Bürger! Dies ist keine Übung. Der heutige Angriff der niederträchtigen Mars-Rebellen hatte zur Folge, dass ein Gesteinsbrocken mit etwa 2,5 Millionen Kubikkilometer Rauminhalt vom Mond abgesprengt wurde und sich nun in einer instabilen, enger werdenden Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Mond selbst ist nicht in Gefahr, aber in exakt …“, die Stimme klang plötzlich metallen und künstlich, „16 Stunden und 24 Minuten …“, und kehrte zu ihrem normalen Tonfall zurück, „wird dieses kleine Teilstück über dem Atlantik ins Meer stürzen. Es ist trotzdem zu befürchten, dass der Impakt sowohl auf dem panamerikanischen wie auch auf dem afrikanischen und dem europäischen Festland schwerste Erdbeben der Stärke 10,5 und höher und extreme Tsunami-Wellen auslösen wird, die nicht nur die Inseln und Küsten, sondern alle Regionen der genannten Kontinente existenziell bedrohen; insbesondere auch die unterseeischen Rechenzentren des I-Net unter Marelona. Sie werden aufgefordert, unverzüglich die Ihrem Wohnbereich nächsten Schutzräume aufzusuchen. Ihre Augreyes werden Sie führen. Bleiben Sie ruhig, Bürger, Sie haben ausreichend Zeit, in Kontakt mit Ihren Liebsten zu treten und in den Bunkeranlagen Schutz zu finden. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Bürger! Dies ist keine Übung! Der heutige Angriff der Rebellen …“ Der Pressesprecher begann damit, seine Katastrophenmeldung zu wiederholen. Gleichzeitig klappten weitere, sich teilweise überlappende Rahmen mit Fernsehprogrammen auf, die Livebilder aus aller Welt und hektische Reporter und Kommentatoren zeigten.

Fabia schaltete den Ton leiser und vergrößerte mit einem gezielten Blick eine Filmaufnahme vom Mond. Er sah ein wenig wie ein Apfel aus, von dem jemand ein kleines Stück abgebissen hatte. Ein paar Brocken schwebten durchs Bild, aber die Hauptmasse des von den Gravitationswellenkanonen abgetrennten Gesteins war längst auf dem Weg, in einer langgezogenen Kurve auf die Erde zu stürzen. Erschüttert versuchte die junge Frau die Größe des wie ein Damoklesschwert über ihrem Haupt schwebenden Mondbrockens einzuschätzen und welche Schäden er verursachen würde, aber ihre Einbildungskraft reichte dazu nicht aus. Trotz der Bilder, die ihr die Kontaktlinsen zeigten, blieb die Gefahr noch abstrakt. Vielleicht war es auch der Schock, aber sie blieb ruhig und gefasst. Sie schaltete alle Fernsehkanäle aus, aber I-Net zeigte ihr weiterhin den Countdown bis zum Impakt und blendete eine Fluchtroute zum nächsten Schutzraum ein.

Fabia starrte auf die rot blinkende Infografik, ohne sie richtig wahrzunehmen. Eine nie gefühlte Panik schnürte ihr wie ein dünner, messerscharfer Draht die Luft ab. Direkt über ihrem Kehlkopf saß er und strangulierte sie, machte jeden Atemzug zu einem erstickten Röcheln. Ihre Hände fuhren zum Hals, als könne sie sich von dem eingebildeten Draht befreien. Dann atmete sie krampfend ein, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wenn sie daran dachte, dass sie eben noch überlegt hatte, ob sie wohl genug Geld für eine weitere Schönheits-OP aufbringen konnte, wurde ihr ganz schlecht. Wie schnell solche Dinge vollkommen unwichtig wurden …

„Jean Paul, sie haben es wirklich getan“, flüsterte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. Mit dem Vornamen des Philosophen aus einer längst vergangenen Epoche aktivierte Fabia ihren nach ihm benannten I-Net-Tagebuch-Kanal, dessen von ihr selbst programmierte KI-Software getreu begann, ihre Worte für die Nachwelt und ihre Follower aufzuzeichnen, sie dabei in alle möglichen Sprachen übersetzte, um sie anschließend dem ausgefallenen Avatar, den die Studentin sich ausgesucht hatte, lippensynchron in den Mund zu legen.

„Gerade eben hielt ich es noch für vollkommen ausgeschlossen, dass mir so etwas passieren würde. Nicht heute, nicht morgen, nicht in zwanzig Jahren, nicht während meiner Lebenszeit. Das war undenkbar, also existierte es nicht. Heißt es nicht schon immer: ‚Nach mir die Sintflut‘? Der Weltuntergang ist doch etwas für die nächste oder die übernächste Generation, nicht für die eigene. Sollen doch unsere Enkel die Verantwortung für unsere Taten übernehmen, so wie wir die zerstörte Umwelt und den radioaktiven Müll unserer Vorfahren übernommen haben.“

Fabias Augreyes zeigten ihr die Statistik für ihr Online-Tagebuch, das sie auf den Namen „Jean Pauls kleine Existenz“ getauft hatte. Sie vermochte es sich kaum vorzustellen, aber sie hatte Publikum auf der ganzen Welt. Laut dem eingeblendeten Zähler waren es 5734 Personen, die trotz der gefährlichen Situation in diesem Moment einem älteren, schielenden Mann mit dicker Hornbrille, schütterem Haarwuchs, schlechten Zähnen und einer altertümlichen Pfeife zwischen den dicken Lippen dabei zuhörten, wie er in ihrer eigenen Sprache die Sätze formulierte, die Fabia im gleichen Moment in ihrer Wohnung flüsterte.

Eigentlich hätte ihr I-Net-Double Simone de Beauvoir heißen und wie diese aussehen sollen – eine unnahbare, stolze Frau, die ihre schwarzen Haare in einen todschicken Turban eingewickelt trug und kein eher schmuddliger Briefkastenonkel wie ihr Lebensgefährte Sartre – aber die Avatarin der legendären Schriftstellerin und Feministin war nach Elisabeth Bennet die beliebteste und bereits so oft an Studentinnen der Genderwissenschaften vergeben, dass Fabia sich für Beauvoirs heutzutage eher unbedeutenden und außerhalb von spezialisierten – den klassischen Existenzialismus erforschenden – Fachkreisen nur äußerst selten als Avatar benutzten Philosophenfreund entschied, als sie vor ein paar Jahren wegen einer von Professor Rosenthal gestellten Semesteraufgabe aus einer Laune des Augenblicks heraus diesen typischen Studentenblog eröffnet hatte. Über „Jean Pauls kleine Existenz“ teilte sie sehr unregelmäßig ihre Gedanken und Empfindungen, ihre politischen Meinungen – so weit sie nicht der oft allzu besorgten und akribischen Zensur des I-Net anheim fielen – aber auch Gedichte und allerlei Berichte und Anekdoten aus ihrem Alltag an der Sorbonne mit. Sie hatte sich nicht vorstellen können, wen ihr Geplapper außer ihren Freuden und Bekannten noch interessieren könnte, aber der bescheidene Erfolg hatte sie doch ein wenig stolz gemacht. Gut, zehntausend Zuschauer auf ihrem sporadischen, recht exzentrischen Jean-Paul-Sartre-Augreye-Kanal waren bei einer Weltbevölkerung von ungefähr achtunddreißig Milliarden Menschen wirklich nicht viele, aber es waren ihre Zuschauer und sie fühlte sich vor ihnen in der Verantwortung. Deshalb wollte sie sich auch von ihnen verabschieden, bevor sie ihre Wohnung verließ und deren Tür zum vielleicht letzten Mal hinter sich schloss. Sie bezweifelte, dass das Henri-Gouraud-Building den zu erwartenden Tsunami überstand. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Sartre plötzlich:

„Ich fühle mich in die Welt geworfen, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, engagiert in eine Welt, für die ich die gesamte Verantwortung trage, ohne mich, was ich auch tue, dieser Verantwortung entziehen zu können, und sei es für einen Augenblick, denn selbst für mein Verlangen, die Verantwortlichkeiten zu fliehen, bin ich verantwortlich“, stellte er kryptisch und ein wenig rechthaberisch fest.

[Zur Fortsetzung …]

Was vorher geschah:

Meister Siebenhardts Geheimnis
Buch Eins der „Brautschau“-Trilogie

Überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

Und wer nicht genug kriegen kann:

Die Vorgeschichte:

Der Weg, der in den Tag führt

Band Eins und Zwei sind überall im Buchhandel als gebundene Ausgabe oder als E-Book erhältlich.

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