Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mánis Fall (Kapitel 1.2)

Der Prolog zur Brautschau-Saga
Mánis Fall

knoten

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»Guten Morgen, Herr Professor, ich werde mich gleich auf den Weg machen. Aber darf ich mich vorher noch anziehen? Sie sehen es nicht, aber ich bin unter der Dusche und ich stehe im Augenblick vollkommen nackt vor ihnen«, erwiderte die junge Studentin ruhig, ob­wohl sie sich ganz und gar nicht gelassen fühlte. Ihr Herz klopfte laut vor Aufregung. Der ältere Mann sah ihr überrascht in die Augen – das heißt, er sah ihrem auf seine Pupillen projizierten künstlichen Erschei­nungsbild in die Augen, dessen dreidimensiona­le Umgebung nicht ihre Wohnung, sondern die Stan­dardeinstellung war, nämlich eine grüne Wiese unter blauem Himmel. Denn obwohl es für Fabia so wirkte, als würde Rosenthal in ihrem Badezimmer direkt vor ihr stehen, hielt er sich doch etliche Kilometer von ihr entfernt auf der an­deren Seineseite in seinem der Uni­versitätsklinik an­gegliederten Labor auf, das alle dort nur als „das Babel“ kannten. Ach, es war kompliziert, aber die Täuschung perfekt. Fabia zwinkerte kokett und lächelte verführe­risch. Sie wusste, dass die dreidi­mensionale Projektion von ihr diese Bewegungen in Echtzeit und getreu nach­ahmen würde – auch die merkwürdigen Verrenkungen, die sie machte, während sie sich geschwind abtrockne­te und sich eilig ihre Frei­zeitklamotten an­zog. Sie warf sich den ausgewasche­nen, ihr viel zu wei­ten Hoodie über, den sie mal ihrem großen Bruder aus dessen Kleiderschrank gestohlen hatte. Er war das ein­zige Erinnerungsstück, das sie noch von ihm besaß. Dabei ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst. Ihr kokettes Verhalten war einer emanzipierten Frau nicht würdig. Und doch … Der Professor räusperte sich und sah verlegen zu Boden, als würde er ihr tatsächlich da­bei zusehen, wie sie sich ankleidete.

»Sie haben die Nachrichten noch nicht gehört, Fabia? Diesmal ist es ernst und Sie müssen sofort zu mir!«, flehte er. Die Studentin sah ihm an, dass er sich Sorgen machte. »Nehmen Sie nicht die Metro, sondern kom­men Sie, wenn möglich, mit einem Schweber. Auch wenn es länger dauert, ist der Luftweg doch sicherer – zumindest bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Ich warte hier auf Sie. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.«

Der Professor beendete die Verbindung und sein Geis­terbild in der Dusche klappte zusammen. Sofort schob sich eine Text­meldung von I-Net in den Vordergrund, die eine audio­visuelle Übertragung über den Regie­rungskanal an­kündigte. In dem leicht durchsichtigen Rahmen, den ihr die Augreyes gegen die leere Wand warfen, auf die Fabia gewohnheitsmäßig sah, wenn sie mit einem Augenzwinkern durch die TV-Kanäle zappte, erschien nun der dunkelhäutige Pressesprecher der Earth Defense. Er war ein glatzköpfiger Mann undefi­nierbaren Alters, der jeder un­ter dem Spitznamen EDY kannte. Er wirkte be­sorgt, aber gefasst und vertrau­enerweckend, strahlte Zuversicht und Entschlossenheit zugleich aus. Fabia wusste, dass auch er kein echter Mensch, sondern nur ein Hologramm war, dessen Phy­siognomie man nach ausgeklügelten psychologischen Gesichtspunkten zu­sammengestellt hatte. Niemand hatte eine Ahnung, wie der echte Sprecher hinter der Maske aussah – Fabia stellte ihn sich immer unter­setzt und dick vor, mit einem Stiernacken und kleinen Schweinsäuglein. Was EDY zu sagen hatte, erschreckte sie allerdings und brachte sie dazu, sich so schnell wie möglich fertigzumachen.

»Bürger! Dies ist keine Übung. Der heutige Angriff der niederträchtigen Mars-Rebellen hatte zur Folge, dass ein Gesteinsbrocken mit etwa 2,5 Millionen Ku­bikkilometer Rauminhalt vom Mond abgesprengt wur­de und sich nun in einer instabilen, enger werdenden Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Mond selbst ist nicht in Gefahr, aber in exakt …«, die Stimme klang plötzlich metallen und künstlich, »16 Stunden und 24 Minuten …«, und kehrte zu ihrem normalen Tonfall zu­rück, »wird dieses kleine Teilstück über dem Atlantik ins Meer stürzen. Es ist trotzdem zu befürchten, dass der Impact sowohl auf dem panamerikanischen wie auch auf dem afrikanischen und dem europäischen Festland schwerste Erdbeben der Stärke 10,5 und hö­her und dadurch extreme Tsunami-Wellen auslösen wird. Diese bedrohen nicht nur die Inseln und Küsten, sondern alle Regionen der genannten Kontinente exis­tenziell; insbe­sondere auch die unterseeischen Rechen­zentren des I-Net unter Marelona. Sie werden aufgefor­dert, unver­züglich die Ihrem Wohnbereich nächsten Schutzräume aufzusuchen. Ihre Augreyes werden Sie führen. Blei­ben Sie ruhig, Bürger, Sie haben ausrei­chend Zeit, in Kontakt mit Ihren Liebsten zu treten und in den Bun­keranlagen Schutz zu finden. Warten Sie auf weite­re Instruktionen. Bürger! Dies ist keine Übung! Der heutige Angriff der Rebellen …« Der Pres­sesprecher be­gann damit, seine Katastrophenmeldung zu wiederho­len. Gleichzeitig klappten weitere, sich teil­weise über­lappende Rahmen mit Fernsehprogrammen auf, die Livebilder aus aller Welt und hektische Repor­ter und Kommentatoren zeigten.

Fabia schaltete den Ton leiser und vergrößerte mit ei­nem gezielten Blick eine Filmaufnahme vom Mond. Er sah ein wenig wie ein Apfel aus, von dem jemand ein kleines Stück abgebissen hatte. Ein paar Brocken schwebten durchs Bild, aber die Hauptmasse des von den Gravitationswellenkanonen abgetrennten Gesteins war längst auf dem Weg, in einer langgezogenen Kurve auf die Erde zu stürzen. Erschüttert versuchte die jun­ge Frau die Größe des wie ein Damoklesschwert über ihrem Haupt schwebenden Mondbrockens einzuschät­zen und welche Schäden er verursachen würde, aber ihre Einbildungskraft reichte dazu nicht aus. Trotz der Bilder, die ihr die Kontaktlinsen zeigten, blieb die Ge­fahr noch abstrakt. Vielleicht war es auch der Schock, aber sie blieb ruhig und gefasst. Sie schaltete alle Fern­sehkanäle aus, aber I-Net zeigte ihr weiterhin den Countdown bis zum Impact und blendete eine Flucht­route zum nächsten Schutzraum ein.

Fabia starrte auf die rot blinkende Infografik, ohne sie richtig wahrzunehmen. Jetzt schnürte doch eine nie gefühlte Panik wie ein dünner, messerscharfer Draht die Luft ab. Direkt über ihrem Kehlkopf saß er und stran­gulierte sie, machte jeden Atemzug zu einem er­stickten Röcheln. Ihre Hände fuhren zum Hals, als könne sie sich von dem eingebildeten Draht befreien. Dann atme­te sie krampfend ein, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wenn sie daran dachte, dass sie eben noch überlegt hatte, ob sie wohl genug Geld für eine weitere Schönheits-OP aufbringen könnte, wurde ihr ganz schlecht. Wie schnell solche Dinge vollkom­men unwichtig wurden …

»Jean-Paul, sie haben es wirklich getan«, flüsterte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. Mit dem Vornamen des Philosophen aus einer längst ver­gangenen Epoche aktivierte Fabia ihren nach Jean-Paul Sartre be­nannten I-Net-Tagebuch-Kanal. Dessen von ihr selbst programmierte KI-Software begann sofort, ihre Worte für die Nachwelt und ihre Follower aufzuzeich­nen, sie dabei in alle möglichen Sprachen übersetzte, um sie anschließend dem ausgefallenen Avatar, den die Stu­dentin sich ausgesucht hatte, lippensynchron in den Mund zu legen.

»Gerade eben hielt ich es noch für vollkommen ausge­schlossen, dass mir so etwas passieren würde. Nicht heute, nicht morgen, nicht in zwanzig Jahren, nicht während meiner Lebenszeit. Das war undenkbar, also existierte es nicht. Heißt es nicht schon immer: ‚Nach mir die Sintflut‘? Der Weltuntergang ist doch etwas für die nächste oder die übernächste Generation, nicht für die eigene. Sollen unsere Enkel die Verantwor­tung für unsere Taten übernehmen, so wie wir die zer­störte Um­welt und den radioaktiven Müll unserer Vor­fahren übernommen haben.«

Fabias Augreyes zeigten ihr die Statistik für ihr On­line-Tagebuch, das sie auf den Namen „Jean-Pauls klei­ne Existenz“ getauft hatte. Sie vermochte es sich kaum vorzustellen, aber sie hatte Publikum auf der ganzen Welt. Laut dem eingeblendeten Zähler waren es 5734 Personen, die trotz der gefährlichen Situation in die­sem Moment einem älteren, schielenden Mann mit di­cker Hornbrille, schütterem Haarwuchs, schlechten Zähnen und einer altertümlichen Pfeife zwischen den dicken Lippen dabei zuhörten, wie er in ihrer eigenen Sprache die Sätze formulierte, die Fabia im gleichen Moment in ihrer Wohnung flüsterte.

Eigentlich hätte ihr I-Net-Double Simone de Beauvoir heißen und wie diese aussehen sollen. Sie bewunderte die unnahba­re, stolze Frau, die ihre schwarzen Haare in einen tod­schicken Turban eingewickelt trug, mehr als ihren Lebensgefährten Sartre, der doch eher wie ein schmuddliger Briefkastenonkel wirkte. Aber die Avatarin der legendären Schriftstel­lerin und Feminis­tin war nach Elisabeth Bennet die beliebteste und bereits allzu oft an Studierende der Genderwiss­enschaften vergeben. Deshalb hatte sich Fabia für Beau­voirs eher unbedeutenden Philosophen­freund entschieden, als sie wegen einer von Professor Rosen­thal gestellten Semesteraufgabe aus einer Laune des Augenblicks heraus diesen typischen Studenten­blog er­öffnet hatte. Sartre war außerhalb von speziali­sierten, den klassischen Existenzialismus erforschen­den Fachkreisen kaum bekannt und niemand außer ihr benutzte ihn als Avatar.

Über „Jean-Pauls kleine Existenz“ teilte Fabia seit ein paar Jahren sehr unregelmäßig ihre Gedanken und Empfindun­gen, ihre politischen Meinungen – so weit sie nicht der oft allzu besorgten und akribischen Zen­sur des I-Net anheim fielen – aber auch Gedichte und allerlei Berich­te und Anekdoten aus ihrem Alltag an der Sorbonne mit. Sie hatte sich nicht vorstellen kön­nen, wen ihr Ge­plapper außer ihren Freuden und Be­kannten noch interessieren könnte, aber der beschei­dene Erfolg hatte sie doch ein wenig stolz gemacht. Gut, zehntausend Zu­schauer auf ihrem sporadischen, recht exzentrischen Jean-Paul-Sartre-Augreye-Kanal waren bei einer Welt­bevölkerung von ungefähr acht­unddreißig Milliarden Menschen wirklich nicht viele, aber es waren ihre Zu­schauer und sie fühlte sich vor ihnen in der Verantwor­tung. Deshalb wollte sie sich auch von ihnen verab­schieden, bevor sie ihre Wohnung verließ und deren Tür zum vielleicht letzten Mal hinter sich schloss. Sie bezweifelte, dass das altersschwache Henri-Gouraud-Building den zu erwartenden Tsunami heil überstehen würde. Als hätte er ihre Ge­danken ge­lesen, sagte Sartre plötzlich:

»Ich fühle mich in die Welt geworfen, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, en­gagiert in eine Welt, für die ich die gesamte Verantwor­tung trage, ohne mich, was ich auch tue, dieser Verant­wortung entziehen zu können, und sei es für einen Au­genblick, denn selbst für mein Verlangen, die Verant­wortlichkeiten zu fliehen, bin ich verantwortlich«, stell­te er kryptisch und ein wenig rechthaberisch fest.

[Zur Fortsetzung …]

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